Ananas und Bananen, Zuckerrohr und andere tropische Früchte, und der Markt
von Quito bietet die wunderlichste Mischung aller Produkte der Erde, die
man sich nur denken kann. Doch davon nachher; zuerst wollen wir uns die
Stadt selber einmal ansehen.
Quito liegt trotz seiner Höhe in einem von mächtigen Gebirgen und zwei
Cordillerenzügen eingeschlossenen Thale und in der fast unmittelbaren Nähe
eines jener mit ewigem Schnee bedeckten Bergriesen, dem aus Porphyr und
Basalt-Massen aufgebauten und mit Lava überschütteten Pichincha, dem selbst
die Sonne des Aequators nicht die weiße kalte Decke rauben kann.
Wirft man, vom Süden kommend, einen Blick auf Quito, so bietet die Stadt
mit ihren niederen, ineinander gedrängten Häusermassen und rothbraunen
Ziegeln, aus denen nur eine Unzahl von Kirchen und kurzen Thürmen oder
Kuppeln hervorragt, einen ganz eigenthümlichen, aber freundlichen Anblick,
und besonders trägt der links im Hintergrunde aufsteigende spitze Kegel
des oben erwähnten Vulkans viel dazu bei, das Bild zu heben. Der Pichincha
gereicht der Stadt aber nicht allein zur Zierde, sondern auch zum Nutzen,
denn erstens wird von ihm auf Maulthieren, Llamas und Eseln Schnee und
Eis zum Verbrauch herabgeschafft, und dann hat auch die Stadt eines seiner
wilden Bergwasser aufgefangen und durch die verschiedenen Straßen solcher
Art geleitet, daß es in gewöhnlicher Zeit nur die Rinnen füllt, wenn aber
eine Schleuse geöffnet wird, eine wahre Sturzfluth hindurchsendet und
den Ort dann gründlich reinigt. Demnach müßte man also denken, daß Quito
jedenfalls die reinlichste und reingehaltenste Stadt der Welt wäre;
trotzdem giebt es freilich kein schmutzigeres Nest auf dem ganzen Erdboden,
als eben diese Stadt.
Die vornehme Welt von Quito lebt allerdings abgeschlossen für sich selbst
und hält sich in dem Inneren ihrer, mit europäischem Luxus ausgestatteten
reinlichen Gebäude so viel als irgend möglich von ihrer Umgebung
abgeschlossen; das eigentliche Volk aber lebt wirklich schlimmer als das
Vieh, und von der Unreinlichkeit desselben -- die man nicht einmal wagen
darf zu beschreiben -- kann man sich keinen Begriff machen, wenn man sie
nicht selbst gesehen und darunter gelitten hat.
Die Wohnungen der Arbeiter und Handwerker gleichen Höhlen, in die man sich
fürchtet nur den Fuß zu setzen, und Alles, wohin man sieht, wimmelt so
von Ungeziefer, daß ich es selbst in frischgewaschenem Leinen zugeschickt
bekam. Zu den Alltäglichkeiten, auf die Niemand mehr achtet, -- ja nicht
einmal nur bei der ärmeren, sondern auch oft der besseren Klasse -- gehört
es dabei, das Ungeziefer von den Köpfen ihrer Mitmenschen zu verzehren, und
dem Europäer dreht sich, wenn er zuerst die Stadt betritt und Zeuge solcher
Scheußlichkeiten ist, Herz und Magen um.
Auch die Wasser eines Pichincha selber vermögen nicht diese Stadt rein zu
halten. Für den Augenblick ja, aber kaum lassen sie nach zu fließen, so
sind die Straßen schon wieder mit Unrath gefüllt. Ja während sie selbst
allen nur erdenklichen Schmutz zusammenschwemmen, kommen die Bewohner mit
ihren Kochgeschirren aus den Häusern, um sie darin auszuspülen.
Die Stadt selber ist natürlich im altspanischen Styl erbaut, mit niederen,
meist einstockigen Häusern, schon der häufigen Erdbeben wegen, und die
Pfosten der Gebäude werden auch mit den darüber gelegten Balken noch
besonders mit starken Bastseilen (einem Handelsartikel der Indianer) fest
zusammengeschnürt, um bei einem etwaigen Schwanken des Gebäudes nicht so
leicht nachzugeben. Auf Schönheit -- ihre äußere Lage abgerechnet -- macht
sie aber wohl kaum einen Anspruch, und selbst die Plaza oder der große
Markt, an dem die Kathedrale und der Palast des Bischofs liegt, zeichnet
sich durch nichts weniger als besondere Architektur aus.
Nichtsdestoweniger ist dieser Platz für den Ausländer der interessanteste
Theil der Stadt, denn hier sammeln sich täglich die bunten Nationalitäten
des Landes, und der ganze lebendige Verkehr Quito's findet da seinen
Mittelpunkt.
Schon mit dem frühesten Morgen treffen die verschiedenen Arrieros oder
Maulthiertreiber ein, die Produkte in die Stadt schaffen -- ganze Züge
langen da an, die nichts als Orangen aus dem tiefergelegenen Lande bringen,
andere mit Anis, mit Zucker, mit Branntwein. Da aber kein Fuhrwerk im
Stande ist, die stets vom Regen ausgewaschenen entsetzlichen Straßen
zu befahren, so wird das Alles nur auf den Rücken von Lastthieren
herbeigeschafft.
»Lastthier« scheint aber hier ein außerordentlich elastischer Begriff; denn
Lastthier heißt eigentlich Alles, was auf vier Beinen geht und getrieben
werden kann -- Schweine und Schafe vielleicht ausgenommen.
Vor allen Dingen fällt dem Fremden das Llama auf, das meistens von
Indianern oder auch Indianerinnen in kleinen Trupps zu Markt getrieben wird
und geringe Lasten (man sagt, daß es sich weigert, über achtzig Pfund zu
nehmen) in die Stadt bringt. Es trägt kleine Zeugsäcke mit Anis oder Mais
-- auch wohl Futter für den Bedarf, und wirft den schönen langen Hals, wenn
es in das ungewohnte Getreibe der Menschen kommt, scheu und unwirsch nach
allen Seiten hinüber. Folgsam aber gehorcht es dem leisesten Rufe des
Treibers, und die ihm zur Seite gehende Indianerin behält deßhalb auch
vollständig Zeit, sich mit ihrer Spindel zu befassen.
Die Frauen der Indianer sind überhaupt die geplagtesten Wesen der Erde, die
recht gut ebenfalls mit zu den Lastthieren Ecuadors gezählt werden dürfen,
denn selten oder nie sieht man sie ohne eine Bürde, und meistens noch immer
mit einem Kind als Zugabe. Ja ich bin ihnen draußen in der Straße begegnet,
wo sie eine schwere Ladung Feuerholz, das sie zum Verkauf in die Stadt
trugen, auf dem Rücken hatten, den Esel mit gleichem Stoff beladen vor
sich her trieben, in einem um den Nacken geschlagenen Tuch den Säugling
schleppten, und zugleich, da ihnen dadurch die Hände frei blieben, mit
Rocken und Spindel arbeiteten. Also _vierfach_ beschäftigt legen sie
lange, mühsame Tagereisen zurück, und ihre ganze Nahrung ist indessen eine
Handvoll trockener Puff- oder Saubohnen, ein paar Kartoffeln, oder ein
Pfund gerösteter Mais, und wenn es hoch kommt, vielleicht einmal ein
Schluck Maistschitscha unterwegs -- doch gilt selbst dies entsetzliche
Getränk, das aus gekautem und gegohrenem Mais besteht, schon als ein
Extragenuß für diese armen geknechteten Wesen. Nur wenn sich ihr Herr und
Gatte mit dem durch sie verdienten kargen Lohn in solcher Tschitscha um
sein Bischen Verstand trinkt, wird auch ihnen manchmal gestattet, an dem
Gelage Theil zu nehmen, damit sie später auf den vollständig Betrunkenen
Acht geben können.
Das Llama selber ist ein allerliebstes, fast rehartiges Thier mit langem
Hals und seidenweicher Wolle. Es wird allerdings vollständig zahm,
behält aber trotzdem noch immer etwas Scheues, Wildartiges, und läßt sich
besonders nicht gern von einem Fremden berühren oder streicheln. Dabei
gehört es keineswegs den Tropen an, sondern weit eher einer kälteren Zone,
wie ja auch schon sein warmer Pelz beweist, und deßhalb sind diese Thiere,
die sich draußen von dem spärlichsten Futter nähren und fast gar keine
Pflege verlangen, ein solcher Segen für die Bewohner der hohen Anden.
In Cerro de Pasco z. B., jener höchstgelegenen Stadt der Welt, mit ihren
reichen Silberminen, die aber schon so hoch in die peruanische Schneeregion
hineingebaut ist, daß dort kein Grashalm über Tag emporschießt, der nicht
das ganze Jahr hindurch, Nachts erfriert oder einschneit, tragen sie Futter
für die übrigen Lastthiere aus den niederer gelegenen und warmen Thälern
hinauf, und man begegnet da oft Trupps von zwei- bis dreihundert Stück.
Das Llama hat dabei, wie die meisten gezähmten Thiere, keine bestimmte
Farbe, sondern man findet sie von fast jeder Schattirung, braun erstlich,
wie das wilde Guanako im Süden (ein ganz ähnliches, aber noch nicht
gezähmtes Thier), schwarz, weiß, gelb, vollständig getigert -- nur nicht
gestreift, und es giebt nichts Bunteres auf der Welt, als eine Heerde
dieser hübschen Thiere. Ganz reizend sehen die kleinen jungen Llamas aus,
mit ihrer seideweichen, dichten Wolle und dem prächtigen kleinen, dicken,
gutmüthigen Gesicht, das aber doch schon den klugen, scheuen Ausdruck des
Wildes trägt.
Allerdings werden diese Thiere, besonders in Peru, oft in die heiße
Niederung und an das trockene Küstenland getrieben, um Produkte dorthin zu
schaffen und Waaren dafür mit zurückzunehmen. Aber man läßt sie nie lange
dort, denn jenes Clima sagt ihnen nicht zu und sie gedeihen nur in den
kalten Höhen der Berge. Dort suchen sie sich auch genügsamer Weise das
Futter an den feuchtesten, ja sumpfigsten Stellen, wo selbst kein Schaf
weiden mag und kann. Das Llama aber mit seinen breiten Schalen sinkt nicht
so leicht ein und ist dabei, weil es keine weiten Züge unternimmt, immer
wieder leicht aufzufinden, wenn man seiner bedarf.
Der Ecuadorianer benutzt aber, wie schon gesagt, Alles fast zu Lastthieren,
was laufen kann, indianische Frauen voran, dann Pferde, Esel, Maulthiere,
ja selbst Ochsen, die man oft mit schweren Päcken beladen in die Berge
steigen sieht. Das Llama ist aber vorzugsweise der ärmeren Klasse nützlich,
da es die wenigste Unterhaltung und Pflege kostet. Ein Llama kann sich fast
Jeder anschaffen und der Indianer thut dann keine weitere Arbeit damit,
als daß er es vielleicht von der Weide nach Hause treibt, ihm die nöthige
Ladung auflegt und seine Frau damit zu Markte schickt. Oft keucht dann die
arme Frau -- mit dem kleinen Kinde noch auf ihrer Last von Futterkräutern
sitzend -- hinterdrein und lenkt das Thier nur mit ihrer Stimme, -- oft muß
sie auch, wenn nicht so viel vorräthig ist, allein mit ihrer Ladung fort,
während der Mann vielleicht leer hinter ihr drein schlendert und das von
ihr gelöste Geld nachher in der Stadt vertrinkt.
Die Ecuadorianer, Männer wie Frauen, tragen fast Alles mit dem Kopf, und
zwar nicht oben darauf, wie bei uns am Rhein, sondern die Last auf dem
Rücken hängend und nur mit der Stirn stützend und haltend. So bringen sie
Alles zu Markt, was das reiche Land bietet, und ihre Kleidung ist dabei
selbstgesponnenes und gewobenes Zeug, das sie vom Uranfang an fertigen.
In den Thälern sind die kleinen Baumwollen-Anpflanzungen, und die Staude
erreicht dort oft eine imposante Höhe, wie selbst nicht in den besten
Distrikten Nordamerika's. Die Baumwolle, wenn gereift, pflücken sie aus den
Kapseln und reinigen sie mit den Fingern von dem Samen, dann wird sie mit
Spindel und Rocken gesponnen und nachher auf selbstgefertigten und oft
rasch genug zugehauenen Webstühlen, die aber ihren Zweck vollständig
erfüllen, gewebt.
Quito selber hat übrigens auch große Fabriken, in welchen diese billigen
Stoffe sowohl, wie auch recht gute Zeuge, besonders Tuche, hergestellt
werden. Was aber die Indianer brauchen, fertigen sie sich auch selber an,
denn so billig es in der Fabrik sein mag, _ihr_ Produkt ist _noch_ billiger
und erfüllt dabei denselben Zweck.
Das gewöhnliche Zeug, welches die ärmeren Klassen tragen, besteht dabei
aus starkem weißen Stoff, mit braungefärbten Fäden in einfachen Mustern,
meistens nur gestreift, durchzogen. Die Männer tragen dazu weiße Hosen,
die Frauen einen kurzen Rock und ein Schultertuch, Beide aber auch den
sogenannten Poncho -- jenes große Tuch mit einem Loch in der Mitte, um
entweder den Kopf durch dasselbe zu stecken, daß es, bei kaltem Wetter oder
bei Regen, rings um sie niederfällt, oder um es blos um die Schultern zu
schlagen.
Fließendes Wasser giebt es allerdings, wie vorher erwähnt, in der Stadt
genug, aber so voller Schmutz und Unrath, daß es nur von den ärmeren
Klassen, aber von diesen auch ohne die geringste Scheu, zum Waschen und
Aufspülen, ja sogar vielleicht zu Küchenzwecken benutzt wird. Die besseren
Stände lassen sich dagegen ihr Wasser von oberhalb der Stadt in die Häuser
tragen, und zwar durch Menschen, in einem großen irdenen Gefäß, das diese
hinten auf die Hüften setzen und es durch ein, um die Brust laufendes
Tragband stützen. Erst wenn es zum großen Theil geleert ist, hebt er sich
das Band vor die Stirn, weil ihm das jedenfalls bequemer scheint.
Diese Leute tragen solcher Art eine enorme Last, und was verdienen sie
den ganzen Tag? -- ein paar Medios, mit denen sie sich am Leben erhalten
können. Nur wenn es gut geht, bleibt ihnen vielleicht noch genug zu einem
Schluck Tschitscha übrig.
In ähnlicher Weise, nur das Tuch um den Kopf, nicht über die Brust
geschlagen, bringen die indianischen Frauen Milch und Butter zu Markt.
In der einen Hand tragen sie dabei ein irdenes Gefäß als Maß für die zu
verkaufende Milch, in der andern einen irdenen Teller mit Butter, mit
Maisblättern überdeckt, um sie kühl und frisch zu halten.
So wandern sie mit ihrer mühseligen Last über die Plaza oder klopfen an die
Häuser der Vornehmen, in welche sie -- als Zeichen, daß Jemand draußen sei,
der Einlaß begehrt -- ihr schüchternes »Ave Maria« rufen.
Auf dem Markt selber stehen aber fast nur die Getreideverkäufer mit
ihren kleinen Karawanen von Eseln oder Llamas, dann die Händler mit
Hülsenfrüchten und Kartoffeln. Von Hülsenfrüchten wird besonders die bei
uns unter dem Namen Puff- oder Saubohne bekannte große Bohne gezogen, und
die Kartoffel ist der unsrigen vollkommen ähnlich. Aber es giebt von dieser
Knollenfrucht drei hauptsächliche Arten in Ecuador, welche Melloca, Oca und
Ticama genannt werden. In der Nähe von Ibarra, also in etwas tieferem Lande
als Quito liegt, hörte ich aber noch von einer ganz besonderen Art, die nur
in einem jener Thäler wachsen soll und noch nirgends anders hin verpflanzt
ist. Der Beschreibung nach, denn ich bekam leider keine davon zu sehen,
soll es eine nicht sehr große, aber vortrefflich mehlige Gattung sein,
die dabei, wenn gekocht und auf dem Tisch, wie mit Brillanten übersäet
erscheint. Wahrscheinlich ist sie mit kleinen Theilen krystallisirten
Stärkemehls überdeckt.
Biegen wir nun in eine der oberen Seitenstraßen ein, so finden wir dort ein
freundlicheres Bild als die schmutzigen Indianer, die neben ihren Säcken
kauern und sich in Ermangelung einer besseren Beschäftigung gegenseitig das
Ungeziefer absuchen. Da sind die Stände der Obstverkäuferinnen, und nur
ein Blick auf ihre Waare überzeugt uns, in welchem Lande wir uns eigentlich
befinden.
Kaum zehn Schritte davon befindet sich noch ein Stand, wo Kohl, Kartoffeln,
Rüben und Kraut feilgeboten werden, -- durch die Straßen zieht eben ein
Trupp von Eseln, der Eis, rohes, hartes Eis aus dem benachbarten Pichincha
heruntergebracht hat, -- und hier plötzlich sehen wir uns allen Produkten
der heißen Zone unmittelbar gegenüber.
Alle diese Verkäuferinnen sitzen unter selber hergestellten, sehr
kunstlosen Sonnenschirmen, die aber vollkommen zu einem Schutzdach gegen
die heißen Strahlen des Taggestirnes ausreichen. Eine Stange mit einem quer
darüber genagelten Holzkreuz und ein Tuch an den vier Ecken festgebunden,
ist der ganze Apparat, und nur gegen plötzlich einsetzende Regen bietet er
ungenügende Deckung, da sich das Wasser in den Falten rasch ansammelt und
durchläuft.
Die Fruchtverkäuferinnen sind auch meist Señores oder Sennoritas von weißer
Abstammung -- lassen sich wenigstens gern so nennen -- tragen auch
nicht das ordinäre Baumwollenzeug der niederen Klassen, sondern weiße,
buntgesteppte Oberhemden wie Röcke von den verschiedensten Farben und
Stoffen, und Glaskorallen um Arme, Hals und in den Ohren. Schmuck lieben
überhaupt alle ecuadorianischen Frauen und sind dabei seiner Aechtheit
wegen lange nicht so eigen wie die Peruanerinnen, die nur wirkliches Gold
und Diamanten haben wollen.
Betrachten wir uns aber ihren Stand und die wundervollen saftigen Früchte,
die er bietet. Da finden wir vor allen Dingen Orangen, die schon wenige
Leguas von Quito entfernt in ungeheuren Massen gezogen werden, dann süße
Limonen -- eigentlich ein etwas fades Essen; aber auch die tropische Banane
oder der Pisang (hier Plátano genannt) fehlt nicht mit ihrer goldgelben
Schale, und daneben liegt die Königin der amerikanischen Früchte, die
riesige Cherimoya (=custard apple=, =buwa nonja=) mit ihrem fast zu süßen,
crêmeartigen Fleisch.
Das ist aber noch nicht Alles; dicht daneben bietet sich ein Stand, der
fast nur Ananas in aus Bambus geflochtenen Körben aufgeschichtet enthält;
daneben wieder sitzt ein Verkäufer von Zuckerrohr, das in kleine Streifen
gehackt und ausgekaut wird; daneben wieder ein anderer mit Cactusfeigen,
Aprikosen, Aepfeln, Birnen, auch die kostbare Aguacalta (=alligator
pear=, =buwa avocat=) ist vertreten, mit der Papaya aus den Platanaren des
niederen Landes -- kurz eine Mischung von allen nur erdenklichen Früchten
beider Zonen, die sich auch in der That an keinem Orte so vereinigt finden,
wie gerade in Quito.
Freilich begünstigt die Lage des Landes dies auch ungemein; denn so rasch
fallen die Thäler in das tiefe tropische Land hinein ab, daß man oft nur
wenige Leguas zu reiten braucht, um in eine vollkommen tropische Vegetation
oder bergauf in die Eisregion zu kommen. So hat man auch im Lande drinnen
große Estancias oder Güter, deren Besitzer da, wo ihre Wohnhäuser stehen,
alle Früchte unserer Zone ziehen und Weizen und Mais, Kartoffeln und
Kohl bauen. Weiter unten dagegen haben sie ihre Baumwollen- und
Zuckerrohrfelder, ihre Bananen- und Ananas-Gärten, und hoch über sich sehen
sie zu ihrer Meierei hinauf, wo das Vieh auf den fetten Triften der Höhen
weidet und ihre dazu angestellten Leute ihnen die Milch zum täglichen
Bedarf oder zum Verkauf liefern, und dazu Butter und Käse machen.
Käse ißt der Ecuadorianer nämlich leidenschaftlich gern, und die
verschiedenen Arten desselben werden zu _allen_ Speisen und sogar zu
manchen Getränken gebraucht. Ja selbst in seine Chokolade benutzt er eine
Art davon.
In dieser Fruchtstraße dürfen wir aber nicht zu weit vorgehen, denn eben
haben wir noch den aromatischen Duft der Ananas mit Wohlbehagen eingesogen,
als schon etwas Anderes unsere Geruchsnerven trifft, und zwar der nichts
weniger als süße Brodem einer Anzahl von Eßbuden, die dort aufgestellt
sind, um den Marktgängern ein rasches und billiges Mittagsmahl zu bieten.
Da werden alle Arten von Fleisch geschmort und Mehlspeisen zubereitet,
da wird gesotten und gebraten und ein Qualm erzeugt, der, wenn der Wind
hineinfährt, die ganze Straße mit seinem erstickenden, heißen Dunst
erfüllt. Um aber dort auch wirklich zu _essen_, muß man ein geborener
Ecuadorianer, ja ein geborener Quitener oder mit einem Wort ein geborener
Schweinigel sein, denn von dieser Unsauberkeit der Zubereitung kann sich
Niemand einen Begriff machen, ohne sich auf wenigstens acht Tage den
Appetit zu verderben. Ich darf nicht einmal wagen es zu beschreiben, und
es war ein wirklicher Glückszufall, daß ich erst wenige Tage vor meiner
Abreise von Quito einen längeren Besuch bei diesen Ständen machte und das
Verfahren ihrer Insassen beobachtete. Von dem Augenblick an war ich nicht
mehr im Stande, etwas Anderes in Quito zu genießen, als weichgekochte Eier
und Früchte. Ich brachte nichts mehr in den Mund, was eine Ecuadorianerin
mit ihren Händen auch nur berührt haben _konnte_.
Wie stechen dagegen die Napo-Indianer ab, die von den Wassern des
Amazonenstroms, aus dem heißen Lande ihrer Niederungen, bis hier
heraufsteigen, um weniger ihre Producte als ihre Fabrikate, besonders
Hanfzwirn und gedrehten Bast zu verkaufen. Sie treffen immer in kleinen
Trupps ein und tragen dann Männer wie Frauen einen aus Bambusstreifen
leicht geflochtenen und mit Bananenblättern ausgefütterten und überdeckten
Korb, in welchen sie nicht allein, was sie zu Markte bringen, sondern auch
ihre Provisionen für unterwegs packen.
Es sind schlanke, edle Gestalten, um eine Schattirung dunkler vielleicht
als die Indianer Ecuadors, aber noch lange nicht braun, und dabei reinlich
bis zum Aeußersten. Sie gehen in blaues, selbstgefertigtes Zeug
gekleidet: kurze Hosen und Jacke die Männer, in der Stadt mit einem Poncho
übergeworfen; die Frauen dagegen in einem nicht zu langen, kleidsamen
und tunikaähnlichen Gewand, mit einer Unzahl sehr kleiner zierlicher
Perlschnüre geschmückt. Das Gesicht bemalen sie allerdings etwas, aber nur
wenig, und nicht genug um es zu entstellen, mit feinen rothen Strichen,
besonders um Auge und Mundwinkel herum.
Bezahlung für ihre Waaren nehmen sie ausschließlich nur in
Silber-Viertel-Dollar-Stücken, die sie genau kennen; auf andere Münzsorten
lassen sie sich nicht ein, und ebensowenig vertrinken die Männer das
Erhaltene, sondern sie leben außerordentlich mäßig und kehren, wenn ihr
Handel abgeschlossen ist, ungesäumt in ihre Thäler zurück, verkehren auch
dabei so wenig wie nur irgend möglich mit den weißen Ecuadorianern, mit den
Indianern gar nicht.
Die Körbe, die sie tragen, sind genau so in ganz Ecuador zum Lasttragen
gebräuchlich, nur daß die Indianer am Stillen Meer auch noch Achselbänder
von Bast daran schnüren. Besonders die Neger tragen damit enorme Lasten und
mit anscheinender Leichtigkeit.
Wunderlich sieht es aus, wenn ein Trupp dieser »Napos,« eben aus seinen
wilden Thälern heraufsteigend, beim Betreten der Stadt einer Schaar
geputzter Damen begegnet, die mit ihren Toiletten auch nicht um eines
Zolles Breite von der neuest zu erlangenden Pariser Mode abweichen. Mit
blumengeschmückten Hüten, riesigen Crinolinen, mit Spitzen und Bändern
behangen und von Juwelen funkelnd, rauschen sie daher, und staunend
bleiben die Indianer, besonders die jungen Frauen, ob der nie geahnten
Herrlichkeit, stehen und schauen ihnen nach, so lange sie ihnen mit den
Augen folgen können. Manches junge Indianermädchen wünscht sich dann auch
wohl im Herzen thörichterweise einen ebensolchen Staat und ist doch in
ihrer einfachen blauen Tunika viel schöner als die aufgetakelte Dame. Aber
es geht das so in der Welt, und Aehnliches finden wir ja wohl auch sogar im
alten Vaterlande. Wir brauchen deßhalb nicht nach Ecuador zu gehen.
Uebrigens kann ich hier noch gleich erwähnen, daß die Kleidung der
vornehmen Ecuadorianer genau der unsrigen entspricht. Selbst den sonst
stets getragenen südamerikanischen Poncho haben die Männer abgelegt und
benutzen ihn höchstens noch dann und wann beim Reiten, und die Damen
behielten beim Kirchgang in ihren schwarzen Gewändern die Mantilla bei.
Sonst kommen die europäischen Moden so rasch hinüber, als sie der Dampfer
nach Guajaquil und ein Maulthier dann in die Berge tragen kann, und die
neueste Façon eines Hutes oder der Schnitt eines Kleides wird dort so
eifrig besprochen wie bei uns.
Nur eine Klasse von Leuten ist es, die ihre Moden _nicht_ wechselt, und das
sind die Priester, von denen es eine wahre Unzahl in Quito giebt. Man kann
versichert sein, daß, wenn man hundert Menschen auf der Straße trifft,
dreißig davon Priester der verschiedensten Orden sind, die oft in den
wunderlichsten Aufzügen die Straßen durchziehen. Besonders auffallend unter
ihnen erscheinen die in _weiße_ Kutten gekleideten =padres de la Merced=
und bei der oberen Geistlichkeit mag die Tracht gehen. Entsetzlich aber
sehen die untergeordneten Padres solcher Orden aus, und es gehört wirklich
viel -- sehr viel Andacht dazu, beim Anblick derselben an etwas Anderes zu
denken, als an ihren schmutzigen Rock.