Die Südamerikaner sind eigentlich kein entschieden grausames Volk, und

besonders in diesen Theilen, in Ecuador und Peru, nichts weniger als

blutdürstig. Aber mit allen Leidenschaften erregt, mit dem Gefühl, besiegt

-- geschlagen zu sein, kam zu der Gewißheit, wie die glücklicheren Gegner

jetzt jubeln und jauchzen würden, auch das Bedürfniß, Rache und eine

theilweise Vergeltung zu üben, und nur an den unglücklichen Gefangenen, an

der armen Stadt konnte der Führer der Godos seine machtlose Wuth auslassen.

Sobald er also die Ueberzeugung gewann, daß er den Tag verloren, war sein

Plan auch schon entworfen. Noch hielt er ziemlich tapfer mit den Seinen den

immer stärker andrängenden Feinden Stand, aber ein Theil seiner Leute wurde

rasch zurück zu dem Gefängniß beordert, mit dem Befehl, die Gefangenen über

die Brücke zu schaffen und dann die letzten Häuser, von denen aus der Wind

über die Stadt schlug, in Brand zu schießen. Das sollte das Signal für

ihn selber sein, mit seinen Truppen zu folgen, und Widerstand in der Stadt

selber brauchte er, wie er fest überzeugt war, nicht zu fürchten.

Der Plan, so teuflisch er sein mochte, war gut ausgedacht, denn schon das

Feuer mußte seinen Rückzug decken, da die Truppen Mosquera's nicht daran

denken durften, ihn zu verfolgen, wenn sie die ganze Stadt nicht in einen

Aschenhaufen wollten verwandelt sehen -- aber der Eifer seiner Leute

verdarb ihn.

Während sich ein Theil derselben in das Gefängniß warf und den

Unglücklichen darin die Hände auf den Rücken band, um eine mögliche Flucht

derselben zu verhindern, sprang ein anderer Theil derselben in die letzten

Häuser und feuerte von der Straße aus unter das trockene Schilf der inneren

Dächer, bis sie in Brand geriethen. Wie _ein_ Schrei des Entsetzens zuckte

aber der Ruf dieser Unthat durch die bedrohte Stadt, und was noch Waffen

trug, stürmte herbei, um sich dem Frevel zu widersetzen.

Indessen hatten sich die Matrosen, da ihnen ihr Offizier abhanden gekommen

war, ebenfalls nach der Stadt zurückgezogen, denn gerade dort, wo sie

standen, schien der Feind plötzlich seinen Angriff aufgegeben zu haben,

um den Kern seiner Truppen weiter oben auf einen andern Punkt zu werfen.

Unschlüssig standen sie hier und beriethen gerade, ob sie ebenfalls

dorthin, woher das stärkste Gewehrfeuer drang, eilen oder hier ruhig

einen neuen Befehl ihres »Generals« abwarten sollten, als hinter ihnen ein

Getümmel laut wurde und eine Stimme deutlich in englischer Sprache rief:

»Zu Hülfe! zu Hülfe, Landsleute!«

»Alle Teufel!« schrie Bill herumfahrend, »das sind die Gefangenen. Was

haben sie mit denen vor?«

»Vorwärts, Jungen!« rief aber da der Bootsteuerer, »da müssen wir dabei

sein« -- und in gestrecktem Lauf flogen die fünf Seeleute, Bill vorne seine

Muskete, die schon lange nicht mehr in dem Regen feuern wollte, wie eine

Handspake in der Faust, auf den Menschenknäuel zu, um den sich indessen

auch eine Menge Frauen gesammelt hatten.

»Amerikaner hierher!« schrie er dabei, »hier kommt Hülfe!«

»Hierher, hierher, Landsleute!« rief eine kräftige Stimme, und Bill hatte

im Nu die Gestalt erkannt, die sich mit gebundenen Armen unter den Händen

der Häscher wand.

Bill wußte aber recht gut, daß er seine Zeit nicht mit unnützen Fragen oder

Auseinandersetzungen verlieren durfte, und vollkommen gleichgültig dagegen,

ob er es mit Godos oder Mosqueranern zu thun habe, fuhr er mit seinem

Kolben dermaßen unter die Bursche hinein, daß ein paar von ihnen betäubt

oder todt -- wer kümmerte sich darum -- zu Boden stürzten. Der Kolben brach

auch von dem Schlag, aber das eiserne Rohr blieb eine eben so gewichtige

Waffe, und rechts und links mähte er damit hinein, während jetzt der

Bootsteuerer mit den Uebrigen herbeisprang, um dem Angriff Nachdruck

zu geben. Im Nu hatten sie auch den Amerikaner befreit und seine Bande

durchschnitten, und scheu wollten sich die südamerikanischen Soldaten mit

ihren übrigen Gefangen zurückziehen -- aber Bill ließ sie nicht.

»Da sind noch Andere dabei, die auch frei werden müssen!« schrie er den

Gefährten zu -- »noch ein Engländer ist darunter -- vorwärts Jungen!

hämmert den braunen Halunken die Schädel ein, wenn sie nicht Vernunft

annehmen wollen.«

Es sah fast wie Wahnsinn aus, daß die fünf nothdürftig bewaffneten Matrosen

einen Angriff gegen einige zwanzig Soldaten machen wollten, aber sie

zögerten auch nicht einen Moment. Ihr Blut war einmal warm geworden,

und während der befreite Amerikaner von einem der Gefallenen eine Lanze

aufgriff, warfen sie sich mit keckem Muth auf den Feind.

Da stürmte General Oran mit seinem Trupp die Straße herauf, denn die zu

früh gefeuerten Allarmschüsse hatten ihn glauben machen, daß seine Befehle

alle ausgeführt seien und die Bahn nun frei läge für seine Flucht. Am

Gefängniß vorüberkommend, sah er aber seine eignen Leute noch im Kampf

mit den Fremden, und augenblicklich das Ziel errathend, das diese im Auge

hatten, warf er sich mit seiner ganzen Macht gegen sie an.

Ein Glück für die Seeleute war es, daß die Neugranadienser unten, ehe sie

die Schanzen verließen, sämmtlich die Gewehre, die überhaupt nicht mehr

losgehen wollten, auf den Feind abgefeuert hatten, und dann, ohne sich Zeit

zu nehmen, wieder zu laden, den vorangegangenen Freunden gefolgt waren. So

konnten sie wenigstens nicht in den kleinen Trupp hineinschießen, aber mit

Säbeln und Lanzen fielen sie doch über sie her; was konnten auch die paar

Menschen gegen ihren Schwarm ausrichten.

Bill erhielt den ersten Säbelhieb über den Kopf, aber der Bursch führte

keinen zweiten, denn der Matrose, wenn auch verwundet, zerschmetterte mit

seinem Büchsenlauf den Schädel des Unglücklichen. Jetzt aber war Bill's

Zorn auch erwacht, und mit einem lästerlichen Fluch sprang er hinein in die

Rotte, um sich bis zu dem eben erkannten General durchzuarbeiten.

Da tönte wildes Jubelgeschrei von der andern Seite herüber.

»Ho Bill! -- ho Tom! lass' sie's haben. Drauf meine Jungen, hier kommt

Hülfe! -- Hurrah! =Uncle Sam for ever!=«

Die Neugranadienser stutzten, den frischen Feind gewahrend; aber eine noch

dringendere Gefahr bedrohte sie von der andern Seite, denn die Einwohner

von Buenaventura, wüthend über den frevelhaften Versuch, ihre Stadt in

Brand zu stecken, und jetzt auch mit der Gewißheit, daß Mosquera doch

den Platz besetzen würde, fielen plötzlich ebenfalls über sie her und

vereinigten sich mit den Matrosen.

Die Straße herunter tönte wildes Geschrei, und schwarzer Rauch wälzte sich

unheimlich drohend von den brennenden Gebäuden herüber, die Wuth der Männer

noch zum Aeußersten anstachelnd. General Oran machte einen Versuch, sich

durchzuhauen, und hätten er und die Seinen den ganzen Tag so gefochten,

so wären sie wahrscheinlich Sieger geblieben. Jetzt kam der Muth der

Verzweifelten zu spät. Mosquera's Truppen, keinen Widerstand mehr an den

Schanzen findend, hatten die niederen Wälle übersprungen und stürmten jetzt

von allen Seiten in die offene, unvertheidigte Stadt hinein.

Tom war vorgesprungen, wo er einen kleinen offenen Raum sah. Der General,

der sich auf ein Pferd geworfen, wollte gerade an ihm vorüber, als der

lange Matrose mit seiner Wallfischlanze zum Wurf ausholte. Der Offizier

sah ihn und drückte seinen Revolver auf ihn ab -- aber die Nässe hatte

ihn unschädlich gemacht; zwei, drei Zündhütchen versagten, und im nächsten

Moment sauste der haarscharfe Stahl gegen ihn vor und traf ihn in die

Seite. -- Unter ihm sprang das Pferd hinaus in's Freie, und die Godos, als

sie ihren Führer fallen sahen, stoben in scheuer Flucht nach allen Seiten

auseinander.

Von jetzt ab war an keinen Widerstand mehr zu denken; es gab nur noch

Verfolger und Verfolgte, und Wenigen der Schaar gelang es, über die Brücke

in den Wald zu entkommen, wo sie sich in den wilden Dickichten verstecken

und doch für den Augenblick ihr Leben retten konnten.

Die Matrosen nahmen natürlich keinen Theil an der Verfolgung, der sich

aber der befreite Amerikaner auf das Thätigste anschloß. Sowie sie nur

die übrigen Gefangenen losgebunden, begrüßten sie mit wirklich herzlicher

Freude die so zur rechten Zeit zum Sukkurs herbeigeeilten Kameraden. -- Und

doch mischte sich auch wieder etwas Verlegenheit hinein, denn eigentlich

war es gar nicht ihre Absicht gewesen, an Bord zurückzukehren, wenn ihnen

auch das feste Land bis jetzt wenig Verlockendes geboten. Bill hatte

einen Säbelhieb über den Kopf, Dick einen Lanzenstich durch das Bein,

der Bootsteuerer eine Kugel durch den Oberarm und Bob einen Kolbenschlag

bekommen, der ihm die Hälfte des linken Ohres vom Kopfe getrennt und den

linken Arm gelähmt. Auch von den Neugekommenen waren Einige verwundet

worden, aber keiner von ihnen dachte jetzt an die »Schrammen«, und der

Harpunier rief vergnügt aus: »Wetter noch einmal, Jungen, Ihr habt uns

beinahe eine heiße Mahlzeit eingebrockt, aber =all's well, that end's

well=, und jetzt müssen wir machen, daß wir an Bord kommen, denn der Alte

kocht gewiß schon vor Ungeduld noch ärger als sein Kessel.«

»Ihr habt Fische gefangen?« sagte Bill zaudernd.

»Zwei Mordfische!« rief der Harpunier, »und einen noch draußen liegen, mit

der Fahne eingesteckt. Das aber nicht allein, die See scheint da draußen

von Spermfischen zu wimmeln, und wir sind nur hier -- mit Auskochen

beschäftigt und weil wir für den Augenblick nicht mehr bergen konnten --

die Küste angelaufen, um nach Euch auszusehen, denn damals im Nebel konntet

Ihr kaum anders als hier an Land gehen.«

»Und es gibt wirklich viele Fische draußen?« fragte der Bootsteuerer.

»Wenn wir noch einmal so dazwischen kommen, wie neulich,« versicherte der

Harpunier, »und mit allen vier Booten arbeiten können, so kriegen wir das

halbe Schiff voll, so viel ist sicher.«

»Hm ja,« sagte Bill, während er sich mit der linken Hand das Blut vom Kopf

herunterwischte, den Blick aber forschend umherwarf, als ob er Jemanden

suche -- »ich -- müßte aber doch eigentlich erst noch einmal nach Haus.«

»Nach Haus?« rief der Harpunier verwundert, »wo zum Teufel hast Du in den

zwei Tagen ein Haus herbekommen?«

»Und eine Frau dazu,« rief Bob lachend.

»Eine Frau?« -- aber Bill wurde die Antwort erspart. Aus dem Schwarm der

umherdrängenden jubelnden Menschen stürzte ein junges blühendes Weib, und

sich ohne Scheu an des Matrosen Hals werfend, drückte sie einen heißen Kuß

auf seine Lippen.

»Madame!« sagte Bill ganz verdutzt, aber mit leuchtenden Augen den Arm

des neben ihr stehenden geretteten Gatten ergreifend, rief das junge Weib:

»Euch und Gott habe ich die Befreiung meines Mannes zu danken, o möge Euch

einst der Himmel lohnen, was Ihr an uns gethan.«

»Wackere Bursche!« rief auch jetzt der Mann, »wie soll ich euch je Eure

Hülfe danken, wo mir die Räuber auch das Letzte genommen haben.«

»War vollkommen gern geschehen, Sirrih,« nickte Bill, der bis hinter die

Ohren roth geworden -- »die junge Frau da ist ein braves Weib, und kein

Amerikaner würde sie im Stich gelassen haben.«

»Und Ihr zürnt mir nicht mehr meines Ueberfalls -- meiner Lüge wegen?«

lächelte das junge Weib.

»Ich« -- sagte Bill, noch viel röther werdend -- »ich -- ich wollte,

es wäre wahr gewesen -- aber was kann's helfen! Kommt, Jungen, die Zeit

vergeht. Der Alte hat schon die Flagge aufgezogen.«

»Bei Gott!« rief der Harpunier emporfahrend -- »dort geht sie auf und

nieder! Fort an Bord -- an Bord!«

»Und Ihr wollt wieder fort?«

»Matrosenleben,« sagte Bill achselzuckend, indem er ihr seine breite Hand

reichte und die ihrige herzlich, aber vorsichtig drückte. »Lebt wohl und --

und wenn es Euch wieder gut geht, denkt zuweilen an Euren -- zweiten Mann

-- =good bye= --« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, sprang er, den

Uebrigen voran, zum Boote hinab.

Die beiden Boote waren rasch flott gebracht, und aus dem jetzt vollständig

verödeten Wachthaus wollten sie nun ihre Riemen und ihr Segel herunter

holen. Zwei von den Riemen waren auch wirklich noch da -- weiter nichts.

Die drei anderen und das Segel, wie die eine Harpune und Lanze hatten

irgendwo einen Liebhaber gefunden. Aber es blieb ihnen keine Zeit mehr,

sich danach umzusehen, wäre auch wahrscheinlich nutzlose Arbeit gewesen.

In wenigen Minuten waren die Boote bemannt und stießen vom Lande, um ihrem

Schiffe zuzurudern. Wie sie sich vom Ufer entfernten, kam jener Amerikaner,

den sie aus den Händen der Godos befreit, und der sich indessen den

Verfolgern angeschlossen und das ausgebrochene Feuer mit gedämpft hatte,

zum Ufer herabgestürzt und rief ihnen nach.

Einen Moment blieben die Leute auf ihren Rudern liegen.

»=Boys, country men!=« rief der Landsmann, »fahrt nicht so fort, ich muß

Euch erst danken und der General will Euch für Eure Hülfe belohnen.«

»Meine schönsten Grüße an den General!« rief der Harpunier zurück, »aber

der Alte wetzt die Flaggenfall da drüben zu Schanden. Das Schiff ist schon

wieder unterwegs! =Good bye.=«

»=Good bye= denn, =God bless you=!« rief ihnen der Amerikaner nach. Die

Matrosen schwenkten ihre Mützen gegen ihn, und wieder griffen die Ruder

ein, und ließen die Stadt bald weit, weit zurück.

Jetzt hatten sie das Schiff erreicht. Ein lauter donnernder Jubelruf

begrüßte von dort die geretteten Kameraden -- jetzt liefen sie langseit

-- im Nu lagen die Boote unter den Krahnen und wurden aufgeholt, und fünf

Minuten später segelte die Martha's-vine-yard, schwerfällig wie immer, aber

auch ihre Zeit dazu benutzend und den gewonnenen Thran auskochend, während

eine schwarze Rauchsäule ihre Bahn bezeichnete -- in die offene See hinaus.

Das Luftbad.

Eine schreckliche Geschichte.

Der Regierungsrath Braunfeld lebte in den besten und unabhängigsten

Verhältnissen, denn er war wohlhabend, ja reich zu nennen, auch noch

unverheirathet, und eigentlich nur in die Staatscarrière getreten, um

_eine_ Beschäftigung zu haben und einen Titel zu bekommen, denn als

einfacher Herr Braunfeld das ganze Leben lang herumzulaufen, ging doch

unmöglich an und hätte sich auch nicht geschickt.

Aber er bekam das auch zuletzt satt, denn wenn auch noch in den »besten

Jahren,« fingen die regelmäßigen Bureaustunden an, ihm unbequem zu werden.

Nachdem er also noch glücklich sein 25jähriges Dienst-Jubiläum gefeiert --

war er doch schon mit zweiundzwanzig Jahren in den Staatsdienst getreten

-- kam er um seine Entlassung ein und erhielt sie auf die ehrenvollste

Art bewilligt. Nicht allein wurde ihm zu seinem Regierungsrath noch das

Prädicat »geheimer« beigegeben, was aber schon am nächsten Tag öffentlich

in alten Zeitungen stand, sondern auch noch der blaue Finkenorden vierter

Klasse verliehen, so daß man jetzt eigentlich hätte glauben sollen, der

»Geheime« Regierungsrath Braunfeld müsse einer der glücklichsten Menschen

auf der Erdkugel sein.

Es ist aber eine allbekannte Thatsache, daß Leute, die keine wirklichen

Sorgen und dabei auch nichts zu thun haben, sich dieselben künstlich

machen, und dabei nicht selten die größte Erfindungsgabe entwickeln. So

setzte sich denn auch in dem Kopf des Geheimen Regierungsrathes nach

und nach die fixe Idee fest, daß er an irgend einer unbekannten aber

entsetzlichen Krankheit leide und dem Grabe in rasender Schnelle zugerissen

würde.

Sein Hausarzt, der Doktor Asmus, war ein ganz vernünftiger Mann, der

die Ursache seiner Krankheit bald erkannte, und sie einfach durch

eine veränderte Lebensweise des Patienten zu heben suchte. Der geheime

Regierungsrath hatte zu schweres Blut; er lebte dazu außerordentlich gut,

aß sehr starke und fette Speisen, trank sehr schweren Wein und starken

Kaffee und machte sich dazu nicht die geringste Bewegung, ja verschlief

sogar noch seinen halben Nachmittag, so daß das Uebel immer hartnäckiger

bei ihm auftrat. Verlangte aber der Arzt von ihm, daß er diese täglichen

Sünden an seinem Körper unterlassen solle, so war die regelmäßige Antwort,

_das_ sei unmöglich und der Körper schon zu sehr daran gewöhnt. Der Geheime

Regierungsrath meinte dann auch wohl resignirt: »wozu auch, ich habe doch

nur noch eine so kurze Spanne Zeit zu leben, und will mir daher wenigstens

nicht unnöthige Entbehrungen auferlegen.«

Der Doktor schlug nun ein anderes, unfehlbares Mittel vor, um ihn allen

derartigen Phantasieen zu entziehen und auf andere Gedanken zu bringen --

nämlich zu heirathen. Aber auch das wies der Patient entschieden von der

Hand, obgleich er mit seinem Alter -- er war erst 48 Jahre alt -- noch

immer Zeit dazu hatte. Erstlich wußte er Niemanden, wenigstens keine

junge Dame, die er für würdig befunden hätte, sie auf einmal zur Geheimen

Regierungsräthin zu machen und überdies behauptete er, sie würde den Titel

»verwittwete« doch augenblicklich dazu bekommen.

=Dr.= Asmus verlor endlich die Geduld. Erstlich hatte er gerade in dieser

Zeit außerordentlich viel zu thun, da ein hartnäckig auftretender Typhus in

der Stadt grassirte, und es paßte ihm dabei gar nicht, jeden Augenblick zu

einem Patienten gerufen zu werden, der seinem Rath doch nicht folgte, weil

er sich über seinen wahren Zustand täuschte. Mit dem mußte er deßhalb ein

anderes Mittel versuchen, und ihn dabei auch womöglich auf eine Zeit lang

los werden. Aber wohin mit ihm? In irgend ein Bad? Der dortige Badearzt

würde augenblicklich gemerkt haben, daß ihm gar Nichts fehle und er durfte

sich vor einem Collegen, der die näheren Umstände nicht kannte, keinesfalls

soweit blamiren, den Zustand seines Patienten falsch beurtheilt zu haben.

Dabei wurde die Quälerei des Geheimen Regierungsraths immer unerträglicher,

denn er hatte ihn in der letzten Woche sogar zweimal mitten in der Nacht

herausklingeln lassen, weil er behauptete, keine Luft mehr zu bekommen. Dem

mußte unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden.

»Regierungsrath!« sagte der Doktor eines Tages zu ihm, als er ihn wieder

besuchte, denn er ließ den »Geheimen« immer hartnäckig weg, »Ihr Zustand

fängt an, mir selber Besorgniß zu erregen.«

»Und Sie haben es mir immer nicht glauben wollen, Doktor,« wimmerte der

Kranke erschreckt, »ach, _ich_ fühlte den Wurm, der an mir fraß.«

»_Ein_ Wurm?« sagte der Doktor ernsthaft, indem er ihn stier ansah -- »Sie

haben eine _Million_ Würmer in sich. Sie stecken voll Trichinen.«

»So bin ich verloren,« stöhnte der Unglückliche und sank wie vernichtet auf

seinen Stuhl zurück.

»Bah, deßhalb noch lange nicht,« erwiederte aber der Arzt, indem er ein

chirurgisches Besteck aus der Tasche nahm -- »jedenfalls muß ich Sie

untersuchen, um vorher Gewißheit zu bekommen.«

»Aber, bester Doktor,« fuhr der Geheime Regierungsrath wieder in die Höhe,

denn er hatte einen heiligen Respekt vor der Harpune, »das ist ja doch

rein unmöglich, denn ich habe von dem Moment an, als das erste Mal

das entsetzliche Wort Trichine in einer Zeitung stand, keinen Bissen

Schweinefleisch mehr genossen.«

»Das ist gleichgültig,« sagte der Doktor ruhig, »Sie können sie auch in

anderem Fleisch von einem nicht ordentlich gereinigten Hackklotz bekommen

haben; das ist schon mehrfach vorgefallen. Kommen Sie nur her, es thut

nicht weh; es hilft eben Nichts, wir müssen die Gewißheit haben, nachher

kurire ich Sie rasch genug.«

»Sie mich kuriren?« sagte der Geheime Regierungsrath wehmüthig, »es gibt ja

noch gar kein Mittel dagegen.«

»Wir hatten noch keines entdeckt,« nickte der Doktor »aber die Amerikaner,

praktisches Volk wie immer, sind der Sache auf die Spur gekommen. Ich

wette einen Korb Champagner mit Ihnen, daß ich Sie in vier Wochen, wenn Sie

meinen Rath genau befolgen, vollständig wieder hergestellt habe. Verlangen

Sie mehr? Aber ich kann mich hier nicht eine Stunde lang zu Ihnen

hersetzen, denn meine andern Patienten warten. Ziehen Sie einmal den Rock

aus und streifen Sie Ihren Hemdärmel in die Höhe.«

»Aber ist das wirklich unumgänglich nothwendig?«

»Machen Sie doch keine Umstände wegen einem solchen Quark,« sagte der

Doktor und ließ dabei dem Patienten auch gar keine Zeit mehr, sich zu

besinnen. Er half ihm selber den Rock ausziehen und hatte in wenigen

Minuten ihm ein Stück Fleisch mit der Harpune aus dem Arm geholt, das er

dann sorgfältig in ein Stück Papier wickelte und erst dann dem leise vor

sich hin Wimmernden einen Verband umlegte.

»So,« sagte er dabei, »jetzt machen Sie sich keine Sorgen weiter. Sobald

wir nur erst einmal Ihre Krankheit constatirt haben, wollen wir ihr schon

auf den Leib rücken. Das Gefährliche an der Sache war, daß wir bis jetzt

nicht wußten, wo wir sie angreifen sollten und glauben Sie mir, zahllose

Menschen sind schon an dieser Ungewißheit zu Grunde gegangen.«

»Aber welch' ein Mittel halten Sie für --«

»Erst muß ich mich überzeugen, daß meine Vermuthung wirklich begründet

war,« unterbrach ihn der Arzt, indem er seinen Hut ergriff; »heut'

Nachmittag komme ich wieder her und bringe Ihnen Gewißheit. Trinken Sie

gewöhnlich Wein bei Tisch?«

»Das ist noch das Einzige, womit ich mich bis jetzt am Leben erhalten

habe,« seufzte der Kranke.

»Was für welchen?«

»Sie kennen ja meine Schwäche,« lächelte der Geheime Regierungsrath

wehmüthig -- »Bocksbeutel.«

»Ja, den schwersten, den es giebt -- nun bis ich mich nicht überzeugt habe,

will ich Nichts sagen, ist aber, was ich befürchte, wirklich der Fall, so

müssen Sie dem entsagen oder Sie sind -- ein verlorener Mann.«

»Aber Spirituosen sollten doch gerade --«

»Nachmittag komme ich wieder her,« brach der Doktor kurz ab, »und noch Eins

-- sprechen Sie mit keinem Menschen darüber. Ich möchte nicht gern, daß Sie

das Gerede der Stadt würden und Ihr Fall nachher mit vollem Namen und Titel

als Trichinenkranker durch alle Zeitungen liefe. Die Presse spannt jetzt

so auf solche eklatante Beispiele, und Sie wären außerdem noch der Gefahr

ausgesetzt, daß Aerzte von allen Seiten Deutschlands herbei kämen und Sie

um ein Stück Fleisch bäten, um ihre Untersuchungen daran zu machen.«

»Na, weiter fehlte mir gar Nichts,« stöhnte der Arme, »diese verfluchten

Harpunen, ich habe an dem einen Mal genug.«

»Ja, aber Sie könnten es nachher im Interesse der Wissenschaft doch nicht

gut verweigern, denn man würde es für Feigheit auslegen.«

»Aber, ich soll mich doch wahrhaftig nicht von der ganzen Welt harpuniren

lassen?«

»Gerade deßhalb rathe ich Ihnen mit Niemanden über Ihren Zustand zu

sprechen,« sagte der Arzt, »und nun leben Sie wohl, lieber Regierungsrath

-- gleich nach Tisch komme ich wieder zu Ihnen und haben Sie nur Vertrauen

zu mir; ich kurire Sie, darauf können Sie sich verlassen.«

»Leben Sie wohl,« hatte der entsetzliche Doktor gesagt, während er

mit einem Stück Menschenfleisch in der Tasche von dem unglücklichen in

Verzweiflung zurückbleibenden Patienten Abschied nahm.

»Trichinen!« Ja wohl, das war es auch; daß er nur selber noch nicht auf

diesen furchtbaren, aber so nahe liegenden Gedanken gefallen sein sollte;

fühlte er doch die gräßlichen Geschöpfe in all' seinen Gliedern. Und

daher also die ewige Beängstigung, dieses Prickeln in allen Theilen seines

Körpers. Das war die unheimliche Thätigkeit jener Myriaden von Geschöpfen,

die sich durch seine Muskeln bohrten und darin Quartier nahmen? Und _er_,

ein _geheimer_ Regierungsrath, jetzt hatte er geheime Trichinen -- sogar

_wirklich_ geheime, denn er durfte es noch nicht einmal Jemanden sagen,

durfte sein Leid, seinen Jammer nicht in die Welt hinausschreien, wenn

er nicht fürchten wollte, daß sie von allen Seiten blutgierig mit ihren

Harpunen herbeiströmten und ihn um eine »Portion« bäten.

Er verbrachte ein paar entsetzliche Stunden, und nicht einmal der Wein, den

ihm der Doktor heute noch erlaubt, oder den er vielmehr nur geduldet

hatte, wollte ihm schmecken -- Fleisch konnte er gar nicht sehen, denn

es erinnerte ihn nur noch mehr an sein Elend, und er ließ sich in aller

Verzweiflung ein paar Pfund Karpfen absieden, um nicht auch noch bei

lebendigem Leibe zu verhungern.

Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 8 / 16 段