unter den Matrosen festgesetzt, daß ihr Schiff dem Unglück verfallen wäre,
und keinen einzigen Fisch langseit bekommen würde -- geschähe das aber
wirklich, dann käme auch -- wie schon damals -- augenblicklich ein
Sturm und zwänge sie, die schwer erkämpfte Beute wieder loszuwerfen und
preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwärtigkeiten mußte sie denn
noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestärken, und tausendmal
lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollständig
unbekanntes Land oder eine fremde Küste boten, als daß sie versucht hätten,
ihr eigenes Schiff wieder zu finden.
Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre
Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall
ihr Schiff treffen lassen, während sie, in der Irre umherfahrend, ohne
Provisionen und Wasser, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt waren, als
ihnen das fremde Ufer bieten konnte.
Jetzt ruderten sie dem entgegen, und mürrisch, im Bug des Bootes, die
Arme ineinander geschlagen und finster in den Nebel hinausstarrend saß der
Bootssteuerer, ärgerlich mit sich und der ganzen Welt, und doch auch
wieder vielleicht halb und halb zufrieden, daß er eben gezwungen wurde
wegzulaufen, da er selber gut genug wußte, was sie erwartete, wenn sie ihr
Fahrzeug wirklich in dem Nebel verfehlt hätten. Er konnte aber auch Nichts
an der Sache ändern, denn gegen die vier kräftigen Seeleute vermochte er,
als Einzelner, nichts auszurichten. Er mußte sie eben gewähren lassen, und
Alles kam jetzt darauf an, welchen Punkt der Küste sie gerade erreichten.
Daß sie sich jetzt unter der Linie, oder wohl auch ein paar Grad nördlich
davon befanden, wußte Mr. Sikes, weiter aber hatte er sich auch um die
Beobachtung, die ihn an Bord des Wallfischfängers gar Nichts anging,
nicht bekümmert, das war Sache des Kapitains und des für diesen
Zweck angestellten Steuermanns gewesen, und wäre die Sonne wirklich
herausgekommen, so führten sie nicht einmal einen Sextanten bei sich, um
ihre Berechnung danach zu machen. Was kam auch darauf an! Die Küste lag
jedenfalls im Osten, weit gestreckt von Süd nach Norden, und irgendwo
mußten sie dieselbe treffen, wenn sie die eingeschlagene Richtung
beibehielten. Uebrigens war auch noch eine Möglichkeit, daß sie unterwegs
irgend ein anderes Schiff trafen, denn sie kreuzten ja hier eine der
belebtesten Fahrstraßen des Ozeans, und das nahm sie entweder auf, oder
sie erfuhren doch genau, wo sie sich befanden, und konnten wieder frisches
Wasser und Provisionen von ihm bekommen -- der Nebel blieb dann auch nicht
ewig liegen.
Die Matrosen ruderten indessen ruhig und unverdrossen fort und wechselten
nur dann und wann mit Steuern ab. Keiner von ihnen aber sprach ein Wort mit
ihrem bisherigen Offizier, und nur, als sie die letzten Provisionen und
die letzten Becher Wasser mit ihm theilten, thaten sie, als ob er noch bei
ihnen an Bord wäre.
Aber der Nebel wich und wankte nicht, und während sie unausgesetzt fort an
den Riemen lagen, hatten sie nicht einmal das Gefühl des Fortbewegens, denn
es sah genau so aus, als ob sie in einem engbegrenzten Raum ruhig auf ein
und derselben Stelle liegen blieben und keinen Fuß breit weiter rückten.
Die Sonne stand, Bob's Uhr nach, im Mittag und über Kopf, aber selbst dann
konnten sie keinen Schimmer derselben erkennen, und eben so wenig erhob
sich ein Luftzug von irgend einer Seite. Die See sah aus wie geschmolzenes
Blei, und schwül und drückend lag die Luft auf ihnen.
Und wie trocken ihnen die Zungen wurden!
»Ist kein Tropfen Wasser mehr im Faß, Bill?« frug Tom den Segelmacher, der
gerade am Steuer saß. Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Kein Tropfen mehr, Mate, -- aber das Land kann ja auch nicht mehr so weit
sein und dort giebt's Wasser genug.«
»Ich glaube wahrhaftig, wir sitzen irgendwo fest,« brummte Tom leise vor
sich hin; »unser Boot muß rein verhext sein, denn es regt sich nicht vom
Platz.«
Der Bootssteuerer, der sich fest vorgenommen hatte, mit der Führung des
Bootes selber Nichts mehr zu thun zu haben, stand von seinem Sitz am Bug
auf, stieg über die erste Ruderbank hin und ergriff den vierten Riemen, den
er in die Dolle brachte und im Takt mit den übrigen einfiel.
Die Seeleute hatten es Alle bemerkt, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort,
nur schärfer legten sie sich in die Ruder, denn jede Bootslänge, die sie
hinter sich ließen, mußte doch auch die Strecke vermindern, die sie noch
vom Ufer trennte.
Und die Sonne sank -- zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine
immer grauere und dunklere Färbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht
einmal mehr den Kompaß erkennen konnte. Was nun? -- es blieb ihnen Nichts
weiter übrig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strömung setzte sie
hier, wie sie recht gut wußten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel
eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei
befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot -- keine Krume Schiffszwieback
-- aber die präservirten Töpfe -- von den Matrosen hatte noch Keiner
daran gedacht, ja vielleicht gewußt, daß sie sich dort befanden. Der
Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurück zum Spintje, holte die zwei
ziemlich großen Blechbüchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und
nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.
»=God bless you Mate=,« sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete
Hülfe sah, »das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Kräften zu
erhalten. So ein Spintje ist Geld werth -- wenn wir nur auch eine Flasche
Wasser darin gefunden hätten.«
»Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen,« sagte der Bootssteuerer.
»Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht,« rief Bob,
»und nun kommt, Jungens -- morgen früh speisen wir vielleicht Bananen und
Kokosnüsse. -- Wetter noch einmal, das Wasser läuft mir im Mund zusammen,
wenn ich an so eine frischgepflückte Kokosnuß denke.«
Die eine Blechbüchse war bald geöffnet; sie enthielt eingekochten, frischen
Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch
für die fünf Männer keine volle Mahlzeit gab, so genügte der Inhalt doch
wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame
Vertheilung der alte Bob übernehmen mußte, half den Durst etwas löschen,
und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder,
so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre müden Glieder auszuruhen.
Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte
auch kein größeres Schiff segeln, und es war deshalb unmöglich, daß sie mit
einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Störung zu fürchten.
Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der
Durst peinigte ihn, und er bog sich über den Rand des Bootes und goß
sich Wasser mit der Hand über den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und
abzukühlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen ließ, kam es ihm
vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen höre. Was konnte das sein?
Er hob den Kopf und horchte -- ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt
die Küste entlang hatte? -- Doch blieb das Geräusch an der nämlichen
Stelle. -- Aber er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte
-- leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher
Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mußte.
»Bob!« rief er leise und schüttelte den neben ihm liegenden alten Mann.
»Ja wohl, Sir,« sagte dieser, noch voll im Schlaf; »halben Strich an
Leebug.«
»Bob,« flüsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht
gleich die ganze Mannschaft stören. »Der Wind erhebt sich -- wir kriegen
Brise ...«
»Das wär' recht!« rief der Seemann jetzt völlig munter und vergnügt aus.
»Bei George, da ist schon eine Mütze voll, aber die Luft kann noch nicht
durch den Nebel durch; sie streift nur darüber hin und drückt ihn immer
fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? -- Da zuckt
richtig schon ein Stern heraus.«
»Hört Ihr das Brausen, Bob?«
»Wo, Sir?«
»Gleich dort drüben hinter unserem Boot, aber ich weiß nicht in welcher
Richtung, denn wir haben uns wer kann sagen wie oft herumgedreht.«
Bob horchte eine Weile, ohne ein Wort zu erwiedern, dann griff er in die
Tasche und nahm eine alte Blechbüchse heraus, in der er sein Feuerzeug
verwahrte. Den Kompaß trug er ebenfalls bei sich, und nachdem er diesen auf
die Bank gestellt, schlug er mit Stahl und Schwamm Feuer und brannte dann
eines der mitgenommenen Schwefelhölzer an. Im nächsten Moment aber auch,
wie nur die Flamme so weit aufflackerte, daß er die Stellung der Nadel
erkennen konnte, rief er jubelnd aus: »Die Brandung! Hurrah, Jungens! Auf
mit euch, das Wetter klärt auf und Brandung voraus! Hurrah!«
Die Leute taumelten in die Höh' und hörten auch wohl, wie sie nur erst
munter geworden, das dumpfe rollende Geräusch, aber es war doch noch zu
unbestimmt, um es deutlich unterscheiden zu können; es klang wie aus weiter
Ferne und doch wußten sie auch recht gut, wie leicht gerade dieser Laut,
besonders bei schwerer, nebliger Luft täuschen kann und wie manches Schiff
schon dadurch verloren gegangen ist, daß es die Warnung nicht früh genug
beobachtete. Mit einem leichten Wallfischboot aber, das ja danach gebaut
ist, um eben so rasch zurück wie vorwärts getrieben zu werden, hatten sie
Nichts zu befürchten, und es wurde jetzt beschlossen, ohne Weiteres jener
Richtung zuzufahren, damit man sich, wenn der Nebel endlich wich, doch
auch sicher in unmittelbarer Nähe des Landes wußte. Im Nebel durften sie
natürlich nicht anlaufen.
Die Leute griffen nach den Rudern, und Bob bat den Bootssteuerer, seinen
alten Platz wieder einzunehmen -- aber er weigerte sich. Er wollte nicht
selber die Richtung von ihrem Schiff ab angeben, wenn es die Matrosen
thaten, konnte er es nicht ändern -- aber er half rudern.
Und die Brise wuchs -- je weiter es gegen Morgen vorrückte, desto
lebendiger wurde es auf dem Wasser. Deutlich schon kam ein großes Stück
blauen Himmels zum Vorschein, und sie konnten sehen, wie die Nebelmassen
anfingen nach links hinauf zu rücken. Jetzt endlich tauchte die Sonne aus
dem Meer empor -- die leichten Wolken, die sich hoch über ihnen erkennen
ließen, waren von dem rosigen Licht übergossen, und nun plötzlich fingen
die Wellen an sich zu kräuseln, und im Nu warfen die Matrosen mit einem
Jubelruf ihre Ruder in's Boot und setzten die Segelstange ein. -- Wer hätte
noch einen Arm rühren mögen, wo ihnen der Wind jetzt selber vorwärts half!
Aber die Brandung? -- Deutlicher und deutlicher unterschieden sie den
dumpfen Laut -- und wie das um sie her wogte und drängte. Manchmal war
es, als ob die Bahn vor ihnen frei würde, und offene Gänge und Wölbungen
bildeten sich in den dichten weißen Schwaden -- dann plötzlich hüllte es
sie wieder in dunkle Nacht, daß der am Steuer Sitzende nicht einmal den
vorderen Theil des Bootes erkennen konnte. Die erwachende Brise hatte den
Nebel zerrissen und schob ihn in aufgerollten Massen vor sich her, und
jetzt plötzlich brach die Sonne hindurch -- wie ein Schleier riß es von
einander -- und vor ihnen, dicht und unmittelbar vor ihnen, daß es aussah,
als ob man mit einer Büchsenkugel hinüber schießen könnte, lag das grüne,
bewaldete Land, während darunter die Brandung aber nur über niedere
Sandbänke schäumte und zischte.
Unwillkürlich lenkte der am Steuer sitzende Bob den Bug des Bootes etwas
vom Lande ab, wobei der Wind das Segel besser fassen konnte, und
aller Blicke hafteten in gespannter Erwartung an dem Ufer -- aber ein
Landungsplatz ließ sich dort nicht erkennen, denn so weit das Auge reichte,
schäumten die Brandungswellen über den Sand.
»Ja, Boys,« sagte da Bob, »in Amerika wären wir -- oder wenigstens dicht
bei, aber hier läßt sich auch nichts machen, so viel ist sicher, und da
bleibt uns denn keine andere Wahl, als nach Norden aufzulaufen, bis wir
die Möglichkeit sehen, irgendwo einzufahren. Nach Süden müßten wir dem Wind
gerade in die Zähne laufen.«
»Wenn wir nur Wasser hätten,« stöhnte Bill.
»Da drüben ist genug,« brummte der alte Matrose, »wir können nur noch nicht
dazu -- aber da -- theilt Euch unter den letzten Schluck Rum, ich brauche
Nichts -- ich halt's schon noch aus, und weit werden wir auch nicht mehr zu
fahren haben.«
Die Leute fielen gierig über den Rum her, und das Boot verfolgte indessen,
während auch die letzte Blechbüchse zum Frühstück geöffnet wurde, seine
Bahn an der Küste hinauf. -- Aber das Ufer blieb sich gleich -- Wald,
undurchdringlicher, unnahbarer Wald, so weit sie voraus schauen konnten;
doch sie brauchten wenigstens nicht mehr zu rudern. Der Wind wehte scharf
und frisch vom Süden herüber, und mit geblähtem Segel konnten sie rasch und
ohne Arbeit ihre Bahn an der Küste hinauf verfolgen.
Ein paar von den Matrosen machten allerdings den Vorschlag, an einer
Stelle, wo sich wenigstens keine Brandungswellen erkennen ließen, zu landen
und in dem Wald nach Wasser zu suchen -- nachher hielten sie es schon
wieder eine Weile aus; Bob aber, der das Ufer besser kannte, schüttelte
dazu den Kopf, denn er wußte, daß es aus Nichts als Manglaren- oder
Mangrovesümpfen bestand, in deren Schlammboden sie nie einen Tropfen
trinkbaren Wassers gefunden hätten. Es half Nichts; sie mußten eben
aushalten, aber irgendwo im Lauf des Tages mußten sie ja doch eine Stelle
höher gelegenen Landes, oder wenigstens eine kleine Flußmündung entdecken,
in die sie dann einlaufen konnten. So lange das nicht geschah, waren sie
genöthigt, die offene See zu halten.
Und in der Zeit litten sie Tantalusqualen, denn zu verlockend lag das
grüne, schattige Ufer an ihrer Seite und es schien ihnen kaum denkbar,
daß dort, wo Bäume wuchsen, nicht auch Quellen sprudeln müßten und der Fuß
einen festen, trockenen Boden fände. Die Meisten von ihnen kannten freilich
noch nicht die trügerischen Ufer tropischer Küsten, und erst als ihnen der
Bootssteuerer Bob's Versicherung bestätigte, fügten sie sich seufzend in
das Unvermeidliche.
Immer mehr senkte sich die Sonne dabei dem Horizont wieder zu, und noch
nicht einmal ein Flußbett hatten sie in der weiten Baumöde entdeckt,
das ihnen doch wenigstens verstattet hätte, die offene See zu verlassen,
während es stromauf die Gewißheit menschlicher Wohnungen oder doch
wenigstens hohen Landes bot. Da fuhr Bob plötzlich von seinem Sitz empor:
»Was ist das da vorn?« rief er aus, mit dem Arm der Richtung zudeutend;
»dort ist höherer Boden und dort läuft auch eine Bucht in das Land hinein.«
Die Blicke Aller hafteten an der bezeichneten Stelle, aber es ließ sich
noch Nichts darüber entscheiden, bis sie näher kamen, und das dauerte
noch eine gute Weile. Jetzt endlich öffneten sich die dicht mit Waldung
bedeckten Arme der Bucht, und ließen eine Einfahrt wie eine Flußmündung
erkennen, und lauter Jubel brach von den Lippen der Leute, als sie
plötzlich in gelblich gefärbtes Wasser kamen.
Jetzt durften sie nicht mehr daran zweifeln daß sie sich nahe der Mündung
eines Flusses befanden und mit der günstigen Brise hielten sie rasch rechts
hinein.
Ueber eine Stunde fuhren sie aber noch, und wurden schon wieder zweifelhaft
ob es nicht doch nur blos ein Seearm sei, der dort hinein führte.
»Was ist das da? jener helle Punkt?« rief plötzlich der Bootssteuerer aus,
von seinem Sitz emporspringend und mit dem Arm nach vorn deutend.
»Ein Haus -- ein Haus!« jubelten da die Leute, die jetzt ihre Leiden
geendet sahen und sich wenig darum kümmerten, wer jenen Platz bewohnte,
Wasser mußte er ihnen geben. Fast unwillkürlich griffen sie auch nach ihren
Rudern, als ob sie mit diesen rascher ihr Ziel erreichen könnten, aber der
Wind trieb sie schon schnell genug vorwärts, das Wasser kräuselte unter
ihrem Bug und: »da ist noch ein Haus, da noch eines -- das ist eine Stadt!«
tönte es von Aller Lippen, als sie weiter nach Norden glitten und dadurch
den Platz, den die am Ufer südwärts daran stehenden Manglaren bis jetzt
verdeckt hatten, mehr in Sicht bekamen.
Jetzt war ihre Noth allerdings mit ihrer Seefahrt beendet, und als
»schiffbrüchige Matrosen«, als welche sie sich betrachteten, da sie
doch ihr Schiff im Nebel verloren, durften sie auch auf eine freundliche
Aufnahme bei der Bevölkerung rechnen.
Indessen hatten sie den Hafen, oder vielmehr die offene Rhede des kleinen
Ortes erreicht, und sahen, daß die Häuser, welche sie zuerst bemerkt,
auf einer Art Landzunge standen, die sich weiter gegen die See hinaus
erstreckte, während die Stadt selber mehr zurück lag und dicht gedrängt
eine lange Reihe dunkelgrauer Schilfdächer zeigte. Aber nicht eine der
stillen Tropenstädte schien es zu sein, in denen die Bewohner der heißen
Zone den Tag verträumen und nur mit untergehender Sonne einen Spaziergang
in der kühlen Abendluft suchen. Das wimmelte am Ufer ordentlich von
geschäftigen Menschen, die herüber und hinüber liefen, und sonderbarer
Weise bemerkten sie auch eine Menge Bewaffneter, deren Musketen in der
Sonne blitzten, ja, als sie sich dem ersten Landungsplatz näherten, sahen
sie, daß dieselbe fast ausschließlich von Soldaten besetzt sei, als ob
ihnen diese die Landung streitig machen wollten.
»Was zum Teufel mag da los sein?« brummte Bob in den Bart, während er aber
nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nämlichen Richtung hielt;
»ist die Bürgerwehr ausgerückt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh'
ein Mensch die Soldaten an.«
»O, hol' sie der Henker,« brummte Bill, »zu trinken wollen wir haben, und
wenn wir das Nest mit Sturm nehmen müßten -- steht einmal ein Bischen bei
den Lanzen vorn, Mates, daß sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern
wollten -- Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!«
»'S kann nichts helfen,« nickte Bob, »da sind wir einmal! Wenn nur Einer
der blutigen Halunken Englisch spricht, daß man ihnen erklären kann, was
man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes
Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig,
die Kerls wollen uns zu Leibe,« und von seinem Sitz aufspringend ergriff er
selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn
in's Boot neben Bill.
Drittes Capitel.
Die Landung.
Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, daß
man schon das Weiße im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die
sämmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen.
Soldaten -- ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloßen Füßen und zerlumpten,
schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder
Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der
Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von
ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der
Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles
durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen,
Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mündungen der
jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, daß diese,
unter anderen Umständen, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und
sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht hätten.
Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, daß sie sich eben durch nichts
zurückschrecken ließen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fühlte,
rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und ließ dann,
unbekümmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes
gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze
südamerikanische Armee hätte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen
nicht vorher zu trinken gab.
Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es
wirklich, als ob sich die dunkelhäutigen Bursche -- von denen die Meisten
aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten -- über sie herstürzen
wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre
Lanzen und Säbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand
wußte freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder
um die kecken Fremden einzuschüchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner,
denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der
Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben,
während ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe überdieß noch
Nachdruck gab.
Endlich schüttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er:
»Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrückter Kerle auf
einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber
wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter
gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hören.«
Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen
den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er
ihre Sprache reden könnte, denn eine Verständigung mußte erst erfolgen, ehe
sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen,
der eine anständig weiße Hautfarbe gehabt hätte, und Alle trugen krauses,
rabenschwarzes Haar und entweder Panamahüte oder Soldatenmützen.
Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten
Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus -- oder wenigstens
die Straße herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere
in Begleitung eines kleinen, sehr geschäftigen Mannes, der wenigstens volle
Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch über den weichen Boden
fortzukommen, als seine weit längeren und dazu besser eingerichteten
Begleiter.
Jetzt endlich legte sich der Lärm etwas, und Bill, der wohl merkte, daß
die Neuankommenden eine Entscheidung herbeiführen würden, hob seine Lanze,
stellte sie neben sich in's Boot und stützte sich mit dem rechten Arm
daran, während er die Nahenden erwartete.
Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der
Dolmetsch -- ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in
der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach -- sich wenigstens mit den
Fremden verständigen konnte.
Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Küste
gewesen und deßhalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum
Sprecher gewählt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem
sie natürlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu
einem Resultat zu kommen.
Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines
Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein
wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug
hier, während er sich fortwährend die Stirn, den Nacken und die Handknöchel
abwischte, in etwas mürrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die
Matrosen, wo sie herkämen und was sie hier wollten.
»Wasser!« sagte da Bill lakonisch, »=bless your old soul, mate=, wir sind
so verdurstet, daß uns die Zunge am Gaumen klebt.«
»Aber wo Sie her kämen?«
Bob nahm hier das Wort und erzählte dem kleinen Mann, während die Soldaten
neugierig herbeidrängten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte -- daß
sie nämlich ihr Schiff im Nebel an der Küste verloren hätten und dann an
das Ufer angelaufen wären, um nicht in See draußen zu verschmachten. Wo sie
sich hier befänden, wüßten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz
hieße. Sie wären friedliche Seeleute und bäten nur um einen Trunk Wasser.
Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen
das Gehörte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn
augenscheinlich hatte man sie Anfangs für etwas ganz anderes gehalten als
verschlagene Matrosen -- ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal
recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hieß
und wo es wäre. Jetzt aber riß Bill die Geduld und mit trotziger Stimme
rief er aus: »Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wüßten, wo es wäre, säßen
wir nicht hier, und glaubt Ihr, daß Leute, die am Verschmachten sind,
sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten
sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?«