Ich wußte nicht recht, wie ich im Sinne des Mädchens stand. Sollte

ich sie mir mehr erzürnt oder mehr begütigt denken? Der nächste

Besuch kostete einen schweren Entschluß. Aber sie war gut. Demütig

und still, nicht auffahrend wie sonst, saß sie da bei einer Arbeit.

Sie winkte mit dem Kopfe auf einen nebenstehenden Schemel, daß ich

mich setzen und ihr helfen sollte. So saßen wir denn und arbeiteten.

Der Alte wollte hinausgehen. Bleibt doch da, Vater, sagte sie; was

Ihr besorgen wollt, ist schon abgetan. Er trat mit dem Fuße hart auf

den Boden und blieb. Ab- und zugehend sprach er von diesem und jenem,

ohne daß ich mich in das Gespräch zu mischen wagte. Da stieß das

Mädchen plötzlich einen kleinen Schrei aus. Sie hatte sich beim

Arbeiten einen Finger geritzt, und obgleich sonst gar nicht weichlich,

schlenkerte sie mit der Hand hin und her. Ich wollte zusehen, aber

sie bedeutete mich, fortzufahren. Alfanzerei und kein Ende! brummte

der Alte, und vor das Mädchen hintretend, sagte er mit starker Stimme:

Was zu besorgen war, ist noch gar nicht getan! und so ging er

schallenden Trittes zur Türe hinaus. Ich wollte nun anfangen, mich

von gestern her zu entschuldigen; sie aber unterbrach mich und sagte:

Lassen wir das und sprechen wir jetzt von gescheitern Dingen.

Sie hob den Kopf empor, maß mich vom Scheitel bis zur Zehe und fuhr in

ruhigem Tone fort: Ich weiß kaum selbst mehr den Anfang unserer

Bekanntschaft, aber Sie kommen seit einiger Zeit öfter und öfter, und

wir haben uns an Sie gewöhnt. Ein ehrliches Gemüt wird Ihnen niemand

abstreiten, aber Sie sind schwach, immer auf Nebendinge gerichtet, so

daß Sie kaum imstande wären, Ihren eigenen Sachen selbst vorzustehen.

Da wird es denn Pflicht und Schuldigkeit von Freunden und Bekannten,

ein Einsehen zu haben, damit Sie nicht zu Schaden kommen. Sie

versitzen hier halbe Tage im Laden, zählen und wägen, messen und

markten; aber dabei kommt nichts heraus. Was gedenken Sie in Zukunft

zu tun, um Ihr Fortkommen zu haben? Ich erwähnte der Erbschaft meines

Vaters. Die mag recht groß sein, sagte sie. Ich nannte den Betrag.

Das ist viel und wenig, erwiderte sie. Viel, um etwas damit

anzufangen; wenig, um vom Breiten zu zehren. Mein Vater hat Ihnen

zwar einen Vorschlag getan, ich riet Ihnen aber ab. Denn einmal hat

er schon selbst Geld bei derlei Dingen verloren, dann, setzte sie mit

gesenkter Stimme hinzu, ist er so gewohnt, von Fremden Gewinn zu

ziehen, daß er es Freunden vielleicht auch nicht besser machen würde.

Sie müssen jemand an der Seite haben, der es ehrlich meint.--Ich wies

auf sie.--Ehrlich bin ich, sagte sie. Dabei legte sie die Hand auf

die Brust, und ihre Augen, die sonst ins Graulichte spielten, glänzten

hellblau, himmelblau. Aber mit mir hat's eigene Wege. Unser Geschäft

wirft wenig ab, und mein Vater geht mit dem Gedanken um, einen

Schenkladen aufzurichten. Da ist denn kein Platz für mich. Mir

bliebe nur Handarbeit, denn dienen mag ich nicht. Und dabei sah sie

aus wie eine Königin. Man hat mir zwar einen andern Antrag gemacht,

fuhr sie fort, indem sie einen Brief aus ihrer Schürze zog und halb

widerwillig auf den Ladentisch warf; aber da müßte ich fort von hier.

--Und weit? fragte ich. Warum? was kümmert Sie das?--Ich erklärte,

daß ich an denselben Ort hinziehen wollte.--Sind Sie ein Kind! sagte

sie. Das ginge nicht an und wären ganz andere Dinge. Aber wenn Sie

Vertrauen zu mir haben und gerne in meiner Nähe sind, so bringen Sie

den Putzladen an sich, der hier nebenan zu Verkauf steht. Ich

verstehe das Werk, und um den bürgerlichen Gewinn aus Ihrem Gelde

dürften sie nicht verlegen sein. Auch fänden Sie selbst mit Rechnen

und Schreiben eine ordentliche Beschäftigung. Was sich etwa noch

weiter ergäbe, davon wollen wir jetzt nicht reden.--Aber ändern müßten

Sie sich! Ich hasse die weibischen Männer.

Ich war aufgesprungen und griff nach meinem Hute. Was ist? wo wollen

Sie hin? fragte sie. Alles abbestellen, sagte ich mit kurzem Atem.

--Was denn?--Ich erzählte ihr nun meinen Plan zur Errichtung eines

Schreib- und Auskunfts-Comptoirs. Da kommt nicht viel heraus, meinte

sie. Auskunft einziehen kann ein jeder selbst und schreiben hat auch

ein jeder gelernt in der Schule. Ich bemerkte, daß auch Musikalien

kopiert werden sollten, was nicht jedermanns Sache sei. Kommen Sie

schon wieder mit solchen Albernheiten? fuhr sie mich an. Lassen Sie

das Musizieren und denken Sie auf die Notwendigkeit! Auch wären Sie

nicht imstande, einem Geschäfte selbst vorzustehen. Ich erklärte, daß

ich einen Compagnon gefunden hätte. Einen Compagnon? rief sie aus.

Da will man Sie gewiß betrügen! Sie haben doch noch kein Geld

hergegeben?--Ich zitterte, ohne zu wissen, warum.--Haben Sie Geld

gegeben? fragte sie noch einmal. Ich gestand die dreitausend Gulden

zur ersten Einrichtung.--Dreitausend Gulden? rief sie, so vieles Geld!

--Das übrige, fuhr ich fort, ist bei den Gerichten hinterlegt und

jedenfalls sicher.--Also noch mehr? schrie sie auf.--Ich gab den

Betrag der Kaution an.--Und haben Sie die selbst bei den Gerichten

angelegt?--Es war durch meinen Compagnon geschehen.--Sie haben doch

einen Schein darüber?--Ich hatte keinen Schein. Und wie heißt Ihr

sauberer Compagnon? fragte sie weiter. Ich war einigermaßen beruhigt,

ihr den Sekretär meines Vaters nennen zu können.

Gott der Gerechte! rief sie aufspringend und die Hände

zusammenschlagend. Vater! Vater!--Der Alte trat herein.--Was habt

Ihr heute aus den Zeitungen gelesen?--Von dem Sekretarius? sprach er.

--Wohl! wohl!--Nun, der ist durchgegangen, hat Schulden über Schulden

hinterlassen und die Leute betrogen. Sie verfolgen ihn mit

Steckbriefen!--Vater, rief sie, er hat ihm auch sein Geld anvertraut.

Er ist zugrunde gerichtet.--Potz Dummköpfe und kein Ende! schrie der

Alte. Hab ich's nicht immer gesagt? Aber das war ein Entschuldigen.

Einmal lachte sie über ihn, dann war er wieder ein redliches Gemüt.

Aber ich will dazwischenfahren! Ich will zeigen, wer Herr im Hause

ist. Du, Barbara, marsch hinein in die Kammer! Sie aber, Herr,

machen Sie, daß Sie fortkommen, und verschonen uns künftig mit Ihren

Besuchen. Hier wird kein Almosen gereicht.--Vater, sagte das Mädchen,

seid nicht hart gegen ihn, er ist ja doch unglücklich genug.--Eben

darum, rief der Alte, will ich's nicht auch werden. Das, Herr, fuhr

er fort, indem er auf den Brief zeigte, den Barbara vorher auf den

Tisch geworfen hatte, das ist ein Mann! Hat Grütz' im Kopfe und Geld

im Sack. Betrügt niemanden, läßt sich aber auch nicht betrügen; und

das ist die Hauptsache bei der Ehrlichkeit.--Ich stotterte, daß der

Verlust der Kaution noch nicht gewiß sei.--Ja, rief er, wird ein Narr

gewesen sein, der Sekretarius! Ein Schelm ist er, aber pfiffig. Und

nun gehen Sie nur rasch, vielleicht holen Sie ihn noch ein! Dabei

hatte er mir die flache Hand auf die Schulter gelegt und schob mich

gegen die Türe. Ich wich dem Drucke seitwärts aus und wendete mich

gegen das Mädchen, die, auf den Ladentisch gestützt, dastand, die

Augen auf den Boden gerichtet, wobei die Brust heftig auf und nieder

ging. Ich wollte mich ihr nähern, aber sie stieß zornig mit dem Fuße

auf den Boden, und als ich meine Hand ausstreckte, zuckte sie mit der

ihren halb empor, als ob sie mich wieder schlagen wollte. Da ging ich,

und der Alte schloß die Tür hinter mir zu.

Ich wankte durch die Straßen zum Tor hinaus, ins Feld. Manchmal fiel

mich die Verzweiflung an, dann kam aber wieder Hoffnung. Ich

erinnerte mich, bei Anlegung der Kaution den Sekretär zum

Handelsgericht begleitet zu haben. Dort hatte ich unter dem Torwege

gewartet, und er war allein hinaufgegangen. Als er herabkam, sagte er,

alles sei berichtigt, der Empfangsschein werde mir ins Haus geschickt

werden. Letzteres war freilich nicht geschehen, aber Möglichkeit

blieb noch immer. Mit anbrechendem Tage kam ich zur Stadt zurück.

Mein erster Gang war in die Wohnung des Sekretärs. Aber die Leute

lachten und fragten, ob ich die Zeitungen nicht gelesen hätte? Das

Handelsgericht lag nur wenige Häuser davon ab. Ich ließ in den

Büchern nachschlagen, aber weder sein Name noch meiner kamen darin vor.

Von einer Einzahlung keine Spur. So war denn mein Unglück gewiß.

Ja, beinahe wäre es noch schlimmer gekommen. Denn da ein

Gesellschaftskontrakt bestand, wollten mehrere seiner Gläubiger auf

meine Person greifen. Aber die Gerichte gaben es nicht zu. Lob und

Dank sei ihnen dafür gesagt! Obwohl es auf eines herausgekommen wäre.

In all diesen Widerwärtigkeiten war mir, gestehe ich's nur, der

Griesler und seine Tochter ganz in den Hintergrund getreten. Nun, da

es ruhiger wurde und ich anfing zu überlegen, was etwa weiter

geschehen sollte, kam mir die Erinnerung an den letzten Abend lebhaft

zurück. Den Alten, eigennützig wie er war, begriff ich ganz wohl,

aber das Mädchen. Manchmal kam mir in den Sinn, daß, wenn ich das

Meinige zu Rate gehalten und ihr eine Versorgung hätte anbieten können,

sie wohl gar--aber sie hätte mich nicht gemocht."--Dabei besah er mit

auseinanderfallenden Händen seine ganze dürftige Gestalt.--"Auch war

ihr mein höfliches Benehmen gegen jedermann immer zuwider.

So verbrachte ich ganze Tage, sann und überlegte. Eines Abends im

Zwielicht--es war die Zeit, die ich gewöhnlich im Laden zuzubringen

pflegte--saß ich wieder und versetzte mich in Gedanken an die gewohnte

Stelle. Ich hörte sie sprechen, auf mich schmähen, ja es schien, sie

verlachten mich. Da raschelte es plötzlich an der Türe, sie ging auf,

und ein Frauenzimmer trat herein.--Es war Barbara.--Ich saß auf meinem

Stuhl angenagelt, als ob ich ein Gespenst sähe. Sie war blaß und trug

ein Bündel unter dem Arme. In die Mitte des Zimmers gekommen, blieb

sie stehen, sah rings an den kahlen Wänden umher, dann nach abwärts

auf das ärmliche Geräte und seufzte tief. Dann ging sie an den

Schrank, der zur Seite an der Mauer stand, wickelte ihr Paket

auseinander, das einige Hemden und Tücher enthielt--sie hatte in der

letzten Zeit meine Wäsche besorgt--, zog die Schublade heraus, schlug

die Hände zusammen, als sie den spärlichen Inhalt sah, fing aber

gleich darauf an, die Wäsche in Ordnung zu bringen und die

mitgebrachten Stücke einzureihen. Darauf trat sie ein paar Schritte

vom Schranke hinweg, und die Augen auf mich gerichtet, wobei sie mit

dem Finger auf die offene Schublade zeigte, sagte sie: Fünf Hemden und

drei Tücher. So viel habe ich gehabt, so viel bringe ich zurück.

Dann drückte sie langsam die Schublade zu, stützte sich mit der Hand

auf den Schrank und fing laut an zu weinen. Es schien fast, als ob

ihr schlimm würde, denn sie setzte sich auf einen Stuhl neben dem

Schranke, verbarg das Gesicht in ihr Tuch, und ich hörte aus den

stoßweise geholten Atemzügen, daß sie noch immer fortweinte. Ich war

leise in ihre Nähe getreten und faßte ihre Hand, die sie mir gutwillig

ließ. Als ich aber, um ihre Blicke auf mich zu ziehen, an dem schlaff

hängenden Arme bis zum Ellenbogen emporrückte, stand sie rasch auf,

machte ihre Hand los und sagte in gefaßtem Tone: Was nützt das alles?

Es ist nun einmal so. Sie haben es selbst gewollt, sich und uns haben

Sie unglücklich gemacht; aber freilich sich selbst am meisten.

Eigentlich verdienen Sie kein Mitleid--hier wurde sie immer heftiger--,

wenn man so schwach ist, seine eigenen Sachen nicht in Ordnung halten

zu können; so leichtgläubig, daß man jedem traut, gleichviel ob es ein

Spitzbube ist oder ein ehrlicher Mann.--Und doch tut's mir leid um Sie.

Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen. Ja, erschrecken Sie nur.

Ist's doch Ihr Werk. Ich muß nun hinaus unter die groben Leute,

wogegen ich mich so lange gesträubt habe. Aber da ist kein Mittel.

Die Hand habe ich Ihnen schon gegeben, und so leben Sie wohl--für

immer. Ich sah, daß ihr die Tränen wieder ins Auge traten, aber sie

schüttelte unwillig mit dem Kopfe und ging. Mir war, als hätte ich

Blei in den Gliedern. Gegen die Türe gekommen, wendete sie sich noch

einmal um und sagte: Die Wäsche ist jetzt in Ordnung. Sehen Sie zu,

daß nichts abgeht. Es werden harte Zeiten kommen. Und nun hob sie

die Hand auf, machte wie ein Kreuzeszeichen in die Luft und rief: Gott

mit dir, Jakob!--In alle Ewigkeit, Amen! setzte sie leiser hinzu und

ging.

Nun erst kam mir der Gebrauch meiner Glieder zurück. Ich eilte ihr

nach, und auf dem Treppenabsatze stehend, rief ich ihr nach: Barbara!

Ich hörte, daß sie auf der Stiege stehenblieb. Wie ich aber die erste

Stufe hinabstieg, sprach sie von unten herauf: Bleiben Sie! und ging

die Treppe vollends hinab und zum Tore hinaus.

Ich habe seitdem harte Tage erlebt, keinen aber wie diesen; selbst der

darauffolgende war es minder. Ich wußte nämlich doch nicht so recht,

wie ich daran war, und schlich daher am kommenden Morgen in der Nähe

des Grieslerladens herum, ob mir vielleicht einige Aufklärung würde.

Da sich aber nichts zeigte, blickte ich endlich seitwärts in den Laden

hinein und sah eine fremde Frau, die abwog und Geld herausgab und

zuzählte. Ich wagte mich hinein und fragte, ob sie den Laden an sich

gekauft hätte? Zur Zeit noch nicht, sagte sie.--Und wo die Eigentümer

wären?--Die sind heute frühmorgens nach Langenlebarn gereist.--Die

Tochter auch? stammelte ich.--Nun freilich auch, sagte sie, sie macht

ja Hochzeit dort.

Die Frau mochte mir nun alles erzählt haben, was ich in der Folge von

andern Leuten erfuhr. Der Fleischer des genannten Ortes

nämlich--derselbe, den ich zur Zeit meines ersten Besuches im Laden

antraf--hatte dem Mädchen seit lange Heiratsanträge gemacht, denen sie

immer auswich, bis sie endlich in den letzten Tagen, von ihrem Vater

gedrängt und an allem übrigen verzweifelnd, einwilligte. Desselben

Morgens waren Vater und Tochter dahin abgereist, und in dem Augenblick,

da wir sprachen, war Barbara des Fleischers Frau.

Die Verkäuferin mochte mir, wie gesagt, das alles erzählt haben, aber

ich hörte nicht und stand regungslos, bis endlich Kunden kamen, die

mich zur Seite schoben, und die Frau mich anfuhr, ob ich noch sonst

etwas wollte, worauf ich mich entfernte.

Sie werden glauben, verehrtester Herr", fuhr er fort, "daß ich mich

nun als den unglücklichsten aller Menschen fühlte. Und so war es auch

im ersten Augenblicke. Als ich aber aus dem Laden heraustrat und,

mich umwendend, auf die kleinen Fenster zurückblickte, an denen

Barbara gewiß oft gestanden und herausgesehen hatte, da kam eine

selige Empfindung über mich. Daß sie nun alles Kummers los war, Frau

im eigenen Hause, und nicht nötig hatte, wie wenn sie ihre Tage an

einen Herd- und Heimatlosen geknüpft hätte, Kummer und Elend zu tragen,

das legte sich wie ein lindernder Balsam auf meine Brust, und ich

segnete sie und ihre Wege.

Wie es nun mit mir immer mehr herabkam, beschloß ich durch Musik mein

Fortkommen zu suchen; und solange der Rest meines Geldes währte, übte

und studierte ich mir die Werke großer Meister, vorzüglich der alten,

ein, welche ich abschrieb; und als nun der letzte Groschen ausgegeben

war, schickte ich mich an, von meinen Kenntnissen Vorteil zu ziehen,

und zwar anfangs in geschlossenen Gesellschaften, wozu ein Gastgebot

im Hause meiner Mietfrau den ersten Anlaß gab. Als aber die von mir

vorgetragenen Kompositionen dort keinen Anklang fanden, stellte ich

mich in die Höfe der Häuser, da unter so vielen Bewohnern doch einige

sein mochten, die das Ernste zu schätzen wußten--ja endlich auf die

öffentlichen Spaziergänge, wo ich denn wirklich die Befriedigung hatte,

daß einzelne stehenblieben, zuhörten, mich befragten und nicht ohne

Anteil weitergingen. Daß sie mir dabei Geld hinlegten, beschämte mich

nicht. Denn einmal war gerade das mein Zweck, dann sah ich auch, daß

berühmte Virtuosen, welche erreicht zu haben ich mir nicht schmeicheln

konnte, sich für ihre Leistungen, und mitunter sehr hoch, honorieren

ließen. So habe ich mich, obzwar ärmlich, aber redlich fortgebracht

bis diesen Tag.

Nach Jahren sollte mir noch ein Glück zuteil werden. Barbara kam

zurück. Ihr Mann hatte Geld verdient und ein Fleischhauergewerbe in

einer der Vorstädte an sich gebracht. Sie war Mutter von zwei Kindern,

von denen das älteste Jakob heißt, wie ich. Meine Berufsgeschäfte

und die Erinnerung an alte Zeiten erlaubten mir nicht, zudringlich zu

sein, endlich ward ich aber selbst ins Haus bestellt, um dem ältesten

Knaben Unterricht auf der Violine zu geben. Er hat zwar nur wenig

Talent, kann auch nur an Sonntagen spielen, da ihn in der Woche der

Vater beim Geschäft verwendet, aber Barbaras Lied, das ich ihn gelehrt,

geht doch schon recht gut; und wenn wir so üben und hantieren, singt

manchmal die Mutter mit darein. Sie hat sich zwar sehr verändert in

den vielen Jahren, ist stark geworden und kümmert sich wenig mehr um

Musik, aber es klingt noch immer so hübsch wie damals." Und damit

ergriff der Alte seine Geige und fing an, das Lied zu spielen, und

spielte fort und fort, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Endlich

hatte ich's satt, stand auf, legte ein paar Silberstücke auf den

nebenstehenden Tisch und ging, während der Alte eifrig immer

fortgeigte.

Bald darauf trat ich eine Reise an, von der ich erst mit einbrechendem

Winter zurückkam. Die neuen Bilder hatten die alten verdrängt, und

mein Spielmann war so ziemlich vergessen. Erst bei Gelegenheit des

furchtbaren Eisganges im nächsten Frühjahre und der damit in

Verbindung stehenden Überschwemmung der niedrig gelegenen Vorstädte

erinnerte ich mich wieder an ihn. Die Umgegend der Gärtnergasse war

zum See geworden. Für des alten Mannes Leben schien nichts zu

besorgen, wohnte er doch hoch oben am Dache, indes unter den Bewohnern

der Erdgeschosse sich der Tod seine nur zu häufigen Opfer ausersehen

hatte. Aber entblößt von aller Hilfe, wie groß mochte seine Not sein!

Solange die Überschwemmung währte, war nichts zu tun, auch hatten die

Behörden nach Möglichkeit auf Schiffen Nahrung und Beistand den

Abgeschnittenen gespendet. Als aber die Wasser verlaufen und die

Straßen gangbar geworden waren, beschloß ich, meinen Anteil an der in

Gang gebrachten, zu unglaublichen Summen angewachsenen Kollekte

persönlich an die mich zunächst angehende Adresse zu befördern.

Der Anblick der Leopoldstadt war grauenhaft. In den Straßen

zerbrochene Schiffe und Gerätschaften, in den Erdgeschossen zum Teil

noch stehendes Wasser und schwimmende Habe. Als ich, dem Gedränge

ausweichend, an ein zugelehntes Hoftor hintrat, gab dieses nach und

zeigte im Torwege eine Reihe von Leichen, offenbar behufs der

amtlichen Inspektion zusammengebracht und hingelegt; ja, im Innern der

Gemächer waren noch hie und da, aufrecht stehend und an die

Gitterfenster angekrallt, verunglückte Bewohner zu sehen,--es fehlte

eben an Zeit und Beamten, die gerichtliche Konstatierung so vieler

Todesfälle vorzunehmen.

So schritt ich weiter und weiter. Von allen Seiten Weinen und

Trauergeläute, suchende Mütter und irregehende Kinder. Endlich kam

ich an die Gärtnergasse. Auch dort hatten sich die schwarzen

Begleiter eines Leichenzuges aufgestellt, doch, wie es schien,

entfernt von dem Hause, das ich suchte. Als ich aber nähertrat,

bemerkte ich wohl eine Verbindung von Anstalten und Hin- und

Hergehenden zwischen dem Trauergeleite und der Gärtnerswohnung. Am

Haustor stand ein wacker aussehender, ältlicher, aber noch kräftiger

Mann. In hohen Stiefeln, gelben Lederhosen und langherabgehendem

Leibrocke sah er einem Landfleischer ähnlich. Er gab Aufträge, sprach

aber dazwischen ziemlich gleichgültig mit den Nebenstehenden. Ich

ging an ihm vorbei und trat in den Hofraum. Die alte Gärtnerin kam

mir entgegen, erkannte mich auf der Stelle wieder und begrüßte mich

unter Tränen. "Geben Sie uns auch die Ehre?" sagte sie. "Ja, unser

armer Alter! der musiziert jetzt mit den lieben Engeln, die auch nicht

viel besser sein können, als er es war. Die ehrliche Seele saß da

oben sicher in seiner Kammer. Als aber das Wasser kam und er die

Kinder schreien hörte, da sprang er herunter und rettete und schleppte

und trug und brachte in Sicherheit, daß ihm der Atem ging wie ein

Schmiedegebläs. Ja--wie man denn nicht überall seine Augen haben

kann--als sich ganz zuletzt zeigte, daß mein Mann seine Steuerbücher

und die paar Gulden Papiergeld im Wandschrank vergessen hatte, nahm

der Alte ein Beil, ging ins Wasser, das ihm schon an die Brust reichte,

erbrach den Schrank und brachte alles treulich. Da hatte er sich

wohl verkältet, und wie im ersten Augenblicke denn keine Hilfe zu

haben war, griff er in die Phantasie und wurde immer schlechter und

schlechter, ob wir ihm gleich beistanden nach Möglichkeit und mehr

dabei litten als er selbst. Denn er musizierte in einem fort, mit der

Stimme nämlich, und schlug den Takt und gab Lektionen. Als sich das

Wasser ein wenig verlaufen hatte und wir den Bader holen konnten und

den Geistlichen, richtete er sich plötzlich im Bette auf, wendete Kopf

und Ohr seitwärts, als ob er in der Entfernung etwas gar Schönes hörte,

lächelte, sank zurück und war tot. Gehen Sie nur hinauf, er hat oft

von Ihnen gesprochen. Die Madame ist auch oben. Wir haben ihn auf

unsere Kosten begraben lassen wollen, die Frau Fleischermeisterin gab

es aber nicht zu."

Sie drängte mich die steile Treppe hinauf bis zur Dachstube, die offen

stand und ganz ausgeräumt war bis auf den Sarg in der Mitte, der,

bereits geschlossen, nur der Träger wartete. An dem Kopfende saß eine

ziemlich starke Frau, über die Hälfte des Lebens hinaus, im

buntgedruckten Kattunüberrocke, aber mit schwarzem Halstuch und

schwarzem Band auf der Haube. Es schien fast, als ob sie nie schön

gewesen sein konnte. Vor ihr standen zwei ziemlich erwachsene Kinder,

ein Bursche und ein Mädchen, denen sie offenbar Unterricht gab, wie

sie sich beim Leichenzuge zu benehmen hätten. Eben als ich eintrat,

stieß sie dem Knaben, der sich ziemlich tölpisch auf den Sarg gelehnt

hatte, den Arm herunter und glättete sorgfältig die herausstehenden

Kanten des Leichentuches wieder zurecht. Die Gärtnersfrau führte mich

vor; da fingen aber unten die Posaunen an zu blasen, und zugleich

erscholl die Stimme des Fleischers von der Straße herauf: Barbara, es

ist Zeit! Die Träger erschienen, ich zog mich zurück, um Platz zu

machen. Der Sarg ward erhoben, hinabgebracht, und der Zug setzte sich

in Bewegung. Voraus die Schuljugend mit Kreuz und Fahne, der

Geistliche mit dem Kirchendiener. Unmittelbar nach dem Sarge die

beiden Kinder des Fleischers und hinter ihnen das Ehepaar. Der Mann

bewegte unausgesetzt, als in Andacht, die Lippen, sah aber dabei links

und rechts um sich. Die Frau las eifrig in ihrem Gebetbuche, nur

machten ihr die beiden Kinder zu schaffen, die sie einmal vorschob,

dann wieder zurückhielt, wie ihr denn überhaupt die Ordnung des

Leichenzuges sehr am Herzen zu liegen schien. Immer aber kehrte sie

wieder zu ihrem Buche zurück. So kam das Geleite zum Friedhof. Das

Grab war geöffnet. Die Kinder warfen die ersten Handvoll Erde hinab.

Der Mann tat stehend dasselbe. Die Frau kniete und hielt ihr Buch

nahe an die Augen. Die Totengräber vollendeten ihr Geschäft, und der

Zug, halb aufgelöst, kehrte zurück. An der Türe gab es noch einen

kleinen Wortwechsel, da die Frau eine Forderung des Leichenbesorgers

offenbar zu hoch fand. Die Begleiter zerstreuten sich nach allen

Richtungen. Der alte Spielmann war begraben.

Ein paar Tage darauf--es war ein Sonntag--ging ich, von meiner

psychologischen Neugierde getrieben, in die Wohnung des Fleischers und

nahm zum Vorwande, daß ich die Geige des Alten als Andenken zu

besitzen wünschte. Ich fand die Familie beisammen ohne Spur eines

zurückgebliebenen besondern Eindrucks. Doch hing die Geige mit einer

Art Symmetrie geordnet neben dem Spiegel und einem Kruzifix gegenüber

an der Wand. Als ich mein Anliegen erklärte und einen verhältnismäßig

hohen Preis anbot, schien der Mann nicht abgeneigt, ein vorteilhaftes

Geschäft zu machen. Die Frau aber fuhr vom Stuhle empor und sagte:

"Warum nicht gar! Die Geige gehört unserem Jakob, und auf ein paar

Gulden mehr oder weniger kommt es uns nicht an!" Dabei nahm sie das

Instrument von der Wand, besah es von allen Seiten, blies den Staub

herab und legte es in die Schublade, die sie, wie einen Raub

befürchtend, heftig zustieß und abschloß. Ihr Gesicht war dabei von

mir abgewandt, so daß ich nicht sehen konnte, was etwa darauf vorging.

Da nun zu gleicher Zeit die Magd mit der Suppe eintrat und der

Fleischer, ohne sich durch den Besuch stören zu lassen, mit lauter

Stimme sein Tischgebet anhob, in das die Kinder gellend einstimmten,

wünschte ich gesegnete Mahlzeit und ging zur Türe hinaus. Mein

letzter Blick traf die Frau. Sie hatte sich umgewendet, und die

Tränen liefen ihr stromweise über die Backen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der arme Spielmann, von Franz

Grillparzer.

Der arme Spielmann · 第 3 / 3 段