vorher bedacht und vorbereitet. Es galt hier nämlich nicht allein sich
vor schwerer Verantwortung zu schützen, wenn das Gesindel vielleicht den
Whiskey auffing und der Dampfboot-Capitain dann später eine Klage bei dem
Gerichte der Weißen anhängig machte, daß man seinen Whiskey, als verbotenes
Getränk, nicht etwa blos vernichtet, sondern geplündert habe; nein, es galt
auch der Gefahr zu begegnen, daß die, schon überdieß aufgeregten Gemüther,
durch unmäßigen Genuß des süßen Giftes vollständig gereizt und zu
Handlungen getrieben würden, die zwischen weißen und rothen Männern doch
nur zu bösem Blutvergießen führen konnten. Es gab aber, wie schon gesagt,
ein Mittel, das zu verhüten, und der plötzliche und vollständige
Erfolg, den dieses hatte, gab zu den komischsten und groteskesten Scenen
Veranlassung.
Tomson sah nämlich kaum, daß die Seinen dem also preisgegebenen Whiskey mit
jubelndem Freudenschrei zustürmten -- und kein Gott hätte sie, das wußte er
recht gut, jetzt mehr davon zurückhalten können, als er sich rasch zu dem
einen, gerade frisch ausquellenden Fasse niederbog; und die Wirkung, die
sich gleich darauf herausstellte, war in der That fabelhaft. Irgend eine
Veränderung des Whiskeystromes war nicht zu erkennen, die Sonne schien so
freundlich und still darauf hernieder, und die schießende Fluth funkelte
und blitzte in ihrem Glanz wie vorher, aber mit wildem Aufschrei fuhren
plötzlich alle die, die sich eben noch so gierig darüber hergeworfen,
zurück, die Gefäße, die sie in Händen hielten, schleuderten sie weit von
sich, zwischen Andere hinein, daß diese wieder ihrerseits blitzesschnell
auseinander stoben; die Kleider rissen sie sich ab und sprangen wie
besessen umher, und zwanzig oder dreißig wohl, ohne recht zu begreifen, was
mit ihnen vorgegangen und nur dem Schmerz gehorchend, der sie trieb, warfen
sich ohne weiteres in den Strom, tauchten unter, und kamen nachher mit
furchtsam entsetzten Gesichtern wieder zum Vorschein.
Und was _war_ denn die Ursache? -- der Whiskey _brannte_ und die
lichtblaue, im Sonnenstrahl vollkommen unsichtbare Flamme, die sich aber
gleichwohl mit elektrischer Schnelle dem ganzen Spiritus mitgetheilt und
Alles erfaßt hatte, was mit diesem in Berührung gekommen, wurde natürlich
von der erschreckten Schaar nicht eher entdeckt, als sie die Haut brannte
und die Kleider erfaßte.
Zu dem Schmerz der Flamme kam aber auch jetzt noch bei Vielen, welche
die brennbare Eigenschaft des Whiskeys gar nicht kannten, der starre
Aberglaube. Das war der böse Geist, der in dem Feuerwasser hauste und ihre
Glieder sengte; das war der fürchterliche Manito, der sie strafte, daß sie
der Verführung gelauscht und den Trank der weißen Fremden entwendet hätten.
Mit wildem Geschrei wollten sie nach allen Seiten hinaus und ein solcher
panischer Schrecken erfaßte auch jetzt die oben auf der Uferbank Stehenden,
die ebenfalls gar keine Ursache solch plötzlichen Wehrufs erkennen konnten,
daß sie, wie die Uebrigen rasch in die Stadt hineinsprangen und nun bald,
natürlich nichts anderes vermuthend, als einen jähen und feindlichen
Angriff der Weißen, mit allen nur in der Eile aufgegriffenen Waffen zum
vermeintlichen Kampfe zurückkehrten.
Wunderbar gleichmüthig benahmen sich aber vor allen anderen die, die gerade
am meisten bei dem Vorgange betheiligt schienen. Dodge saß in höchster
Gemüthsruhe auf einem seiner Karren, und amüsirte sich, wie sich das gar
nicht verkennen ließ, ungemein über die lebendige Scene wilder Verwirrung,
und selbst Capitain Burkner, obgleich von dem Mate und seinen Leuten
gedrängt, die mit gewaffneter Hand Vergeltung für das geopferte Gut
haben wollten, hielt diese zurück und sagte lächelnd: »er hätte gar nicht
gehofft, seinen Whiskey zu so vortheilhaften Bedingungen abzusetzen.«
Das Entzünden desselben zerstörte ihn übrigens auf das vollständigste --
von den Indianern wagte sich keiner mehr, selbst auf hundert Schritt heran,
und ehe zehn Minuten vergingen, war auch das letzte entweder in den Strom
hinabgeflossen oder von der leckenden Gluth verzehrt worden.
»Nun, Dodge, Ihr ruht ja da gewaltig behaglich auf Eurem Karren, als ob gar
Nichts in der Welt vorgegangen wäre, was _Euch_ interessiren könnte,« sagte
der Capitain endlich zu diesem, als sich die Indianer auf der Uferbank
beruhigt hatten, und er selber die Kiesbank wieder langsam bis zu dem
Karren hinaufgestiegen war.
»Ist auch Nichts vorgegangen,« sagte Dodge, zeigte zwei Reihen blendend
weißer Zähne, und sah mit dem einen Auge den Capitain und mit dem andern
das Pferd an, das schläfrig vor dem Karren stand und sich nicht im
mindesten um all das rege es umtosende Treiben bekümmerte -- »ist gar
nichts vorgefallen -- blos ein Bischen Whiskey verbrannt -- noch mehr in
Little Rock. -- Capitain Burkner kann sich anderen holen!«
»Capitain Burkner?« wiederholte dieser verwundert, »Capitain Burkner hat
mit _dem_ Whiskey gar nichts mehr zu thun, mein Bursche; überlieferte und
übernommene Waaren gehn den Dampfboot-Capitain, wie Ihr wohl recht gut
wißt, nichts mehr an.«
»Dodge wird nicht so dumm sein und Whiskey annehmen, wenn Tcha-to-ga, der
tolle Büffel, gesagt hat, Whiskey soll Berg hinunter laufen -- Tcha-to-ga
ist Hund -- aber er lügt _nie_! Dodge ist sehr gleichgültig, ob Whiskey
brennt oder ersäuft.«
»Hallo, mein Freund,« sagte aber jetzt, dem Halb-Indianer einen Schritt
näher tretend, der Capitain -- »pfeift der Wind aus _der_ Richtung? gut,
dann ist's besser, ich schenke Dir gleich reinen Wein ein, damit wir
wissen, wie wir zu einander stehn. Kennst Du dieses Papier hier, he? --
weißt Du, was hier -- sieh wohl her -- weißt Du, was hier steht? -- »Ich
betrachte die Waaren als von mir und auf meine Verantwortung übernommen,
sobald sie das Dampfschiff verlassen haben und auf die Uferbank
hinaufgerollt sind« -- nun? -- noch irgend etwas zu bemerken? -- Die
Schrift hier ist _gültig_ -- zwei Advokaten, und Deine Häuptlinge Tomson
und Ko-ha-tunk haben sie unterzeichnet, und ich will jetzt nur sehen, ob
Deine Farm beim Dorfe der Creeks nicht so viel werth ist, als sechzehn
Fässer ächter Monongehela Whiskey.«
»_Sechzehn?_« lachte der Halb-Indianer, und der ganze Ausdruck seines
Gesichts nahm, als er auf die brennenden Ueberreste der Fässer deutete,
einen eigenthümlich wilden, boshaften und tückischen Charakter an --
»sechzehn, so? und Dodge zählte nur -- doch -- =nebber mind= -- =by'm by=
kommt Alles -- ist Capitain Burkner klug?«
»Bursche!« drohte dieser.
»Gut -- wenn Capitain Burkner klug, wird er wissen, Indianer sehr gut eine
Fährte folgen. Indianer weiß -- sobald er in Schnee Bärenspuren findet --
wenn er an einem Ende ist, muß Bär am andern sein -- kann nicht fortfliegen
von Spuren. Dodge ist Indianer -- Dodge fand große Bärenspur und Dodge kann
nachgehen, Schritt bei Schritt.«
»Und was soll das hier?«
»Weiße Mann hat ein Papier -- Dodge hat seinen Namen drunter geschrieben --
Dodge war ein großer Narr -- Dodge weiß auch ein Papier -- weißer Mann hat
_fremden_ Namen drunter geschrieben und weißer Mann war auch ein großer
Narr --«
»Die Pest über Dich, Schuft, was soll das heißen?« rief der Capitain
ärgerlich, aber augenscheinlich beunruhigt -- »ich habe Deine Unterschrift,
in der Du erklärst, jedes Stück Gut, was ich für Dich von meinem Boot aus
oben auf die Uferbank geschafft habe, als übernommen anzusehn. Kannst Du
das läugnen?«
»Nein --«
»Gut, so weißt Du auch, daß ich _den_ Schein nur dem Gericht der Weißen zu
überliefern habe, und Dein Haus und Feld bürgt mir dann für die Bezahlung
meines Whiskeys.«
Der Halb-Indianer stieß ein tiefes Grunzen aus, faßte dann den Karren,
auf dem er saß, mit beiden Händen, und schlenkerte seine Beine aus
Leibeskräften.
»Ugh -- weiße Mann ist ein Thor,« sagte er nach einer Pause, in der ihn
Burkner aufmerksam und mit verbissenem Zorn beobachtet hatte --
»giebt Indianer ein gut Reifel in die Hand, und kommt dann mit kleine
Scalpirmesser gegen ihn an -- Dodge weiß besser!« und sein eines
Auge schaute den einen Neger an, der dicht daneben mit seiner großen
Karrenpeitsche knallte, während das andere die westwärts ziehenden Wolken
zu betrachten schien.
»Verstehst Du Dich gutwillig dazu, mir den zerstörten Whiskey zu bezahlen
oder nicht?« sagte der Capitain endlich, und sein Blick haftete in bitterem
Ingrimm auf dem boshaft kalten Auge des Wilden -- »gieb kurze Antwort, denn
in wenigen Minuten bin ich unterwegs, und Du weißt, der Arm der Vereinigten
Staaten ist lang -- er reicht bis weit über die Felsengebirge hinaus zum
stillen Meere, und erdrückt, was sich seinen Söhnen _hier_ feindlich oder
widerspenstig entgegen stellt. Willst Du, oder nicht?«
Dodge glitt von seinem Sitz herunter, trat bis dicht an den Capitain heran,
legte diesem in kecker Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter und sagte
leise, aber bestimmt:
»Nein -- und noch mehr, Capitain -- Dodge ist schuldig zwei Fässer vom
vorige Mal -- zahlt auch nicht -- und weshalb? -- Dodge weiß prachtvolles
Geheimniß vom weißen Mann -- hat weißer Mann schon Strick um Hals gehabt?
-- Ugh -- ist häßliches Gefühl, weißer Mann hat falsch Papier gemacht --
soll Dodge nach Little Rock gehen und das vorlegen?«
»Schuft!« rief der Capitain durch die zusammengebissenen Zähne hindurch.
»=Nebber mind -- by'm by!=« -- lachte der Wilde, ohne sich an das Wort
weiter zu kehren -- »aber, Capitain --« und seine Stimme wurde zu einem
leisen Flüstern, während er den Blick rasch umherwarf, und sich dicht zu
dem Ohr des weißen Mannes hinüberbog -- -- »Dodge weiß ein Mittel für Euch,
das Geld zu kriegen!«
Burkner sah ihn mißtrauisch an, es lag aber so viel boshafte teuflische
List in diesem Augenblick in den Zügen des Gelben, daß er wenigstens nicht
an dem ernsten Willen des Mannes zweifelte -- als er schwieg, fuhr Dodge
ebenso leise fort:
»Kennt der weiße Mann Tcha-to-ga -- den tollen Büffel?«
»Das ist gerade der Schurke, der mir die ganze Verhandlung zu leiten
schien!«
Dodge nickte mit freudigem Grinsen den Kopf und zischte weiter:
»Sein Wigwam ist letzter vom Dorf -- zwei Meilen von hier, gerade wo kleine
Arm von Red Fork in Arkansas kommt -- Dampfboot-Holz an Ufer, große Stange
und Scalpe dran -- Tcha-to-ga, gewaltiger Häuptling -- aber _Hund_ -- hat
Dodge peitschen lassen -- schadet nichts -- =by'm by= --«
»Aber was soll's mit dem?« frug Burkner gespannt.
»Weißer Mann Thor -- begreift schwer,« brummte der Halb-Wilde --
»Tcha-to-ga hat Tochter -- einzig Kind, und ist ein Indianer -- zahlte
lieber funfzig Faß, eh' er A-na-las-ka, die schwankende Birke, auf zwei
Stunden in Gewalt von Weißen sähe -- hah!«
»Schlange,« rief der Capitain, »Du willst mich auf falsche Fährten locken,
daß ich _Deine_ Spur verlieren soll und nachher keine Ansprüche mehr an
Dich machen könnte. Mag Tcha-to-ga zum Teufel gehen, _Du_ bist der Mann, an
den ich mich halte.«
»Ah tiesch ti,« lachte höhnisch der Gelbe, »Papier gegen Papier -- das
gleiche Waffe ist -- Blaßgesicht weiß best, ob Dodge Recht finden kann oder
nicht -- =by'm by=!«
Er wandte sich ab und wollte in die Stadt hinein, Burkner aber, der die
finstere Entschlossenheit in des indianischen Händlers Zügen sah, und zu
spät bereute, dem listigen Feind die Waffen gegen sich selber in die Hände
gegeben zu haben, ergriff Dodge's Arm, während dieser lächelnd stehen blieb
und über seine Schulter weg nach dem Fluß hinüber schaute.
»Tcha-to-ga ist Dein Feind?« frug lauernd der Weiße.
»Er ist ein Hund,« lautete die finstere Antwort.
»Und Dodge wird seine weißen Freunde führen und unterstützen?«
»Dodge geht nach Hause -- er weiß nicht, bei was er das Blaßgesicht
unterstützen soll,« knurrte der Wilde, und ohne eine weitere Erwiederung
abzuwarten, machte er sich von der Hand des Capitains los, und verschwand
bald darauf mit seinen Wagen in der Straße, die durch die Stadt hin dem
Inneren des Landes zuführte. Die Bevölkerung des kleinen Ortes war, wie
sich das gar nicht verkennen ließ, gegen den Weißen sowohl wie auch gegen
ihn, da er doch mit die Ursache des ganzen Vorfalls gewesen, gereizt, und
er mochte nicht, durch zu langes Zögern vielleicht, das Ziel werden, gegen
das sich der Ausbruch ihres Zornes richten mochte.
In dumpfes zürnendes Brüten versenkt, blieb der Capitain, seinem eigenen
Nachdenken überlassen, am Ufer zurück -- und er stampfte in ohnmächtiger
Wuth den Boden, wenn er daran dachte, wie machtlos er jetzt hier, der
Weiße, Amerikaner, den grinsenden »rothen Hunden« von Indianern gegenüber
stände. Sollte er, ein Spott und Gelächter dieser »kupferfarbenen Bande,«
den Ort verlassen? und blieb ihm eine andere Möglichkeit, Genugthuung für
den Schimpf sowohl als Ersatz für den Schaden zu bekommen? -- An Gewalt
_hier_ durfte er nicht denken; er hätte wohl sein eigenes Boot selbst gegen
eine Uebermacht vertheidigen können, aber an's Land durfte er sich nicht in
feindlicher Absicht wagen; die verschiedenen Trupps, die kampfgerüstet
und bewaffnet überall auf den einzelnen und höchsten Punkten der Uferbank
zerstreut standen, würden seine kleine Schaar schon durch ihre Ueberzahl
erdrückt haben -- und die _Gesetze_ -- _er_ hatte dagegen gehandelt, und es
blieb ihm nur wenig Hoffnung, daß ihm der Staat da beistehen würde, wo er
sich selbst im Unrecht fühlte.
»Zur Hölle mit dem Gesetz,« murmelte er leise vor sich hin -- »hätt' ich
nur zwanzig Hände mehr an Bord!«
»Capitain,« sagte da die Stimme des Mate, der an's Ufer gekommen war, den
Zögernden aufmerksam zu machen, wie der Fluß wirklich noch im Fallen und
die Gefahr also vorhanden sei, daß sie auf dem Sande könnten zurückgelassen
werden -- »wenn wir noch länger warten, steh' ich für nichts.«
»Soll ich den Whiskey hier im Stich lassen, und nicht meine Rache an den
rothen Hunden nehmen können?« rief zürnend der Amerikaner.
»Ugh!« rief plötzlich ein tiefer Gaumenlaut dicht an seiner Seite, und als
sich Burkner rasch wandte, stand Tcha-to-ga neben ihm und schaute finster
und wild zu ihm nieder -- »Ugh -- das Bleichgesicht schreitet in den
Fährten des rothen Mannes und tritt seinen Schatten mit Füßen -- er speit
auf die Gräber seiner Väter und nennt die Kinder _Hunde_. Tcha-to-ga sieht
einen Wolf und die Kriegskeule regt sich in seiner Hand!«
Der Weiße warf einen Blick voll giftigen Hasses auf den alten Mann und der
Gedanke an den gerathenen Raub zuckte ihm durch's Hirn.
»Tcha-to-ga ist ein Thor,« zischte er endlich durch die zusammengebissenen
Zähne hindurch, »daß er den Wolf noch reizt, der seine rechte Hand doch
zwischen den Fängen hält!«
Der Indianer stutzte -- es lag ein eigner Ausdruck, ein zu sicheres
Bewußtsein in den Worten, als daß sie der alte schlaue Krieger hätte
mißachten sollen -- aber was konnten die dunklen Worte bedeuten?
»Bah!« sagte er endlich verächtlich -- »der weiße Mann hat die Zunge des
Hehers -- er äfft die Stimme des Raubvogels nach, und sucht Würmer auf den
Zweigen. Tcha-to-ga ist reich -- aber er gäbe Alles hin, was er besitzt,
wenn seine Augen nicht mehr auf den bleichen Gesichtern der Fremden zu
ruhen brauchten -- ihr Anblick ekelt ihn an!«
Es lag ein bitteres Wort auf Burkners Lippen, die stahlbewehrte Keule ruhte
aber so fest in des zürnenden Kriegers Hand, daß er dem Grimm, der in ihm
kochte, nicht Worte zu geben wagte -- desto gährender wuchs der aber auch
mehr und mehr in ihm -- desto heißer trieb und drängte die rachedürstende
Seele nach Befriedigung ihrer Leidenschaft -- nur die Furcht hielt ihn noch
zurück. Wie dann, wenn er die Indianer hier in ihrem eigenen Lande
thätlich beleidigte und -- verlor? -- Sein scheuer Blick schweifte fast
unwillkürlich nach den Scalpstreifen nieder, die mit dem flatternden
Haupthaar an Tcha-to-ga's Leggins hingen. Dem Häuptling entging aber der
Blick nicht -- ein höhnisches Lächeln umzuckte seine Lippen und er sagte:
»Der weiße Mann nennt die rothen Kinder Manitos _Hunde_, aber er sieht
scheu nach den Spuren, die sie im Sande zurücklassen -- geh! Tcha-to-ga's
Arm hat den falschen Creek Indianer gestraft, weil er der rothen Frucht
gleicht, die Labung verspricht und die Zunge brennt -- Tcha-to-ga ist stark
und der weiße Mann ein Thor!«
»Wenn ich dem Schuft nur eins zwischen die schwarzen Augen hineindrücken
dürfte!« brummte der Mate halblaut vor sich hin -- »hui, wie mir's in den
Gelenken juckt!«
»Tcha-to-ga ist ein Dieb, der dem Weißen sein Gut raubt, weil er vielleicht
selber heimlich damit handelt!« rief eben jetzt der Capitain, der zum
Aeußersten gereizt und getrieben, seine Wuth nicht länger mäßigen konnte,
und ihr wenigstens Worte geben mußte.
»Das _lügt_ das Bleichgesicht!« zürnte der Krieger und richtete sich, die
Falten des Büffelfells von seinem rechten Arm zurückwerfend, hoch auf.
Durch den Wortwechsel herbeigelockt, näherten sich von rechts und links her
einige der bewaffneten und jetzt noch vereinzelten Trupps, und der Mate,
nicht mit Unrecht bei einem so ungleichen Kampf für ihre Sicherheit
besorgt, ergriff den Arm des Capitains und flüsterte ihm zu, an Bord
zurückzukehren. Capitain Burkner sah auch selbst wohl ein, wie gefährdet
er hier unter den wilden drohenden Gestalten sei, aber sich nicht versagen
konnte er es, den Feind wenigstens die Waffe fühlen zu lassen, die er,
gerade gegen ihn, in Händen halte:
»Es ist gut, Tcha-to-ga,« rief er boshaft lächelnd aus und wandte sich,
im Gehen begriffen, noch einmal nach diesem um -- »aber ehe die Sonne
untergeht, die dort schon im Westen über den Wipfeln der Bäume hängt, zahlt
mir der _tolle Büffel_ den Preis für den Whiskey -- und _mehr_ noch, wenn
ich es verlange oder -- der weiße Mann macht sich selbst bezahlt!«
Und mit raschen Schritten eilten die beiden Männer an Bord ihres
Bootes. Hier aber standen die Deckhands, auf des Mate's Befehl, schon
zu augenblicklicher Abfahrt bereit, das eine Tau wurde rasch gelöst, die
Planke eingezogen, der bis jetzt der Strömung zugekehrte Bug fuhr herum,
und wenige Minuten später schoß das Boot mit der Strömung hinab, und so
dicht am diesseitigen Ufer hin, als es das hier nicht übermäßig tiefe
Fahrwasser nur irgend erlaubte.
Tcha-to-ga aber hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede Bewegung
des Bootes beobachtet, und jetzt war es auf einmal, als ob ihn zum ersten
Mal der Gedanke an die Gefahr durchzuckte, der seine eigene Heimath
preisgegeben sei, wenn die weißen Männer während seiner Abwesenheit dort
landeten. Ein eigenthümlich ausgestoßener, scharf gellender Ton rief mit
Blitzesschnelle eine Anzahl der jungen Leute an seine Seite -- einige
rasche Worte genügten -- fort stob die Schaar, im Laufe noch Andere
anfeuernd, aufmunternd, und als das Boot, das allerdings zu Wasser eine
kürzere Bahn hatte, wie sie, die sie der vollen Biegung des Stromes am Ufer
folgen mußten -- kaum der jenseitigen Spitze gegenüber war, sprengte auch
schon eine Anzahl ungesattelter Ponneys, die rothen kecken Reiter mit den
wehenden Federn und Büffelhäuten auf ihren Rücken, in flüchtigen Sätzen am
Ufer hin, der Wohnung ihres Häuptlings Tcha-to-ga zu.
* * * * *
Etwa zwei englische Meilen unterhalb Redtown, mündete ein kleiner Bach,
oder eigentlich eine Art Bayo in den Arkansas, die nicht weit vom Creekdorf
ab, aus der Red Fork selbst entsprang und nur bei hohem Wasserstande dessen
Bett die rothlehmige Fluth entführte und dem größeren Strome zu leitete.
Hier lag, ziemlich einsam und abgeschlossen, Tcha-to-ga's, des tollen
Büffels, Hütte, wohl eine halbe Meile von den letzten Häusern, oder
vielmehr Wigwams, des kleinen Städtchens entfernt, denn der untere Theil
desselben war fast ganz indianisch und wurde sogar noch von Insassen
bewohnt, die nicht selten, dem alten Nomadenleben treu, ihre Heimath
gänzlich wechselten, die Zelte auf die Rücken ihrer Lastthiere warfen und
dorthin zogen, wo die frischen Spuren der Büffel ihnen Nahrung und Jagdlust
versprachen.
Tcha-to-ga dagegen hatte sich für einen nicht unbeträchtlichen Theil der
Summe, welche die Vereinigten Staaten an alle Häuptlinge als Entschädigung
der östlich vom Mississippi in Besitz genommenen Ländereien ausgezahlt,
Neger-Sclaven gekauft und durch diese eine vortreffliche Farm, die sich
eine volle englische Meile am Flußufer hinunterzog, anlegen lassen. Er
selbst aber arbeitete natürlich nichts; als Häuptling lag ihm nur die
Bekämpfung der Feinde und die Jagd ob, und am Berathungsfeuer lauschten die
jungen Männer des Stammes mit athemlosem Schweigen seinen Worten.
Eigenthümlich war dabei die Mischung von Civilisation und alter
ursprünglicher Lebensweise, die besonders auffallend in seiner eigenen
Wohnung wurde. Mit Widerstreben nur hatte er nämlich alles das angenommen,
was die »bleichen Männer« den rothen Kindern der Wälder von Sonnenaufgang
gebracht. Lange hing er mit kaum zu besiegender Hartnäckigkeit an den alten
Gebräuchen, Sitten und Geräthschaften seines Stammes, und wich nur Schritt
für Schritt den wirklichen Verbesserungen menschlicher Zustände, die sein
sonst gesunder und leicht empfänglicher Sinn doch recht gut zu würdigen
wußte.
Zuerst war es die Schießwaffe der Weißen gewesen, deren Vorzug gegen den,
tausend Zufällen unterworfenen, Bogenschuß er doch nicht ableugnen konnte;
auch den Stahl hatte er zu gleicher Zeit vortrefflicher für Waffe und
Werkzeug erkannt, als den schwer zu bearbeitenden Feuerstein, und manches
fand solcher Art und ganz allmälig den Weg in seine Wohnung, was er im
Anfang, als seinem Stamme feindlich, verschmäht und verachtet hatte.
In diesem Sinne schien er auch seine Hütte erbaut zu haben. Wohl den Vorzug
erkennend, den das feste, solide, auf kräftigen Stämmen ruhende Dach
gegen den schwanken, leicht beschädigten Wigwam haben mußte, errichtete er
endlich für sich selbst ein solches Haus, aber nicht um darin zu wohnen,
sondern um seinem eignen Wigwam, den er jetzt ganz nach der Sitte seiner
Väter im Innern aufstellte, Schutz gegen Sturm und Wetter zu verleihen.
Von außen glich also das Gebäude gänzlich einer der geräumigen westlichen
Blockhütten, wie sie in den Ansiedlungen der Weißen von Baumwollen- und
Maisfeldern umgeben liegen; kaum aber betrat der Fremde den, durch eine
hölzerne Thür verwahrten niederen Eingang, als er sich plötzlich inmitten
einer indianischen Fellhütte sah, in deren Mitte an schwankenden Stäben der
große _eiserne_ Kessel hing, und von wo aus der Rauch zu einem riesigen,
mit wunderlichen Zierrathen behangenen und geschwärzten Büffelkopf
emporstieg, diesen umkräuselte und durch die über ihm gelassene Oeffnung
seinen Weg in's Freie suchte. Ueber dem Rauchfang aber, an langer, wohl
dreißig Fuß hoher Stange, von Adlerfedern und anderem symbolischen Schmuck
umweht, hingen und flatterten die Scalpe der von Tcha-to-ga's eigener
Hand erschlagenen Krieger -- eine fürchterliche Siegstrophäe über der
friedlichen Heimat.
Die Sonne neigte sich ihrem Untergang -- tief nach Westen sank sie hinab,
und die Gipfel der stattlichen Baumwollenholzbäume, die sich dicht um die
Lichtung herum dem Ufer wieder zudrängten, glühten und leuchteten in dem
rosigen Licht. Aus dem niederen Sumpfland zogen leichte dunstige Schwaden
heraus und strichen wie dünne Nebelwolken über die ruhig dahin strömende
Fluth hin. Die Krähen und Blackbirds strebten schon gen Westen ihren
altgewohnten Lagerplätzen zu und die langen Schatten der Waldriesen fielen,
über Feld und Hofraum hinüber, bis weit in den blinkenden Strom.
Tcha-to-ga's Hütte lag ziemlich still und fast wie verlassen, nur weit
hinten im Feld arbeiteten die Neger mit einigen indianischen Squaws, und
dicht neben dem Haus flogen, in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen,
Schaufeln voll Erde aus einem frisch gegrabenen Loche heraus und verriethen
den Platz, wo der Häupling, nach Art der Weißen, einen Keller graben ließ,
um über diesem später noch einen kleinen Nachbar-Wigwam zu bauen. Dicht
vor der Thür des Hauses waren zwei Negermädchen mit der Zubereitung einer
großen aufgespannten Büffelhaut beschäftigt, an der sie die Fleischseite
mit scharfen Steinen abrieben, um sie dem Gerbestoff leichter zugänglich zu
machen, und ein alter Neger zog eben, mit Anstrengung aller seiner Kräfte,
ein leichtes Canoe aus dem Strome herauf an die höhere Uferbank, weil ein
Dampfboot -- dasselbe, was einige Zeit bei Redtown gelegen -- gerade
auf diese Seite des Ufers zukam und den kleinen Kahn leicht mit seinen
Ruderschaufeln zerdrücken, oder wenigstens füllen und sinken machen konnte.