mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre
nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und
endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut
mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“.
Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also
ein?“ „Natürlich. +Einzusehen+ ist doch keine Kunst. Ich sehe ein und
tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe Stöckel
und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt es mir
morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“
„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich?
Der eine, indem er Gedichte schreibt, -- vor einem Zuckerraffineur;
der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt,
Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen, ist
unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer
+vor andern+ kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann
Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben
hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der
sie anzuhören gezwungen ist, sind nur +schlechte+ Witze. Gute Witze
läßt man sich gelegentlich immer gefallen, -- besonders wenn sie auf
Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein Monokel
machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder wenn
du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt --
eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir
selbst wucherst -- dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor
andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal
von dir anhören müßte.“
Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen
Witz -- das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt
-- zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines
Professors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte
und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde
ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche
Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern
womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm
war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei.
Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so
beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich
einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der
doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um
ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht
nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet.
Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt.
Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach.
Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein
„feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt.
Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb der Nabob. Es ist so, als
ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen.
Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist
das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität...
Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir
übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist
das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so
etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem
es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis
hat nach dem -- Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel
peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur
fühlt, sie bekämpft und -- ihr unterliegt.
Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen:
Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie
heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel,
Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz,
Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa sei heute
auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun
so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei
ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen
Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die
Buben in der ersten Gymnasialklasse und +merken+ es +nicht+. Sie merken
es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre „stilistischen
Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich heute so leicht
blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre hindurch anders
zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: er imponiert; zumal
wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner Ehre“ vielfach darum
preisen. Seine Unarten werden von unzähligen Schmieranten nachgeahmt;
so wird man heute Klassiker.
Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben
wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie
das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit
Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu belegen, er könnte fast
nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute
hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen.
Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben
überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und +merken es nicht+. Wie
wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten
und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer
Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte
heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder -- „instradiert“ zu werden,
alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle
„gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit
einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen -- die man im Wachstum
wieder dezimierte --, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele
unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen.
Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber +Sie+, nicht
wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? Das heißt, --
den andern natürlich, denn ich würde ja wohl auch ausgerottet. Da ich
jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage erlauben, ob ich Sie,
Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln kann.“
_HERR VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN
SCHRIFTSTELLER ÜBER BÜCHER_
Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in
höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das
Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule
ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu
binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack
überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist,
seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen
der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der
Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes
die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas
auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht
die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden,
das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des
Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem
Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften
Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem
berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?
Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene
Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse
flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus
fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle
Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt.
Ist das nicht schön? Und bietet der +eine+ Leser, dem Ihr Werk ein
süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz
für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?
~Balthesser~: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in
Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ist das ein Einwand, Herr von
Balthesser?
~Balthesser~: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Die ich also nur als
ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten
habe.
~Balthesser~: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine Bücher nicht
mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus aufbringen
sollte, Bücher zu schreiben.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie werden gewiß noch Bücher
schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch herausgeben.
~Balthesser~: Woher wissen Sie das?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich erlaube mir das daraus zu
schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern perorieren.
~Balthesser~: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe das.
Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch
langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie müssen es wissen.
~Balthesser~: Sie verblüffen mich angenehm.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~ verneigt sich.
~Balthesser~: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ wenig Geist
verspürt.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Um so bequemer für Sie, Herr
von Balthesser.
~Balthesser~: Wieso?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Weil Sie sich sicherlich die
Mühe genommen hätten, ihn zu negieren.
~Balthesser~: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas ähnliches wie
Kritik geübt hätte?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich müßte mich sehr täuschen,
wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten.
~Balthesser~: Man spricht niemals von gestern.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich werde mich bemühen, diese
Lebensregel zu befolgen.
~Balthesser~: Man soll sich niemals bemühen.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sondern andre. Sehr richtig.
~Balthesser~: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Aber der Sklave seiner Launen.
Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser.
_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN_
Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer
höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über
sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse.
Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde
nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen
statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen
kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber
spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die
zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe
schreiben, uninteressante, unpersönliche.)
Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß
sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden,
sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte
Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam
magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel
dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht
entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es
schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede
unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte
Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.
Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der
Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß
man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man
dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu
künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die
einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der
Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher
Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende
Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird
geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von Mollyn
zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die
zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken.
Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor
Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen
Empfindung, die unmittelbar in der +Seele+ wirksam ist und so von
seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch
ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen
trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre
Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen
Ernüchterung überlassen.
Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung
des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch
die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener
Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich
und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten
Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich
verrät. Ich meine nur, daß das Reden über technische Dinge am besten
hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines
Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten.
Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft
schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe,
das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle
entfernten Ecken eines Raumes erhellte und -- mit eins fort, aus der
Welt ist, niemals da war.
Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst
empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit,
einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat.
Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen
nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen.
Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und
immer „wie“ fragen möchte.
Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen
geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals mehr aus seinem
Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man
besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden
in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde
Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame
in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt.
Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst
auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich
bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne
geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau
noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen.
_WAS ANDREAS VON BALTHESSER GELEGENTLICH ÜBER DAS GESPRÄCH ZU BEMERKEN
HATTE_
Wenn mich die Leute nur mit ihren „Ansichten“ in Ruhe ließen! Ich bin
aus Höflichkeit genötigt, ihnen zu antworten, und, will ich mich nicht
überflüssigerweise mit Lügen anstrengen, muß ich ihnen mindestens etwas
Ähnliches wie „eigene Ansichten“ sagen, die leider immer anders lauten,
als ihre Fragestellung will.
Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen.
Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie,
die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen
Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will
keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie
die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der
Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine
Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit
so gefährliche Individualität.
Wir sind zusammengekommen, uns in leichtsinniger Stimmung mit heitern,
an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den
einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig
außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten.
Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht -- ein
Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation --, noch weniger
urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter
Erziehung.
_GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG_
Gut gekleidet sein, heißt vor allem +nicht auffallend+ gekleidet sein.
Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.
Das zweite Gesetz lautet: +Solidität+. Auch dieses wird seine Anwendung
überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.
Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten
und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das
Hemd aus +einem+ Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die
Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern
Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen
wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz,
hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“
Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht
eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß
bringt den Stil um. Es ist stillos, an das Hemd einen Teil durch
mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat
und -- darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache -- dieses
Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt
eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die
das Zulängliche kennt, schätzt und -- den Schein der Zulänglichkeit
erschleicht.
Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück
anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen,
daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er
verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer
-- Kragen und Manschetten -- durch reine Stücke ersetzt. Man darf das
gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig
sein, aber -- sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist
nichts zu ändern.
Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur
bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich mit Verständnis
und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen.
Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie
demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.
Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König
überlassen.
So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein
Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte
„Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den
unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich
auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also
entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile
gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein
Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ -- schon der Name
riecht nach Kannibalentum -- baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur
noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob
man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe
oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur -- Torte gehört wie
das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem
Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...
Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von
den „letzten Dingen“ -- den wechselseitigen zarten Beziehungen der
einzelnen Kleidungsstücke untereinander -- zu Honoratioren und
sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den
Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen,
die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des
Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden
Ehehälfte zur -- Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa
gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in
Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die --
Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu
verleihen meinen!
_HERR VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN_
Menschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden,
sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem
persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des
Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich
hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt,
der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich
verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des
neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich
mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das
seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel
„leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses
Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben,
das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den
sogenannten Geist, beziehungsweise -- sein Spiegelbild. Tadelloses
Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus.
Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus
nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte
Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen
„Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren.
Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine
„Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen.
Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich
haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100
Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar
unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen
Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne
Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein.
Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus
bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit
weglegen kann, als sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus
vollen Schüsseln der Intelligenz mit -- ästhetischer Roheit spendet. Es
ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor
eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei.
Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem
„Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches
verderben könnten.