bedenklich unten am Baumstamm stehen blieb, denn mit seiner kleinen Last
und den vom Schlamm schlüpfrigen Schuhen getraute er sich, da der Baumstamm
nicht einmal befestigt war, sondern nur locker an dem unteren Balken
lehnte, nicht einmal hinauf. Eine der Frauen nahm ihm aber das Kind ab und
trug es, und etwas langsamer als sie, folgte er ihr jetzt -- immer noch
kopfschüttelnd, denn er wußte nicht, wie dies Abenteuer enden würde, und
kam sich auch höchst unbehaglich in dem Geleite all' der Weiber vor.
Uebrigens schien die ganze Gesellschaft, die sie hierher begleitet hatte,
eingeladen zu sein, denn Eine nach der Andern -- wenigstens alle weiblichen
Individuen, folgten auf dem schwanken Steg, ja selbst ein paar von den
Soldaten, neugierige Bursche, die sich da oben doch auch einmal umschauen
wollten, stiegen mit hinan, bis der Raum endlich gedrängt voll Menschen
stand, und Bill in der That schon befürchtete, der leichte Boden von
gespaltenen jungen Palmen würde die übergroße Last kaum tragen können. Das
elastische, wenn auch dünne Holz hielt aber vortrefflich, ob es sich auch
unter dem Gewicht bog, und einige der Frauen beschäftigten sich jetzt
damit, ein Feuer auf dem kleinen Herd anzumachen, während Andere das Kind
in einer von den Dachbalken niederhängenden Hängematte unterbrachten.
Auch der männliche Besuch schien sich nützlich machen zu wollen, denn
Einige von ihnen kletterten wieder nach unten und kamen bald darauf mit
kleingespaltenem Holz zurück, das sie aber jedenfalls mußten irgendwo
gestohlen haben, denn in der unmittelbaren Nähe der Stadt war alles
derartige Brennmaterial schon lange verbraucht. Das Feuer loderte auch bald
lustig empor und ein Topf, um Chokolade darin zu kochen, war angesetzt.
Und wie das schwatzte und schnatterte um ihn her, und Alles in der
unglückseligen Sprache, von der Bill kein Wort verstand. Niemand bekümmerte
sich dabei um ihn, und einmal kam ihm wohl der Gedanke, leise und
vorsichtig die Leiter wieder hinabzusteigen und den ganzen Schwarm sich
selber zu überlassen -- aber was hätte es ihm geholfen, sie würden ihn bald
wieder überholt und zurückgebracht haben, und Gewalt -- wenn er auch
die Kraft in sich fühlte, es mit einem oder ein paar Dutzend dieser
ausgemergelten braunen Bursche aufzunehmen, gegen die ganze Stadt konnte
er ja doch allein nicht ankämpfen, und ein solcher Versuch hätte seine Lage
jedenfalls verschlimmert. -- Abwarten -- es blieb ihm nichts Anderes
übrig, und mit Aussicht auf eine gute Mahlzeit beschloß er denn auch, dem
Verhängniß ruhig die Stirn zu bieten.
Unbehaglich war es ihm freilich mit den vielen Menschen hier oben, von
denen sich nicht einmal einer um ihn bekümmerte. Ja er schien sogar überall
im Wege zu sein und wurde bald da- bald dorthin geschoben, ohne daß selbst
»seine Frau« auf ihn geachtet oder ein weiteres Wort an ihn gerichtet
hätte. Was würde ihm das auch freilich geholfen haben, er verstand sie ja
doch nicht -- und nicht einmal einen Platz zum Sitzen konnte er finden,
denn in der Hängematte lag das kleine gelbe Ding, das sich übrigens in all'
dem Lärm und Wirrwarr merkwürdig ruhig verhielt und mit den großen dunklen
Augen nur erstaunt umherblickte. Manchmal wurde es auch gestoßen und
schaukelte dann eine Weile hin und her, aber es schrie nicht und schien das
Ende dieses Lärmens ebenso geduldig und resignirt abzuwarten wie der ihm
kürzlich zugetheilte Vater Bill.
Endlich -- endlich machte wenigstens ein Theil der zudringlichen Gäste
Anstalt zum Gehen. Draußen ertönte ein Trompetensignal, und die Soldaten
sprangen die Leiter hinab um zu sehen, was es da gebe. Auch die Mahlzeit
war so weit vorgerückt, daß ein kleiner Tisch gedeckt werden konnte. Jetzt
nahmen auch die Frauen Abschied, erst einzelne, dann mehrere zusammen --
nur eine Negerin, ein großes stämmiges Frauenzimmer von Rabenschwärze,
kauerte noch am Herd und machte keine Miene den Platz zu räumen.
Bill's Frau schien sich aber noch immer nicht um ihn zu kümmern und stand,
während die Negerin auf den Herd Achtung gab, oben an ihrer »Treppe,« um
sich noch mit den unten einen Augenblick verweilenden Damen zu unterhalten,
bis ein plötzlich einsetzender Regenschauer jede solche Unterhaltung
abbrach. Der Besuch mußte selber eilen, um unter Dach und Fach zu kommen.
Bill hatte indessen Zeit und Gelegenheit gehabt, die junge Frau näher zu
betrachten, und mußte sich gestehen, daß es wirklich ein reizendes Wesen
sei. Sie war allerdings braun und möglicher Weise eine reine Indianerin,
obgleich auch Viele der Mischlingsrasse die nämliche Färbung tragen, aber
von zartem und doch vollem Gliederbau, mit langem, weichem, gelocktem,
vollkommen schwarzem Haar und großen dunklen Augen, gerade wie sie das Kind
auch hatte, die von mächtig langen Wimpern überschattet wurden. Sie ging
dabei sehr einfach, ja fast ärmlich in ein dunkles, an vielen Stellen
schon zerrissenes Kattunröckchen gekleidet, und doch bewegte sie sich
in demselben mit Anstand, und Bill selber war erstaunt über das fast
würdevolle Benehmen, mit dem sie ihre zudringlichen Besuche verabschiedete.
Jetzt wandte sie sich zu ihm, und der sonst so kecke und zuversichtliche
Matrose gerieth wirklich in Verlegenheit, wie er sich gegen die junge Frau
benehmen solle, die er da drunten am Strand nichts weniger als freundlich
angelassen hatte -- und dann die zwei englischen Worte, die sie ihm
zugeflüstert. Sie selber schien aber nicht zuversichtlicher als er, denn
noch an der Schwelle blieb sie stehen und warf wie scheu den Blick zurück
und umher in dem jetzt leeren Raum, als ob sie sich erst noch einmal
überzeugen wolle, daß sie wirklich allein seien. Erst jetzt ging sie
auf den Matrosen zu und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie mit
vor innerer Bewegung gepreßter Stimme, aber in vollkommen gutem, reinem
Englisch: »Was müßt Ihr von mir denken, Fremder, daß ich Euch auf solche
Weise in mein Haus geführt?«
»=I'll be=« -- Bill verschluckte das rauhe Wort, das ihm, alter Gewohnheit
nach, unwillkürlich herausschlüpfte, denn er war wirklich überrascht.
Erstlich erstaunte er über das fertige Englisch, das die braune Frau
sprach, und dann wäre es ihm vielleicht nicht einmal so unangenehm gewesen,
wenn sie ihn jetzt noch etwas länger als ihren Mann behandelt hätte.
Fast ohne daß er es selber wußte, flog auch sein Blick nach der am Herd
kauernden Negerin hinüber; die junge Frau aber, der das nicht entging,
sagte rasch:
»Wir haben nichts zu fürchten -- Sarah ist eine treue Freundin und
versteht, was wir sprechen. Aber vor Allem bin ich Euch eine Erklärung über
mein wunderliches Verhalten schuldig, und die will ich so kurz fassen,
wie nur irgend möglich -- Setzt Euch -- Ihr werdet von Eurer langen Fahrt
hungrig und ermattet sein, und darin wenigstens kann ich Euch helfen --
Sarah, laß uns das Essen haben, wenn es fertig ist -- Setzt Euch, Freund!«
Bill sah sich etwas verlegen in dem Haus um -- es war keine Spur von irgend
einem Stuhl zu entdecken, und der gedeckte Tisch, der mitten im Haus stand,
höchstens einen Fuß hoch vom Boden. Die junge Frau aber ließ sich ohne
Weiteres daneben auf einer kleinen Matte nieder, und der Seemann, mehr um
nicht unhöflich zu sein, als weil es ihm etwa bequem gewesen wäre, folgte
ihrem Beispiel.
»Aber, Madame,« sagte er dabei, indem er sie selber verlegen halb
lächelnd von der Seite ansah, »haben Sie mich denn wirklich für Ihren Mann
gehalten?«
Ueber die lieben Züge der jungen Frau flog ein leises, wehmüthiges Lächeln,
als sie erwiederte: »Wenn Sie meinen Gatten kennten, würden Sie das nicht
für möglich halten, denn er ist viel kleiner wie Sie und hat rabenschwarze
Haare und dunkle Augen.«
»Ja, aber da -- nehmen Sie es mir doch nicht übel --«
»Ah bitte, hören Sie mich erst an,« bat die Frau, »Sie sollen ja Alles
wissen, Alles erfahren und werden mir dann gewiß nicht böse sein.«
»O,« sagte Bill gutmüthig schmunzelnd, »ich -- ich bin gar nicht böse und
-- wenn es nicht anders sein könnte --«
»Ich weiß nicht,« unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie die traurigen
Verhältnisse unseres Landes kennen. Der Bürgerkrieg wüthet auf das
Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und während ehrgeizige
Menschen unaufhörlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fließt
unschuldiges Blut in Strömen, und brave, ruhige Menschen werden unglücklich
und elend gemacht.«
»Eine schöne Wirthschaft scheint hier zu sein,« nickte Bill, die Erzählung
interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als daß er nicht auch zugleich
einen verlangenden Blick nach dem Herd hinüber geworfen hätte, und die
junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: »Wie ist es mit dem Essen, Sarah,
unser Gast ist hungrig.«
»Es ist fertig,« erwiederte die Negerin, »wir können anfangen.«
»Wenn Sie denn nichts dagegen haben,« meinte Bill, indem er aufstand, »so
darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rücken, ich breche mir
sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab -- so,« fuhr er fort, indem ihm die
Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinüberhob und sich wieder
daneben niederließ, »jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man
sich anlehnen kann -- die Wand wird sich doch nicht hinausdrücken?« -- Die
elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis
mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Früchte und Käse auf den
Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, ließ sich
Bill nicht lange nöthigen und griff wacker zu.
Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen
verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorüberging, fuhr leise fort:
»Wir sind in der That hier recht unglücklich in Neu-Granada, und nur die
Hoffnung, daß Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen
ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen würde, hatte uns bis jetzt noch
aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Städtchen, Karthago
genannt, und oben in den Kordilleren so zurückgezogen und entfernt von dem
eigentlichen Kriegsschauplatz, daß wir wenig von den steten Unruhen hörten.
Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl
der Bevölkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen
Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da
plötzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der
Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den
Bergen nieder, überfiel Karthago, plünderte und brandschatzte die Stadt,
beging außerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der
unglücklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier
an der Küste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise überfielen und
besetzten.
»Zufällig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen
wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich
zurückkehre und unsere Heimath verwüstet und Leichen überall umher gestreut
finde. Es war ein schwacher Trost zu hören, daß mein Gatte nur gefangen
sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen
behandelt. In rohe Häute genäht -- um den Zurückbleibenden Entsetzen
einzuflößen -- waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch
lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich
den Spuren der Mörder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich
könnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermüden, aber
von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine
Freundin -- meine alte Sarah dort, die früher in dem Haus meiner Eltern
gewesen. Mit ihrer Hülfe erfuhr ich auch -- während mein Name streng
geheim gehalten wurde -- daß mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und
geschlossen liege, und die Räuber unter sich nur noch nicht einig seien,
ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen,
erschießen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.«
»Hm,« brummte Bill, dem die Erzählung höchst wunderbar vorkam, während er
aber noch immer nicht begriff, was für eine Ursache die junge Frau gehabt
haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und
mitzuschleppen. »Das scheint ja recht hübsch hier zuzugehen. Und giebt es
denn da gar keine Obrigkeit?«
»Du lieber Gott,« sagte die junge Frau, »die Behörden haben keinen eigenen
Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten
ein. Es sind lauter Verräther an ihrem Vaterland, und welche Rücksicht
würden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!«
»Ja aber --« sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte
und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fühlte. Er empfand mit dem
Unglück der bildhübschen jungen Frau ihm gegenüber wirkliches Mitleid, wenn
er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen könne
-- »das ist soweit recht gut -- oder eigentlich wollte ich sagen recht
niederträchtig, denn das muß ein schönes Gesindel sein, das mit Morden und
Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun?
Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier hätten, so ließe sich
noch eher ein Wort darüber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen
wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen?
Hinausjagen können wir sie doch nicht, und sie schössen uns einfach vor den
Kopf.«
»Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht
helfen können,« sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. -- »Ach,
als ich Euch an unserer Küste landen sah und dabei wußte, wie ich hier, in
meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschützer hatte,
der es wagen würde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir,
als ob Gott selber Euch zu meiner Hülfe gesandt, und nicht im Stande, den
Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht
unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hülfe zu
erbitten. Darin wußte ich, daß mir die Neu-Granadienser beistehen würden,
denn es ist schon oft vorgekommen, daß Fremde an dieser Küste ein
Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath
zurückzukehren, und nur so konnte ich unverdächtigt mit Euch Verkehr
unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch
halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in
steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.«
»Aber, beste Frau,« sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes
Herz hätte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Möglichkeit eines
Gelingens sah -- »wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen,
wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?«
»Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns!« rief die junge Frau rasch
-- »hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, daß
Buenaventura im Herzen Mosquera anhängt und mit Freuden das Joch der Godos
abschütteln würde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg sähen.
Wir sind auch nicht ohne Nachricht von draußen. Sarah's Neffe, ein braver
tüchtiger Bursche und ein treuer Anhänger Mosquera's, war nach der
Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber
die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem
General die Versicherung erhalten, daß er ihm auf dem Fuße folgen würde, um
die Stadt zu entsetzen und die Verräther zu züchtigen. Er ist gestern erst
zurückgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.«
»Na,« sagte Bill vergnügt, »dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache
macht sich von selber.«
»Aber die Godos,« fuhr die Frau fort, »müssen durch ihre Spione wohl auch
Verdacht geschöpft haben, daß sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden
könnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen,
um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten
Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglücklichen
Gefangenen, damit diese nicht später als Ankläger gegen sie auftreten
können.«
»Dann sind wir wieder so weit wie vorher,« seufzte Bill, »denn wenn uns die
Mosquera-Bursche nicht helfen, können wir die verfluchten Kerle doch hier
drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.«
»So bin ich verloren,« stöhnte die arme junge Frau, und während ihr die
großen hellen Thränen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und
faltete verzweifelnd die Hände im Schooß.
Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte
besonders keinen Menschen weinen sehen -- die Schiffsjungen vielleicht
ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt
zu werden -- und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber daß
das arme junge Wesen da vor ihm Thränen vergießen sollte -- Thränen, weil
er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnürte ihm ordentlich die
Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine
breite, wetterharte Hand ihr über den Tisch hinüberreichend, sagte er
gutmüthig: »Weinen Sie nicht, Madame -- thun Sie's mir zu Liebe und weinen
Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich weiß jetzt, wo's fehlt.
Den Teufel auch -- entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein häßliches
Wort herausfährt, an Bord lernt man nicht viel weiter -- meine =shipmates=
sind auch noch vier kräftige Bursche, und wer weiß, was sich noch Alles
thun läßt. Außerdem haben wir das Boot und -- für jetzt freilich kann man
nichts versprechen, man muß eben sehen, was kommt. Aber wissen möcht' ich
nur, wo das Gefängniß ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst
danach erkundigen muß.«
»Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurückgehen,
begleiten,« sagte die junge Frau, »und an dem Platz vorüberführen -- aber
Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?«
»Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewöhnt,« sagte Bill
etwas verlegen. »Für den Durst ist es wohl gut, es schnürt Einem den Magen
zusammen -- ein Glas Grog wäre mir lieber.«
Die Frau rief der Negerin Etwas auf Spanisch zu, diese hatte aber schon die
andere Flasche ergriffen und geöffnet, und reichte sie jetzt dem Matrosen.
Bill roch auch nur daran, als er schon vergnügt ausrief: »Famoser Brandy,
=by Jingo=! Das lass' ich mir gefallen!« und sich ein Glas mischend trank
er es auf das Wohl der jungen Frau.
Indessen fing das Kind an zu schreien, mit dem sie sich beschäftigen mußte,
und Bill war aufgestanden. Auch die Negerin warf sich ein Tuch um den Kopf,
um ihn zu begleiten. Bill hatte aber noch etwas auf dem Herzen -- er wollte
irgend eine Frage stellen, die er sich jedenfalls scheute auszusprechen --
ja er wurde ordentlich verlegen und räusperte sich ein paar Mal, sah auch
nach der Frau hinüber und dann wieder nach der Treppe. Die junge Eingeborne
merkte es endlich und sagte freundlich: »Sie wollen noch etwas von mir!
o bitte, sprechen Sie es aus. Was ich für Sie thun kann, soll ja so gern
geschehen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, dadurch nicht gebessert -- »zuerst -- möchte ich
Sie um Ihren Namen bitten. Ich muß doch eigentlich wissen, wie -- wie meine
Frau heißt.«
»Candelaria,« lautete die Antwort, »mein Vorname, -- der Name meines Mannes
darf hier nicht genannt werden.«
»Hm, ja -- und dann -- merkwürdig, wo Sie das gute Englisch gelernt haben
-- es klingt ordentlich natürlich.«
»Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie in Venezuela
zusammengelebt, und als er später nach Neu-Granada kam und mich kennen
lernte, lehrte er mich das Englische. Ja es wurde selbst in Karthago, wo
wir einen Franzosen fanden, der ebenfalls desselben mächtig war, fast nur
Englisch in unserem Hause gesprochen. Armer Robert -- wer weiß, was aus ihm
geworden ist, denn er hatte sich, wie ich hörte, den Godos mit den Waffen
in der Hand widersetzt und war entweder getödtet oder gefangen genommen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, mit seinen Gedanken aber jedenfalls weit
abschweifend, »ja wohl -- aber -- aber -- wenn es nun Abend wird, so -- so
muß ich doch wieder hierher zurückkommen, denn -- denn sonst --«
»Gewiß -- gewiß,« sagte die junge Frau unter ihren Thränen lächelnd,
während sich aber doch hohe Röthe über ihr liebes Antlitz ergoß -- »Sie
müssen nun schon mein Gast bleiben. Sarah wird Ihnen Ihr Lager dort in der
Hängematte zurecht machen. Die Leute in Buenaventura dürfen keinen Verdacht
schöpfen.«
»Gut,« nickte Bill vergnügt vor sich hin, denn es war ihm mit der
Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen --
»merkwürdig nur, woher Sie wußten, daß ich Bill hieß --«
»Ich hörte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen,« lächelte die Frau,
»und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches --«
»Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben,« nickte
der Matrose, »und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg
antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der
alte Bob ist ein tüchtiger Kerl und kennt auch das Land hier -- vielleicht
bring' ich ihn mit, daß wir das Weitere noch mit dem besprechen können«
-- und ohne sich länger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Straße hinab,
wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf
durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder
aufzusuchen.
Fünftes Kapitel.
Eine Entdeckung.
Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber
vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie führte ihn außen
an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschäftigt
waren, theils Bäume zu fällen und damit Verschanzungen oder Verhaue
zu bilden, theils Gräben aufzuwerfen, hinter deren Erdwällen sich die
Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen
Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden -- wohin man sie
geführt, und schritt dann wieder durch eine enge Straße quer in die Stadt
hinein. Erst als sie dort ein breites und düsteres, mit starken Balken
aufgeführtes Gebäude passirten, das unähnlich den übrigen nicht auf Pfählen
stand, und dessen Fensteröffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt
waren, bog sie sich scheu und flüchtig zu ihm über und flüsterte: »das
Gefängniß.« Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu
werfen.
Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafür den unheimlichen,
dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und
ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefühl, wenn er sich
dachte, daß er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun
einmal am Ruder befindliche Macht in diese Höhle hineingeworfen werden
könnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch
darüber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er
begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man
zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verächtliches
Lächeln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.
Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswürdiger Schlamm lag in den
Straßen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloßen
Füßen bequem hindurchlaufen konnten, während Bill unwillkürlich daran
dachte, daß er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl
auftragen würde. Das ließ sich aber nicht ändern; durch mußte er und
begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die
Negerin schon an drei, vier Plätzen vergebens nach ihnen gefragt. Da
plötzlich, als er eben wieder vor einem großen Gebäude vorüber ging, an
dessen Thüre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von
oben herunter: »O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm'
herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon
gekriegt, und das wird ein fideles Leben.«