Das war nur vor wenigen Tagen geschehen, und ich gedachte aus dieser

Bekanntschaft sogleich Nutzen für meinen Wunsch zu ziehen. Ich

knöpfte daher des andern Morgens ein ganzes Buch Papier, an dem es bei

uns zu Hause nie fehlte, unter den Rock und ging auf die Kanzlei, wo

ich, um mich nicht zu verraten, meinen Harnisch mit großer

Unbequemlichkeit auf dem Leibe behielt, bis ich gegen Mittag aus dem

Ein- und Ausgehen meiner Kameraden und dem Geräusch der kauenden

Backen merkte, daß die Kuchenverkäuferin gekommen war, und glauben

konnte, daß der Hauptandrang der Kunden vorüber sei. Dann ging ich

hinaus, zog mein Papier hervor, nahm mir ein Herz und trat zu dem

Mädchen hin, die, den Korb vor sich auf dem Boden und den rechten Fuß

auf einen Schemel gestellt, auf dem sie gewöhnlich zu sitzen pflegte,

dastand, leise summend und mit dem auf den Schemel gestützten Fuß den

Takt dazu tretend. Sie maß mich vom Kopf bis zu den Füßen, als ich

näher kam, was meine Verlegenheit vermehrte. Liebe Jungfer, fing ich

endlich an, Sie haben neulich von mir Papier begehrt, als keines zur

Hand war, das mir gehörte. Nun habe ich welches von Hause mitgebracht

und--damit hielt ich ihr mein Papier hin. Ich habe Ihnen schon

neulich gesagt, erwiderte sie, daß ich selbst Papier zu Hause habe.

Indes, man kann alles brauchen. Damit nahm sie mit einem leichten

Kopfnicken mein Geschenk und legte es in den Korb. Von den Kuchen

wollen Sie nicht? sagte sie, unter ihren Waren herummusternd, auch ist

das Beste schon fort. Ich dankte, sagte aber, daß ich eine andere

Bitte hätte. Nu, allenfalls? sprach sie, mit dem Arm in die Handhabe

des Korbes fahrend und aufgerichtet dastehend, wobei sie mich mit

heftigen Augen anblitzte. Ich fiel rasch ein, daß ich ein Liebhaber

der Tonkunst sei, obwohl erst seit kurzem, daß ich sie so schöne

Lieder singen gehört, besonders eines. Sie? Mich? Lieder? fuhr sie

auf, und wo? Ich erzählte ihr weiter, daß ich in ihrer Nachbarschaft

wohne und sie auf dem Hofe bei der Arbeit belauscht hätte. Eines

ihrer Lieder gefiele mir besonders, so daß ich's schon versucht hätte

auf der Violine nachzuspielen. Wären Sie etwa gar derselbe, rief sie

aus, der so kratzt auf der Geige?--Ich war damals, wie ich bereits

sagte, nur Anfänger und habe erst später mit vieler Mühe die nötige

Geläufigkeit in diese Finger gebracht", unterbrach sich der alte Mann,

wobei er mit der linken Hand, als einer, der geigt, in der Luft

herumfingerte. "Mir war es", setzte er seine Erzählung fort, "ganz

heiß ins Gesicht gestiegen, und ich sah auch ihr an, daß das harte

Wort sie gereute. Werte Jungfer, sagte ich, das Kratzen rührt von

daher, daß ich das Lied nicht in Noten habe, weshalb ich auch

höflichst um die Abschrift gebeten haben wollte. Um die Abschrift?

sagte sie. Das Lied ist gedruckt und wird an den Straßenecken

verkauft.--Das Lied? entgegnete ich. Das sind wohl nur die Worte.

--Nun ja, die Worte, das Lied.--Aber der Ton, in dem man's singt.

--Schreibt man denn derlei auch auf? fragte sie.--Freilich! war meine

Antwort, das ist ja eben die Hauptsache. Und wie haben denn Sie's

erlernt, werte Jungfer?--Ich hörte es singen, und da sang ich's nach.

--Ich erstaunte über das natürliche Ingenium; wie denn überhaupt die

ungelernten Leute oft die meisten Talente haben. Es ist aber doch

nicht das Rechte, die eigentliche Kunst. Ich war nun neuerdings in

Verzweiflung. Aber welches Lied ist es denn eigentlich? sagte sie.

Ich weiß so viele.--Alle ohne Noten?--Nun freilich; also welches war

es denn?--Es ist gar so schön, erklärte ich mich. Steigt gleich

anfangs in die Höhe, kehrt dann in sein Inwendiges zurück und hört

ganz leise auf. Sie singen's auch am öftesten. Ach, das wird wohl

das sein! sagte sie, setzte den Korb wieder ab, stellte den Fuß auf

den Schemel und sang nun mit ganz leiser und doch klarer Stimme das

Lied, wobei sie das Haupt duckte, so schön, so lieblich, daß, ehe sie

noch zu Ende war, ich nach ihrer herabhängenden Hand fuhr. Oho! sagte

sie, den Arm zurückziehend, denn sie meinte wohl, ich wollte ihre Hand

unziemlicherweise anfassen, aber nein, küssen wollte ich sie, obschon

sie nur ein armes Mädchen war.--Nun, ich bin ja jetzt auch ein armer

Mann.

Da ich nun vor Begierde, das Lied zu haben, mir in die Haare fuhr,

tröstete sie mich und sagte: der Organist der Peterskirche käme öfter

um Muskatnuß in ihres Vaters Gewölbe, den wolle sie bitten, alles auf

Noten zu bringen. Ich könnte es nach ein paar Tagen dort abholen.

Hierauf nahm sie ihren Korb und ging, wobei ich ihr das Geleite bis

zur Stiege gab. Auf der obersten Stufe die letzte Verbeugung machend,

überraschte mich der Kanzleivorsteher, der mich an meine Arbeit gehen

hieß und auf das Mädchen schalt, an dem, wie er behauptete, kein gutes

Haar sei. Ich war darüber heftig erzürnt und wollte ihm eben

antworten, daß ich, mit seiner Erlaubnis, vom Gegenteile überzeugt sei,

als ich bemerkte, daß er bereits in sein Zimmer zurückgegangen war,

weshalb ich mich faßte und ebenfalls an meinen Schreibtisch ging.

Doch ließ er sich seit dieser Zeit nicht nehmen, daß ich ein

liederlicher Beamter und ein ausschweifender Mensch sei.

Ich konnte auch wirklich desselben und die darauffolgenden Tage kaum

etwas Vernünftiges arbeiten, so ging mir das Lied im Kopfe herum, und

ich war wie verloren. Ein paar Tage vergangen, wußte ich wieder nicht,

ob es schon Zeit sei, die Noten abzuholen oder nicht. Der Organist,

hatte das Mädchen gesagt, kam in ihres Vaters Laden, um Muskatnuß zu

kaufen; die konnte er nur zu Bier gebrauchen. Nun war seit einiger

Zeit kühles Wetter und daher wahrscheinlich, daß der wackere

Tonkünstler sich eher an den Wein halten und daher so bald keine

Muskatnuß bedürfen werde. Zu schnell anfragen schien mir unhöfliche

Zudringlichkeit, allzu langes Warten konnte für Gleichgültigkeit

ausgelegt werden. Mit dem Mädchen auf dem Gange zu sprechen, getraute

ich mir nicht, da unsere erste Zusammenkunft bei meinen Kameraden

ruchbar geworden war und sie vor Begierde brannten, mir einen Streich

zu spielen.

Ich hatte inzwischen die Violine mit Eifer wieder aufgenommen und übte

vorderhand das Fundament gründlich durch, erlaubte mir wohl auch von

Zeit zu Zeit aus dem Kopfe zu spielen, wobei ich aber das Fenster

sorgfältig schloß, da ich wußte, daß mein Vortrag mißfiel. Aber wenn

ich das Fenster auch öffnete, bekam ich mein Lied doch nicht wieder zu

hören. Die Nachbarin sang teils gar nicht, teils so leise und bei

verschlossener Tüte, daß ich nicht zwei Töne unterscheiden konnte.

Endlich--es waren ungefähr drei Wochen vergangen--vermochte ich's

nicht mehr auszuhalten. Ich hatte zwar schon durch zwei Abende mich

auf die Gasse gestohlen--und das ohne Hut, damit die Dienstleute

glauben sollten, ich suchte nur nach etwas im Hause--, sooft ich aber

in die Nähe des Grieslerladens kam, überfiel mich ein so heftiges

Zittern, daß ich umkehren mußte, ich mochte wollen oder nicht.

Endlich aber--wie gesagt--konnte ich's nicht mehr aushalten. Ich nahm

mir ein Herz und ging eines Abends--auch diesmal ohne Hut--aus meinem

Zimmer die Treppe hinab und festen Schrittes durch die Gasse bis zu

dem Grieslerladen, wo ich vorderhand stehenblieb und überlegte, was

weiter zu tun sei. Der Laden war erleuchtet, und ich hörte Stimmen

darin. Nach einigem Zögern beugte ich mich vor und lugte von der

Seite hinein. Ich sah das Mädchen hart vor dem Ladentische am Lichte

sitzen und in einer hölzernen Mulde Erbsen oder Bohnen lesen. Vor ihr

stand ein derber, rüstiger Mann, die Jacke über die Schulter gehängt,

eine Art Knittel in der Hand, ungefähr wie ein Fleischhauer. Die

beiden sprachen, offenbar in guter Stimmung, denn das Mädchen lachte

einigemale laut auf, ohne sich aber in ihrer Arbeit zu unterbrechen

oder auch nur aufzusehen. War es meine gezwungene vorgebeugte

Stellung oder sonst was immer, mein Zittern begann wiederzukommen; als

ich mich plötzlich von rückwärts mit derber Hand angefaßt und nach

vorwärts geschleppt fühlte. In einem Nu stand ich im Gewölbe, und als

ich, losgelassen, mich umschaute, sah ich, daß es der Eigentümer

selbst war, der, von auswärts nach Hause kehrend, mich auf der Lauer

überrascht und als verdächtig angehalten hatte. Element! schrie er,

da sieht man, wo die Pflaumen hinkommen und die Handvoll Erbsen und

Rollgerste, die im Dunkeln aus den Auslagkörben gemaust werden. Da

soll ja gleich das Donnerwetter dreinschlagen. Und damit ging er auf

mich los, als ob er wirklich dreinschlagen wolle.

Ich war wie vernichtet, wurde aber durch den Gedanken, daß man an

meiner Ehrlichkeit zweifle, bald wieder zu mir selbst gebracht. Ich

verbeugte mich daher ganz kurz und sagte dem Unhöflichen, daß mein

Besuch nicht seinen Pflaumen oder seiner Rollgerste, sondern seiner

Tochter gelte. Da lachte der in der Mitte des Ladens stehende

Fleischer laut auf und wendete sich zu gehen, nachdem er vorher dem

Mädchen ein paar Worte leise zugeflüstert hatte, die sie, gleichfalls

lachend, durch einen schallenden Schlag mit der flachen Hand auf

seinen Rücken beantwortete. Der Griesler gab dem Weggehenden das

Geleit zur Türe hinaus. Ich hatte derweil schon wieder all meinen Mut

verloren und stand dem Mädchen gegenüber, die gleichgültig ihre Erbsen

und Bohnen las, als ob das Ganze sie nichts anginge. Da polterte der

Vater wieder zur Türe herein. Mordtausendelement noch einmal, sagte

er, Herr, was soll's mit meiner Tochter? Ich versuchte, ihm den

Zusammenhang und den Grund meines Besuches zu erklären. Was Lied?

sagte er, ich will euch Lieder singen! wobei er den rechten Arm sehr

verdächtig auf und ab bewegte. Dort liegt es, sprach das Mädchen,

indem sie, ohne die Mulde mit Hülsenfrüchten wegzusetzen, sich samt

dem Sessel seitwärts überbeugte und mit der Hand auf den Ladentisch

hinwies. Ich eilte hin und sah ein Notenblatt liegen. Es war das

Lied. Der Alte war mir aber zuvorgekommen. Er hielt das schöne

Papier zerknitternd in der Hand. Ich frage, sagte er, was das abgibt?

Wer ist der Mensch? Es ist ein Herr aus der Kanzlei, erwiderte sie,

indem sie eine wurmstichige Erbse etwas weiter als die andern von sich

warf. Ein Herr aus der Kanzlei? rief er, im Dunkeln, ohne Hut? Den

Mangel des Hutes erklärte ich durch den Umstand, daß ich ganz in der

Nähe wohnte, wobei ich das Haus bezeichnete. Das Haus weiß ich, rief

er. Da wohnt niemand drinnen als der Hofrat--hier nannte er den Namen

meines Vaters--, und die Bedienten kenne ich alle. Ich bin der Sohn

des Hofrats, sagte ich, leise, als ob's eine Lüge wäre.--Mir sind im

Leben viele Veränderungen vorgekommen, aber noch keine so plötzliche,

als bei diesen Worten in dem ganzen Wesen des Mannes vorging. Der zum

Schmähen geöffnete Mund blieb offen stehen, die Augen drohten noch

immer, aber um den untern Teil des Gesichtes fing an eine Art Lächeln

zu spielen, das sich immer mehr Platz machte. Das Mädchen blieb in

ihrer Gleichgültigkeit und gebückten Stellung, nur daß sie sich die

losgegangenen Haare, fortarbeitend, hinter die Ohren zurückstrich.

Der Sohn des Herrn Hofrats? schrie endlich der Alte, in dessen

Gesichte die Aufheiterung vollkommen geworden war. Wollen Euer Gnaden

sich's vielleicht bequem machen? Barbara, einen Stuhl! Das Mädchen

bewegte sich widerwillig auf dem ihren. Nu wart, Tuckmauser! sagte er,

indem er selbst einen Korb von seinem Platze hob und den darunter

gestellten Sessel mit dem Vortuche vom Staube reinigte. Hohe Ehre,

fuhr er fort. Der Herr Hofrat--der Herr Sohn, wollt' ich sagen,

praktizieren also auch die Musik? Singen vielleicht, wie meine

Tochter, oder vielmehr ganz anders, nach Noten, nach der Kunst? Ich

erklärte ihm, daß ich von Natur keine Stimme hätte. Oder schlagen

Klavizimbel, wie die vornehmen Leute zu tun pflegen? Ich sagte, daß

ich die Geige spiele. Habe auch in meiner Jugend gekratzt auf der

Geige, rief er. Bei dem Worte Kratzen blickte ich unwillkürlich auf

das Mädchen hin und sah, daß sie ganz spöttisch lächelte, was mich

sehr verdroß.

Sollten sich des Mädels annehmen, heißt das in Musik, fuhr er fort.

Singt eine gute Stimme, hat auch sonst ihre Qualitäten, aber das Feine,

lieber Gott, wo soll's herkommen? wobei er Daumen und Zeigefinger der

rechten Hand wiederholt übereinanderschob. Ich war ganz beschämt, daß

man mir unverdienterweise so bedeutende musikalische Kenntnisse

zutraute, und wollte eben den wahren Stand der Sache auseinandersetzen,

als ein außen Vorübergehender in den Laden hereinrief: Guten Abend

alle miteinander! Ich erschrak, denn es war die Stimme eines der

Bedienten unseres Hauses. Auch der Griesler hatte sie erkannt. Die

Spitze der Zunge vorschiebend und die Schulter emporgehoben, flüsterte

er: Waren einer der Bedienten des gnädigen Papa. Konnten Sie aber

nicht erkennen, standen mit dem Rücken gegen die Türe. Letzteres

verhielt sich wirklich so. Aber das Gefühl des Heimlichen, Unrechten

ergriff mich qualvoll. Ich stammelte nur ein paar Worte zum Abschied

und ging. Ja selbst mein Lied hätte ich vergessen, wäre mir nicht der

Alte auf die Straße nachgesprungen, wo er mir's in die Hand steckte.

So gelangte ich nach Hause, auf mein Zimmer, und wartete der Dinge,

die da kommen sollten. Und sie blieben nicht aus. Der Bediente hatte

mich dennoch erkannt. Ein paar Tage darauf trat der Sekretär meines

Vaters zu mir auf die Stube und kündigte mir an, daß ich das

elterliche Haus zu verlassen hätte. Alle meine Gegenreden waren

fruchtlos. Man hatte mir in einer entfernten Vorstadt ein Kämmerchen

gemietet, und so war ich denn ganz aus der Nähe der Angehörigen

verbannt. Auch meine Sängerin bekam ich nicht mehr zu sehen. Man

hatte ihr den Kuchenhandel auf der Kanzlei eingestellt, und ihres

Vaters Laden zu betreten konnte ich mich nicht entschließen, da ich

wußte, daß es dem meinigen mißfiel. Ja, als ich dem alten Griesler

zufällig auf der Straße begegnete, wandte er sich mit einem grimmigen

Gesichte von mir ab, und ich war wie niedergedonnert. Da holte ich

denn, halbe Tage lang allein, meine Geige hervor und spielte und übte.

Es sollte aber noch schlimmer kommen. Das Glück unseres Hauses ging

abwärts. Mein jüngster Bruder, ein eigenwilliger, ungestümer Mensch,

Offizier bei den Dragonern, mußte eine unbesonnene Wette, infolge der

er, vom Ritt erhitzt, mit Pferd und Rüstung durch die Donau

schwamm--es war tief in Ungarn--, mit dem Leben bezahlen. Der ältere,

geliebteste, war in einer Provinz am Ratstisch angestellt. In

immerwährender Widersetzlichkeit gegen seinen Landesvorgesetzten und,

wie sie sagten, heimlich dazu von unserem Vater aufgemuntert, erlaubte

er sich sogar unrichtige Angaben, um seinem Gegner zu schaden. Es kam

zur Untersuchung, und mein Bruder ging heimlich aus dem Lande. Die

Feinde unseres Vaters, deren viele waren, benutzten den Anlaß, ihn zu

stürzen. Von allen Seiten angegriffen und ohnehin ingrimmig über die

Abnahme seines Einflusses, hielt er täglich die angreifendsten Reden

in der Ratssitzung. Mitten in einer derselben traf ihn ein Schlagfluß.

Er wurde sprachlos nach Hause gebracht. Ich selbst erfuhr nichts

davon. Des andern Tages auf der Kanzlei bemerkte ich wohl, daß sie

heimlich flüsterten und mit den Fingern nach mir wiesen. Ich war aber

derlei schon gewohnt und hatte kein Arges. Freitags darauf--es war

mittwochs gewesen--wurde mir plötzlich ein schwarzer Anzug mit Flor

auf die Stube gebracht. Ich erstaunte und fragte und erfuhr. Mein

Körper ist sonst stark und widerhältig, aber da fiel's mich an mit

Macht. Ich sank besinnungslos zu Boden. Sie trugen mich ins Bette,

wo ich fieberte und irresprach den Tag hindurch und die ganze Nacht.

Des andern Morgens hatte die Natur die Oberhand gewonnen, aber mein

Vater war tot und begraben.

Ich hatte ihn nicht mehr sprechen können; ihn nicht um Verzeihung

bitten wegen all des Kummers, den ich ihm gemacht; nicht mehr danken

für die unverdienten Gnaden--ja Gnaden! denn seine Meinung war gut,

und ich hoffe ihn einst wiederzufinden, wo wir nach unsern Absichten

gerichtet werden und nicht nach unsern Werken.

Ich blieb mehrere Tage auf meinem Zimmer, kaum, daß ich Nahrung zu mir

nahm. Endlich ging ich doch hervor, aber gleich nach Tische wieder

nach Hause, und nur des Abends irrte ich in den dunkeln Straßen umher

wie Kain, der Brudermörder. Die väterliche Wohnung war mir dabei ein

Schreckbild, dem ich sorgfältigst aus dem Wege ging. Einmal aber,

gedankenlos vor mich hinstarrend, fand ich mich plötzlich in der Nähe

des gefürchteten Hauses. Meine Knie zitterten, daß ich mich anhalten

mußte. Hinter mir an die Wand greifend, erkenne ich die Türe des

Grieslerladens und darin sitzend Barbara, einen Brief in der Hand,

neben ihr das Licht auf dem Ladentische und hart dabei in aufrechter

Stellung ihr Vater, der ihr zuzusprechen schien. Und wenn es mein

Leben gegolten hätte, ich mußte eintreten. Niemanden zu haben, dem

man sein Leid klagen kann, niemanden, der Mitleid fühlt! Der Alte,

wußte ich wohl, war auf mich erzürnt, aber das Mädchen sollte mir ein

gutes Wort geben. Doch kam es ganz entgegengesetzt. Barbara stand

auf, als ich eintrat, warf mir einen hochmütigen Blick zu und ging in

die Nebenkammer, deren Türe sie abschloß. Der Alte aber faßte mich

bei der Hand, hieß mich niedersetzen, tröstete mich, meinte aber auch,

ich sei nun ein reicher Mann und hätte mich um niemanden mehr zu

kümmern. Er fragte, wieviel ich geerbt hätte. Ich wußte das nicht.

Er forderte mich auf, zu den Gerichten zu gehen, was ich versprach.

In den Kanzleien, meinte er, sei nichts zu machen. Ich sollte meine

Erbschaft im Handel anlegen. Knoppern und Früchte werfen guten Profit

ab; ein Compagnon, der sich darauf verstände, könnte Groschen in

Gulden verwandeln. Er selbst habe sich einmal viel damit abgegeben.

Dabei rief er wiederholt nach dem Mädchen, die aber kein Lebenszeichen

von sich gab. Doch schien mir, als ob ich an der Türe zuweilen

rascheln hörte. Da sie aber immer nicht kam und der Alte nur vom

Gelde redete, empfahl ich mich endlich und ging, wobei der Mann

bedauerte, mich nicht begleiten zu können, da er allein im Laden sei.

Ich war traurig über meine verfehlte Hoffnung und doch wunderbar

getröstet. Als ich auf der Straße stehenblieb und nach dem Hause

meines Vaters hinüberblickte, hörte ich plötzlich hinter mir eine

Stimme, die gedämpft und im Tone des Unwillens sprach: Trauen Sie

nicht gleich jedermann, man meint es nicht gut mit Ihnen. So schnell

ich mich umkehrte, sah ich doch niemand; nur das Klirren eines

Fensters im Erdgeschosse, das zu des Grieslers Wohnung gehörte,

belehrte mich, wenn ich auch die Stimme nicht erkannt hätte, daß

Barbara die geheime Warnerin war. Sie hatte also doch gehört, was im

Laden gesprochen worden. Wollte sie mich vor ihrem Vater warnen? oder

war ihr zu Ohren gekommen, daß gleich nach meines Vaters Tode teils

Kollegen aus der Kanzlei, teils andere ganz unbekannte Leute mich mit

Bitten um Unterstützung und Nothilfe angegangen, ich auch zugesagt,

wenn ich erst zu Geld kommen würde. Was einmal versprochen, mußte ich

halten, in Zukunft aber beschloß ich, vorsichtiger zu sein. Ich

meldete mich wegen meiner Erbschaft. Es war weniger, als man geglaubt

hatte, aber doch sehr viel, nahe an eilftausend Gulden. Mein Zimmer

wurde den ganzen Tag von Bittenden und Hilfesuchenden nicht leer. Ich

war aber beinahe hart geworden und gab nur, wo die Not am größten war.

Auch Barbaras Vater kam. Er schmälte, daß ich sie schon drei Tage

nicht besucht, worauf ich der Wahrheit gemäß erwiderte, daß ich

fürchte, seiner Tochter zur Last zu sein. Er aber sagte, das solle

mich nicht kümmern, er habe ihr schon den Kopf zurechtgesetzt, wobei

er auf eine boshafte Art lachte, so daß ich erschrak. Dadurch an

Barbaras Warnung rückerinnert, verhehlte ich, als wir bald im

Gespräche darauf kamen, den Betrag meiner Erbschaft; auch seinen

Handelsvorschlägen wich ich geschickt aus.

Wirklich lagen mir bereits andere Aussichten im Kopfe. In der Kanzlei,

wo man mich nur meines Vaters wegen geduldet hatte, war mein Platz

bereits durch einen andern besetzt, was mich, da kein Gehalt damit

verbunden war, wenig kümmerte. Aber der Sekretär meines Vaters, der

durch die letzten Ereignisse brotlos geworden, teilte mir den Plan zur

Errichtung eines Auskunfts-, Kopier- und Übersetzungs-Comptoirs mit,

wozu ich die ersten Einrichtungskosten vorschießen sollte, indes er

selbst die Direktion zu übernehmen bereit war. Auf mein Andringen

wurden die Kopierarbeiten auch auf Musikalien ausgedehnt, und nun war

ich in meinem Glücke. Ich gab das erforderliche Geld, ließ mir aber,

schon vorsichtig geworden, eine Handschrift darüber ausstellen. Die

Kaution für die Anstalt, die ich gleichfalls vorschoß, schien,

obgleich beträchtlich, kaum der Rede wert, da sie bei den Gerichten

hinterlegt werden mußte und dort mein blieb, als hätte ich sie in

meinem Schranke.

Die Sache war abgetan und ich fühlte mich erleichtert, erhoben, zum

ersten Male in meinem Leben selbständig, ein Mann. Kaum, daß ich,

meines Vaters noch gedachte. Ich bezog eine bessere Wohnung, änderte

einiges in meiner Kleidung und ging, als es Abend geworden, durch

wohlbekannte Straßen nach dem Grieslerladen, wobei ich mit den Füßen

schlenkerte und mein Lied zwischen den Zähnen summte, obwohl nicht

ganz richtig. Das B in der zweiten Hälfte habe ich mit der Stimme nie

treffen können. Froh und guter Dinge langte ich an, aber ein

eiskalter Blick Barbaras warf mich sogleich in meine frühere

Zaghaftigkeit zurück. Der Vater empfing mich aufs beste, sie aber tat,

als ob niemand zugegen wäre, fuhr fort, Papiertüten zu wickeln, und

mischte sich mit keinem Worte in unser Gespräch. Nur als die Rede auf

meine Erbschaft kam, fuhr sie mit halbem Leibe empor und sagte fast

drohend: Vater! worauf der Alte sogleich den Gegenstand änderte.

Sonst sprach sie den ganzen Abend nichts, gab mir keinen zweiten Blick,

und als ich mich endlich empfahl, klang ihr: Guten Abend! beinahe wie

ein Gott sei Dank!

Aber ich kam wieder und wieder, und sie gab allmählich nach. Nicht

als ob ich ihr irgend etwas zu Danke gemacht hätte. Sie schalt und

tadelte mich unaufhörlich. Alles war ungeschickt; Gott hatte mir zwei

linke Hände erschaffen; mein Rock saß wie an einer Vogelscheuche; ich

ging wie die Enten, mit einer Anmahnung an den Haushahn. Besonders

zuwider war ihr meine Höflichkeit gegen die Kunden. Da ich nämlich

bis zur Eröffnung der Kopieranstalt ohne Beschäftigung war und

überlegte, daß ich dort mit dem Publikum zu tun haben würde, so nahm

ich, als Vorübung, an dem Kleinverkauf im Grieslergewölbe tätigen

Anteil, was mich oft halbe Tage lang festhielt. Ich wog Gewürz ab,

zählte den Knaben Nüsse und Welkpflaumen zu, gab klein Geld heraus;

letzteres nicht ohne häufige Irrungen, wo denn immer Barbara

dazwischenfuhr, gewalttätig wegnahm, was ich eben in den Händen hielt,

und mich vor den Kunden verlachte und verspottete. Machte ich einem

der Käufer einen Bückling oder empfahl mich ihnen, so sagte sie barsch,

ehe die Leute noch zur Türe hinaus waren: Die Ware empfiehlt! und

kehrte mir den Rücken. Manchmal aber wieder war sie ganz Güte. Sie

hörte mir zu, wenn ich erzählte, was in der Stadt vorging; aus meinen

Kinderjahren; von dem Beamtenwesen in der Kanzlei, wo wir uns zuerst

kennengelernt. Dabei ließ sie mich aber immer allein sprechen und gab

nur durch einzelne Worte ihre Billigung oder--was öfter der Fall

war--ihre Mißbilligung zu erkennen.

Von Musik oder Gesang war nie die Rede. Erstlich meinte sie, man

müsse entweder singen oder das Maul halten, zu reden sei da nichts.

Das Singen selbst aber ging nicht an. Im Laden war es unziemlich, und

die Hinterstube, die sie und ihr Vater gemeinschaftlich bewohnten,

durfte ich nicht betreten. Einmal aber, als ich unbemerkt zur Türe

hereintrat, stand sie eben auf den Zehenspitzen emporgerichtet, den

Rücken mir zugekehrt und mit den erhobenen Händen, wie man nach etwas

sucht, auf einem der höheren Stellbretter herumtastend. Und dabei

sang sie leise in sich hinein.--Es war das Lied, mein Lied!--Sie aber

zwitscherte wie eine Grasmücke, die am Bache das Hälslein wäscht und

das Köpfchen herumwirft und die Federn sträubt und wieder glättet mit

dem Schnäblein. Mir war, als ginge ich auf grünen Wiesen. Ich

schlich näher und näher und war schon so nahe, daß das Lied nicht mehr

von außen, daß es aus mir herauszutönen schien, ein Gesang der Seelen.

Da konnte ich mich nicht mehr halten und faßte mit beiden Händen

ihren in der Mitte nach vorn strebenden und mit den Schultern gegen

mich gesenkten Leib. Da aber kam's. Sie wirbelte wie ein Kreisel um

sich selbst. Glutrot vor Zorn im Gesichte stand sie vor mir da; ihre

Hand zuckte, und ehe ich mich entschuldigen konnte-Sie hatten, wie ich

schon früher berichtet, auf der Kanzlei öfter von einer Ohrfeige

erzählt, die Barbara, noch als Kuchenhändlerin, einem Zudringlichen

gegeben. Was sie da sagten von der Stärke des eher klein zu nennenden

Mädchens und der Schwungkraft ihrer Hand, schien höchlich und zum

Scherze übertrieben. Es verhielt sich aber wirklich so und ging ins

Riesenhafte. Ich stand wie vom Donner getroffen. Die Lichter tanzten

mir vor den Augen.--Aber es waren Himmelslichter. Wie Sonne, Mond und

Sterne; wie die Engelein, die Versteckens spielen und dazu singen.

Ich hatte Erscheinungen, ich war verzückt. Sie aber, kaum minder

erschrocken als ich, fuhr mit ihrer Hand wie begütigend über die

geschlagene Stelle. Es mag wohl zu stark ausgefallen sein, sagte sie,

und--wie ein zweiter Blitzstrahl--fühlte ich plötzlich ihren warmen

Atem auf meiner Wange und ihre zwei Lippen, und sie küßte mich; nur

leicht, leicht; aber es war ein Kuß auf diese meine Wange, hier!"

Dabei klatschte der alte Mann auf seine Backe, und die Tränen traten

ihm aus den Augen. "Was nun weiter geschah, weiß ich nicht", fuhr er

fort. "Nur daß ich auf sie losstürzte und sie in die Wohnstube lief

und die Glastüre zuhielt, während ich von der andern Seite nachdrängte.

Wie sie nun zusammengekrümmt und mit aller Macht sich entgegenstemmend

gleichsam an dem Türfenster klebte, nahm ich mir ein Herz, verehrtester

Herr, und gab ihr ihren Kuß heftig zurück, durch das Glas.

Oho, hier geht's lustig her! hörte ich hinter mir rufen. Es war der

Griesler, der eben nach Hause kam. Nu, was sich neckt--sagte er.

Komm nur heraus, Bärbe, und mach keine Dummheiten! Einen Kuß in Ehren

kann niemand wehren.--Sie aber kam nicht. Ich selbst entfernte mich

nach einigen halb bewußtlos gestotterten Worten, wobei ich den Hut des

Grieslers statt des meinigen nahm, den er lachend mir in der Hand

austauschte. Das war, wie ich ihn schon früher nannte, der Glückstag

meines Lebens. Fast hätte ich gesagt: der einzige, was aber nicht

wahr wäre, denn der Mensch hat viele Gnaden von Gott.

Der arme Spielmann · 第 2 / 3 段