sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm äußerst fidel
mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der
andern trug.
»=La casa del gobierno=,« sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem
sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfüllt habe, wandte
sie sich ab und schritt die Straße zurück, durch welche sie eben gekommen.
Bill wußte nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch
nicht unten auf der Straße bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die
Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten
hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Höhe und brummte
entschlossen vor sich hin: »=Here goes then= -- fressen können sie Dich
auch nicht --« und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hölzerne Treppe
fand, die in den oberen Stock hinaufführte.
Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren
und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende
geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen
empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem »niedlichen
Gelbling,« dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf
den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefühl,
was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nüchtern, in eine etwas
angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft
kommen. Wir werden dann selber stumm oder müssen uns gewaltsam in die
nämliche Aufregung mit hineintrinken.
Unter anderen Umständen würde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zögern das
Letztere gethan haben, denn er verschmähte wahrlich kein Glas Grog, wo
ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwürdige Veränderung war mit ihm
vorgegangen; er mußte immer und immer wieder an die junge unglückliche Frau
denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust
am Trinken vollständig verleitet zu haben.
Aber so leicht ließen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der
Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch
immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die
Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff
ausgesöhnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob
kredenzte ihm die Flasche, und er mußte wenigstens zum Schein einen langen
Zug daraus thun, dann aber rückte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib
und erzählte ihm jetzt -- ohne die gefundene Frau weiter zu erwähnen, daß
seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wären, ihrem
Präsidenten gehuldigt hätten und jetzt bereit seien, den schurkischen
Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.
Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater
-- mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half
ihm nichts. Sie waren Alle Familienväter, wie der Kleine meinte -- Manche
mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre
Familien zu vertheidigen, zögen sie in den Krieg. Und was für Aussichten
hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn
sie sich zur See auszeichneten, Kapitän und Admiral -- und außerdem, wie
er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in
Belagerungszustand erklärten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes übrig
blieb, als mit der Bevölkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes
Leben sicher zu stellen.
Bill wollte ihm schon erwiedern, daß ihn die neugranadiensischen
Verhältnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben
so gut wieder abfahren könnten, wie sie angekommen wären, als ihm noch
zum Glück die gerade erst vorgeschobene »Familie« einfiel. Jetzt war auch
nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm
zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten später die
Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite
Faust drücken zu können.
Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nächste
Zeit mußte nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen
gehörte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.
An dem heutigen Tag war übrigens mit den frischen Soldaten nichts mehr
anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der
endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen
feierte, während Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch
angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den
Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner störte
aber dadurch den Anderen, denn sie hörten sich nur selber, und eine
Anzahl südamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem
wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gespräch anzuknüpfen, aber
auch das mißlang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen
gerührt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, daß er ihm keinen
Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn,
daß er ein seelenguter Kerl wäre, und fing dann bitterlich an zu weinen.
Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Sänger und stieg dann langsam
die Treppe wieder hinunter auf die Straße, ohne daß er von irgend Jemanden
daran verhindert oder nur gefragt worden wäre, wohin er wolle. Er war jetzt
Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und
in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen,
wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.
Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen,
aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und außerdem war es
auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im
Leben im Dunkeln gefunden hätte -- es machte ihm Mühe genug am hellen Tag.
Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die »Außenwerke« ein
wenig näher zu betrachten und überhaupt das Terrain kennen zu lernen; man
wußte nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.
Merkwürdig, wie das auf den Straßen aussah -- der Regen hatte nachgelassen,
und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs
begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische
Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwölf
zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten
und nur, wenn er an ihnen vorüber ging, stehen blieben und hinter ihm
drein schauten. Er bemerkte auch, daß alle Uebrigen diese frommen Herren
ehrfurchtsvoll grüßten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht
militärisch, die Mützen vor ihnen ab, während ihnen sogar die etwa auf der
Straße befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock küßten, was
sich die Herren auch, als etwas Selbstverständliches, ruhig gefallen
ließen. Sonderbar nur, daß sich so viele blutjunge Herren darunter
befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem größten Bewußtsein
ihrer Würde hinnahmen. Bill kümmerte sich aber wenig um sie -- es fiel ihm
nicht einmal ein sie zu grüßen, denn was gingen ihn, als Protestant, die
katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er
endlich glaubte, er müsse in der Nähe von Candelaria's Hause sein. Aber
die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wäre
eine verwünschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend
Jemanden nach dem Weg fragen.
Wie er aber noch so dastand und unschlüssig umherblickte, sah er an der
anderen Seite der Straße seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte
und dann ohne Weiteres in die nächste enge Gasse einbog. Sie mußte ihn
jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein,
wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.
Bill war bisher ein ziemlich derber und eigentlich auch etwas roher Gesell
gewesen, wie man denn überhaupt nicht erwarten darf, auf Wallfischfahrern
irgendwie feine oder sehr rücksichtsvolle Gesellschaft anzutreffen, und
doch überkam ihn ein ganz eigenes, merkwürdiges Gefühl, als er zum zweiten
Mal die Leiter an dem kleinen neuen Haus hinanstieg und sich wieder
der jungen bildhübschen und doch so unglücklichen Frau gegenüber fand.
Schönheit und Unschuld üben aber oft im Leben einen ganz ähnlichen und
mächtigen Einfluß aus, und gerade solche derbkräftige Naturen fühlen sich
am Leichtesten davon befangen und eingeschüchtert.
Der kleine Bursche war wach, und die Mutter hatte ihn auf dem Schooß und
herzte und küßte das Kind, als Bill zum zweiten Mal bei ihr erschien -- er
war eigentlich gar nicht gelb, wie sich der Matrose jetzt gestehen mußte,
sondern hatte nur jenen lichtbronzefarbigen Teint, der den Eingebornen
dieser Küstenstriche eigen ist und sie auch in ihrer etwas dunkleren
Schattirung vortrefflich kleidet. Und was für ein lieber, herziger Bursche
der kleine Kerl war, und wie lieb und madonnenartig die junge Frau aussah,
als sie sich über ihn beugte und mit ihm lächelte.
Einem angeschossenen Wallfisch, und wenn er die See im Todeskampf zu Schaum
peitschte, wäre Bill mit der größten Ruhe und Entschlossenheit zu Leib
gerückt, ja wenn es sein mußte, hätte er den Hai selber mit einem Messer in
der Faust in seinem eigenen Element bekämpft. Hier fühlte er sich wie ein
Kind, scheu und furchtsam, und als er den oberen Theil des Hauses erreichte
und die junge Frau ihm freundlich und unbefangen die Hand entgegenstreckte,
wagte er es kaum sie zu fassen, und setzte sich dann in die entfernteste
Ecke nieder, um ihr nur ja nicht lästig zu fallen. Und nun erzählte er, was
er draußen gesehen, und wie er seine Kameraden getroffen habe, und das arme
junge Weib zuckte ängstlich zusammen als sie hörte, daß ihn die Godos in
ihre Dienste angeworben hätten.
»Hol' sie der -- und jener,« flüsterte aber Bill vor sich hin, als er
sah, welchen Eindruck das Geschehene auf die junge Frau machte; »solche
Kontrakte gelten nicht, wo die eine Partei die andere erst betrunken machen
muß, um sie dahin zu bringen, wohin sie sie haben will. Wenn man gezwungen
wird, dient man auch einmal dem Bösen selber -- aber nur so lange, als man
nothgedrungen muß, und nachher -- dreht man den Spieß um.«
»O Du gütiger Gott, wie soll das enden?« seufzte die junge Frau, »wann
wirst Du meinem armen Vaterlande den Frieden wieder geben?«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Madame,« sagte aber der Matrose
treuherzig, »wenn wir nur Ihren Mann erst wieder aus dem dumpfen Loch
heraus hätten, an dem ich heute vorübergegangen bin. Vor der Hand ist
aber gar nichts dabei zu thun, denn erst muß ich mit meinen Kameraden
Rücksprache nehmen, was keinesfalls vor morgen geschehen kann. Heute sind
sie unzurechnungsfähig und wissen nicht einmal etwas von sich selber, viel
weniger von der Welt da draußen. -- Und jetzt -- es fängt an dunkel zu
werden.«
»Dort ist Ihre Hängematte,« sagte die Frau schüchtern, »eine Matte und
Decke liegt darin -- Sie werden gewiß gut schlafen, denn Mosquitos haben
wir hier wenig oder gar keine.«
»Und Sie wollen dann mit dem Kind auf dem harten Boden liegen, nicht wahr?«
sagte Bill leise und fast wie vorwurfsvoll; »nein, Madame, daraus kann
nichts werden. Bis morgen werde ich schon meine eigene Schlafstelle bequem
einrichten, dafür lassen Sie mich sorgen, heute aber leg' ich mich dort
in die Ecke -- bitte, bekümmern Sie sich gar nicht um mich, und seien Sie
versichert, daß ich nicht zu Schaden komme. In die Hängematte legen,
ja wohl, und Sie draußen auf den Rindendielen lassen? Weiter fehlte gar
nichts. So -- nun sorgen Sie nur nicht mehr um mich,« fuhr er fort, indem
er sich ohne Weiteres in die Ecke warf, dann seine Jacke auszog, ein Stück
Holz herbeischob, auf das er den Kopf legen konnte, und die Jacke dann über
sich deckte; »jetzt liege ich vollkommen bequem, und wenn Sie mich nicht
wieder wecken, schlaf ich in fünf Minuten wie eine Ratze, denn müde bin ich
eigentlich geworden.«
»Aber wie kann ich das zugeben?«
»Zugeben? -- Sie können's eben nicht verhindern,« lachte Bill, »und wenn's
angegangen wäre, hätte ich Sie nicht einmal heut Abend mehr gestört, aber
wie die Sache nun einmal steht, muß ich noch eine Weile unter falscher
Flagge segeln -- thut mir eben leid, daß es eine falsche ist,« brummte er
vor sich in den Bart, legte sich dann auf die Seite, zog sich die Jacke
über die Augen und war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen.
Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber mitten in der Nacht
-- wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein
ungewohntes, fremdartiges Geräusch auf, und hörte gleich darauf, als er
völlig munter wurde -- im Hause etwas flüstern und zischeln.
»Hm,« dachte Bill, »ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die
Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus -- so viel
ist sicher.«
Er horchte wieder -- es war kein Zweifel, daß gerade in der Gegend der
Hängematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung geführt
wurde -- nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden,
und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah -- er kannte sie an dem
vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob
sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.
»O Weiber! Weiber,« brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke
fester über den Kopf -- aber es ließ ihn nicht. Wieder mußte er horchen und
ein recht häßliches, quälendes Gefühl zuckte ihm dabei durch's Herz. War
das Eifersucht? -- Aber welches Recht hatte er an die Frau? -- Und wenn
kein Recht, welche Pflicht dann, sich für sie zu sorgen und zu ängstigen?
»Ei zum Teufel,« dachte er weiter, »wenn sie dich so an der Nase
herumführt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie
sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heißen Brei
hineinzustecken. Hol' sie der Henker.« Und damit legte er sich auf die
Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe
Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel härter und
schlechter gelegen -- oder störte ihn das Flüstern? Es war so leise, daß er
es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mußte. Am Liebsten wäre er
ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es goß draußen wieder in
Strömen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und
in dem Regen und Schlamm? Unwillkürlich seufzte er tief auf -- und dann war
plötzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte,
konnte er keinen Laut mehr vernehmen.
Darüber mußte er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche
Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich öffnete,
schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwände des
kleinen luftigen Hauses.
Sechstes Kapitel.
Pläne und Gegenpläne.
Bill fuhr wirklich etwas überrascht in die Höh', denn seine Träume hatten
ihn wieder weit hinaus in See, an Bord der alten Martha's-vine-yard
geführt, und im ersten Moment wußte er nicht gleich, wo er sich befand, wie
uns ja das häufig nach festem Schlaf so geht. Uebrigens sah er auch in der
That eine Menge Menschen um sich her, die hier gar nicht hergehörten, und
war noch viel zu wenig mit den südamerikanischen Sitten bekannt, um das
trotzdem natürlich zu finden.
Es war allerdings lichter Tag, aber doch noch sehr früh am Morgen, das
schien jedoch verschiedene Herren und Damen aus der Nachbarschaft
nicht verhindert zu haben, ihren Besuch zu machen, nur um zu hören --
natürlich --, wie es dem neuvereinigten Paar ginge, und dann auch wo
möglich etwas über die näheren Verhältnisse zu erfahren, denn mit der
Negerin Sarah, der das kleine Haus gehörte, war nichts anzufangen, die
erzählte fast nie, und nur das hatte sie ihnen bis jetzt gesagt, daß die
junge Frau bis dahin in Tumaco gewohnt habe und von dort, nach der Flucht
ihres Mannes, hierher gekommen sei.
Candelaria war schon auf und angezogen und wirthschaftete mit Sarah an
dem kleinen Herd, um das Frühstück zu bereiten, während zwei von den
Nachbarinnen mitten in dem Zimmer kauerten und eigentlich die Unterhaltung
allein führten. Außerdem waren aber auch noch -- ebenfalls aus Neugierde,
ein paar junge Bursche mit heraufgestiegen, die an den Wänden herumlehnten.
Der Eine von diesen rauchte auch seine Papier-Cigarre, während sich der
Andere angelegentlich mit einem großen Stück Zuckerrohr beschäftigte, von
dem er Streifen mit seinem Messer abhackte, dann in den Mund steckte und
aussog und das ausgekaute Rohr ziemlich ungenirt mitten in die Stube warf.
Als sich Bill aufrichtete und erstaunt den Blick in dem belebten Raum
umherwarf, nickten sie ihm auch freundlich zu, ohne aber ein Gespräch mit
ihm anzuknüpfen, denn sie wußten ja doch, daß er sie nicht verstand -- oder
hatte er sich gestern nur verstellt? Die Damen nahmen übrigens nicht die
geringste Notiz von ihm und schienen ihn eher mit Verachtung zu strafen.
Pfui über einen Mann, der seiner Frau davon lief und erst mit Gewalt wieder
eingefangen werden mußte; er sollte wenigstens fühlen, wie verächtlich er
sich gemacht hatte.
Leider ging das Alles total an Bill verloren, denn im Anfang beschäftigte
ihn die Tageszeit -- er konnte doch nicht so lang geschlafen haben -- aber
nein, die Sonne war kaum aufgegangen und schien noch ganz schräg durch die
Spalten der Hütte -- es war jedenfalls nicht weit über sechs Uhr -- und
schon Besuch? -- Sein Blick flog nach der jungen Frau hinüber und die
Erinnerung an die letzte Nacht stieg in ihm auf und zuckte ihm wieder mit
einem recht fatalen, unangenehmen Gefühl durch's Herz. Es war ihm -- so
fremd ihm die Frau auch immer sein und bleiben mochte -- als ob er etwas
Liebes auf der Welt verloren habe -- und das hatte er auch -- er hatte ein
Stück Vertrauen eingebüßt und er nahm sich in Gedanken fest vor, sobald
als nur irgend möglich das Haus zu verlassen, und dann nicht wieder hierher
zurückzukehren -- zwingen konnte sie ihn ja nicht, da er ihr Geheimniß
wußte.
Und wie unruhig sie heut Morgen war -- wie ängstlich sie umher sah und sich
doch auch wieder jede nur erdenkliche Mühe gab, gleichgültig zu erscheinen.
Oft sogar horchte sie scheu und erschreckt, als ob sie irgend Etwas zu
hören glaubte, und sank dann wieder in sich zusammen.
Bill war aufgestanden und hatte seine Jacke angezogen, und die alte
Negerin brachte ihm, mit einer ungewöhnlichen Aufmerksamkeit, ein aus einer
Kalebasse geschnittenes Waschbecken und ein kleines, aber schneeweißes
Handtuch, mit dem er die etwas schwanke Leiter hinabstieg und unter das
Haus ging. Er konnte doch nicht dort oben vor den Damen Toilette machen;
wäre auch jetzt gleich am Liebsten fortgegangen, aber das Handtuch mußte
er jedenfalls erst wieder oben abliefern, daß es da unten nicht gestohlen
würde. Weiter hatte er nichts mehr in dem Haus zu thun.
Als er hinauf kam, deckte eben Candelaria wieder den kleinen Tisch und
setzte den eisernen Kocher darauf, in welchem sie die Chokolade bereitet
hatte -- und der Besuch schien nicht zu wanken und zu weichen. Jetzt aber
mochte es Sarah auch satt bekommen, von neugierigem Volk belästigt zu
werden, dessen Absicht sie noch dazu durchschaute. Daß es weiße Damen
waren, machte dabei keinen Unterschied; seit Aufhebung der Sklaverei hatten
die Neger dasselbe Recht -- und nahmen sich manchmal noch ein wenig mehr
heraus -- und hier in ihrem eigenen Hause brauchte sie sich nicht ärgern zu
lassen.
»Señoras,« sagte sie deshalb ohne weitere Umstände, »bitte, wenn Sie jetzt
hinunter gehen, so machen Sie die kleine Thür an der Umzäunung unten zu,
die Kühe laufen uns sonst immer unter das Haus und reiben sich an den
Pfählen. -- Señor, da liegt noch ein Stück von Ihrem Zuckerrohr --
vergessen Sie es nicht.«
Das war deutlich genug, und die Angeredeten verstanden auch den Wink und
verließen, wenn auch nicht in guter Laune über die Abfertigung, das Haus;
und der junge Bursche mit seiner Papier-Cigarre blieb, da er nicht erwähnt
worden, ruhig sitzen und begann sogar sich eine neue Cigarre zu drehen. Mit
dem machte die alte Frau aber kurzen Prozeß.
»Höre, mein Bursche,« sagte sie, indem sie ihm auf die Schulter klopfte,
»hast Du schon heut Morgen Deine Chokolade getrunken?«
»No, Señora,« schmunzelte der Halbindianer, indem er einen vergnügten Blick
auf den Tisch warf, denn er folgerte aus der Frage eine Einladung für sich
selber -- hatte sich aber getäuscht.
»So?« sagte die Alte mit der größten Gemüthsruhe, »na, dann geh' hin und
trinke sie, denn in der Stadt unten geht es heut Morgen bunt zu, und Du
weißt nicht, ob Du nachher Zeit zum Frühstücken bekommst. Sei so gut und
schieb mir einmal den Pfahl ein wenig von unten herauf -- willst Du?«
»Gewiß,« nickte der Bursche ganz verdutzt, »gewiß, Señora -- mit dem
größten Vergnügen,« und die halbfertige Cigarre noch in der Hand, kletterte
er an dem Baum hinunter und hob ihn dann auf, daß ihn Sarah bequem nach
oben ziehen konnte, wodurch jede weitere Verbindung mit unten abgeschnitten
wurde.
»Madame,« sagte da Bill, der diese Vorbereitung mit ansah, »wenn's Ihnen
recht wäre, möchte ich Sie bitten, mich auch vorher hinunter zu lassen. Ich
möchte gern ...«
»Nun?« sagte die Negerin erstaunt, »wollen Sie denn nicht frühstücken.«
»Lieber nicht,« meinte Bill, »ich habe -- keinen rechten Appetit ...«
»O bleiben Sie,« bat da die junge Frau, die in ordentlich fieberhafter
Ungeduld die Entfernung der lästigen Fremden erwartet hatte, »ich habe
Ihnen so Wichtiges mitzutheilen.«
»Mir, Madame?« sagte Bill verwundert, »das ist wohl ein Irrthum.«
»Bitte, setzen Sie sich,« drängte aber die Frau, »dorthin, wo wir von
den Seitenwänden verdeckt sind, daß die Nachbarn nicht sehen, wie wir uns
unterhalten. Diese Häuser sind alle so offen.«
»Ja,« brummte Bill, »das stört manchmal, ist aber doch oft auch wieder
bequem.« Dabei leistete er übrigens der Einladung Folge -- er mußte doch
hören, was ihm die Frau zu sagen hatte, und war außerdem auch wirklich
hungrig geworden. Auf dem kleinen Tisch dampfte aber die Chokolade, und
lockten so verführerisch frisches Brod und goldgelbe Bananen, daß er dem
nicht widerstehen konnte.
Kaum aber hatte er sich neben den Tisch niedergelassen, als sich die junge
Frau auf der andern Seite zur Erde kauerte und mit leiser, zitternder
Stimme sagte: »O, Señor, der Augenblick, wo ich auf Ihre Hülfe zähle, naht
rascher heran als ich geglaubt, und Gott selber hat Sie mir zur rechten
Zeit hiehergeführt. Sie werden mich doch nicht verlassen ...«
»Madame,« sagte Bill, mit einer Banane und seiner Chokolade beschäftigt,
»so viel ich weiß, war doch gestern Abend noch nichts Besonderes
vorgefallen; da müssen Sie denn wohl über Nacht etwas Neues erfahren
haben?«
»Allerdings -- allerdings,« flüsterte ihm die Frau ängstlich zu, »jener
Freund meines Mannes, von denen ich Ihnen gestern sagte -- jener Franzose,
Robert Beaugead aus Karthago, den ich todt oder gefangen glaubte -- er war
in dieser Nacht hier -- in unserem Haus ...«
»Hier?« sagte Bill und vergaß in dem Augenblick Essen und Trinken.
»Hier,« bestätigte aber die junge Frau. »Sie schliefen und haben ihn nicht
gehört, aber mit Lebensgefahr schlich er sich durch die Posten der Feinde,
um hier Sarah aufzusuchen, von der er wußte, daß sie allein ihm Auskunft
über uns und unser Schicksal geben könne.«
Bill erwiderte nichts, aber die Tasse stellte er hin und über den Tisch
hinüber reichte er seine breite, harte Hand der Frau, die nicht wußte, wie
sie sich die Bewegung deuten sollte. Aber vorsichtig drückte er nur ihre
zarten Finger, und fiel dann mit einem wahren Feuereifer wieder über die
Bananen und Chokolade her.