»Große Golly,« sagte der greise Afrikaner, als er von seiner Arbeit

ausruhte und sich den Schweiß von der Stirne wischte, »piff -- piff -- piff

-- piff -- piff -- hui -- wie geschwind großes Canoe stromab kommt, und --

law de Mercy -- wie dicht am Ufer hier -- kann doch kein Holz haben wollen,

hat rechts und links noch ganze Menge. -- Buckra schlauer Kopf -- kommt

Geld zu verdienen zu Guinea und Indian -- bis weit hier in Wildniß ein und

bringt guten Whiskey und Pfannkuchenmehl -- großer Mann Buckra -- Gäbe

was d'rum, wenn Sip sein Krug aus Küche hätte, ohne daß Missus was 'von

merkt --«

Der Neger sah sich mit komischer Verzweiflung nach dem Haus um; denn er

ließ nur höchst ungern eine so gute Gelegenheit vorüber gehen, ohne seinen

sorgfältig versteckten Krug mit Whiskey zu füllen. Das Verbot seines

Meisters lautet nämlich auf das Bestimmteste, auch keinen Tropfen des

»giftigen Feuerwassers« im Hause zu dulden; das Boot näherte sich aber zu

reißend schnell, und schon winkte ihm, während der Fox im Fluß mit dem Bug

herumkam, um gegen die Strömung anzulanden, der vorn an der Larbordseite

stehende Matrose zu, das Tau, was er zum Wurf bereit in der Hand trug,

sobald es das Ufer berühre, zu erfassen, und dort um Stamm oder Wurzel zu

schlagen und fest zu machen.

Vorn auf dem Boot, und zwar auf dem unteren Deck, standen der Capitain, der

Mate, der Ingenieur und die vier Deckhands -- die letzteren mit der Planke

zwischen sich, die sie in dem nämlichen Augenblick an's Ufer hinauswerfen

wollten, wo das Boot in erreichbare Nähe kam.

»Capitain,« rief jetzt der Lootse aus seinem kleinen Pilotenhaus herunter

-- »das ist doch ein Reiter, den wir hinter den Büschen am Ufer sahen.«

»Aus der Stadt schon?« rief dieser rasch zurück -- »das ist nicht möglich

-- der Fluß macht hier den Bogen, da müßte er Flügel gehabt haben.«

»Nein, er reitet ganz langsam,« lautete die Antwort, »es scheint auch kein

Indianer und trägt selbst keine Büchse.«

»Desto besser für ihn,« lachte Burkner -- »sonst die Küste klar? wie weit

sind die Reiter zurück?«

»Hahaha,« lachte der Lootse, sich nach der Stadt zu umdrehend, »wenn sie

ihre Pferde todt rennen, können sie vielleicht gerade zur rechten Zeit

kommen, uns sicher vor Anker und in der Mitte des Stromes liegen zu sehen

-- hui -- wie der Alte sprudeln wird! -- Sonst seh ich weiter Niemanden auf

der Straße, wie hier vor'm Haus ein paar Frauen und einen alten Neger -- da

hinten im Feld scheinen die Arbeiter alle zu sein.«

»Gut denn -- -- an's Werk -- steh bei dem Tau, Alter!« rief Burkner jetzt

dem Afrikaner zu, dem, er wußte selbst nicht warum, das ganze Betragen

des nahenden Bootes so wunderlich vorkam. Mechanisch aber und an Gehorsam

gewöhnt, rief er sein »Ay, ay, Sir!« erfaßte mit dem linken Arm einen

schlanken, stattlichen Baumwollenholzbaum, daß er mit dem schweren Tau und

auf dem abschüssigen Boden nicht etwa ausglitt, fing dieses, als es ihm

zugeworfen wurde, und schlang es im nächsten Moment rasch und geschickt um

den Stamm. Zu gleicher Zeit schoß das Boot in dem hier tiefen Wasser dicht

an die Uferbank an, die Planke wurde ausgeschoben und hinüber strömten, mit

dem Capitain an der Spitze, die Männer, ihren schändlichen nichtswürdigen

Raub auszuführen. Der eine Lootse aber blieb indessen oben auf dem

Hurricanedeck stehen, um bei nahender Gefahr das Zeichen zu geben und die

Dampfbootleute zu warnen.

Die Mannschaft hatte sich auch mit rücksichtsloser Lust dem Unternehmen

hingegeben, und würde vielleicht mit eben der Bereitwilligkeit sich erboten

haben, die Wohnung des indianischen Farmers zu plündern und in Brand zu

stecken, wenn es der Capitain gerade verlangt hätte; es war ja nur ein

Indianer, und durften die Weißen es leiden, daß diese heidnischen Rothhäute

in keckem Uebermuth sich gegen ihre Obergewalt auflehnten? nein, wahrlich

nicht, und der Plan, wie er ihnen von ihrem Capitain auf der raschen Fahrt

bis hier herunter mitgetheilt worden, war ihrer Ansicht nach vortrefflich,

den kecken unerträglichen Stolz der Rothhäute in etwas zu demüthigen. Es

hätte kaum der Dollars bedurft, die jedem der Mannschaft nach glücklichem

Gelingen versprochen worden, sie zu solchem Eifer anzuspornen.

Kein wilderes, trotzigeres und roheres Volk giebt es überhaupt in der

weiten Welt, wie diese Bootsleute der westlichen Ströme, mögen sie nun

zu Dampf-, Kiel-, Flatbooten oder Flößen gehören -- die Hefe sämmtlicher

Staaten ist in ihnen concentrirt, und ein ruhiges Geschäft verschmähend,

treiben sie sich, heute verspielend und vertrinkend, was sie gestern

mit saurem Schweiß verdient, Monate lang auf dem Strom herum, und jede

Gelegenheit ist ihnen willkommen, die in Kampf oder rauher That irgend eine

Abwechselung in das monotone Flußleben bringt. Nicht ein böses, sondern

ein total vernachlässigtes Herz trägt dabei öfters die Schuld ihres wüsten

Treibens, und an keine gute Macht glaubend, keine böse fürchtend, werfen

sie sich mit toller Todesverachtung jeder Gefahr keck und rücksichtslos

entgegen.

Ein solcher Menschenschlag war es, der jetzt, von dem gewissenlosen

Capitain geführt, ans Land sprang, um sich, wie sie lachend meinten,

»ihr Recht zu holen;« rohe Späße ertönten dabei von den durch Tabackssaft

vergilbten Lippen, und flüchtigen Laufs flogen sie, mit keinen anderen

Waffen als ihren Messern im Gürtel, die Uferbank hinauf, an dem Neger

vorbei, dem Hause zu.

»=God allmighty!=« schrie der alte Afrikaner entsetzt, als er die wilde

Schaar in solcher Art, und sicherlich in keiner guten Absicht an den

Holzstößen vorbei nach der Thüre zu rennen sah, »was giebt's -- wo

brennt's?«

Die Negermädchen, die vor dem Hause arbeiteten, warfen erschreckt ihre

Steine nieder und flohen der Thüre zu, und aus der frisch begonnenen

Erdgrube tauchte ein rother Kopf und ein noch viel rötheres Gesicht

darunter auf, das dem fröhlichen irischen Kellergräber Mc. Karthy gehörte.

»Hallo, meine Jungen -- macht rasch, daß sie Euch nicht die Thür vor der

Nase zuwerfen!« schrie der Capitain, dessen dürre Gliedmaßen ihn nicht so

schnell vorwärts trugen, als er es wohl wünschen mochte -- »Die Pest über

die Wettermädchen!«

Und er hatte Ursache, zu schimpfen -- wie Gazellen huschten die leichten

Dinger über die Erde hin, und wenn sie auch nicht begriffen, was sie,

mitten im Frieden, von weißen Männern zu fürchten brauchten, hatten die

Dampfbootleute doch auch wieder einen viel zu bösen Ruf an allen

Flußufern, um ihr Nahen ruhig abzuwarten, wenn sie besonders auf solch

außergewöhnliche Art das Land betraten. Gerade vor dem Mate fiel auch

die ziemlich starke Thür zu, und die inwendig rasch vorgeschobenen Riegel

standen dem ersten Anprall des starken Mannes vortrefflich.

Kaum aber dröhnte dies erste Zeichen von Gewalt in den innern Raum,

als auch von da aus der gellende Hülferuf geängstigter Frauenstimmen

hervorschallte; der Ire sprang in demselben Moment aus seinem begonnenen

Keller, und der Reiter der nur noch wenige hundert Schritt vom Hause

entfernt, die dicht am Strom hinführende Straße herabkam, zügelte, erstaunt

den Tönen horchend, sein Pferd ein.

»Hallo!« rief da der Lootse vom Deck herunter, »macht rasch -- da oben

kommen, beim Teufel, schon die rothen Hunde angesprengt -- Donnerwetter,

müssen die geritten sein!«

»Auf mit der Thür -- auf, meine Burschen!« schrie ermunternd der Capitain

-- »_Dem_ noch einen Dollar besonders, der zuerst in der Hütte ist!«

Der zweite Ingenieur -- der erste stand an der Maschine auf seinem Posten

-- war links um das Gebäude gesprungen, und der Capitain selber wandte

sich jetzt rechts, um jede mögliche Flucht der im Inneren Befindlichen aus

einer, vielleicht hinten angebrachten Thür abzuschneiden. Der Mate warf

sich aber mit kräftigem Fluch und noch viel kräftigerem Anprall, so tüchtig

von den Seinen dabei unterstützt, gegen die hölzerne Thür, daß er die obere

Angel aus ihrem Haspen riß und mit der ersten, polternd über sie weg zu

Boden stürzte.

Ein zweiter gellender Hülfeschrei, von den Negressen ausgestoßen, folgte

diesem Einbruch; der Mate, der augenblicklich wieder auf die Füße sprang,

wußte jedoch viel zu gut, wie werthvoll seine Zeit sei, und kaum hatte ihn

ein flüchtig umhergeworfener Blick belehrt, wo er das Mädchen, um das sie

gelandet, zu suchen habe, als er sich mit lautem Triumph auf seine Beute

warf.

A-na-las-ka, das arme zitternde Kind, war bei dem ersten Lärm der Mägde

erschreckt zusammengezuckt, und der Gedanke, der sich ihr unwillkürlich

von dem früheren, ja kaum verlassenen Leben der Wildniß aufdrängte, mußte

natürlich der sein, daß ihre Wohnung von einem feindlichen Stamm überfallen

wäre. Bebend und entsetzt fuhr sie von dem weichen, mit Büffelhaut

überdeckten Lager, auf dem sie geruht, empor, und fast unwillkürlich

entfloh der Name des Vaters ihren Lippen, als sie erstaunt _weiße_ Männer,

mit denen sie in Friede und Eintracht lebten, so wild und feindlich in ihre

stille Heimat einbrechen sah.

»Was wollt Ihr?« rief sie und trat bis an das entfernteste Ende des

Wigwams zurück, wo die Waffen ihres Vaters an einem dort fest in den Boden

gestoßenen Pfosten hingen -- »wen sucht Ihr?« und fast unwillkürlich

griff die Hand nach der nächsten, mit scharfen Feuersteinen bewehrten

Kriegskeule, die tief unter dem weißen mit Scalpen geschmückten

Büffelschilde hing.

»Dich mein Täubchen,« rief ihr aber der Mate lachend entgegen -- »sträube

Dich nicht, mein Kind, Du bist unser.«

»Zurück!« schrie die Jungfrau, und die rasch gehobene Keule fuhr mit gut

gemeintem Ziel nach dem Haupte des Räubers nieder. Der Arm aber, der die

gewichtige Waffe führen wollte, war zu schwach -- der gewandte und kräftige

Bootsmann unterlief ihn leicht, und ehe die Waffe ihn treffen konnte, hatte

er die sich machtlos in seinen Armen Sträubende erfaßt, emporgehoben und

floh raschen Laufs mit seiner leichten Last, und von den übrigen Leuten

gefolgt, dem Ausgang wieder zu.

»Bei Jäsus!« rief aber da der in seinen Weg springende Ire, der,

rücksichtslos um all die drohenden, ihn umgebenden Gestalten, auf den Mate

zusprang und diesen mit der einen Hand ergriff, während er ihm mit der

anderen das Mädchen zu entreißen suchte -- »Arrah, mein Schatz, was für ein

Spalpeen Ihr sein müßt, gleich so mit der Thür ins Haus zu fallen, wenn Ihr

mit der Tochter was zu sprechen habt!«

»Zurück da, Pat!« schrie ihn aber der Mate mit wildem Zorne an -- »zurück

da, oder --«

»Oder? mein Herz,« rief der unerschrockene Ire und stieß mit der Faust,

ehe nur einer der Uebrigen es verwehren konnte, dem Mate so kunst- und

boxergerecht zwischen die beiden Augen hinein, daß dieser halb betäubt

zurücktaumelte und das Mädchen den Händen des Sohnes der »grünen Insel«

überlassen mußte; der arme Teufel feierte diesen Triumph aber nur ungemein

kurze Zeit. Fünf oder sechs kräftige Fäuste trafen in gleichem Augenblick

seinen Schädel, daß er bewußtlos zusammenknickte, und zwei der Männer

faßten schon im nächsten Moment die Jungfrau, während die Anderen den Mate

unterstützten und zum Ufer schleppten.

»Macht fort -- die Pest über das Zögern!« mahnte der Lootse vom Deck aus,

und seine Klingel gab dem Ingenieur schon das Zeichen bereit zu sein --

»bei Gott, Ihr werdet sonst abgeschnitten!«

»An Bord, an Bord!« trieb auch der Capitain, der jetzt hinter der Hütte vor

der nahen Fenz zueilte, die er vorher überklettert hatte; denn hinten vom

Felde her sah er die Arbeiter herbeistürmen, und auf der hart getretenen

Straße hörte er das rasend schnelle Stampfen der heransprengenden Reiter --

»hurrah, meine Jungen, an Bord!«

Er sprang von der obersten Stange herunter, über einen dort

quervorliegenden, zum Feuerholz bestimmten Stamm weg, blieb im nächsten

Moment mit dem Fuß an dem regungslos da ausgestreckten Körper des Iren

hängen und stürzte, sich das Gesicht im Sand blutig scheuernd, zu Boden.

Mit Blitzesschnelle aber, und die Gefahr recht wohl begreifend, in der er

sich befand, raffte er sich wieder empor und sah eben, wie das arme zum Tod

entsetzte Kind des Häuptlings von seinen Helfershelfern, die sich alle so

rasch als möglich in ihr Fahrzeug drängten, an Bord geschleppt wurde.

»Halt -- halt!« hörte er eine Stimme dicht hinter sich, aber er war der

Letzte, nicht einmal umsehen konnte er sich mehr, wer ihn anrufe, und mit

einem Triumphschrei flog er die Uferbank hinab, um die Planke zu erreichen,

die zwanzig Hände in peinlicher Erwartung hielten, auf daß sie, sobald der

Letzte nur an Bord gezogen sei, rasch hineingerissen werden konnte. Schon

bewegte sich das Dampfboot langsam vom Ufer ab, und die Räder schlugen

langsam und wie ungeduldig auf die unter ihnen vorbeischäumende Fluth.

Fast berührte sein Fuß das rettende Bret, da hörte er dicht hinter sich ein

Prasseln und Brechen -- scheu und unwillkürlich wandte er den Kopf, und

-- grad' neben ihm nieder -- durch die Weiden und Sycamorenschößlinge, die

gerade dort das Ufer umgürteten, mit tollkühnem, wildem Sprung, flog ein

braunes prachtvolles Roß mit todesmuthigem Reiter die wohl sechzehn Fuß

hohe Bank nieder auf den harten Kies der Landung. Das Roß brach auch

zusammen unter dem ungeheuren Gewicht des Sturzes, der Reiter aber ergriff,

ehe der entsetzt zurückprallende Amerikaner seinem Arm entgehen konnte, den

laut Aufschreienden und riß ihn zu sich hin.

»Hülfe! -- Hülfe!« stöhnte Capitain Burkner -- und suchte dem rächenden Arm

sich zu entwinden-- wenige Schritte noch und er war gerettet -- und hier --

»Hülfe!« kreischte er -- »um Gottes Willen, Hülfe!«

»Alle Wetter!« schrie da der Steward, der kaum zwei Secunden vorher

die Planke erreicht hatte, und sich nun wieder wandte, seinem Capitain

beizuspringen -- des Kochs Arm hielt ihn aber zurück, und in dem nämlichen

Moment glitt auch das andere Ende der Planke von der Kiesbank ab in's

Wasser, das Boot bewegte sich vom Ufer ab, und Hülfe war von diesem aus

nicht mehr möglich; denn jetzt donnerten auch schon oben auf der Uferbank

die Hufe der verfolgenden indianischen Poneys heran, und die wilden Reiter

warfen sich mit ihren Waffen in den Händen aus den Sätteln.

»Teufel!« schrie da der Capitain und riß ein bis dahin verborgen gehaltenes

Bowiemesser aus seiner Weste vor -- »so nimm denn _das_!« und mit kräftigem

von Verzweiflung gestähltem Arm führte er einen grimmen Streich nach dem

wehrlosen, aber nichtsdestoweniger hartnäckigen Gegner; glücklicher Weise

hielt die Fellmütze diesen in etwas ab, doch der schwere Stahl glitt

nieder, streifte aber nur den Arm.

»Raum hier!« rief da die Stimme des einen Ingenieurs vom Boot aus -- »meine

Kugel soll den Schuft da drüben bald loslassen machen -- springt in's

Wasser, Capitain!«

»Euer Körper deckt mich!« zischte der Fremde in des entsetzten Capitains

Ohr, während er dessen Arme so fest umschlang, daß er keinen Streich weiter

mit dem Messer führen konnte. »Die Kugel findet erst durch Euch zu mir die

Bahn!«

»Schießt nicht!« rief der Erschreckte in Todesfurcht.

Ein wilder gellender Schrei, der dem zitternden Verbrecher das Blut in den

Adern stocken machte, erdröhnte in diesem Augenblick dicht über ihm von

der Uferbank aus, und ehe nur irgend Jemand an Bord des Fox einen festen

Entschluß fassen konnte, umgaben zehn oder zwölf wilde kriegerische

Gestalten den gefangenen Capitain, während wohl noch zwanzig Andere,

die Büchsen auf den Schultern, die Kriegskeulen am Handgelenk, und die

schäumenden Ponneys zu immer tollerer Eile anspornend, heranstürmten. An

Widerstand war gar nicht mehr zu denken; der todtenbleiche Capitain sah

sich in fast wunderbarer Schnelle gebunden und von der geschäftigen Schaar

rasch auf die Uferbank gehoben, und hier erst fand er sich Antlitz

zu Antlitz mit dem wie rasend aus seinem Wigwam stürzenden Vater der

Geraubten.

»Mein Kind -- mein Kind -- wo ist A-na-las-ka -- die schwankende Birke des

Arkansas -- A-na-las-ka! -- Ha -- bleichhäutiger Hund -- das Dein Werk --

Wo ist mein Kind?«

Und in der Rechten die Keule schwingend, fuhr seine Linke dem Elenden mit

solcher Kraft nach der Kehle, daß sein Antlitz in wenigen Secunden eine

fast dunklere Farbe annahm, als die Hand trug, die ihn umspannt hielt.

Nicht ein Wort vermochte er, ob es sein Leben galt, über die Lippen

zu bringen, und der nächste Moment hätte vielleicht sein Schicksal

entschieden. Da war es der Fremde, der sein Leben rettete, und zwar eben

derselbe Mann, der an dem nämlichen Nachmittag den Häuptlingen in Redtown

den Rath gegeben hatte, die aufgedrungenen Whiskeyfässer zu zerstören.

»Halt, Tcha-to-ga!« rief der aus und hemmte mit emporgehobenem Arm die

drohende Waffe -- »Dein Kind ist auf jenem Boot -- tödte diesen Mann und

es ist für Dich verloren, -- nur durch seine Freigabe kannst Du es rasch

wieder in Deine Arme ziehen!«

»Führt mich an die Uferbank,« flehte mit zitternder Stimme der Elende,

während er neue Hoffnung für das schon fast aufgegebene Leben schöpfte --

»laßt mich frei, und in wenigen Minuten ist Eure Tochter hier am Lande.«

»Und geschieht das nicht,« zischte in kaum bezähmbarer Wuth der Indianer,

»dann wird Tcha-to-ga des weißen Hundes Fleisch zerhacken, daß sich die

Aasgeier mit Ekel von ihm wenden sollen -- ugh! Tcha-to-ga ist ein Mann!«

Er ergriff den, nicht den mindesten Widerstand leistenden Weißen im Nacken

und schleppte ihn bis dicht an die steile Uferbank; der Fremde aber, dessen

kühner Sprung und rasche Entschlossenheit die Geisel gesichert hatte,

schwenkte sein Tuch, nach dem, jetzt wohl an dreihundert Schritt von der

Strömung hinabgeführten Boote zu.

»Pest, Gift, Tod und Bowiemesser!« rief ingrimmig mit dem Fuß stampfend,

der Mate, der sich indeß von dem durch den Iren empfangenen Schlag erholt

hatte, und vorn, nach dem Ufer hinüberschauend, auf dem Boot stand -- »bei

Gott erwischt, und der ganze schöne Spaß verdorben, des weißen Schuftes

wegen -- ob das nicht zum Verrücktwerden ist.«

»Sie winken mit dem Tuch herüber,« sagte einer der Feuerleute, der auf den

seitwegs neben den Kesseln liegenden Holzhaufen geklettert war.

»Der Lump ist's, der mit dem Pferd von der Bank heruntersprang,« rief der

eine Ingenieur -- »daß er den Hals gebrochen hätte -- die Canaille hielt

sich auch so dicht hinter Burkner, daß ich keine Handbreit Raum für meine

Kugel finden konnte.«

»Hallo da unten!« rief der Lootse vom Deck nieder, »wie wird's nun? -- den

Capitain haben sie weiß Gott beim Schopf gekriegt -- ohne den dürfen wir

doch nicht abfahren!«

»=Give her a turn a head!=«[10] lautete die lakonische Antwort des Mate --

und vor sich hin murmelte er, »wenn sie ihm doch gleich eins über den Kopf

gegeben hätten, dem hirnlosen Holzkopf -- sich auf solche Art übertölpeln

zu lassen.«

[10]: Laßt das Boot ein Bischen vorgehen.

Wenige Minuten später kämpfte das Boot wieder gegen die Strömung an und

hielt, nur noch langsam die Räder gebrauchend, gerade der Stelle gegenüber,

wo die Indianer, mit dem Gefangenen in ihrer Mitte, standen.

»Hallo, das Boot!« rief der Fremde.

»Hallo, das Ufer!« lautete die trotzige Antwort zurück; -- hinter

den Bäumen am Land, und an der ganzen einen Seite des Fox lagen die

Büchsenschützen gedeckt und im Anschlag, um einen irgend versuchten Angriff

leicht abwehren zu können.

»Setzt Eure Yolle aus und schickt die Indianerin an's Land,« sagte der

Fremde, aber seine Stimme drang nicht bis zum Bord des Fox hinüber.

»Was giebt's?« frug der Mate zurück.

»A-na-las-ka, die schwankende Birke, sendet herüber!« schrie da Tcha-to-ga,

mit vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme -- »zögert und Euer

Häuptling stirbt jede Handbreit den entsetzlichsten Tod.«

»Setzt das Boot aus, guter Tom,« bat in fieberhafter Angst auch jetzt der

Gefangene, »macht rasch -- macht um aller Heiligen Willen rasch, ich bitte

Euch -- ich befehle es Euch!«

»Feige Memme,« knurrte der alte Matrose leise vor sich hin, »hallo da, Jim,

Ben, Virginny,« setzte er dann leise hinzu, »rasch in die Yolle, und Ihr

da, Ned und Dick, holt die Dirne wieder herunter. Aber -- es ist doch ein

ehrlicher Tausch,« rief er dann noch einmal vorsichtig nach den am Ufer

Stehenden hinüber -- »die Dirne gegen den Capitain!«

Der Fremde winkte mit dem Tuch, zum Zeichen der Einwilligung.

»Ich hört' es lieber erst von der Rothhaut selber,« brummte der Mate --

»wie ist's, Gentlemen, Ihr gebt den Capitain da frei, wenn Ihr die Dirne

habt? -- bei Gott, betritt er nicht in demselben Augenblick die Yolle,

wo die Squaw heraussteigt, so fliegt ihr diese Kugel nach, und Ben Martin

verfehlt verdammt selten sein Ziel.«

»Der bleiche Schuft mag gehen!« rief der Häuptling, sich stolz

emporrichtend -- »und hat er seinen Scalp lieb, so zeigt er sein blasses

Antlitz nie wieder in Tcha-to-gas Jagdgrund.«

Es wurden keine Worte weiter gewechselt; denn das kleine Boot stieß

in diesem Augenblick vom Dampfer ab, und in seinem Spiegel kauerte die

zitternde, regungslose Gestalt der Jungfrau, die dunklen großen Augen

fest und thränenleer auf das Ufer gerichtet. Obgleich sie die Ursache des

Fürchterlichen gar nicht begriff, was mit ihr vorgegangen, hatte sie doch,

als sie sich an Bord unter den rauhen Männern fand, kaum noch mehr auf

Rettung gehofft, und jetzt, jetzt, wo sie am Ufer die Gestalt des theueren

Vaters erkannte, die befreundeten Männer sah, die ihn umstanden, und den

freudigen Zuruf hörte, der sie begrüßte, da hielt sie die Hände fest

auf das pochende Herz gepreßt und fürchtete fast, daß diese ihr wie

übernatürlich erscheinende Rettung nur ein süßer Traum sei, der ihr beim

Erwachen zerrinnen und sie wieder elend, unendlich elend machen müßte.

Kaum berührte das Boot den Kies, als die Jungfrau auch mit einem

Freudenschrei an's Ufer und in die Arme ihres Vaters flog -- die Indianer,

nie dem Feinde das gegebene Wort brechend, lösten die Bande des Weißen, und

der Elende glitt in scheuer furchtsamer Hast die steile Bank hinab in den

Kahn -- wenige Secunden und das Boot schoß, durch die elastischen Ruder

reißend schnell vorwärts getrieben, wie ein Pfeil durch die Fluth, dem

Dampfer zu -- die Männer kletterten dort an Bord -- der Bug des Fox wandte

sich dem andern Ufer zu, dann stromab, und schnitt nun, unter dem höhnenden

Jubelgeschrei der Indianer und ohne weitere Feindseligkeit gegen die

dunkelen Gestalten am Ufer, den Arkansas hinunter.

Bilder aus Quito.

Wer hat wohl nicht schon von dem hoch in die Cordilleren hineingebauten

_Quito_, der Haupt- und Residenzstadt Ecuadors gehört, wie dort ein »ewiger

Frühling herrsche und eine wahrhaft paradiesische Scenerie das Auge des

Beschauers entzücke.«

Derlei Berichte mögen nun wohl oft übertrieben sein, denn Quito liegt weit

ab von allen Verkehrswegen, und man hat einen langen, mühseligen Ritt von

der Küste aus, um es zu erreichen, so daß es verhältnißmäßig nur selten von

Fremden besucht wird. Aber nichtsdestoweniger lohnt es doch alle die Mühe,

die man darauf verwendet, denn es bietet allerdings manches wunderbar

Schöne, und außerdem haben wir Europäer noch alle Ursache, uns für die

Nachbarschaft zu interessiren, denn gerade aus den Seitenthälern Quito's

erhielten wir die _Kartoffel_, die noch jetzt dort im wilden Zustande,

aber dann mit viel kleineren Knollen, vorkommt, außerdem aber auch in

allen kälter oder höher gelegenen Distrikten Ecuadors auf das Fleißigste

cultivirt wird.

Die Stadt liegt etwa 9500 Fuß (nach Anderen 8800 Fuß) über der Meeresfläche

und fast unmittelbar unter der Linie oder dem Aequator, nur etwa 2½

deutsche Meilen südlich, aber gerade durch ihre Höhe nicht in einem

tropischen, sondern vollkommen gemäßigten Clima. Die dort gezogenen

Produkte gehören ganz der gemäßigten Zone an, und in den Gärten kommt jede

deutsche Blume fort, ja ganze Beeteinfassungen von unsern lieben Kornblumen

und Vergißmeinnicht sah ich dort, freilich aber auch daneben fremdartige

Lilienpflanzen mit weißen phantastischen Blüthen, und andere, dieser Gegend

eigenthümliche Gewächse. In den benachbarten Thälern gedeiht dabei die

Kartoffel, Gerste, Hafer, Waizen, Kohl, Rübe und Hülsenfrucht genau so

trefflich, wie bei uns, und ist mit der billigen Arbeitskraft zahlreicher

indianischer Stämme noch bedeutend wohlfeiler herzustellen, als in

Deutschland.

Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 14 / 16 段