Der operirte Jud'

_Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_

_Huhu! ein gräßlich Wunder!_

_Des Reiters Koller, Stück für Stück,_

_Fiel ab, wie mürber Zunder._

_Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_

_Zum nackten Schädel ward sein Kopf_;

_Bürger_, Lenore.

Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel

Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in

meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht

ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf

der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein

Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig,

um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging

und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach

dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu

verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der

gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen,

ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,

oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu

versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie,

die Schule, die Verantwortung tragen.--

_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher

stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch'

letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,

die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser

Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn

Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure

über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht

einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen

Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich

auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,

waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war

von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein

Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in

den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und

Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's

Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner

>Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines

Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen;

aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte

er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er

paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die

Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall,

zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit

herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war

noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so

viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,

so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf

die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars

komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in

der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,

welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach

und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen

Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn

auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war,

daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute

dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig.

Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben

nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und

sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch

etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und

Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe

beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei

steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah

starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft

zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei

Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber

nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn

einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts

komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten,

und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen

der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem

Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und

Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.

Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den

Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte

eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder

seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,

von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder

unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen

wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte

ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute

Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf,

hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich

bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde,

spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach

oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,

und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis

zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus

der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte

ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen

bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch

Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus

immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie

er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn

sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer

unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit

eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des

Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen

Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm

grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal

sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in

Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,

die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.

Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber

wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher

Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von

Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und

einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich

abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und

ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das

dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der

Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen

Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes

Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig

Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte,

ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig

flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise

besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an

bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als

syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten.

Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in

seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was

soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine

Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng!

Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen

der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter

Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche

Speichelabsonderung).--

Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben,

oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die

er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "--menerá", eine

Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe

(Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art

eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit

einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit

solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv

blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:

Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das

"-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn

dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden

daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.

Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe

dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen

der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark

nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte

also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig,

breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer

den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht

recht?!--Siehste wohl!--Wer hätte das gedacht?!--Ei der Tausend;

u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du

willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so

weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht

zusammen!

Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso

ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen

umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf

die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in

die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt _Itzig

Faitel Stern_, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen,

medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich

empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,

dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,

Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und

dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls

kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht

viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die

grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art

zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer

Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel

stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über

den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle

die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in

Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar

kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine

Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die

nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und

die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mußte

ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen

von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen

wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt

hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein

Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_

war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort

eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel

Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten

Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,

war eine Art jüdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem

engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden,

grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge

eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das

große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort

blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen

begann.

Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten

Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich

seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die

entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,

daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium

verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere

wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte

ich ihm eines Tags,--"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja

vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der

Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und

stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf

den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach

so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gäben Se mer ä

neies Gebein; ich beßahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wäre schon Recht;

aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade

zu machen!?"--Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen.

Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig

sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den

Professor _Klotz_, den berühmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs

wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem

berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten

Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die

Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht

vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik

und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2.

Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das

ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen

die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen

Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen

werden. "Dann",--schloß Professer _Klotz_ seine Ausführungen,--"kann

ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf

eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen;

nur--zögerte der berühmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich

beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell

dazwischen,--"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr

Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit

zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der

Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges

Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere

Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)

Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in

der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen

Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das

Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer

gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang

mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt

und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles

anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte,

noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei

seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen

wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden

und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und überwachte. Nach

einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine

natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen

sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie

zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu

verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei

Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes

Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest

entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,

und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".--Es kam damals gerade

jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach

absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie

einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader

Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel

Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes

Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für

ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt

von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.--Der

alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann

mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den

neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten

Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas

größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.

Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch

einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade

hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz;

die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade

hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen

des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng"

hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein

Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper,

gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen

wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort

schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es

war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben

gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer

schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch

zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so

bald als möglich erreichen.

Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein

nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,

durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf

rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,

dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,

Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine

völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten

wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt,

Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze

Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung

mit dem berühmten _Tübinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher

noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen

von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein

Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der

einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener

bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht

ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten

u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste

darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der

neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung

entsteht; wie der _Tübinger_ Spezialist sich ausdrückte: es muß eine

neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau

untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen

Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf

das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man

sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese

feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese

Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.

Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen,

Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig

Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit

größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer

Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime

christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und

Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in

der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die

weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen,

pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen

verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir

unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise

zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur

im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die

aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen

damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß,

unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige

dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten

englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher

hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten

_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich

der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen

Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig

riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken

wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,

germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt

wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn

_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.

Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und ließ seine Matrikel

und übrigen Papiere umändern.

Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten

Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe

der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen

verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er

wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor _Klotz_

zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung

Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde

in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war

hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten

Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender

Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen

Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.--Faiteles! Scheener Jüd',

fainer Jüd', eleganter Jüd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber

nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt

geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt

hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß

Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wußte, daß

dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand,

einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen

herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es

innerlich aus?--

Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle

jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,

herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein

paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment

einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß

Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,

undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen

Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und

die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer

beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und

wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das

Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen,

in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England

zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden

sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein

bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund

der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,

das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte _Cambridge'r_ Professor

_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"

herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten

wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische

Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese

neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel

abstehen.

Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal

mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mußte ihm

erklären, daß seit _Descartes_ den mißglückten Versuch gemacht hatte,

den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine

Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß

vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher

und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in

bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne

man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der

Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte

Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn

mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten

Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's

Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher

diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird

den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig

Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten

Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß

damals, als unsere Erzählung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,

die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper

in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines

oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren

ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth

Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl

waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs

bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung

jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für

einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden

am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort

zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur

Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal

zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich

in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu

entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader

im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der

"Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht

kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht

Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach

mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur

hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich

nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu

sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen

Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.

So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und

sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf

Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,

die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser

sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen

ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_

Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen

Romeo-Monolage u. drgl.--Dieß hatte in der That größeren Erfolg.

Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor,

wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's

überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt

sich zusammen ...;"--dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf

die linke Seite der Brust gepreßt,---es war doch ein ganz geschickter

Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine

verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen.

Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die

Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser

_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemüthsmensch durch und durch.

Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener

Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn

ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem

Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine

früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder

Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova

zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen

Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im

Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber

härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze

Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er

und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet

er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der

hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt

er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der

hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht

aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah?

Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht

der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige

Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag

spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel

jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In

solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein

wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel

wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals,

hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen

mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit

eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir

fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen

Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie

ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich

kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und

schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften

natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und

Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern

konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein,

all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen

Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn

alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett,

kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her,

steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte,

gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze

pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch

andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie

Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie

steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches

zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die

alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während

seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm

ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da

er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung

sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der

Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern

sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich

immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft

mit Ruhe obzuliegen.--

Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.

Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch

in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut

eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine

Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.

Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester

mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem

Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der

ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem

erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte

nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben

eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene

Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis

sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die

mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete

die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige

Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen

Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war

es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That

vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß,

(welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen

Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,

die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren

geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in

Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige

Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren

für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon

wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter

Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des

Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun

wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in

der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß

es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß

Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon

etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen

Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken

Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit

den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges,

konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher

Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum

Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer

horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her

ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen

Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine

Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang

machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch

etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin,

war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße

Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war

nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die

Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten.

Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,

Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,

Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die

Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische

Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls

beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten

gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie

_Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus

dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine

Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut

hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.

Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute

Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor

_Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen

absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der

ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem

auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath

in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede

nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten

_Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei

Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's

fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter

der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die

beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der

lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen

war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das

Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei

Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die

zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,

und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein

Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward

anberaumt.--

Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du

jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer

Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu

machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!

Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf

ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags

auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du

aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,

nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber

Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um

die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um

zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O

Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave,

offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock

gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt

Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann

schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!

Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche

Umhüllungen kleiden.--

Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen

sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst

zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln,

wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen?

Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei

Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und

sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;

blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen

blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der

Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich!

Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert

sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen

das, was aus der Menschen Munde geht!

Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte,

Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen,

erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen

müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur

eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O

hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen

geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem

großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten,

weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen

nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die

zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei

den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel

Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,

wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig

Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt

hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--

Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war

der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die

der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_

beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht

mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung

vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen

Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen

hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als

der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es

viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger

durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von

5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser

muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den

"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held

der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor

uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor

_Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,

die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen

bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein

Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das

sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber

erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht

man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man

unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer

streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters

ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem

anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung

zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,

_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen

Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in

Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.

Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen

Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und

zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit

einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,

und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,

wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein

französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter

des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich

befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl

in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute

in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein

waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende

Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte

der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren.

_Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.

Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige

Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten

Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in

Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt

waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den

langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.

Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden.

Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde

_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die

Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem

Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren

Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie

der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.

Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint

im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im

Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,

von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich

weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.

Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern

Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen

des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im

psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch

Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal

aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für

immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken

gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten

Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung,

abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war

symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche

Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß

am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine

Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand

den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--

Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist,

daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den

Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft

purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte

Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm

abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne

Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte,

und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja

Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu

Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er

"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu

können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und

Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel

der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien

auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen,

wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere

Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte

er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne

hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte

es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen

"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen

Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn

Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,

daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein

gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!"

hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng"

war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit

diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit

seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten

überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer

tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in

die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung,

die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die

Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau

_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man

schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu

wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend

vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll

ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll

als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam.

Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und

starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig

angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig

hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie

festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede

Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen

war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt

worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum

auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und

ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten

drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit

einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und

Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter

Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer

und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der

hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes

Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;

schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er

die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am

Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am

Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)

"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird

er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der

Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am

Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme

mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In

diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und

gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft

lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal

herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht!

Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá!

Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein,

aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei

Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen

vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die

Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten

Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen

wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze

glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war

wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in

seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit

zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen

Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen,

wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol

rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es

war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe

vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter

geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen

Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das

jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch

verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit

zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück.

Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit

nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein

Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im

Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel

Stern_.--

Visionen: Skizzen und Erzählungen · 第 14 / 17 题