"Und Er schuf sie, ein Männlein
und Fräulein, und sprach zu ihnen:
Seid fruchtbar und mehret Euch."
Genesis 1, 27-28.
Das säkularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
seinem ursprünglichen Zweck zurückgegeben, als ein Erziehungs-Institut
für Mädchen in den weiten prachtvollen Räumen, und unter der
geistlichen Oberleitung eines Abbé mit der nöthigen Anzahl von
Lehrkräften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch früher das
Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
dort erzogenen, jungen Damen gehörten den ersten Familien des Landes
an. Man wollte dem damals noch gekränkten französischen Adel gern
einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstädte, und
besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einräumen, was er dort
nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
besonders einen gewissen Einfluß auf die örtlichen Institutionen des
Landes und der Bevölkerung. Daß dieser Einfluß sich mit einer Stärkung
des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klösterlichen
Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
Lernzeit eine Art von Gelübden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
Und es gab einen Vorgeschmack für das eigentliche klösterliche
Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
Schleier zu nehmen. Also Gelübde wurden abgelegt. Von den bekannten
Drei war das der Armuth natürlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
verlangen, deren Eltern sonntäglich zwei-und vierspännig von ihren
Gütern herüberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld für
Obst-und Zuckersachen daließen. Dagegen wurde das Gelübde des Gehorsams
streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mädchen waren alle
zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
Punkt später zurück. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
beginnenden Geschichte.--
Nur ein ganz kurzes Personenverzeichniß noch vorher, eines Stückes,
welches der Leser am Schluß muthmaßlich als Tragikomödie bezeichen
dürfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abbé (de Rochechouard),
meist kurzweg Monsieur l'Abbé bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
er neben dem Gärtner und einem Kirchengehülfen für die grobe Arbeit
der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, unterstützt noch von
einem Amtsgehülfen, und eine Art Aufsichtsrecht über die kleine Kirche
des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhängenden Dörfchens
Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
er war vermögend und konnte seiner Vorliebe für Bücher ungehindert
nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
Er war ein Schlecker; er öffnete heute dies, morgen jenes Bändchen,
um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag über zu
scherzen; sein Feld war ausschließlich Theologie; natürlich fehlten
auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
Schriften, die zu ihnen gehören; sinnlich war Monsieur l'Abbé nicht;
dazu war der Körper zu beleibt und das Gesicht zu gutmüthig; auch
productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
und gab keine Vorschläge zur zeitgemäßen Abänderung der geistlichen
Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergänger in dem Weinberg
des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
Verbesserung der Reben beiträgt; sondern wachsen läßt, was wächst; die
Stirne war nieder, das kurze Haar kräftig und voll; die Augen klein und
friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen äußerst feinen Mund; die
Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
absolut keine Predigernatur; ein still in sich und für sich arbeitendes
Wesen; das Habit immer tadellos.--
Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde;
sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch
oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie
doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom
Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem
Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die
sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil
Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches;
ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch
von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis.
Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth
erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was
Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und
außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das
Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn
die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame,
obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten
Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen
war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern
mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen
Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay
und weit über Beau-Regard hinaus.--
Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des
eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und
temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,--wo eine mit schweren
Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der
"weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher
weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der
"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem
weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen
acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund
Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich
wesentlich auf la Seure première meist nur La Première--die
vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
präsumtive Nachfolgerin.--Gehaßt war Henriette aber auch von fast
allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal
wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.--In welchem
Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina
entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das
fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und
für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte,
die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz
armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der
Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik
und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender
Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer
ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten
nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes
eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das
seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht;
da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere
von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit
einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in
unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn
nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase
sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen
hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre
Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren
Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie
sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit
sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie
ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen
und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und
wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten
in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche,
luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die
eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für
erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum,
vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte
und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig
genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln;
Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das
Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß
so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen
Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
Hiermit,--noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern
mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß
fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden
Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten
Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum
Abschluß gebracht.--
Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war
getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber
er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben
daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht
beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand
fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die
Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen,
was daraus wird.--Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den
Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er
blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war
sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte,
war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er
nach.--
Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen.
Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein
leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein
großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen
können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich
aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp
an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen
gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge
Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den
Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines
Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben,
und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwärze,
Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der
fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.--
Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori
vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen
ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich
jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen,
und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden
Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte;
In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen;
chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke;
und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein
Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der
Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch
eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern
und Schwätzen.
Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit
beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von
Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte
sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem
Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende
gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer
schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel
Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht,
und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die
ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten,
gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren,
welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war.
Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich
begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten,
zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen
Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung
Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen
funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit
entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles
geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst
gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum
Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben
begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von
jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern
und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen
an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre
hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei
Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.
Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit
Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte.
Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren
grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen,
die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte
herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts,
spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem
von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in
glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen.
Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines
der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände
und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen
eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien
sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt;
die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der
halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe
man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina
und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern
beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als
wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--stürzten die jungen Fratzen
mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est
tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser
Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch
gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le
bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch
das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit
den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit
verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thüre auf, und la
Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht
etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee
(das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abbé,
und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
und Alexina,--hieß es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man
jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres
Verschulden schließen.--Nun drängten sich weitere Mädchen durch die
halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt,
sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre
Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über
überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt
stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich
verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt
gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des
Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thüre,
die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat
herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück.
Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure
mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre,
konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen
Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß
Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt,
offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des
verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung
gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.--Madame
schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten;
ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre
Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der
Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen
Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei
nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung
stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere
Ordnung während des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
nun allein.--Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
daß Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß--nicht die Sache
selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche
Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.--Monsieur machte eine
abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
was!--meinte Madame,--es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache
soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit
gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren
Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Première,--wehrte Monsieur
ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich für
das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen.
Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit
früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten
das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von
selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß
Mädchen so zusammen im Bett lägen.--Gewiß, die Kleinen spielten ja
wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.--Allerdings,
aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich
enges.--Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten?
meinte der Abbé.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall
sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig,
phantasievoll.--Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung
nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.--In jedem
Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und
Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe
keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne
Alles gut gehen.--
Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen
wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten
zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse
aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique
hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.--
Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine
Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich
zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um
ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen
die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung
bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in
Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus
ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten
Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür
an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur.
Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen
Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische,
und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften.
Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer
Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte;
von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der
noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et
cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen
waren.--Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den
Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen
Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf
schließend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine
nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein
ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen
in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren,
Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden
Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge
zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen;
wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie
"Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die
Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
Kletten, nicht mehr zum Losreißen.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß
zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten
halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu
Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das
ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche
Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr
Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person;
und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei
gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten
sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke
weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen,
und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe
Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus
der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob
und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.--Ein
einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe
Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt
habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen
lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
hinweggesprungen.--Ah, c'est degoûtant!--riefen alle Mädchen, c'est
degoûtant!--Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie
glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu
gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser
Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
plötzlich verschwinden werde.--Dieß Alles und noch viel mehr hörte
Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre
Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten
sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Première!
La Première!--riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten
dann wild hinaus.--
Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's
Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl
etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches
Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein
ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem
aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette
als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie
doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das,
was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte,
und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie
mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin
mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie
ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste
erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen
des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten,
fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen,
wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina,
zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten
nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit
einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung
zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine
solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die
älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand
aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze
Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren
Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich
streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor
der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte
man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr
umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt,
sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voilä
sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas
Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.--Die Masse
hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen,
von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la
Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen
zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des
Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen
jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des
Falles gerettet werden.
Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte
miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem
Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse
mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und
ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er
fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete,
sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die
Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!"
Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die
Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb
vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von
Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte
damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die
Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu
bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den
zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange,
so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen
vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es
eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera,
et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber
la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches
Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und
schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn
sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen
gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß,
aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten
sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu
den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es
kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in
den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob
sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen
halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde
befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit
von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß
Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß
nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien
neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der
Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder
Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren,
wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann
aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?"
"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile
der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit
der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei
solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin
um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß
von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen,
das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte,
und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber
im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer
sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette
entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum
Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte,
es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren;
aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren
Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und
dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte
etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die
Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung
aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste
auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte
Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu
weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster
jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt,
und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem
Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah
den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie
Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den
Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen
nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die
Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen,
Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel
Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja,
ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre
Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe,
ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
_meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo
es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit
einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben;
und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und
niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in
Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die
Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen
auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß
sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe,
welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr
Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das
Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete
die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur
war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern
emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an
Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen
Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner
Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist?
Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß
Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich
und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll
unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht
Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren,
kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst
über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du
nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut?
Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche!
Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee
zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und
Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine
Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten,
und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders,
als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich
Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen
nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren.
Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir
verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen
und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich
nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie
Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht;
was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine
Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte,
die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher
die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was
drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren
Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere
Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh,
ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes
Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem
großen Meer!..."--
Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der
Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber
stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire,
das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer
gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt
hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen,
gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch
unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte
Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen,
die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé
nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte
aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den
eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen
noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um
1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen,
in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte,
folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere
Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie
wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und
dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu
verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß
die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer
sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und
hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa
sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten
im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher
gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er
die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also
dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht
neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper
entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die
größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den
Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den
Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge
nun nach Belieben handeln.--
Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit
la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première
verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern
zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller
Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen
mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen,
der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser
neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la
Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première
gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter
mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte
mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug
Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne
Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell
den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu
Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder
in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die
Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le
diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach
festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
"Le diable et triste
Et a bien peure:
Il a perdu sa fiancee
Et craint la Superieure!"[4]
Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen
seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten
geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von
Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne
man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen
ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der
Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--
Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der
Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen,
die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten
begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame
selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
_Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund
bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das
Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la
Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
damals im Wald auf Henriette gesessen.--
Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die
Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm
erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II.
Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster
Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten
Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden
Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre
wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz
des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne
Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller;
die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die
Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung;
dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue
Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges
Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein
Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von
Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend;
die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche
Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die
Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges;
und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert,
sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das
Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf,
und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron
mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und
kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten
Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein
eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen
Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen
möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le
jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe
kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
nach Hause.--
Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett
und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst
ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und
unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner
die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden
Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne
Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten
des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander
getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er
erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von
Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags
in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie
einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was
aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit
diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.
Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den
Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß
dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache
fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen,
die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander
ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen
sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges
Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr
etwas ganz besonderes los sein müsse.--
Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie
zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas
außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe
beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte,
was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien
mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas
anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber
das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund,
jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht
dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es
mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--
Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
Hirn zu schreiben.--
Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben
des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem
Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig
in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen.
Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In
diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein!
und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches
soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch
einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier
auseinander und las Folgendes:
Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé
de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä
Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina
Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als
Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere
Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein
paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen
werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen
(sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne
eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche,
dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die
Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist
stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als
blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären
uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation
ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen
Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich
als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra,
die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit
ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der
Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte,
deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher
_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung
der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die
weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit
hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--
Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
gebracht.
Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich
genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
Soeur Première wurde Superiorin.--
[1] "Sieh der Teufel!"
[2] "Und hier seine Braut!"
[3] Schwatzerei.
[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
verloren, und fürchtet die Superiorin.--
[5] Ach, sie thun mir weh.