eines Widersetzens in diesem Augenblick einsah -- »dann kommt; aber ein
Zeichen soll er doch haben,« und sich gegen das Fenster drehend, rief er
aus: »Freunde in der Näh'! hab' guten Muth!« und gleich darauf fielen die
Anderen wieder jubelnd ein:
=He met a man with gingerbread
Another one with honey,
But when he was to pay for it
He found he had no money --=[5]
[5]:
Er traf 'nen Pfefferkuchenmann
Und kaufte sich zu essen,
Doch als er dafür zahlen wollt',
Hatt' er sein Geld vergessen.
und damit zogen sie, ohne sich weiter um die Wachtposten zu bekümmern, die
Straße hinab.
Weit kamen sie übrigens nicht, da schoß plötzlich aus einer Seitengasse,
oder vielmehr zwischen ein paar Häusern hindurch, ihr kleiner Dolmetsch auf
sie zu und rief, ganz außer Athem: »Aber Señores, wo stecken Sie denn? ich
suche Sie wie ein Stück Geld in der ganzen Stadt -- der General hat nach
Ihnen gefragt und will Sie sprechen.«
»Der General?« frug der Bootsteuerer, der stillschweigend das Kommando über
seine vier Matrosen wieder übernommen hatte -- »na denn man zu, Jungens;
wir müssen doch wenigstens hören, was der alte Herr zu sagen hat.«
»Alte Herr?« lachte der Kleine, »ist gerade einundzwanzig Jahre alt.«
»Bravo, dann kann er's noch zu was bringen -- wenn er nicht früher gehangen
wird,« lachte Bob; »aber kommt -- Zwei und Zwei, wie es die Landsoldaten
auch machen -- Sie voran, Mr. Sikes, und Du, Tom, halt Deine Lanze ein
Bischen hoch, daß Du Niemanden damit zu nahe kommst -- vorwärts marsch!«
und der kleine Trupp, dem das wilde Leben anfing Spaß zu machen, marschirte
ernsthaft hinter ihrem Führer her.
Der General -- in der That ein ganz junges Bürschchen, das nur die
Guerillabande errichtet und sich den Titel dann, der ihm besser als
»Capitano« klang, zugelegt, hatte sein Hauptquartier eigentlich in einem
Privathaus genommen, war aber jetzt auf das Regierungsgebäude gekommen, um
»sein Heer« zu mustern und eine Ansprache nicht allein an seine Truppen,
sondern auch an die Einwohner von Buenaventura zu halten.
Natürlich verstand er kein Wort Englisch und der Dolmetsch mußte die
Matrosen begleiten, die sich gleich darauf dem eigentlichen Herrn der Stadt
gegenüber fanden.
Und was für ein grüner Bursche war es! Er sah genau so aus, als ob er eben
hinter einem Ladentisch vorgesprungen wäre und sich nur geschwind einen
Säbel umgeschnallt hätte, trug aber eine mit Goldstickereien fast
bedeckte Uniform, und Epauletten, die sich durch ihr Gewicht ordentlich
herunterbogen. Er machte ein sehr ernsthaftes und wichtiges Gesicht und
schien den Fremden dadurch besonders imponiren zu wollen, erreichte seinen
Zweck aber allerdings nicht, denn die Matrosen waren nicht so leicht
eingeschüchtert, und als er mit solchem Pathos vor ihnen stand, flüsterte
Tom seinem Nachbar Bill in's Ohr: »Nun sieh' Einer den jungen Truthahn an,
wie er sich spreizt und schleift. Ich hätte verdammt Lust, ihm mit meinem
Lanzenschaft eines auf den Schädel zu geben.«
Der Dolmetsch übersetzte ihnen jetzt den etwaigen Sinn der Rede, der
ungefähr darauf hinauslief, daß der Feind anrücke und der Augenblick
gekommen sei, wo sie die Freiheit einer großen Nation mit ihrem Blute
sollten besiegeln helfen. Die Amerikaner wären auch ein freies Volk und
Republikaner und deßhalb die Brüder der Neugranadienser.
»=Well old fellow=,« unterbrach ihn da Bill, »wenn das Alles wahr ist,
weßhalb haltet Ihr denn da Einen von diesen Republikanern und Brüdern in
Eurem nichtswürdigen Loch von Gefängniß hinter den Eisengittern, he?«
»=Wat de debie!=« rief der kleine Mann erstaunt und fast erschreckt aus,
»was wißt Ihr denn von einem Amerikaner?«
»Was wir davon wissen?« sagte der Bootsteuerer -- »wir wissen, daß er in
dem Loch sitzt, und wollen ihn heraus haben -- weiter nichts.«
»Was sagen sie?« frug der General erstaunt, und der Kleine übersetzte ihm
mit lebhaften Gestikulationen das eben Gehörte. Der General blieb aber
vollkommen ruhig und erwiederte nur, wie ihnen der Kleine zurückübersetzen
mußte, daß das kein Amerikaner, sondern ein Engländer und ein Verräther
sei, der sich heimlich gegen die rechtmäßige Regierung des Landes
verschworen und dann mit den Waffen in der Hand versucht habe, die Truppen
seiner Excellenz des Präsidenten zu überfallen und zu vernichten. Er werde
aber seiner gerechten Strafe nicht entgehen, denn er solle mit dem nächsten
hier landenden Regierungsschiff nach Panama gesandt und dort vor ein
Kriegsgericht gestellt werden.
»So,« setzte dann der kleine Dolmetsch hinzu, »nun wißt Ihr die ganze
Geschichte, und wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so haltet Ihr
die Mäuler und mischt Euch nicht in Sachen, die Euch nichts angehen.
Ihr seid jetzt neugranadiensische Soldaten, denn Ihr habt das Handgeld
genommen, und der General spaßt nicht. Sowie Ihr Euch widersetzt, werdet
Ihr einfach todtgeschossen. Das ist Kriegsrecht, bei Euch so gut wie bei
uns -- und nun vorwärts marsch!«
Die Matrosen waren selber unter sich noch zu keinem rechten Entschluß
gekommen, sahen aber auch ein, daß sie vorläufig nichts ausrichten konnten,
denn das Regierungsgebäude stak gedrängt voll bewaffneter Menschen. Sie
folgten also dem Befehl. Wie sie aber unten auf die Straße kamen, sprengte
ein mit Schlamm ordentlich bedeckter Reiter vor die Thür, warf sich vom
Pferd und eilte die Treppe hinauf, während die Leute unten durcheinander
stürzten und von den verschiedensten Zurufen allarmirt waren.
Etwas mußte im Werk sein, aber was? -- Sie verstanden kein Wort von dem
Aufruhr, und da sie zu gleicher Zeit ein Offizier bedeutete, in eine der
dort formirten Kolonnen einzutreten, so blieb ihnen auch keine Zeit, selber
nachzusehen. Wenige Minuten später marschirten sie die Straße hinauf in
Reih und Glied, um -- wie sie nicht anders vermutheten -- irgendwo an den
Schanzen postirt zu werden. Jedenfalls mußte der reitende Bote die Kunde
gebracht haben, daß der Feind anrücke.
Da sah Bill die Negerin an der Seite stehen und forschend die Reihen
betrachten. Wie sie aber die Fremden unter der Truppe entdeckte, schritt
sie quer über die Straße hinüber, als ob sie an die andere Seite hinüber
wollte, und blieb jetzt dicht neben den Vorderen stehen, um den Zug erst
vorüber zu lassen. Jetzt kamen die Matrosen, und Bill, der erhaltenen
Warnung eingedenk, that auch gar nicht, als ob er sie kenne -- die Negerin
sah ihn ebenfalls nicht an -- wie er aber an ihr vorüberschritt, murmelte
sie leise, aber doch so, daß er die Worte deutlich verstehen konnte:
»=Ship in sight=« (Schiff in Sicht) und schritt dann langsam an der
vorbeidefilirenden Reihe herunter und auf die andere Seite hinüber.
»Alle Teufel!« rief Bill leise vor sich hin, »hast Du gehört, Tom, was die
Alte da eben sagte?«
»Versteh' ich Spanisch?« knurrte dieser -- »verdamm' das Kauderwelsch!«
»Aber es war gutes Amerikanisch und hieß =Ship in sight=.«
»=Hell!=« rief Tom erstaunt aus -- »jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß
der alte Blubberkasten, die Martha's-vine-yard, hinter uns hergekommen wäre
und uns wieder an Bord haben wollte. Ha! das war ein Schuß!«
»Es geht los, Jungens,« sagte Bob, sich nach ihnen umdrehend, »das war
gerade von der Schanze her, und wir wissen jetzt nicht einmal, für was wir
uns sollen todtschießen lassen.«
»Du, Bob -- ein Schiff in Sicht.«
»Ein Schiff! der Teufel auch -- was für eines?«
»Ja weiß ich's -- nur eben erst hab' ich's gehört.«
»Von dem Hügel da aus muß man das Wasser sehen können -- da stehen auch
Menschen oben.«
»Ja, aber wir dürfen nicht hinauf. Wetter noch einmal, wenn das unser Alter
wäre -- o Sikes -- Schiff in Sicht -- Martha's-vine-yard --«
»Den Teufel auch!« rief der Bootsteuerer -- »dann geh' ich meiner Seel'
wieder an Bord, denn den Morast hier hab' ich satt, und da fängt es auch
schon wieder an zu regnen. Das ist ein vermaledeites Land.«
Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde aber doch jetzt ausschließlich auf
ihre unmittelbare Umgebung gerichtet, denn wieder fielen drei, vier Schüsse
dicht hintereinander, während der Offizier der Kolonne ein Kommando gab und
die übrigen Soldaten jetzt im Sturmschritt weiter liefen -- immer durch
den Schlamm. Dabei fing es wirklich an zu regnen, und sie sahen sich im
nächsten Augenblick vor den Schanzen, in deren Nähe der Boden durch die
Erdarbeiten fast grundlos geworden war. Ein Feind ließ sich aber
nicht blicken, und die Schüsse waren wohl auch nur von den tapferen
Vaterlandsvertheidigern abgefeuert worden, um sich selber Muth zu machen
-- wenigstens hatte sich noch kein Gegenstand gezeigt, auf den sie
wirklich zielen konnten -- ein Schwarm von Papageien ausgenommen, der aber
kreischend in den Wald abstrich.
Indessen regnete es »tropisch.« Wie mit Bindfaden kam es herunter; dabei
wehte kein Luftzug, was es erdrückend schwül machte, und Ordonnanzen liefen
herüber und hinüber, und brachten Meldungen und nahmen Befehle wieder mit,
so daß sich die Seeleute, die kein Wort davon verstanden, wie verrathen und
verkauft dazwischen vorkamen. Außerdem wurden sie in diesem Augenblick
von dem einen Offizier hier hinübergeschickt, und dann kam im nächsten ein
anderer und frug, was sie denn da um Gottes willen wollten, und dann mußten
sie wieder den eben gemachten Weg zurückmarschiren.
»Das ist eine reine Heidenwirthschaft,« sagte der Bootsteuerer, der zuletzt
ungeduldig wurde, »und kein Mensch scheint hier ein Oberkommando zu führen.
So viel ist sicher, hat dieser Mosquera nur eine Idee von einem Angriff, so
sind wir Alle miteinander verloren.«
Indessen befanden sich die »obersten Behörden« von Buenaventura in nicht
geringer Aufregung, denn das ansegelnde Schiff beunruhigte sie im höchsten
Grad, da sie nicht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls war es
ein größeres Fahrzeug, als sie hier gewöhnlich zu sehen bekamen, und wenn
es zu Mosquera's Partei gehörte, so kamen sie dadurch zwischen zwei Feuer
und sahen sich den Rückzug nach allen Seiten zu abgeschnitten.
Nun behaupteten allerdings einige Personen am Land, daß es ein vollkommen
friedlicher Wallfischfänger sei, der hier zufällig anlaufe, und mit ihren
Parteien nicht in der geringsten Verbindung stünde. Dicker Rauch stieg
sogar vom Schiff auf, ein Beweis, daß es ganz ruhig seinen gewonnenen Speck
auskoche -- die schon jetzt deutlich bemerkbaren Schießlucken an Bord seien
nur gemalt. Andere bestritten das aber wieder. Der Rauch an Bord würde, wie
sie meinten, nur unterhalten, um sie über den Charakter des Schiffes irre
zu führen, damit sie sich sicher fühlen sollten, bis es nahe heran wäre,
dann würde es seinen wahren Charakter schon zeigen. Wenn es wirklich ein
Wallfischfänger sei, weßhalb führe es denn nicht seine Flagge, wie es alle
Schiffe thun, wenn sie sich einem Hafenplatz nähern?
Unter der Zeit waren die Matrosen bald hier- bald dorthin geschickt worden,
als der General den Befehl gab, sie zum Ufer zurückzurufen, da man sie
hier, falls sich das fremde Fahrzeug wirklich als ein feindliches zeigen
sollte, besser zu verwenden hoffte, als draußen bei den Schanzen. Kaum
erreichten sie aber den ersten offenen Platz, von dem aus sie einen Blick
über See gewinnen konnten, als Bob überrascht ausrief: »=I'll be damned --
the Martha's-vine-yard!= -- Jetzt ist der Teufel zu zahlen und kein Pech
heiß!«
»Und sie kocht aus!« rief der Bootsteuerer -- »beim Himmel, sie haben
Fische gefangen und mehr an Deck, als sie gleich unterbringen können. --
Da drüben hängt noch ein langer Streifen Speck am Blubberhaken, was lange
herunter wäre, wenn sie nicht den Raum voll hätten.«
»Und was will die hier in Buenaventura?«
»Nach uns aussehen, natürlich,« sagte der Bootsteuerer. »Der »Alte« kennt
die Küste hier gut genug und wird wahrscheinlich wissen, daß wir nirgends
anders stecken können, wenn wir an Land gerudert sind.«
»Was ist das für ein Schiff?« frug jetzt der eine Offizier die Fremden,
indem er mit dem Arm hinausdeutete. Sie verstanden wenigstens, was er
meinte, bei seiner Bewegung.
»Wenn wir klug sind, halten wir die Mäuler,« brummte Bob, der noch immer
keine Lust verspürte, an Bord zurückzukehren, »was geht uns der alte Kasten
an?«
»Wird uns nichts helfen, Mate,« meinte aber der Bootsteuerer, indem
er gegen den Offizier nur als Antwort die Achseln zuckte: »denn sicher
schicken sie ein Boot herüber, um sich zu erkundigen. Jedenfalls werden wir
aber da hören, wie's drüben steht, und ich glaube nur nicht, daß uns
das Volk hier wieder fort läßt, Dich nun einmal gar nicht, Bill, als
Familienvater.«
»Unsinn!« brummte der Matrose -- »aber da hinten geht's los -- das wird
Ernst. Jetzt knattern die Schüsse von allen Seiten.«
»Und da drüben geht auch schon ein Boot nieder,« rief der Bootsteuerer;
»wenn die ihre Lanzen mitbrächten, könnten wir am Ende das Nest von
Gefängniß stürmen und den Amerikaner herausholen. Der ganze Schwarm steckt
jetzt an den Schanzen.«
»Es ist nur der Teufel,« brummte Bob, »daß ein an Land fahrendes Boot
keine Lanzen und Harpunen mitnimmt. -- Jungens, die müssen wahrhaftig
schmählichen Thran an Bord haben.«
»He holla, =amigos=,« rief jetzt der kleine Dolmetsch, der von Schweiß und
Regen triefend auf sie zusprang -- »was für ein Schiff ist das da drüben?
Wallfischfänger?«
»Ja wohl,« nickte Bob, denn er hielt es für unmöglich, das abzuleugnen --
ein Kind konnte es ja von hier mit bloßen Augen erkennen.
»Nicht Mosquera, heh?« fuhr der Kleine fort.
»Mosquera? was hat Mosquera mit der Martha's-vine-yard zu thun,« brummte
der Matrose.
Der Kleine wandte sich jetzt an den Offizier des Trupps und schien, seinen
Bewegungen nach, diesen veranlassen zu wollen, die Leute wieder nach den
Schanzen zu dirigiren, wo indessen das Feuer lebhafter wurde. Der aber
zuckte die Achseln. Er hatte jedenfalls Befehl erhalten, hier zu warten,
und schien selber keine übergroße Lust zu haben, an dem Gefecht Theil zu
nehmen.
Da plötzlich brach es von allen Seiten los. Hier und dort knallten und
knatterten die Schüsse, und wildes Geschrei tönte von dort herüber: ja
einzelne Kugeln schlugen sogar über die Häuser hinweg bis hier herüber, und
eine alte Frau wurde kaum zehn Schritt von den Seeleuten getroffen, als sie
eben an diesen vorübereilte.
»=Caramba, Señor!=« schrie da ein herbeisprengender Adjutant den Führer
des kleinen Trupps an, der noch immer an seiner Stelle hielt. -- »Hören Sie
denn nicht, daß wir von allen Seiten angegriffen werden? Vorwärts -- gleich
dort drüben am Gefängniß vorüber scheint der Platz, auf den sich der Feind
besonders geworfen. Im Sturmschritt! marsch!«
Dem Befehl mußte gehorcht werden. Die Seeleute warfen wohl noch einen Blick
nach dem immer näher kommenden Boot hinüber, aber die Kolonne setzte sich
in Bewegung, und in der nächsten Minute schon verbarg ihnen die Biegung der
Straße den Blick nach der See hinüber.
Achtes Kapitel.
Der Kampf.
An den Schanzen ging es indessen wild genug her, denn ohne daß der
Feind einen wirklichen Sturm mit der Lanze oder Bajonnet versucht hätte,
beunruhigte er die Linie vollkommen, indem er, von dem dichten Unterholz
dieser Wälder gedeckt, bald von da, bald von dort heraus ein plötzlich
heftiges Feuer eröffnete, so daß die Belagerten glaubten, er würde mit
jeder Minute dort herausbrechen, während dann plötzlich an einer andern
Stelle das Spiel auf's Neue begann.
Jedenfalls erreichte er dadurch seinen wahrscheinlichen Zweck, die Godos
zu ermüden, die unter einem mehr erfahrenen Führer ihre Kräfte auch sicher
besser zusammengehalten und auf den eigentlichen Kampf verspart hätten.
So aber wurden sie ganz unnöthiger Weise in Schlamm und Regen hin und her
gehetzt, um ununterbrochen gegen einen versteckten Feind zu kämpfen, dem
sie dabei nicht einmal einen sichtbaren Schaden zufügen konnten.
Ein junger feuriger Offizier schlug allerdings vor, einen Ausfall zu machen
und die Guerillas zu Paaren zu treiben, denn er vermuthete ganz richtig,
daß der Feind sich nicht stark genug fühle, sie schon anzugreifen, und
jedenfalls weitere Zuzüge erwarte, oder auch vielleicht selber wieder
abziehe. »General« Oran aber wollte nichts davon wissen, denn er fürchtete
einen Theil seiner Leute in einen Hinterhalt zu bekommen, und fühlte sich
der eigentlichen Bewohner von Buenaventura noch lange nicht sicher genug,
um sich auf ihren späteren Beistand zu verlassen.
Da plötzlich hörte das Feuern auf. Hatte sich der Feind einen andern Platz
zum Angriff ausersehen? -- Kein Schuß fiel mehr, aber das jetzige Schweigen
war noch viel unheimlicher als der frühere Lärm, denn nun quälte die
Ungewißheit die Vertheidiger, wie lange es anhalten und wo und wann sie der
Feind zuerst wieder angreifen würde.
General Oran war selber an Ort und Stelle, und mit richtigem Gefühl, daß er
all' seine Soldaten nicht vorn lassen dürfe, sondern einen Theil in Reserve
behalten müsse, um sie rasch dorthin senden zu können, wo sie nöthig werden
sollten, beorderte er die Letztzugerückten an den Hang der Erderhöhung, in
unmittelbare Nähe der Stelle, an welcher das Gefängniß stand. Dort konnten
sie auch unter die nächsten Häuser treten, um wenigstens gegen den Regenguß
geschützt zu sein -- oder vielmehr um ihre Gewehre trocken zu halten, denn
um die Soldaten selber würde er sich wenig gekümmert haben.
Indessen landete das Boot des Wallfischfängers, und die Leute erkannten
augenblicklich das dort auf den Strand gezogene vierte Boot ihres Schiffes,
das sie schon halb und halb verloren geglaubt und nun mit einem Hurrahruf
begrüßten. Der kleine Dolmetsch, der oben an der Landung stand, um sie zu
erwarten, hörte das Hurrahgeschrei, hatte aber keine Ahnung, daß es dem
Boot gelten könne, denn seiner Meinung nach sah ein Boot wie das andere
aus, und eine besondere Unterscheidung derselben war unmöglich.
Und jetzt kamen die Leute das Ufer herangestürmt und frugen den ihnen
entgegen Tretenden in ihrer stürmischen Weise, wo ihre Kameraden wären.
»Kameraden?« sagte der Neugranadienser verwundert, »Kameraden? was weiß ich
von Kameraden; wo kommt ihr her, =amigos=? -- Was wollt ihr hier?«
»Wo sind die Leute,« rief aber der erste Harpunier, ohne sich weiter mit
einer Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen aufzuhalten -- »die in das
Boot da unten gehören?«
»Die Leute? -- was für Leute?«
»Die Amerikaner! Höll' und Verdammniß! Ihr werdet doch wissen, was aus der
ganzen Bootsmannschaft geworden ist?«
»=Caramba, Señor!=« sagte aber der Kleine, »was geht mich Eure
Bootsmannschaft an? habe ich sie unter Aufsicht bekommen?«
»Du wärst ein Kerl dazu!« lachte der erste Bootsteuerer. »Seht einmal,
Bawlins, dem Burschen wachsen die Waden gleich aus dem Sitztheil heraus.«
Die übrigen Matrosen lachten, der kleine Südamerikaner wurde aber böse,
denn wenn er auch den Sinn der Worte nicht ganz vollkommen verstand, so
begriff er doch recht gut, daß sich die Fremden über ihn lustig machten,
und in seiner Stellung empörte ihn das auf's Tiefste.
»Señores,« rief er deßhalb -- »was wollen Sie hier? Unser Land ist in
Aufruhr, und wir haben deßhalb keine Zeit und keine Lust, uns mit müßigem
fremden Volk abzugeben, das an unsern Küsten herumfährt und unsere Fische
wegfängt.«
»Haha, Meister,« lachte aber der Harpunier, »Eure Fische? und weßhalb fangt
ihr sie nicht selber? Aber wir wollen hier weiter nichts, als unsere im
Nebel verschlagenen Leute wieder abholen, deren Boot wir da unten gefunden
haben. Also, wo sind sie? Ausflüchte helfen Euch nichts, denn, verdamm'
mich, gebt Ihr sie nicht gutwillig heraus, so lande ich mit unserer ganzen
Mannschaft und nehme das blutige Nest mit Sturm.«
Der kleine Mann wollte gerade eine zornige Antwort darauf geben, als eine
scharfe Salve von Links herüber knatterte und er sich erschreckt dorthin
wandte. Zu gleicher Zeit wurde aber auch das Feuer von der rechten Seite
her laut, und es war augenscheinlich, daß jetzt der Angriff auf beiden
Seiten eröffnet sei, wo eine Entscheidung nicht lange auf sich warten
lassen konnte. Ohne sich auch weiter mit den Fremden aufzuhalten, die, wie
er doch jetzt wußte, wenigstens nicht zu Mosquera's Partei gehörten, lief
er, so rasch ihn seine kurzen Beine trugen, in die Stadt hinein, es den
Matrosen überlassend, selber zu sehen, wie sie ihren Auftrag ausführten.
Diese waren aber deßhalb nicht verlegen, denn wenn ihnen auch nicht
entgehen konnte, daß wieder irgend eine der ewigen Revolutionen im Land
ausgebrochen sei, so dachten sie doch, mit dem kecken und leichtsinnigen
Muth derartiger Leute, viel weniger an die eigene Gefahr, welcher sie sich
dabei aussetzten, als an den Spaß, ein solches Treiben einmal in der Nähe
zu betrachten.
»Heda, Jungen, was meint ihr?« sagte der Harpunier, »wollen wir an Bord
zurückkehren und dem Kapitän Bericht erstatten, oder uns lieber erst da
oben die Geschichte einmal mit ansehen? Vielleicht finden wir dort auch
unsere Leute, denn wo es was zu raufen gibt, fehlt Bill und Tom sicher
nicht.«
»In die Stadt, Sir!« riefen aber die Leute wie aus einem Munde, »unter
jeder Bedingung! Der Teufel weiß auch, ob sie unsere Kameraden nicht
am Ende eingesperrt haben, und vielleicht können wir dann da oben Luft
machen.«
»Na, vorwärts denn, meine Bursche,« sagte der alte Mann, der sein
Lebensalter zwischen Wallfischen und wilden Indianern zugebracht. »Waffen
haben wir freilich nicht, aber ich denke, wenn wir sie brauchen sollten,
werden wir sie schon finden, denn da oben sehe ich einen solchen Haufen
bewaffneter Landratten herumlaufen, daß wir ein paar von denen leicht
»schälen« können. Vorwärts, damit wir nicht zu spät zum Tanz kommen« -- und
ohne ein Wort weiter zu sagen, lief er, von seinen Leuten dicht gefolgt,
gerade in die Stadt hinein und der Richtung zu, von welcher das schärfste
Gewehrfeuer herübertönte.
Die Seeleute brauchten übrigens nicht weit vorzudringen, um mit den
»Vaterlandsvertheidigern« in Berührung zu kommen, denn lange vorher noch,
ehe sie die Schanzen erreichten, begegneten ihnen Schwärme Bewaffneter,
die sich von dem wahrscheinlich zu heiß werdenden Kampfplatz zurückgezogen
hatten. Auch einige Verwundete sahen sie vorübertragen, die in die nächsten
Häuser gebracht wurden. Ohne sich mit denen aber aufzuhalten, sprangen sie
an ihnen vorüber und wollten eben in die nächste Straße einbiegen, als sie
an einem großen Hause Getümmel und Stimmen hörten, aus denen deutlich ein
englischer Fluch herausklang.
»Alle Wetter!« rief der alte Harpunier, indem er darauf zuflog -- »da
drüben sind unsere Jungen! Das war Bill's Stimme, und in voller Arbeit,
wie ich sehe. Boys! greift euch ein paar Lanzen, oder was ihr sonst kriegen
könnt, auf --«
Dem Wort die That folgen lassend, stellte er einem neben ihm
vorbeilaufenden Neugranadienser ein Bein, daß dieser wie ein Pfeil nach
vorn schoß. Im Nu hatte der Alte auch dessen Lanze aufgegriffen und ihm den
Säbel aus der Scheide gerissen. Das Beispiel wirkte. Die übrigen Matrosen,
lauter kräftige handfeste Burschen, faßten hier eine Muskete, da ein
Seitengewehr, und mit einem wahren Jubelschrei stürmten sie nach vorn.
Hier hatte sich indessen, während draußen noch immer der Kampf wüthete, ein
kleines Privatdrama entsponnen, das für einen Theil der Betreffenden recht
schlimm ablaufen konnte.
General Oran nämlich, von den meisten aus der Stadt herbeigezogenen
Kämpfern verlassen, sah bald, daß der Feind von Stunde zu Stunde durch neue
und frische Zuzüge verstärkt wurde und er nicht darauf hoffen durfte, den
Platz gegen die Uebermacht zu halten. Viele der Seinigen waren auch schon
verwundet und getödtet, und nur ein einziger Ausweg blieb ihm, über den
kleinen, dicht unterhalb der Stadt einmündenden Strom, über den er eine
leichte Brücke geschlagen, zu entkommen. In den Wald hinein war er auch
sicher, nicht verfolgt zu werden, und mit guten Führern versehen, die hier
jeden fußbreit Boden kannten, hoffte er schon die Berge wieder zu erreichen
und sich dort entweder einer andern Guerillatruppe anzuschließen, oder auch
wieder in einem kleinen Binnenstädtchen für kurze Zeit sein Hauptquartier
aufzuschlagen.
Aber seine Gefangenen sollten nicht den Triumph feiern können, von ihren
Freunden befreit zu werden. Die wollte er mitschleppen und -- wenn das
nicht ging -- dem Feind wenigstens nur die blutigen Leichen derselben
zurücklassen.