Tag anbrach. Apollonius war schon lange munter; vielleicht hatte er gar
nicht geschlafen. Der Kampf, den sein Bruder noch in seinem Angesicht
gelesen, als er ihn mit dem Bauherrn das Haus verlassen sah, und den die
Mühen des Tages kaum zurückgedrängt, scheuchte nachts den Schlummer von
seinem Bett. Der Bruder hatte recht gesehen, seine scherzhafte Wendung
des Gesprächs hatte ihren Zweck nicht erreicht. Und wenn Apollonius das
Buch seiner Erinnerungen zurückblätterte, mußte er sich in seiner
Meinung, der Bruder sei eifersüchtig auf ihn, bestärkt fühlen. Gar
manches, das er nicht begriffen, als er es geschehen sah, erhielt Licht
von dieser Annahme und half sie wiederum bestätigen. Die Abneigung der
Frau schien ein bloßer Vorwand des Bruders, ihn von ihr fernzuhalten.
Der Bruder mußte gemeint haben, er könne sie anders als mit den Augen
eines Bruders und Schwagers ansehen. Und das schien begreiflich, da
Fritz wußte, sie war ihm mehr gewesen, bis sie seine Schwägerin wurde.
Er hätte das dem Bruder gern in Gedanken zum Vorwurf gemacht, mußte er
sich nicht gestehen, sein Mitleid, das des Bruders rohe Behandlung der
Frau hervorgerufen, hatte seinen Empfindungen für sie eine Wärme
gegeben, die ihn selbst beunruhigte. Er fürchtete nicht, daß ihn diese
hinreißen könnte, des Bruders Furcht wahr zu machen, aber seine strenge
Gewissenhaftigkeit machte sich diese Wärme schon zum Verbrechen. »Aber,«
fiel ihm dann ein, »hat die Frau nicht wirklich ihm Abneigung gezeigt?
und fühlte sie Abneigung gegen ihn, wie konnte der Bruder dann fürchten?
Der Bruder hatte im Tone des Vorwurfs sie ein Märchen genannt, also
glaubte er nicht daran und meinte, die Frau heuchle sie nur und empfinde
sie nicht.« Der Vetter hatte oft von der Natur der Eifersucht
gesprochen, wie sie aus sich selbst entstehe und sich nähre, wie ihr
Argwohn über die Grenzen des Wirklichen, ja des Möglichen hinausgreife,
und zu Taten verführe, die sonst nur der Wahnsinn vollbringt. Einen
solchen Fall sah Apollonius vor sich und bedauerte den Bruder und fühlte
schmerzlich Mitleid mit der Frau.
Aus solchen Gedanken und Empfindungen schreckte ihn Valentin, der ihn
hinunterrief. Er kam unruhiger wieder herauf, als er hinuntergegangen
war. Es war nicht allein Ännchens Zustand, die er wie ein Vater liebte,
was auf seiner Seele lag; auch das Mitleid mit Ännchens Mutter war
gewachsen, und eine Furcht war neu hinzugekommen, die er sich gern
ausgeredet hätte, wäre solch ein Verfahren mit seinem Klarheitsbedürfnis
und seiner Gewissenhaftigkeit vereinbar gewesen. Als der erste Schimmer
des neuen Tages durch sein Fenster fiel, stand er auf von dem Stuhle,
auf dem er seit seiner Zurückkunft gesessen. Es war etwas Feierliches in
der Weise, wie er sich aufrichtete. Er schien sich zu sagen: »Ist es,
wie ich fürchte, muß ich für uns beide einstehen; dafür bin ich ein
Mann. Ich habe gelobt, ich will meines Vaters Haus und seine Ehre
aufrecht erhalten und ich will in jedem Sinne erfüllen, was ich gelobt!«
--
Fritz Nettenmair erwachte endlich. Er wußte nichts mehr von den
Traumbildern der Nacht; nur die befriedigte Stimmung, das Werk
derselben, war ihm geblieben. Er besann sich vergebens, was diese
Stimmung, die ihm so lange fremd gewesen, hervorgerufen haben könnte.
Was ihm von den Erlebnissen der vergangenen Nacht einfiel, war nicht
geeignet, sie zu erklären. Er wußte nur noch, daß seine Frau ein
»Pimpeln« des »Spions« zu einer Krankheit vergrößert hatte, um einen
Vorwand zu erhalten, mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm! Nicht bloß im
Gespräch mit dem Gesellen, auch mit sich und seiner Frau nannte er
Apollonius' Namen nicht, vielleicht, weil sein Haß gegen den Mann auf
den Namen übergegangen war, vielleicht, weil er Tag und Nacht nur an
zwei Menschen dachte, und diese nicht miteinander zu verwechseln waren.
Er hatte nichts mehr auf der Welt als seinen Haß; und der kannte nur
zwei Menschen, »ihn und sie«. Er dachte schon, wie er der Pimpelei ein
Ende machen wollte. Mit diesem Gedanken trat er aus der Tür und stand --
vor einer Leiche. Ein Schauder faßte ihn an. Da stand das tote Kind vor
ihm wie ein Warnungszeichen: nicht weiter auf dem Wege, den du
eingeschlagen hast! Da lag das Kind, das sein Kind war, tot. Sonst
scheuchte er es von sich; jetzt blieb es und fürchtete sich nicht mehr
und fragte ihn, ob er es noch hassen kann, ob er es noch mit dem Namen
nennen kann, mit dem er es im Hasse genannt. Gestern sah er es nicht,
wie er über seine Angst hin den Schlag führte; der Vater des Kindes nach
der Mutter des Kindes und über den sterbenden Leib des Kindes hin.
Gestern sah er es nicht, wie er darüber gebeugt stand; jetzt sieht er
es, wohin er die entsetzten Augen wendet, um den Anblick zu entfliehen.
Da steht das Kind vor ihm, ein Ankläger und ein Zeuge. Es zeugt für die
Mutter. Sie wußte es sterbend, und am Sterbebette ihres Kindes tut die
Verworfenste nicht, was er ihr zugetraut. Es klagt ihn an. Er hat eine
Mutter am Sterbebette ihres Kindes geschlagen. Das kann kein Mann und
wäre das Weib schuldig. Und sie war es nicht; das zeugt das Kind. Jetzt
weiß er, was das bleiche, stumme Antlitz der Mutter rief: »Du tötest das
Kind; schlag nicht!« Und er hat doch geschlagen. Er hat das Kind
getötet. Das trifft ihn wie ein Wetterstrahl, daß er zusammensinkt vor
dem Bette des Kindes, über das hin er die Mutter geschlagen; vor dem
Bette, in dem sein Kind starb, weil er seines Kindes Mutter schlug.
Dort lag er lang. Der Blitz, der ihn hingestreckt, hatte
zurückgeleuchtet mit grausamer Klarheit; er hatte die beiden unschuldig
gesehen, die er verfolgt. Und keine Schuld, als die seine. Er allein hat
das Elend aufgetürmt, das erdrückend auf ihm liegt, Last auf Last,
Schuld auf Schuld. Des Kindes Tod ist der Gipfel. Und vielleicht ist er
es noch nicht! Der Elende sieht, er muß zurück. Er hascht nach jedem
Strohhalm von Gedanken, der ihn retten könnte. Da hört er die weichen
Klänge wieder, denen er gestern sein Herz verschlossen: »Du hast
gemeint, wenn er kommt, wird er wieder sein, wie er sonst war, ehe du
krank geworden bist. Deine Mutter will's auch.« -- Die Klänge waren eine
weiche Hand, die die Seele der Frau nach seiner Seele ausstreckte und
zur Versöhnung bot; sein Schmerz, seine Angst faßten hastig nach der
ausgestreckten. Er sah das Kind im Hemdchen an der Kammertür stehen, wo
es so oft gestanden, wenn seine Heftigkeit es aus dem Schlummer geweckt;
die Händchen gefalten; die Augen so schmerzlich flehend: er solle doch
gut sein mit der Mutter; und so ängstlich zugleich: er soll doch nicht
zürnen, daß es fleht. Nun, da es zu spät war, sah er, das Kind wollte
sein Engel sein. Aber es war ja noch nicht zu spät! Er hörte den leisen
Schritt seiner Frau auf dem Flur der Stubentür nahen. Er hörte sie die
Tür öffnen. Stand Ännchen jetzt in der Kammertür, es mußte lächeln. Er
wollte gut sein; er wollte sein, wie er war, ehe Ännchen krank geworden
ist. Er streckte der Eintretenden die Hand entgegen. Sie sah ihn und
schrak zusammen. Sie war so bleich, wie das tote Ännchen, selbst ihre
sonst so blühenden Lippen waren bleich. Der Hals, die schönen Arme, die
weichen Hände waren bleich; das sonst so glänzende Auge war matt. All
ihr Leben hatte sich in ihr tiefstes Herz zurückgezogen und weinte da um
ihr gestorben Kind. Als sie ihn sah, stieß ein Zittern durch ihren
ganzen Körper. Mit zwei Schritten stand sie zwischen der Leiche und ihm;
als wollte sie das Kind noch jetzt vor ihm schützen. Und doch nicht so.
Weder Furcht noch Angst bebte um den kleinen Mund; er war fest
geschlossen. Ein ander Gefühl war es, was die schön gewölbten
Augenbrauen drängend herabfaltete und aus den sonst so sanften Augen
flammt. Er sah, es war nicht mehr das Weib, das die schmelzenden
Friedensworte gesprochen; die war mit ihrem Kinde gestorben in dieser
schrecklichen Nacht. Das Weib, das vor ihm stand, war nicht mehr die
Mutter, die zu ihm hinhoffte, deren Kind er retten konnte; es war die
Mutter, der er das Kind getötet. Eine Mutter, die den Mörder fortwies
aus der heiligen Nähe des Kindes. Ein bleichschreckender Engel, der den
befleckenden Berührer fortzürnt von seinem Heiligtum. Er sprach -- o
hätte er gestern gesprochen! Gestern hatte sie sich nach dem Worte
gesehnt; heute hörte sie es nicht.
»Gib mir deine Hand, Christiane,« sagte er. Sie zog ihre Hand krampfhaft
zurück, als hätte er sie schon berührt. »Ich habe mich geirrt,« fuhr er
fort; »ich will's euch ja glauben, ich seh' es ein; ich will's nicht
wieder! Ihr seid besser als ich.«
»Das Kind ist tot,« sagte sie, und selbst ihre Stimme klang bleich.
»Laß mich in dieser schrecklichen Angst nicht ohne Trost. Kann ich
anders werden, so kann ich's nur jetzt, und wenn du mir die Hand gibst
und richtest mich auf,« sagte der Mann. Sie sah auf das Kind, nicht auf
ihn.
»Das Kind ist tot,« wiederholte sie. Hieß das, es war ihr gleichgültig,
was mit ihm werden sollte, da seine Besserung das Kind nicht mehr
rettete? Oder hatte sie ihn vergessen und sprach mit sich selbst? Der
Mann richtete sich halb auf; er faßte ihre Hand mit angstvoller Gewalt
und hielt sie fest.
»Christiane,« schluchzte er wild, »da lieg' ich wie ein Wurm. Tritt mich
nicht! Tretet mich nicht! Um Gottes willen, erbarme dich! Ich könnt's
nicht vergessen, hätt' ich vergebens gelegen, wie ein Wurm. Denk daran!
Um Gottes willen, denk daran; du hast mich jetzt in deiner Hand. Du
kannst aus mir machen, was du willst. Ich mach' dich verantwortlich. Du
bist Schuld an allem, was noch werden kann.« -- Endlich war es ihr
gelungen, ihre Hand ihm zu entreißen; sie hielt sie weit von sich, als
ekelte ihr davor, weil er die Hand berührt.
»Das Kind ist tot,« sagte sie. Er verstand, sie sagte: Zwischen mir und
dem Mörder meines Kindes kann keine Gemeinschaft mehr sein, auf Erden
nicht und nicht im Himmel.
Er stand auf. Ein Wort der Verzeihung hätte ihn vielleicht gerettet!
Vielleicht! Wer weiß es! Die Klarheit, die ihn jetzt zur Reue trieb, war
die Klarheit eines Blitzes, was jetzt in ihm wirkte, nahm seine Gewalt
von der Jäheit der Überraschung. Wenn das Kind in der Erde ruht, dessen
plötzlicher Anblick ihn zurückgebäumt, wird sein Warnungsbild bleicher
und bleicher werden; jede Stunde wird dem Gedanken an diesen Augenblick
von der Macht seiner Schrecken rauben. Zu tief hat er die Geleise des
alten Wahngedankens eingedrückt, um ihn für immer zu verwischen, zu weit
ist er gegangen auf dem gefährlichen Wege, um noch umkehren zu können.
Die Klarheit des Blitzes mußte schwinden und der alte Wahn hüllte die
Dinge wieder in seine verstellenden Nebel. Fritz Nettenmair heulte auf
oder lachte auf; die Frau fragte sich nicht, was er tat; tiefer Abscheu
gegen ihn verschloß ihr Ohr, ihre Augen, ihre Gedanken. Er taumelte in
die Kammer zurück. Sie sah es nicht, aber sie fühlte es, daß seine
Gegenwart nicht mehr den Raum entweihte, darin das Heiligenbild ihres
Mutterschmerzes stand. Leise weinend sank sie über ihr totes Kind.
* * * * *
Die Reparatur des Kirchendaches hatte begonnen. Apollonius wollte diese
erst beenden, bevor er die Krönung des Turmes mit der gestifteten
Blechzier unternahm. Daneben mußte er das Begräbnis des kleinen Ännchens
besorgen; Fritz kümmerte sich nicht darum. Er mußte sich auch dieser
Hausvaterpflicht unterziehen. Er fühlte sich schmerzlich wohl darin.
Kosteten ihm doch die schwereren kein Opfer! Er hatte ja nicht andere,
süßere Wünsche zu bekämpfen und zu besiegen gehabt, als er die Pflicht
gegen des Bruders Angehörige auf sich genommen; er war ja eben nur dem
eigensten Triebe seiner Natur gefolgt. Es lag in dieser Natur, daß er
ganz sein mußte, was er einmal war. Seit er die Hoffnungen seiner
Jugendliebe und damit diese selbst aufgegeben hatte, war ihm ohnehin der
Gedanke eines eigenen Hausstandes fremd geworden. Er kannte keinen
anderen Lebenszweck, als die Erfüllung jener Pflicht. Aber sie stand
nicht als dürres, despotisches Gesetz außer ihm vor den Augen seiner
Vernunft; sie durchdrang sein ganzes Wesen mit der befruchtenden Wärme
eines unmittelbaren Gefühls. So war es seit Monaten gewesen. Wenn er mit
seinem Fahrzeug das Turmdach umflog, während er hämmernd auf dem
Dachstuhle kniete, waren die Gestalten der Kinder seines Bruders, seine
Kinder, um ihn. Schneller als sein Schiff flog seine Phantasie der Zeit
voraus. Wie sein Schiff um das Turmdach, drehte sich sein ganzes Denken
um die Stunde, wo die Söhne erwachsen waren und er ihnen das
schuldenfreie Geschäft übergab, wo Ännchen aussah wie ihre Mutter und er
ihre jungfräuliche Hand in die Hand eines braven Mannes legte. Ännchens
rosiges Gesicht stand vor ihm, so oft er aufsah von seinen
Schieferplatten. Als es ihn so schalkhaft anlachte, war es sein
Liebling; wie das Gesichtchen immer trüber und bleicher wurde, war sie
es nur immer mehr; er sah sie oft doppelt durch das Wasser in seinen
Augen. Jetzt -- o manchmal war es ihm, als arbeite er nun umsonst! Und
es war noch etwas hinzugekommen, was ihn immer mehr beängstigte. Aus dem
Mitleid mit der gequälten Frau, die um ihn gequält wurde, blühte die
Blume seiner Jugendliebe wieder auf und entfaltete sich von Tag zu Tag
mehr. Was des Bruders Hohn und Undankbarkeit gegen ihn nicht vermocht,
das gelang seinem Benehmen gegen die Frau. Apollonius fühlte sein Herz
erkalten gegen den Bruder. Es trieb ihn, die Frau zu schützen; aber er
wußte, seine Einmischung gab sie nur härteren Mißhandlungen preis. Er
konnte nicht mehr für sie tun, als daß er sich so entfernt hielt von ihr
als möglich. Und nicht allein wegen des Bruders; auch um ihrer selbst
willen, wenn er richtig gesehen hatte. Hatte er richtig gesehen? Er sagt
sich hundertmal nein. Er sagt es sich mit Schmerzen; desto öfter und
dringender sagte er es sich und fühlte, er dürfe sie nicht sehen, auch
um seinetwillen. Es peinigte ihn, wenn gleichgültige Dinge verworren und
unsymmetrisch lagen und er sie nicht ordnen konnte; hier sah er
Mißverhältnisse und Widersprüche in das innerste Leben dessen, was ihm
das Heiligste war, gedrungen, in das Herz seiner Familie, in sein
eigenes, und er mußte sie wachsen sehen und die Hände waren ihm
gebunden!
Immer dunkler, immer schwüler wurde das Leben in dem Haus mit den grünen
Laden, seit das kleine Ännchen daraus fortgetragen war. Es wurde immer
dunkler und schwüler in Fritz Nettenmair's Brust und Hirn. Er hatte
umkehren wollen auf dem Wege, in dessen Mitte ihn das Bild des toten
Ännchens und die Klarheit, die es über die zurückgelegte Strecke goß,
geschreckt. Er wäre umgekehrt, nahm die Frau die gebotene Hand an. Er
meinte es wenigstens. Aber sie hatte ihn zurückgewiesen, ihm ein Antlitz
von Abscheu und Verachtung gezeigt; er hatte gesehen, sie nannte ihn in
ihrem Herzen den Mörder des Kindes; ihr Auge hatte ihm die Rache
gedroht, und da war es wieder da gewesen, das alte Gespenst, die
schuldgeborene Furcht. Hat sie es doch nicht getan, was er fürchtet, nun
wird sie es tun, um ihn für den Schlag zu strafen, an dem Ännchen starb.
Je mehr er daran herumgreift mit seinen Gedanken, desto klarer fühlt er,
wie gelegen seinen Feinden, -- und sie sind seine Feinde; sie haben ihm
ein Unrecht zu vergelten -- wie gelegen seinen Feinden dieser Schlag
kam. Dann sieht er, daß die Frau ihn warnen konnte. Sie sagte nicht:
»Schlag' nicht, das Kind ist krank; es ist sein Tod, wenn du schlägst.«
Nein! Ein Wort von ihr konnte den Schlag verhüten; sie sprach es nicht.
O, es ist klar, sonnenklar: sie reizte ihn absichtlich durch ihr
Schweigen zu der wilden Tat. Aber wie? ihres Kindes Tod hätte sie
gewollt? Den kann kein Weib wollen. Ja, sie dachte selbst nicht, daß es
sterben würde; sie wollte nur den Vorwand zum Hasse, zum Betruge aus
Haß, daß er sie am Bette des kranken Kindes geschlagen. Sie dachte
nicht, daß es sterben würde, und wie es doch starb, wälzte sie die
Schuld von sich auf ihn. Und er war wieder der dumme Ehrliche gewesen;
auch in diese Schlinge war er gegangen in seiner Arglosigkeit; vor ihr
hatte er gelegen, wie ein Wurm, vor ihr, die vor ihm hätte liegen
sollen. Und sie hatte ihn noch zurückgestoßen, mit Verachtung
zurückgestoßen! So oft er an den Augenblick dachte, machte er sie
verantwortlich für alles, was noch kommen konnte. Was noch aus ihm
werden konnte, dazu hatte sie ihn gemacht. Er hatte die Hand geboten; er
war ohne Schuld. Dann brütete er, was aus ihm noch werden könne, und das
Schlimmste war ihm nicht schlimm genug, die Schuld zu vergrößern, die er
auf sie wälzte. Mit reuigem Entsetzen sollte sie sehen, was sie getan,
als sie ihn zurückstieß. Je näher er drohen sah, was kommen mußte, desto
wilder wurde seine Liebe oder auch sein Haß; denn beide waren zusammen
in dem Gefühl, das sie immer glühender ihm einflößte. Desto gelehriger
lernten seine Augen jeden kleinsten Reiz ihrer Gestalt, desto
schmerzender stach diese Schönheit durch seine Augen in sein Herz. Diese
verruchte Schönheit, die die Ursache all seines Elends war; diese
fluchvolle Schönheit, um derentwillen der eigene Bruder ihn aus Schuppen
und Haus verdrängt und der Verachtung der Welt und des Weibes selbst
preisgegeben. Er fing an, über Gedanken zu brüten, wie er diese
Schönheit vernichten konnte, damit sie ein Ekel wurde dem Buhlen, der um
seinen Zweck betrogen, ihn umsonst elend gemacht hatte. Und dachte er
sich das ausgeführt, dann lachte er in so heller Schadenfreude auf, daß
seine starknervigen Trinkkameraden erschraken, und die Leute, die ihm
begegneten, unwillkürlich innehielten in ihrem Gang. Und doch war der
Gedanke nur ein Vorläufer eines noch schlimmeren. Dazwischen fiel ihm
dann der Fronweißblick ein, sein Traum nach der wilden Tat wurde zur
Wirklichkeit; stundenlang stand er bald da, bald dort, wo man Apollonius
auf dem Kirchdache arbeiten sah, und blickte hinauf und wartete und
zählte. Jetzt müssen die Bretter unter dem Hämmernden brechen, jetzt muß
das Tau reißen, daran der Drahtstuhl hängt. Jetzt müssen die Leute, die
eben noch so gleichgültig aus den Fenstern sehen oder über die Straße
gehen, aufschreien vor Schrecken. Dann zählte er immer fieberhastiger,
der kalte Schweiß rann ihm über die Stirn; und die Bretter brachen
nicht, das Tau riß nicht, die Leute schrien nicht auf vor Schrecken. Und
immer wilder lachte er vor sich hin, wenn er nach langem Warten müde und
verzweifelt weiter ging: »Wär's nur mein Unglück, könnt' er mich nur
noch elender damit machen, als er mich schon gemacht hat, er wäre längst
schon tot. Nur weil mich sein Leben elend macht, lebt er noch. Er will
nicht eher sterben, bis er mich ganz elend gemacht hat!«
Diese Furcht ließ ihn nicht los, sie preßte ihn immer erstickender. Trug
er sie spät in der Nacht heim, dann machte der ruhige Schlaf seiner Frau
ihn wütend: Die schlief ruhig, die ihn nicht schlafen ließ! Er setzte
sich an ihr Bett und rüttelte sie auf und erzählte ihr leise in das Ohr,
was er an ihrem Liebsten tun will. Es waren grausige Dinge. Wenn die
Glieder ihr flogen vor Angst und Entsetzen, dann lachte er zufrieden
auf, daß er doch etwas hatte, sie aus der stummen Verachtung zu
scheuchen, womit sie sich gegen ihn gewappnet, und vergaß daran
minutenlang seine Qual. Dann lachte er fast jovial; er hat ihr Angst
machen wollen. Es ist nur einer von Fritz Nettenmairs neumodischen
Späßen. So weit haben sie ihn doch noch nicht gebracht, im Ernst an
solche Dinge zu denken. Aber wenn sie Apollonius davon sagt, dann muß er
es, und sie trägt die Schuld. Er bewacht ihr jeden Tritt, sie kann
nichts tun, was er nicht erfährt. Und läßt sie es ihm durch einen
Dritten wissen, so wird er es ihm ansehen. O, Fritz Nettenmair ist
einer, der --!
Den ganzen Tag über, die halben Nächte geht dann die Frau wie im Fieber
umher. An leidenschaftlicher Angst wächst ihre Liebe zu Apollonius zur
Leidenschaft. Und sie kann es nicht hindern, denn die Leidenschaft mehrt
wiederum die Angst; vor dem Gedanken der Angst hat kein anderer Platz in
ihrer Seele. Hin zu ihm will sie stürzen, ihn mit pressenden Armen
umfangen, ihn beschwören -- dann wieder will sie in die Gerichte -- aber
es ist ja nur ein wilder Scherz, und sie wird ihn erst zum Ernste
machen, sagt sie jemand davon. Sie geht nicht mehr aus der Stube, tritt
nicht mehr an ein Fenster vor Furcht; sie will jeden Schritt meiden,
jede Bewegung, alles, was nur als ein Umsehen nach Apollonius erscheinen
könnte. Sie hat nicht mehr den Mut, mit jemand zu reden, weil ihr Mann
es erfahren und meinen kann, sie trägt ihm eine Botschaft an Apollonius
auf. Und der Mann sieht ihre wachsende Leidenschaft, sieht, wie wiederum
sein Mittel, was kommen muß, aufzuhalten, es nur beschleunigen wird, und
wartet und zählt immer ungeduldiger, daß die Bretter nicht brechen und
das Tau nicht reißt.
Es war eine trübe, schwüle Nacht. Die Nacht vor dem Tage, an welchem
Apollonius die Bekränzung des Turmdaches beginnen wollte. Fritz
Nettenmair schlich durch die Hintertür auf den Gang nach dem Schuppen,
um nach Apollonius' Fenster hinaufzusehen. Wenn er das Licht darin
erloschen sah, pflegte er die Hintertür zu verschließen und seinen
wüsten Neigungen nachzugehen. Seit jener Nacht, wo Valentin die
Hintertür mit dem Schuppenschlüssel geöffnet, hängte Fritz Nettenmair an
den Riegel noch ein Vorlegeschloß. Apollonius war noch nicht zu Bett
gegangen. Fritz Nettenmair wußte, Apollonius löschte in seiner
eigensinnigen Vorsicht nie das Licht, wenn er schon in das Bette
gestiegen war. Es stand dem Bette fern auf seinem Schreibtisch; dort
setzte er es in ein Becken und löschte es, ehe er nach dem Bette ging.
Fritz Nettenmair ballte die Faust nach dem Fenster hinauf. Apollonius
zögerte ihm auch hier zu lang. Er war müde und ging nach dem Schuppen.
Der Schlüssel zur Hintertür schloß auch den Schuppen. Es war dunkel
darin.
Wenn der Schieferdecker seine Platten zurichtet, sitzt er rittlings auf
einer Bank, in deren Mitte das Haueisen, sein kleiner Ambos
eingeschlagen ist. An eine solche stieß Fritz Nettenmair mit dem Bein
und nahm den Stoß als eine Aufforderung, sich zu setzen. Durch eine
Lücke konnte er nach Apollonius' Fenster sehen; er wollte das Auslöschen
des Lichtes hier erwarten. Der Schieferdecker verrichtet oft
Zimmermannsarbeit, er führt daher auch ein kleines Zimmerbeil unter
seinem Werkzeuge. Ein solches hatte auf der Bank gelegen; es war
herabgefallen, als er sich gesetzt. Er hob es auf und hielt es
absichtslos in seinen Händen; denn seine Gedanken waren mit ihm in der
Kammer: er saß am Bette der Frau und ängstigte sie mit Drohungen. Der
Ärger über das Zögern Apollonius' machte sich darin Luft; dieses Zögern
hinderte ihn, sich im Trunk Betäubung zu suchen. Er hat seine Hand auf
das Bett der Frau gestützt und fühlt an den Bewegungen der Decke das
Zittern ihrer Glieder. Er fühlt sich in ihre Angst hinein, er fühlt, wie
er selbst Apollonius zu ihrem einzigen Gedanken macht; wie sie morgen
ihm entgegenstürzen muß, wenn er von der Arbeit heimkommt. Und wären sie
nicht seine Teufel, wären sie Engel, es müßte morgen kommen, was er
verhüten will. Wenn sie ihn mit der Glut der Angst umfaßt, das schöne,
fluchvoll schöne Weib, er müßte nicht Blut in seinen Adern haben -- und
hätte er nie den Gedanken gehabt, mit dem er doch einschläft und
aufwacht Tag für Tag, er müßte jetzt den Gedanken denken. Es muß kommen,
wovor die bloße Furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der Menschen
gemacht, der sich selbst anspeien könnte; geschieht nicht morgen noch,
was der Fronweißblick weissagt. Und nun steht er wieder an der
Straßenecke und sieht wieder hinauf und harrt und zählt verzweifelter
als je; er badet sich in Angstschweiß, und die Bretter brechen nicht und
das Tau reißt nicht. O, er wird den Fronweißblick zum Märchen machen, er
wird leben bleiben, das Jahr, zehn Jahr, hundert Jahr, aus Haß gegen
ihn. Und er zählt immer noch eins, zwei; er sagt: nun muß -- da hört er
das Geräusch eines zerreißenden Taues und fährt auf aus seinem wachen
Fiebertraum. Die wilde, angstvolle Freude ist vergeblich; er steht nicht
an der Ecke und sieht nach dem Kirchendache hinauf. Er sitzt im
Schuppen; es ist Nacht. Aber das Geräusch hat er gehört. Das war keine
Vorspiegelung der Phantasie. Und von dort her kam es. Seine Haare stehen
empor. Dort liegen die Hängstühle und die Flaschenzüge mit ihren Tauen.
Er hat hundertmal erzählen hören; jeder Schieferdecker weiß, was es
sagen will, das vorspukende Geräusch. Aber dreimal muß es klingen, als
wenn ein Tau zerrisse; und er hat es erst einmal gehört. Er lauscht, er
preßt die Faust auf das Herz. Vor seinen Schlägen, vor dem Brausen des
Blutes die Adern hinauf und herab, wird er es nicht hören, wenn es noch
mal klingt und noch einmal. Er lauscht und lauscht und das Geräusch
wiederholt sich nicht. Da fährt ein Gedanke wie ein dunkelglühender
Blitz durch den Krampf, in den all seine Gefühle zusammengeballt sind;
der Gedanke, dem Schicksal nachzuhelfen. Er hat das Zimmerbeil immer
noch in seinen Händen; absichtslos ist er mit der Handfläche an der
Schneide hingefahren; jetzt kommt ihm zum Bewußtsein, das Beil ist
scharf, die Ecke spitzig. Eine ganze Reihe von Gedanken steht fertig da;
es ist, als ständen sie schon lang, und der Blitz hat sie nur sichtbar
gemacht. Morgen knüpft Apollonius seine Leiter an die Helmstange, dann
das Tau mit Flaschenzügen und Fahrzeug. Fritz Nettenmair greift um sich
und hat das Tau in der Hand. Das Schicksal will seine Hilfe; darum legt
es selber ihm Tau und Beil in die Hand. Wer weiß, daß er hier war? Drei,
vier Stiche mit dem Beil im Kreise um das Tau, kaum zu sehen, werden zu
einem einzigen großen Riß, wenn das Gewicht eines starken Mannes am Tau
zieht und die wuchtende Bewegung des Fahrzeugs um den Turm das Gewicht
des Mannes vergrößert. Wer sieht den Stichen an, daß sie absichtlich
gemacht sind? Ein Tau, das, getragen, halb an der Erde fortschleift,
kann an allerlei Scharfes stoßen. Das Schicksal hat den Schieferdecker,
der zwischen Himmel und Erde hängt, in seiner Hand. Das Schicksal hält
ihn oder läßt ihn fallen, nicht das Seil oder ein Schnitt darin. Will es
ihn halten, schadet kein Schnitt; soll er fallen, reißt ein unversehrtes
Seil. Und das Schicksal hat ihn schon gezeichnet. Ein Tag früher, einer
später, was ist das, wenn er doch fallen muß? Ein Tag später, und es
packt einen Verbrecher. Meint es das Schicksal nicht gut, nimmt es ihn
vorher aus der Welt? --
All diese Gedanken schlug mit einem Schlage jener eine aus Fritz
Nettenmairs Seele! im Nu war er entglommen; im Nu schlägt der
Höllenfunke zur Flamme auf. Er hat das Tau in der linken Hand; er hebt
das Beil -- und läßt es schaudernd fallen. An dem Beile glänzt Blut;
durch die ganze Länge des Schuppens ragt ein blutiger Streif. Fritz
Nettenmair flieht aus dem Schuppen. Er flöhe gern aus sich selbst
heraus; kaum hat er den Mut, nach Apollonius' Fenster aufzusehn. Ein
heller Lichtstrahl kommt von da, Fritz Nettenmair weicht vor ihm hinter
einen Busch. Jetzt bewegt der Strahl sich zurück. Apollonius war
aufgestanden an seinem Tische und hatte das Licht hoch in die Höhe
gehalten. Er hatte das Licht geputzt. Es konnte eine glühende Schnuppe
aus der Schere neben den Leuchter unter die Papiere gefallen sein; es
war nicht geschehen, und er stellte das Licht wieder an seine Stelle.
Fritz Nettenmair kannte seines Bruders ängstliche Gewissenhaftigkeit; er
hatte ihn das Licht mehr als hundertmal so heben sehen; er begriff, es
war kein Blut, was ihn erschreckt. Der Widerschein der Flamme war durch
Fenster und Luke gefallen und hatte rot von dem Stahle des Beiles und
durch die Nacht des Schuppens geglänzt. Dennoch stand Fritz Nettenmair
bebend hinter seinem Busche. Der gespenstige Schauder verließ ihn, aber
nicht so schnell das Grauen über das, was er gewollt, und daß es war,
als hätte ihm der Bruder noch zu seinem Werke leuchten wollen. Bald
verlosch Apollonius' Licht. Fritz Nettenmair konnte zurückkehren und
sein Werk vollenden, es störte ihn niemand mehr. Er tat es nicht, aber
er rückte sich wieder in seinem Hasse zurecht. Er sagte sich: »so weit
sollen sie ihn nicht bringen«. Die _Schuld_ des Gedankens wälzt er auf
die, auf die er alles wälzt; daß er den Gedanken nicht _ausgeführt_,
rechnet er sich zu. Er weiß, jeder andere an seiner Statt hätte schlimm
getan.
Nun verschließt er Hintertür und Vorlegeschloß, zuletzt die Haustür; und
geht. Er will trinken, bis er nichts mehr von sich weiß. Heut hat er
mehr zu vergessen, als je. Er geht. Ob er nicht wieder kommen wird?
heute nicht; aber morgen, übermorgen, überübermorgen? wenn der Gedanke
seine Fremdheit für ihn verloren hat? Gewohnheit macht selbst mit dem
Teufel vertraut. Dazu sollen sie ihn nicht bringen! Ob die Stunde nicht
kommen wird, wo er bereut, daß er sich nicht soweit bringen lassen, und
sich doch noch soweit bringen läßt? Zudem, wozu jeder andere an seiner
Stelle sich hätte bringen lassen?
Immer dunkler, immer schwüler wurde das Leben in dem Hause mit den
grünen Läden. Wer jetzt hineinsieht, glaubt es mir nicht, wie dunkel,
wie schwül es einmal war.
* * * * *
Von dieser Nacht an ängstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch
Drohungen auf Apollonius; er begann sogar, sie mit einer gewissen
Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in
stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er aufschrak, wenn er sich beobachtet
sah. Dann war er noch freundlicher als sonst, und brachte Scherze aus
seiner besten Zeit; er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber
die Frau wurde nur noch ängstlicher; sie vermied noch mehr als seither,
was dem Manne Anlaß zum Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius
nähern. Sie wußte nicht, warum. Und wenn sie ihre Furcht Torheit nannte,
sie mußte fürchten. Apollonius sah mit Freuden die Änderung des Bruders
und suchte ihn auf alle Weise darin zu fördern. Er wußte nicht, wie der
Bruder seine Freude auslegte!
Unterdes hatte Apollonius die Umkränzung des Turmdachs von Sankt Georg
mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rüstungen wiederum
herausgeschoben und innen am Gebälke des Dachstuhls festgenagelt; die
Bretter darauf befestigt, auf die fliegende Rüstung die Leiter gestellt
und diese an der Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hänfenen
Ring um die Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug, und an diesem
seinen Hängestuhl befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus
einzelnen, halbmannslangen Stücken, mit denen sich handlich umgehen
ließ. Das Ganze sollte, nach des Stifters Angabe, der selbst die Kosten
der Befestigung trug, zwei Girlanden vorstellen, die sich in
gleichlaufenden Kreisen mit herabhängenden Bögen um das Turmdach
schlangen. Je fünf jener Stücke, bei der oberen drei, bildeten einen
dieser Bögen. Sie mußten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete
verbunden, und jedes einzelne noch durch starke Nägel auf die
Verschalung befestigt werden. Da die Ränder der Schieferplatten sich
überall decken, war es nötig, an den Stellen, wo die Vernagelung
stattfinden sollte, die Schiefer mit Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe
geschieht, wo die sogenannten Dachhaken in die Verschalung eingetrieben
werden, an welche bei Reparaturen der Schieferdecker seine Leiter hängt.
Die Fläche, mit welcher der Dachhaken, nachdem seine gekrümmte Spitze
eingetrieben ist, durch noch zwei starke Nägel auf die Verschalung
aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten überdecken. Bei
Befestigung der an dem hervorstehenden Haken aufgehängten Leiter kommt
seine Fläche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und
beschädigen würde. Sie wird deshalb mit einer Bleiplatte überdeckt. Der
Zierat kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine ähnliche Bewegung.
Dann war noch eins zu bedenken. Die Dachhaken liefen, je neun und einen
halben Fuß voneinander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das
Turmdach; zwischen je zwei Kreisen befand sich ein Raum von fünf Fuß. Es
galt, den Zierat so anzubringen, daß er keinen dieser Dachhaken
überdeckte.
Apollonius war fleißig bei der Arbeit. Der Blechschmiedmeister, der
seine Zier so bald als möglich prangen sehen wollte, hatte sich weniger
über ihn zu beklagen, als Apollonius mit dem Meister zufrieden sein
konnte. Im Anfang trieb dieser, bald mußte Apollonius den Meister
treiben.
Es fehlte noch der Teil der oberen Girlande, der als Bogen über der
Aussteigetür hängen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das
Material dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer
kleinen Reparatur beschickt; er ließ sein Fahrzeug bis auf seine
Zurückkunft an dem Turmdach von Sankt Georg hängen, und ging nach
Brambach.
Es war den Tag darauf, daß der alte Valentin an die Wohnstubentür
pochte. Er war schon einigemal an der Tür gewesen und wieder
fortgegangen. Sein ganzes Wesen drückte Unruhe aus. Etwas, woran er
immer denken mußte, machte ihn so zerstreut, daß er meinte, er müsse ein
Herein in Gedanken überhört haben; er legte das Ohr an das
Schlüsselloch, als setze er voraus, es müsse noch jetzt zu hören sein,
wenn man sich nur recht mühe. Die Unruhe weckte ihn aus der Zerstreuung.
Er pochte zum zweiten- und zum drittenmal, und als der Ruf immer noch
ausblieb, faßte er Mut, öffnete und trat in die Stube. Die junge Frau
war ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie tat es auch
diesmal; aber heute mußte er sie sprechen. Sie saß, absichtlich von den
Fenstern entfernt, an der Kammertüre. Der Alte sah nicht, daß sie ebenso
unruhig war als er, und sein Hiersein sie noch mehr ängstigte. Er
entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine Bewegung machte, sich zu
entfernen, versicherte er, sein Bleiben solle kurz sein; er wäre nicht
mit Gewalt hereingedrungen, wenn ihn nicht etwas triebe, was vielleicht
sehr wichtig sei. Er wünsche das nicht, aber es sei doch möglich. Die
Frau horchte und sah immer ängstlicher bald nach den Fenstern, bald nach
der Tür. Müsse er ihr etwas sagen, soll er's, so schnell er könne.
Valentin schien zugleich auf die ängstlichen Blicke der Frau zu
antworten, als er begann:
»Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab' ihn eben
noch vom Hofe aus gesehen.«
»Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen?« fragte
die Frau in einem Atem.
»Bewahre,« sagte der Alte; »er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an
kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet« -- -- Der Alte
brach ab und dachte seinen Satz fertig: »so hat er was vor«. Die Frau
schwieg auch. Sie kämpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze
Angst anzuvertrauen. Der Alte merkte nichts davon. »Der Nachbar da, Sie
wissen's wohl,« fuhr er fort, »kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da
hat er die Nacht, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu
seinem Küchenfenster heraus, einen in unseren Schuppen schleichen sehen,
den Gang vom Hause hinter.« Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar
gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie tat
es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: »Den
Abend vorher, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das
Zeug aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles
untersucht; das tut er immer: aber er hat sich nicht entschließen
können. Und das ist so merkwürdig, daß Herr Fritz auf einmal so fleißig
geworden ist.«
Apollonius' Name weckte die junge Frau: sie horchte, als der Alte
fortfuhr: »Daran hab' ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der
Nachbar da erzählt hat, daß einer in den Schuppen geschlichen ist, hab'
ich gedacht: was muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen
ist, und bei Nacht. Und wie ich aufgesehen hab' und hab' den Herrn Fritz
so arbeiten sehen, da ist eine Unruh über mich gekommen und hat mich in
den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab'
ich mir alles mögliche vorgestellt, was einer drin hat machen können,
der hineingeschlichen ist. Erst hab' ich das Zimmerbeil an der Tür
liegen sehen, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug ist. Da hab' ich
gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab' mir wieder
vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht
hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es könnt' was an
den Leitern sein. Aber ich hab' nichts gefunden daran. An dem
Hängestuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die
Kloben zu betrachten und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als
wär's hier und da an was Hartes angetroffen, und das hätt' das Seil
verschunden. Da denk' ich: das geschieht oft und will's schon wieder
hinlegen. Aber ich denk' auch wieder: sonst ist nichts; und wenn einer
hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat,
hat er auch was damit gemacht. Da seh' ich genauer zu und -- Gott behüt'
einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hineingestochen, und
dort, und noch einmal, und noch einmal. Ich werf's über den Balken und
häng' mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub', wenn ein
Fahrzeug daran wuchtet, das Seil ist imstande, zu zerreißen.« Der Alte
war ganz bleich geworden über seiner Erzählung. Die Frau hatte immer
angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl
zurückgefallen und konnte kaum sprechen.
»Er hat gedroht,« ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.
»Den Abend vorher war's noch nicht,« fuhr er fort. »Herr Apollonius, der
hat ein Aug' für einen Mückenstich. Er hätt's gefunden, wie er alles
untersucht hat. Nun denk' ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die
Untersuchung mit angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das
Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er's morgen braucht. Und da ist
er bei Nacht hineingeschlichen.«
»Valentin,« schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern, halb,
wie um ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an
ihm aufrechtzuerhalten. »Er hat's doch nicht mitgenommen? Valentin, so
sag's doch nur!«
»Das nicht,« sagte Valentin. »Aber den andern Hängestuhl, der darin lag,
und das Seilzeug dazu, und noch mehr.«
»Und waren auch dort Stiche drin?« fragte die Frau in noch immer
steigender Angst. Der Alte sagte:
»Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches
Herr Apollonius mitnehmen wird.«
»Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide -- und ich bin
schuld,« stöhnte die Frau. »Er hat lange gedroht, er will ihm was tun.
Er tat, als wär's einer von seinen Späßen. Wenn ich's jemand sagte,
wollt' er's im Ernste tun.«
»Wer so scherzt,« sagte Valentin, »der macht auch solchen Ernst.«
Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, daß der Alte seine Angst
um Apollonius über der Angst um sie vergaß. Er mußte sie halten, daß sie
nicht umfiel. Aber sie stieß ihn von sich und flehte und drohte
zugleich: »Rett' ihn, Valentin, rett' ihn. Hilf, Valentin! Ach Gott,
sonst hab' ich's getan.« Sie betete zu Gott um Rettung und jammerte
immer dazwischen auf, er sei tot und sie trage die Schuld. Sie rief
Apollonius selbst mit den zärtlichsten Namen, er solle nicht sterben.
Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung für sie und fand ein
Etwas davon für sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so
gab es doch Hoffnung, daß Apollonius schon auf dem Rückweg sein müsse.
Er habe gewiß das Tauwerk noch einmal untersucht. Wär' er verunglückt,
man müßte es nunmehr wissen. Zehnmal mußte er ihr das vorsagen, eh' sie
nur verstand, was er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die
gräßliche Nachricht bringen konnte, und schrak bei jedem Laut. Ihr
eigenes Schluchzen hielt sie für die Stimme des Boten. Valentin lief
endlich, da ihre Angst und Ratlosigkeit ihn selber mit ergriff, zu dem
alten Herrn, ihn hereinzuholen zu der Frau. Er wußte nicht, was
beginnen; und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas tat;
vielleicht wußte der alte Herr, was zu tun war, um zu retten.
Der alte Herr saß in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in
die Wolken einspann, die ihn von der Welt außer ihm trennten, wurde ihm
zuletzt auch das Gärtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage:
Wie geht's, Herr Nettenmair? dort vertrieben. Er fühlte, man konnte ihm
sein: »Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen,« nicht
mehr glauben, und seitdem hörte er in jener Frage eine Verhöhnung.
Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das Zurückziehen des alten
Herrn und seine zunehmende Menschenscheu nicht unwillkommen. Je tiefer
der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem alten Herrn den
Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zuträger abzuhalten, von
denen er in seinem Gärtchen nicht abzuschließen war; es schien zuletzt
unmöglich. Apollonius wußte freilich nicht, daß der alte Herr in seinem
Stübchen Qualen litt, die, wenn auch auf bloßer Einbildung beruhend,
denen gleichkamen, vor denen er ihn schützen wollte. Hier saß der alte
Herr den langen Tag, zusammengesunken hinter dem Tische auf seinem
Lederstuhl, und brütete nach seiner alten Weise über allen Möglichkeiten
von Unehre, die sein Haus treffen konnten oder schritt mit hastigen
Schritten hin und her, und das Rot seiner eingefallenen Wangen und die
heftig kämpfende Bewegung seiner Arme zeigte, wie er in Gedanken das
Äußerste tat, die drohenden abzuwenden. Nur der Bauherr, der mit
Apollonius im Verständnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der alte Herr,
der dem Gast, wie jedem andern, sein Inneres verbarg, erriet bei diesem
dieselbe Verstellung, und bestärkte sich daran in der Meinung, daß er
durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hilflosigkeit offenbar machen
könne. Je heißer es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein Äußeres.
Es war ein Zustand, der in völligen Wahnsinn übergehen mußte, wenn nicht
die Außenwelt eine Brücke zu ihm schlug und ihn mit Gewalt aus seiner
Vereinzelung herausriß.
Heute geschah ihm diese Gewalt. Eben saß er wieder brütend auf seinem
Stuhle, als den Valentin die Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen
zwang die alte Gewohnheit, ohne daß er es wußte, die Türe leise zu
öffnen und ebenso hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem
krankhaft verschärften Gefühle sogleich das Ungewöhnliche. Seine
Erwartung nahm natürlich denselben Gang, den all sein Denken verfolgte.
Es war eine dem Hause drohende Schmach, was die sonst immer gleiche
Weise Valentins veränderte; es mußte eine entsetzliche sein, da sie den
alten Gesellen aus der Fassung brachte und seine Verstellung durchbrach.
Der alte Herr zitterte, als er aufstand von seinem Stuhl. Er kämpfte mit
sich, ob er fragen sollte. Es war nicht nötig. Der alte Gesell beichtete
ungefragt. Er erzählte mit fliegender Brust seine Befürchtungen und was
sie rechtfertigte. Der alte Herr erschrak, so gut ihn seine Einbildungen
auf die Wirklichkeit vorbereitet hatten; aber der Gesell sah nichts
davon im Äußeren seines Herrn; der hörte ihn an wie immer, wie wenn er
das gleichgültigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, hätte das
schärfste Auge kein Zittern mehr an der hohen Gestalt wahrgenommen. Der
alte Herr hatte den festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen
Füßen; er war wieder der Alte im blauen Rock. Er stand so straff vor dem
alten Gesellen wie sonst, so straff und ruhig, daß Valentins Seele sich
an ihm aufrichtete. »Einbildungen!« sagte er dann mit seinem alten
grimmigen Wesen. »Ist kein Geselle da?« Valentin rief einen herbei, der
eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach Brambach,
Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. »Geht er Ihm
nicht schnell genug, Er altes Weib, so heiß' Er ihn eilen, damit Er bald
erfährt, daß Er sich um nichts geängstigt hat. Aber kein Wort von seinem
Sums da! Und schließ' Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes
anfängt.« Valentin gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn
und daß nun wirklich etwas getan war, hatte kräftiger auf ihn gewirkt,
als hundert triftige Gründe vermocht hätten. Er teilte seine Ermutigung
der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr zu sagen, worauf sie sich
gründete. Hätte er Zeit gehabt, wahrscheinlich hätte er die Frau weniger
beruhigt verlassen, und er selbst ahnte nichts weniger, als daß der alte
Herr innerlich überzeugt war von der Schuld seines älteren und von der
Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jüngeren Sohnes, während er ihm seine
Befürchtungen als leere Grillen ausreden wollte, und den Boten nur
geschickt zu haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen.
»Nun wird der alte Narr doch,« sagte Herr Nettenmair, nachdem Valentin
zu ihm zurückgekehrt war, »dem Nachbar das ganze Märchen, das er sich
zusammenspintisiert hat, erzählt haben, und die Frau sechs Basen damit
in die Stadt herumgeschickt haben.«
Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte
Herr auf seine in einen Ausruf verkleidete Frage die Antwort erwartete.
»Werd' ich doch nicht,« sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermutung
kränkte ihn. »Ich hab' ja da selbst noch nichts Arges gemeint, und die
Frau Nettenmair hat keinen Menschen gesprochen seitdem.«
Der alte Herr schöpfte neue Hoffnung. Während Valentins Abwesenheit
hatte er sich einen Augenblick dem ganzen Schmerz hingegeben, den ein
Vater in seinem Falle nur empfinden konnte; aber er hatte sich gesagt:
man dürfe nicht in untätigem Jammer dem Verlorenen nachwerfen, was noch
zu erhalten sei. Waren die Söhne verloren, so war doch die Ehre des
Hauses, seine, der Frau und der Kinder Ehre vielleicht noch zu retten.
Nun kam dem alten Herrn bei dem wirklichen Falle die Übung zu statten,
die er bei seiner Einbildung aller Möglichkeiten gewonnen hatte. Wenn
die krankhaft gewachsene Empfindlichkeit seines Ehrgefühls ihn spornte,
vor dem äußersten nicht zurückzuschrecken, so gingen seine Gedanken nun
bei dem wirklichen Falle nur denselben fieberischen Gang, den zu nehmen
sie sich an den wesenlosen Ausgeburten seiner Furcht gewöhnt.
Verheimlichung alles dessen, was zu einem Verdachtsgrunde auf den
älteren Sohn werden konnte, stellte sich ihm als nächste Notwendigkeit
dar. Hatten Valentin und die Frau noch niemand mitgeteilt, was sie
wußten, so konnte anderes dergleichen bereits bekannt sein. Solch ein
verbrecherischer Gedanke entspringt nicht aus dem Ungefähr. Er ist die
Blüte eines Giftbaumes mit Stamm und Zweigen. Valentin mußte ihm
erzählen, was seit Apollonius' Zurückkunft im Hause geschehen war. Wußte
Valentin von Fritz Nettenmairs Eifersucht nichts, oder wollte er dem
alten Herrn, dessen argwöhnische Gemütsart er kannte, nichts davon
sagen; seine Erzählung wurde die Geschichte eines leichtsinnigen, ehr-
und vergnügungssüchtigen Verschwenders, der, trotz aller Bemühungen
seines besseren Bruders, ihn zu halten, bis zum gemeinen Wüstling und
Trunkenbold herabsank; zugleich die Geschichte eines treuen Bruders, der
dem Verschwender notgedrungen die Sorge um Ehre und Bestand von Geschäft
und Haus aus den Händen nimmt, um diese Ehre zu retten, und von dem
Gefallenen dafür bis in den Tod verfolgt wird.
Der alte Herr saß regungslos. Nur die Röte, die immer brennender auf die
mageren Wangen trat, gab Kunde von dem, was er mit der Ehre seines
Hauses litt. Sonst schien er alles schon zu wissen. Es war das seine
alte Weise; er wandte sie hier vielleicht auch deswegen an, weil er
meinte, der Gesell würde dann um so weniger wagen, etwas zu verschweigen
oder wider besseres Wissen zu verändern. Die innere Aufregung hinderte
ihn, zu bemerken, in welchen Widerspruch dieser Anschein mit seinem
Gefühl für Ehre trat. Valentin suchte nicht den Schatten zu vertiefen,
der auf Fritz Nettenmairs Handeln fiel; aber wie er den alten Herrn
kannte, schien es ihm nötig, das brave Tun Apollonius' in das hellste
Licht zu stellen. Er kannte den alten Herrn doch nur halb. Er
verrechnete sich in der Wirkung, die er damit beabsichtigte, wenn er die
kindliche Schonung pries, mit der Apollonius die Kunde von der Gefahr
dem Ohr des alten Herrn fern gehalten. Er verdarb damit, was seine
schlichte Erzählung getan, des Sohnes Verdienst um das Teuerste, was der
alte Herr wußte, darzustellen. Der alte Herr sah nur immer mehr die
Furcht wahr gemacht, die ihm Apollonius' Tüchtigkeit erregt hatte.
Apollonius hatte ihm die Gefahr unkindlich verschwiegen, um die Rettung
sich allein beimessen zu können. Oder er hielt seinen Vater für den
hilflosen Blinden, der nichts mehr war und nichts mehr vermochte, als
höchstens ihn zu hindern. Und das vergab ihm der alte Herr noch weniger
-- trotz seines Schmerzes um den Toten, der der Sohn ihm bereits war. Er
wurde immer überzeugter, er selbst hätte es nicht soweit kommen lassen,
wenn er darum gewußt und die Sache in seine Hand genommen, und
Apollonius dürfe niemand seines Mordes anklagen, als den eigenen
Vorwitz. Diese Gedanken mußten natürlich vor dem zunächst notwendigen
zurücktreten. Was er bis jetzt von der Vorgeschichte des
brudermörderischen Gedankens wußte, konnte den entstandenen Verdacht
verstärken, aber ihn nicht entstehen machen, wenn nicht ein anderes, das
ihm noch unbekannt war, dazu trat. Er mußte von dem schuldigen Sohne
selbst erfahren, ob es solch ein anderes gab. Sein Entschluß war für
alle Fälle gefaßt. Er verlangte Hut und Stock. Ein andermal wäre
Valentin über diesen Befehl erstaunt, vielleicht sogar erschrocken. Ist
man durch ein Außerordentliches aufgeregt, wie es der Gesell eben war,
kommt nur das unerwartet, was sonst das Gewöhnliche hieß, was an den
alten, ruhigen Zustand erinnert. Indes Valentin das Befohlene
herbeibrachte und der alte Herr sich zum Ausgehen bereitete, zeigte
dieser ihm noch einmal, wie grundlos und töricht seine Befürchtungen
seien. »Wer weiß,« sagte der alte Herr grimmig, »was der Nachbar gesehen
hat. Wie will er bei Nacht einen erkennen, der so weit entfernt von ihm
ist? Und Er dazu mit seinen Beilstichen! Nun dürfte dem Jungen in
Brambach das Seil gerissen sein oder müßte sonst zufällig verunglückt
sein, so wird Er sich steif und fest einbilden, seine eingebildeten
Beilstiche sind schuld gewesen, und der hat sie gemacht, den der Nachbar
-- der so einfältig ist als Er -- will haben in den Schuppen schleichen
gesehen. Und sagt Er ein Wort davon, oder ist Er so klug, daß Er in
Rätseln zu verstehen gibt, was Er sich einbildet in seinem alten
Narrenschädel, so ist den andern Tag die ganze Stadt voll davon. Nicht
weil's wahrscheinlich wäre, was Er da ausgeheckt hat, und kein
vernünftiger Mensch glauben kann, sondern weil die Leute froh sind,
einem andern das Schlimmste nachzureden. Gott wird ja vor sein, daß der
Junge nicht zu Unglück kommt, aber es kann geschehen, und es ist
vielleicht schon geschehen. Wie leicht kommt einer hinter dem Ofen dazu,
geschweige ein Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde schwebt wie
ein Vogel, aber keine Flügel hat wie ein Vogel. Darum mit ist die edle
Schieferdeckerkunst eine so edle Kunst, weil der Schieferdecker das
sichtlichste Bild ist, wie die Vorsehung den Menschen in ihren Händen
hält, wenn er in seinem ehrlichen Berufe hantiert. Und läßt sie ihn
fallen, so weiß sie, warum; und der Mensch soll nicht Gespinste drum
hängen, die über einen andern Unglück oder gar Schande bringen können.
Ich bin gewiß, die Sache wird sich ausweisen, wie sie ist, und nicht,
wie Er sie sich da zusammengeängstelt hat. Denn« --
Soweit war der alte Herr in seiner Rede gekommen, da hörte man draußen
eine Last niedersetzen. Der alte Herr stand einen Augenblick stumm und
wie versteinert da. Der Valentin hatte durch das Fenster den
Blechschmiedegesellen kommen sehen, der eben ablud.
»Der Jörg vom Blechschmied,« sagte Valentin, »der die blechernen
Girlanden vollends bringt.«
»Und da ist Er erschrocken mit seinen Einbildungen und hat gemeint, sie
bringen wer weiß wen. Wo ist der Fritz?«
»Auf dem Kirchendach,« entgegnete Valentin.
»Gut,« sagte Herr Nettenmair. »Sag' Er dem Blechschmied, er soll
hereinkommen, wenn er fertig ist.« Der Geselle tat's. Bis jener
hereinkam, fuhr Herr Nettenmair noch mit gedämpfteren Tönen in seiner
Strafpredigt fort. Er sprach davon, wie Menschen sich Einbildungen
zusammendichteten und sich darüber ängsteten, wie über wirkliche Dinge;
wie die Gedanken dem Menschen über den Kopf wüchsen und ihm keine gute
Stunde ließen, wenn er nicht gleich im Anfang sich ihrer erwehre. Es
war, als wollte der alte Herr sich über sich selbst lustig machen. Er
dachte nicht daran, daß er Valentin über seinen eigenen Fehler
abkanzelte. Dagegen fühlte sich Valentin beschämt, als treffe ihn die
Strafe verdientermaßen; und er hörte dem alten Herrn mit Andacht und
Zerknirschung zu, bis der Blechschmiedgesell hereinkam. Herr Nettenmair
faßte den Stock, den ihm Valentin in die Hände gab, setzte den Hut tief
in die Stirne, um der Welt so viel als möglich von dem unfreiwilligen
Geständnis der toten Augen zu entziehen, und schüttelte sich
majestätisch in dem blauen Rock zurecht. Valentin wollte ihn führen,
aber er sagte: »die Frau braucht Ihn, und Er wird wissen, was Er in
meinem Hause zu tun hat.« Valentin verstand den Sinn der diplomatischen
Rede. Der alte Herr machte ihn verantwortlich für das Benehmen der Frau.
Herr Nettenmair aber wandte sich nun dahin, wo des Blechschmiedegesellen
Respekt in ein leises Räuspern ausbrach, und fragte ihn, ob er Zeit
habe, ihn bis auf das Turmdach von Sankt Georg zu begleiten, wo sein
älterer Sohn arbeite. Der Blechschmied bejahte. Valentin wagte noch den
Vorschlag, Herrn Fritz lieber rufen zu lassen. Der alte Herr sagte
grimmig: »ich muß ihn oben sprechen. Es ist wegen der Reparatur.« Darauf
wandte er sich wieder zu dem Blechschmiedegesellen. »Ich werde Seinen
Arm nehmen,« sagte er mit herablassendem Grimm. »Ich leide etwas an den
Augen, aber es hat nichts zu sagen.«
Valentin sah den Gehenden eine Weile kopfschüttelnd nach. Als der alte
Herr aus seinen Augen war, fiel die Zuversicht, die er der resoluten
Gegenwart des alten Herrn verdankte, wieder zusammen. Er schlug die
Hände ineinander vor Angst; da ihm aber einfiel, er stehe in der Haustür
und sei verantwortlich für jedes Gerede, das der Ausdruck seiner
»Einbildungen« veranlassen konnte, tat er, als habe er die Hände
ineinandergelegt, um sie behaglich zu reiben.
Der Blechschmiedegeselle hatte gehört, Herr Nettenmair sei schon seit
Jahren blind; der selbst hatte ihm gesagt, sein Augenleiden sei
unbedeutend; er merkte aber bald, die Leute möchten doch recht haben.
Nun nickte ein rasch Vorübergehender, und auf sein »Wie geht's?«
lächelte der alte Herr wiederum: »Ich leide etwas an den Augen, aber es
hat nichts zu sagen.« Über jeden andern an Herrn Nettenmairs Stelle
würde der Gesell gelacht haben; aber die mächtige Persönlichkeit des
alten Mannes setzte ihn so in Respekt, daß er den Widerspruch seiner
sinnlichen Wahrnehmung mit dessen Worten auf sich beruhen ließ, und
zugleich seinen Sinnen glaubte: Herr Nettenmair sei blind, und Herrn
Nettenmair selbst: es habe nichts zu sagen.
Das Erscheinen des alten Herrn auf der Straße war ein Wunder und
sicherlich würde es Aufsehen gemacht haben und der alte Herr durch
hundert Händeschüttler und Frager aufgehalten worden sein, hätte nicht
ein anderes die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Da lief ein halblaut
und schnell Ausgesprochenes durch die Straßen. Zwei, drei blieben
stehen, das Näherkommen eines Dritten, Vierten abwartend, der sich
merken ließ, er wisse das, was sie zehn andere ähnliche Gruppen bilden
sahen. Dort verkündete es einer im schnellen vorübereilen. Und immer
begann es mit einem: »Wißt ihr schon?« das oft von einem: »Aber was ist
denn geschehen?« herausgefordert war. Herr Nettenmair brauchte nicht zu
fragen; er wußte, ohne daß es ihm einer zu sagen brauchte, was geschehen
war; aber er durfte sich nicht merken lassen, wie er wußte, daß man
eigentlich ihn hätte fragen müssen; man wollte nicht allein wissen, was
geschehen war; auch das wie und wodurch und das warum. Der
Blechschmiedegeselle meinte, Herr Nettenmair wollte an ihm niedersinken,
aber der alte Herr hatte sich nur an den Fuß gestoßen, »es hatte nichts
zu sagen«. Der Gesell fragte einen Vorübereilenden. »Ein Schieferdecker
ist verunglückt in Brambach.« »Wie denn?« fragte der Gesell. »Ein Seil
ist zerrissen. Weiter weiß man noch nichts.« Herr Nettenmair fühlte, wie
der Gesell erschrak, und daß er über den Gedanken erschrak, der Sohn des
Mannes war verunglückt, den er führte. Er sagte: »Es wird in Tambach
gewesen sein. Die Leute haben falsch gehört. Es hat nichts zu sagen.«
Der Gesell wußte nicht, was er von der Gleichgültigkeit des Herrn
Nettenmair denken sollte. Der sagte zu sich, indem das brennende Rot auf
seine Wangen trat: »Ja, es muß sein. Es muß sein.« Er dachte daran, es
gab etwas, womit man allen Gerichten, allen Untersuchungen aus dem Wege
gehen kann. Das Etwas, das er meinte, mußte ein hartes Etwas sein; denn
er biß die Zähne zusammen, als er mit dem Kopfe nickte und zu sich
sagte: »Es muß sein. Nun muß es sein.« Der Gesell ging, den alten Herrn
führend, wie im Traume neben ihm die Turmtreppe von Sankt Georg hinan.
Die Leute hatten recht; Herr Nettenmair war doch ein eigener Mann!
Der alte Herr hatte gesagt, er müsse den Sohn auf dem Kirchendach
sprechen -- wegen der Reparatur. Er hatte ohne Absicht in seiner
diplomatischen Art geredet.
Es mußte auf dem Kirchendache sein, und es galt eine Reparatur, aber
nicht die des Kirchendachs.
* * * * *
Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel
und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz
Nettenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hinaufführen ließ.
Hier herauf war Fritz Nettenmair geflohen vor den Augen der Menschen,
die er alle auf sich gerichtet meinte, hier herauf hatte er sich
geflüchtet, vor seinen Gedanken in einen wütenden Fleiß. Er hatte die
ganze Hölle in seiner Brust mit heraufgebracht; und wie angestrengt er
schaffte, der Schweiß, der ihm auf der Stirne stand, war nicht der warme
redlichen Mühens, es war der kalte Schweiß der Gewissensangst. Er
hämmerte Schiefer zurecht und nagelte sie fest, so angstvoll hastig, als
nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstürzen müßte in der
nächsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hämmern, sie
war dort, wo unaufhörlich Stricke rissen und verunglückende
Schieferdecker polternd hinabstürzten in den gewissen Tod. Zuweilen
hielt er plötzlich inne; es war ihm, als müßte er hinunterrufen: »Nach
Brambach! Er soll nicht die Leiter besteigen! er soll sich nicht auf
sein Fahrzeug setzen.« Aber dann blieben die vielen Hunderte, die wie
Ameisen da unten durcheinanderliefen, in Schreck versteinert stehen, und
soviel Paar Augen, überfüllt mit Grauen und Abscheu, starrten herauf,
und der Häscher kam und stieß ihn vor sich her die Treppe herunter; und
vielleicht war es doch zu spät! Dann einmal faltete er die Hände über
den Deckhammer und gelobte: stürbe Apollonius nicht, er will ein braver
Mann werden. Er denkt nicht, daß ihn das reuen wird, sobald er
Apollonius gerettet weiß. -- Da kommt jemand die Treppe herauf -- ist's
der Häscher schon? Nein. Es weiß niemand, was er getan. Er verzerrt sein
Gesicht in Trotz und fragt: »Wer will mir was anhaben?« Jetzt hört er
Stimmen, und die Klänge der einen davon treffen wie Hammerschläge auf
sein gequältes Herz. Das ist die einzige Stimme, die er hier zu hören
nicht erwartet. Wird der fragen, dem sie gehört: »Wo ist dein Bruder
Abel hin?« Nein. Er will dem Sohne sagen, daß jener verunglückt ist; er
meint, es ist ein Unglückstag und er soll heute nicht mehr arbeiten. Und
fragt er doch, die Antwort ist fast so alt als das Menschengeschlecht:
»Soll ich meines Bruders Hüter sein?« Dabei kommt's ihm wie eine
Erleichterung, daß ihm einfällt, der Vater ist blind. Denn er weiß,
seine sehenden Augen könnte er jetzt nicht ertragen. Er hämmert und
nagelt immer hastiger. Er würde dem Vater ausweichen, wenn er könnte,
aber der Dachstuhl ist schmal und der Alte spricht schon am
Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht eher bemerken, als bis er muß.
»Nun ist's schon gut,« hört er den Alten sagen. »Mach' Er Seinem Meister
mein Kompliment; und da ist etwas für Ihn. Trink' Er eine Gesundheit
dafür.« Fritz Nettenmair hört, der alte Herr setzt sich auf die
bloßgelegte Latte im Aussteigeloch, und weiß, der alte Herr füllt die
ganze Öffnung mit seiner Gestalt. Er hört den Dank des Gesellen und
seine Tritte, wie sie immer ferner klingen.
»Schönes Wetter,« sagt Herr Nettenmair. Der Sohn errät, der Alte will
wissen, ob noch jemand in der Nähe ist. Es antwortet niemand; Fritz
Nettenmair stirbt der Ton in der Brust; er hämmert immer lauter und
hastiger. Er wünscht, die Stunde, der Tag, das Leben wär' zu Ende.
»Fritz,« ruft der Alte. Er ruft noch einmal, und er ruft noch einmal.
Fritz Nettenmair muß endlich antworten. Er denkt an den Ruf: »Kain, wo
bist du?« »Hier, Vater,« entgegnet er und hämmert fort.
»Der Schiefer ist fest,« sagte der Alte gleichgültig; »ich hör's am
Klange; er blättert nicht.«
»Ja,« entgegnete Fritz mit klappernden Zähnen, »er nimmt kein Wasser.«
»Er ist besser geworden als früher,« fährt der Alte fort; »sie sind
tiefer in den Bruch hineingekommen. Es scheint, du bist allein.« Ein
»Ja« erstirbt im Munde des Sohnes. »Je tiefer er lagert, desto fester
ist das Gestein. Ist keine Rüstung weiter in der Nähe?«
»Keine.«
»Gut. Komm hierher. Hier vor mich.« --
»Was soll ich?«
»Hierher kommen. Was gesagt sein muß, muß leise gesagt sein.«
Fritz Nettenmair trat, in allen Gelenken schlotternd, vor den Vater. Er
wußte, der war blind, und doch suchte er seinem Blicke auszuweichen. Der
Alte rang nach Fassung, aber davon sprach kein Zug in dem verwitterten
Gesicht; nur die Dauer seines Schweigens und sein Atem, der das schwere,
ächzende Wandeln des Perpendikels an der nahen Turmuhr wie ein müdes
Echo nachzuklingen schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den
Vorbereitungen, was kommen müsse. Er rang nach Trotz. Wenn er's in
seinem Argwohn errät, wer will mir's beweisen? Und könnt' er's beweisen,
er gibt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum auch sonst will er
leise reden? mag er sagen, was er will, ich weiß nichts, ich bin nichts
gewesen, ich hab' nichts getan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zittern
aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte
Herr schwieg noch immer. Gedämpft klang das Treiben der Straßen in die
Höhe herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug
Apollonius' bebte der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug
vom Felde heimkehrender Tauben vorbei. Es war ein Abend voll
Gottesfrieden. Tief unten weit hingedehnt die grüne Erde; oben hoch der
Himmel, wie ein Kelch aus blauem Kristall darüber gedeckt. Kleine,
rosige Wölkchen wie Flocken hingestreut. Der Lärm von unten erlosch
immer mehr. Die Luft trug einzelne Töne einer fernen Glocke mit sich und
schlug sie leise spielend wie wiederkehrende Wellen gegen das Dach. Dort
über der nächsten grünen Höhe, wo sie herkommen, liegt Brambach. Es muß
das Abendgeläute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der
Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur
zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt
Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem
einen brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle
Flammen, alle Qualen der Hölle.
»Wo ist dein Bruder?« drang es endlich zwischen den Zähnen des einen
hervor.
»Ich weiß nicht. Wie soll ich's wissen?« bäumt sich im andern der Trotz.
»Du weißt nicht?« Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte
schlug wie ein Donner in die Seele des Sohnes. »Ich will dir's sagen.
Drüben in Brambach liegt er tot. Das Seil ist über ihm zerrissen und du
hast's mit Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den
Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es
tun. Die ganze Stadt weiß es; eben tragen sie's in die Gerichte. Der
erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der Häscher, der dich vor den
Richter führt.« --
Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rüstung knackte unter ihm. Der Alte
horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüstes zusammen, so stürzte
er hinab in die Tiefe, und alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war
getan! Eine Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Höhe und streute
ihr lustiges Tirili über Bäume und Häuser hin. Glücklichere Menschen
hörten den Gesang aus der Ferne; Arbeiter ließen den Spaten ruhen,
Kinder Peitsche und Kreisel, und suchten mit himmelaufgewandten Augen
den schwebenden Punkt, und horchten mit verhaltenem Atem hinauf. Der
alte Herr Nettenmair hörte die nahe Lerche nicht; er hielt auch den Atem
an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es war nichts, das wie
Lerchengesang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein Poltern auf
dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll
Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den
Brettern des Gerüstes röchelt ein schwerer Atem. Er hört, der Zufall,
der ihm mitleidig helfend vorgreifen konnte, hat es nicht getan. Er muß
es tun, denn getan muß es sein. Sonst zeigen die Menschen mit den
Fingern auf die Kinder: Die sind's, deren Vater seinen Bruder erschlug
und auf dem Hochgericht oder im Zuchthause starb. Und wo es längst
vergessen ist, da dürfen sie sich nur zeigen, da wird es wieder wach; da
deuten die Menschen wieder mit den Fingern und wenden mit Schaudern sich
von ihnen ab. Das Vertrauen, das er von den Eltern erbt, ist das
Kapital, womit der Mensch anfängt. Es muß ihm erwiesen werden, eh' er's
hat verdienen können, damit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird
ihnen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnet gehen?
Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von
den Menschen ausgestoßen, müssen sie nicht werden, wie ihr Vater war?
Und sein eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu
bewahren, wird rückwärts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder
hält man für fähig zu tun, wie der Vater tat, und es kann kein ehrlicher
Vater gewesen sein, der solchen Sohn hatte! -- Immer brennender glühte
die Röte auf der eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust
richtete sich keuchend empor. Er machte unwillkürlich eine vordeutende
Bewegung mit dem Arm. Fritz Nettenmair ahnte ihren Sinn und wollte sich
aufraffen und wäre wieder umgesunken, stützte er sich nicht mit beiden
Händen. So lag er auf Händen und Knien vor dem Alten, als er den
Angstruf ausstieß: »Was willst du, Vater? Womit gehst du um?«
»Ich will sehen,« erwiderte der Alte mit pfeifendem Flüstern, »ob ich's
tun muß oder ob du's tun wirst, was getan sein muß. Und getan muß es
sein. Noch weiß niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den
Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich
stehen, aber nicht für die, daß sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn
du jetzt herabfällst von der Rüstung, so daß die Leute meinen können, du
bist ohne Willen verunglückt, dann ist die größte Schande verhütet. Der
Schieferdecker, der verunglückt, steht vor der Welt als ein ehrlicher
Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben
ist. Du bist einen solchen Tod nicht wert, Bankrottierer. Dich sollte
der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz,
Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen
das zukünftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das
voll Ehre gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du
sollst nicht noch mehr Schande darüber bringen. Von mir sollen sie nicht
sagen, daß mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem
Blutgerüst oder im Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein
Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wendest du dich, als
wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen, und trittst mit dem rechten
Fuß über die Rüstung. Sag' ich, der Schreck über seines Bruders Unglück
hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben's die Gerichte und die Stadt.
Das ist's, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als deins.
Tust du's nicht gutwillig, so stürz' ich mit dir hinab und du hast auch
mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich
bin gestrauchelt und hab' mich an dir anhalten wollen und hab' dich
mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut' erfahren hab',
keine Dauer mehr und kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen
erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich
Nettenmair heiße. Nun besinn' dich, wie es werden soll. Ich zähle
fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort.«
Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters
gehört. Daß seine Tat noch nicht öffentlich bekannt war, gab ihm
Hoffnung. Die Angst vor dem gedrohten Tode weckte einen Teil seiner
Kräfte wieder. Er flüchtete sich wieder in seinen Trotz. Hastig sagte
er, nachdem der Alte ausgeredet hatte: »Ich weiß nicht, was du willst.
Ich bin unschuldig. Ich weiß nicht, was du da von Beilstichen sagst.« Er
erwartete, der Vater würde auf seine Einwendungen eingehen, wenn auch
erst ungläubig. Aber der Alte begann ruhig zu zählen. »Eins -- zwei.« --
»Vater,« fiel er ihm mit steigender Angst in das Zählen, und der Trotz
seines Tones brach im Flehen: »Hör' mich doch nur. Die Gerichte hören
einen und du hörst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstürzen, weil du
mich tot haben willst, ich will sterben, wenngleich unschuldig. Aber
höre mich nur erst!« Der alte Herr entgegnete nicht; er zählte fort. Der
Elende sah, sein Urteil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er
auch sagen mochte; und er wußte, was der eigensinnige alte Mann sich
einmal vorgenommen, das führte er unerbittlich aus. Er wollte sich
darein ergeben, da kam ihm der Gedanke, noch einmal zu flehen; dann fiel
ihm ein: er konnte den Alten zurückwerfen und über ihn hin entfliehen,
dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing, um nicht
mitzustürzen. Das konnte ihm kein Mensch verdenken. Dazwischen sah er
schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn
doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete
ihn über dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im
Augenblicke noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte
ihm verzeihen. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald
da, und hatte vergessen, warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen
der Gesell verschwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des
roten Adlers auf, es klang: »Da kommt er ja! Nun wird's famos!« Er stand
an den Straßenecken und zählte und die Bretter wollten unter Apollonius
nicht brechen, die Stricke über ihm nicht reißen; er stand wieder vor
der Frau und sagte über des sterbenden Ännchens Bett gebeugt: »weißt du,
warum du erschrickst?« und holte aus zu dem unseligen Schlage; selbst
daß er vor dem Vater dalag und hin und her sann in gräßlich angstvoller
Hast, kam ihm vorüberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war's ihm,
als käme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem
Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschläge zu zählen begonnen, und
jetzt. Es müsse ja alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er
über den Vater hinweggeflohen, oder ob er sich angehalten als ihn der
Vater mit sich hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der
Vater noch. Er hörte ihn »Neun« zählen und dann schweigen. Die Besinnung
verließ ihn völlig.
Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zählte nicht mehr. Sein scharfes
Ohr hörte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne
und hielt ihn, wie um seiner gewiß zu sein, daß er ihm nicht entgehe. Er
fühlte an der Kälte und Widerstandslosigkeit des Gliedes, das er gefaßt,
es sei unnötig, den Sohn zu halten! er müsse ohnmächtig sein. Eine neue
Sorge wuchs ihm daraus. War der Sohn ohnmächtig, so mußte er, wenn
möglich, das fremden Blicken entziehen. Auch diese Ohnmacht konnte den
Verdacht entstehen oder wachsen machen. Er erhob sich und wandte sich
von der Dachluke nach dem Kommenden. Er war unschlüssig, sollte er die
Luke mit seinem Körper decken oder dem Kommenden entgegengehen. Der
Geselle, den er vorhin nach Brambach geschickt -- denn dieser war's, der
so eilig kam -- hustete auf der Treppe. Den konnte er abhalten von der
Rüstung; ja, er konnte ihm vielleicht den Anblick des darauf Liegenden
entziehen, wenn er ihm entgegenging und ihn noch auf der Treppe
abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Luke stehen
blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke dieselbe doch nicht völlig.
Jetzt fühlte der alte Herr erst, wie das, was er heute erfahren, seine
Kräfte gelähmt. Aber der Gesell merkte nichts davon als er den alten
Herrn, an den Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah.
»Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair?« fragte der Geselle, indem er
auf der Treppe stehen blieb.
»Wen?« fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mühe, seine künstliche
Ruhe zu bewahren. War der Geselle in Brambach gewesen, so konnte er
nicht so ruhig sprechen, er mochte sprechen, von wem er wollte.
»Nun, er wird nunmehr daheim sein,« entgegnete der Geselle. Der alte
Herr wiederholte seine Frage nicht, er mußte sich an dem Balken
festhalten, an dem er lehnte. »Er war schon auf dem Wege,« fuhr der
Geselle fort; »ich bin mit ihm ans Tor gegangen. Da hat er mich zum
Blechschmied geschickt, ich sollte fragen, ob das Blechzeug endlich
fertig wär. Der Jörg sagte, er hätt's schon hingeschafft, und käm' eben
vom Turmdach von Sankt Georg, da hätt' er den alten Herrn Nettenmair
hinaufgeführt. Da hab' ich gemeint, er wird noch oben sein; und weil's
so eilig war, wollt' ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn
Apollonius heraufschicken soll.«
Jetzt erst gelang's Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte
festhalten müssen, herauf und herunter zu betasten, als ob er ihn nur
umfaßt, um ihn zu untersuchen. Da er fühlte, seine Hände zitterten, gab
er seine Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick
vermochte: »Ich komme selber hinunter. Wart' Er auf dem Absatz, bis ich
Ihn rufe.« Der Geselle gehorchte. Herr Nettenmair schöpfte tief Atem,
als er sich nicht mehr beobachtet wußte. Aus dem Atem ward ein
Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem er sich seit Valentins
Mitteilung befunden, sich zu lösen begann, trat erst der Vaterschmerz
hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung für die Ehre des Hauses
bisher nicht zu Worte hatte kommen lassen. Er fand nun erst Zeit, das
Unglück des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es
hatte ihn nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebt
noch immer in der gleichen Gefahr, so lange der Schlimme sich in seiner
Nähe befindet. Auch diesen Fall hatte er in seinem Plane vorgesehen und
sich gesagt, was er dann tun müsse. Die bisherige Kraft, die nur eine
angemaßte war, hätte ihn mit dem Krampfe verlassen, galt es nicht noch
immer die Rettung des braven Sohnes und die Ehre seines Hauses. Er
tastete sich nach der Dachluke hin. Fritz Nettenmair war unterdes aus
seiner Betäubung wieder erwacht, und es war ihm gelungen, aufzustehen.
Der alte Herr hieß ihn von der Rüstung hereintreten und sagte: »Morgen
vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika
wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und
bringst Schande. Nach mir gehst du heim; Geld sollst du haben; du machst
dich fertig. Du hast seit Jahren nichts für Weib und Kind getan, ich
sorge für sie. Vor Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hörst du?«
Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausbleiblichen Tode in
die Augen gesehen; nun sollte er leben! Leben, wo niemand wußte, was er
getan, wo ihn nicht jedes zufällige Geräusch mit dem Wahnbild des
Häschers schrecken durfte. In diesem Augenblicke fühlte er selbst das
als ein Glück, daß er fern sein sollte von dem Weibe, um das er alles
getan, was er getan, und in deren Anschauen er Tag für Tag alles
mitsehen sollte, was er getan; die seine Tat wußte, von der jeder Blick
eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu überliefern. Es graute ihm vor
dem Hause, in dem ihn stündlich alles erinnern mußte an das, was er
unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich vormachte,
durch ein neues Leben abbüßen zu wollen. Am liebsten wäre er sogleich
unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen
zugeeilt.
»Apollonius ist nicht gestürzt,« fuhr der Alte fort und Fritz
Nettenmairs ganzer neuer Himmel versank. Das alte Gespenst hatte ihn
wieder in seinen Fäusten. Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen
er eben noch sich gefreut. Mit dem Gegenstande seines Hasses lebte der
Haß und die Liebe wieder auf, und beide waren Höllenflammen. Er meinte,
alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz, lag nur auch der
Nebenbuhler tot. Gewissensangst, das drohende Jenseits, alles war
erträglich, nur eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte
hatte des Sohnes Ja erwartet. »Du gehst,« sagte er, als dieser schwieg.
»Du gehst. Du bist morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder
ich bin auf dem Weg in die Gerichte. Soll Schande sein, so ist's besser
bloße Schande, als Schande und Mord. Denk', ich hab's geschworen, und
nun tu', was du willst.«
Der alte Herr rief den Gesellen herauf und ließ sich heimführen.
* * * * *
Unterdes war das Gerücht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt
Georg begegnet war, auch in die Straße gekommen, wo das Haus mit den
grünen Laden steht. Vor den Fenstern erzählte es ein Vorübergehender
einem andern. Die Frau hörte nichts als: »Wißt ihr's schon? In Brambach
ist ein Schieferdecker verunglückt.« Dann sank sie vom Stuhle, von dem
sie aufspringen wollte, auf die Dielen. Wiederum mußte der alte Valentin
seinen Schmerz um Apollonius über der Angst und Sorge um die Frau
vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz verhindern konnte er nicht, nur
den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des Stuhlbeins bewahren. Da saß
er neben der liegenden Frau auf den Füßen und hielt in den zitternden
Hände Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war ihr das volle,
dunkelbraune Haar über der Stirne aufgegangen und verdeckte das bleiche
Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natürlichen
Locken zu kräuseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur
vorübergehend überwinden konnte. Es war, als hätten sie die Ohnmacht
ihrer Besitzerin benutzt, ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich
die Hände frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden
gleiten ließ, und versuchte die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er
mußte sehen, ob sie noch lebe. Das verursachte ihm lange Zeit
vergebliche Mühe; die Angst machte seine alten Hände noch ungeschickter;
dazu kam die eigene Scheu, die einen alten Junggesellen unerbittlich in
so enger weiblicher Nähe befängt; und der Eigensinn der Haare, die immer
wieder im krausen Gelock über dem Gesichte zusammenschlugen. Der Hals-
und der Schläfenpuls wehrten sich dagegen, er sah, wie sie die Haare mit
ihren Schlägen bewegten und faßte wieder Hoffnung. Auf dem Tisch stand
eine Flasche mit Wasser; er goß sich davon in die hohle Hand und
spritzte es ihr auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine
Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und stützte ihn. Sie
strich sich nun selbst die widerstrebenden Haare aus dem Gesicht und sah
sich um. Ihr Blick hatte etwas so Fremdes, daß der Valentin von neuem
erschrak. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme:
»Ja.« Valentin verstand, sie sagte sich, sie habe die schreckliche
Nachricht gehört und nicht geträumt. An dem Ton ihrer Stimme hörte er,
sie sagte sich wohl, was geschehen, aber sie begriff es nicht. Es war,
als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besänne sie sich,
wen es wohl treffen möge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz,
wenn sie dahinter kam, aber sie wußte in dem Augenblicke nicht,
was Schreck ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorgefühl von
Händezusammenschlagen, Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, händeringendem
Umhergehen, Müdigkeit, die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt,
niedersinken möchte, und doch weiter getrieben wird von fortwährendem
wildem Zurückbäumen und wieder matt nach vorn auf die Brust Sinken des
Kopfes; ein traumhaftes Vorgefühl von alledem wandelte in der Stube vor
ihr, wie ihr eigenes, undeutliches, fernes Spiegelbild, hinter einem
bergenden Florschleier. Näher und unterscheidbarer war ein dumpfer Druck
über der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze wuchs, und das
angstvolle Wissen, er müsse sie ersticken, wenn sie das Weinen nicht
finden könne, das alles heilen müsse. So saß sie lange regungslos und
hörte nichts von alledem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr
vorsprach. Es war nichts daran verloren; der Alte glaubte selbst nicht
an seine Trostgründe, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius könne
nicht verunglückt sein; er sei zu vorsichtig dazu und zu brav. Und
vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo sich Leute, die nun lange
tot sind, von einem ähnlichen Gerüchte vergeblich hatten abschrecken
lassen! Er wußte es und erzählte doch immerfort und beschrieb die
Personen, als müßte es die Frau unfehlbar beruhigen, wenn sie den alten
Amtmann Kern und seine Haushälterin vor den Augen ihres Geistes sähe,
wie sie damals leibten und lebten. Er hätte sein Leben hingegeben, um
ihr zu helfen; er wußte in seiner Ratlosigkeit nicht, wie? So suchte er
sich selbst über die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres
Erzählen hinauszuhelfen. Dabei belauschte er die kleinste Bewegung in
den Zügen des bleichen, schönen Gesichts; und je schöner und
jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien ihm, was sie litt, und
desto eifriger wurde sein Erzählen. Als eine siebzehnjährige Braut hatte
er sie in das Haus mit den grünen Laden einziehen sehen, acht Jahre
hatte er in ihrer Nähe gelebt. Die bis in ihr vierundzwanzigstes ein
innerlich unberührtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind gewesen;
was hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schön war sie
immer geblieben in ihrem Dulden, wie schön hatte sie geduldet! Nun lag
sie zerbrochen als halb aufgeschlossene Blume da vor seinen alten Augen,
die so oft um sie geweint; mehr über die Milde und unbewußte,
unzerstörbare Hoheit, womit sie ihr Unglück trug, als über ihr Unglück
selbst. Es gibt rührende Gestalten, die die Angst, die selbst der Zorn
nicht entstellt; und in all ihrem Tun, selbst in ihrem Lächeln, selbst
in ihrer lauten Freude uns bewegen, deren Anblick uns rührt, ohne daß
wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschauen denken müssen.
Es ist auch keine schmerzliche Rührung, die wir da empfinden; und der
Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns
zugleich zu trösten und rührend zu erheben, indem er uns zum tiefsten
Mitleid mit seinem Träger dahinreißt. Als eine solche Gestalt hatte
Christiane, so lang er sie kannte, vor des alten Valentin Augen
gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da.
Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder
auf; er sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesicht, das, so
ehrlich, wie sie selbst, nichts verschweigen konnte. Er saß und hörte
mit so freudiger Aufmerksamkeit auf ihr Weinen, als wär's ein schönes
Lied, das sie ihm vorsänge. In den Augenblicken, wo der Mensch der
stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben muß, erkennt man am sichersten
seine wahre Art. Was von Tierheit im Menschen unter der hergebrachten
Schminke sogenannter Bildung oder vorsätzlicher Verstellung verborgen
lag, trat dann unverhohlen hervor in den Bewegungen des Körpers und in
dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hörte die reine Melodie in
Christianens Stimme im hingegossenen Weinen, welche sie nach dem Schlag
über Ännchens Bett im Doppelschrei von Schmerz und Entrüstung nicht
verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der alte
Valentin hätte ihr nicht zu helfen gebraucht. Sie machte sich zum
Ausgehen fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes
angenommen. Valentin sah's mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine
Verantwortlichkeit ein. Er fragte ängstlich, sie wolle doch nicht fort?
Sie nickte mit dem Kopfe. »Aber ich darf Sie nicht fortlassen,« sagte
er. »Der alte Herr hat mir's mit Ketten auf die Seele gebunden.«
»Ich muß,« sagte sie. »Ich muß in die Gerichte. Ich muß sagen, daß ich
schuld bin. Ich muß meine Strafe leiden. Der Großvater wird sich meiner
Kinder annehmen. Ich möchte den Herren sagen, sie sollen ihn zu dem
Ännchen legen; er hat's so lieb gehabt. Ich möchte auch dabei liegen,
aber das werden sie nicht tun. Nein, davon will ich nichts sagen.«
Valentin wußte nicht, was er erwidern sollte. Er durfte sie nicht
fortlassen und sah an ihrer Entschiedenheit, er würde sie nicht
aufhalten können. »Wenn nur der alte Herr erst da wäre!« dachte er. Er
sagte: »Täten Sie dem alten Valentin nichts auf der Welt zu lieb?«
Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: »Wie Ihr
fragen könnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt, und das vergeß ich Euch
nicht, so lang ich noch lebe. Er ist gestorben und ich muß auch sterben.
Kann ich Euch noch etwas tun, eh' ich gehen muß, so dürft Ihr's nur
sagen. Wenn ich's auch tun kann und wenn Ihr nicht verlangt, daß ich
nicht gehen soll.«
»Nein,« sagte der Alte. »Das nicht. Aber wenn Sie nur so lange
bleiben wollten, bis der alte Herr zurückkommt, daß ich meiner
Verantwortlichkeit ledig bin.« Dem Alten war's nicht allein um sich zu
tun. Er hoffte zugleich, der alte Herr würde in seiner Geistesgegenwart
ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem Vorhaben abzubringen sei.
Die Frau nickte ihm zu. »So lang will ich warten,« entgegnete sie.
Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehen, ob Herr Nettenmair
noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und
setzte sich damit an den Tisch.
Der Valentin blieb länger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er
wieder hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er
war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er
stand immer im Begriff, etwas zu tun oder zu sagen, worüber er erschrak
und etwas anderes tat oder sagte und wiederum ungewiß schien, ob er
nicht auch darüber erschrecken sollte. Immer und wenn er gar nichts
gesagt hatte, meinte er, er habe zuviel gesagt. Manchmal war's, als ob
er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und das paßte nicht
zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Dazwischen machte er
sich viel an der Tür zu schaffen, die er immer wieder einmal öffnete;
zuletzt blieb er im Hausflur stehen, wo er den Gang nach dem Schuppen
hin übersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwände, durch
die er all diese Tätigkeiten rechtfertigte. Die junge Frau bemerkte erst
die Veränderung nicht, dann bewunderte sie ihn verwundert und immer
ahnungsvoller. Zuletzt hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er
unwillkürlich lachte, glühte sie in Hoffnung auf, wenn er dann ein
trauriges Gesicht machte, drückte sie die Hände zusammen und wurde
wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst nach der Tür und
erschrak, so oft er sie öffnete. Dabei sprachen sie immer vom Wetter;
wären sie ruhig gewesen, sie hätten über ihre eigenen Reden lachen
müssen; aber man sah, er fürchtete sich, etwas zu sagen, sie fürchtete
sich, nach dem Etwas zu fragen. Zuletzt preßte sie beide Hände bald
gegen das Herz, das das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die
brennenden, hämmernden Schläfen. Der Alte meinte sie endlich vorbereitet
genug, das Wetter fahren zu lassen. »Ja,« sagte er, »es ist ein Tag, wo
die Toten aufstehen möchten, und wer weiß -- aber tun Sie mir noch das
zulieb und erschrecken Sie nicht.« Sie erschrak dennoch. Sie sagte zu
sich: »Aber es ist ja nicht möglich!« Und sie erschrak doch eben, weil
es mehr als möglich, weil es gewiß war. »Da sehen Sie einmal dahinter,«
schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Gang hin; sie
hatt' es getan, eh' der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin
eilte aus der Vordertür, dem alten Herrn die Freudenpost zu bringen;
selig und stolz auf sein klug durchgeführtes Werk. Die junge Frau hielt
sich fest an dem Türpfosten, als sie den Schritt hörte durch den
Schuppen. Aber auch der Türpfosten stand nicht mehr fest, sie selbst
nicht mehr auf dem festen Boden; sie schwindelte zwischen Himmel und
Erde. Und als sie ihn kommen sah, war nichts mehr auf der Welt für sie,
als der Mann, um den sie wochenlang mehr als Todesangst geduldet; alles
ging um sie im Wirbel, erst die Wände, der Boden, die Decke, dann Bäume,
Himmel und grüne Erde; ihr war, als ginge die Welt unter und sie würde
erdrückt im Wirbel, hielt sie sich nicht fest an ihm. Sie fühlte, wie
sie hinsank, dann nichts mehr.
Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und
hielt das schöne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn
liebte. Und sie war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die
Stube, er ließ sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie
zu beleben. Er stand verwirrt; er wußte nicht, wie ihm geschehen war, er
mußte sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen;
er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmied, der nach Sankt
Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und werde bald hier sein.
Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten worden. Dann hatte er
geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Daß ihn der Vater rufen
ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem
Sturze eines Schieferdeckers in Tambach hatte er gehört, aber er wußte
nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß jemand
glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich
unvorbereitet auf das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte,
war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf
dessen Stübchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstürzen und mit
dem Umsinken kämpfen sehen und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er
sie in den Armen. Die Gestalt, die er schmerzlich mühsam und doch
vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren gerungen, deren bloßes
Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als
Sünde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender,
wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte
rückwärts gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz
sehen, das schöner, gefährlich schöner war, als alle seine Träume es
malen konnten. Und jetzt überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis
in die weichen, braunen Haare, die in den milden, selbstgeschlungenen
Locken über die Schläfe hinabrollten, die tiefen, blauen Augen öffneten
sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen. Und nun sah sie ihn
an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in seine Arme
gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte
nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken
neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden
Armen, um seiner gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll
drängender Hast: »Und bist du's denn auch? Bist du's auch gewiß? Und
lebst noch? Und bist nicht gestürzt? Und ich habe dich nicht getötet?
Und du bist's? Und ich bin's? Aber er -- er kann kommen!« Sie sah sich
wild um. »Er will dich töten. Er wird nicht eher ruhen.« Sie umfaßte
ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann
vergaß sie die Angst über der Gewißheit, daß er noch lebte, und lachte
wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe,
ob er's auch noch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm alles
sagen, was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mußte
es schnell; jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, süß
unbewußtes Liebesgeschwätz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um
das verlorene Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedürfnis
der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein
Gedanken seines Geistes, ein Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt
und fühlt wie seine andern; bräutliche Verwirrung und Vergessen der
ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist,
-- denn alles, was war und werden kann, ist bloß Schatten -- was sie
erzählt, hat sie geträumt und erlebt, fühlt und weiß es erst jetzt; was
gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser
Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu
Ende; -- alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem
einzelnen Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. »Er hat mich und
dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättest meine
Blume vor den Gesellen ausgeboten. Und du weißt's ja noch, beim
Pfingstschießen die Blume, das kleine Glöckchen, das ich liegen ließ.
Und du hast's ihm geschickt. Ich hab's gesehen. Ich wußte nicht, warum.
Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb und so allein, das
hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest deinen
Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie
du in deinen Briefen über mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst
nicht, wie weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewußt hab', warum. Der
Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab' ich mich vor
dir gefürchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab dich immer
noch geliebt und wußt es nur nicht. Er selbst hat mir's erst gesagt. Da
bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will's
auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lügen. Dann hat
er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte machen, daß du stürzen
müßtest. Es wär' nur Scherz; aber, sagt' ich's dir, dann wollt' er's im
Ernste tun. Seitdem hab' ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nächte
hab' ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab
dich in Gefahr gesehn und durft' es dir nicht sagen und durft' dich
nicht retten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der
Nacht, eh' du nach Brambach gingst. Der Valentin hat mir's gesagt, der
Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehen. Ich hab' dich tot
gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wär' schuld gewesen an deinem
Tode und stürbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann's
nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie es war; die Bäume da, der
Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht tot. Und ich wollte auch
sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich weiß nicht,
ist's wahr oder träume ich's nur. Ist's denn wahr? Sag' du mir's doch:
ist's wahr? Dir glaub' ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll
sterben, so will ich's, wenn du's nur weißt. Aber er kann kommen.
Vielleicht hat er gelauscht, daß ich dir's sagte, was er will. Schick'
den Valentin in die Gerichte, daß sie ihn fortführen und er dir nichts
mehr tun kann!«
So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort.
Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht
sieht, ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödlicher als die, über
deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann
mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich
Tun, die Süßigkeit ihrer unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen,
was ihr warmes, schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen muß, der sie
liebt; daß sie alles tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut
sie sich so unbekümmert anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im
Tumulte des Blutes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen
Kampf sie in ihm entzündet und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn
nicht unmöglich macht. Und er weiß nun, das Weib in seinen Armen war
sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt weiß
er's, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des Glückes zeigt, um
das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mißhandelt;
und für alles, was er um ihn gelitten, getan, verfolgt er ihn noch und
steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen,
der sie mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schändlich gestohlen
worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht
deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom
eines tiefen und wilden Gefühls hingerissen, durch seine Adern stürzten
und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz
zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem Strom entgegen und hält
die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er will etwas tun und
er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine ferne
Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird -- er läßt
sich fortreißen; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem
Tische und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, könne er etwas wie
ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen:
Alledem lag die angstvolle Vorahnung zugrunde, er könne mit einer
Bewegung etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang
schon lange unter den berauschenden Tönen nach etwas, bevor er wußte,
daß er rang und daß dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedürfnis
seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: »das Wort, das du gegeben
hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun
willst, muß sie zernichten.« Er war der Mann und mußte für sich und sie
einstehen. Die Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke,
mit einem Blicke, an dem rührenden, unbedingten Vertrauen üben würde,
das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand.
Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und
schwärmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst
verderben würde, als das war, worüber er ihren und seinen Feind
anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend zwischen ihm und ihr,
die ein einziger Druck, ein einziger Blick für immer verscheuchen
konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um. Wenn nur
Valentin käme, dann mußt' er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam
nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hilfe außen suchte,
wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die
weichen Glieder aus den Händen ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich
abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der
jüngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine
Arme, drückte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es
war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt,
entband sich der wilde Drang, und nun lösten sich die gespannten
Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrückt, wie allein er
sie an sein Herz drücken durfte.
Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand
ihn. Glühende Röte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie
wußte nun erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt und
mit ihm gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun
erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie
richtete sich auf den Knien auf, als wollte sie ihn flehen, sie nicht zu
verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der Mann konnte sie belauscht
haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte sie ihn durch die
Freude über seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und litt es
mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm
vorging; aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekämpft.
Er neigte sich zu ihr und sagte: »Du bist meine brave Schwester. Du bist
braver als ich. Und über uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh'
hinein, Schwester, liebe, brave Schwester.« Sie wagte nicht aufzusehen,
aber durch die gesenkten Lider sah sie seine Milde, das tiefe,
unauslöschbare Wohlwollen, die unvertilgbare Menschenachtung auf seiner
leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewußter und
unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht schlecht, sie
konnt' es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind
vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die
gesenkten Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß
ihm der Mann nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den
Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung,
und wie sie noch auf den Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein
Gebet. Er führte sie an die Tür. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair
mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie
er sie führte.
* * * * *
Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn
Nettenmairs verknöchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge
Frau und Valentin mußten eine Predigt über grundlose Einbildungen
anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht
wie sie der Valentin zusammengeängstelt hatte. Die Reise Fritz
Nettenmair's gedachte er als eines lang von demselben gehegten, aber von
ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl,
sogleich mit den Geschäftsbüchern auf des alten Herrn Stube zu kommen.
Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschäftes genau kennen
lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in
Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius
konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu
kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort
wußte er einen früheren Kölner Freund, der sich in sehr guten
Verhältnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu
vergelten, ihm öfter, und noch neulich eine Geldhilfe angeboten hatte.
Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder
einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthaltskosten
bestreiten und ihm -- aber nicht eher, als unmittelbar vor der Abfahrt
-- eine gewisse Summe Geldes übermachen; alles auf Apollonius Rechnung.
Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und
Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor
Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem Zeuge
sein und sich bei dem alten Herrn melden.
So war das Leben in dem Hause mit den grünen Laden immer schwüler
geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen
Stille, darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten.
Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht
in die Seele der Menschen hätte hineinsehen können, der wäre aus einer
Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie
zu einer Reise sich rüstet, von der es vielleicht nicht wieder
heimkehren wird, drängen sich die übrigen um ihn. Je weniger der
Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer
werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinanderlebens drängen
sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck wird
als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her kommen die
Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz Nettenmair
sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als
wär er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin
umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er
ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist's, sein
Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen
wird, der sich nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein
Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die
andern wissen und genehmigen!