herausgeben; das Nämliche wagen sie nicht zum zweiten Male,« lachte der
Dampfbootscapitain -- »hahaha, Dodge, ich habe damals, das heißt unter uns
gesagt, einen verdammt klugen Streich ausgeführt. In Little-Rock wollten
sie von meiner Klage Nichts wissen, und da sie hier von Papieren verdammt
wenig verstehen, so -- doch -- das thut Nichts zur Sache, und ob Du das
weißt oder nicht.«
Der Halbindianer begriff aber nicht so ganz schwer, als der Amerikaner
vielleicht vermuthete; ein tückisches Grinsen verzog wenigstens für einen
Moment, aber auch nur so lange, seine Züge, die Sorge für das gefährdete
Gut wurde bald wieder überwiegend, und er fuhr mit leiser, ängstlicher
Stimme fort:
»Dann werden sie die Waare zerstören.«
»Sie sollens wagen,« knurrte der Capitain mit finster zusammengezogenen
Brauen, »meine Leute sind lauter gute Schützen und dann -- hehehe -- geh
ich denn nicht auf die Thorheit wirklich ein? Diese halb civilisirten
Burschen haben etwas ungemein Nützliches in hohem Grade gelernt, die
_Bedenklichkeit_ -- sie wagen es _nicht_.«
»Wenn aber doch?« wiederholte der vorsichtige Halbwilde seine frühere
Befürchtung -- »will der Weiße sein Feuerwasser preis geben?«
»Capitain,« sagte in diesem Augenblicke der Lootse des Fox und öffnete die
kleine Glasthüre, die hinaus auf den Gangweg führte, auf dem die beiden
Männer standen -- »oh ich störe wohl« -- er wollte eben wieder zurück,
Capitain Burkner streckte aber die Hand nach ihm aus --
»Bitte, Pilot, bleiben Sie doch einen Augenblick hier, ich muß Ihnen
etwas mittheilen, bleiben Sie nur, ich habe hier nichts Geheimes mehr zu
verhandeln und -- =prenez garde=« -- setzte er dann mit einem von Dodge
nicht bemerkten Blick in französischer Sprache hinzu, von der er glauben
konnte, daß sie der Halbindianer nicht verstehen würde.
Der Pilot kannte seinen Capitain zu gut, um nicht rasch zu begreifen, was
Jener ungefähr beabsichtige und trat deshalb, einen Fuß auf den Schutz
stemmend, der um den Gangweg herum lief, auf den Radkasten zu, von wo
aus er, wie in Gedanken vertieft, nach dem Strom und dem jenseitigen Ufer
hinausschaute.
»Wie sagtest Du vorher, Dodge?« frug jetzt Capitain Burkner, als ob er die
Rede seines »Geschäftsfreundes« nicht verstanden habe.
Dodge hob den Kopf empor, obgleich ihn aber Burkner scharf fixirte, konnte
er doch nicht genau bestimmen, auf wem, ob auf ihm oder dem Lootsen, sein
Blick gerade ruhe; denn auf allen Beiden haftete eines der unheimlichen
dunklen Augen des Wilden; endlich erwiederte dieser mit einem spöttischen
Zucken um die Lippen:
»Will der Weiße Feuerwasser preis geben, wenn Tcha-to-ga es nimmt?«
»Ja« -- lautete die mit einem Blick auf den Lootsen gegebene Antwort --
»so lange ich es in Verwahrung habe -- hast _Du_ es aber erst einmal
_übernommen_, dann gehört es Dein und geht mich Nichts weiter an.«
»Gut,« sagte Dodge -- »wollen sehen.«
»Aber halt, noch eins, mein Bursche,« rief ihm der Capitain nach, als er
schon die Starbord Cajütentreppe hinunter an Deck springen wollte. »Ging
es denn gar nicht an, daß ich die Red Fork hinauf bis gleich zu Eurem
Dorf, oder doch wenigstens ein Stück hinaufführe? nachher brauchten wir den
ganzen Streit mit Denen in Redtown nicht und könnten sie noch hinterdrein
auslachen.«
»Geht nicht,« sagte Dodge und stieg die letzten Stufen der kleinen Treppe
hinunter -- »nur vierzehn Zoll Wasser auf Sandbank, und Fox zieht zwanzig.«
»Ei so geh zum Teufel,« brummte Burkner leise vor sich hin, als er sich
scharf auf seinem Absatz herumdrehte; »Du bist mir gut genug für funfzehn
Fässer, und schützen mich die Vereinigten Staaten auch nicht in einer Klage
auf Schadenersatz für, in das Indianische Territorium geführten Whiskey,
so thun sie es jedenfalls bei einer _Schuldforderung_, die ich an einem
der rothhäutigen Ansässigen darin halte. Ihr habt doch gehört, was wir mit
einander abgemacht, Pilot?«
»Ja,« erwiederte dieser, »aber ich sehe nicht ein, was Ihnen das helfen
soll -- der Bursche ist schlau genug den Whiskey nicht eher wirklich zu
übernehmen, als er sich vollkommen sicher weiß.«
»Haha,« lachte da Burkner, »er _hat_ ihn aber übernommen, sobald ich ihn
an's Ufer geschafft habe; unser _schriftlich_ abgefaßter Contrakt, noch
von früherer Zeit her, lautet dahin; im äußersten Fall also hätt' ich
wenigstens einen Rückhalt, aber ich denke auch noch selber mein gutes Recht
vertheidigen zu können -- es ist überdieß die letzte Fahrt, die ich mit dem
Fox, als dessen Capitain mache, und der nach mir Kommende mag später sehen,
wie er mit den Eingeborenen selber fertig wird.«
»Capitain Burkner,« rief in dem Augenblick vom Deck aus die Stimme des
Mate[6] -- »Alles fertig -- können wir anfangen?«
[6]: Der Mate oder Steuermann, der zweite im Befehl nach dem Capitain
auf allen Fahrzeugen.
»Sind denn die Karren da, die Dodge schicken wollte?« frug der Angerufene
zurück, indem er selbst nach dem Boilerdeck zuschritt.
»Da kommen sie eben aus der Straße heraus,« sagte der Mate, und kletterte
vorne am Lastrad, das gerade über der Luke vor dem Boilerdeck angebracht
war, zu diesem hinauf; »ich denke wir schaffen am besten das Mehl und den
Whiskey gleich hinaus, und hielten uns dann nicht mehr überlang hier oben
auf; erstlich fühlt man sich zwischen den rothen Hallunken nie ganz wohl,
und dann hätt ich auch gern, daß wir vor Dunkelwerden über die letzte
Sandbank zurückkommen; unser alter Fox hält nicht mehr viel Püffe aus und
das Wasser fällt. Wird es aber nur noch drei Zoll niedriger, als es schon
ist, so bleiben wir ohne Gnade und Barmherzigkeit sitzen, ich habe selbst
das Senkblei ausgeworfen, und weiß, wieviel Raum wir haben müssen.«
»Nun dann bleibt mir ja nicht einmal mehr _Zeit_ zum Ueberlegen,« sagte der
Kapitain rasch, »gut denn, Mate, geht ans Werk und seht, wie bald Ihr Eure
Arbeit beenden könnt.«
»Soll nicht lange dauern, Sir,« erwiederte dieser, augenscheinlich
zufrieden mit der erhaltenen Antwort. »Holla da unten, Ihr Ben, Virginny,
he Ned' -- aus mit den Fässern; Ihr schafft sie an Deck und die Feuerleute
schaffen sie ans Ufer -- munter, rührt Euch, Donnerwetter, schlaft da unten
nicht ein mit den Haken -- dauert das eine Ewigkeit.«
»Ay Ay, Sir!« lautete die Antwort der geschäftigen Arbeiter -- während
ihr »A oy-- i!« mit dem vollen Accent auf der letzten, hoch und scharf
ausgestoßenen Silbe weit hin über das Ufer klang und die kleine fröhliche
Schaar der indianischen Kinder, Knaben und Mädchen im Nu verlockte, auf
einer dort ans Land gezogenen alten und halb verfaulten Pirogue[7] alle
Bewegungen und Laute nachzuahmen, die sie als Muster von dem vor ihnen
liegenden Dampfboot sehen und hören konnten.
[7]: Eine große Art von Canoe.
Mehlfaß an Mehlfaß stieg jetzt aus dem engen »Hold« des Dampfbootes auf und
wurde von den rußigen Händen der Feuerleute eben so rasch über die schmale,
schwankende Planke hin ans Ufer gerollt, wo die verschiedenen Käufer, die
großentheils schon im Fort Gibson den Handel mit dem Capitain abgeschlossen
hatten, das ihre entweder wieder in Canoes nehmen ließen, um es selber mit
stromab oder auf zu nehmen, oder auch gleich, falls sie in der Stadt hier
wohnten, die einzelnen Fässer selber durch ihre Squaws in die benachbarten
Wohnungen wälzen ließen.
Indessen arbeitete die Mannschaft des Fox rüstig fort, und laut hin
schallte der Chorgesang der Arkansas Boote:
»=If we go down to New-Orleans
And land her on long side,
There wi'll discharge our cargo
All to our captain's pride;
There wi'll discharge our cargo,
Without any dread or fear,
And damn my eyes if I do'nt knock down
The man that insults my dear.=«
Und dann der Chor, während sich die Heraufziehenden mit erneuten Kräften in
die Seile hingen und nach dem Takt mit den Händen wechselten:
»=Little Rock in Arkansaw
The damnest place I ever saw
Little Rock, oh bless my soul
A miserable wolfish hole=«
Während die Leute hiemit auf das emsigste beschäftigt waren und Mehl und
Pökelfleisch, Salz, Blei, Pulver, wollene Decken und Stangen rohen Eisens
-- denn es gab unter den Cherokesen und Chocktaws schon recht wackere
Schmiede, die das Letztere wohl zu jedem Gebrauch verarbeiten konnten --
an's Ufer schafften, hatte sich oben unter den Neugierigen auch eine
Gruppe von Männern gebildet, die das ganze Verfahren an Bord des Fox mit
augenscheinlich weit größerem Interesse beobachteten. Es waren dieß die
Häuptlinge Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk -- die große Krähe, ein
anderer »=chief=,« der zu den Angesehensten des Ortes gehörte, und bei den
Berathungen ebenfalls eine ziemlich entscheidende Stimme abgab. Diese drei
nun standen zusammen und schauten schweigend nach den Fässern hinüber, wie
sie aus dem »Hold« emporstiegen, und noch hatte keiner von ihnen auch nur
eine Silbe geäußert, als Tcha-to-ga plötzlich ein lautes und tief aus der
Kehle heraufgeholtes _Wah!_ ausstieß, und mit der Hand nach der Bootsluke
deutete.
An der Kette, von den beiden kräftigen Haken gehalten, schwang eben ein
starkes Faß empor, und der rothangestrichene[8] Boden desselben verrieth
nur zu deutlich was es enthalte.
[8]: An den Whiskeyfässern in den ganzen Vereinigten Staaten ist stets
der eine Boden zinnoberroth angestrichen.
»Wah!« sagte Tcha-to-ga und deutete hinab -- »die Weißen bringen dem rothen
Mann seine Farbe, aber die Kinder Manitos sind nicht blind; sie können
einen Truthahn-Geier wohl von einem Truthahn unterscheiden -- kommt! --«
Und ohne weiter eine Antwort der anderen Beiden die noch unentschlossen zu
sein schienen, abzuwarten, schritt er rasch die ziemlich steile Bank zum
Boot hinab. Tomson und Ko-ha-tunk zögerten aber auch nur einen Moment, und
noch war ihr kühnerer Gefährte nicht in Sprungslänge von ihnen entfernt,
als sie ihm ebenfalls folgten und nun mit ihm zugleich, gerade in
dem Augenblick die Planke erreichten, als Einer der Deckhands das
vorhererwähnte Faß, dem schon ein anderes ähnliches in der Luke folgte,
an's Ufer rollen wollte.
Der Capitain stand, seine Cigarre rauchend, oben vorn auf dem Hurricanedeck
und schaute mit vorgebogenem Körper, während er sich mit der linken Hand
an einen der starken Drähte hielt, die den großen eisernen Schornsteinen
Festigkeit geben müssen, nach vorn herunter.
»Halt!« sagte da Tomson, der am besten von den Dreien Englisch sprach, und
legte dabei seine große breite Hand auf das Faß. Der Deckhand blieb stehn,
und sah erstaunt zu ihm auf -- »rollt das Faß zurück.«
»Halloh da unten!« rief jetzt der Capitain, der etwas Aehnliches schon
erwartet haben mochte, vom oberen Deck nieder -- »was giebts da? he,
Tomson, was solls?«
»Capitain Burkner« erwiederte Tomson, und trat einige Schritte zurück, um
zu dem Capitain besser aufschauen zu können, »dürft keinen Whiskey hier
an's Ufer schaffen -- ist gegen das Gesetz!«
»O Unsinn, Tomson« lachte Burkner -- »Ihr habt dieselbe Geschichte schon
einmal gehabt -- Ihr braucht ihn ja nicht zu trinken; das Gesetz ist gegen
das Trinken, nicht gegen das in Fässern halten. Whiskey ist auch gute
Medicin, zum Einreiben und Waschen. Mach fort, Virginny -- roll' es zu den
übrigen hinauf, aber etwas mehr links -- es wird gleich abgeholt.«
Virginny, wie ihn der Capitain nannte, war eine wunderliche Gestalt, mit
langem, sonst bei den Amerikanern höchst ungebräuchlichen Schnurrbart, dem
ein um den Kopf geschlungener dünner Shawl dabei noch etwas Muselmännisches
gab -- er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten. Kaum hörte er
des Capitains Befehl, als er sich niederbog, die breite Schulter gegen das
Faß stemmte, und seine Arbeit auf's Neue begann.
»Halt!« sagte aber da Tomson, dessen Antlitz jetzt einen ihm sonst nicht
so eigenen Ausdruck von finsterer Entschlossenheit angenommen hatte -- »Ihr
dürft nicht weiter gehen -- zurück da, weißer Fremder, dieß Land gehört dem
rothen Manne!«
»Rothen -- Narren hätt' ich bald gesagt,« brummte Burkner, »wir wollen ja
weder Euer Land, noch sonst etwas von Euch, Mann, im Gegentheil, wir wollen
Euch etwas _bringen_, und Ihr macht einen Lärm als ob Euch das größte
Unglück passiren sollte. Kommt einmal herauf, Tomson und laßt den Burschen
seine Arbeit thun.«
»Das Gesetz,« sagte aber der Indianer ernst und seinen Platz behauptend,
»das Gesetz verbietet weißem Mann Whiskey in indianisches Territorium
zu schaffen -- ja es verbietet ihm sogar, das Feuerwasser, selbst in dem
kleinsten Maaß, an den rothen Mann zu verkaufen. Die Stämme haben Tomson,
Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk zu ihren Häuptlingen erwählt, und Tomson,
Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk sagen, kein Whiskey soll, so lange wir es hindern
können, nach Redtown hineingeschafft werden.«
»Aber er kommt auch nicht nach Redtown hinein,« rief Burkner jetzt
ärgerlich werdend, »Tod und Teufel, Mann, dort stehen schon die Karren, die
ihn ins Land, in das Dorf der Creeks, oder wenigstens in die Nähe desselben
führen; schreit deshalb nicht eher, ehe man Euch ein Leides gethan. Mach
kurz, Virginny, =damn it= Bursche, bezahl ich Dich dafür, daß Du den ganzen
Tag da halten bleibst, und die rothen Gesellen anstarrst, als ob Du in
Deinem Leben keine kupferfarbene Haut gesehen hättest -- hinauf mit dem
Faß!«
»Fort da, =my old fellow=,« rief aber auch jetzt seinerseits Virginny, aufs
Neue die Kraft an dem schweren Faß versuchend, »fort da vorn und gebt Raum
-- Wetter, Mann, glaubt Ihr ich könnte das Faß über Euch weg rollen? --
=room boys, room, by the light of the moon
and it's: why shouldn't ev'ry man enjoy his own room.=«
Virginny warf sich mit aller Kraft gegen das Faß, und wollte es
augenscheinlich auf Tomsons Füße rollen, damit dieser ihm aus dem Wege
mußte: kaum hatte er aber sein ganzes Gewicht dahinter gebracht, als er
plötzlich Tcha-to-gas schwere Hand auf seiner Schulter fühlte, und im
nächsten Moment fand er sich auch durch eiserne unwiderstehliche Gewalt
von der Planke hinab in den, hier allerdings kaum zwei Fuß tiefen Strom
geschleudert.
»Pest und Gift!« schrie Burkner vom Hurricanedeck aus, »das ist Gewalt,
und das sollt Ihr mir theuer genug bezahlen. He Tom, Ben, Jim -- vor, Ihr
Burschen; die Pest über die rothen Hunde, nehmt Eure Büchsen, und -- den
ersten, der Hand an Euch legt, schießt über den Haufen -- _ich_ verantwort'
es. Wenn etwas Ungesetzliches durch Weiße geschieht, so dürfen sie sich bei
der Regierung der Vereinigten Staaten darüber beklagen, aber nie selber mit
eigener Hand ihr Recht durch Gewalt erzwingen.«
Burkner konnte von da, wo er stand, das ganze Ufer leicht, bis in die
Straßen hinein überschauen, und er sah recht gut und mit einem Blick,
daß er von den versammelten Indianern, die fast alle unbewaffnet am Ufer
standen, nichts zu fürchten hatte. Virginny kam auch in diesem Moment naß
und wüthend die kiesige Bank herauf gesprungen und wollte sich im ersten
Zorn rücksichtslos auf den Häuptling werfen; dieser aber behauptete ruhig
seinen Platz, trat nur mit dem rechten Fuß einen Schritt zurück und hob
seine, mit dem scharfen Stahl bewaffnete Keule, der Blick aber, den er
dabei auf den Heranstürmenden schoß, war so fest und voll so tödtlichen
Hasses, daß dieser trotzig wohl, aber doch eingeschüchtert anhielt, und
endlich, mit einem bitteren Fluch auf den Lippen, über das Faß hinweg
wieder auf die Planke sprang, die zum Boot hinüber führte.
Dort eilten aber auch jetzt die beiden Lootsen, der Mate, die Ingenieure
und der Capitain, Alle bis an die Zähne bewaffnet, herbei, und Burkner
selber, der die Cajütentreppe in aller Eile mehr herunterstürzte als
sprang, erklärte jetzt dem ruhig dabei stehenden Tomson, sie selbst die
Indianer, hätten den Frieden gebrochen und zuerst Hand an einen weißen Mann
gelegt; auf ihre Gefahr also auch die Folgen, soviel aber versicherte er
sie und schwöre es bei seinem Manito, einen Schwur, den er nie gebrochen --
er log das, als er es sagte, aber er sah aus als ob er die Wahrheit
rede, -- daß er den ersten, der sich der Arbeit seiner Leute thätlich
entgegenwerfen, und dadurch die »Bewegungen frei geborener Amerikaner«
behindern würde, mit eigner Hand über den Haufen schießen wolle.
Nun hat der Indianer, was offenen Kampf betrifft, eine eigene Natur; er ist
nicht feige, aber er hält es auch für eine sehr große Thorheit, und nicht
Tapferkeit, sich auf freiem Plan einer gezogenen Büchse frei entgegen
zu stellen. Wo er zum Handgemenge kommt, kämpft er mit ruhiger und
verzweifelter Entschlossenheit, aber er benutzt auch jede Gelegenheit
seinen Körper zu decken und hält es, seinen Kriegsgesetzen nach, keineswegs
für unmännlich oder gar feige, aus dem Hinterhalt eine günstige Gelegenheit
zu erwarten, seinen Feind unschädlich zu machen.
Hier also standen die drei Häuptlinge, fast unbewaffnet, denn was konnten
sie mit ihren Kriegskeulen gegen die rasche und tödtliche Kugel ausrichten,
den Amerikanern gegenüber, die, wenn es später vor den Gerichtshof der
Vereinigten Staaten gekommen wäre, doch am Ende recht bekommen hätten, so
lange sie nur der Gewalt ebenfalls wieder mit Gewalt entgegentraten.
Tcha-to-ga allerdings schien nicht übel Lust zu haben seinen Platz, auf
jede Gefahr hin, zu behaupten, denn sein Blut war dadurch, daß er
zuerst selbst Hand angelegt hatte, erregt worden, ein paar von Tomson in
indianischer Sprache geflüsterte Worte aber bewogen ihn doch von solchem
Vorhaben, wenn das überhaupt, in seinem Plan gelegen, abzustehen, und er
und Ko-ha-tunk traten, den Weg frei lassend, von der Planke zurück und
nur Ko-ha-tunk wandte sich gegen den Capitain, der diese Bewegung mit
höhnischem triumphirenden Lächeln beobachtete.
»Es ist nicht gut, Blut zu vergießen,« sagte der Indianer, »das Feuerwasser
hat schon zu viel Blut vergossen, und deshalb wollen wir es gerade von
uns fern halten -- wäre das erreicht, wenn jetzt die weißen Männer auf uns
schössen? -- nein, Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk würden fallen, aber
keiner der Weißen würde seinen Wigwam wieder sehen. Der Geistervogel
würde Nachts in den Zweigen über seinen Zeltstangen sitzen und über der
rauchlosen Stätte sein Todtenlied singen, dem unten die schluchzenden
Squaws horchten; Gras würde in dem Pfad wachsen und Waldblumen, den sonst
der Jäger betrat, wenn er unter seinem Thierfelle vorschritt, dem Wild zu
folgen. Und mit der Sonne würden viel Krieger kommen den Tod ihrer Brüder
zu rächen -- weh! -- Ko-ha-tunk sieht die Erde roth mit dem Blut der
Krieger wie das Ende jenes Fasses ist.«
»Es ist nur gut, daß Ihr Verstand genug habt das einzusehn!« lachte der
Capitain.
»Gut so« -- fuhr der Wilde ruhig fort. »Indianer ist friedlich -- er hält
seine Streitkeule ruhig im linken Arm, aber Indianer hat auch weißen Mann
verboten das Feuerwasser in seine Jagdgründe zu bringen -- Feuerwasser
macht rothen Mann faul und träge -- kann nicht jagen, legt sich unter einen
Baum bis dunkel ist, und Squaws sitzen in Wigwam und kochen Wurzeln --
kein Fleisch -- Whiskey macht Indianer fechten -- schießt seinen Bruder und
seinen Vater -- Whiskey ist nicht gut.«
»Das ist eine sehr schöne Rede,« erwiederte ihm Capitain Burkner, der
den geschwätzigen Wilden sehr zum Aerger seines Mate ruhig und geduldig
angehört -- »ich will mich auch gar nicht darauf einlassen das darin
Gesagte etwa zu bestreiten, aber jetzt, meine wackeren Burschen, gebt Raum
da vorn. Denn, bei Gott, ich warte nun nicht länger mehr. Der Fluß fällt,
und ehe eine Viertelstunde vergeht, muß der Whiskey am Ufer sein!«
»So thu' es denn auf Deine eigene Gefahr, Du hartnäckiger weißer Mann!«
rief jetzt Tomson, wandte sich, und stieg raschen Schrittes die Uferbank
hinauf -- der Raum war nun frei, die beiden anderen Häuptlinge zogen sich
ebenfalls langsam zurück, und unter dem jubelnden _Ahoy_ der Leute, die
zuerst, wie zum Hohn, dem »wackeren Magistrat von Redtown« drei schallende
Hurrahs brachten, wurden die rothbestrichenen Fässer rasch, den übrigen
nach, die Bank hinaufgerollt, und Capitain Burkner selbst ging mit hinauf,
um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden Dodge zu übergeben.
Hier aber fand er sehr ungehofften Widerstand. Dodge nämlich, mit den
Sitten und Gebräuchen der Indianer, unter denen er aufgezogen worden, auf
das genaueste bekannt, sah bald, daß irgend etwas im Werke sei, und die
Häuptlinge sich keineswegs auf solche Art, mitten unter den Ihren würden
Trotz bieten lassen. Capitain Burkner war auch wirklich nur durch seine,
bis jetzt oft ungestraft hingegangenen Umgehungen der Gesetze so kühn
geworden, und glaubte jetzt um so kecker auftreten zu können, da es ja
überhaupt das letzte Mal war, daß er diesen Handelsplatz zu berühren
gedachte.
»Danke, Capitain,« sagte Dodge in seinem gebrochenen Dialect, als
ihm Burkner die Facturen übergeben wollte und das Geld für den Betrag
verlangte, -- denn der Handel mit den Indianern, die unter keiner Bedingung
selbst nicht die besten Banknoten nehmen, und das Gold ebenfalls nicht
kannten, wurde einzig und allein in Silber geführt; »danke -- kann Whiskey
nicht übernehmen -- Tcha-to-ga =Ne sehon tie rehu= und sein Arm ist lang --
ich kaufe Whiskey =by'm by=[9] -- von Fort Gibson -- von Fox -- aber nicht
hier -- -- =by'm by=!«
[9]: =By and by= -- nächstens, mit der Zeit, gelegentlich, ein Wort,
das sich die halbcivilisirten Indianer aus der englischen Sprache sehr
angeeignet haben, und das sie gern gebrauchen.
»=By'm by?= -- Du rother Hallunke,« rief aber jetzt Burkner, durch den
spöttischen Trotz in des Burschen Zügen nur noch mehr gereizt --
»=by'm by?= -- Du _mußt_ den Whiskey nehmen, denn« --
Er hielt plötzlich inne -- ein wirres Toben und Lärmen drang aus der
nächsten, der innern Stadt zuführenden Straße heraus, und fast in demselben
Augenblick schwärmte von Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk angeführt, eine ganze
Schaar halbnackter Indianer hervor, denen sich jedoch ein ernsterer
Haufe von Männern, auch Eingeborene, aber wie Farmer, in die Tracht der
Hinterwäldler gekleidet -- anschlossen. Capitain Burkner wollte jetzt rasch
an Bord zurück, weil er in der That, und im ersten Moment fürchtete, daß
die Schaar einen Angriff auf sein Boot beabsichtige. Bald fand er freilich,
daß er in der Hinsicht wohl Nichts zu fürchten habe, sollte aber doch Zeuge
sein, wie die Indianer wenigstens soviel Muth und Einigkeit noch bewahrt
hätten, da Volksjustiz zu üben, wo es ihre eigenen Gesetze und Rechte
galt. Mit Beilen, Tomahawken und Keulen fielen sie nämlich über die ihnen
aufgedrungenen Fässer her, und so gut gemeint und wohl angebracht waren die
Schläge, daß die gelbe spirituöse Fluth bald in förmlichen Bächen aus ihren
Häusern quoll und, eine der durch den Regen ausgewaschenen Rinnen zum Bett
wählend, dem Flusse zusprudelte.
Hier aber geschah etwas, das Tomson schon lange vorausgesehen und
gefürchtet hatte; das wirklich wilde Volk von Redtown, so gern es sich auch
hatte dazu brauchen lassen, Eigenthum der Weißen, und zwar nur der guten
Sache wegen, zu vernichten, sah kaum die Fluth, von der sie sich jeden
einzelnen Becher voll nur mit so vieler Mühe und gegen so schweres Geld
verschaffen konnten, einem Sturzbach gleich die Uferbank hinabtosen, als
auch ein ganz anderer Geist in sie fuhr, wie der der Müßigkeit. Eine Squaw
machte den Anfang, sie sprang rasch den Hügel hinab, und fing mit einer
Kalebasse, die sie wahrscheinlich zufällig bei sich trug, die »liebe
Gottesgabe« auf und kaum hatte sich dem Schwarm die Möglichkeit eines
solchen Beginnens gezeigt, als zwanzig oder dreißig mit allem, was ihnen
gerade unter die Hände fiel, und was sich nur irgend dazu eignete, eine
Flüssigkeit, sei es auch blos auf wenige Secunden zu bewahren, hinabstürmte
und auffangen und trinken wollte.