In das südliche Ufer des Arkansas mündet, noch im sogenannten »Indianischen

Territorium,« aber unfern der westlichen Grenzen von Nordamerika's

»Vereinigten Staaten,« ein kleiner Fluß oder »Creek,« die _Red Fork_. Ein

Städtchen der Eingeborenen liegt auf der südlichen Landspitze, die der

Zusammenfluß der beiden Wasser bildet, und das Ufer ragt hier, gleich

geschützt gegen die Ueberschwemmung der südlichen wie westlichen

Bergwasser, viele Fuß hoch über die rauschende Fluth empor.

Das Städtchen, wenigstens der Theil desselben, der in einem fast rechten

Winkel nach Osten zu Front gegen den Arkansas, nach Norden hin gegen die

Mündung des Creek bildete, glich den übrigen =towns= und =villages= der,

von Weißen bewohnten, westlichen Staaten auf ein Haar; es bestand aus

einfachen, meist einstöckigen Blockhäusern, hie und da mit

bequemen hölzernen Verandas versehen, alle aber wieder für sich von

verschiedenartigen Fenzen umzogen und abgeschlossen. Graue Schindeldächer,

oft nur von den gewöhnlichen =weight poles= oder Lasthölzern gegen die

Herbst- und Frühlingsstürme geschützt, deckten die Wohnungen, und die

noch hie und da mitten auf dem Landungsplatz und in der ersten Straße

stehengebliebenen Baumstümpfe verriethen deutlich genug, wie erst vor

Kurzem der ganze Platz dem Walde abgerungen worden.

So etwa bot sich wenigstens die vordere Stadt in ihren Eigenthümlichkeiten

den Augen des Landenden der entweder den Arkansas herauf, aus den

civilisirten Staaten auf keuchendem Dampfboot anlangte, oder die Red Fork

herab in roh ausgehauenem Canoe von einem Jagdzug im Innern zurückkehrte.

Nur um _eine_ Straße aber weiter zurück, und zwischen den dort einzelner

stehenden Häusern, ragten nicht selten die spitzen phantastisch

geschmückten Giebel indianischer Wigwams empor, und hellblauer Rauch

kräuselte aus den cylinderförmig gelegten Fellen in die sonnige Luft

hinauf.

Von dieser Seite her drängte sich auch noch der grünende Urwald voll und

üppig zwischen die halb civilisirten, halb der alten Sitte treu gebliebenen

Wohnungen hinein, als ob er jetzt selber gekommen sei, »die Stadtleute« zu

besuchen, die ihm Alle, und so auf einmal, untreu und abhold geworden. Und

hatte er das etwa um sie verdient? -- war er ihnen nicht immer ein treuer

liebender Vater gewesen, der seine Söhne geschirmt hatte, gegen Kälte

und Sonnenbrand, gegen den schneidenden trockenen Nord, wie den

niederfluthenden Regen; der ihnen süße Früchte und saftige Bärenrippen und

Massen von Hirsch- und Truthahnfleisch geliefert? -- aber das ist

leider das alte Lied in der Welt, mag der Boden nun Amerika, Europa oder

Australien heißen; mit Mühe und Noth ziehen die Eltern die Kinder heran,

und sind sie erwachsen und im Stande, allein das Haupt in das Schaffen und

Treiben ihrer Mitmenschen hineinzuheben, dann sagen sie dem väterlichen

Dache Lebewohl und schreiten rüstig mit geschürzten Lenden, davon -- die

Eltern aber strecken ihnen wehmüthig die Arme nach und trauern über die

Verlorenen.

Auch der alte treue Urwald streckte seinen bösen abtrünnigen Kindern

liebend die laubigen Arme nach, über die Fenzen selbst lief er hin, mit

seinen schönsten und blumigsten Lianen und Moosen, die wilden Weinbeeren

und Früchte hing er ihnen lockend und schmeichelnd bis über das fremdartige

Dach, und mit Wohlthaten sogar vergalt er die scharfen, sicher gezielten

Axtschläge der Undankbaren. Blüthen und würzige Beeren ließ er zurück, wenn

seine sichersten Stützen gefällt, und bis zum letzten vereinzelten Stamm

gaben diese den Wohnungen der Abtrünnigen noch Schutz und Schatten gegen

den heißen Mittagsstrahl, dämmten sie noch die rohe Kraft der nordischen

Stürme.

Es war ein lieblicher Anblick, dieses kleine, von rauschendem Wald

umschmiegte indianische Städtchen, mit seinen pittoresken Wohnungen, den

Shantees und Wigwams, den mitten darin hin galoppirenden Pferden,

den kläffenden Hunden und sich munter zwischen allen herumtummelnden

rothhäutigen, halbnackten Kindern; es war ein lieblicher Anblick, wie sich

dicht an der kiesigen abdachenden Uferbank hin der breite reißende Strom

so friedlich vorbeischmiegte, während den Hintergrund mit seinen

lianenüberwachsenen Stämmen der rauschende herrliche Urwald bildete.

So anziehend übrigens, besonders für den Europäer, die äußere Erscheinung

des kleinen Ortes sein mochte, so interessant waren ebenfalls die bunten

Gruppen der Bewohner, die gerade heute ein etwas außerordentlicher

Gegenstand ungewöhnlich zahlreich am Landungsplatz versammelt hatte. Eine

gemischte Schaar von Indianern, theils in europäischer, theils noch in

ihrer ursprünglichen Tracht, mit Fellen oder Decken behangen, und mit

Federn und andern Zierrathen besteckt, Neger und Mulatten, weiße Händler

und Jäger, und hie und da eine neugierige dunkelfarbige Squaw standen an

manchen Stellen ziemlich dicht gedrängt, an manchen mehr zerstreut, das

Ufer entlang, und selbst die wilde jubelnde Schaar der halbnackten Knaben

und Mädchen, die sich bis dahin einander jauchzend und schreiend gehetzt

und Jagd, Krieg und Hochzeit gespielt, drängten schweigend um die

Erwachsenen und blickten den spiegelglatten, im heiteren Licht der

Nachmittagssonne blitzenden Strom erwartungsvoll hinunter.

Der so außergewöhnliche Gegenstand war aber auch wirklich nichts

Geringeres, als eines der kleinen Dampfboote, die meistens nur den Arkansas

bis Fort Smith, zur Grenze des indianischen Territoriums, oder höchstens,

wenn sie noch ja weiter gehen wollten oder konnten, bis zu dem nicht mehr

fern gelegenen Fort Gibson hinauffuhren. Sehr selten aber, und nur bei

günstigem Wasserstand, besuchten sie die kleinen, noch höher aufwärts

gelegenen indianischen Ansiedlungen, und zwar weniger um die Produkte der

Eingeborenen dort abzuholen, als selbst mitgebrachte Waaren, besonders

_verbotenen Whiskey_, den rothen Kindern amerikanischer Erde entweder für

baares Geld, oder noch lieber gegen andere Tauschartikel, aus denen sie

hoffen durften in den Städten und Ansiedlungen der Weißen doppelten Gewinn

zu ziehen, zu verkaufen.

Das Dampfboot _Fox_ lag in diesem Augenblick, wahrscheinlich um

Holz einzunehmen, noch etwa eine englische Meile unterhalb, an der

entgegengesetzten Seite des Flusses, und die Menschengruppen, die es in

unserem kleinen Städtchen _Redtown_ erwarteten, unterhielten sich indessen

sowohl über das seltene Anlaufen von Dampfern, wie auch über die Ursachen,

die den Capitain vermocht haben konnten, so weit über seinen gewöhnlichen

Landungsplatz hinauszusteuern.

»_Ursachen?_ was wird's da große Ursachen haben?« fiel hier dem letzten

Sprecher ein stattlicher, kräftig gebauter Indianer in die Rede, der sich

in dem blauwollenen europäischen Rock und den pfeffer- und salzfarbenen

Beinkleidern keineswegs so wohl zu befinden schien, als das sonst Behäbige

seiner Person hätte andeuten können, »'s ist eines von den speculirenden

Blaßgesichtern, das, trotz Rossas Verbot, dennoch frech genug sein wird,

seinen Whiskey hier keck und offen an's Land zu schaffen, ohne auch nur

einer rothen Mutter Sohn deshalb um Erlaubniß anzugehen. Was nützt uns da

jenes, sonst so treffliche Gesetz, das den Weißen verbietet, sich, ohne

unser Verwandter zu sein, unter uns anzusiedeln? es giebt auch schlechtes

Volk in unserem eigenen Stamm, unter den rothen Kindern des großen Geistes,

das sich kein Gewissen daraus macht, selber das Gift in die Hütten der

Seinen zu tragen, wenn es nur das schimmernde Metall, oder den Genuß

des Feuerwassers dafür erhalten kann. Hol Nannabozho die Bande -- Tomson

verachtet sie von Grund seiner Seele aus.«

»_Tomson_,« wiederholte mit leisem Grunzen ein dicht neben ihm stehender

Eingeborner, der aber, trotz seiner civilisirten Umgebung, keineswegs

den neueren Sitten zu huldigen schien, denn noch deckte nur das ächt

indianische Büffelfell seine braunen Schultern, noch schmückte die bunte

Federzier sein Haupt, und die Kriegsfarben prangten auf dem edlen, fast

römisch geschnittenen Gesicht des jungen Kriegers. Er war bis an den Gürtel

hinab nackt, und nur um den Hals trug er eine einfache Schnur so wilder

als eigenthümlicher Zierrathen; abwechselnd aufgereihte Klappern der

Klapperschlange und Fänge des »grauen Bären,« die ihm tief bis auf die

Brust herabhing. Um den Gürtel wand sich ihm ein aus gefärbtem Hirschleder

wunderlich geflochtener und mit bunten Federn des Holzhahns und Kardinals,

wie mit farbigen Wampumstücken geschmackvoll besetzter Gürtel. Seine Beine

deckten weich gegerbte, reich mit Fransen besetzte Leggins, und den stolzen

Zierrath erbeuteter Scalpe trug er sowohl in langen Streifen an diesen

herunter, wie auch um die Bänder, die seine Leggins unter dem Knie fest

zusammenhielten. Seine Moccasins waren schlicht gearbeitet, und mit der

Rinde der schwarzen Wallnuß dunkelbraun gefärbt. Von den Schultern aber

hing ihm in vollen seidenartigen Falten ein prachtvolles, an der nach außen

hin gedrehten Fleischseite mit den künstlichsten Schildereien geschmücktes

Büffelfell, dessen buschiger Schwanz weit und keck hinter ihm herschleifte.

An Waffen trug er sichtbar nur ein kleines Scalpirmesser, und zwar oben in

seinem Haarschmuck auf der rechten Seite der Scalplocke, mit dem Griff

nach unten, daß er es leicht und rasch ergreifen konnte, und im Arm

die gewöhnliche aus hartem Holz verfertigte Kriegskeule, die ein

hineingeschlagener scharfer und breiter Stahl zu einer fürchterlichen

Angriffswehr machte. Wie die meisten seines Stammes ging er im bloßen Kopf,

und von dem geschorenen Scheitel trotzte nur, von zwei großen Adlerfedern

durchstochen und unten mit einem dünnen Streifen Wampum umwunden, die lange

glatte Scalplocke, den Feind herausfordernd, der es wagen würde, nach ihr

die kecke Linke auszustrecken.

»_Tomson_,« sagte der junge Krieger, »hat mein Vater schon ein Kind des

großen Geistes gesehen, das seine Mutter _Tomson_ rief? ist es nöthig,

daß uns das Gift in hölzernen Kalebassen hergeschafft werde, tragen wir es

nicht, unter der eigenen Farbe, im eigenen Herzen? -- Weiße sollen nicht in

unserer Mitte ihre Wigwams bauen, aber unsere eigene Haut bleicht unter

den heißen Kleidern der blassen Männer. Schon-ka-ki-he-ga, den Roßhäuptling

nannten Dich die Krieger Deines Stammes, und der Wampum, der früher in

Deiner Hütte hing, kündete, wie Du diesen Namen verdient. War es eine

Waffenthat, die dem stolzen Häuptling der Rosse den Namen _Tomson_

verschaffte?«

»Der Tomahawk ist begraben, Pah-me-o-ne-qua,« erwiederte der Angeredete

ruhig dem scharfen Spott des jungen Kriegers, »zwischen weißen und rothen

Männern soll kein Krieg mehr sein -- es sind Alles Kinder eines Gottes,

und die Religion, die uns diesen Glauben lehrt, ist gewiß die richtige. Der

weiße Priester nannte mich, als er mich in den Bund der Christen aufnahm,

_Tomson_, und Schon-ka-ki-he-ga liegt mit dem Häuptlingsprunk im stillen

Grab.«

»Und doch wünschte unser frommer Christ _Tomson_, daß Nannabozho die

Strafbaren treffen möge« -- lachte ein junger Weißer, der in halb

europäischer, halb indianischer Tracht zu der Gruppe trat -- »wie verträgt

sich das mit dem Christenthum?«

Tomsons broncefarbigen Wangen nahmen eine noch viel dunklere Röthe an,

und er warf einen halb verlegenen, halb unwilligen Blick auf den Spötter;

dieser aber, der den ihm sonst befreundeten Indianer nicht kränken oder

beleidigen wollte, streckte ihm freundlich die Hand entgegen und sagte:

»Kommt, Tomson, macht kein so finsteres Gesicht -- es fuhr mir nur so

heraus und war nicht bös gemeint. Aber -- in _einem_ habt Ihr Unrecht --

Ihr meint, jener Dampfbootscapitain werde, trotz dem Verbot, frech genug

sein, von Euch verbotenen Whiskey hier ans Ufer zu schaffen. Ei, Mann, wenn

Ihr Alle so denkt, und das selbst aussprecht, dann hat jener Weiße ganz

recht, und Ihr verdient es nicht besser; wozu habt Ihr aber die Gesetze,

wenn Ihr sie nicht in Kraft erhalten wollt? wozu bildet Ihr eine

»Indianische Nation«, wenn Ihr nicht einmal den Versuch macht, der Willkür

Einzelner zu steuern? Gebt jenen Speculanten doch nur ein Beispiel -- laßt

sie nur einmal sehen, daß Ihr Ernst macht und, mein Wort zum Pfande, sie

werden sich zum zweiten Mal bedenken, ehe sie wieder eine Ladung theueren

Guts auf's Spiel setzen.«

»Was hülfe uns das,« entgegnete ihm Tomson etwas kleinmüthig, und mit dem

Kopf schüttelnd, »wir haben es neulich gethan und demselben Dampfer fünf

ganze Fässer voll zurückbehalten, drei Wochen später aber brachte er ein

Schreiben von Little Rock, und wir mußten nicht allein den Whiskey wieder

heraus, sondern ihn auch noch dem Gericht der _Amerikaner_, wie sich die

Menschen keck genug nennen, übergeben.«

»Wer viel frägt, wird viel berichtet, lautet bei uns ein altes Sprichwort,«

sagte der junge Europäer, »wäre ich hier Häuptling, und wollte ein Weißer

gegen die Gesetze des Landes handeln, so sollte er das auch nur auf seine

Verantwortung thun; aber entschieden würde ich auftreten, und weder ihm,

noch seinen Gerichten Gelegenheit geben, _vor_ der Ausführung ein Wort mit

einzuwerfen.«

»Aber wie?« frug Tomson.

»Wie? -- einfach genug;« erwiederte der Weiße, »Ihr mögt meinetwegen

vorher erst noch einmal warnen, und die Ausschiffung von Whiskey, falls

sie versucht würde, laut dem Gesetz verbieten -- obgleich das nicht einmal

nöthig ist; denn jeder Händler kennt dies Gesetz, wie viel mehr denn

ein Dampfboot-Capitain, der des Jahres zehn, zwölf mal den Arkansas

heraufkömmt. -- Trotzt der Bursche aber auf frühere ungestrafte Landungen

-- ei dann schlüge ich den Fässern den Boden ein, und ließe den Whiskey

sich selbst seinen Weg in den Fluß hinunter suchen. So leicht er nachher

im Stande wäre, die mit Beschlag belegte Waare dem Arkansas wieder zu

entziehen, ebenso leicht wird er auch einen amerikanischen Gerichtshof

bewegen können, Schadenersatz für ihn zu beanspruchen. Wer sich sein Recht

nimmt, hat's -- doch Ihr wißt, Tomson, ein Blinzeln ist einem blinden

Pferde gerade so nützlich wie ein Nicken, also =good bye=, Alter, ich muß

noch heut Abend den Fluß ein Stück abwärts reiten; haltet die Augen offen

und -- vor allen Dingen -- steht fest zusammen -- Euere ewigen Kriege

untereinander sind ja doch die einzige Ursache Euerer jetzigen Schwäche.«

Und mit einem freundlichen, Tomson zugewinkten Gruß schritt er rasch, ohne

sich um die Uebrigen weiter zu bekümmern, dem kleinen Wirthshaus zu, das am

Ende des freien Platzes durch ein Schild, auf dem sich zwei Friedenspfeifen

kreuzten, bezeichnet war.

»Kennt mein Bruder das Bleichgesicht?« sagte da plötzlich ein ältlicher

indianischer Krieger, der in seine Decke gehüllt, aber ohne -- wenigstens

sichtbare -- Waffen, zu Tomson trat; denn Pa-me-o-ne-qua, der rothe Donner,

hatte sich mit finsterem Blick entfernt, als einer der verhaßten Weißen

keck genug gewesen war, die Rede aufzunehmen, die er, der tapfere Häuptling

der Konzas, mit einem rothen Mann begonnen -- »er sprach gut, und seine

Worte klangen, als ob ihre Wurzeln im Herzen säßen.«

»Der »Wolf vom Berge« gehört nicht zu den Engländern,« erwiederte Tomson,

und heftete erst jetzt sein Auge, das der davonschreitenden Gestalt des

Fremden gefolgt war, auf den Neugekommenen. »Die Gräber seiner Väter

liegen, wie er mir einst gesagt, weit, weit über den fernen Salzseen im

Osten. Auch seine Sprache klingt anders, und er vielleicht vor Allen ist

das einzige Bleichgesicht, dessen Herz seine Zunge nicht Lügen straft.«

»Er ist ein Händler,« sagte der Andere verächtlich.

»Ja, aber nicht in dem Sinn, wie wir die Elenden hier in Masse dulden

müssen,« vertheidigte der alte Mann den Fremden -- »wenn's überhaupt Einen

unter den Bleichgesichtern gäbe, dem ich trauen möchte -- der wär' es.«

»Mag sein jetzt noch -- wie viele Winter die Ehrlichkeit der blassen Haut

gedauert, kündet vielleicht der nächste Schnee -- aber was hat mein Bruder

beschlossen? -- das große Canoe da unten ächzt schon wieder mit der Brust

gegen den mächtigen Strom an -- soll das Feuerwasser seinen Weg in die

Wigwams unseres Stammes, oder zurück in das rauschende Bett des Arkansas

finden?«

»Wir wollen die Häuptlinge zusammenrufen,« sagte Tomson nach kurzem Sinnen.

-- Der alte Mann hatte lange Zeit innerhalb der Vereinigten Staaten gelebt,

auch einige der größeren Städte des Westens besucht, und dadurch einen

gewaltigen Respekt vor der Macht der Weißen bekommen; deshalb konnte er die

Scheu nicht sogleich überwinden, feindlich gegen sie aufzutreten, wenn

er hier auch das vollkommenste und beste Recht auf seiner Seite hatte.

Ueberdies war er der erste Häuptling des kleinen Ortes, und für jede

derartige Handlung verantwortlich, kein Wunder, daß er das nicht so ohne

alles Bedenken übernehmen mochte.

»Gut so!« sagte Tcha-to-ga, zog seine Büffeldecke fester um sich her,

und schritt, ohne das jetzt rasch nahende Boot eines Blickes weiter zu

würdigen, dem Berathungshause zu, das inmitten des kleinen Ortes, selbst

eine der einfachsten und unansehnlichsten Blockhütten unter allen, lag.

Tcha-to-ga, der tolle Büffel, war ein reicher Häuptling der Osagen, der

jedoch, in freundlicher Beziehung mit den Chocktaws und Cherokesen stehend,

seinen eigenen Stamm verlassen hatte, und mit seiner einzigen Tochter,

dicht unterhalb der Stadt, eine kleine, von Sclaven cultivirte Farm besaß,

sich selbst aber noch keineswegs den Sitten civilisirter Nationen fügen

mochte, und sogar die Tracht der Seinen, das Büffelfell und den bunt

stattlichen Federschmuck beibehielt. Auch würde er es für tief unter der

Würde eines tapferen Kriegers gehalten haben, Spaten oder Hacke in die Hand

zu nehmen; aber am Berathungsfeuer der Cherokesen galt seine Stimme viel,

und sein tapferer Arm hatte ihnen auch manchmal schon wirklich thätliche

Hülfe gegen die diebischen »Creeks« geleistet, von denen sich ein nicht

unbedeutender Trupp etwas weiter die Red Fork hinauf, aber an demselben

südlichen Ufer derselben, niedergelassen.

Tcha-to-ga verschwand in der Thür der kleinen Halle, und ihm folgte bald

darauf Tomson mit noch einigen andern, meistens wie er in europäische

Tracht gekleideten Indianern. Die Masse der Bevölkerung schien übrigens

viel zu sehr in dem Anblick des jetzt sich ziemlich rasch nähernden Bootes

vertieft, um die Bewegung der Ihrigen viel zu beachten; Aller Augen hingen

an den rauchenden Schornsteinen, an der puffenden ='scape pipe=, an

der schäumenden Fluth, die sich hoch aufbrausend unter dem runden Buge

kräuselte.

Der _Fox_ war nur eines der kleinsten und unbedeutendsten Boote des

Arkansas, aber dennoch in dieser abgelegenen Gegend eine großartige

Erscheinung, und als die Klingel endlich tönte, die Stangen der Deckhands,

um den Bug vor dem Auflaufen zu bewahren, in den Kies stießen, und der

schwimmende Vulkan, nur noch innerlich keuchend, als ob er von der gehabten

Anstrengung nicht zu Athem kommen könne, durch die ausgeworfenen und

befestigten Taue gehalten, still und ruhig lag, da drängte sich die

Schaar der neugierigen Wilden rasch und ungestüm den Planken zu, und

bald kletterten und sprangen wohl funfzig und mehr halbnackte, braunrothe

Gestalten von Kindern und Erwachsenen an den Seiten des Fahrzeugs, an

den Radkasten und die Kajütentreppen hinauf, und schwärmten oben über das

Boiler- und Hurricanedeck und über die Gangwege hin, bis hinten zur

Ladies Cabin, wo ihnen jedoch ein paar wohl frisirte und trotzige

Mulattengesichter das weitere Vordringen auf das entschiedenste verwehrten.

Der Capitain, ein grießgrämiger kleiner ausgetrockneter bleicher Gesell,

mit unstäten Blicken und einer ächten Galgenphysiognomie, duldete

auch diesen etwas sehr ungenirten Besuch seines Fahrzeugs auf das

nachsichtsvollste. Er hatte übrigens seine guten Gründe, weshalb er es

gerade jetzt mit den Bewohnern des kleinen Ortes nicht verderben wollte;

ja diejenigen der Eingeborenen, bei denen sich etwa die Vermuthung

rechtfertigen ließ, daß sie irgend einen Rang bekleideten, oder gar

Häuptlinge seien, nahm er sogar zum Büffet, traktirte sie dort mit Liqueur

und Weinen, und unterhielt sich mit ihnen auf das freundlichste und

leutseligste.

Indessen waren aber seine Leute unten auch nicht müßig gewesen; die

Feuerleute öffneten rasch, sobald das Boot sich dem Lande näherte, die

eisernen Thüren und gossen mehre Eimer Wasser über die wildaufzischenden

sprühenden Kohlen, daß dicker schwarzer und glühender Rauch aus den dunkeln

Schornsteinen wie aus einem zornigen Vulkan emporstieg. Die Deckhands,

oder Matrosen des Dampfboots, wenn ein paar schmutzig freche abgerissene

Burschen den Namen Matrosen überhaupt verdienten, rissen unter der Zeit die

Vorderluke auf, die zwischen dem Gangspill und den auf Deck befindlichen

Kesseln lag, und tauchten in den dumpfigen engen und dunklen Raum hinab.

Der Capitain stand noch oben vor seinem »=bar room=« oder Schenkstand, als

ein ungewöhnlich hellfarbiger Eingeborener, Einer der sogenannten =half

breed=, von indianischer Mutter und weißem Vater abstammend, zu ihm trat

und ihm ein, von den Uebrigen nicht bemerktes Zeichen gab, ihm einen

Augenblick zu folgen.

Es war eine starkknochige, breitschultrige Gestalt, dieser Halb-Indianer,

und zeigte sowohl in seiner Tracht wie Hautfarbe das Gemischte seiner

Abstammung. Er trug allerdings wie Tomson die europäische Kleidung, den

blau gewebten und frackartig ausgeschnittenen Rock, wie ihn fast alle

Hinterwäldler tragen, eben solche Beinkleider und einen schwarzen Hut, aber

kein Hemd. Das rothseidene Halstuch war um seinen nackten Hals geknüpft und

die Füße staken in hellgelben rohgearbeiteten Moccasins, die, anstatt von

Lederriemen, wie das gewöhnlich der Fall ist, von starkem aufgedrehten

Bindfaden zusammengehalten wurden. Auch den indianischen Schmuck hatte

er noch nicht ganz abgelegt; in den Ohren hingen ihm lange klappernde

Perlenglocken, und ein aus rothem Wollenzeug geschnittener, mit weißen

Perlen gestickter Gürtel war ihm fest um die Hüften geknotet und trug ein

einfaches kurzes Messer, mit einem aus Büffelhorn roh zugeschnitzten Hefte.

So gemischt und unbestimmt aber auch sein Anzug sein mochte, so entschieden

unangenehm, ja widerlich war der Ausdruck seiner Züge, und man wußte beim

ersten Anblick wirklich nicht, ob das schielende linke unstete Auge, die

dünnen zusammengekniffenen Lippen oder die niedere, von den schwarzen

Haaren wirr umstarrte Stirn mehr die Schuld des ersten Abscheus trug.

Capitain Burkner folgte übrigens dieser wunderlichen Erscheinung

augenblicklich, und trat mit ihr hinaus auf den Starbord Gangweg, wo der

Halb-Indianer mit rascher und unterdrückter Stimme zu ihm sagte:

»Habt Acht, Captain -- sie wollen nicht Whiskey hier an Land nehmen, Santa

Debbelo, wär' ein verfluchter Streich!«

»Unsinn, Dodge,« lachte der Capitain, »wenn es weiter Nichts ist; ich

glaubte schon, es wäre wunder was vorgefallen. _Wollen_ den Whiskey nicht

an's Ufer nehmen? ei Mann, sie _müssen_, und ihr Wollen wird da gar nicht

befragt. Glaubst Du, daß ich die funfzehn Fässer voll wieder mit nach

Little Rock, oder auch nur nach Fort Gibson zurücknähme? fällt mir nicht

ein, seit fünf Jahren nun, oder wie lange das kleine Nest hier besteht,

schaff' ich meinen Whiskey hier her und an Land, und ich werde heute

wahrhaftig keine Ausnahme machen sollen, wo es vielleicht irgend einem

Thoren gerade eingefallen ist, sich auf alte vergessene oder veraltete

Gesetze zu berufen.«

»Sprecht nicht so laut,« bat der Halb-Indianer und sah sich dabei scheu

um -- »Tomson ist sehr schwacher Mann, aber Tcha-to-ga ist schlimm. --

Tcha-to-ga hat viel Macht auf die Häuptlinge -- wenn Tcha-to-ga sagt nein

-- kein Häuptling in Redtown sagt ja!«

»Aber was können sie thun, wenn ich ihn trotzdem lande?« frug der

Amerikaner, durch die erhaltene Warnung doch etwas unschlüssig gemacht. --

»Wegnehmen« -- meinte Dodge.

Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 11 / 16 段