verlassen sollte. Früher hatte er allerdings nicht begriffen, wie man an
Bäumen ein solches Vergnügen haben könne, wenn sie nicht gemalt im Zimmer
hingen oder als Coulissen auf dem Theater standen; er war bis jetzt ein
reiner »Stadtmensch« gewesen, der nur eine Existenz in regelmäßigen Straßen
und Alleen für möglich und erträglich hielt. Jetzt hatte sich das geändert
und er sogar gelernt, Freude an dem geheimnißvollen Rauschen der Wipfel
zu finden und dem Zwitschern der Vögel fast mit ebenso viel Vergnügen zu
lauschen, als sonst irgend einer berühmten Sängerin oder einem Virtuosen.
Auch das »Luftbad,« vor dem er sich früher gefürchtet, war ihm liebgeworden
und dabei, mit dem Wald dort oben, ja mit jedem Baum in der langen Zeit
bekannt geworden, hatte er den anfänglichen Kreislauf um das Haus, mit
dem er begonnen, nach und nach zu einem wirklichen kleinen Spaziergang
ausgedehnt. Besonders zog ihn dabei eine Stelle an, die tief versteckt
im Dickicht lag und wo er, von einem vorspringenden Felsen aus eine dicht
unter ihm liegende kleine, nicht sehr verwachsene Dickung, mit offenen
Rasenflecken darin, übersehen konnte. Dort drinnen stand regelmäßig in
dieser Tageszeit ein Rudel Rehwild, und da er sich wohl hütete, sie je
zu stören, sondern immer vorsichtig hinter seinem Versteck, einem dichten
Busch blieb, so konnte er sie von dort aus auch stets in ihren harmlosen
Spielen beobachten und sich an ihnen freuen. Ja, er hatte sich dort sogar
einen kleinen »Sperrsitz« hergerichtet, wie er es nannte, und zwar einen
Platz mit weichem Moos so dick aufgepolstert, daß er wie in einem Lehnstuhl
darin saß. Dabei strömte der glatte Felsen um ihn her eine wohlthuende
Wärme aus und wenigstens eine Viertelstunde an jedem Tag besuchte er die
Stelle und freute sich an dem Anblick des harmlosen Wildes.
Auch heute hatte er natürlich den Platz besucht, um Abschied von seinen
Rehen zu nehmen -- aber auch nur heimlichen, denn stören wollte er sie
nicht oder gar erschrecken, und so saß er denn heute, nachdem er seinen
gewöhnlichen, ärztlich befohlenen Spaziergang gemacht, auch wohl ein klein
wenig länger als gewöhnlich, auf seinem Lieblingsplatz. Da scheuten die
Rehe plötzlich -- der Bock sicherte empor und dann verschwanden sie alle in
der nächsten Dickung. Hatten sie ihn gewittert? Das war nicht gut möglich,
denn er saß so vollkommen gedeckt, und der Luftzug schlug schräg über den
Hang hinüber -- aber es kam ihm jetzt fast selber so vor, als ob er Stimmen
und Lachen in nicht zu großer Entfernung höre. Sollten wirklich Menschen in
der Nähe sein?
Der Geheime Regierungsrath sprang etwas erschreckt von seinem bequemen Sitz
auf, da er noch dazu nicht einmal Rücksicht mehr auf die schon entflohenen
Rehe zu nehmen brauchte. Er horchte auch aufmerksam, ob er vielleicht eine
genauere Richtung bestimmen könne, von welcher das Geräusch herüberschalle,
aber jetzt war Alles wieder ruhig -- irgend ein anderer Laut hatte ihn
vielleicht getäuscht -- aber weßhalb waren die Rehe da unten flüchtig
geworden? Doch wer wußte, was die gewittert hatten; vielleicht einen
Fuchs, vielleicht einen Holzhauer -- vielleicht auch Kinder, die da unten
Heidelbeeren suchten. Trotzdem wurde es Zeit, daß er sich auf den Rückweg
machte; er durfte heute überdies nicht zu spät in seinem Wirthshaus
eintreffen, da er noch mit der Post weiter wollte und immer noch außerdem
einer kurzen Zeit bedurfte, seine Rechnung durchzusehen und zu zahlen und
einen Abschiedsbesuch bei dem Förster zu machen. Ohne sich deßhalb länger
aufzuhalten, warf er noch einen letzten Blick in das freundliche kleine
Thal hinab und wandte sich dann direkt dem Pirschhaus wieder zu.
Dort hatte sich indessen Einiges verändert und der kleine abgeschiedene
Platz lag heute nicht so still und einsam wie gewöhnlich, denn eine
Berliner Picknick-Partie war an diesem Morgen auf Entdeckungsreisen in den
Wald gezogen und zufällig in diesen reizenden Waldwinkel gefallen, wo denn
auch augenblicklich beschlossen wurde, Halt zu machen und zu frühstücken.
Berliner sind aber nur in sehr seltenen Ausnahmsfällen blöde, und so kam
es denn auch, daß sich die jungen Herren der Gesellschaft, als sie den
Schlüssel der Pirschhütte im Schloß fanden, augenblicklich daran machten,
das Innere derselben zu untersuchen. Einer von ihnen klopfte an, ein
Anderer rief »Herein« und als so allen Formen genügt worden, betraten
sie den kleinen Raum, wo ihnen dann vor allen Dingen des Geheimen
Regierungsraths Garderobe auffallen mußte.
Dieser war nämlich -- von Jugend auf an ein Junggesellenleben gewöhnt --
sehr ordentlich und hatte also auch seine ausgezogenen Kleidungsstücke in
schönster Reihe auf den Tisch gelegt; zuerst den Rock, dann die Weste, dann
die Unaussprechlichen -- ober und unter -- und zuletzt sogar das Hemd, so
daß es aussah, als ob sich da eben erst Jemand entkleidet habe, der nur in
die Nebenstube in ein Bad gegangen sei. Aber das Pirschhaus hatte gar
keine Nebenstube, ringsumher im Wald waren sie schon gewesen -- wo um
Gotteswillen befand sich also das Menschenkind, das sich hier ausgeschält
und seine »irdische Hülle« dann zurückgelassen?
Die Damen zogen sich allerdings augenblicklich scheu zurück, als sie
merkten, daß gar _Nichts_ an der Garderobe fehle. Die Herren wurden aber
dafür um so begieriger auf die Lösung des Räthsels und Einer stellte sogar
die Vermuthung auf, daß hier ein Verbrechen vorliegen könne, und irgend
ein unglückliches Menschenkind erschlagen und seiner Kleider beraubt worden
sei, um nicht später durch sie erkannt zu werden, und seine Mörder dadurch
in Gefahr zu bringen. Doch dem widersprachen die sorgfältig geordneten
Gegenstände.
Eine Uhr fand sich freilich nicht, denn zu der hatte sich der Geheime
Regierungsrath eine Tasche in seine Schwimmhose machen lassen, da er doch
immer wissen mußte, wie lange er ausblieb -- aber in der Westentasche stack
Geld und auf dem Tisch lag neben den Sachen auch noch eine Brieftasche,
eine silberne Schnupftabaksdose und eine Brille -- jedenfalls also
Gegenstände, die einem ältlichen Herrn gehören mußten -- auch ein
Regenschirm lehnte in der Ecke.
»Meine Herrschaften,« rief da der eine junge Mann, ein losgelassener
Schnittwaarenhändler aus der Metropolis, »jedenfalls ist die Entdeckung,
welche wir hier gemacht haben, außerordentlich und es dabei unsere
verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, jede mögliche Kunde und Aufklärung
darüber zu gewinnen. Ich schlage also vor, daß wir die Brieftasche
untersuchen, um darin vielleicht den Namen des Unglücklichen zu erfahren,
der gewiß irgendwo draußen im Walde an einer Eiche hängt, oder unter einer
Buche ermordet liegt. Assessor, Sie sind ein Theil des Gerichts -- ein
angehender Tribunalrath -- kommen Sie einmal als Zeuge her, ob wir nicht
eine Briefadresse oder Visitenkarte finden.«
Ohne Weiteres öffnete er auch die Brieftasche und schon im ersten Fache
entdeckten sie drei oder vier Karten, die alle den Namen G. Braunfeld,
Geheimer Regierungsrath, trugen.
»Das ist merkwürdig,« sagte der junge Schnittwaarenhändler, »ein Geheimer
Regierungsrath, der hier aus der Schale gekrochen ist.«
»Zeichen in der Wäsche stimmt -- G. B.,« berichtete der Assessor, der
indessen das fragliche Stück untersucht hatte.
»Und was nun?«
»Ja, was nun? Anzeige müssen wir jedenfalls von dem Funde machen, aber
ich weiß nicht, ob wir die Sachen an uns nehmen können, denn wenn der
betreffende Herr doch am Ende zurückkehren sollte, so --«
»Aber er kann doch nicht in dem Zustand in den Wald gelaufen sein,« rief
der junge Schnittwaarenhändler.
»Und wenn er nun in der Nähe ein Bad nähme?«
»In der Nähe?« rief ein junger Buchhändler aus der Metropolis, »hier oben
auf dem hohen Berg? Der nächste Bach fließt wenigstens eine halbe Stunde
weit, unten im Thal.«
»Stiefel und Hut fehlen,« sagte der Assessor, »jedenfalls, meine Herren,
müssen wir zuerst frühstücken, denn das ist das Wichtigere der beiden
Momente. Bis dahin behalten wir aber auch Zeit, uns die Sache reiflich
zu überlegen und zu einem Entschluß zu kommen; außerdem erwarten uns
die entflohenen Damen da draußen mit Schmerzen, um Nachricht über das
Außerordentliche zu vernehmen. Spannen wir sie nicht länger auf die
Folter.«
Darin hatte er in der That Recht, denn das Corps der Damen erwartete schon
in peinlichster Ungeduld die Rückkehr der Herren. Leider konnten ihnen
diese aber auch keine weitere Aufklärung bringen, da ein Unglücksfall kaum
denkbar war. Keinenfalls lag eine Ermordung vor, denn weder an Wäsche noch
Kleidern hatten sich die geringsten Blutspuren gezeigt, ja Alles sah frisch
und neugewaschen aus und nicht einmal die Falten schienen zerknittert.
»Aber wo war der Eigenthümer?«
Ja, wer konnte das sagen; jedenfalls erklärten die Herren, daß sie --
unmittelbar nach dem Frühstück -- nähere Nachforschungen anstellen und den
Wald nach allen Richtungen in der Nachbarschaft durchstreifen wollten
-- aber jedenfalls erst nach dem Frühstück, denn jetzt seien sie alle
so ausgehungert, daß sie nicht daran denken könnten, eine derartige
anstrengende Pflicht noch vorher zu übernehmen.
Dabei blieb es, und es galt nun, sich einen hübschen und passenden Platz
dafür auszusuchen. Allerdings schlug der junge Schnittwaarenhändler vor,
sich mitten in den Wald zu lagern, daß man Nichts sehen könne als Bäume,
denn das sei so romantisch -- aber er wurde überstimmt und zwar aus
verschiedenen Gründen: Erstlich war die Sonne plötzlich verschwunden --
leichtes Gewölk zog darüber hin, und dahinter her kam eine dicke schwarze
Wolke. Plötzliche Gewitter sind auch in diesen Bergen gar nicht etwa so
selten und treten dann mit nicht geringer Heftigkeit auf; deßhalb schon war
es besser, sich in der Nähe der für diesen Fall sehr zweckmäßigen Hütte zu
halten. Dann aber hatte man auch auf diesem Fleck und nicht mehr von der
Sonne belästigt, eine ganz reizende Aussicht auf das weite Land; ringsumher
standen herrliche Tannen mit einzelnen Buchen dazwischen, und vor der
Hütte auf der kleinen Lichtung dehnte sich ein herrlicher, schwellender
Grasteppich aus, den man sich nicht hätte besser und weicher wünschen
können. Außerdem konnte man im Haus selber ein Feuer anzünden und die
mitgebrachte Chocolade kochen, kurz der Platz schien wie gemacht zu einem
Picknick und jubelnd und lachend ging man daran, sich vor dem kleinen
Pirschhaus auszubreiten und zu lagern. Ein Paar der jungen Leute übernahm
dabei das Geschäft, die Chocolade zu bereiten und kaum eine Viertelstunde
später waren die mitgebrachten Lebensmittel, die der Träger in einem Korb
mitführte, auf einem großen, weißen Tischtuch ausgebreitet und die kleine
muntere Gesellschaft, die sich -- Berlin gewohnt -- hier im Walde wie im
Himmel fühlte, lachte und schwatzte lustig durcheinander.
Dabei tauchte freilich immer wieder der Gedanke an den räthselhaften
Fremden zwischen ihnen auf -- was aus ihm geworden sei -- was ihn bewogen
haben könne, ohne Kleider den Platz zu verlassen und eine junge Dame warf
sogar die entsetzliche Vermuthung auf, daß er am Ende gar wahnsinnig wäre
und ihnen noch irgendwo im Walde begegnen könne.
Der Assessor hatte auch -- späterer Beweismittel wegen -- eine der
Visitenkarten mitgenommen, und diese ging jetzt von Hand zu Hand. Ja den
Namen des Unglücklichen besaßen sie, wo aber war dieser selber?
Gar nicht so weit -- ganz in der Nähe, hinter einer kleinen Gruppe von
Tannenbüschen kauerte er, und betrachtete sich in wahrer Verzweiflung die
vor dem Haus gelagerte Gruppe von Herren und Damen, die ihm den Rückweg zu
seinen Kleidern rettungslos abschnitten und noch keine Miene machten, den
Platz in der nächsten Stunde wenigstens wieder zu verlassen.
Durch den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam gemacht, hatte er sich
beeilt, von seinem Lieblingsplätzchen aus das Pirschhaus wieder zu
erreichen, ehe er etwa in seinem Zustand Fremden in den Weg liefe. Aber mit
jedem Schritt, den er weiter vorwärts that, wuchs der gefaßte Verdacht, daß
er heute, auf seinem letzten Spaziergang, gestört werden würde, und als er
die Lichtung endlich vor sich sah, und leise vorwärts kroch, um das Terrain
vorher zu sondiren, fand er seine schrecklichsten Befürchtungen noch weit,
weit übertroffen und das Entsetzlichste, was ihm überhaupt begegnen konnte,
eine Berliner Picknick-Gesellschaft unmittelbar vor der Thür gelagert, die
ihn von seinen Kleidern trennte -- und was nun?
So konnte er doch nicht vor ihnen erscheinen! schon der Gedanke war
furchtbar, und _durfte_ er hier länger in seinem Versteck bleiben, wo er
die ihm gestellte Zeit seines Bades schon überschritten hatte? Außerdem
fing es an kühl zu werden -- die Sonne schien nicht mehr und der Wind
begann über die Höhe zu ziehen; er konnte ihn schon oben in den Wipfeln
rauschen hören; kam aber wirklich ein Gewitter -- etwas keineswegs
Unmögliches -- so flüchtete natürlich die ganze Gesellschaft in das
Pirschhaus und was wurde dann aus ihm? Ein paar Mal reifte allerdings in
ihm ein verzweifelter Entschluß, aber er wagte nicht, ihn auszuführen --
noch lag die Möglichkeit vor, daß diese entsetzlichen Berliner vielleicht
einen Spaziergang machten -- vielleicht nur etwas weiter nach vorn auf
die Rasenkuppe traten, um sich von dort die Aussicht besser betrachten zu
können, und dann wäre er, wie ein Wiesel, wie eine Erscheinung, in das Haus
geschlüpft, -- aber nein sie rührten sich und wankten nicht und es wurde
immer später.
Er überlegte, um einen andern Ausweg zu finden. Wenn er nun das Haus umging
und durch das Fenster kletterte? -- aber gerade heute hatte er den Laden
geschlossen gehalten, der inwendig eingehakt war und nur mit großem
Geräusch würde er ihn haben losbrechen können -- selbst angenommen, daß er
das gedurft.
Jetzt wurde die Gesellschaft davorn auch noch lustig -- sie sang. Der junge
Schnittwaarenhändler machte den Vorsänger und der Assessor -- an zweite
Stimmen gewöhnt -- setzte zu dieser ein; es schadete auch nicht, daß er ein
klein wenig neben hinauskam -- er verschwand im Chor. Aber der Wind wehte
schärfer, wenn man ihn unten auch noch nicht so stark fühlte; den geheimen
Regierungsrath begann es ganz in's Geheim zu frösteln. Lange konnte er
diesen Zustand auch nicht mehr ertragen -- und welche Leidenschaften
bewegten dabei sein Herz! Er ballte insgeheim die Faust -- er bekam eine
geheime Wuth auf diese Berliner -- ja auf alle, obgleich die Mehrzahl
vollkommen unschuldig an dieser Situation war -- er hätte ihnen den Wein
vergiften können -- wenn sie damit nur gleich beseitigt gewesen wären. Auch
die Wolken waren schwärzer geworden und jetzt -- wie ein Dolchstich traf
es ihn in's Herz -- fühlte er einen schweren, kalten Tropfen auf seiner
nackten Schulter.
»Es fängt an zu regnen!« riefen ein paar Damen, die wahrscheinlich
ebenfalls die ersten Vorboten gefühlt, und sprangen in die Höhe -- »wir
müssen in's Haus.«
Das Schreckliche sollte geschehen, der Geheime Regierungsrath von
seinen Kleidungsstücken abgeschnitten und in dem Sturm in diesem Zustand
hinausgesetzt werden. Das aber ging unmöglich an, und man kann wohl mit
Recht behaupten, daß in diesem Moment sein Verstand zu arbeiten aufhörte,
seine Ueberlegung und Besinnung, sein Gefühl für das, was er sich und
der Welt und besonders seinem Stand schulde, schwand, daß aber dafür sein
menschlicher Instinkt -- das Gefühl der Selbsterhaltung um so stärker wurde
und hervorbrach.
Hier galt rasches und entschiedenes Handeln oder er war verloren -- der
eine und einzige Grundgedanke erfüllte in diesem Augenblick seine Seele,
und sich hinter seinem Busch emporschnellend, und ehe noch eine der jungen
Damen im Stande gewesen war, nur einen Schritt gegen das Haus zu thun,
sprang er mitten zwischen die laut aufkreischende Gesellschaft hinein.
Allerdings verließ ihn, selbst in diesem furchtbaren Augenblick seine ihm
angeborene Höflichkeit nicht.
»Sie entschuldigen,« sagte er, während er artig den Hut abnahm und zu allem
Anderen auch noch seine Glatze zeigte; dabei schoß er aber wie ein sich
nach beiden Seiten neigender Pfeil auf die Thür des Pirschhauses zu, von
der er, während er sie aufstieß, den Schlüssel abzog, sie hinter sich
zuschlug, den Schlüssel wieder einsteckte und herumdrehte -- und jetzt war
er gerettet. Er hörte allerdings hinter sich das plötzlich aufschlagende
Lachen der Männer und eine feine Stimme rief -- es war der boshafte
Schnittwaarenhändler: »Na, wenn das ein _jeheimer_ Regierungsrath ist, so
möchte ich einmal einen öffentlichen sehen« -- aber die Töne schwammen ihm
in einem wilden Chaos vor den Ohren und noch nie im Leben hatte er so rasch
Toilette gemacht wie heute. Er fuhr nur so in seine Kleider hinein.
Allerdings versuchten einige Herren die Thür zu öffnen und riefen: »Herr
machen Sie auf! es fängt an zu regnen.« Aber er lachte nur ingrimmig in
sich hinein, steckte Brieftasche, Schnupftabaksdose und Brille in die
Tasche, ergriff seinen Regenschirm, hakte jetzt vorsichtig inwendig die
Klappe des Fensters auf, an das er schon vorher einen Stuhl gerückt --
horchte hinaus -- dort war Niemand von der Gesellschaft zu bemerken --
sprang dann mit einem kühnen Satz in's Freie und war auch im nächsten
Moment schon spurlos im Dickicht verschwunden.
Indessen fing es wirklich an stärker zu regnen; die Damen hatten sich unter
die nächsten Bäume geflüchtet, denn sie würden das Haus ja doch nicht --
ja nicht um eine Million -- betreten haben, in dessen Thür eben erst dieser
Regierungsrath verschwunden war. Die Herren dagegen, weniger scrupulös,
klopften stärker und als Einer endlich auf den glücklichen Gedanken fiel,
hinten herum und an das Fenster zu laufen, um von außen hineinzusehen,
fanden sie dieses offen und den Vogel ausgeflogen.
Jetzt wurde mit Jubel Besitz von dem Haus ergriffen, und selbst die Damen
folgten zuletzt der Einladung, dort unter ein vollkommen schützendes Dach
zu treten -- schon ihrer Toiletten wegen, denn dort konnte man ruhig den
Regen abwarten, der allerdings sehr heftig auftrat, aber auch nur sehr
kurze Zeit dauerte. Es war eben der äußerste Streifen einer Gewitterwolke
gewesen, der über sie wegzog, und während es weiter in den Bergen drin
noch dunkel und schwarz lagerte und ferner Donner rollte, zeigte sich bald
darauf hier schon wieder blauer Himmel und die Sonne trat heraus.
Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat mit jedem
Pfad und Busch bekannt, fand sich rasch wieder zurecht, und ohne sich
auch nur einen Moment aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg bergab, um
sein Wirthshaus zu erreichen -- und auch wieder zu verlassen, ehe diese
Gesellschaft dort eintreffen konnte. Sein Wagen war ja bestellt und alles
Uebrige konnte er in kurzer Zeit abmachen.
Allerdings ließ ihn die Extrapost noch etwas warten, aber den Besuch beim
Förster durfte er doch nicht versäumen; er mußte ihm ja auch überdies
melden, daß er vergessen habe, den Schlüssel am Pirschhaus abzuziehen und
den Laden zu schließen. Er ließ deßhalb dort ein reichliches Trinkgeld
für einen der Kreiser zurück, den der Forstmann noch lieber heute Abend
hinaufschicken konnte, um dort Alles wieder in Ordnung zu bringen, denn
im Wald, wie er meinte, schwärme es von Berlinern und die Gegend sei
vollständig unsicher.
Das abgemacht, ging er in das Gasthaus zurück, wo er zum letzten Male sein
frugales Diner verzehrte und als Nachkur eine halbe Flasche Rothwein darauf
setzte. Endlich kam auch der Wagen; es war indessen schon ziemlich spät
geworden; der kleine Koffer wurde hinten aufgeschnallt und fort ging es,
aus dem Dorf hinaus -- aber er war noch nicht erlöst. Vor sich im Weg sah
er plötzlich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, die jedenfalls
von einer Waldpartie zurückkamen -- das waren heilig die unglückseligen
Berliner, und er drückte sich scheu in seine Wagenecke zurück.
Der vielen Menschen wegen, die nicht so rasch auswichen, mußte aber der
Wagen langsam fahren und der Schnittwaarenhändler hatte ein Auge wie ein
Falke.
»Das ist der carrirte Rock,« rief er plötzlich aus, »und der Strohhut --
guten Abend, Herr Geheimer Regierungsrath! Recht glückliche Reise!«
»Zufahren, Kutscher! Zufahren!« rief der Reisende, während er aber doch
mit seiner alten Höflichkeit vor den Damen den Hut lüftete und jetzt auch
diesen nicht den geringsten Zweifel über seine Persönlichkeit ließ. Aber
der Postillon hieb in die Pferde und wenige Sekunden später rollte der
leichte Wagen rasch das freundliche Thal hinab, den murmelnden Bach
überholend und doch immer wieder verfolgend in das offene Land hinaus.
Am nächsten Tag gegen Abend erreichte er seine Heimath und hatte dem Doktor
schon telegraphirt, mit welchem Zug er zurückkehre, damit er ihn gleich in
seiner Behausung finden und über seinen Zustand befragen könne. Der Doktor
hatte sich auch eingefunden und lachte mit dem ganzen Gesicht, als er ihn
frisch und munter und mit rothen Backen aus seiner Droschke springen sah.
»Nun,« rief er ihm entgegen, »hat die Kur angeschlagen?«
»Wunderbar, Doktor!« rief der Geheime Regierungsrath, die Hand des Arztes
schüttelnd -- »ich bin wie ein neuer Mensch geworden, habe dabei einen
Appetit wie ein Wolf, und schlafe Nachts wie ein Bär.«
»Bravo und haben Sie sich streng nach meiner Vorschrift gehalten?«
»Als ob es ein Evangelium gewesen wäre. Aber glauben Sie nicht, daß ich
jetzt wieder eine -- eine etwas andere Lebensweise führen darf?«
»Die Luftbäder setzen wir hier in der Stadt aus --«
»Nein, ich meine mit Essen und Trinken.«
»Ei versteht sich -- Sie müssen jetzt erst wieder etwas zu Kräften kommen,
denn ordentlich mager sind Sie in den vier Wochen geworden.«
»Ja aber, Doktor,« sagte der Geheime Regierungsrath scheu, denn ein
angstvoller Gedanke schnürte ihm noch die Brust zusammen, »was -- was
glauben Sie denn über meinen -- über meinen eigentlichen Zustand -- über
meine Krankheit?«
»Ueber Ihre Krankheit? Daß Sie ein gesunder Mensch sind.«
»Nein -- ich -- ich meine über die -- Trichinen --«
Doktor Asmus lachte so laut und anhaltend, daß der Diener hereinstürzte,
um zu sehen, ob vielleicht ein Unglück geschehen wäre, augenblicklich auch
wieder erschreckt die Thüre schloß.
»Aber Sie lachen, Doktor -- es ist doch bei Gott kein Spaß, wenn man --«
»Aber Sie, _Geheimer_ Regierungsrath, Sie,« lachte der Doktor, »Sie haben
ja so wenig Trichinen wie ich --«
»Doktor Asmus --«
»Oder auch je nur gehabt« -- fuhr der Doktor fort.
»Je nur gehabt? -- und das Mikroscop --« sagte der Geheime Regierungsrath,
immer noch halb in Zweifel, halb in Hoffnung.
»Bah,« rief der Doktor -- »das war ein Stück von einem confiscirten
Schwein.«
»Und da haben Sie mich zu einer solchen Kur« -- wollte der Patient
auffahren.
»Bst!« sagte aber der Doktor ermahnend -- »laut darf die Sache nicht
werden, sonst würde man Sie schmählich auslachen und das müssen wir
verhüten -- aber waren Sie auf andere Weise dazu zu bringen, meinen
Verordnungen Folge zu leisten? Gott bewahre -- Ihre Constitution erlaubte
das nicht -- Ihre Lebensgewohnheit -- Sie konnten Ihren Nachmittagsschlaf
nicht entbehren und Ihren schweren Steinwein. Ihr starker Kaffee war Ihnen
Lebensbedürfniß und eine Bewegung im Freien unbequem. Wo Sie sich deßhalb
einmal draußen blicken ließen, hatten Sie auch richtig eine Erkältung weg
und ruinirten Ihren Körper dabei muthwillig. Mit Vernunftgründen richtete
ich auch Nichts mehr bei Ihnen aus, soviel sah ich ein, deßhalb mußte ein
Parforcemittel angewendet werden. Um Ihnen aber einen heilsamen Schrecken
einzujagen, dazu brauchte ich die Trichinen und ich denke, die haben Sie
auf den Trab gebracht, wie?«
»Doktor, das war aber grausam,« sagte der Geheime Regierungsrath -- »ich
habe eine Heidenangst ausgestanden.«
»Geschieht Ihnen Recht,« lachte der Doktor, »aber gesund sind Sie dabei
geworden, und das ist die Hauptsache, und wenn Sie jetzt einen Rückfall
bekommen, harpunire ich Sie wieder und schicke Sie noch ein Mal in ein
Luftbad, das merken Sie sich.«
Und damit schüttelte er seinem gewesenen Patienten die Hand und ließ ihn
-- noch keineswegs mit sich selber einig, ob er dem Doktor danken oder böse
auf ihn sein sollte, mitten in der Stube stehen.
An dem nämlichen Abend noch bekam der Doktor aber einen großen Korb
Champagner mit 25 Flaschen in's Haus geschickt, und auf demselben war ein
Zettel mit den Worten befestigt: _Mittel gegen Trichinen_.
Der Dampfboot-Capitain.