Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. E

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber

dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch

nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht

vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich

oft im Text vorkommen.

Die Nummer des Buchexemplars (414) wurde im Original von Hand

auf die Buchseite gestempelt. Das Inhaltsverzeichnis wurde der

Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Texts

verschoben.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

Kapitälchen: ~Tilden~

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_ANDREAS VON BALTHESSER_

LEBEN UND MEINUNGEN

DES

HERRN ANDREAS VON BALTHESSER

EINES DANDY UND DILETTANTEN

MITGETEILT VON

RICHARD SCHAUKAL

ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE

[Illustration]

MÜNCHEN UND LEIPZIG

BEI GEORG MÜLLER

1907

Die erste Auflage dieses Buches war in 830 numerierten Exemplaren,

davon 30 auf Bütten, hergestellt worden. Diese zweite veränderte

Auflage umfaßt 1010 numerierte Exemplare, davon 10 vom Autor signierte

Exemplare auf echt van Geldern. Der Preis eines solchen gebundenen

Luxusexemplares beträgt 15 Mark.

Dieses Exemplar trägt die Nummer 414

CARL BARON BAMBERG

in aufrichtiger Freundschaft

Wien, im Sommer 1906

R. Sch.

A vrai dire, je ne suis rien moins que sûr d’avoir quelque talent pour

me faire lire. Je trouve quelque fois beaucoup de plaisir à écrire,

voilà tout.

Henri Beyle (1835).

(Vie de Henri Brulard.)

_INHALT._

Seite

Ouvertüre: Herr von Balthesser hält einen Vortrag

vor wißbegierigen jungen Leuten (nach der offenbar

ironischen Schilderung eines wohl nicht ganz objektiven

Zeugen) 1

Selbstbiographie Herrn von Balthessers 15

Andreas von Balthesser über den „Dandy“ und Synonima 19

Andreas von Balthesser an die Gräfin F. 31

Andreas von Balthesser spricht mit einem Literaten über

die Gesellschaft, die Künstler und ihr Gehaben und das

Selbstverständliche 43

Andreas von Balthesser spricht mit einem andern

Literaten über das Monokel, über Witze, liebenswürdige

Sonntagsplauderer und die deutsche Prosa 57

Herr von Balthesser spricht mit einem bescheidenen

jungen Schriftsteller über Bücher 67

Andreas von Balthesser über die Betrachtung von Gemälden 75

Was Andreas von Balthesser gelegentlich über das

Gespräch zu bemerken hatte 83

Glossen zur Psychologie der Kleidung 87

Herr von Balthesser gibt seine Anschauungen vom Verkehr

zum besten 93

Über Vernünftige, Snobs und Beflissene 103

Antibarbarus. (Eine ungedruckte „Erwiderung“, die sich

in Herrn von Balthessers Papieren vorgefunden hat.

Anlaß dazu mag irgend ein Zeitungsartikel gegeben

haben, der das Recht des deutschen Touristen, in

Touristenkleidung an der Hoteltafel zu erscheinen,

etwas herausfordernd zu verteidigen unternommen haben

dürfte) 107

Herr von Balthesser phantasiert über das Thema „Die Dame“ 119

Einiges aus Andreas von Balthessers leider nicht

gesammelten Sinnsprüchen und Glossen 133

Vom Aristokratischen 165

Andreas von Balthessers unrühmliches Ende 173

OUVERTÜRE

HERR VON BALTHESSER HÄLT EINEN VORTRAG VOR WISSBEGIERIGEN JUNGEN LEUTEN

(NACH DER OFFENBAR IRONISCHEN SCHILDERUNG EINES WOHL NICHT GANZ

OBJEKTIVEN ZEUGEN)

Herr Andreas von Balthesser, der im geheimen sehr berühmte Dichter

des „Perseus“, der „Androgyne“, des „Korybanten“, eingeladen, in

dem akademischen Zirkel der „Intelligenten“ einen seiner geneigten

Wahl überlassenen Vortrag zu halten, erschien in dem verräucherten

Klublokal des Hotels Pinsch, mit der ihm eignen nachlässigen Eleganz

gekleidet, um die schmalen rasierten Lippen das ein wenig moquante

und gleichzeitig hilflose Lächeln, das er an sich so liebte, leicht

vornübergebeugt, hastig und verspätet.

Er hatte einen Freund mitgebracht, den er mit stark auswärts gedrehtem

Daumen der Linken dem Vorsitzenden präsentierte, Viktor Grafen

Melinges, Gesandtschaftsattaché, einen bei ungewöhnlich hohem Wuchs

fabelhaft magern, mit der farblosen verlebten Miene und den eckigen

Bewegungen der Gliedmaßen an einen Knaben gemahnenden Menschen, der

nun, die linke Hand in der Hosentasche, einen leutseligen Rundgang um

die nicht eben sauber gedeckte Tafel mit kurzen raschen Schritten

und knappen ruckweisen Verbeugungen vor den zumeist von ihren Sitzen

emporschnellenden Konviven absolvierte. --

Andreas von Balthesser, vom Vorsitzenden an seine Seite gebeten, hob

das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es einen Moment mit

steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin, faßte das dünne Glas dann

zwischen zwei Finger der Linken, entnahm mit der Rechten dem Frack --

die beiden waren, wie man flüsternd auffing, unmittelbar von einem

Diner gekommen -- ein ungeheuer großes Taschentuch, entfaltete es,

putzte das Monokel umständlich blank, und indem er sich, sein Glas

wieder vorm Auge, mit einer leichten Verbeugung gegen die ihm voll

schlecht verhehlter Neugier zugekehrten Gesichter wendete, sagte er

halblaut und etwas näselnd:

„Meine Herren! Sie haben mich durch Ihren sehr geehrten Vorsitzenden,

Herrn Dr. Robert Schaffer, in liebenswürdigster Weise eingeladen, Ihnen

in einem sogenannten Vortrag etwas über Kunst zu sagen. Das heißt,

nicht wahr, Sie hatten, aus ebenso liebenswürdiger Artigkeit gegen

meine dem Fixierten nicht eben geneigte Natur, meiner Stimmung die

Wahl des Gegenstandes dieses sogenannten Vortrages überlassen. Aber

Sie meinen mit Fug erwarten zu dürfen, daß ich über das Thema Kunst zu

sprechen nicht geringe Lust verspüren würde. Nun könnte ich Ihnen ja

in der bei Ihnen beliebten Weise einen Exkurs über Stephane Mallarmé

oder Emile Verhaeren oder Oskar Wilde oder Tooroop abspinnen. Es wäre

mir die, wie Sie annehmen, erwünschte Gelegenheit geboten, mein durch

die Erfassung der flüchtigsten Nüancen gesteigertes Wissen um diese

oder jene Erscheinung der Kunst oder Literatur vor Ihnen als der

urteilsfähigsten Hörerschaft glänzen zu lassen. Ich gestehe gern, daß

ich an derlei Sermonen ein nicht wohl abzuleugnendes Gefallen hatte,

als ich mich noch in jenem Stadium der Referentenlust befand, die Ihrer

Periode, der des beflissenen Studiums, -- denn ich sehe doch zumeist

Juristen der letzten drei bis vier Semester vor mir -- so wesenhaft ist.

Und fast war ich“ -- er nahm das Monokel aus der rechten Augenhöhle,

hielt es mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin und setzte es

nach einer Pause wieder ein; der Vorsitzende rückte höflich seinen

Stuhl noch ein wenig weiter links von ihm ab -- „fast war ich, als ich

mich Ihrer Einladung in diesen Tagen entsann, entschlossen, ein solches

Thema, vielleicht um mir Ihre Sympathien zu sichern, heute hier zu

tradieren.

Da ich Sie nun aber vor mir sehe, junge Leute mit Brillen und Zwickern,

mit wüsten Bärten und übernächtigen Augen, mit ungesunder gelber

Gesichtsfarbe, und Sie mir im Geiste verhundertfacht denke als eine

Herde von eifrigen Bücherlesern und eine lebendige Nomenklatur von

allerlei sogenannten modernen Doktrinen und Termini, bin ich von einer,

wie Sie sagen würden, perversen Lust angewandelt, über die Dichtkunst,

von deren Beherrschung ich manche nicht unerhebliche Proben geliefert

zu haben glaube, einige wenige offenbar sakrilegische Worte zu sagen.

Meine Herrn“, -- er lehnte sich zurück, schlug langsam ein Bein über

das andre und starrte in die zuckende Gasflamme auf dem gußeisernen

Arm vor ihm, so daß das Monokel wie ein toter Stein glänzte -- „meine

Herrn, diese Ihre Beschäftigung mit der Dichtkunst und den Dichtern

erscheint mir als ein Zeichen, ein jämmerliches Zeichen von Unkultur.

Sie werden jetzt in Ihrem Innern heftig erschrecken oder sich entrüsten

oder mit vermeintlicher Ironie sich mir entziehen. Ich versichere Ihnen

ehrlich, daß mich das nicht im geringsten berührt.“ Das Auditorium

rückte mit verlegen lächelnden Mienen an den Stühlen. Man konnte

bemerken, daß einer den andern gleichsam niedriger einschätzte.

„Ich bin nämlich Ihrer Auffassung dessen, was Sie Kultur zu nennen

belieben, so fern wie ein Gestirn. Ich weiß nicht, ob Sie recht

haben oder ob ich recht habe. Es ist mir auch nicht darum zu tun, zu

erfahren, wer ‚recht hat‘. Ich empfinde in diesem Moment nur die durch

nichts niederzuhaltende Lust, Ihnen zu sagen, daß das alles, was Sie

in Anspruch nimmt, aufregt, das, in dessen Besitz Sie sich über die

andern erhaben fühlen, mir im Grunde so gleichgültig ist wie dieses --

übrigens äußerst unappetitliche halb geleerte Bierglas vor mir.“ Er

stellte das Glas energisch vor seinen linken Nachbar, dessen Auge an

dem Rande des Glases wie bezaubert haften blieb.

„Ob einer von Ihnen ein Gedicht, das ist eine willkürliche und offenbar

eitle Zusammenstellung von unzulänglichen Worten des sogenannten

Sprachschatzes, in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise zustande

bringt oder nicht, ob er seine minderbemittelten Wünsche an das Leben

in gleich langen oder verschieden langen Verszeilen in einer obskuren

Revue drucken läßt oder sie seiner Hausbesorgerin, während er der

Verschlafenen das Sperrgeld einhändigt, in kürzerer Fassung mitteilt:

die Kultur hat mit dem einen so wenig zu schaffen wie mit dem andern.

Sie sind heute noch immer, dank der bequemen und einschläfernden

Werkelei unsrer ‚führenden Geister‘, als da sind: Gelehrte, Dichter,

Zeitungschreiber, in einer Art von Traumwandelei befangen. Es ist

nicht meine Sache, den öffentlichen Anrufer zu spielen. Ich fände das

wie alles Laute geschmacklos. Ich sage daher diese unfreundlichen

Dinge fast wie Salonaperçus, und ich sage sie Ihnen, da ich ganz

genau weiß, ich werde Ihnen zum Schlusse doch nur eine angenehme

Stimulation bereitet haben, und Sie werden, jeder in seiner Weise, als

von etwas Merkwürdigem und Interessantem über meine Worte Bekannten

und Unbekannten gegenüber sprechen, meist sehr willkürlich und ohne

jeglichen Zusammenhang mit Ihren wahren Empfindungen, weil Sie sich

das ja bereits zur chikanösen Manier herangebildet haben. Kurz, ich

halte diese meine Aperçus für durchaus ungefährlich, hier in einem

Kreise von unverbesserlichen Bücherlesern, deren keiner aus innerer

Unfähigkeit heraus das wahre Wesen meiner Anschauungen auch nur zu

ahnen, geschweige zu erfassen selbständig genug ist.“ --

Hier entstand ein Gemurmel die Tafel entlang. Man war verlegen, im

Grunde sogar ein wenig ungehalten, hinwiederum aber doch des Eindrucks

dieser eigenartigen Worte nicht sicher und befand, es wäre jedenfalls

geschmackvoller, sich solcher malitiösen Witze zu freuen, als sich

darüber zu ärgern.

Andreas von Balthesser wechselte gelassen die Stellung seiner Beine,

strich sich mit der Linken leise, leicht, fast zärtlich über das

sorgfältig geglättete dunkle Haar seines Hinterhauptes, bat plötzlich

mit einem höflichen Lächeln, wobei er ihn kaum anblickte, den

Vorsitzenden, Herrn Dr. Schaffer, um die Erlaubnis, sich eine Zigarette

anzünden zu dürfen, erhielt diese Erlaubnis, kam ihr nach, wobei aller

Blicke auf die schmale fein gerippte silberne Zigarettenbüchse mit dem

aufgesetzten gräflichen Doppelwappen gerichtet waren, und fuhr, sich

zurücklehnend und nur von Zeit zu Zeit der über den langgeschlitzten

beweglichen Flügeln leicht gebogenen Nase duftige Rauchschleier

entlassend, die Augen wieder an die Gasflamme gehängt, in seinen

halblauten, an Worten kaum verweilenden Erörterungen also fort:

„Wenn ein schlanker Mensch mit stahlharten elastischen Sehnen,

bekleidet mit einem roten Frack aus weichem Tuch und schneeweißen

Bridges, die vom Knie abwärts keine einzige Falte werfen, die Arme

eng und doch leicht an den Leib gehalten, in den Bügeln eines

galoppierenden Jagdpferds steht, oder wenn eine junge Dame sich

während eines unbefangenen Gespräches -- Sie, meine Herrn, wissen

freilich nicht, was ein unbefangenes Gespräch ist, und wenn ich Sie

jetzt darum fragte, würden Sie mir irgend einen dänischen Autor nennen,

bei dem Sie eines gefunden zu haben meinten, -- wenn eine solche junge

Dame von großer Familie (denn nur +die+ haben die natürliche Begabung

zu den Ihnen gänzlich versagten unbefangenen Gesprächen); sie ist

ohne Apprehension +gekleidet+ (die jungen Damen, die Sie kennen, sind

erstens keine Damen, zweitens sind sie nicht gekleidet, sondern mehr

oder weniger geschmacklos kostümiert) -- wenn eine junge Dame“ (er

schloß das linke Auge, das Monokel stand starr und leuchtete) „sich

während eines unbefangenen Gespräches erhebt, ihrem Gegenüber Tee

einzuschenken, den der lautlos eingetretene schwarz livrierte Bediente,

in weißem Porzellan auf silberner Platte angerichtet, mit behutsam

auseinanderlegenden Handgriffen vor sie niedergesetzt hat, -- sehen

Sie, das zum Beispiel sind Dinge, die mir Kultur bedeuten. Solche Dinge

zu zeigen, mit notwendigerweise aufdringlichen Worten, sie Menschen zu

zeigen, denen sie nichts Verwandtes anregen, ist -- Unkultur.

Und, sehen Sie, wenn einer sich an seinen Schreibtisch setzt oder sich

im Bette neben einer zuckenden Kerzenflamme aufrichtet, um mit einer

Stahlfeder oder mit einem Taschencrayon auf ein Stück Papier, auf

einen Briefumschlag ein Gedicht zu schreiben, sei es nun eine tastende

Mitteilung oder eine absichtliche Verschleierung seiner Gefühle oder

gerade gegenwärtigen Gedanken, das ist -- Unkultur. Und Menschen, die

derlei oft und mit Beifall zuwege gebracht haben, gewöhnen sich daran,

hierin eine außerordentlich merkwürdige Sache zu sehen, und das ist

Unkultur in Permanenz.

Was aber die Leute betrifft, die in mit um einiger Gedichte willen

etwas wie einen Gleichgesinnten voraussetzen zu dürfen glauben: ich

versichere Ihnen, unter tätowierten Insulanern ist mir wohler... Ich

bekomme täglich Briefe von allerlei Skribenten des In- und Auslandes,

die mich auf verschiedentliche, mit ihren Meinungen angefüllte Revuen

und Bücher aufmerksam machen. Ich aber lese beileibe nicht diese Bücher

und Revuen, sondern z. B. die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

oder in einer vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen, und

dann gehe ich in einen Klub von angenehmen Sportsleuten, die bei

Wagneraufführungen ihre Logen leer stehen lassen, oder ich reite

stundenlang in den Praterauen. Daß mir dabei vielleicht Alexander

der Große einfällt, wie er im Bade liegt oder wie ihn ein Feldherr

reizt mit Einwürfen oder wie er sich von zwei Mädchen die Künste

der Liebe mit anmutigen Bewegungen aller Gliedmaßen vorführen läßt,

dafür kann ich nichts. Es ist so, als ob ich, der ich einen Reiz der

Nasenschleimhaut verspürte, zu meinem Taschentuche griffe, wie jetzt“,

(er tat es) „und mich schneuzte“ (er tat es). „Und eigentlich sollte

man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem

lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen

Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung

ausmacht, wohlgepflegten Kindern zusehen, die Reifen schlagen, oder

im Garten die Bäume bewundern, die Blüten treiben, oder am gleitenden

Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild

in den Wellen haschen wie weiland Adonis. Aber man muß jedenfalls

tadellos rasiert sein.“

Hier ließ Herr von Balthesser eine Pause eintreten, die sich so sehr in

die Länge zog, daß einige der Versammelten in aller Bescheidenheit und

mit möglichster Vermeidung von Geräuschen etwas Weniges von den längst

erkalteten Fleischspeisen zu verzehren unternahmen, die man schon vor

geraumer Frist vor sie hingestellt hatte.

_SELBSTBIOGRAPHIE HERRN VON BALTHESSERS_

Herr von Balthesser, der Dichter der „Androgyne“, von einer

großen polyglotten Revue aufgefordert, sein Leben in einer Skizze

niederzuschreiben, lieferte auf drei mit dem kleinen aufgesetzten

weißen Wappen geschmückten zartlila Briefbogen in enger steiler Schrift

nachstehende Mitteilungen:

„Ich bin in Rom geboren, als mein verstorbener Vater dort bei der

Botschaft war. Man sagt mir, daß ich einen mit dünnem blondem Haar

bedeckten spitz auslaufenden Schädel besessen und, ohne zu schreien,

wie das bei den Kindern üblich ist, mich in die Welt gefunden hätte.

Ich habe mich von den landläufigen Gymnasialstudien nicht abhalten

lassen, die Dichter und Philosophen der vorzüglich in Betracht

kommenden Sprachen, die Kirchenväter und die großen Historiker

zu lesen. Mit 15 Jahren schrieb ich eine kleine Studie über den

Neuplatonismus, die von der schwedischen Akademie preisgekrönt wurde.

Mein um ein Jahr älterer Bruder war damals mit der so amüsanten

Lektüre des Cooperschen Lederstrumpf beschäftigt, die ihm in einer

Ausgabe für die reifere Jugend von unsrer guten Mama zu Weihnachten war

geschenkt worden.

Sonst wüßte ich nichts aus meinem Leben zu berichten, das für Leser

Ihres Journals von Interesse sein könnte. Denn daß ich einige größere

Reisen unternommen, bei einem Dragonerregiment gedient habe, im

auswärtigen Amte mich auf die diplomatische Carrière vorbereite und im

Winter fast täglich außer Haus speise, dürfte Ihnen nicht von Belang

scheinen, was ich vollkommen billige.“

_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DEN „DANDY“ UND SYNONIMA_

Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen.

Aber die Meinung ist falsch. Ich +bin+ ein Dandy. (Freilich noch

einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen

sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.)

Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist

wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt

den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen

Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe

Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, -- denn

Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den

Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle

zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs -- dann sehen die Menschen an

mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals

gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder

und dergleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens

getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil

sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden,

geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß

sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt,

wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen

vermögend sein. Der Mann, der etwas auf sich hält, im Geistigen wie

im Physischen, wird ebenso seinen Intellekt wie seine Nägel pflegen,

seine Wäsche ebensowenig wie seine Gedanken vernachlässigen, aber bei

all seiner Korrektheit -- denn dies ist das gültige Wort -- niemals das

Impromptu mißachten. Es ließe sich natürlich, pathetisch ausgedrückt,

ein Eid darauf schwören, daß die Leute, die den Korrekten mit dem

Elegant zu verwechseln blöde genug sind, keine Ahnung davon haben, was

es heißt, das Impromptu nicht außer acht zu lassen, und hierin gerade

liegt das Wesen des Dandisme. In diesem Sinne sage ich, daß man, wenn

man mich einen Dandy nennt, etwas Richtiges ausspreche und doch etwas

Falsches darunter verstehe. Ich bin ein Dandy, nicht weil ich korrekt

bin, sondern weil ich bei aller Korrektheit niemals das Impromptu außer

acht lasse. Der Korrekte, der es außer acht läßt, ist der +Gentleman+.

Der Dandy ist sich seiner Korrektheit bewußt. Auch der Gentleman ist

nicht naiv. Aber der Dandy ironisiert sein Bewußtsein. Der Gentleman

ironisiert weder sein Bewußtsein noch irgend etwas auf der Welt. Der

Gentleman ist so korrekt, daß er der Ironie einfach unfähig ist, wie

einer, der zum Beispiel -- nicht schwimmen kann. Der Gentleman „kann

nicht schwimmen“: er würde entweder untergehen -- höchst korrekt

untergehen -- oder auf dem Wasser obenauf bleiben, wenn er sehr

substanziös ist. Der Dandy ist jederzeit bereit zu schwimmen. Aber

+er trifft niemals Anstalten+ dazu. ‚Anstaltentreffen‘ heißt: der

Beobachtung zugängliche Anstalten treffen, und der Dandy ist überhaupt

nicht zugänglich, am allerwenigsten der Beobachtung.

Es ist selbstverständlich, daß der Dandy sein Bewußtsein über

alles stellt. Man wird einen Dandy niemals berauscht sehen, was

dem korrektesten Gentleman, wenn das Getränk für ihn zu stark ist,

passieren kann. Der Dandy vermeidet zu starke Getränke, womit nicht

gesagt sein soll, daß er starke Getränke, sogar die stärksten,

ausschlüge, -- wenn er sie verträgt, was er weiß. Der Dandy weiß immer,

was er verträgt. Der Dandy weiß auch immer, was der andre verträgt.

Aber das hält ihn nicht ab, dem andern Dinge zuzufügen, die dieser

nicht verträgt, was der Gentleman unfehlbar vermeidet.

Der Dandy ist kein Poseur. Dieser Ausdruck stammt von der Bühne,

ist also etwas Grelles, Lautes, Minderwertiges. Er ist dann in die

Literatur gekommen und hat dort nicht an Erziehung gewonnen, wie denn

überhaupt durch die Literatur die besterzogenen Begriffe verdorben

werden. Mit dem Worte Poseur bezeichnet eine ‚höhere‘ Art von brutalen

Beobachtern jene Seite des Dandytums, die ich +Bewußtsein+ nenne.

Eine Pose aber ist etwas Starres, etwas, das gewissermaßen nur von

einer Seite gilt: auf der andern ist die Pose schon „Rückseite“,

Soffittenquerholz, Futter. Der Dandy ist von allen Seiten gleich

unverdächtig. Verdächtig ist er nur im Innern, -- dem nämlich,

der selbst die Seele eines Dandy hat. Den andern, Gentlemen und

Nichtgentlemen, ist er nicht verdächtig, sondern entweder unangenehm

oder angenehm. Das ist, wie alle Geschmacksachen, etwas ganz

Persönliches.

Was dem brutalen Beobachter am Dandy unangenehm auffällt, ist seine

+Vielfältigkeit+, die Rundheit, die ihn reizt, weil er eben einseitig,

einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann alle seine

Facetten, indem er sich langsam dreht, erglänzen lassen. Er kann sie

funkeln machen und -- auslöschen. Aber sie bleiben immer geschliffen.

Der Ungeschliffene haßt instinktiv den Dandy. Der Joviale möchte ihn

hänseln, gutmütig ‚aufziehen‘. Von dem Dandy gleitet alles ab. Er

ist glatt und +immer höflich+. Höflichkeit ist glatter als polierter

Stahl. Gegen Höflichkeit kann selbst Freundlichkeit nicht ankämpfen.

Freundlichkeit haucht die Facetten des Dandy an. Sie werden trüb. Aber

nur für einen Moment.

Der Dandy ist vor allem +gegen sich selbst+ höflich. Er weiß, daß nur,

wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht

gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, -- soweit

ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet.

Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der

Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein

weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein

Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt

auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt.

Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist

überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung -- in einem

höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen,

-- wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die

sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B.

einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß

der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken

verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen

Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig -- in Renntoilette unter sie

geriete.

Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von

schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist

ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der

Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur --

ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt,

leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet -- hat

immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur

kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen.

Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur

muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein

+können+.

Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das +Impromptu+ ist

das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung.

Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch

Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen,

durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem

Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt.

Ein Tausendstel einer Sekunde später -- und der Moment hätte sich

bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr

unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. +Der Dandy

verfehlt nie den richtigen Moment.+ Er betont ihn nie, betont überhaupt

nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar

verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.

Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist

er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten

gleichgültig. +Der Dandy ist niemals Enthusiast.+ Und seine Siege

demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer

-- Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn

der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen

jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt +an

sich+ nicht. +An den andern kennt er alles+ und richtet sich darnach

ein.

Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so

freundlichere zu seinem Kammerdiener.

„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der

ethischen Wertung.

_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F._

Gnädigste Gräfin!

Sie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir

einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir

sympathischesten, der ironischen Sorte.

Gestern abend -- ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um

sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper

umkleiden -- trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich

liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen

Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu

belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung,

die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht

habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte

ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette

machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten

müßte, des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und

bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der

Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich,

Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche

Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die

ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung

bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat

rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes

Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke

des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen

überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“

„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“

„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“

Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch

den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten,

kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht

niederdrückender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte.

Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art,

Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte

mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu.

Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den

an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört,

die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler

und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem

Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war -- ich sah es an

den Spiegellichtern seiner Flächen -- aufgerauht. Benedikt verharrte,

sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in

abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen

lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden

Unterredung -- denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte

da natürlich sich abspinnen -- von ihrer jedenfalls überwältigenden

Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones

herabzustimmen. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht

erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast

theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden

Angelegenheit....“

„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend

zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und

Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.

Als er sich rasch und lautlos -- er darf nie frisch besohlte Schuhe

tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) -- hinwegbegeben hatte,

nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte

Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich

sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen

Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret

geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf

die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch

sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins

Gesicht. Ich bot ihm -- er sprudelte schon eine Menge vager Worte --

Zigaretten an. Es wies sie ab.

Kurz, -- ich hatte es ja längst geahnt -- er hat mich, brüsk und vor

mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen

zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die

dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein

gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte.

Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte.

Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung

gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die,

wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose

Gespräch in Szene setzte.

Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die -- wie

soll ich mich ausdrücken? -- einfach nicht anders können. Sie ist

sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden

Rasse, die so reizend hinter einem müden -- darf ich sagen: „Sehnen“?

-- eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im

Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der

sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt,

mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem

federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß

unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir

über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese

Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen

durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles

sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte.

Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme

Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen

Aufwande!

Ich zündete mir -- es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu

spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all

dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen --

ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust

aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette

an und sagte -- ich weiß genau die langsamen Worte --, sagte nichts

als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er

hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem

Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an

(ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).

„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der

Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich

zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der

Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von

der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber

Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken

zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist --

entschuldige schon -- komisch.“

„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.

Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach

von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging

nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“

Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner

Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih,

wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu -- flüstern erlaube: Ich

wollte fast -- du wüßtest ‚alles‘; dann -- wüßte ich es auch...“ Er war

augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte

hinzu: „Und die Baronin hat doch einen +Mann+.“ Er schwieg. Ich bot ihm

eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.

„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig

überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak

hereinbrächte), schau Ernst, du bist -- du verzeihst schon --, du bist

ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle

ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich

kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die

Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten,

die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst

Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.

Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann

begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges

tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu

besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas

menschlicher her...

Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der

berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im

Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte.

Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden

Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen

heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige

Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu

besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie -- nicht

entrüste: sie sind erfunden.

Stets in Verehrung der Ihre

+Andreas Balthesser+.

_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE

GESELLSCHAFT, DIE KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE_

~Andreas von Balthesser~: Der Hauptgrund der nicht wohl abzuleugnenden

Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die Literatur befindet

-- ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, vor allem aber die

beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden Falschen, dichterisch

Unerlebten -- der Hauptgrund dieser bösen Unkultur unsres Schrifttums

scheint mir die einigermaßen fragwürdige soziale Stellung des

Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. (Anderseits freilich

dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im sozialen Leben, den Stand

drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen Ruhm und natürlich auch sehr

viel Geld erworben hat, duldet ihn die Gesellschaft, und auch dann nur

mit jener unverschämten Neugierde, wie man sie sogenannten farbigen

Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt sie ihn ja doch nicht. Deshalb

darf der Schriftsteller, der etwas auf sich hält, während man von ihm

noch nicht entsprechend viel hält, das Schreiben gewissermaßen nur

incognito ausüben, geschehe dies auch noch so -- öffentlich. Er muß

etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, Sohn des Herrn Y. Ein

Mensch, der „+nur+“ Schriftsteller ist und noch nicht den großen Ruhm

und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, sich für seine Stellung

außerhalb der Gesellschaft durch allerlei Mittelchen auf seine Weise

zu entschädigen. Er macht aus der Not die bekannte Tugend. Er sucht

aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er schon nicht mit den

Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es ist sein heimlicher

Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn herum stehen und ihm

verwundert zusehen.

~Der Literat~: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine

grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man

eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß.

Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß

das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe

relativ.

~Andreas von Balthesser~: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar seien.

Dehnbar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den Begriffen

zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, sehr hölzern,

sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte übersehen, daß

der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. Ja, gewiß, zu

andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern...

~Der Literat~: Nicht der schlechteste Umgang.

~Andreas von Balthesser~: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber „an

sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn.

Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich,

daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler,

ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“

sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen

pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber -- wir streiten ja auch

nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen

Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern,

nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung“ und den

Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind

wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der

Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte

nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als

Bestandteil der „Bühne“.

In der Gesellschaft -- Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen

„Jour“? -- gibt es immer eine Bühne und -- das lächelnd zurückgelehnte

Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier

spielt oder -- ohne Schweiß -- seinen mehr oder weniger berühmten

Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von

einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist

im Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“

hat der Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der

Schauspieler. Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der

Gesellschaft“ nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom +Titel+,

vom Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen

das „Prinzip“ auflehnen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die

ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur +eine+

Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen

wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder --

nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr

mit Schriftstellern nichts rauben -- ebensowenig wie der Verkehr

mit Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen -- verwandt ist, der

gehört nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in

der Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn

der Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er

einem nichts, hören Sie, im besten Fall +schadet+ er nicht. Auch ein

Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er -- Millionär ist.

Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat

Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist,

sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden

im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar

durch +Lebensgewohnheiten+. Sehen Sie, darauf kommt es an. Dem

Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“

erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur

Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und

wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist --

natürlich.)

Also noch einmal, es gibt nur +eine+ Gesellschaft. Das ist eine

Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht

hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die

sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen

oder -- verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt

werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich

in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme

Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der

Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften

bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug

natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine

„Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das

hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und

die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb

Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet

sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben

fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung

haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es

ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als

öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen

ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken

und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer

Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der

Kunst, der „Blüte der Kultur“.

Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern

und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht

gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder --

läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe?

Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne

-- es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag -- ungekämmt

zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock,

glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so

etwas ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da

natürlich den göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und

die berühmte rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist

damit gar nichts „bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie

auch vielleicht die Philister reizte -- und eben darum eine arge

Geschmacklosigkeit bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu

reizen --, war immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze,

sagen wir: zur Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches,

ein (grobes) Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines

Komponisten malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja +gemacht+.

Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“

Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten

Unnatur, vielmehr: der +natürlichen+ Unnatur, also doch Natur,

ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner

„unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen

„Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt,

neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche,

durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach

dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich

lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann

ich nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser

schlanken Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle

Kultur, die +Kultur der Gepflogenheit+, in dieser Art, sich ein wenig

auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit

unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten

„Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen

„Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr,

der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für

Gautiers rote Weste begeistert und sich in einem frischgebügelten

Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit

oder -- Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft,

meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause

steht, als welcher außer dem Wallenstein -- in der Kadetten-Schule --

von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt

liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das

„Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten

ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat

keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“

tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner

Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen

Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als

jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend,

dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu

unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts.

+Das Selbstverständliche ist alles.+

Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Velasquez oder

„selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“

ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen

Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues -- „man

kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie

soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen

Übersetzung gelesen) -- zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf

seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch

stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung

sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache.

_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS

MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE

PROSA_

Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten · 第 1 / 5 段