Candelaria sah ihn erstaunt an, da er aber in seiner Beschäftigung fortfuhr

und nur aufmerksam zu ihr hinüber sah, erzählte sie weiter: »Er brachte

uns gute und schlimme Nachricht: gute, daß Mosquera mit einer ziemlich

bedeutenden Macht schon in unmittelbarer Nähe von Buenaventura steht --

schlimme, als dadurch das Schicksal der Gefangenen auf das Furchtbarste

gefährdet wird, denn bis jetzt haben es sich die Godos fast zur Regel

gemacht, sobald ihre Lage verzweifelt erschien, die Gefangenen entweder in

die Wildniß mit hineinzuschleppen oder, wenn das nicht anging, zu tödten.«

»Bestien,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch.

»Das wird die Zeit sein,« bat Candelaria mit angstbewegter Stimme, »in der

Sie und Ihre Freunde uns beistehen müssen, wenn wir nicht Alle verloren

sein sollen.«

»Das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Bill, sich hinter dem Ohre

kratzend; »Daß wir uns gestern Alle bei den Godos angeworben haben, wäre

das Wenigste, und ich würde mir auch nicht das geringste Gewissen daraus

machen, der blutigen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen; aber wie

soll ich es nur den Kameraden beibringen, daß sie eigentlich gar nicht

auf diese, sondern auf die andere Seite gehören? Ja, wenn ich sie einmal

hierher bringen könnte, daß sie mit Ihnen sprechen und sich Alles erzählen

lassen könnten: aber das geht nicht, da merkten die barfüßigen Lumpen am

Ende Lunte und die Sache wäre noch schlimmer als vorher.«

»Aber sie haben auch einen Amerikaner gefangen genommen,« sagte Candelaria

rasch.

»Einen Amerikaner?« rief Bill verwundert, »wo denn?«

»Jener Franzose Beaugead brachte die Nachricht mit. Gar nicht weit von der

Stadt entfernt, auf dem Wege in's Innere, hatte Jener eine Kakaopflanzung

angelegt und baute dabei Zuckerrohr und brannte Agua ardiente, das er zum

Verkauf nach Buenaventura sandte. Dort scheinen die Godos unterwegs, kurz

vorher, ehe sie diese Stadt nahmen, bös gewirthschaftet zu haben, denn

einige der Gebäude fand ich, als ich den Platz passirte, niedergebrannt,

und die Zuckerrohrfelder, in die sie wahrscheinlich ihre Pferde getrieben

hatten, arg verwüstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet, muß sich

aber widersetzt haben, ja die Neger auf der Estancia erzählten sogar,

er hätte einen der Offiziere niedergeschossen und einen Anderen schwer

verwundet, dann wurde er übermannt, ebenso, wie sie es in Karthago gethan,

in eine frische Kuhhaut gebunden und von den übermüthigen Godos hierherzu

nach Buenaventura geschleift. Möglich ist, daß sie ihn sogar getödtet

haben, aber nicht leicht thun sie das mit Fremden; lebt er übrigens noch,

so schmachtet er auch jedenfalls in dem nämlichen Gefängniß mit meinem

Gatten.«

»Ein Amerikaner?« sagte Bill erstaunt, »ein richtiger Yankee hier in dem

Loch von einer Calebouse?[2] Na, wenn wir dahinter kommen könnten, ich

glaube, dann hielt es eben nicht schwer, die Anderen auf unsere Seite zu

bringen. Sie stürmten das Nest am hellen lichten Tag.«

[2]: =Calabozo=, spanisches Wort für Kerker, aber auch in Nordamerika,

besonders unter den Seeleuten, sehr gebräuchlich, wo die trunkenen und

streitsüchtigen Matrosen, besonders in New-Orleans, sehr häufig die

Bekanntschaft dieses dort sogenannten Ortes machen.

»Und gewiß ist er dort gefangen, wenn er noch lebt,« sagte Candelaria.

»Wenn wir nur wüßten, wie wir's herausbekommen könnten,« nickte Bill vor

sich hin, »aber lassen Sie mich nur machen,« fuhr er plötzlich empor,

»ich weiß ein Mittel, ihn dazu zu bringen, daß er Antwort giebt, wenn

er wirklich drinnen steckt, und davon müssen wir uns so bald als möglich

überzeugen.«

»Sie wollen fort?«

»Ja,« sagte Bill entschlossen, indem er sich mit einiger Mühe von seinem

niederen Sitz emporhob, »gewiß will ich fort, denn hier kann ich weiter

nichts mehr nützen, und auch keinen Schaden mehr thun,«[3] setzte er

mit einem Blick auf das Frühstück hinzu, »aber draußen muß ich jetzt

die Kameraden sprechen und wenn,« -- er horchte hoch auf, denn schrille

Trompetensignale schallten in dem Augenblick von der Straße herauf und

kündeten jedenfalls irgend etwas Außergewöhnliches.

[3]: =I've done all the dammage I could= (ich habe allen Schaden

gethan, den ich thun konnte) sagen die Amerikaner im Westen sehr

häufig, wenn sie noch zum Essen genöthigt werden und satt sind.

»Sie haben von der Annäherung des Feindes Kunde bekommen,« rief Candelaria,

rasch emporfahrend.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach,« nickte Bill, »und jetzt können wir bei den

Fallen stehen, wie es an Bord heißt. Also =good bye, Madame= -- leben Sie

wohl,« setzte er, ihr die Hand hinüber reichend, hinzu, »machen Sie sich

keine Sorge, so lange es nicht nöthig ist, und -- wenn's nöthig werden

sollte, na dann -- dann thun Sie's noch immer nicht. Bring' ich die Anderen

dazu, daß sie uns helfen, so haben Sie fünf tüchtige Kerle auf Ihrer Seite,

und die können schon was zu Wege schaffen, wenn sie zusammenhalten, und

geht's wirklich am Ende schief -- hol's der Henker, wir können nur einmal

sterben, und draußen, hinter den schmierigen Wallfischen her, riskiren wir

unser Leben doch alle Tage. -- Leben Sie wohl, Madame.« -- Er hatte mit der

Rechten ihre zarten Finger ergriffen und strich ihr mit der breiten linken

Hand leise und weich, wie einem Kind, über die dunklen Locken -- dann

wandte er sich ab, zog sich, nach Matrosenart, den Hosenbund in die

Höhe und kletterte, ohne sich noch einmal umzusehen, an dem eingekerbten

Baumstamm auf die Straße hinunter.

Und dort schien allerdings etwas Außerordentliches vorzugehen, denn von

allen Seiten sprangen Soldaten vorüber, ihrem Sammelplatz zu, während

die Frauen auf der Straße standen und auf's Lebhafteste mit einander

gestikulirten.

Die Amerikaner sagen freilich: »Bindet einem Franzosen die Hände auf den

Rücken, und er kann kein Wort mehr reden.« Ebenso ist es aber mit den

Südamerikanern, die ihre Hände auf das Nothwendigste zur Unterhaltung

brauchen, während sie der Engländer gewöhnlich dazu in die Taschen steckt.

Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt

sind, und hier standen in der That sämmtliche Interessen der ganzen Stadt

auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blättergedeckten

Häusern bei einer wirklichen Beschießung der Stadt auch der fast sicheren

Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand

nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und

ganz Buenaventura wäre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde

verschwunden.

Und für was? -- Bloß damit ihr in Panama oder Bogota residirender Präsident

einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht

dabei. Ihre Steuern mußten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie

auch hieß, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat

blieb immer und ewig dasselbe. Daß aber die Geistlichen jetzt den

gegenwärtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf

sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich ließen? Lieber Gott,

die predigten auch nur für ihr eigenes Interesse, denn sie wußten, daß sie

Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionären

Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden?

Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel

mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten

sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaßen

in Händen hielt? Sie mußten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glück

gestalten würde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hülfe

rechnen.

General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute

recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen

mußte. Waffen gab er ihnen deßhalb gar nicht, und nur draußen an den

Schanzen mußten sie -- sehr gegen ihre Neigung -- unter der Aufsicht seiner

Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstärken helfen, die sie

am Liebsten ganz wieder niedergerissen hätten, um es zu gar keinem Kampfe

kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast

zu lässig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so mußten

sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweiße ihres Angesichts den Grund

durchwühlen, wenn sie nicht als »Vaterlandsverräther« angeklagt und in's

Gefängniß geworfen werden wollten.

Bill kümmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die

mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen

Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebäude, wo er seine Kameraden

wußte, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon

unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm

mit Zeichen bedeuteten, daß er ihnen folgen solle.

Vor dem Gouvernementsgebäude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten

Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus

allen Ständen des Lebens zusammengewürfelt schienen und nur in ihrer großen

Minderzahl Uniformen trugen -- und was für Uniformen! -- alte blaue Jacken,

hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar

keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder

wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhängen. Viele trugen aber auch

nur Lanzen von der verschiedensten Länge, oft bloße Bajonnete auf eine

Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur

mit Kavalleriesäbeln und Pistolen bewehrt -- aber zu Fuß; doch ein

vollständiges Musikkorps mit großer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte

dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen

und Mädchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tönen mit

Wohlgefallen lauschten. Was kümmerte sie der Bürgerkrieg, waren sie doch

von Jugend auf daran gewöhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer

Unterhaltung angewiesen.

Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan,

wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen

austheilte. Bob besonders hatte schon einen großen Säbel umhängen und bekam

jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete,

schien aber -- wie auch die Uebrigen -- nichts weniger als erbaut von der

neuen südamerikanischen Beschäftigung.

Gestern, ja, von dem reichlich -- und vielleicht zu reichlich genossenen

Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der

Gedanke, in Südamerika einmal Soldat zu spielen, Spaß gemacht; heute

aber, wo sie nüchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes

betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so außerordentlich, und sie

wären heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die

Küste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glühend heißen Sonne und

durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen -- denn, daß es zu

irgend einem Kampf kommen würde, glaubten sie nicht einmal.

»Well, Bill!« rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, »glücklich

endlich unter den »Marines« angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte

weiter gar nichts, als daß sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne

draußen einexerzirten.«

»Hallo, Jungens,« lachte Bill, »ihr seht wirklich ordentlich martialisch

aus, aber -- habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.«

»Das alte Ding von Muskete hier?« sagte Bob, »ich glaub's nicht.«

»Nein, draußen -- die andere Partei rückt an.«

»Na, dann wünsch' ich nur, daß sie eine einzige Granate in das blutige Nest

hier werfen,« brummte Dick, »und nachher ist die Geschichte gleich vorbei,

denn wenn keine Stadt mehr da ist, brauchen wir sie auch nicht mehr zu

vertheidigen.«

»Ja, wenn wir noch an Bill's Stelle wären,« sagte Tom, »und eine Familie

hätten, aber so elende Junggesellen, daß die sich für ein ganz fremdes Volk

vielleicht die Knochen sollen voll Blei schießen lassen, ist mir außer dem

Spaß.«

»Na, Jungens,« meinte da der Bootsteuerer, der sich aber ein wenig gedrückt

fühlte, denn er hatte vom gestrigen Tag furchtbare Kopfschmerzen, »wir

schlagen uns immer für Republikaner.«

»Ja,« nickte Bill, ohne auf Tom's Spott zu antworten, »und gegen

Republikaner auch, und ich denke, wenn wir das gewollt hätten, so konnten

wir zu Hause bleiben, wo es gerade in dem Geschäft alle Hände voll zu thun

giebt, aber wißt Ihr wohl,« er sah sich vorher um, und dicht hinter sich

ihren kleinen Dolmetsch stehen, der ihnen vergnügt zunickte.

»Das ist recht, Señores,« rief dieser, »bewaffnen Sie sich für das

Vaterland, aber suchen Sie sich um Gottes willen gute Musketen aus, denn es

sind welche darunter, bei denen die vermaledeiten Mosqueraner Nägel in

die Zündlöcher geschlagen haben, die kein Teufel wieder herausbringt. Die

schnappen nachher bloß.«

»Ja, aber zum Henker,« rief Bob, »auf wen schießen wir denn? es ist ja gar

kein Feind da: oder sollen wir auch noch in's Land hineinmarschiren?«

»Das nicht,« sagte der Kleine, »aber wir haben Kunde erhalten, daß ein

Guerillatrupp der Mosqueraner, die Gott vernichten möge, gegen uns anrückt,

um wahrscheinlich bei Nacht einen Ueberfall zu wagen und dann, wie sie es

gewöhnlich thun, wieder in die Berge zu flüchten. Denen wollen wir diesmal

die Zeche heimzahlen, =amigos=, daß sie das Wiederkommen vergessen. »=Muera

Mosquera!=« ist unser Feldgeschrei, und wenn wir den Usurpator erwischten,

ich glaube, die Republik zahlte den Fang mit seinem Gewicht in Gold.«

»Hm!« sagte Bill, der ihm aufmerksam zugehört hatte, denn man mußte

aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte, was der kleine eifrige

Mann heraussprudelte, da er noch eine Menge von spanischen Wörtern

hineinmischte; »ich dachte, Sie hätten ihn gefangen, und er säße mit in dem

breiten Gefängniß da drüben hinter den Eisengittern.«

»O Gott nein,« sagte der Kleine, »das sind nur Einige von seinen Anhängern

-- =traidores= -- Verräther am Vaterland, die wir mit den Waffen in der

Hand ergriffen, und die ihrer gerechten Strafe nicht entgehen sollen.«

»Die haben Sie wohl mit aus dem innern Land gebracht?« frug Bill noch

einmal.

»Ach, was kümmern uns die,« wich aber der Kleine der Frage, die ihm

nicht angenehm zu sein schien, aus, indem er unter einem Haufen von dort

liegenden Gewehren herumkramte; »he,« sagte er dann, »hier ist ein gutes

Stück -- nichts im Zündloch und vollständig mit Bajonnet versehen -- hier,

Don Guillelmo, das nehmen Sie -- da liegt auch eine Tasche, versuchen Sie

aber erst, ob die Patronen hineinpassen. -- Und Sie, Señor,« wandte er sich

dann noch einmal an Tom, »haben ja auch kein Gewehr -- da ist noch eines.«

»Danke vielmals,« knurrte Tom, »ich kann mit den Dingern nicht umgehen und

habe mir dort die Wallfischlanze heraufgeholt. Mit der weiß ich Bescheid,

und wenn's zum Treffen kommt, richte ich mehr mit der, wie mit solch' einem

nichtsnutzigen Schießeisen aus, von dem man überhaupt nie weiß, ob es los

geht.«

»Nun, machen Sie das, wie Sie wollen,« rief der Kleine, indem er plötzlich

auf die Veranda hinaussprang und auf die Straße hinab sah. Dort mußte

er aber etwas bemerkt haben, was ihn interessirte, oder seine Gegenwart

vielleicht nöthig machte, denn er eilte die hölzerne Treppe wieder in aller

Hast hinunter, die Matrosen sich selber überlassend. Kaum aber war er fort,

als Bill, der rings herum nur die schwarzbraunen Bursche bemerkte, die

hier ebenfalls mit den Waffen zu thun hatten, den Kameraden auch mit kurzen

bündigen Worten seine Erlebnisse erzählte und ihnen zugleich mittheilte,

daß man sie hier auf eine ganz verkehrte Seite pressen wolle, und er

wenigstens gesonnen sei, gegen diesen Mosquera keinen Schuß abzufeuern.

»Höre einmal, Mate,« sagte da Bob, »das ist ein wunderliches Ding mit der

Politik dieser Länder, und der Henker mag sich hineinfinden; ich werde

wenigstens nicht klug daraus und gedenke auch gar nicht, mir den Kopf

darüber zu zerbrechen. So viel aber ist sicher, daß wir zu der Partei

halten müssen, in die wir hineingeworfen sind. Ob sie nun recht oder

unrecht hat -- geht uns auch gar nichts an; das ist ihre Sache, und mögen

sie mit ihren Landsleuten ausmachen.«

»So?« sagte Bill, »und wenn wir also noch mit dazu helfen sollen, einen

Landsmann von uns, einen Amerikaner, im Kerker zu halten und vielleicht gar

dabei zusehen, wenn er todt geschossen wird, dann geht uns das auch nichts

an?«

»Einen Amerikaner?« riefen die Matrosen rasch, »wo?«

»Hier, in dem Loch von einem Gefängniß natürlich,« entgegnete Bill, »und

wer weiß denn, wer es ist und wie sie ihn indessen behandelt haben? Das

müßten wir doch jedenfalls vorher herausbekommen, ehe wir uns für die

Gesellschaft todtschlagen lassen, und sitzt da wirklich ein richtiger

Yankee fest, so will ich auch verbrannt werden, wenn ich nicht zusehe, wie

ich ihn wieder herauseisen kann.«

»Ja, Mate,« meinte der Bootsteuerer, »und wir Alle ebenfalls; wie aber

wollen wir es erfahren? denn wenn wir den kleinen, kurzbeinigen Kerl darum

fragen, der hier allein englisch spricht, so sagt uns der im Leben nicht

die Wahrheit.«

»Gut, dann giebts auch noch ein anderes Mittel, um es herauszubekommen,«

nickte Bill vor sich hin, »zu thun haben wir doch jetzt noch nichts, denn

sie scheinen gar nicht zu wissen, was sie vor der Hand mit uns anfangen

sollen, und indessen wollen wir einmal einen Spaziergang durch die Stadt

machen -- mit unseren Gewehren müssen sie uns so überall durchlassen.«

»Können wir auch thun,« sagte der Bootsteuerer, »meine Schuh sind überdieß

noch nicht ganz entzwei, und in dem Schlamm weichen sie desto besser von

den Füßen herunter -- aber wohin?«

»Am Gefängniß vorbei,« sagte Bill; »dort treiben wir uns dann eine kleine

Weile umher, und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn wir den da drin

Sitzenden nicht bemerkbar machen könnten, daß Amerikaner draußen sind.«

»Aber dann auch fort,« rief Dick, »ehe der Kleine wieder kommt, denn der

weiß jedesmal etwas zu bestellen. Hat denn Einer von Euch heute einmal nach

unserem Boot gesehen, ob es noch im Stand und an der alten Stelle ist?«

»Ich war vorhin unten, als ich die Lanze holte,« nickte Tom, »Alles in

Ordnung. Wer weiß auch, ob wir's nicht einmal nächstens brauchen werden?

denn daß ich hier an Land gekommen wäre, um Soldaten zu spielen, ist blos

ein Irrthum von den braunen Lumpen.«

»Und nun vorwärts,« sagte der Bootsteuerer, »da unten fangen sie schon

wieder an, Signale zu blasen. Eine schöne Ordnung halten sie aber, das ist

wahr; Keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist, und die Waffen scheinen hier

zu beliebigem Gebrauch aufgestellt zu sein -- nicht einmal eine Schildwacht

daneben und kein Offizier, der sich darum bekümmert. Kuriose Welt.«

Damit stiegen die neu »eingekleideten« Matrosen, ihre Gewehre oder

sonstigen Waffen auf der Schulter, ruhig die Treppe hinunter und wieder auf

die Straße, und Niemand kümmerte sich in der That um sie, wohin sie gingen

oder was sie trieben.

Siebentes Kapitel.

Yankee Doodle.

Der Bootsteuerer hatte recht, es schien eine merkwürdige Unordnung unter

der ganzen Mannschaft zu herrschen, wie denn auch der ganze Trupp nicht

aus einexerzirten Soldaten, sondern nur aus zusammengelesenen Freiwilligen

bestand, die unter dem Versprechen der Plünderung geworben waren und

zusammengehalten wurden. Von einem Exercitium sahen dabei die Offiziere

vollständig ab, denn in dem Sumpf- und Waldland wäre dasselbe auch gar

nicht möglich gewesen; was brauchten die Guerillas auch ein solches, wenn

sie nur einen Hinterhalt zu benutzen und einen Ueberfall rasch und kräftig

auszuführen verstanden. Auch mit der Subordination sah es nicht besonders

aus, und General Oran, der diese Bande befehligte, hatte schon ein paar

Mal Exempel statuiren müssen, um das wilde Volk nur ein wenig im Zaum zu

halten; oft genug schlugen sie aber trotzdem noch über die Stränge, und

nur dringende Gefahr konnte sie zu einem einigermaßen festen Ganzen

zusammenbringen.

Aber was kümmerte das die Seeleute, die jetzt von Bill geführt, die Straße

hinabschlenderten, wo sie denn auch, ohne von irgend Jemandem befragt oder

nur beachtet zu werden, links abbiegend das Gefängniß bald erreichten.

Hier standen allerdings Posten genug, und sie wußten recht gut, daß man

ihnen nie erlaubt haben würde, das Haus selber zu betreten. Das lag aber

auch noch gar nicht in ihrem Plan, und sie begnügten sich vor der Hand

damit, es von Außen in Augenschein zu nehmen.

Unheimlich genug sah es aus, besonders im Vergleich zu den übrigen auf

Pfählen gebauten, luftigen und verhältnißmäßig auch reinlichen Häusern, wie

es da im Schlamm, niedrig und mit ziemlich flachem Dach -- wie eingesunken

und breitgedrückt lag. Steine hatte man aber nicht zu seinem Bau verwandt,

nur mächtige Stämme jenes eisenfesten Biguarriholzes, das in diesen Wäldern

in Masse wächst, die fest ineinander gefügt nicht einmal der Luft

einen Durchzug gestatteten, während winzig kleine, dicht unter dem Dach

angebrachte Fenster mit dicken, neben einander stehenden Eisenstäben eben

so wenig den Gefangenen hinaus, wie einen Sonnenblick hinein in seinen

dunklen Kerker ließen.

Es mußte ein entsetzlicher Aufenthalt dort im Innern sein, noch

schrecklicher durch das feuchte heiße Klima für den daran nicht Gewöhnten,

wenn er verdammt wurde, seine Tage da zu verbringen.

»=Bless my soul=,« sagte der Bootsteuerer schaudernd, als sie daran

vorüberschritten; »in das Loch werden sie doch wahrhaftig keinen Amerikaner

geworfen haben? Nur eines von unseren kleinsten Kriegsschiffen schösse ja

das ganze Nest in Zeit von fünf Minuten in Grund und Boden zusammen.«

»Und wie wollen sie's erfahren und wo sind sie?« brummte Bill; »so viel

weiß ich aber, ganz rein ist die Geschichte nicht, denn unser gelbbrauner

Dolmetsch wollte gar nichts davon wissen, als ich auf das Gefängniß zu

sprechen kam, und steuerte geschwind einen andern Kurs.«

»Und wie kommen wir dahinter?«

»Verdammt leicht,« sagte der Matrose mit einem trotzigen Lachen. »Hinein

dürfen wir nicht, und wer da drinnen sitzt, wird uns auch nicht wohl sehen

können, aber jedenfalls hören, und wer kann uns hindern, hier den Yankee

Doodle zu singen?«

»Bei Gott!« rief Tom rasch, »das ist wahr, und wenn ein Amerikaner hinter

den Stäben sitzt und das Lied hört, dann weiß er auch, daß Freunde in der

Nähe sind und wird sich schon melden.«

»Denke so,« nickte Bill, »und nun fangt an -- Du, Dick, hast ja eine so

verwünscht gellende Stimme, daß Einem ordentlich die Ohren weh thun; jetzt

lass' sie einmal los.«

Dick ließ sich auch in der That nicht lange bitten und begann plötzlich --

sehr zum Erstaunen der Wachtposten -- mit so kreischender scharfer Stimme

die höchst eigenthümliche Melodie des Yankee Doodle zu singen, daß ein paar

gerade dort vorbeikommende Frauen erschreckt umdrehten und in das nächste

Haus flüchteten. Die Soldaten lachten aber, denn das Lied gefiel ihnen,

wenn sie auch die Worte nicht verstanden, und die übrigen Matrosen stimmten

jetzt mit ein:

=Yankee Doodle came to town

To buy a pair of trowsers,

There were so many tailorshops

He could'nt see the houses.=[4]

[4]:

Yankee Doodle kam zur Stadt,

Weil ihm Hosen nöthig thaten,

Konnt' aber keine Häuser sehen

Vor lauter Kleiderladen.

Nach dem ersten Vers schwiegen sie -- aber sie brauchten nicht lange auf

Antwort zu warten.

»Hülfe!« tönte gleich darauf aus einem der Löcher eine hohle Stimme in

englischer Sprache -- »helft mir, Jungens, hier sitzt ein Amerikaner! --

Helft mir --«

Aber die Wachtposten hatten die Zurufe ebenfalls gehört, und mit dem

strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen mit Außenstehenden zu

gestatten, sprangen sie rasch zu und bedeuteten die Fremden, weiter zu

gehen und da nicht stehen zu bleiben.

»=I'll be=« -- wollte Bill schon zu fluchen anfangen, der Bootsteuerer

aber, der das Nutzlose eines Widerstandes in diesem Augenblick recht gut

voraussah, ergriff rasch seinen Arm und rief: »Ruhe, Bill, Ruhe! wir müssen

unsere Zeit abwarten und wissen ja doch jetzt, was wir wissen wollen --

komm' -- da drüben marschirt eben ein ganzes Bataillon Soldaten die

Straße herunter; wenn wir jetzt Lärm machen, haben wir im Nu die ganze

Gesellschaft auf dem Hals. Wir müssen uns erst bereden, was wir thun

wollen.«

Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 6 / 16 段