Abend matt und unbehaglich zu fühlen. Der Arzt hatte ihm das auch
schon lange verboten, aber er behauptete immer, er dürfe seine gewohnte
Lebensweise nicht unterbrechen, oder er ginge zu Grunde. Heute fand er
keine Ruh; er lief die ganze Zeit im Zimmer auf und ab und blieb nur
manchmal erschreckt stehen, wenn er die Bewegung der Thiere in seinem
mißhandelten Körper zu fühlen glaubte.
Endlich -- endlich kam der Doktor, nach welchem er indessen selber schon
zweimal aber immer vergebens geschickt. Er war sehr ernst, wickelte aus
einem Tuch, das er in der Hand hielt, ein Mikroscop heraus, stellte
es, legte ein Präparat hinein und bat den Geheimen Regierungsrath dann
feierlich einmal hindurch zu sehen.
Zitternd beobachtete ihn der Unglückliche, denn er wußte genau, was ihm
bevorstand -- _was_ er da zu sehen bekam -- _seine_ Trichinen -- die
entsetzlichen Verwüster seines eigenen Körpers, die selbst in diesem
Augenblick noch eifrig beschäftigt waren, ihn bei lebendigem Leibe zu
verzehren. Er streckte auch abwehrend die Hand aus, aber der Doktor ließ
nicht nach.
»Bitte, lieber Regierungsrath, Sie _müssen_ sich selber mit eigenen Augen
überzeugen, daß meine Vermuthung, daß der Verdacht, den ich geschöpft, nur
zu gegründet gewesen. Sie stecken voll bis an die Haarwurzeln und es ist
die höchste Zeit, daß wir eine ernste Maßregel dagegen ergreifen.«
»Und glauben Sie wirklich, daß da noch Hülfe möglich ist, Doktor?«
»Bah, möglich? Ich habe Ihnen nicht umsonst eine Wette angeboten. Wollen
Sie meinem Rath folgen -- aber sehen Sie sich nur erst einmal selber die
Beester an -- so stelle ich Sie in vier Wochen so vollständig her, daß Sie
so gesund wie ein Fisch im Wasser -- und auch ebenso frei von Trichinen
sind -- bitte, überzeugen Sie sich nur erst einmal.«
Der Geheime Regierungsrath folgte mit einem schweren Seufzer der
Aufforderung und da waren sie richtig -- nicht mehr geheim, sondern klar
und offen in ihrer natürlichen Scheußlichkeit spiralförmig gewunden und
zusammengerollt. Ein solches kleines Ungethüm hatte sich sogar in seiner
ganzen Länge ausgestreckt.
»Es ist entsetzlich!« stöhnte der Unglückliche -- »und die sind von mir?«
»Auf frischer That ertappt, ja,« schmunzelte der Doktor, denn er fühlte
sich jetzt seines Opfers sicher, »und nun hören Sie aufmerksam zu und
weichen Sie keinen Finger breit von meinen Vorschriften ab, oder Sie sind
in vier Wochen, anstatt gesund und kräftig ein neues Leben zu beginnen, ein
rettungslos verlorener Mann.«
»Und was soll ich um Gottes Willen thun? ich will Ihnen ja so gern folgen,
wenn ich nur --«
»Sie reisen morgen früh« --
»In ein Bad?«
»Nein, das hilft Ihnen Nichts -- in den Thüringer Wald müssen Sie, oder in
irgend einen anderen, denn auf die besondere Gegend kommt Nichts an -- der
Thüringer ist uns aber der nächste und auch sonst vortrefflich geeignet.
Dort stehen oben in den Bergen eine Menge Pirschhäuser, die aber nicht alle
benutzt werden -- ich bin dort bekannt; ich werde Ihnen einen Brief an
den dortigen Forstmeister mitgeben. Unten im Thal im nächsten Wirthshaus
quartieren Sie sich ein und bleiben dort vier Wochen. In der ganzen Zeit
dürfen Sie keinen Tropfen Wein oder Bier trinken, hören Sie? Nichts als
Wasser oder vielleicht einmal zur Abwechselung etwas verdünnte Milch.
Fische können Sie essen, auch Fleisch, aber kein Brod -- auch keine
Kartoffeln und Gemüse und jeden Mittag ein weich gekochtes Ei -- aber nur
eins und jeden Mittag Wassersuppe.«
»Oh Du großer Gott,« stöhnte der Geheime Regierungsrath, »das wird gut
werden.«
»Dabei,« fuhr der Doktor unerbittlich fort, »dürfen Sie den Trichinen keine
Ruhe lassen -- schlafen Sie Nachmittags, so sind Sie rettungslos verloren,
denn in der Zeit gerade erholen sie sich wieder, wenn sie sonst angegriffen
werden. Morgens mit Sonnenaufgang -- nicht später, steigen Sie langsam zu
dem Pirschhaus hinauf, was Sie sich so aussuchen müssen, um etwa zwei bis
drei Stunden Entfernung dahin zu haben. Oben angekommen ruhen Sie sich zwei
Stunden aus und kühlen sich ordentlich ab -- Sie dürfen sich auch frische
Wäsche mitnehmen.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Geheime Regierungsrath, dem sich Herz und
Leber bei der Verordnung umdrehte.
»Und dann --,« fuhr der Doktor fort, »nehmen Sie dort oben ein Luftbad!«
»Ein _was_?« frug der Kranke rasch und erschreckt.
»Ein Luftbad,« wiederholte ruhig der Doktor, »es ist das Einzige was Sie
wieder herstellen kann.«
»Aber, wie um Alles in der Welt soll ich denn das machen?« rief der
Unglückliche -- »Luftbad? Was ist denn das eigentlich?«
»Die Sache ist unendlich einfach,« erwiederte Doktor Asmus, »denn darauf
beruht gerade jene amerikanische Entdeckung. Die Trichine ist nämlich ein
Geschöpf, das Alles ertragen kann, bis zur ausgesprochenen Siedehitze,
mäßiges Räuchern, Salzen, oberflächliches Kochen, unter Wasser setzen, kurz
Alles, wodurch sie nicht in direkter Verbindung mit frischer Luft kommt --
wird sie aber dieser ausgesetzt, so ist sie rettungslos verloren und muß
sterben.«
»Aber ich begreife Sie noch immer nicht.«
»Sie sind furchtbar schwer von Begriffen, Regierungsrath,« sagte der Doktor
mit dem Kopf schüttelnd. »Sie sollen sich oben im Wald -- und bei der
Hitze, die wir diesen Sommer haben, kann Ihnen das nur behaglich sein
-- vollkommen nackt ausziehen -- eine sehr schmale Schwimmhose mögen Sie
meinethalben anbehalten -- und eine volle Stunde lang im Wald spazieren
gehen. Nachher ziehen Sie sich wieder an und steigen langsam und ohne sich
zu erhitzen, in Ihr Hotel hinab. Haben Sie mich jetzt verstanden?«
»Und _das_ soll die Trichinen tödten -- unbegreiflich.«
»Lieber Freund,« sagte der Doktor, »es liegen noch eine Menge von
Geheimnissen in der Natur, die wir mit unsern groben Sinnen nicht gleich
fassen können und oft bleibt es nur dem Zufall vorbehalten, solche
geheimnißvolle Wirkungen zu erkennen und festzustellen. Uebrigens machen
Sie, was Sie wollen; _das_ sage ich Ihnen aber, es ist Ihre einzige und
letzte Rettung, und wenn Sie nicht unverzüglich an die Kur gehen, stehe ich
Ihnen selbst nicht einmal dafür, daß selbst _das_ Ihnen etwas nützen kann.«
Der Geheime Regierungsrath sah wieder in das Mikroscop hinein, um sich noch
einmal vor seinen zahllosen Quälgeistern zu entsetzen. Der Anblick war aber
zu furchtbar, als daß er ihn hätte lange aushalten können.
»Wie Gott will,« stöhnte er endlich -- »aber noch Eins, Doktor, schreiben
Sie mir meine Verhaltungsregeln etwas auf, denn es sind deren so
mancherlei, daß ich sie am Ende nicht im Gedächtniß behalten könnte.«
»Von Herzen gern.«
»Und wenn ich dort nun -- wenn ich dort nun einen Arzt finden sollte --
glauben Sie nicht, daß es gut wäre, ihn ebenfalls um Rath zu fragen?«
»Warum nicht?« sagte Doktor Asmus ruhig, »schaden kann es auf keinen Fall.
Er wird Sie dann jedenfalls zuerst harpuniren --«
»Aber das ist ja doch schon geschehen!« rief der Regierungsrath schnell.
»Das bleibt sich gleich,« entgegnete ruhig der Doktor, »kein Arzt auf
der Welt kann sich und darf sich auf die bloße Aussage eines Patienten
verlassen. Er muß die Sache selber und gründlich untersuchen und wenn er
und sein Hülfsarzt dann die feste Ueberzeugung Ihres Zustandes erhalten
haben -- werden sie Ihnen das Nämliche sagen, was Sie von mir gehört.«
»Und wohin also soll ich reisen?« stöhnte der Geheime Regierungsrath in
Verzweiflung.
»Direkt nach Gotha und von da nach Reinhardtsbrunn. Dort sind Sie mitten im
Wald, und für ein bequem gelegenes Pirschhaus werde ich selber Sorge tragen
-- ich gebe Ihnen einen Brief mit.«
Dabei blieb es; der Geheime Regierungsrath, das Herz zum Brechen voll
und noch immer in peinlichster Ungewißheit, ob ihm die wunderliche Kur
überhaupt etwas nützen werde und er nicht trotzdem ein »verlorner Mann«
sei, packte noch an dem nämlichen Abend seine Sachen zusammen. Aber noch
ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Er war nämlich nicht gewohnt baarfuß
zu gehen -- selbst im Sommer beim Baden, was er aber auch nur sehr spärlich
betrieb, genirte es ihn immer ungemein, wenn er die wenigen Schritte in
bloßen Füßen machen mußte, und jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfuß im
Wald und auf den scharfen Fichtennadeln herumlaufen; das ging unmöglich und
er mußte deßhalb den Doktor fragen, ob er seine kurzen Stiefel anbehalten
dürfe. Das gestand ihm dieser denn auch zu; auch seinen Strohhut durfte er
aufbehalten.
Aber noch eins -- er litt nicht selten an Halsschmerzen und war ebenso
wenig gewohnt im bloßen Hals wie in bloßen Füßen zu gehen -- wenn er nur
noch wenigstens seine Cravatte --
Der Doktor bekam den Quälgeist, der ihm keinen Moment Ruhe ließ, satt:
»Meinetwegen behalten Sie auch die Cravatte um,« rief er endlich ärgerlich,
»aber das ist das Aeußerste, was ich Ihnen erlauben kann, und nun machen
Sie, daß Sie fortkommen, denn wenn Sie das schöne warme Wetter nicht
benutzen, wird es zu spät in der Jahreszeit und Sie sind nicht mehr zu
retten.«
Damit ging der Doktor, nachdem er dem Patienten noch vorher ein genaues
Verzeichniß seiner nächsten Lebensweise eingehändigt, und der Geheime
Regierungsrath blieb mit dem nagenden Wurm im Herzen zurück, um seine
Angelegenheiten zu ordnen und den nächsten Morgenzug nicht zu versäumen.
Ein Luftbad! Es war ein schrecklicher Gedanke, eine volle Stunde in der
Schöpfungstracht umher zu laufen, nur um seine Trichinen an die Luft zu
setzen -- und wo hatte er je gelesen, daß irgend ein ähnliches Mittel gegen
diese unseligste aller Krankheiten erprobt oder gar nur erwähnt sei. Und
wenn er nun noch vorher einen andern Arzt deßhalb zu Rathe zog? -- aber die
verfluchten Harpunen! Er hatte an der einen Operation vollständig genug und
dachte nicht daran, sich einer zweiten auszusetzen. Ueberdies konnte er
ja kaum noch mehr zweifeln; er war nicht allein durch das Mikroscop selber
überzeugt worden, nein -- er fühlte auch im eigenen Körper die furchtbare
Wahrheit der Entdeckung, und es ließ ihm jetzt selber keine Ruhe mehr, nur
so rasch als irgend möglich den Ort seiner Bestimmung zu erreichen und dort
seine Kur zu beginnen.
Die Reise selber verlief ohne weitere Fährlichkeiten und wäre bei
dem herrlichen Wetter wirklich ein Genuß gewesen, dem sich aber der
unglückliche Patient nicht mit ganzer Seele hingeben konnte, da er nur
immer und ununterbrochen an seinen trostlosen Zustand denken mußte. Er war
reich und im Besitz aller Lebensgüter; er war sogar Geheimer Regierungsrath
und hatte den blauen Finkenorden vierter Klasse: aber wie beneidete er
selbst die armen Weichensteller, die niedrigsten Handlanger an der
Bahn, die armen Menschen, die zerlumpt und schmutzig ihren verschiedenen
Beschäftigungen nachgingen, nur um ihr dürftiges Brod zu verdienen, denn
_sie_ waren wenigstens gesund -- _sie_ hatten _keine_ Trichinen und sahen
nicht ein offenes Grab vor sich, wo sie gingen und standen.
Wie oft kam ihm dabei der Gedanke: oh, wenn Du diesen Menschen ihren
gesunden Körper _abkaufen_ könntest -- wenn Du ihnen drei-, vier- -- ja
zehntausend Thaler dafür bötest, sicherlich gingen sie mit Freuden den
Handel ein und Du -- aber es war ja nicht möglich. Geld kann alle _Genüsse_
des Lebens kaufen, aber nicht das Leben selber, wo gäbe es auch sonst einen
kranken _reichen_ Mann und einen gesunden _Armen_! nein, er war verdammt,
sein Leiden selber zu ertragen und keine Schätze der Welt konnten ihn davon
befreien -- wenn auch die vorgeschriebene Kur Nichts nutzte. --
»Trichinen!« stöhnte er dabei vor sich hin -- »es ist unglaublich --
fabelhaft -- Tausende von Jahren steht die Welt schon und wer hat je in
seinem ganzen Leben oder in irgend einem anderen Jahrhundert etwas von
solchen Bestien gehört und wie viel Millionen Schweine sind in der Zeit
verzehrt worden. Moses war aber gescheidt; _der_ hat seinen Juden das
Fleisch gleich verboten, der muß auch gewußt haben weßhalb, ob der sie
schon damals entdeckt hat! -- aber anstatt nachher das Maul aufzuthun und
zu sagen so und so -- hütet Euch vor dem Fleisch, es sind kleine Beester
darin, kommt er mit seinem verfluchten Geheimniß und seiner Wichtigthuerei
-- mit seinem: Gehorcht nur meinen Befehlen, Ihr braucht gar nicht zu
wissen weßhalb. Daß Dich der --«
Der Geheime Regierungsrath war ganz im Geheimen, denn ihm gegenüber saß
ebenfalls eine Geheime Commerzienräthin im Coupé erster Classe --
wüthend auf sich, auf die ganze Welt und besonders auf Moses -- gewiß der
unschuldigste von Allen an seinem Leiden, und als sie endlich in Gotha
anlangten und ein sehr hübsch frisirter Kellner ihm durch das Wagenfenster
einen Teller mit Würstchen präsentirte, und die Geheime Commerzienräthin
ihm entsetzt zurief: »Essen Sie um Gottes Willen keine davon; es sind
Trichinen darin!« gab es ihm ordentlich einen Stich in's Herz.
Es sind Trichinen darin -- Du lieber Gott, _er_ hatte selber mehr als die
kleine Wurst und wenn er sie auch im Stillen trug, in diesem Augenblick
fühlte er jede einzelne sich bewegen und drängen und bohren.
Luft! er verging fast in dem engen Coupé und den Kellner mit seinem Teller,
auf welchem ganz friedlich Würste, Malzbonbons und Apfelsinen lagen, bei
Seite drängend, stürmte er an die Kasse, um sich ein Billet nach Fröttstett
zu lösen und von da mit der Pferdebahn weiter zu gehen.
Abends spät langte er endlich in Reinhardtsbrunn an und wurde -- nachdem er
seinen Brief abgegeben hatte, weiter nach Tambach dirigirt und der Förster
dort angewiesen, den Herrn am nächsten Tag zu einem bestimmten und nicht
mehr benutzten Pirschhaus zu bringen, wozu er ihm auch den Schlüssel
übergeben konnte.
Der Geheime Regierungsrath begann jetzt seine Kur zuerst mit einem
entsetzlich dünnen Kaffee und trocknem Weißbrod, dann wanderte er in
Begleitung eines Forstgehülfen, der aus dem wunderlichen Menschen gar nicht
klug werden konnte, in die Berge hinein, bis sie das allerdings versteckt
genug gelegene Pirschhaus erreichten. Der junge Forstmann, der selber
im Wald zu thun hatte, versprach in etwa drei oder vier Stunden wieder
vorzukommen und ihn abzuholen, damit er sich nicht am ersten Tag und in
dem fremden Wald verirre, denn auf dem Rückweg sehe so ein Platz immer ganz
anders aus, als auf dem Hinweg, und ließ ihn dann allein.
Eine bessere Gelegenheit, um eine ähnliche Procedur vorzunehmen, wie sie
der Geheime Regierungsrath beabsichtigte, hätte sich freilich auf der
ganzen Welt nicht finden können. Das kleine Bretterhäuschen war versteckt
in den Wald hineingebaut, auf einer schmalen Lichtung, die, wenn das Auge
derselben thalwärts folgte, einen ganz reizenden Fernblick über das weite,
wie mit einem blauen Duft übergossene Land gewährte. Und der würzige
Harzgeruch hier oben, das Zwitschern der Vögel, das zuweilen nur durch
den heiseren Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde -- und _diese_
Einsamkeit. Hier allerdings hatte er keine Störung zu befürchten, denn ohne
des jungen Forstmanns Führung würde er sich nie allein hier heraufgefunden
haben. Auch der lange Marsch hatte ihn wohl erschöpft, aber that ihm doch
gut und er ging jetzt vor allen Dingen daran, das Terrain selber ein wenig
zu sondiren.
Das Pirschhaus bestand nur aus vier einfachen Bretterwänden, mit einem
guten Dach und einem kleinen, eisernen Ofen darin, um an rauhen Tagen den
Ort behaglicher zu machen. Gespaltenes Holz lag ebenfalls in Vorrath darin.
Sonst stand noch dort eine Bettstelle aus weißem Holz mit einer reinlichen
Seegrasmatratze und einer wollenen Decke darauf, auch ein Wasserkrug und
ein Glas, wie ein paar irdene Töpfe, falls einmal einer der Forstbeamten
genöthigt wäre, dort oben ein paar Tage zuzubringen.
Der Geheime Regierungsrath benutzte aber von alle dem Nichts als das Bett;
er war müde geworden und streckte sich jetzt behaglich darauf aus, um ein
wenig zu ruhen.
Sonderbar -- zu Hause hatte er eine Stahlfeder- und darüber eine
Roßhaarmatratze und die weichsten Kissen, und doch war ihm sein Lager immer
zu hart gewesen und hier auf der festgestopften Seegrasmatratze lag sich's
so merkwürdig bequem. Aber seine Gedanken ließen ihn nicht ruhen: Ein
Luftbad -- es war das Außerordentlichste, von dem er je gehört, und
Trichinen, die kaum durch Siedehitze getödtet werden konnten -- und selbst
darüber war man noch in Zweifel -- sollten umkommen, wenn er über Tag eine
Stunde nackt im Wald herumlief? Er hätte doch noch eigentlich einen andern
Arzt fragen sollen, denn er begriff die Möglichkeit nicht -- aber die
verfluchten Harpunen. Und wenn ihm das Alles nun Nichts half? Wenn er
kränker nach Hause zurückkehrte als er gekommen und dann seinen Tod --
den furchtbarsten Tod, den sich ein Mensch nur denken oder ausmalen kann,
rettungslos vor Augen sah? Aber Doktor Asmus hatte mit solcher Zuversicht
von seiner Kur gesprochen -- von Amerika waren überhaupt schon so
merkwürdige Entdeckungen herübergekommen -- der Versuch mußte jedenfalls
gemacht werden, es war ja auch seine _letzte_, verzweifelte Hoffnung.
Uebrigens befolgte er jetzt getreu die Anweisung des Doktors, dessen Zettel
er in seiner Brieftasche immer bei sich trug. Er war, nach einer Rast von
etwa anderthalb Stunden vollständig abgekühlt, entkleidete sich deßhalb,
zog nur seine Schwimmhosen an, band sich die Cravatte wieder um, damit er
seinen Hals nicht erkälte, setzte den Strohhut auf und stieg dann in seinen
Halbstiefeln etwas verschämt in den grünen Wald hinaus, dessen Schatten er
der brennenden Sonne wegen nothwendig brauchte. Es war dort aber Alles so
offen -- er konnte so weit zwischen die hohen schlanken Bäume hineinsehen
-- wenn da nun plötzlich Jemand heraufgekommen und ihm in diesem Zustand
begegnet wäre -- aber es kam Niemand. Der Wald lag hier öde und einsam und
nur in der ersten Zeit überraschte und erschreckte ihn dann und wann einmal
ein Eichhörnchen, das vielleicht von Stamm zu Stamm sprang, oder auch wohl
ein, keine Gefahr ahnendes Reh, das über die Lichtung wechseln wollte und
scheu der wunderlichen, hier oben sicher nicht vermutheten Gestalt entfloh.
Allerdings hörte er einmal einen Schuß fallen -- aber weit weg, der Jäger
kam nicht her zu ihm, und allmählich fing er an, sich sicherer zu fühlen.
Auch die warme Luft that ihm wohl; er hatte mäßig gegessen und einen langen
Spaziergang gemacht; er fühlte sogar, daß er wieder Hunger bekam, und
wanderte behaglich seine ihm aufgegebene Zeit im Freien hin und her. Dann
ging er in das Pirschhaus zurück, zog sich wieder an, packte, was er hier
oben behalten wollte, zusammen und erwartete nachher, auf dem schwellenden
Moos ausgestreckt und eine gute Cigarre rauchend -- denn das hatte ihm
der Doktor glücklicher Weise nicht verboten, den Forstgehilfen, der auch
ziemlich genau zur versprochenen Zeit eintraf und mit ihm zu Thal stieg.
Von jetzt an besuchte er jeden Morgen regelmäßig das Pirschhaus, und da
ihn auch das Wetter außerordentlich begünstigte -- denn nur ein einziger
Regentag unterbrach einmal für 24 Stunden die Kur -- so durfte er sich
selber wahrlich keine Vorwürfe machen, irgend etwas versäumt zu haben,
was ihm aufgegeben war. Die Lage des alten Pirschhauses schien außerdem
vortrefflich gewählt, daß sich Niemand in diese abgelegene Gegend, an der
gar kein begangener Pfad vorüberführte, verstieg. Es war auch allerdings
nur in früheren Jahren für die Auerhahn-Balz gebaut, da es damals,
gerade an diesem Hang sehr viele Auerhähne gab. Wie das aber mit diesem
wunderlichen Geflügel so häufig geht, daß sie Jahre lang irgend einen
bestimmten Stand haben und Nacht um Nacht den nämlichen Baum zu ihrem
Ruheplatz wählen, dann aber plötzlich die Gegend verlassen, um sich an
irgend einen anderen entfernten Hang hinüberzuziehen, so war es auch
hier geschehen. Die Forstung des Holzes hatte es nöthig gemacht, in der
Nachbarschaft einen Schlag anzulegen und das mußten die Auerhähne übel
genommen haben. Im nächsten Frühjahr balzte dort nicht ein Einziger mehr,
und das Pirschhaus wurde von da ab nur noch zu Zeiten von Forstleuten
benutzt, die dann und wann einmal jene Waldstrecke begehen und überwachen
mußten, um etwaigem Wildfrevel zu begegnen.
Der geheime Regierungsrath zweifelte allerdings noch immer im Stillen
an der Möglichkeit seiner Kur; es kam ihm zu merkwürdig vor, daß ein so
einfaches, äußerliches Mittel den inneren Feind bezwingen solle, aber er
konnte sich auch nicht verhehlen, daß sich sein Zustand in den wenigen
Wochen wesentlich gebessert habe. Seine quälenden Beängstigungen hatten ihn
vollständig verlassen; schlaflose Nächte kannte er gar nicht mehr, und wenn
er sich Abends, allerdings ziemlich ermüdet, auf sein Lager warf, lag er im
Nu in Morpheus' Armen, ja der Hausknecht hatte sogar jeden Morgen Mühe,
ihn nur wieder wach zu bekommen. Und was für einen Appetit entwickelte er
selbst gegen die sonst so verachtete Wassersuppe. Ebenso fühlten sich seine
Glieder freier; er empfand kein Prickeln und Stechen mehr, kein Wühlen und
Bohren, er war mit einem Wort ein anderer Mensch geworden, und wenn er sich
jetzt die Möglichkeit dachte, daß er sogar von seinen geheimen Quälgeistern
befreit sein könne, so hätte er laut aufjubeln mögen vor lauter Seligkeit.
Auch in seinen Bewegungen dort oben an dem Berghang war er freier geworden,
denn er fühlte sich jetzt sicher, daß er nicht gestört werden könne.
Einmal allerdings hatte er im Wald ein paar Kinder angetroffen, die nach
Heidelbeeren suchten und sich ausnahmsweise dort hinauf verloren haben
mochten. Diese aber erschracken so furchtbar bei seinem Anblick und
stürzten sich in so wilder Flucht den ziemlich steilen Hang hinunter, daß
er sie gar nicht über seine Ungefährlichkeit beruhigen konnte. Er bekam sie
von da an auch nie wieder zu sehen.
Und wo war sein Bauch geblieben, wo sein Halsleiden? Den Hals hielt er
sich allerdings noch immer warm und die Cravatte legte er nicht ab, aber
er spürte nicht das Geringste mehr von seinen sonstigen Schmerzen und war
selbst keinen Erkältungen mehr ausgesetzt.
Wo hätte er sonst es wagen dürfen, Abends nach Sonnenuntergang an irgend
einem der Nachtluft zugänglichen Ort zu verweilen? Jetzt saß er regelmäßig
jeden Abend bis zehn oder halb elf Uhr mit dem Förster in dessen Garten,
wobei ihn nur das genirte, daß der Förster Bier trank und dieses noch bei
ihm zu den verbotenen Genüssen zählte.
Aber Gott sei Dank nicht lange mehr -- morgen war seine monatliche Kur um,
dieselbe gewissenhaft zu dreißig Tagen gerechnet. Selbst den einen Regentag
hatte er sich nicht geschenkt, sondern dafür eben diesen letzten zugegeben,
sonst würde er sich schon heute als freier -- als trichinenfreier Mensch
haben betrachten können. Seine Gewissenhaftigkeit ließ das aber nicht zu;
er hatte dem Doctor sein Wort gegeben und wollte es halten -- nur heute
noch, dann hatte er ja doch Alles überstanden.
Uebrigens wurde es auch Zeit, daß er hier fortkam, wenn er sein Incognito
-- denn er reiste unter dem unscheinbaren Namen Müller -- hier noch
länger bewahren wollte, da fast mit jedem Tage neue Fremde ankamen.
Reinhardtsbrunn und Friedrichsroda waren nämlich schon so überfüllt von
Gästen, daß dort kaum noch Einzelne untergebracht werden konnten, und die
Folge davon die, daß sich die Fremden über die nächsten kleinen Orte in der
Nachbarschaft und natürlich im Wald zerstreuten. Tambach hatte denn auch
schon fünf oder sechs Berliner Familien als Einquartierung erhalten. Er
verkehrte übrigens gar nicht mit ihnen. Es lag ihm Nichts daran, hier neue
Bekanntschaften anzuknüpfen; trug er doch nicht einmal seinen Orden, denn
er war als _wirklicher_ Geheimer Regierungsrath hierher gekommen. Was
kümmerten ihn auch die Berliner, die nur hierher gefahren schienen, um
sich über Alles lustig zu machen. Auf heute Abend schon hatte er sich eine
Extrapost nach Gotha zur nächsten Eisenbahnstation bestellt und mit diesem
beruhigenden Gefühl trat er zum letzten Mal seine Wanderung in die Berge
an.