»=Si, Si, Señor, Si!=« sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschäftig,

»=Caramba=, daran habe ich gar nicht gedacht -- arme Teufel haben Durst,«

und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige

geschäftig fortgingen, um Wasser und Früchte herbeizuholen. Bob übrigens,

der wohl sah, daß sie jetzt nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten

hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekümmerten, und nur

die Frauen und Kinder herbeidrängten, um sie neugierig zu betrachten, rief

Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache

darin zurückbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu

sehen, was sich thun ließe und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder

wenigstens ein Engländer aufzutreiben wäre, mit dem sie sich besser

verständigen könnten.

»O, Señor,« redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; »wie

heißt denn der Ort hier eigentlich?«

»Die Stadt!« rief dieser erstaunt; »=Caramba, Señor=, wissen Sie nicht, daß

Sie hier in Buenaventura sind?«

»Buenaventura, hm?« brummte Bill, »jetzt sind wir so gescheidt wie vorher,

und wo liegt das?«

»Wo das liegt? -- Hier,« sagte der Dicke.

»Holzkopf,« brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas

mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefähre Höhe

wußte, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: »Und

sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?«

»Ecuador?« rief aber der Kleine mehr entrüstet als erstaunt. »=Caracho,

amigo=, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in

Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinüber und nehmen

uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen -- aber da kommt Wasser. Nun

trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.«

In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und

Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace -- braune, nicht unschöne

Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und während Einige

Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Körbe mit

Früchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse

des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem

Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfaßt hatte, hob sie an die

Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mächtigen Zug.

Das schmeckte -- wenn auch das Wasser eben nicht besonders war -- aber nur

der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben,

oder in dürrer Sandwüste fast verschmachtet ist, weiß, was so ein Trunk

Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und

ordentlich neues Leben in den Körper gießt. Bill hatte auch -- während

die Uebrigen just gierig über das gebotene Labsal herfielen -- eben nur

abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als plötzlich eine der

Frauen, ein bildhübsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit

vollen und üppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn

zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfaßte, ihn etwas zurückschob,

und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief:

»=Guillelmo! o querido!= war es recht, daß Du mich so lange verlassen

hast?« -- und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort

sagen konnte, um das Mißverständniß aufzuklären, warf sie sich an seinen

Hals, umschlang ihn stürmisch und küßte ihn wieder und wieder.

»=I'll be damned=,« sagte Bill ganz verdutzt, während Tom und die übrigen

Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mußte er sich auch die

Liebkosungen der noch jungen und ganz hübschen Frau gefallen lassen, weil

er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoßen wollte; endlich aber, wie

er nur einigermaßen Luft bekam und fühlte, daß sie etwas in ihrer fast

krampfhaften Umarmung nachließ, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte,

sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch

wendend: »=Now you Sir=, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, daß

sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.«

»Daß sie was?« sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die

Redensart weder begriff noch verstand.

»Ich bin gar nicht ihr Mann,« schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er

höre nur schwer; »ich kenne sie gar nicht, heiße auch nicht Jelmo oder wie

sie sagt, und bin überhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft

hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.«

Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr

den Sinn der Worte erklärte, die der Weiße gesprochen, fuhr sie erschreckt

zurück, sah ihn mit wild verstörten Blicken an und rief: »Was sagt er? --

er will mich nicht mehr kennen -- dann verläugnet er wohl auch sein Kind?

-- O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?«

Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur

zu deutlich den Sinn derselben -- kaum aber hatte der Dolmetsch das

Kind erwähnt, während in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem

prächtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm

herbeisprang, als die übrigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches

Gelächter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschält hatte und

in die saftige Frucht hineinbiß, daß ihm der Saft an beiden Seiten in

den Bart lief, rief lachend aus: »=Avast Bill, old fellow=, glücklicher

Familienvater, und was für eine hübsche gelbe Puppe. -- Wer hätte das in

ihm gesucht?«

»=Ah picaro!=« sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem

ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stieß, »thut so, als ob er kein

Spanisch verstünde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm

-- aber ist nicht hübsch,« setzte er kopfschüttelnd hinzu, »gar nicht

hübsch.«

»Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Küste

gewesen,« rief Bill in Verzweiflung, während die junge Frau das Kind seiner

Wärterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; »verdammt

noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf

einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.«

»=Picaro, Picaro!=« schüttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal,

nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: »Wie heißt Ihr?«

»Bill,« sagte der Matrose trocken, »oder William, wenn das deutlicher ist.«

»Gut -- gut!« nickte der Kleine, »stimmt! -- William ist Guillelmo. -- Wo

kommt Ihr her?«

»Von einem Wallfischfänger, der noch irgendwo in See herumschwimmt -- der

Teufel weiß, oder kümmert sich darum, wo.«

»Stimmt auffallend,« wiederholte aber der Neugranadienser, »und

ist vollkommen richtig -- auch dieser Señora Mann stammt aus einem

Wallfischfänger, und wir können natürlich nicht wissen, Señor, was Euch

früher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat

Euch wieder zurück in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind

darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten,

auch für Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund,

und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen

kann.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich's thue,« rief aber auch Bill jetzt, der

ebenfalls ärgerlich wurde; »was zum Henker schiert mich denn die Person?

Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann überhaupt

gelbe Kinder nicht leiden.«

»Aber Bill,« sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spaß zu machen schien,

»das ist nicht hübsch von Dir, daß Du Deine Frau verläugnest -- pfui,

schäme Dich.«

»O, geh' zu Gras,« brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: »Seht Ihr

wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Señor. Wenn Ihr aber auch

ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr

unter unseren Gesetzen, und daß diese mit leichtfertigem Volk nicht spaßen,

davon, dächte ich, hätten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier

in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in

Belagerungszustand erklärt, und viel Umstände werden eben nicht gemacht.«

Noch während er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das

junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehört, daß sie

hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe,

der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen

unter solchen Umständen natürlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge,

in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.

»Was?« schrieen ein paar Negerfrauen, »so ein schlechter Kerl will nichts

von seiner Frau wissen -- und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und

thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater!

so ein Scheusal!«

Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; außerdem strömten immer

mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines

Volksaufstandes zu tragen, der für die Fremden die schlimmsten Folgen nach

sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate

»=becalmed=«[1] gelegen und den hitzigen, jähzornigen Charakter des Volkes

kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm

doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er

rasch und leise: »Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?«

[1]: =Becalmed=, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.

»Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe!« rief der

Matrose -- »ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Südamerika, außer

einmal acht Tage in Rio de Janeiro.«

»Dann ist es ein Mißverständniß, das sich lösen wird,« fuhr der Seemann

fort, »jetzt aber macht keine Umstände -- nehmt die Frau am Arm und geht

mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.«

»Na, das nehme mir aber Keiner übel,« rief Bill erstaunt aus. »Ich soll

hier Familienvater spielen -- und das mit dem gelben Balg --«

»Es hilft Euch nichts, Kamerad,« lachte aber der Bootssteuerer. »Wäret Ihr

an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so hättet Ihr jetzt keine Frau.«

Die Bewegungen der Umstehenden wurden indeß immer drohender. Bill warf

einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht übel Lust

zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber

von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte

sich zwischen sie und das Boot gedrängt, und wohin er auch den Blick warf,

starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den übrigen Matrosen wurde

selber nicht wohl bei der Sache; was hätten sie auch, unbewaffnet wie sie

waren, und außerdem erschöpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm

ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das

Unvermeidliche zu fügen, und als sich die Frau, in der Angst, daß sie dem

Mann etwas zu Leid thun könnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und

ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:

»=Well=, ob das nicht zu toll ist -- aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's

nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergiß auch den saffranfarbenen

Jungen nicht -- es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir

noch besser, wenn er grün wäre --.« Damit nahm er den Arm der Frau in

den seinen, und während ein Theil der Weiber noch über ihn schimpfte, ein

anderer aber ihn lobte, daß er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von

einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm

in die Stadt hinein.

»=Hell!=« sagte Tom, als er mit ihr wegging, und sein Gesicht verzog sich

zu einem breiten Grinsen. »Das ist doch rein zum Todtschießen -- und er

kennt sie gar nicht?«

»I Gott bewahre!« lachte Bob -- »das Kind ist höchstens acht oder neun

Monat alt, und seit drei Jahren fahre ich jetzt mit Bill zusammen. Ehe

wir auf die Martha's-vine-yard gingen, waren wir Beide auf einem Newyorker

Packetschiff, das zwischen dort und Southampton fuhr, und ich weiß genau,

daß dies seine erste Fahrt in die Südsee ist.«

»Wunderbar!« sagte Tom noch einmal, voller Erstaunen, »wie geschwind ein

Mensch zu einer Frau kommen kann, und noch dazu gleich zu einer braunen.«

Es blieb ihnen aber nicht mehr viel Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn

sobald sich die Menschenmenge überzeugt hatte, daß der Frau ihr Recht

geschehen war, bekümmerte man sich auch um die übrige Mannschaft, die

hungrig und durstig an ihre Küste gekommen war. Das gutmüthige Volk wollte

sie jetzt erquicken, und man forderte sie nun von allen Seiten auf, mit

in die Stadt zu kommen und zu essen und zu trinken. Bob aber wie der

Bootssteuerer wollten das nicht eher thun, als bis sie auch ihr Boot, oder

wenigstens was darin lag, gesichert hatten, denn Ruder wie Segel sind immer

verführerische Dinge zum Stehlen, die man nicht über Nacht frei durfte

draußen liegen lassen. Oben an der Landspitze sahen sie aber ein Wachtlokal

der Soldaten, und ohne weiter Jemanden um Erlaubniß zu fragen, stiegen sie

in ihr Boot, nahmen Ruder, Dollen und Segel heraus, zogen das Boot dann

hoch auf den Strand hinauf und trugen das Geräth nun mit dem Uebrigen die

Uferbank hinauf und in die Wacht hinein. Dort stellten sie es ein und waren

nun bereit, ihren gastlichen Wirthen zu folgen, wohin man sie eben führen

würde.

Viertes Kapitel.

Bill »zu Hause.«

Indessen hatte sich aber auch der Himmel dicht umwölkt und der »tägliche

Regen« fing an einzusetzen, der in einem soliden Schauer -- daß man gar

keine Tropfen sah und nur feste Wasserschnüre zur Erde hingen -- von oben

niederschüttete. Die Straße selber bestand auch eigentlich nur aus

weichem Schlamm, in dem sich die Eingebornen -- wie die Krabben in ihren

Manglarensümpfen -- mit ihren bloßen Beinen ganz behaglich herumbewegten

und darin zu Hause zu sein schienen; aber die Fremden bemerkten auch, daß

selbst die Gebäude einem solchen Klima entsprechend aufgerichtet waren.

Es sah aus, als ob die ganze Stadt in dem furchtbaren Morast auf Stelzen

herumging, denn alle Häuser standen auf langen dünnen Pfählen und besaßen

natürlich nur eine Etage, zu welcher dann eine schmale Leiter oder auch

wohl nur ein rechts und links eingekerbter und angelehnter Baumstamm

hinaufführte. Uebrigens wimmelte es in dem ganzen kleinen Ort von Soldaten

oder wenigstens Bewaffneten, und da ihr Dolmetsch sie jetzt in seine

eigene Wohnung führte, um sie dort, wenigstens für die erste Nacht,

unterzubringen, erkundigte sich der Bootssteuerer nach der Ursache solch'

kriegerischer Bewegung, die ihm auch mit wenigen Worten gegeben wurde.

Das Land war in Aufruhr -- wie sich das eigentlich von selbst verstand,

denn Neugranada, vor allen südamerikanischen Republiken, scheint die

Revolution in Permanenz erklärt zu haben. Der Staat ist außerordentlich

ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen

den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen

der Küstenstädte und des innern Landes auf das Schärfste ab, so daß der

eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behält, sobald man sie unter

_ein_ Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Präsident

einmal über die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt,

erobert, und sich eben in einer großen Stadt festgesetzt, so bricht an

einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz

beginnt von Frischem.

Dießmal hatte Mosquera, während er im Innern die Hauptstadt Bogota

eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte

Küstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptplätze Neugranadas,

Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann

wieder in See gegangen -- angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura

wußte man wenigstens nichts Weiteres darüber. Sobald sich aber die

Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei

Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten

Buenaventura, füsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und

brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen

Mosquera das Land verboten hatte.

So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und

als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gerücht verbreitet,

Mosquera's Schiffe kehrten zurück. Man hielt es ja nur für einen Vorläufer

der Flotte und fürchtete natürlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder

vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kämpfe hatten

eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura

mit ihren schilfgedeckten Häusern weder eine Beschießung noch einen Sturm

gegen solch' gefährliches Material abwarten durften.

Ueberhaupt herrschte eine große Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten,

wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand

seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern hätten die friedlichen

Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen -- es blieb

sich ja vollkommen gleich -- zum Präsidenten angenommen, wenn damit nur

Frieden und Ruhe gewesen wäre. Aber Gott bewahre -- was half es ihnen, daß

sie dem einrückenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von

ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das

als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wußte,

hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu üben, das heißt zu

brandschatzen und zu plündern, ja sogar Einzelne erschießen zu lassen oder

in's Gefängniß zu werfen.

Die Südamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein

außerordentlich langmüthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so

gewöhnt, daß sie dieselben als vollkommen natürliche Ereignisse betrachten.

Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das

Kriegsglück zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herüber und hinüber

geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen,

so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr

beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinüber. Trotzdem

mußten sie sich aber, wenigstens für die nächste Zeit, den Umständen beugen

und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht

deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.

Die Ankunft der fremden Matrosen war übrigens dem gerade bestehenden

Regiment nicht unangenehm, denn fünf kräftige Fremde, die besonders gut mit

Schießwaffen umzugehen wußten -- wie man das von Europäern oder Amerikanern

immer voraussetzt -- konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder

bevorstehenden Kampf von größtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder

einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb

zeigten sich die Behörden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie

ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich

Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Daß sie bei

den Godos Dienste nehmen würden, verstand sich von selbst. Was wollten auch

verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung

und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie mußten froh sein, wenn sie

gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.

In einer höchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose,

der, wie er glaubte, hier gewissermaßen als Opfer fiel, um die Uebrigen

zu retten, und deßhalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mußte über sich

ergehen lassen.

Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fäusten, mit denen er einen

Ochsen hätte können zu Boden schlagen, besaß übrigens bei einer großen

Quantität Gutmüthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben

genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber

neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln würde. Wie er vermuthete,

so mußte er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der

hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig

Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb,

daß er dann gerade an diesen Punkt der Küste geworfen werden mußte, um

der verlassenen Frau in den Weg zu rennen -- und nicht einmal verständigen

konnte er sich mit ihr.

Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn

alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten

und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fühlte

dabei recht wohl, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte, wenn er

sich nicht lächerlich machen wollte. Lange konnte das Mißverständniß ja

doch überdies nicht dauern -- aber seine neue Frau überraschte ihn noch mit

einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nämlich die entsetzlich schlammige

Straße etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen,

wo dieselbe um eine Art Hügel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige

Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.

Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da

war es ihm plötzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflüsterte:

=be silent= (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen

konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, während die

Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, seitab und in eines der

Häuser hineinglitt.

»=I'll be damned=,« murmelte der Matrose wieder in den Bart und blieb

verdutzt mitten im Schlamm mit seiner kleinen Last stehen. Er sah sich

auch im Kreise um, weil er nicht anders glaubte, er würde jetzt von den

Umstehenden auf das Schmählichste ausgelacht werden. Seine Kameraden aber,

bei denen ihm das sicherlich geschehen wäre, befanden sich nicht in der

Nähe, und die gegenwärtigen Damen schienen das Alles so in der Ordnung zu

finden, daß keine von ihnen auch nur eine Miene verzog. Sie bedeuteten ihn,

nur ruhig fortzugehen, und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, daß seine

Frau augenblicklich wiederkommen und ihnen folgen würde.

»=Be silent?=« hatte denn die Frau wirklich die Worte gesagt, oder er nur

einen ähnlichen Klang der fremden Sprache damit verwechselt? »=Be silent?=«

die Warnung wollte ihm nicht aus dem Sinn, während er, fast ohne zu wissen,

was er hielt, das fremde, ihn erstaunt ansehende Kind im Arm die Straße

entlang ging. Jetzt stockte der Zug. Vier Geistliche in langen schwarzen

Röcken, die sie aber in dem Schlamm hochaufgeschürzt trugen, waren ihnen

begegnet und hatten sich jedenfalls erkundigt, was diese wunderliche

Prozession bedeute. Die Frauen erzählten denn auch bereitwilligst das

Geschehene, und die frommen Herren nickten dazu höchst bedeutungsvoll mit

den Köpfen. Einer von ihnen richtete auch ein paar Worte an den Matrosen,

fand aber hier wenig Aufmerksamkeit.

»=Go to grass!=« brummte Bill in den Bart, und ohne Notiz von dem schwarzen

Trupp zu nehmen, verfolgte er seinen Weg, dessen Ziel er gar nicht kannte;

die Frauen holten ihn aber bald wieder ein, und auch das junge Weib,

seine Frau, kam ihnen nachgesprungen und hielt in dem einen Arme ein

paar Flaschen, während sie in der andern Hand einen Korb mit allerlei

Gegenständen trug, die Bill's Herz viel milder gegen sie stimmten. Er

bemerkte da mit einem flüchtigen Blick eine Büchse Sardinen, Früchte,

Chokolade mit einem großen Stück Käse, auch feinen Schiffszwieback und

noch mehr andere, in Papier gewickelte Dinge, und da er gerade genug Hunger

hatte, um einem jungen Wolf keine Schande zu machen, lief ihm schon das

Wasser bei der voraussichtlichen guten Mahlzeit im Mund zusammen.

Jetzt schienen sie aber auch das eigentliche Ziel ihrer Wanderung erreicht

zu haben, ein kleines ganz neues Haus am äußersten Ende der Stadt, das

ebenso wie die übrigen auf neun Pfählen stand, mit eingekerbtem Baumstamm

als Leiter, und oben so dünn und luftig gebaut wie nur irgend möglich.

Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 3 / 16 段