Die Morgenstunden haben für mich immer einen einen eigenen W

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DER ARME SPIELMANN

von FRANZ GRILLPARZER

Erzählung (1847)

In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres

samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein

Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es

selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können sie es nur in

ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine Möglichkeit der

Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine.

An diesem Tage feiert die mit dem Augarten, der Leopoldstadt, dem

Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhängende Brigittenau ihre

Kirchweihe. Von Brigittenkirchtag zu Brigittenkirchtag zählt seine

guten Tage das arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das

saturnalische Fest. Da entsteht Aufruhr in der gutmütig ruhigen Stadt.

Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten,

Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt.

Der Unterschied der Stände ist verschwunden; Bürger und Soldat teilt

die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen,

verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber

die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich,

ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge

des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem

alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke

entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender

Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich.

Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust.

Schon zwischen Stadt und Brücke haben sich Korbwagen aufgestellt für

die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der

Dienstbarkeit und der Arbeit. Überfüllt und dennoch im Galopp

durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und

hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien

ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu

überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren zu werden,

auch ohne alle Aufmerksamkeit.

Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen

kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den

oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich

fünf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und

Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die, sich

selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das

alte Sprichwort "Besser schlecht gefahren, als zu Fuße gegangen"

offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die

geputzten Damen in den scheinbar stillestehenden Kutschen. Des

immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe,

als wollte er seinen durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg

obenhin über diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und

Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten

scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner

Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei

Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog.

Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter

ein Peitschenhieb.

Endlich, wie denn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige

Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint

auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des

Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land!

Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und

mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen

herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. Und so fort und

immer weiter, bis endlich der breite Hafen der Lust sich auftut und

Wald und Wiese, Musik und Tanz, Wein und Schmaus, Schattenspiel und

Seiltänzer, Erleuchtung und Feuerwerk sich zu einem pays de cocagne,

einem Eldorado, einem eigentlichen Schlaraffenlande vereinigen, das

leider, oder glücklicherweise, wie man es nimmt, nur einen und den

nächst darauffolgenden Tag dauert, dann aber verschwindet, wie der

Traum einer Sommernacht, und nur in der Erinnerung zurückbleibt und

allenfalls in der Hoffnung.

Ich versäume nicht leicht, diesem Feste beizuwohnen. Als ein

leidenschaftlicher Liebhaber der Menschen, vorzüglich des Volkes, so

daß mir selbst als dramatischem Dichter der rückhaltslose Ausbruch

eines überfüllten Schauspielhauses immer zehnmal interessanter, ja

belehrender war als das zusammengeklügelte Urteil eines an Leib und

Seele verkrüppelten, von dem Blut ausgezogener Autoren spinnenartig

aufgeschwollenen literarischen Matadors; als ein Liebhaber der

Menschen, sage ich, besonders wenn sie in Massen für einige Zeit der

einzelnen Zwecke vergessen und sich als Teile des Ganzen fühlen, in

dem denn doch zuletzt das Göttliche liegt--als einem solchen ist mir

jedes Volksfest ein eigentliches Seelenfest, eine Wallfahrt, eine

Andacht. Wie aus einem aufgerollten, ungeheuren, dem Rahmen des

Buches entsprungenen Plutarch lese ich aus den heitern und heimlich

bekümmerten Gesichtern, dem lebhaften oder gedrückten Gange, dem

wechselseitigen Benehmen der Familienglieder, den einzelnen halb

unwillkürlichen Äußerungen mir die Biographien der unberühmten

Menschen zusammen, und wahrlich! man kann die Berühmten nicht

verstehen, wenn man die Obskuren nicht durchgefühlt hat. Von dem

Wortwechsel weinerhitzter Karrenschieber spinnt sich ein unsichtbarer,

aber ununterbrochener Faden bis zum Zwist der Göttersöhne, und in der

jungen Magd, die, halb wider Willen, dem drängenden Liebhaber seitab

vom Gewühl der Tanzenden folgt, liegen als Embryo die Julien, die

Didos und die Medeen.

Auch vor zwei Jahren hatte ich mich, wie gewöhnlich, den lustgierigen

Kirchweihgästen als Fußgänger mit angeschlossen. Schon waren die

Hauptschwierigkeiten der Wanderung überwunden und ich befand mich

bereits am Ende des Augartens, die ersehnte Brigittenau hart vor mir

liegend. Hier ist nun noch ein, wenngleich der letzte Kampf zu

bestehen. Ein schmaler Damm, zwischen undurchdringlichen Befriedungen

hindurchlaufend, bildet die einzige Verbindung der beiden Lustorte,

deren gemeinschaftliche Grenze ein in der Mitte befindliches hölzernes

Gittertor bezeichnet. An gewöhnlichen Tagen und für gewöhnliche

Spaziergänger bietet dieser Verbindungsweg überflüssigen Raum; am

Kirchweihfeste aber würde seine Breite, auch vierfach genommen, noch

immer zu schmal sein für die endlose Menge, die, heftig nachdrängend

und von Rückkehrenden im entgegengesetzten Sinne durchkreuzt, nur

durch die allseitige Gutmütigkeit der Lustwandelnden sich am Ende doch

leidlich zurechtfindet.

Ich hatte mich dem Zug der Menge hingegeben und befand mich in der

Mitte des Dammes, bereits auf klassischem Boden, nur leider zu stets

erneutem Stillestehen, Ausbeugen und Abwarten genötigt. Da war denn

Zeit genug, das seitwärts am Wege Befindliche zu betrachten. Damit es

nämlich der genußlechzenden Menge nicht an einem Vorschmack der zu

erwartenden Seligkeit mangle, hatten sich links am Abhang der erhöhten

Dammstraße einzelne Musiker aufgestellt, die, wahrscheinlich die große

Konkurrenz scheuend, hier an den Propyläen die Erstlinge der noch

unabgenützten Freigebigkeit einernten wollten. Eine Harfenspielerin

mit widerlich starrenden Augen. Ein alter invalider Stelzfuß, der auf

einem entsetzlichen, offenbar von ihm selbst verfertigten Instrumente,

halb Hackbrett und halb Drehorgel, die Schmerzen seiner Verwundung dem

allgemeinen Mitleid auf eine analoge Weise empfindbar machen wollte.

Ein lahmer, verwachsener Knabe, er und seine Violine einen einzigen

ununterscheidbaren Knäuel bildend, der endlos fortrollende Walzer mit

all der hektischen Heftigkeit seiner verbildeten Brust herabspielte.

Endlich--und er zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich--ein alter,

leicht siebzigjähriger Mann in einem fadenscheinigen, aber nicht

unreinlichen Molltonüberrock mit lächelnder, sich selbst Beifall

gebender Miene. Barhäuptig und kahlköpfig stand er da, nach Art

dieser Leute, den Hut als Sammelbüchse vor sich auf dem Boden, und so

bearbeitete er eine alte vielzersprungene Violine, wobei er den Takt

nicht nur durch Aufheben und Niedersetzen des Fußes, sondern zugleich

durch übereinstimmende Bewegung des ganzen gebückten Körpers markierte.

Aber all diese Bemühung, Einheit in seine Leistung zu bringen, war

fruchtlos, denn was er spielte, schien eine unzusammenhängende Folge

von Tönen ohne Zeitmaß und Melodie. Dabei war er ganz in sein Werk

vertieft: die Lippen zuckten, die Augen waren starr auf das vor ihm

befindliche Notenblatt gerichtet ja wahrhaftig Notenblatt! Denn indes

alle andern, ungleich mehr zu Dank spielenden Musiker sich auf ihr

Gedächtnis verließen, hatte der alte Mann mitten in dem Gewühle ein

kleines, leicht tragbares Pult vor sich hingestellt mit schmutzigen,

zergriffenen Noten, die das in schönster Ordnung enthalten mochten,

was er so außer allem Zusammenhange zu hören gab. Gerade das

Ungewöhnliche dieser Ausrüstung hatte meine Aufmerksamkeit auf ihn

gezogen, so wie es auch die Heiterkeit des vorüberwogenden Haufens

erregte, der ihn auslachte und den zum Sammeln hingestellten Hut des

alten Mannes leer ließ, indes das übrige Orchester ganze Kupferminen

einsackte. Ich war, um das Original ungestört zu betrachten, in

einiger Entfernung auf den Seitenabhang des Dammes getreten. Er

spielte noch eine Weile fort. Endlich hielt er ein, blickte, wie aus

einer langen Abwesenheit zu sich gekommen, nach dem Firmament, das

schon die Spuren des nahenden Abends zu zeigen anfing, darauf abwärts

in seinen Hut, fand ihn leer, setzte ihn mit ungetrübter Heiterkeit

auf, steckte den Geigenbogen zwischen die Saiten; "Sunt certi denique

fines", sagte er, ergriff sein Notenpult und arbeitete sich mühsam

durch die dem Feste zuströmende Menge in entgegengesetzter Richtung,

als einer, der heimkehrt.

Das ganze Wesen des alten Mannes war eigentlich wie gemacht, um meinen

anthropologischen Heißhunger aufs äußerste zu reizen. Die dürftige

und doch edle Gestalt, seine unbesiegbare Heiterkeit, so viel

Kunsteifer bei so viel Unbeholfenheit; daß er gerade zu einer Zeit

heimkehrte, wo für andere seinesgleichen erst die eigentliche Ernte

anging; endlich die wenigen, aber mit der richtigsten Betonung, mit

völliger Geläufigkeit gesprochenen lateinischen Worte. Der Mann hatte

also eine sorgfältigere Erziehung genossen, sich Kenntnisse eigen

gemacht, und nun--ein Bettelmusikant! Ich zitterte vor Begierde nach

dem Zusammenhange.

Aber schon befand sich ein dichter Menschenwall zwischen mir und ihm.

Klein, wie er war, und durch das Notenpult in seiner Hand nach allen

Seiten hin störend, schob ihn einer dem andern zu, und schon hatte ihn

das Ausgangsgitter aufgenommen, indes ich noch in der Mitte des Dammes

mit der entgegenströmenden Menschenwoge kämpfte. So entschwand er mir,

und als ich endlich selbst ins ruhige Freie gelangte, war nach allen

Seiten weit und breit kein Spielmann mehr zu sehen.

Das verfehlte Abenteuer hatte mir die Lust an dem Volksfest genommen.

Ich durchstrich den Augarten nach allen Richtungen und beschloß

endlich, nach Hause zu kehren.

In die Nähe des kleinen Türchens gekommen, das aus dem Augarten nach

der Taborstraße führt, hörte ich plötzlich den bekannten Ton der alten

Violine wieder. Ich verdoppelte meine Schritte, und siehe da! der

Gegenstand meiner Neugier stand, aus Leibeskräften spielend, im Kreise

einiger Knaben, die ungeduldig einen Walzer von ihm verlangten.

"Einen Walzer spiel!" riefen sie; "einen Walzer, hörst du nicht?" Der

Alte geigte fort, scheinbar ohne auf sie zu achten, bis ihn die kleine

Zuhörerschar schmähend und spottend verließ, sich um einen Leiermann

sammelnd, der seine Drehorgel in der Nähe aufgestellt hatte.

"Sie wollen nicht tanzen", sagte wie betrübt der alte Mann, sein

Musikgeräte zusammenlegend. Ich war ganz nahe zu ihm getreten. "Die

Kinder kennen eben keinen andern Tanz als den Walzer", sagte ich.

"Ich spielte einen Walzer", versetzte er, mit dem Geigenbogen den Ort

des soeben gespielten Stückes auf seinem Notenblatte bezeichnend.

"Man muß derlei auch führen, der Menge wegen. Aber die Kinder haben

kein Ohr", sagte er, indem er wehmütig den Kopf schüttelte.--"Lassen

Sie mich wenigstens ihren Undank wieder gutmachen", sprach ich, ein

Silberstück aus der Tasche ziehend und ihm hinreichend.--"Bitte! bitte!"

rief der alte Mann, wobei er mit beiden Händen ängstlich abwehrende

Bewegungen machte, "in den Hut! in den Hut!"--Ich legte das Geldstück

in den vor ihm stehenden Hut, aus dem es unmittelbar darauf der Alte

herausnahm und ganz zufrieden einsteckte, "das heißt einmal mit

reichem Gewinn nach Hause gehen", sagte er schmunzelnd.--"Eben recht",

sprach ich, "erinnern Sie mich auf einen Umstand, der schon früher

meine Neugier rege machte! Ihre heutige Einnahme scheint nicht die

beste gewesen zu sein, und doch entfernen Sie sich in einem

Augenblicke, wo eben die eigentliche Ernte angeht. Das Fest dauert,

wissen Sie wohl, die ganze Nacht, und Sie könnten da leicht mehr

gewinnen als an acht gewöhnlichen Tagen. Wie soll ich mir das

erklären?"

"Wie Sie sich das erklären sollen", versetzte der Alte. "Verzeihen

Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie müssen ein wohltätiger

Herr sein und ein Freund der Musik", dabei zog er das Silberstück noch

einmal aus der Tasche und drückte es zwischen seine gegen die Brust

gehobenen Hände. "Ich will Ihnen daher nur die Ursachen angeben,

obgleich ich oft deshalb verlacht worden bin. Erstens war ich nie ein

Nachtschwärmer und halte es auch nicht für recht, andere durch Spiel

und Gesang zu einem solchen widerlichen Vergehen anzureizen; zweitens

muß sich der Mensch in allen Dingen eine gewisse Ordnung festsetzen,

sonst gerät er ins Wilde und Unaufhaltsame. Drittens endlich--Herr!

ich spiele den ganzen Tag für die lärmenden Leute und gewinne kaum

kärglich Brot dabei; aber der Abend gehört mir und meiner armen Kunst.

Abends halte ich mich zu Hause, und"--dabei ward seine Rede immer

leiser, Röte überzog sein Gesicht, sein Auge suchte den Boden--"da

spiele ich denn aus der Einbildung, so für mich ohne Noten.

Phantasieren, glaub ich, heißt es in den Musikbüchern."

Wir waren beide ganz stille geworden. Er, aus Beschämung über das

verratene Geheimnis seines Innern; ich, voll Erstaunen, den Mann von

den höchsten Stufen der Kunst sprechen zu hören, der nicht imstande

war, den leichtesten Walzer faßbar wiederzugeben. Er bereitete sich

indes zum Fortgehen. "Wo wohnen Sie?" sagte ich. "Ich möchte wohl

einmal Ihren einsamen Übungen beiwohnen."--"Oh", versetzte er fast

flehend, "Sie wissen wohl, das Gebet gehört ins Kämmerlein."--"So will

ich Sie denn einmal am Tage besuchen", sagte ich.--"Den Tag über",

erwiderte er, "gehe ich meinem Unterhalt bei den Leuten nach."--"Also

des Morgens denn."--"Sieht es doch beinahe aus", sagte der Alte

lächelnd, "als ob Sie, verehrter Herr, der Beschenkte wären und ich,

wenn es mir erlaubt ist zu sagen, der Wohltäter; so freundlich sind

Sie, und so widerwärtig ziehe ich mich zurück. Ihr vornehmer Besuch

wird meiner Wohnung immer eine Ehre sein; nur bäte ich, daß Sie den

Tag Ihrer Dahinkunft mir großgünstig im voraus bestimmten, damit weder

Sie durch Ungehörigkeit aufgehalten, noch ich genötigt werde, ein zur

Zeit etwa begonnenes Geschäft unziemlich zu unterbrechen. Mein Morgen

nämlich hat auch seine Bestimmung. Ich halte es jedenfalls für meine

Pflicht, meinen Gönnern und Wohltätern für ihr Geschenk eine nicht

ganz unwürdige Gegengabe darzureichen. Ich will kein Bettler sein,

verehrter Herr. Ich weiß wohl, daß die übrigen öffentlichen

Musikleute sich damit begnügen, einige auswendig gelernte Gassenhauer,

Deutschwalzer, ja wohl gar Melodien von unartigen Liedern, immer

wieder von denselben anfangend, fort und fort herabzuspielen, so daß

man ihnen gibt, um ihrer loszuwerden, oder weil ihr Spiel die

Erinnerung genossener Tanzfreuden oder sonst unordentlicher

Ergötzlichkeiten wieder lebendig macht. Daher spielen sie auch aus

dem Gedächtnis und greifen falsch mitunter, ja häufig. Von mir aber

sei fern zu betrügen. Ich habe deshalb, teils weil mein Gedächtnis

überhaupt nicht das beste ist, teils weil es für jeden schwierig sein

dürfte, verwickelte Zusammensetzungen geachteter Musikverfasser Note

für Note bei sich zu behalten, diese Hefte mir selbst ins reine

geschrieben." Er zeigte dabei durchblätternd auf sein Musikbuch, in

dem ich zu meinem Entsetzen mit sorgfältiger, aber widerlich steifer

Schrift ungeheuer schwierige Kompositionen alter berühmter Meister,

ganz schwarz von Passagen und Doppelgriffen, erblickte. Und derlei

spielte der alte Mann mit seinen ungelenken Fingern! "Indem ich nun

diese Stücke spiele", fuhr er fort, "bezeige ich meine Verehrung den

nach Stand und Würden geachteten, längst nicht mehr lebenden Meistern

und Verfassern, tue mir selbst genug und lebe der angenehmen Hoffnung,

daß die mir mildest gereichte Gabe nicht ohne Entgelt bleibt durch

Veredlung des Geschmackes und Herzens der ohnehin von so vielen Seiten

gestörten und irregeleiteten Zuhörerschaft. Da derlei aber, auf daß

ich bei meiner Rede bleibe"--und dabei überzog ein selbstgefälliges

Lächeln seine Züge--, "da derlei aber eingeübt sein will, sind meine

Morgenstunden ausschließend diesem Exercitium bestimmt. Die drei

ersten Stunden des Tages der Übung, die Mitte dem Broterwerb, und der

Abend mir und dem lieben Gott, das heißt nicht unehrlich geteilt",

sagt er, und dabei glänzten seine Augen wie feucht; er lächelte aber.

"Gut denn", sagte ich, "so werde ich Sie einmal morgens überraschen.

Wo wohnen Sie?" Er nannte mir die Gärtnergasse.

--"Hausnummer?"--"Nummer 34 im ersten Stocke."--"In der Tat", rief ich,

"im Stockwerke der Vornehmen?"--"Das Haus", sagte er, "hat zwar

eigentlich nur ein Erdgeschoß; es ist aber oben neben der Bodenkammer

noch ein kleines Zimmer, das bewohne ich gemeinschaftlich mit zwei

Handwerksgesellen."--"Ein Zimmer zu dreien?"--"Es ist abgeteilt",

sagte er, "und ich habe mein eigenes Bette."

"Es wird spät" sprach ich, "und Sie wollen nach Hause. Auf

Wiedersehen denn!" und dabei fuhr ich in die Tasche, um das früher

gereichte gar zu kleine Geldgeschenk allenfalls zu verdoppeln. Er

aber hatte mit der einen Hand das Notenpult, mit der andern seine

Violine angefaßt und rief hastig: "Was ich devotest verbitten muß.

Das Honorarium für mein Spiel ist mir bereits in Fülle zuteil geworden,

eines andern Verdienstes aber bin ich mir zur Zeit nicht bewußt."

Dabei machte er mir mit einer Abart vornehmer Leichtigkeit einen

ziemlich linkischen Kratzfuß und entfernte sich, so schnell ihn seine

alten Beine trugen.

Ich hatte, wie gesagt, die Lust verloren, dem Volksfeste für diesen

Tag länger beizuwohnen, ich ging daher heimwärts, den Weg nach der

Leopoldstadt einschlagend, und, von Staub und Hitze erschöpft, trat

ich in einen der dortigen vielen Wirtsgärten, die, an gewöhnlichen

Tagen überfüllt, heute ihre ganze Kundschaft der Brigittenau abgegeben

hatten. Die Stille des Ortes, im Abstich der lärmenden Volksmenge,

tat mir wohl, und mich verschiedenen Gedanken überlassend, an denen

der alte Spielmann nicht den letzten Anteil hatte, war es völlig Nacht

geworden, als ich endlich des Nachhausegehens gedachte, den Betrag

meiner Rechnung auf den Tisch legte und der Stadt zuschritt.

In der Gärtnergasse, hatte der alte Mann gesagt, wohne er. "Ist hier

in der Nähe eine Gärtnergasse?" fragte ich einen kleinen Jungen, der

über den Weg lief. "Dort, Herr!" versetzte er, indem er auf eine

Querstraße hinwies, die, von der Häusermasse der Vorstadt sich

entfernend, gegen das freie Feld hinaus lief. Ich folgte der Richtung.

Die Straße bestand aus zerstreuten einzelnen Häusern, die, zwischen

großen Küchengärten gelegen, die Beschäftigung der Bewohner und den

Ursprung des Namens Gärtnergasse augenfällig darlegten. In welcher

dieser elenden Hütten wohl mein Original wohnen mochte? Ich hatte die

Hausnummer glücklich vergessen, auch war in der Dunkelheit an das

Erkennen irgendeiner Bezeichnung kaum zu denken. Da schritt, auf mich

zukommend, ein mit Küchengewächsen schwer beladener Mann an mir

vorüber. "Kratzt der Alte einmal wieder", brummte er, "und stört die

ordentlichen Leute in ihrer Nachtruhe." Zugleich, wie ich vorwärtsging,

schlug der leise, langgehaltene Ton einer Violine an mein Ohr, der

aus dem offenstehenden Bodenfenster eines wenig entfernten ärmlichen

Hauses zu kommen schien, das, niedrig und ohne Stockwerk wie die

übrigen, sich durch dieses in der Umgrenzung des Daches liegende

Giebelfenster vor den andern auszeichnete. Ich stand stille. Ein

leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit,

senkte sich, verklang, um gleich darauf wieder bis zum lautesten

Gellen emporzusteigen, und zwar immer derselbe Ton, mit einer Art

genußreichem Daraufberuhen wiederholt. Endlich kam ein Intervall. Es

war die Quarte. Hatte der Spieler sich vorher an dem Klange des

einzelnen Tones geweidet, so war nun das gleichsam wollüstige

Schmecken dieses harmonischen Verhältnisses noch ungleich fühlbarer.

Sprungweise gegriffen, zugleich gestrichen, durch die dazwischen-

liegende Stufenreihe höchst holperig verbunden, die Terz

markiert, wiederholt. Die Quinte darangefügt, einmal mit zitterndem

Klang wie ein stilles Weinen, ausgehalten, verhallend, dann in

wirbelnder Schnelligkeit ewig wiederholt, immer dieselben Verhältnisse,

die nämlichen Töne.--Und das nannte der alte Mann Phantasieren!

--Obgleich es im Grunde allerdings ein Phantasieren war, für den

Spieler nämlich, nur nicht auch für den Hörer.

Ich weiß nicht, wie lange das gedauert haben mochte und wie arg es

geworden war, als plötzlich die Türe des Hauses aufging, ein Mann, nur

mit dem Hemde und lose eingeknöpftem Beinkleide angetan, von der

Schwelle bis in die Mitte der Straße trat und zu dem Giebelfenster

emporrief: "Soll das heute einmal wieder gar kein Ende nehmen?" Der

Ton der Stimme war dabei unwillig, aber nicht hart oder beleidigend.

Die Violine verstummte, ehe die Rede noch zu Ende war. Der Mann ging

ins Haus zurück, das Giebelfenster schloß sich, und bald herrschte

eine durch nichts unterbrochene Totenstille um mich her. Ich trat,

mühsam in den mir unbekannten Gassen mich zurechtfindend, den Heimweg

an, wobei ich auch phantasierte, aber, niemand störend, für mich, im

Kopfe.

Die Morgenstunden haben für mich immer einen einen eigenen Wert gehabt.

Es ist, als ob es mir Bedürfnis wäre, durch die Beschäftigung mit

etwas Erhebendem, Bedeutendem in den ersten Stunden des Tages mir den

Rest desselben gewissermaßen zu heiligen. Ich kann mich daher nur

schwer entschließen, am frühen Morgen mein Zimmer zu verlassen, und

wenn ich ohne vollgültige Ursache mich einmal dazu nötige, so habe ich

für den übrigen Tag nur die Wahl zwischen gedankenloser Zerstreuung

oder selbstquälerischem Trübsinn. So kam es, daß ich durch einige

Tage den Besuch bei dem alten Manne, der verabredetermaßen in den

Morgenstunden stattfinden sollte, verschob. Endlich ward die Ungeduld

meiner Herr, und ich ging. Die Gärtnergasse war leicht gefunden,

ebenso das Haus. Die Töne der Violine ließen sich auch diesmal hören,

aber durch das geschlossene Fenster bis zum Ununterscheidbaren

gedämpft. Ich trat ins Haus. Eine vor Erstaunen halb sprachlose

Gärtnersfrau wies mich eine Bodentreppe hinauf. Ich stand vor einer

niedern und halb schließenden Türe, pochte, erhielt keine Antwort,

drückte endlich die Klinke und trat ein. Ich befand mich in einer

ziemlich geräumigen, sonst aber höchst elenden Kammer, deren Wände von

allen Seiten den Umrissen des spitzzulaufenden Daches folgten. Hart

neben der Türe ein schmutziges, widerlich verstörtes Bette, von allen

Zutaten der Unordentlichkeit umgeben; mir gegenüber, hart neben dem

schmalen Fenster, eine zweite Lagerstätte, dürftig, aber reinlich, und

höchst sorgfältig gebettet und bedeckt. Am Fenster ein kleines

Tischchen mit Notenpapier und Schreibgeräte, im Fenster ein paar

Blumentöpfe. Die Mitte des Zimmers von Wand zu Wand war am Boden mit

einem dicken Kreidenstriche bezeichnet, und man kann sich kaum einen

grelleren Abstich von Schmutz und Reinlichkeit denken, als diesseits

und jenseits der gezogenen Linie, dieses Äquators einer Welt im

kleinen, herrschte.

Hart an dem Gleicher hatte der alte Mann sein Notenpult hingestellt

und stand, völlig und sorgfältig gekleidet, davor und--exerzierte. Es

ist schon bis zum Übelklang so viel von den Mißklängen meines, und ich

fürchte beinahe, nur meines Lieblings die Rede gewesen, daß ich den

Leser mit der Beschreibung dieses höllischen Konzertes verschonen will.

Da die Übung größtenteils aus Passagen bestand, so war an ein

Erkennen der gespielten Stücke nicht zu denken, was übrigens auch

sonst nicht leicht gewesen sein möchte. Einige Zeit Zuhörens ließ

mich endlich den Faden durch dieses Labyrinth erkennen, gleichsam die

Methode in der Tollheit. Der Alte genoß, indem er spielte. Seine

Auffassung unterschied hierbei aber schlechthin nur zweierlei, den

Wohlklang und den Übelklang, von denen der erstere ihn erfreute, ja

entzückte, indes er dem letztern, auch dem harmonisch begründeten,

nach Möglichkeit aus dem Wege ging. Statt nun in einem Musikstücke

nach Sinn und Rhythmus zu betonen, hob er heraus, verlängerte er die

dem Gehör wohltuenden Noten und Intervalle, ja nahm keinen Anstand,

sie willkürlich zu wiederholen, wobei sein Gesicht oft geradezu den

Ausdruck der Verzückung annahm. Da er nun zugleich die Dissonanzen so

kurz als möglich abtat, überdies die für ihn zu schweren Passagen, von

denen er aus Gewissenhaftigkeit nicht eine Note fallen ließ, in einem

gegen das Ganze viel zu langsamen Zeitmaß vortrug, so kann man sich

wohl leicht eine Idee von der Verwirrung machen, die daraus hervorging.

Mir ward es nachgerade selbst zuviel. Um ihn aus seiner Abwesenheit

zurückzubringen, ließ ich absichtlich den Hut fallen, nachdem ich

mehrere Mittel schon fruchtlos versucht hatte. Der alte Mann fuhr

zusammen, seine Knie zitterten, kaum konnte er die zum Boden gesenkte

Violine halten. Ich trat hinzu. "Oh, Sie sind's, gnädiger Herr!"

sagte er, gleichsam zu sich selbst kommend. "Ich hatte nicht auf

Erfüllung Ihres hohen Versprechens gerechnet." Er nötigte mich zu

sitzen, räumte auf, legte hin, sah einigemal verlegen im Zimmer herum,

ergriff dann plötzlich einen auf einem Tische neben der Stubentür

stehenden Teller und ging mit demselben zu jener hinaus. Ich hörte

ihn draußen mit der Gärtnersfrau sprechen. Bald darauf kam er wieder

verlegen zur Türe herein, wobei er den Teller hinter dem Rücken

verbarg und heimlich wieder hinstellte. Er hatte offenbar Obst

verlangt, um mich zu bewirten, es aber nicht erhalten können. "Sie

wohnen hier recht hübsch", sagte ich, um seiner Verlegenheit ein Ende

zu machen. "Die Unordnung ist verwiesen. Sie nimmt ihren Rückzug

durch die Türe, wenn sie auch derzeit noch nicht ganz über die

Schwelle ist.--Meine Wohnung reicht nur bis zu dem Striche", sagte der

Alte, wobei er auf die Kreidenlinie in der Mitte des Zimmers zeigte.

"Dort drüben wohnen zwei Handwerksgesellen."--"Und respektieren diese

Ihre Bezeichnung?"--"Sie nicht, aber ich", sagte er. "Nur die Türe

ist gemeinschaftlich."--"Und werden Sie nicht gestört von Ihrer

Nachbarschaft?"--"Kaum", meinte er. "Sie kommen des Nachts spät nach

Hause, und wenn sie mich da auch ein wenig im Bette aufschrecken, so

ist dafür die Lust des Wiedereinschlafens um so größer. Des Morgens

aber wecke ich sie, wenn ich mein Zimmer in Ordnung bringe. Da

schelten sie wohl ein wenig und gehen." Ich hatte ihn währenddessen

betrachtet. Er war höchst reinlich gekleidet, die Gestalt gut genug

für seine Jahre, nur die Beine etwas zu kurz. Hand und Fuß von

auffallender Zartheit.--"Sie sehen mich an", sagte er, "und haben

dabei Ihre Gedanken?"--"Daß ich nach Ihrer Geschichte lüstern bin",

versetzte ich.--"Geschichte?" wiederholte er. "Ich habe keine

Geschichte. Heute wie gestern, und morgen wie heute. übermorgen

freilich und weiter hinaus, wer kann das wissen? Doch Gott wird

sorgen, der weiß es"--"Ihr jetziges Leben mag wohl einförmig genug

sein", fuhr ich fort; "aber Ihre früheren Schicksale. Wie es sich

fügte--" "Daß ich unter die Musikleute kam?" fiel er in die Pause ein,

die ich unwillkürlich gemacht hatte. Ich erzählte ihm nun, wie er mir

beim ersten Anblicke aufgefallen; den Eindruck, den die von ihm

gesprochenen lateinischen Worte auf mich gemacht hätten. "Lateinisch",

tönte er nach. "Lateinisch? das habe ich freilich auch einmal

gelernt oder vielmehr hätte es lernen sollen und können. Loqueris

latine?" wandte er sich gegen mich, "aber ich könnte es nicht

fortsetzen. Es ist gar zu lange her. Das also nennen Sie meine

Geschichte? Wie es kam?--Ja so! da ist denn freilich allerlei

geschehen; nichts Besonderes, aber doch allerlei. Möchte ich mir's

doch selbst einmal wieder erzählen. Ob ich's nicht gar vergessen habe.

Es ist noch früh am Morgen", fuhr er fort, wobei er in die Uhrtasche

griff, in der sich freilich keine Uhr befand.--Ich zog die meine, es

war kaum 9 Uhr.--"Wir haben Zeit, und fast kommt mich die Lust zu

schwatzen an." Er war während des letzten zusehends ungezwungener

geworden. Seine Gestalt verlängerte sich. Er nahm mir ohne zu große

Umstände den Hut aus der Hand und legte ihn aufs Bette; schlug sitzend

ein Bein über das andere und nahm überhaupt die Lage eines mit

Bequemlichkeit Erzählenden an.

"Sie haben"--hob er an--"ohne Zweifel von dem Hofrate--gehört?" Hier

nannte er den Namen eines Staatsmannes, der in der [zweiten] Hälfte

des vorigen Jahrhunderts unter dem bescheidenen Titel eines

Bureauchefs einen ungeheuren, beinahe ministerähnlichen Einfluß

ausgeübt hatte. Ich bejahte meine Kenntnis des Mannes. "Er war mein

Vater", fuhr er fort.--Sein Vater? des alten Spielmanns? des Bettlers?

Der Einflußreiche, der Mächtige sein Vater? Der Alte schien mein

Erstaunen nicht zu bemerken, sondern spann, sichtbar vergnügt, den

Faden seiner Erzählung weiter. "Ich war der mittlere von drei Brüdern,

die in Staatsdiensten hoch hinaufkamen, nun aber schon beide tot sind;

ich allein lebe noch", sagte er und zupfte dabei an seinen

fadenscheinigen Beinkleidern, mit niedergeschlagenen Augen einzelne

Federchen davon herablesend. "Mein Vater war ehrgeizig und heftig.

Meine Brüder taten ihm genug. Mich nannte man einen langsamen Kopf;

und ich war langsam. Wenn ich mich recht erinnere", sprach er weiter,

und dabei senkte er, seitwärts gewandt, wie in eine weite Ferne

hinausblickend, den Kopf gegen die unterstützende linke Hand--"wenn

ich mich recht erinnere, so wäre ich wohl imstande gewesen, allerlei

zu erlernen, wenn man mir nur Zeit und Ordnung gegönnt hätte. Meine

Brüder sprangen wie Gemsen von Spitze zu Spitze in den Lehrgegen-

ständen herum, ich konnte aber durchaus nichts hinter mir lassen,

und wenn mir ein einziges Wort fehlte, mußte ich von vorne anfangen.

So ward ich denn immer gedrängt. Das Neue sollte auf den Platz, den

das Alte noch nicht verlassen hatte, und ich begann stockisch zu werden.

So hatten sie mir die Musik, die jetzt die Freude und zugleich der Stab

meines Lebens ist, geradezu verhaßt gemacht. Wenn ich abends im

Zwielicht die Violine ergriff, um mich nach meiner Art ohne Noten zu

vergnügen, nahmen sie mir das Instrument und sagten, das verdirbt die

Applikatur, klagten über Ohrenfolter und verwiesen mich auf die

Lehrstunde, wo die Folter für mich anging. Ich habe zeitlebens nichts

und niemand so gehaßt, als ich damals die Geige haßte.

Mein Vater, aufs äußerste unzufrieden, schalt mich häufig und drohte,

mich zu einem Handwerke zu geben. Ich wagte nicht zu sagen, wie

glücklich mich das gemacht hätte. Ein Drechsler oder Schriftsetzer

wäre ich gar zu gerne gewesen. Er hätte es ja aber doch nicht

zugelassen, aus Stolz. Endlich gab eine öffentliche Schulprüfung, der

man, um ihn zu begütigen, meinen Vater beizuwohnen beredet hatte, den

Ausschlag. Ein unredlicher Lehrer bestimmte im voraus, was er mich

fragen werde, und so ging alles vortrefflich. Endlich aber fehlte mir,

es waren auswendig zu sagende Verse des Horaz--ein Wort. Mein Lehrer,

der kopfnickend und meinen Vater anlächelnd zugehört hatte, kam

meinem Stocken zu Hilfe und flüsterte es mir zu. Ich aber, der das

Wort in meinem Innern und im Zusammenhange mit dem übrigen suchte,

hörte ihn nicht. Er wiederholte es mehrere Male; umsonst. Endlich

verlor mein Vater die Geduld. Cachinnum! (so hieß das Wort) schrie er

mir donnernd zu. Nun war's geschehen. Wußte ich das eine, so hatte

ich dafür das übrige vergessen. Alle Mühe, mich auf die rechte Bahn

zu bringen, war verloren. Ich mußte mit Schande aufstehen, und als

ich, der Gewohnheit nach, hinging, meinem Vater die Hand zu küssen,

stieß er mich zurück, erhob sich, machte der Versammlung eine kurze

Verbeugung und ging. Ce gueux schalt er mich, was ich damals nicht

war, aber jetzt bin. Die Eltern prophezeien, wenn sie reden!

Übrigens war mein Vater ein guter Mann. Nur heftig und ehrgeizig.

Von diesem Tage an sprach er kein Wort mehr mit mir. Seine Befehle

kamen mir durch die Hausgenossen zu. So kündigte man mir gleich des

nächsten Tages an, daß es mit meinen Studien ein Ende habe. Ich

erschrak heftig, weil ich wußte, wie bitter es meinen Vater kränken

mußte. Ich tat den ganzen Tag nichts als weinen und dazwischen jene

lateinischen Verse rezitieren, die ich nun aufs Und wußte mit den

vorhergehenden und nachfolgenden dazu. Ich versprach, durch Fleiß den

Mangel an Talenten zu ersetzen, wenn man mich noch ferner die Schule

besuchen ließe, mein Vater nahm aber nie einen Entschluß zurück.

Eine Weile blieb ich nun unbeschäftigt im väterlichen Hause. Endlich

tat man mich versuchsweise zu einer Rechenbehörde. Rechnen war aber

nie meine Stärke gewesen. Den Antrag, ins Militär zu treten, wies ich

mit Abscheu zurück. Ich kann noch jetzt keine Uniform ohne

innerlichen Schauder ansehen. Daß man werte Angehörige allenfalls

auch mit Lebensgefahr schützt, ist wohl gut und begreiflich; aber

Blutvergießen und Verstümmlung als Stand, als Beschäftigung. "Nein!

Nein! Nein!" Und dabei fuhr er mit beiden Händen über beide Arme, als

fühlte er stechend eigene und fremde Wunden.

"Ich kam nun in die Kanzlei unter die Abschreiber. Da war ich recht

an meinem Platze. Ich hatte immer das Schreiben mit Lust getrieben,

und noch jetzt weiß ich mir keine angenehmere Unterhaltung, als mit

guter Tinte auf gutem Papier Haar- und Schattenstriche aneinander-

zufügen zu Worten oder auch nur zu Buchstaben. Musiknoten

sind nun gar überaus schön. Damals dachte ich aber noch an keine

Musik.

Ich war fleißig, nur aber zu ängstlich. Ein unrichtiges

Unterscheidungszeichen, ein ausgelassenes Wort im Konzepte, wenn es

sich auch aus dem Sinne ergänzen ließ, machte mir bittere Stunden, Im

Zweifel, ob ich mich genau ans Original halten oder aus eigenem

beisetzen sollte, verging die Zeit angstvoll, und ich kam in den Ruf,

nachlässig zu sein, indes ich mich im Dienst abquälte wie keiner. So

brachte ich ein paar Jahre zu, und zwar ohne Gehalt, da, als die Reihe

der Beförderung an mich kam, mein Vater im Rate einem andern seine

Stimme gab und die übrigen ihm zufielen aus Ehrfurcht.

Um diese Zeit--sieh nur", unterbrach er sich, "es gibt denn doch eine

Art Geschichte. Erzählen wir die Geschichte! Um diese Zeit

ereigneten sich zwei Begebenheiten: die traurigste und die freudigste

meines Lebens. Meine Entfernung aus dem väterlichen Hause nämlich und

das Wiederkehren zur holden Tonkunst, zu meiner Violine, die mir treu

geblieben ist bis auf diesen Tag.

Ich lebte in dem Hause meines Vaters, unbeachtet von den Hausgenossen,

in einem Hinterstübchen, das in den Nachbars-Hof hinausging. Anfangs

aß ich am Familientische, wo niemand ein Wort an mich richtete. Als

aber meine Brüder auswärts befördert wurden und mein Vater beinahe

täglich zu Gast geladen war--die Mutter lebte seit lange nicht mehr--,

fand man es unbequem, meinetwegen eine eigene Küche zu führen. Die

Bedienten erhielten Kostgeld; ich auch, das man mir aber nicht auf die

Hand gab, sondern monatweise im Speisehause bezahlte. Ich war daher

wenig in meiner Stube, die Abendstunden ausgenommen; denn mein Vater

verlangte, daß ich längstens eine halbe Stunde nach dem Schluß der

Kanzlei zu Hause sein sollte. Da saß ich denn, und zwar, meiner schon

damals angegriffenen Augen halber, in der Dämmerung ohne Licht. Ich

dachte auf das und jenes und war nicht traurig und nicht froh.

Wenn ich nun so saß, hörte ich auf dem Nachbarshofe ein Lied singen.

Mehrere Lieder heißt das, worunter mir aber eines vorzüglich gefiel.

Es war so einfach, so rührend und hatte den Nachdruck so auf der

rechten Stelle, daß man die Worte gar nicht zu hören brauchte. Wie

ich denn überhaupt glaube, die Worte verderben die Musik." Nun öffnete

er den Mund und brachte einige heisere, rauhe Töne hervor. "Ich habe

von Natur keine Stimme", sagte er und griff nach der Violine. Er

spielte, und zwar diesmal mit richtigem Ausdrucke, die Melodie eines

gemütlichen, übrigens gar nicht ausgezeichneten Liedes, wobei ihm die

Finger auf den Saiten zitterten und endlich einzelne Tränen über die

Backen liefen.

"Das war das Lied", sagte er, die Violine hinlegend. "Ich hörte es

immer mit neuem Vergnügen. Sosehr es mir aber im Gedächtnis lebendig

war, gelang es mir doch nie, mit der Stimme auch nur zwei Töne davon

richtig zu treffen. Ich ward fast ungeduldig von Zuhören. Da fiel

mir meine Geige in die Augen, die aus meiner Jugend her, wie ein altes

Rüststück, ungebraucht an der Wand hing. Ich griff darnach, und--es

mochte sie wohl der Bediente in meiner Abwesenheit benützt haben--sie

fand sich richtig gestimmt. Als ich nun mit dem Bogen über die Saiten

fuhr, Herr, da war es, als ob Gottes Finger mich angerührt hätte. Der

Ton drang in mein Inneres hinein und aus dem Innern wieder heraus.

Die Luft um mich war wie geschwängert mit Trunkenheit. Das Lied unten

im Hofe und die Töne von meinen Fingern an mein Ohr, Mitbewohner

meiner Einsamkeit. Ich fiel auf die Knie und betete laut und konnte

nicht begreifen, daß ich das holde Gotteswesen einmal gering geschätzt,

ja gehaßt in meiner Kindheit, und küßte die Violine und drückte sie

an mein Herz und spielte wieder und fort.

Das Lied im Hofe--es war eine Weibsperson, die sang--tönte derweile

unausgesetzt; mit dem Nachspielen ging es aber nicht so leicht.

Ich hatte das Lied nämlich nicht in Noten. Auch merkte ich wohl, daß

ich das Wenige der Geigenkunst, was ich etwa einmal wußte, so ziemlich

vergessen hatte. Ich konnte daher nicht das und das, sondern nur

überhaupt spielen. Obwohl mir das jeweilige Was der Musik, mit

Ausnahme jenes Lieds, immer ziemlich gleichgültig war und auch

geblieben ist bis zum heutigen Tag. Sie spielen den Wolfgang Amadeus

Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner.

Die ewige Wohltat und Gnade des Tons und Klangs, seine wundertätige

Übereinstimmung mit dem durstigen, zerlechzenden Ohr, daß"--fuhr er

leiser und schamrot fort--"der dritte Ton zusammenstimmt mit dem

ersten, und der fünfte desgleichen, und die Nota sensibilis

hinaufsteigt wie eine erfüllte Hoffnung, die Dissonanz herabgebeugt

wird als wissentliche Bosheit oder vermessener Stolz und die Wunder

der Bindung und Umkehrung, wodurch auch die Sekunde zur Gnade gelangt

in den Schoß des Wohlklangs.--Mir hat das alles, obwohl viel später,

ein Musiker erklärt. Und, wovon ich aber nichts verstehe, die fuga

und das punctum contra punctum und der canon a due, a tre und so fort,

ein ganzes Himmelsgebäude, eines ins andere greifend, ohne Mörtel

verbunden, und gehalten von Gottes Hand. Davon will niemand etwas

wissen bis auf wenige. Vielmehr stören sie dieses Ein- und Ausatmen

der Seelen durch Hinzufügung allenfalls auch zu sprechender Worte, wie

die Kinder Gottes sich verbanden mit den Töchtern der Erde; daß es

hübsch angreife und eingreife in ein schwieliges Gemüt. Herr", schloß

er endlich, halb erschöpft, "die Rede ist dem Menschen notwendig wie

Speise, man sollte aber auch den Trank rein erhalten, der da kommt von

Gott."

Ich kannte meinen Mann beinahe nicht mehr, so lebhaft war er geworden.

Er hielt ein wenig inne. "Wo blieb ich nur in meiner Geschichte?"

sagte er endlich. "Ei ja, bei dem Liede und meinen Versuchen, es

nachzuspielen. Es ging aber nicht. Ich trat ans Fenster, um besser

zu hören. Da ging eben die Sängerin über den Hof. Ich sah sie nur

von rückwärts, und doch kam sie mir bekannt vor. Sie trug einen Korb

mit, wie es schien, noch ungebackenen Kuchenstücken. Sie trat in ein

Pförtchen in der Ecke des Hofes, da wohl ein Backofen inne sein mochte,

denn immer fortsingend, hörte ich mit hölzernen Geräten scharren,

wobei die Stimme einmal dumpfer und einmal heller klang wie eines, das

sich bückt und in eine Höhlung hineinsingt, dann wieder erhebt und

aufrecht dasteht. Nach einer Weile kam sie zurück, und nun merkte ich

erst, warum sie mir vorher bekannt vorkam. Ich kannte sie nämlich

wirklich seit längerer Zeit. Und zwar aus der Kanzlei.

Damit verhielt es sich so. Die Amtsstunden fingen früh an und währten

über den Mittag hinaus. Mehrere von den jüngeren Beamten, die nun

entweder wirklich Hunger fühlten oder eine halbe Stunde damit vor sich

bringen wollten, pflegten gegen eilf Uhr eine Kleinigkeit zu sich zu

nehmen. Die Gewerbsleute, die alles zu ihrem Vorteile zu benutzen

wissen, ersparten den Leckermäulern den Weg und brachten ihre

Feilschaften ins Amtsgebäude, wo sie sich auf Stiege und Gang damit

hinstellten. Ein Bäcker verkaufte kleine Weißbrote, die Obstfrau

Kirschen. Vor allem aber waren gewisse Kuchen beliebt, die eines

benachbarten Grieslers Tochter selbst verfertigte und noch warm zu

Markt brachte. Ihre Kunden traten zu ihr auf den Gang hinaus, und nur

selten kam sie, gerufen, in die Amtsstube, wo dann der etwas grämliche

Kanzleivorsteher, wenn er ihrer gewahr wurde, ebenso selten ermangelte,

sie wieder zur Türe hinauszuweisen, ein Gebot, dem sie sich nur mit

Groll, und unwillige Worte murmelnd, fügte.

Das Mädchen galt bei meinen Kameraden nicht für schön. Sie fanden sie

zu klein, wußten die Farbe ihrer Haare nicht zu bestimmen. Daß sie

Katzenaugen habe, bestritten einige, Pockengruben aber gaben alle zu.

Nur von ihrem stämmigen Wuchs sprachen alle mit Beifall, schalten sie

aber grob und einer wußte viel von einer Ohrfeige zu erzählen, deren

Spuren er noch acht Tage nachher gefühlt haben wollte.

Ich selbst gehörte nicht unter ihre Kunden. Teils fehlte mir's an

Geld, teils habe ich Speise und Trank wohl immer--oft nur zu sehr--als

ein Bedürfnis anerkennen müssen, Lust und Vergnügen darin zu suchen

aber ist mir nie in den Sinn gekommen. Wir nahmen daher keine Notiz

voneinander. Einmal nur, um mich zu necken, machten ihr meine

Kameraden glauben, ich hätte nach ihren Eßwaren verlangt. Sie trat zu

meinem Arbeitstisch und hielt mir ihren Korb hin. Ich kaufe nichts,

liebe Jungfer, sagte ich. Nun, warum bestellen Sie dann die Leute?

rief sie zornig. Ich entschuldigte mich, und sowie ich die Schelmerei

gleich weg hatte, erklärte ich ihr's aufs beste. Nun, so schenken Sie

mir wenigstens einen Bogen Papier, um meine Kuchen daraufzulegen,

sagte sie. Ich machte ihr begreiflich, daß das Kanzleipapier sei und

nicht mir gehöre, zu Hause aber hätte ich welches, das mein wäre,

davon wollt' ich ihr bringen. Zu Hause habe ich selbst genug, sagte

sie spöttisch und schlug eine kleine Lache auf, indem sie fortging.

Der arme Spielmann · 第 1 / 3 段