Apollonius mußte dem alten Herrn die Geschäftsbücher vorlesen, ein

wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im

Geiste bei den Zahlen. Und der alte Herr tat noch dazu, als wisse er

alles schon. Daß Apollonius ihm die Gefahr des Hauses verschwiegen,

erwähnte er natürlich nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran

knüpften, ließ er keinen sehen. Aus seinen diplomatischen Reden, zu

denen er sich bisweilen zusammenraffte, um dem Schattenspiel vor dem

Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben, konnte man vielleicht

erraten, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius möglich war, der

alte Herr habe alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es kommen müsse,

wenn er die Hand vom Ruder abziehe, und daß er gesinnt sei, von nun an

selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn einmal

wie beiläufig, ob er etwas Genaueres von dem Verunglückten in Tambach

wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe

ungemütliche Geselle, der vordem bei ihnen gewesen. »So?« sagte der alte

Herr gleichgültig. »Und weiß man, was die Ursache war?« Apollonius hatte

gehört, das Seil, das über dem Verunglückten gerissen, sei ein fast

neues, aber es müsse an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen,

spitzen Werkzeug durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrak. Er

ahnte einen Zusammenhang, auf den auch andere kommen konnten. Valentin,

wußte er, hatte vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karren mit dem

Handwerkszeug nach Brambach gefahren, müsse auf dem Rückweg ein

Anschleifeseil verloren haben. Apollonius hatte den Valentin damit

beruhigt, er habe das Seil in Brambach verliehen. Der alte Herr war nun

überzeugt, auch Apollonius müsse einen Zusammenhang ahnen, wenn nicht

mehr als nur ahnen; und habe durch die Antwort des Valentin ihn den

Augen des alten Gesellen entziehen wollen. Er sah, daß Apollonius in

seinem, des alten Herrn, Geiste verfuhr. Von dieser Seite war also

nichts zu fürchten. Aber es konnten Umstände im Spiele sein, die trotz

Apollonius' Vorsicht eine Entdeckung herbeizuführen drohten. Er ließ

seine Zurückhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und auf

wiederholte Fragen mußte Apollonius sagen, was er wußte. Es war

folgendes. Den ersten Tag hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter

gebraucht. Der Geselle war in dem Wirtshaus gewesen, als er ankam.

Denselben Abend noch hatte er ihn über den Hof schleichen sehen. Am

andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich Verdacht auf den

Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zögerte er, ihn

auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Tor der Stadt, erfuhr er das

Unglück, das ihn getroffen; zugleich, daß der Geselle bei keinem Meister

gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem

Schieferdache in Tambach unternommen. Ein Stück des von ihm

hinterlassenen Handwerkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem

rechtmäßigen Besitzer beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung

Christianens ihn gewiß, das Seil, durch dessen Zerreißen der Geselle

verunglückt, war das seine. Wie die Sache nun stand, durfte er sich

natürlich nicht zu dem Eigentumsrechte daran bekennen; er mußte seiner

Ehrlichkeit sogar den Zwang antun, durch Erdichtungen fremder Vermutung

der Wahrheit zuvorzukommen.

Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius tat es, aber

im Geiste waren beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich

zwingen. Es war seiner sonstigen Art geradezu entgegen, nicht mit ganzer

Seele bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff

fremde Zerrüttung auch in diese gleichgewichtige, wohlgeordnete Seele

herüber. -- Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld für Fritz

Nettenmair und die Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung,

das Gepäck des Reisenden nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen

Auftrages harrend in seiner Nähe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine

Stunde später kam er zurück und hatte den Befehl vollzogen. Er erzählte,

Fritz Nettenmair freue sich auf das neue Leben in Amerika. Sie sollten

sich wundern über ihn, wenn sie ihn wiedersähen. Er konnte kaum die Zeit

erwarten. Der alte Herr richtete sich innerlich hoch auf; er meinte

grimmig, Apollonius könne vor Schlaf in den Augen nicht mehr lesen, und

schickte ihn ins Bett. Das begonnene Werk fortzusetzen, müsse sich ein

andermal Zeit finden.

* * * * *

Und Fritz Nettenmair? Wie war ihm zumute in dieser Nacht? Als er,

ruhelos wie ein gequälter Geist, bald händeringend, bald fäusteballend

den Gang vom Hause nach dem Schuppen und wieder vom Schuppen nach dem

Hause schlich? Bald schrak er vor einem fallenden Blatt zusammen, bald

wünschte er, das Haus stürzte über ihn und begrübe ihn. So oft er den

Weg durch den Gang zurücklegte, so oft bäumte sich seine Seele im

wildesten Trotz empor und sank wiederum in die hingebendste

Hilflosigkeit zurück. Er war entschlossen, zu gehen -- und sie dem

Gehaßten zu überlassen? Daß sie ihn höhnten? Sie hatten ihn ja so weit

gebracht, um ihn los zu werden; dann war ihr einziger Wunsch erfüllt.

Nein! er wollte bleiben! er mußte bleiben! -- und dann faßten ihn wieder

die Gerichte -- denn der im blauen Rock hielt sein Wort -- und schlossen

ihn mit Ketten fest und -- dann war's dasselbe. Sie hatten wieder ihren

Zweck erreicht. -- Fritz Nettenmair bewegte heftig die Arme vor sich

hin, als rüttelte er schon an den Gittern des Kerkerfensters und atmete

so mühsam, als erstickte ihn schon der Dunst der feuchten Wände. Dann

überfiel ihn in plötzlicher Abspannung das ganze Bewußtsein seines

grenzenlosen Elends, der Jammer gänzlicher Verlassenheit. Goldene Bilder

stiegen auf; die verlorene Seligkeit marterte ihn mehr, als die

gewonnene Verdammnis. Da hüpfte er als schuldloses Kind den Gang hin,

dem entlang er jetzt die Überlast seines Elends schleppte; da waren

Menschen, die ihn liebten. Wie klang der Mutter Stimme, die ihn rief, so

süß! Und jetzt liebte ihn niemand mehr. Die fremden Menschen verachteten

ihn; die ihn lieben sollten, schauderten vor ihm. O, nur ein einzig

Herz, dem sein Scheiden weh täte, und er ginge und würde ein anderer

Mensch! Jetzt sieht er jeden freundlichen Blick, den er in der

Verblendung seiner Leidenschaft nicht beachtet. Das Lächeln um die

angstzuckenden Lippen des kleinen Ännchens steigt vor ihm auf; jetzt

erkennt er die unermüdliche Liebe, die er zurückstieß, die immer wieder

kam, so oft er sie zurückstieß, bis er ihr Gefäß zerbrach; jetzt, wo sie

ihn retten könnte, wär sie nicht tot durch seine Schuld; jetzt ergreift

ihn das Mitleid mit dem Kinde mit so schmerzlicher Gewalt, daß er sein

eigen Elend darüber vergäße, wär's nicht ein Teil davon. Das Ännchen ist

tot, aber er hat noch Kinder; sie müssen ihn lieben, sie sind ja sein.

Sein Herz schreit nach einem Liebeswort. Seine Arme öffnen sich

krampfhaft, etwas, was sein ist, an sein Herz zu pressen, damit er weiß,

er ist nicht verloren; und verloren ist keiner, der noch einen Menschen

hat auf der Welt. Mit erneuten Kräften eilt er den Gang, den Hausflur

hindurch, durch Stuben- und Kammertür. Ein Nachtlicht, vom Schirm

bedeckt, gibt dem Vater Schein genug, seine Kinder zu sehen. An dem

nächsten kleinen Bette sinkt er in die Knie. Ein längst verlernter Laut

flüstert durch seine Lippen, und wie ihn diese Lippen nie flüstern

gekonnt. »Fritz!« Er will die Kinder nur einmal an sein Herz drücken,

ihre Liebe sehen und -- gehen. Gehen und ein anderer Mensch werden, ein

besserer, ein glücklicherer! Der Kleine erwacht! er meint, die Mutter

hat ihn gerufen. Lächelnd öffnet er die großen Augen und -- erschrickt.

Vor dem Mann an seinem Bette fürchtet er sich. Es ist ein fremder Mann.

Ein schlimmerer Mann, als ein fremder Mann. O, nur ein zu bekannter

Mann! Und doch fremder als fremd. Es ist der Mann, der das Kind so oft

zornig angeblickt, der Mann, vor dem die Mutter es in die Kammer schloß,

weil es nicht sehen sollte, was der Mann ihr tat. Und dann stand es

zitternd und horchte an der Tür, dann ballten sich die kleinen Händchen

im ohnmächtigen Zorn. Er hat ja das Kind ihn hassen gelehrt, nicht ihn

lieben.

»Fritz,« sagte der Vater voll Angst; »ich gehe fort, ich komme nicht

wieder. Aber ich schicke dir schöne Äpfel und Bilderbücher und denke

jeden Augenblick tausendmal an dich.«

»Ich will nichts von dir,« sagte der Knabe furchtsam, trotzig. »Onkel

Lonius gibt mir Äpfel; ich mag deine nicht.«

»Hast auch du mich nicht lieb?« sagt der Vater mit brechender Stimme am

zweiten Bettchen.

Der kleine Georg flieht zum Bruder in dessen Bett. Dort halten sich die

Kinder in Angst umschlungen. Dennoch ist er trotzig, und so viel

Widerwillen, als ein Kindesauge fassen kann, blickt aus dem seinen. »Die

Mutter hab' ich lieb, den Onkel Lonius hab' ich lieb,« sagt das Kind;

»dich mag ich nicht. Laß' uns gehen, ich sag's dem Onkel Lonius!«

Fritz Nettenmair lacht im wilden Hohn und schluchzt zugleich im

hilflosen Schmerz. Die Kinder sind ja nicht mehr sein. Er ist ja ihr

Vater nicht mehr. Er ist's. Er! _Seine_ Kinder sind's. Er ist ihr Vater.

Er, der ihm alles genommen, hat ihm auch die Kinder genommen. Das, was

man dem Elendesten läßt. Wenn Er gehen müßte, _Er!_ die Kinder hingen

sich an ihn; eher rissen die Händchen, als daß sie _ihn_ ließen. Und das

Weib hier, das schöne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die

Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt,

als sie von der Lampe; dieses Weib, _Sein_ Weib, _Seins!_ auch _Sein_,

wie alles, was einmal mein war! Sie ist in ihren Kleidern zu Bett

gegangen; sie kann die Stunde nicht erwarten, wo ich gehe; und ginge Er,

die Rosen würden bleich, sie flösse sterbend in ihn hinüber, um nicht

getrennt von _ihm_ zu sein. Wie sie auffahren würde, sagt ihr einer in

den Traum hinein, den sie von ihm träumt, denn sie lächelt, _er_ geht!

Er, _ihr_ -- Nein! ich will nicht gehen! Nein! ich kann nicht gehen!

Lieber tausendmal sterben! Und er hat ja dem Tode schon ins Gesicht

gesehen, vor Stunden erst, als er vor dem Vater auf der Rüstung

hingestreckt lag. Es war ein Kinderspiel, das Sterben, gegen solch ein

Leben. Es war -- denn auch er war tot. Es wär es noch, wär auch Er noch

tot. Und er wär an ihr gerächt, an ihr hier mit dem teuflischen

Engelslächeln; und er wär an dem Vater gerächt, der ihn von Beaten riß,

von seinem guten Engel. Und an den Knaben, die ihn zurückstoßen, an dem

guten Ännchen, das ihn verderben half und noch Tag und Nacht ihn quält.

Er wäre -- aber er war's ja nicht. Er mußte gehen; er wurde noch

elender, als er war; und die er haßte, die ihn verdorben, wurden

glücklich durch sein Gehen. Er machte sie alle wieder zu Teufeln, um von

ihrem Glanze nicht vernichtet zu werden. Er haßte in ihnen wieder, was

er an ihnen getan; er haßte in ihnen selbst die Gewalt, die er sich

antun mußte, Teufel in ihnen zu sehen. Und brach ihr Glanz dennoch durch

die Schwärze, in die er sie angstvoll vor sich versteckte, standen sie

als Engel über ihm, und so haßte er sie noch mit dem Neide der Teufel.

Er hatte die Grenze überschritten, über welche keine Rückkehr mehr ist.

Wie er die Frau in ihrer Schönheit dort liegen sah, trat ihn noch einmal

der Gedanke an, diese Schönheit zu vernichten. Aber die einmal geweckte

Erinnerung an den Augenblick, wo er todgefaßt vor dem Vater lag, und an

das, was der Vater mit ihm wollte, erwies sich mächtiger und vertrieb

ihn. Das Bild des Augenblicks blieb ihm und tauschte nur die Personen.

Er malte es immer farbiger aus. Und nun war es eine wilde Freude, was

ihn den Gang zwischen Haus und Schuppen hin und her trieb. Seine Arme

bewegten sich so heftig als vorhin, aber es waren nicht Gitterstäbe, mit

denen er rang. Unterdes war der Mond aufgegangen. Das Haus mit den

grünen Laden lag so friedlich in seinem Schimmer da. Kein

Vorübergehender hätte ihm die Unruhe angesehen, die es hinter seinen

Wänden barg; keiner den Gedanken geahnt, den darin die Hölle fertig

braute in einem verlorenen Gefäß.

* * * * *

Apollonius war müde vom Wachen und vom Kampfe, den die gefährliche Nähe

des geliebten Weibes und das Wissen um des Bruders Betrug und empörenden

Undank in ihm entzündet. Neben diesem war erst noch ein anderer Kampf

aufgeglommen. Der Vater schien nicht an die böse Absicht des Bruders zu

glauben. Vor dem Gedanken, den Arm der Obrigkeit zu seinem Schutze

aufzurufen, schauderte er zurück. Die Schmach für die Familie, wenn des

Bruders Tat bekannt wurde, mußte den Vater töten. Und vielleicht war

auch des Bruders Seele noch zu retten, wenn es gelang, ihn zu

überzeugen, daß er geirrt. Aber wie? Wenn er -- ihn versicherte, ihm

schwur, daß er in der Frau nur die Schwester sehe? Vor einem halben

Jahre noch hätte er das beschwören können: heute durfte er es nicht

mehr, heute war es Meineid. Er konnte, wenn der Bruder den entsetzlichen

Plan auf sein Leben nicht aufgab, die Ausführung desselben erschweren,

aber nicht unmöglich machen. In dem Zustande, in welchem Apollonius sich

jetzt befand, konnte ihm der Tod eher erwünscht sein als schrecklich;

dann hatte aller Kampf, alle Gewissenspein, alle Sorge ein Ende; aber

was sollte aus dem Vater, was aus ihr und den Kindern werden? Und hatte

er sich nicht das Wort gegeben, sie vor Schande und Not zu bewahren?

Diesen neuen Kampf beendete die Mitteilung des Vaters, Fritz wolle nach

Amerika. Aber sie machte den alten Kampf nur schwerer, indem sie dem

Feinde neue Kräfte gab. Er wußte freilich, daß er entschlossen war, die

Wünsche, die er verdammen mußte, nicht zur Tat werden zu lassen. Aber

die Wünsche selbst! Wenn kein äußeres Hindernis mehr ihrer Erfüllung im

Wege stand, mußte ihre Gewalt da nicht wachsen? Die Gewissensvorwürfe

mit ihnen? Und die Entfernung von dem Orte, wo sie in der täglichen Nähe

einen unerschöpflichen Erneuerungsquell hatten, machte wiederum die

Erfüllung des Wortes, das er sich gegeben, der Pflicht, die ihm ohne das

gegebene Wort oblag, unmöglich. Er war heftig aufgeregt und bedurfte

Ruhe. Diesen Vormittag noch mußte er die Umkränzung des Turmdaches mit

der Blechzier vollenden, und Fahrzeug, Flaschenzug, Ring und Leiter

wieder herabnehmen. Sein Tritt mußte fest, sein Auge klar sein. Für die

einzige Stunde, bis der Arbeitstag begann, wollte er sich nicht erst

ausziehen und zu Bett legen. Er hatte sich bis jetzt des Sofas, das in

seinem Zimmer stand, noch nicht bedient, darauf zu liegen. Er vermied

alles, was zu Verweichlichung führen konnte; ein gleich starker

Beweggrund war sein Bedürfnis, Dinge um sich zu haben, die er liebend

hüten, an denen er bürsten und polieren konnte. Auch in dem Zustand von

Verstörung und Ermüdung, worin er vom Vater kam, vergaß er diese

Schonung nicht. Er fuhr unwillkürlich mit leise liebkosender Hand über

den Bezug des Sofas und setzte sich dann auf den hölzernen Stuhl, worauf

er beim Schreiben saß. Hier kam ihm der Schlaf früher, als er es

erwartet. Aber es war kein Schlaf, wie er ihn bedurfte; es war ein

ununterbrochener, aufregender Traum. Christiane lag in seinen Armen wie

gestern, er kämpfte wieder, aber diesmal siegte er nicht; er preßte sie

an sich. Da stand der Bruder neben ihnen, und sie standen nicht mehr auf

dem Gange zwischen Schuppen und Haus, sondern oben am Turmdach auf der

fliegenden Rüstung. Der Bruder wollte ihm die Besinnungslose aus den

Armen reißen, um sie zu mißhandeln; er warf im schmerzlichen Zorne dem

Bruder alles vor, was er an ihm und ihr getan, und im Kampfe um das Weib

stieß er ihn von der Rüstung. Er erwachte. Er wollte munter bleiben, um

den Traum nicht noch einmal durchträumen zu müssen. Als er die Augen

öffnete, war es Tag und Zeit, an die Arbeit zu gehen. Er war aufgeregter

erwacht, als er vom Vater gekommen. Er stand auf. Er hoffte, vor der

frischen Morgenluft, vor der ernüchternden Wirkung des Wassers, das er

sich nach seiner Gewohnheit über Kopf und Arme goß, würden die Bilder

des Traumes, welche die Lebhaftigkeit der alten Wünsche, und damit die

Gewissensvorwürfe über sie, noch immer steigerten, von ihm in sein

Stübchen zurückfliehen. Aber es geschah nicht; sie gingen mit ihm und

ließen ihn nicht los. Selbst über der Arbeit nicht. Immer wehte der

Hauch des warmen Mundes an seiner Wange; immer fühlte er sich in ihrem

schwellenden Umfangen, immer quollen ihm die leidenschaftlichen Vorwürfe

gegen den Bruder, der bei ihm stand, aus dem Herzen herauf. Er kannte

sich nicht mehr. Zu den Vorwürfen, die er sich deshalb machen mußte, kam

noch die Unzufriedenheit, daß er sich nicht mit seiner ganzen

Aufmerksamkeit bei der Arbeit wußte. Sonst hatte er gleichsam seine

eigene heitere Tüchtigkeit mit hineingearbeitet in seine Arbeit, und

diese mußte gut und dauerhaft ausfallen. Heute kam's ihm vor, als

hämmerte er seine unrechten Gedanken hinein, als hämmerte er einen bösen

Zauber zurecht, und die Arbeit könne nicht taugen, nicht haltbar werden.

Der Schieferdecker muß besonnen arbeiten. Der Mann, der heute eine

Reparatur unternimmt, muß sich auf die Berufstreue dessen, der

Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vor ihm hier stand, verlassen. Die

Ungewissenhaftigkeit, die heute ein Dachhaken liederlich befestigt, kann

den Braven, der nach fünfzig Jahren an diesen Haken seine Leiter hängt,

in den Tod stürzen. Es war nicht einzusehen, daß eine Nachlässigkeit,

ein Versehen in der Arbeit, wie er sie heute vollendete, eine so schwere

Folge nach sich ziehen sollte, aber seine natürliche ängstliche

Genauigkeit war noch von seinen übrigen Kräften in ihre krankhafte

Spannung mit hineingezogen. Hinter dem Kampfe seines Gewissens mit den

Bildern seines sündhaften Traumes, drohte als dunkle Wolke die Ahnung,

er hämmere in seiner Zerstreuung ein künftiges Unheil fertig.

Er war fertig. Blendend glänzte die neue Blechzier in der Sonne um die

dunkle Fläche des Schieferdachs. Ring, Flaschenzug, Fahrzeug und Leiter

waren entfernt; die Arbeiter, die die Leiter während des Losknüpfens und

Herabsteigens gehalten, waren wieder gegangen. Apollonius hatte die

fliegende Rüstung und die Stangen, worauf sie geruht, vom Dachgebälk

abgelöst und stand allein auf dem schmalen Brette, das den Weg vom

Balkenkreuz nach der Ausfahrttür hin bildete. Er stand sinnend. Es war

ihm, als hätte er irgendwo Nägel einzuschlagen vergessen. Er sah in die

Schiefer- und Nagelkasten seines Fahrzeugs, das neben ihm über einem

Balken hing. Ein heimlicher, hastiger Schritt tönte unter ihm die

Turmtreppe herauf. Er achtete nicht darauf; denn eben sah er im

Schieferkasten eine zurückgebliebene Bleiplatte liegen. Er hatte nur so

viel Bleibleche mit sich heraufgenommen, als er brauchte; eine war also

von ihm vergessen worden; in der Zerstreuung hatte er eine

Befestigungsstelle übergangen. Aus der Ausfahrttür sah er an der

Turmdachfläche hinab und hinauf. War der Fehler auf dieser Turmseite

geschehen, so ließ er sich vielleicht ohne Fahrzeug bessern. Er brauchte

vielleicht nur die Leiter, um zu der Stelle zu kommen. Und so war es

auch. Etwa sechs Fuß hoch über ihm, nahe dem Dachhaken, hatte er die

Schieferplatte herausgenommen, aber vergessen, sie durch die Bleiplatte

zu ersetzen und die Blechgirlande mit Nägeln darauf zu befestigen.

Unterdes waren die heimlichen Schritte immer näher gekommen; jetzt hatte

der Eilende das Ende der Steintreppen erreicht und stieg die

Leitertreppe nach dem Dachgebälk herauf. Die Uhr unter ihm hob aus. Es

war auf zwei. Apollonius hatte noch nicht Mittag gemacht; aber, war er

in seiner Arbeit einem Fehler auf die Spur gekommen, dann ließ es ihm

nicht Ruh, bis er ihn entfernt. Er war zurückgegangen, um die Leiter

herbeizuholen. Diese lag neben dem Fahrzeug auf dem Balken. Da, indem er

sich darauf herabbeugt, fühlt er sich ergriffen und mit wilder Gewalt

nach der Ausfahrtür zugeschoben. Unwillkürlich faßte er mit der Rechten

die untere Kante eines Balkens seitwärts über ihm; mit der Linken sucht

er vergebens nach einem Halt. Durch diese Bewegung wendet er sich dem

Angreifer zu. Entsetzt sieht er in ein verzerrtes Gesicht. Es ist das

wildbleiche Gesicht seines Bruders. Er hat keine Zeit, sich zu fragen,

wie das jetzt hierher kommt.

»Was willst du?« ruft er. Was er auch erfahren, er kann sich selbst

nicht glauben. Ein wahnwitziges Lachen antwortet ihm:

»Du sollst sie allein haben oder mit hinunter!«

»Fort!« ruft der Bedrohte. Im zornigen Schmerze sind all die Vorwürfe

gegen den Bruder in sein Gesicht heraufgestiegen. Mit seiner ganzen

Kraft stößt er mit der freien Hand den Drängenden zurück.

»Zeigst du endlich dein wahres Gesicht?« höhnte dieser noch wütender.

»Von jeder Stelle hast du mich verdrängt, wo ich stand; nun ist die

Reih' an mir. Auf deinem Gewissen sollst du mich haben, du

Federchensucher! Wirf mich hinunter oder du sollst mit!«

Apollonius sieht keine Rettung. Die Hand erlahmt, mit der er sich nur

mühsam anhält an der scharfen Kante des starken Balkens. Er muß den

Bruder mit seiner ganzen Kraft an den Armen fassen, ihn herumdrehen und

hinunterstürzen, oder der Bruder reißt ihn mit hinunter. Doch ruft er:

»Ich nicht!«

»Gut!« stöhnte jener. »Auch das willst du auf mich wälzen! Auch dazu

willst du mich bringen! Nun ist's mit deiner Scheinheiligkeit zu End'.«

Apollonius würde einen andern Halt suchen, wüßt' er nicht, der Bruder

benutzt den Augenblick, wo er den alten läßt. Und schon stürzt der mit

wildem Anlauf heran! Apollonius' Hand rutscht von der Balkenkante ab. Er

ist verloren, findet er keinen neuen Halt. Er kann vielleicht im Sprunge

den Balken mit beiden Händen umfassen, aber dann stürzt den Bruder, den

kein Widerstand mehr aufhält, die Gewalt des eigenen Anlaufs durch die

Tür. Da sieht er im Geiste den alten, braven, stolzen Vater, sie und die

Kinder; ihm kommt das Wort, das er sich gab; er ist der einzige Halt der

Seinen; er muß leben. Ein Schwung, und er hat den Balken im Arme; in

demselben Augenblick stürzt der Bruder vorbei. Die Gewichte tief unter

ihnen rasseln und es schlägt zwei Uhr.

Die Dohlen, die der Kampf aus ihrer Ruhe gestört, schießen wild

hernieder bis zur Aussteigetür und schweben in krächzender Wolke dort.

Tief unter ihnen hört man den Fall eines schweren Körpers auf dem

Straßenpflaster. Ein Aufschrei schallt zugleich von allen Seiten.

Bleiche, lebende Gesichter sehen auf ein bleicheres, totes herab, das

blutig auf dem Straßenpflaster liegt. Dann verbreitet sich die bleiche

Hast, das Aufschreien, das Zusammeneilen, das Händeineinanderschlagen

vom Kirchhof wie ein Wirbelwind durch die Straßen bis in die

entferntesten Winkel der Stadt. Aber oben hoch die Wolken am Himmel

achten es nicht und gehen unberührt darüber hin weiter ihren großen

Gang. Sie sehen des selbstgeschaffenen Elends so viel unter sich, daß

das einzelne sie nicht bewegen kann.

Es hat alles auf der Welt seinen Nutzen, wenn nicht für den, der es

treibt oder an sich hat, so doch für andere. So wurde nun, was Schande

über das Nettenmairsche Haus gebracht, zum Verhüter größerer Schande.

Die Trunksucht Fritz Nettenmairs war in der ganzen Stadt bekannt; alle

hatten ihn schon berauscht gesehen, kein Wunder, daß jeder, der den Tod

Fritz Nettenmairs erfuhr, ihn jenem Laster auf die Rechnung stellte.

Diese Mühe hatten eigentlich nur die ersten; die anderen erfuhren schon

die fertige Geschichte. Es war gut, daß niemand außer dem

Nettenmairschen Hause davon wußte, daß er nach Amerika gewollt, und daß

er selbst, um bei seiner Rückkehr weniger aufzufallen, sich in seinen

Arbeitskleidern, nur den Mantel übergeworfen, in den Postwagen gesetzt

hatte. Der Mantel war unterwegs liegen geblieben, und die ein Recht auf

seine Auslieferung hatten, meldeten sich natürlich nicht. In den bloßen

Arbeitskleidern war er zurückgekehrt. Wer von seiner Abreise wußte,

setzte voraus, er sei zuerst in seinem Hause gewesen und habe sich da

umgekleidet; wer ihm auf dem Rückweg begegnet war, hatte gemeint, er

komme vom Schieferbruch oder irgend sonst von einer Arbeit oder

Arbeitsrücksprache. Es fiel niemand ein, rückwärts auf dergleichen kaum

beachtete Umstände Gewicht zu legen, da es nicht galt, die Geschichte

erst zusammenzusetzen, da man sie schon fertig erhielt. Dazu hatte er

vor der Tat an seinem gewöhnlichen Zerstreuungsort stark getrunken und

mit seiner Waghalsigkeit geprahlt. Darin hatte er von je, seiner Natur

nach, die höchste Eigenschaft eines vollkommenen Schieferdeckers gesehen

und in der Zeit seiner Tätigkeit genug Beweise davon gegeben, die der

Öffentlichkeit nicht unbekannt geblieben waren. Dann hatte er geäußert,

jetzt wolle er sein Meisterstück machen und war stark berauscht von der

Schenke nach Sankt Georg gegangen. Alles Umstände, die herumkamen und

die einmal gefaßte Meinung nur bestätigten. Ein glücklicher Zufall hatte

alle Arbeiter von Sankt Georg entfernt; von dem Kampfe vor dem Sturz

wußten außer Apollonius nur die Dohlen, die dort wohnten. Der Bauherr

hatte sogleich, nachdem er die Geschichte erfahren, seinen Liebling

aufgesucht und brachte diese auf den Turmboden, wo er den Erschöpften

sitzend fand, schon völlig fertig mit. So fiel es niemand ein, diesen zu

fragen. Man erzählte ihm, anstatt ihn erzählen zu lassen. Es hatte ihn

bei seinem Schmerz in der Seele des Vaters gefreut, daß niemand den

wahren Sachverhalt ahnte; die Schande des Bruders und damit des ganzen

Hauses konnte niemand helfen und den Vater töten. Er schwieg daher über

das, worum man ihn nicht fragte. Der alte Herr erriet, der verlorene

Sohn hatte den Tod absichtlich gesucht. Er fand, es war so gut. Alles,

was er vernahm, bewies ihm, der Unglückliche wollte die Ehre seinem

Hauses schonen. Dennoch ängstigte ihn die Möglichkeit, es möchten noch

Umstände bekannt werden, die den allgemeinen Irrtum berichtigen könnten.

Natürlich aber ließ er sich weder seine Meinung, noch seine Furcht

absehen. Er zeigte sie selbst Apollonius nicht, der im Glauben, der alte

Herr teile die Überzeugung der ganzen Stadt, ihm nun auch verschwieg,

wovon er fürchten mußte, es würde den Vater unnötig erschrecken und

beängstigen. So blieb die erste Meinung unwiderlegt, die Gerichte fanden

keinen Anlaß, untersuchend einzuschreiten, und die Gefahr, die der Ehre

der Familie gedroht, ging glücklich vorüber.

Eines Abends sah man denn die schwarze Bahre vor dem Hause mit den

grünen Fensterladen, das darüber wegsah, um sein rosiges Aussehen zu

rechtfertigen. Etwas entfernter standen Frau und Kinder in Gruppen

zusammen, bald leise flüsternd, bald voll Aufmerksamkeit, die zeitweilig

bis zur Ungeduld stieg. Dasselbe Treiben, dieselben Empfindungen, mit

der die gebildetere Schicht der Bevölkerung des Augenblickes harrt, wo

der Vorhang vor den rührenden Gebilden des Dichters aufrauschen soll;

dasselbe Bedürfnis hat die blauen Schürzen hierher gezogen, das dort die

schönsten Gewänder der Stadt versammelt. Zuweilen kommt ein schwarzer

Mantel unter dreieckigem Hute in düsterer Gravität die Straße daher und

tritt hinter der Bahre hinweg ins Haus. Endlich geht die Tür doppelt

auf. Der Sarg steht auf der Bahre, das Leichentuch bedeckt beides; leise

und in gleichmäßiger Bewegung hebt sich die schwarze, wallende Masse;

nun ist sie an ihrer Stelle, denn die Träger rücken den Hut zurecht. Und

nun bewegt sich's schwankend, flatternd. Obenauf blitzt der Deckhammer,

den Valentin poliert hat, und sagt, was man jetzt der Erde übergibt, hat

ehrlich zwischen Erde und Himmel hantiert. Die alten Weiber schwemmen

mit süßen Tränen hinweg, was von Schmutz auf seinem Andenken liegt.

Innerlich geben sie sich das Wort, niemand, den sie daran hindern

können, soll Schieferdecker werden. Es ist gefährlich, das

Schieferdeckerhandwerk zwischen Himmel und Erde; das predigt der Mann,

der unter dem schwarzen Flattern zwischen den Brettern liegt, so stumm

er ist, mit erschütternder Beredsamkeit. Dann mustern sie den alten

Herrn, den zwei Leidtragende führen. Er sieht aus, wie der Geist des

ehrlichen Begräbnisses selbst. Doch über dem schlanken, hohen Apollonius

neben dem würdigen Bauherrn vergessen sie die ganze Milde, die sie

vorhin geübt; sie graben den Toten wiederum aus den nassen Totenblumen

heraus, womit sie seine menschliche Blöße bedeckt. Seinetwegen wär der

Hammer über ihm voll dunkeln Rosts der Schande, Apollonius ist's, dem er

dankt, daß das Werkzeug so ehrenblank über seinem letzten Bette liegt.

Und ob er's um ihn verdient hat? Das will keine sagen. Könnte sie der

Tote hören vor den Brettern und dem schwarzen Geflatter darum, er hätte

dem Bruder noch mehr zu verzeihen. Oder auch nicht zu verzeihen; er

hatte ihm nichts verziehen, nicht was er an Apollonius, nicht was dieser

an ihm getan. Und könnt' er vollends dem Bruder in das Herz sehen, aus

dem der Tod allen Groll verwischt, das sich Vorwürfe macht, weil es

einen Bösewicht sah, wo es den unglücklichen Wahnsinnigen hätte bedauern

müssen, er steifte sich noch tiefer in den Neid der Teufel. Dann kommt

die junge Frau an die Reihe, und völlig in der Weise ihres Geschlechts

schlagen die Klageweiber in Ehestifterinnen um. Und wahrlich! sie haben

nicht unrecht; ein schöneres Paar, eines, das besser zusammenpaßte, das

seiner gegenseitig so wert wäre, wie dieses, fänden auch tiefere

Beobachter im Bereich der ganzen Stadt nicht aus. Der Zug ging am Roten

Adler vorbei. Es war schon wieder ein Ball da oben, bei dem Fritz

Nettenmair fehlte; gewiß ein lederner Ball! Da ist er ja! da ist er ja!

klang dem Zuge entgegen und begleitet ihn unermüdlich die ganze Straße

entlang. Aber famos konnte es nicht werden trotzdem. Es war derselbe

Weg, den Fritz Nettenmair zurückging, nachdem er den Gesellen begleitet

hatte. Damals sah er im Geiste den Bruder unter dem Deckhammer und dem

wallenden, schwarzen Behänge, und er ging leidtragend hinter ihm drein.

Nun war's umgekehrt Wirklichkeit geworden, aber Apollonius fühlte

wirklich, was der Bruder nur zur Schau trug. Und fort ging's immer die

Straßen hin, die Fritz Nettenmair damals hergekommen war. Und draußen

vor dem Tore zerflossen wiederum die Weiden in Nebel oder Nebel gerann

zu Weiden. Hüben und drüben trugen Nebelmänner Nebelleichen neben der

wirklichen her. An dem Kreuzweg, wo Fritz Nettenmair damals den Gesellen

im Nebel verschwinden sah, verschwand er heute selbst darin. Ob es ihn

freuen würde, wenn ihm einer sagte, er wird den Freund wiedersehen? Er

wird ihn wieder begleiten -- wohin? Eben tragen sie in Tambach ihn

hinaus. Sie haben viel zu sprechen miteinander. Fritz Nettenmair kann

dem Gesellen sagen, wie sorgsam er den Gedankenkeim, den jener gegeben,

bis zum Zerschneiden des Seiles ausgebrütet hat, und der Geselle dem

ehemaligen Herrn, daß er unter dem Seilschnitt verunglückte, den dieser

gemacht. Der Geistliche, der Fritz Nettenmair die Grabrede hält -- denn

Fritz Nettenmair wird mit allen Ehren begraben, die seinem Stande ziemen

und für Geld zu haben sind -- weiß nicht, welch fruchtbares Thema ihm

entgeht.

Das letzte Wort der Grabrede war verklungen, die letzte Scholle auf

Fritz Nettenmair's Sarg gefallen, die Leidtragenden waren heimgekehrt;

es war Nacht geworden und wieder Tag, und wieder Nacht geworden und

wieder und wieder Tag und Nacht; andere Dinge hatten Fritz Nettenmairs

Unglücksfall aus dem Munde der Stadt verdrängt und noch andere diese.

Auf sein Grab war ein Stein gesetzt und darauf sein ehrlicher Tod

nochmals vom Bildhauer bescheinigt und der vergeßlichen Nachwelt mit

Meißelstrichen eingeschärft worden. Man sollte meinen, die düstere Wolke

über dem Haus mit den grünen Fensterladen müßte sich in dem Wetterschlag

entladen haben, der den älteren Sohn vom Turmdache von Sankt Georg auf

das Straßenpflaster niedergeschmettert, und das Leben müsse darin nun so

heiter sich gestalten, als sein äußerer Anblick verspricht. Ja, man

konnte es meinen, wenn man die junge Wittib oder ihre Kinder sah! Die

drei schnellkräftigen Wesen hoben die niedergedrückten Köpfchen wieder,

sobald die Last entfernt war, die sie niedergedrückt. Die junge Wittib

sah nicht aus, als wäre sie schon Frau, noch weniger, als wäre sie schon

eine unglückliche Frau gewesen; sie erschien von Tag zu Tag mehr ein

bräutlich Mädchen oder eine mädchenhafte Braut. Und sollte sie nicht?

Wußte sie nicht, daß er sie liebte? liebte sie ihn nicht? Mußte sie

nicht das Necken Dritter darauf bringen, fiel es ihr auch selbst nicht

ein, daß ihre Liebe eine erlaubte war? Wie oft mußte sie sich fragen

lassen, ob sie schon an ihrer Ausstattung nähe? die Kinder fragen hören,

ob ihnen ein neuer Papa auch recht sei? Konnte sie anders darauf

antworten, als mit stummem Erröten und indem sie rasch von etwas anderem

zu sprechen begann? Und so machen es bräutliche Mädchen und mädchenhafte

Bräute; das weiß jeder. Und die Heirat war so natürlich, ja nach den

hergebrachten Begriffen so notwendig, daß die Ernsteren und die über das

Necken hinaus waren, dies unausgesprochen voraussetzten und es eben

deshalb nicht aussprachen, weil es sich ihnen von selbst verstand. Auch

der alte Herr ließ es in seiner diplomatischen Art zu reden an

dergleichen Andeutungen nicht fehlen. Christiane sah den Mann, von dem

die Leute meinten, er könne, ja er müsse sie heiraten, noch immer hoch

über sich; es war ihr in dieser Beziehung, wie in allen, Bedürfnis,

Pflicht und Wollust, sich in seinen Willen zu ergeben, den sie den

reinsten und den heiligsten wußte. Wenn sie trotz dieser Ergebung

Wünsche und Hoffnungen nährte, wer wird es nicht natürlich finden? wer

möchte es ihr verdenken?

Der alte Herr war überzeugt, hätte er das Regiment behalten, es wäre

alles anders gekommen. Hatte er doch, was Apollonius verdorben, noch zu

dem besten Ende geführt, das möglich war. Die Not hatte ihm das Heft

noch einmal in die Hand gedrückt und er wollte es nicht wieder fahren

lassen. Die durch den glücklichen Erfolg erhöhte Meinung von sich hatte

ihn vergessen lassen, daß er schon zweimal zu der Einsicht gezwungen

worden war, eine Leitung im blauen Rock sei nur dann möglich, wenn man

nicht mit fremden Augen sehen müsse. Er sollte es zum drittenmal

erfahren. Es war kein Wunder, daß er Apollonius' seitherigem Handeln

falsche Beweggründe unterlegte. Schon als er sich der Tüchtigkeit des

Sohnes gefreut hatte, war ihm zugleich die Furcht gekommen, die

Valentins Geständnis der Verschweigung ihm zur Wahrheit machte. Er sah

hinter der vorgegebenen Schonung des Sohnes um so natürlicher

Eigenmächtigkeit und die Lust, ein verdecktes Spiel zu spielen, als er

ihn dabei nur an dem eigenen Maßstabe maß. Es war das Nächstliegende,

daß er in dem Sohne die eigenen Neigungen voraussetzte. Schon damals

hatte er mit einer Art Eifersucht empfunden, daß er selbst der tüchtigen

Jugend des Sohnes gegenüber in seiner Blindheit nichts mehr war und

nichts mehr konnte. Der Argwohn, den seine Hilflosigkeit ihn gelehrt,

mußte ihm sagen, daß Apollonius trotz seines mühsamen Verbergens

dahinter gekommen war, und so sah er auch die Verachtung mit unter den

Beweggründen vom Handeln des Sohnes.

Seit jener Nacht vor seines älteren Sohnes gewaltsamem Tode war Herr

Nettenmair wiederum als Leiter an die Spitze des Geschäfts getreten.

Apollonius berichtete ihm täglich über den Fortgang der laufenden

Arbeiten und holte seine Befehle ab. Ist eine Arbeit einmal in ihr Gleis

gebracht, dann führt sie sich selbst und es bedarf von seiten des

Leitenden nur Beaufsichtigung und gelegentliches Antreiben. Soll aber

eine neue unternommen werden, dann gilt es die Geleise erst zu suchen,

in denen sie laufen kann, und aus diesen wieder das kürzeste, das

sicherste und gewinnvollste auszuwählen. Der Arbeitgeber erschwert oft

die Aufgabe, indem er selbst mit hineinsprechen will, oder besondere

Nebenwünsche hat, die der Meister zugleich miterfüllen soll. Ort, Zeit

und Material machen ihre Selbständigkeit und Eigenartigkeit geltend.

Nicht jede Arbeit kann man jedem Arbeiter anvertrauen; über der neuen

darf der Meister nicht die bereits laufenden vergessen. Wahl, richtige

Anstellung und Verteilung der Kräfte haben ihre Schwierigkeit.

Entfernung, Wetter sprechen dann auch ihr Wort dazu. All das will

überwunden sein, und so überwunden, daß neben Wunsch und Vorteil des

Baugebers auch Handwerksehre und Vorteil des Meisters nicht ins Gedränge

gerät. Dazu braucht's offene, klare Augen von raschem Überblick. Daß

Apollonius diese besaß, erkannte der alte Herr schon in dessen erster

Meldung. Diese betraf eine besonders schwierige Aufgabe. Apollonius

stellte sie mit solcher Klarheit dar, daß der alte Herr die Dinge mit

leiblichen Augen zu sehen glaubte. Es war ein Fall, in welchem den alten

Herrn seine Erfahrung im Stiche ließ. Apollonius machte er keine

Schwierigkeit. Er zeigte drei, vier verschiedene Wege, ihm gerecht zu

werden, und setzte den alten Herrn in eine Verwirrung, welche er kaum zu

verbergen wußte. Über die knöcherne Stirn unter dem deckenden

Augenschirm zog eine wunderliche wilde Jagd der widersprechendsten

Empfindungen: Freude und Stolz auf den Sohn, dann Schmerz, wie er selbst

nun doch nichts mehr war, doch nichts mehr sein konnte; dann Scham und

Zorn, daß der Sohn das wußte, und über ihn triumphiere; Lust, ihn zu

bändigen und ihm zu zeigen, daß er noch Herr und Meister sei. Aber wenn

er sich durchsetzen wollte: würde der Sohn gehorchen? Er konnte nichts

Besseres ersinnen, als der Sohn ihm vorgelegt hatte; befahl er etwas

anderes, so bestärkte er den Sohn in seiner Nichtachtung; und der gab

sich dann das Ansehen, des Vaters Befehl zu vollziehen und tat doch, was

er selber wollte. Und er konnte das nicht hindern, ihn nicht zwingen. Er

mußte ja glauben, was der Sohn und was die Leute ihm sagten. Hatte er

nicht anderthalb Jahre lang glauben müssen, was der Sohn ihm sagte, und

die Leute hatten dem Sohn geholfen? Und stellte er einen Fremden dem

Sohne zum Beobachter; war er der Treue des Fremden gewiß? Und wenn er

das sein konnte, stellte er nicht selbst dann erst seine Hilflosigkeit

ins Licht, daß die ganze Stadt erfuhr, er war ein blinder Mann, der

nichts mehr war und nichts mehr konnte, und mit dem man spielte, wie man

wollte? Es blieb ihm kein Mittel, auch nur den Schein des Regiments

beizubehalten, als seine diplomatische Kunst. Mit grimmvoller Stimme gab

er nun Befehle, die eigentlich unnötig waren, weil sie Dinge betrafen,

die sich von selbst verstanden und ohne Befehl getan worden wären. Bei

neuen Arbeiten, die erst in Gang gebracht werden mußten, mißbilligte er

mit Zorn die Vorschläge Apollonius; und der Befehl, den er endlich gab,

lief doch in der Hauptsache auf die Annahme des Vorschlages hinaus, der

Apollonius als der zweckmäßigste erschienen war. Hintennach stellte er

sich bei sich selber nach Möglichkeit wieder her; er fand etwas aus, das

er für klüger hielt als den Vorschlag Apollonius'; war er überzeugt,

daß, wenn er nur sein Gesicht noch hätte, alles doch ganz anders gehen

würde, dann konnte er sich der Freude und dem Stolz über die Tüchtigkeit

des Sohnes ungehindert hingeben, bis er wiederum in die zornige

Notwendigkeit versetzt wurde, seine diplomatische Kunst anzuwenden.

Apollonius ahnte so wenig von dem Zwang, den er, ohne zu wollen, dem

alten Herrn auflegte, als von dessen Stolz auf ihn. Ihn freute es, daß

er dem Vater von den Geschäften nichts mehr verheimlichen mußte und daß

sein Gehorsam der Erfüllung seines Wortes nicht im Wege stand. Auch von

dieser Seite her wurde der Himmel über dem Hause mit den grünen Laden

immer blauer. Aber der Geist des Hauses schlich noch immer händeringend

darin umher. So oft es Zwei schlug in der Nacht, stand er auf der

Emporlaube an der Tür von Apollonius' Stübchen und hob die bleichen Arme

wie flehend gegen den Himmel empor.

* * * * *

Apollonius hielt sich, war er daheim, noch immer zurückgezogen auf

seinem Stübchen. Der alte Valentin brachte ihm das Essen wie sonst

dahin. Es konnte das nicht wunder nehmen. Das Geschäft hatte sich unter

seiner fleißigen Hand vergrößert; es wollte gegen früher mehr als

doppelt soviel geschrieben sein. Der Postbote brachte ganze Stöße von

Briefen in das Haus. Dazu hatte Apollonius in der letzten Zeit das

vorteilhafte Anerbieten des Besitzers angenommen und die Schiefergrube

gepachtet. Er verstand von Köln her den Betrieb des Schieferbaues und

hatte sich einen früheren Bekannten von daher verschrieben, den er des

Faches kundig und im Leben zuverlässig wußte. Seine Wahl erwies sich

geraten; der Mann war tätig; aber Apollonius erhielt trotzdem durch die

Pachtung einen bedeutenden Zuwachs von Arbeit. Der alte Bauherr sah ihn

zuweilen bedenklich an und meinte, Apollonius habe seinen Kräften doch

zu viel vertraut. Der jungen Witwe fiel es nicht auf, daß Apollonius nur

wenig in die Wohnstube kam. Die Kinder, die er öfter zu sich rufen und

kleine Dienste verrichten ließ, wobei sie lernen konnten, unterhielten

den Verkehr. Und sie konnten bezeugen, daß Apollonius keine Zeit übrig

hatte. Sie selber war desto öfter auf seiner Stube, doch nur, wenn er

nicht daheim war. Sie schmückte Türen und Wände mit allem, was sie

hatte, und wovon sie wußte, daß er es liebte, und hielt sich ganze

Stunden lang arbeitend da auf. Aber auch sie bemerkte die Blässe seines

Angesichts, die jedesmal größer geworden schien, seit sie ihn nicht

gesehen. Wie sie nun ganz sein Spiegel geworden war, spiegelte sie auch

diese Blässe zurück. Sie hätte ihn gern erheitert, aber sie suchte seine

Nähe nicht; ihr schien, als ob ihre Nähe das Entgegengesetzte wirke, was

sie zu wirken wünschte. Er war immer freundlich und voll ritterlicher

Achtung gegen sie. Das beruhigte sie wenigstens über die Furcht, die ihr

bei seinem Sichzurückziehen am nächsten lag. Wie sie alle Tugenden, die

sie kannte, in ihn hineingestellt wie in einen Heiligenschrein, hatte

sie die Wahrhaftigkeit, die ihr die erste von allen war, nicht

vergessen. Und so wußte sie, er zwang sich nicht, ihr Achtung zu zeigen,

wenn er sie nicht empfand. Er scherzte selbst zuweilen, besonders wenn

er ihren Blick ängstlich auf seinem immer bleicheren Gesichte haften

sah; aber sie merkte, daß trotzdem ihre Gesellschaft ihn nicht heiterer,

nicht gesunder machte. Sie hätte ihn gern gefragt, was ihm fehle. Wenn

er vor ihr stand, wagte sie es nicht; wenn sie allein war, dann fragte

sie ihn. Ganze Nächte sann sie auf Worte, ihm das Geständnis abzulocken,

und sprach mit ihm. Gewiß! hätte er sie weinen gehört, gehört, wie immer

süßer und inniger sie schmeichelte und bat, die süßen Namen gehört, die

sie gab, er hätte sagen müssen, was ihm fehlte. Ihr ganzes Leben war

dann auf dem Wege zwischen Herz und Mund; trat es ihr einmal ins Ohr,

hörte sie, was sie sprach, dann errötete sie und flüchtete ihr Erröten

vor sich selbst und der lauschenden Nacht tief unter ihre Decke.

Dem alten, braven Bauherrn vertraute sie ihre Sorge an. »Ist's ein

Wunder,« sagte er eifrig, »wenn einer anderthalb Jahre lang den Tag sich

über Gebühr angestrengt und die Nacht bei Büchern und Briefen aufsitzt?

Dazu die immer steigende Sorge durch den -- Gott verzeih's ihm, er ist

tot, und von den Toten soll man nichts Böses reden -- durch den Bruder;

am Ende noch der Schreck, der mich drei Tage krank gemacht hat, über den

-- und wenn seine Witwe dabei ist -- ich hab' ihn nie besonders leiden

können, und zuletzt am wenigsten. So ist die Jugend. Ich hab' ihn

hundertmal gewarnt, den braven Jungen. Und nun noch den vermaledeiten

Schieferbruch! Ei was, Gewissenhaftigkeit! Das ist keine, die nicht an

die Gesundheit denkt!« Der alte Bauherr hielt der jungen Wittib eine

ganze lange Strafpredigt, die einem galt, der sie nicht hörte. Dann

kamen sie überein, Apollonius müsse einen Doktor annehmen, woll' er oder

nicht; und der Bauherr ging auf der Stelle zu dem besten Arzte der

Stadt. Der Arzt versprach, sein Möglichstes zu tun. Er besuchte auch

Apollonius, und dieser ließ sich des Arztes Bemühungen gefallen, weil es

die wünschten, die er liebte. Der Arzt fühlte den Puls, kam wieder und

wieder, verschrieb und verschrieb; Apollonius wurde nur noch bleicher

und trüber. Endlich erklärte der tüchtige Mann, hier sei ein Übel, gegen

welches alle Kunst zu kurz falle; so tief hinein, als wo diese Krankheit

sitze, wirke keins von seinen Mitteln.

Apollonius hatte deshalb den Arzt sich verbeten. Er hatte wohl gewußt:

für seine Krankheit gab es keinen Arzt. Wo der Bauherr die Ursache davon

suchte, lag sie nur zum Teile. Die Überanstrengung hatte bloß den Boden

für die Schmarotzerpflanze bestellt, die an Apollonius' innerem

Lebensmark zehrte. In Gemütsbewegungen lag ihr Keim, aber nicht in

denen, die der Bauherr wußte. Nicht in dem Schrecken über des Bruders

Unglück, sondern in dem Zustande, worin der Schreck ihn traf. Die ersten

Zeichen der Krankheit schienen körperlicher Natur. In dem Augenblick, wo

der Bruder neben ihm vorbei in den Tod stürzte, hatten die Glocken unter

ihnen Zwei geschlagen. Von da an erschreckte ihn jeder Glockenton. Was

ihm schwerere Besorgnis erregte, war ein Anfall von Schwindel. Aller

Schrecken jenes Tages hatte ihm die Unruhe nicht verdunkeln können, die

ihn nicht losließ, wenn er eine Ungenauigkeit an einer Arbeit gefunden,

bis sie beseitigt war. Jeder Glockenschlag, der ihn erschreckte, schien

ihm eine Mahnung dazu. Schon den andern Morgen öffnete er, die

Dachleiter in der Hand, die Ausfahrtür. Es war ihm schon aufgefallen,

wie unsicher sein Schritt auf der Leitertreppe geworden war; jetzt, als

er durch die Öffnung die ferneren Berge, die er sonst kaum bemerkte,

sich wunderlich zunicken sah, und der feste Turm unter ihm zu schaukeln

begann, erschrak er. Das war der Schwindel, des Schieferdeckers ärgster,

tückischster Feind, wenn er ihn plötzlich zwischen Himmel und Erde auf

der schwanken Leiter faßt! Vergeblich strebte er, ihn zu überwinden;

sein Vorhaben mußte heut' aufgegeben sein. So schwer war Apollonius noch

kein Weg geworden, als der die Turmtreppe von Sankt Georg herab. Was

sollte werden! Wie sollte er sein Wort erfüllen, wenn ihn der Schwindel

nicht verließ! Noch denselben Tag hatte er auf dem Nikolaiturme etwas

nachzusehen. Hier mußte er mehr wagen als dort; die Glocken schlugen,

als er am gefährlichsten stand, vom Schwindel fühlte er keine Spur.

Freudig eilte er nach Sankt Georg zurück; aber hier zitterte wieder die

Treppenleiter unter seinen Füßen, und wie er hinaussah, nickten die

Berge wieder, schaukelte wieder der Turm. Er war schon auf den untersten

Stufen der Treppe, als oben ein Stundenschlag begann. Die Töne dröhnten

ihm durch Mark und Bein, er mußte sich am Geländer festhalten, bis das

letzte Summen verklungen war. Er machte noch Versuch über Versuch; er

bestieg alle Dächer und Türme mit seiner alten Sicherheit; nur zu Sankt

Georg wohnte der Schwindel. Dort hatte er seine bösen Gedanken in die

Arbeit hineingehämmert; er hatte damals schon gefühlt, er hämmere einen

Zauber zurecht, ein kommend Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn

das Bild der Stelle, wo er die Bleiplatte einzusetzen und den Zierat

festzunageln vergessen. Die Lücke war wie ein böser Fleck, ein Fleck, wo

eine Untat begonnen oder vollbracht ist, und kein Gras wächst, kein

Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie gerächt

ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schließt, eh' es seinen

Bewohner aufgenommen hat. War nur die Lücke geschlossen, dann hatte der

Zauber keine Macht mehr. Er konnte das einem Gesellen auftragen, aber

der Gedanke, einen andern seine verwahrloste Arbeit nachbessern zu

lassen, trieb das Rot der Scham auf seine bleichen Wangen. Und die

Bleiplatte, von einem andern aufgenagelt, mußte wieder abfallen; die

Lücke rief nach ihm, und nur er konnte sie schließen. Oder den Gesellen

faßte das Verderben, das er dort eingehämmert, der Schwindel, der dort

wohnt, und stürzte ihn herab.

Seit das Weib des Bruders in seinen Armen gelegen, führte er ein

Doppelleben. Er schaffte den Tag lang außen, nachts saß er in seinem

Stübchen bei seinen Büchern; das spann sich alles mechanisch ab; er war

trotz seines Kämpfens nur mit halber Seele dabei; die andere Hälfte

hatte ihr Leben für sich, immer schwebte sie mit den Dohlen um die Lücke

an dem Turmdach und brütete, welches kommende Unheil es sei, das er

fertig gehämmert jenen Morgen. Seine Seele träumte den sündhaften Traum

wieder durch, kämpfte den schrecklichen Kampf mit dem Bruder wieder

durch. War es des Bruders Sturz, was er gehämmert hat? Dann fällt ihm

ein, ob's nicht möglich gewesen, den Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte

er ängstlich nach den Möglichkeiten, wie der Bruder zu retten gewesen,

und schreckte doch zurück, wenn er dachte, er könnte eine finden. So

hatte ihn des Bruders Schuld aus seinen Fugen gezerrt. Aber auch in

seinem Brüten zeigte sich noch der Gegensatz zu seines Bruders Natur. In

jenem überwucherte die Selbstsucht, die schlimme Anlage; in Apollonius

überspannte sich, was Gutes in ihm war: seine Gewissenhaftigkeit,

Anhänglichkeit und sein Sauberkeitsbedürfnis. Er wälzte nicht seine

Schuld ab von sich auf den Bruder; er hob mit liebender Hand die Schuld

des Bruders herüber auf sich. Denn immer klarer wird es ihm, daß er den

Bruder noch zuletzt vor dem Sturze retten konnte. Er hätte die Wege, die

es gab, damals finden müssen, wenn sein Herz und Kopf nicht voll gewesen

wären von den wilden, verbotenen Wünschen; hätte er dem Wahnsinnigen

nicht gezürnt, den er hätte bedauern sollen. Ja, er hatte dem Bruder das

Unheil fertig gehämmert mit seinen bösen Gedanken. Ohne die Gedanken war

er früher mit seiner Arbeit fertig und der Bruder fand ihn nicht mehr

auf dem Turme; der Bruder kam zu spät und gewann Zeit, seinen Entschluß

zu bereuen. Und war er noch oben, so war er der Stärkere, der

Besonnenere, und mußte Mittel finden, das Unheil zu verhindern. Auch im

äußeren Benehmen zeigte sich dieser Gegensatz mit dem Bruder. Wie dieser

immer selbstsüchtiger, wilder und rücksichtsloser geworden war, machte

Apollonius das Seelenleiden immer milder und stiller. Er verlor über dem

eigenen Zustande nicht das Mitgefühl mit fremdem Leiden. Er bedauerte

nicht sich. Dachte er an die Menschen, die ihm liebend nahe standen, so

war sein Schmerz mehr ein Mitleid mit ihrem Mitleid. Selbst sein Sofa

vergaß er nicht zu streicheln; er tat es, wie man einen Diener tröstet,

der das Unglück seines Herrn als sein eigenes fühlt. Natürlich, daß auch

ihn die Leute mit der Heirat neckten, die ihnen notwendig schien. Er

mußte sich sagen, er dachte wie sie, und daß seine Wünsche keine

unerlaubten mehr waren. Aber daß sie es einmal gewesen, warf seinen

Schatten herüber auf das vorwurfsfreie Jetzt. Seine Liebe, ihr Besitz,

schien ihm wie beschmutzt. Was Verstand und Liebe sagen mochten, er

fühlte in der Heirat eine Schuld. Daher kam's, daß Christianens Nähe ihn

nicht heiterer machte. Es gab Augenblicke, wo seine Verdüsterung ihm

selbst wie eine Krankheit vorkam, und er hoffte, sie werde vorübergehen.

Aber auch da trat er Christianen nicht näher, so sehr sein Herz ihn zog.

Er blieb gegen sie wie damals, wo er den Knaben zwischen sie und sich

gestellt hatte. Die kleinste Annäherung sah er nach seiner Weise für

eine Bindung an, und dachte er sich die Heirat entschieden, so lastete

wiederum das Gefühl von Schuld auf ihm. Er rückte den Gedanken daran in

eine unbestimmte Zukunft hinaus, dann fühlte er seinen Zustand

erträglich. Er, der sonst ein unklares Verhältnis nicht ertragen konnte!

Darin aber war er sich noch völlig gleich, daß er in seiner Vorstellung

eine mögliche Schuld nur immer als die seine empfand. Sie blieb ihm

unter allen Umständen heilig und rein.

Dem alten Herrn war in seinem äußeren Ehrbegriff ein Zusammenleben wie

Apollonius' und Christianens ohne kirchliche Weihe ein schweres

Ärgernis. Apollonius konnte ohne Schande nur unter dem Namen ihres

Gatten der jungen, schönen Wittib und ihrer Kinder Schützer und Erhalter

sein. Nach seiner Weise sprach er ein Machtwort. Er bestimmte die Zeit.

Das unumgängliche Trauerhalbjahr war um; und in acht Tagen sollte die

Verlobung, drei Wochen später die Hochzeit sein.

Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden begann wieder schwül und

schwüler zu werden; die neuen Wolken, die unsichtbar darum heraufzogen,

drohten einen herberen Schlag, als in dem die alten sich entladen. Die

junge Wittib durfte nur eine Braut scheinen. Sie tat, wonach man sie

neckend gefragt hatte: sie vervollständigte ihre Einrichtung. Halbe

Nächte saß sie schneidend und nähend über weißes Linnen und buntes

Bettzeug gebückt. Es fielen Tränen darauf, aber die Freude behielt immer

weniger Anteil an diesen Tränen. Sie sah des geliebten Mannes Zustand

stündlich sich verschlimmern und konnte darüber nicht im Irrtum sein,

daß die Heirat die Schuld davon trug. Je blasser und hinfälliger er

wurde, desto milder und achtungsvoller wurde sein Benehmen gegen sie.

Ja, es war etwas darin, das wie schmerzliches Mitleid und

unausgesprochene Abbitte eines Unrechts oder einer Beleidigung aussah,

deren er sich gegen sie schuldig wisse. Sie wußte nicht, was sie davon

denken sollte; nur, daß sie nichts denken durfte, was des Bildes, das

sie von ihm in ihrer Seele trug, unwürdig gewesen wäre. In seiner

Gegenwart war sie still wie er. Sie sah sein stummes, schmerzliches

Brüten; aber erst, wenn sie allein war, und ihre Kinder neben ihr

schliefen, hatte sie den Mut, ihn zu bitten. Stundenlang bat sie dann

wie ein Kind, er soll ihr doch sagen, was ihm fehlt. Sie will es mit ihm

tragen; sie muß ja; ist sie nicht sein?

Und Apollonius selbst? Bis jetzt hatte er den Druck dunklen

Schuldgefühls, der sich an den Gedanken der Heirat knüpfte, zu schwächen

vermocht, wenn er unentschieden den Entschluß in unbestimmte Ferne

hinauswies. Dabei hatte ihm die Hoffnung geholfen, jenes Gefühl sei eine

krankhafte Anwandlung, die vorübergehen werde. Nun der alte Herr sein

Machtwort gesprochen, war ihm jedes Mittel genommen. Das Ziel war

bestimmt; mit jedem Tage, mit jeder Stunde trat es ihm näher. Er mußte

sich entscheiden. Er konnte nicht. Die Entzweiung seines Innern klaffte

immer weiter auf. Wollte er dem Glücke entsagen, dann wich das Gespenst

der Schuld, aber das Glück streckte immer verlockendere Arme nach ihm

aus. Es nahm seine Ehre zum Bündner. Der Vater entfernte ihn dann; wie

sollte er sein Wort halten? Wo war ein Vorwurf, wenn er das Glück in

seine Arme nahm? Der Vater wollte es; sie liebt ihn und hat ihn immer

geliebt, nur ihn; alle Menschen billigen, ja sie fordern es von ihm.

Dann sah er sie, eh' sie ihm geraubt wurde, wie sie das Glöckchen

hinlegte für ihn, rosig unter der braunen krausen Locke, die sich immer

frei macht; dann bleich unter der Locke von den Mißhandlungen des

Bruders, der sie ihm geraubt, bleich um ihn; dann zitternd vor des

Bruders Drohungen, zitternd um ihn; dann lachend, weinend, voll Angst

und voll Glück in seinen Armen. Und so soll er sie halten dürfen,

vorwurfslos, die ihm gehört! Aber durch ihr schwellendes Umfangen, durch

alle Bilder stillen, sanften Glücks hindurch fröstelt ihn der alte

Schauder wieder an. So war's schon in seinem Traume, als er mit dem

Bruder kämpfte um sie, und ihn hinabstieß von der fliegenden Rüstung in

den Tod. Er sagt sich, das war nur im Traum; was man im Traume tat, hat

man nicht getan. Aber wachend hallten die wilden Gefühle des Traumes

nach. Die bösen Gedanken machten ihn unfähig, den Bruder zu retten. Der

Sturz des Bruders machte dessen Weib frei. Er wußte das, als er den

Bruder stürzen ließ. Deshalb ja hatte er ihn im Traume gestürzt. Nun war

es ja, wie in dem schlimmen Traum, der Bruder war tot, und er hatte sein

Weib. Nimmt er des Bruders Weib, die frei wurde durch den Sturz, so hat

er ihn hinabgestürzt. Hat er den Lohn der Tat, so hat er auch die Tat.

Nimmt er sie, wird ihn das Gefühl nicht lassen; er wird unglücklich

sein, und sie mit unglücklich machen. Um ihret- und seinetwillen muß er

sie lassen. Und will er das, dann erkennt er, wie haltlos diese Schlüsse

sind vor den klaren Augen des Geistes, und will er wiederum das Glück

ergreifen, so schwebt das dunkle Schuldgefühl von neuem wie ein eisiger

Reif über seine Blume, und der Geist vermag nichts gegen seine

vernichtende Gewalt. Daneben mahnten immer lauter die Glockenschläge von

Sankt Georg. Immer fieberischer wurde die Unruhe, daß der Fehler noch

nicht gebessert war. Äußere Anlässe schärften noch den Drang. Es hatte

anhaltend geregnet, die Lücke schluckte, die Verschalung sog das Wasser

gierig ein; das Holz mußte verfaulen. Trat die Winterkälte stärker ein,

fror die Nässe im Holz, so warf sich die Verschalung und verletzte die

Schiefer. Die Stadt, die seiner Pflichttreue vertraute, litt Schaden

durch ihn. Jede Nacht weckte ihn der Stundenschlag Zwei. In der Glut des

Fiebers vermischten sich die Schatten. Die Vorwürfe des inneren und

äußeren Sauberkeitsbedürfnisses flossen ineinander. Immer

unwiderstehlicher forderte die offene Wunde das Gericht; das gähnende

Grab den, der es schloß. Und er war es, den der Stundenschlag zu

Gerichte rief; er, der das Grab schließen mußte, eh' das gehämmerte

Unheil auf ein unschuldig Haupt fiel. Sich selbst hatte er das kommende

Unheil fertig gehämmert. Er mußte hinauf, den Fehler zu bessern. Und

wenn er oben war, dann schlug es Zwei, dann packte ihn der Schwindel und

riß ihn hinab, dem Bruder nach.

Der alte wackere Bauherr drang in den Leidenden; er hatte sich das Recht

erworben, sein Vertrauen zu fordern. Apollonius lächelte trüb; er schlug

ihm sein Verlangen nicht ab, aber er schob die Erfüllung von Tag zu Tag

weiter hinaus. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde sah die schöne junge

Braut ihn bleicher werden und blich ihm nach. Nur der alte Herr in

seiner Blindheit sah die Wolke nicht, die mit dem Schlimmsten droht. Es

war wieder schwül geworden und wurde noch immer schwüler, das Leben in

dem Hause mit den grünen Laden. Kein Mensch sieht's dem rosigen Hause

an, wie schwül es einmal darin war.

* * * * *

Es war in der Nacht vor dem angesetzten Verlobungstag. Plötzlich war

Schnee, dann große Kälte eingetreten. Einige Nächte schon hatte man das

sogenannte Sankt Elmsfeuer von den Turmspitzen nach den blitzenden

Sternen am Himmel züngeln sehen. Trotz der trockenen Kälte empfanden die

Bewohner der Gegend eine eigene Schwere in den Gliedern. Es regte sich

keine Luft. Die Menschen sahen sich an, als fragte einer den andern, ob

auch er die seltsame Beängstigung fühle. Wunderliche Prophezeiungen von

Krieg, Krankheit und Teuerung gingen von Mund zu Munde. Die

Verständigeren lächelten darüber, konnten sich aber selbst des Dranges

nicht erwehren, ihre innerliche Beklemmung in entsprechende Bilder von

etwas äußerlich drohend Bevorstehendem zu kleiden. Den ganzen Tag hatten

sich dunkle Wolken übereinander gebaut von entschiedenerer Zeichnung und

Farbe, als sie der Winterhimmel sonst zu zeigen pflegt. Ihre Schwärze

hätte unerträglich grell von dem Schnee abstechen müssen, der Berge und

Tal bedeckte und wie ein Zuckerschaum in den blätterlosen Zweigen hing,

dämpfte nicht ihr Widerschein den weißen Glanz. Hier und da dehnte sich

der feste Umriß der dunklen Wolkenburg in schlappen Busen herab. Diese

trugen das Ansehen gewöhnlicher Schneewolken, und ihr trübes Rötlichgrau

vermittelte die Bleischwärze der höheren Schicht mit dem schmutzigen

Weiß der Erde und seinen schwärzlichen Scheinen. Die ganze Masse stand

regungslos über der Stadt. Die Schwärze wuchs. Schon zwei Stunden nach

Mittag war es Nacht in den Straßen. Die Bewohner der Untergeschosse

schlossen die Läden; in den Fenstern der höheren Stockwerke blitzte

Licht um Licht auf. Auf den Plätzen der Stadt, wo ein größeres Stück

Himmel zu übersehen war, standen Gruppen von Menschen zusammen und sahen

bald nach allen Seiten aufwärts, bald sich in die langen, bedenklichen

Gesichter. Sie erzählten sich von den Raben, die in großen Zügen bis in

die Vorstädte hereingekommen waren, zeigten auf das tiefe, unruhige,

stoßende Geflatter der Dohlen um Sankt Georg und Sankt Nikolaus,

sprachen von Erdbeben, Bergstürzen, wohl auch vom jüngsten Tage. Die

Mutigeren meinten, es sei nur ein starkes Gewitter. Aber auch das

erschien bedenklich genug. Der Fluß und der sogenannte Feuerteich,

dessen Wasser auf unterirdischen Wegen augenblicklich jedem Teile der

Stadt zugeleitet werden konnte, waren beide gefroren. Manche hofften,

die Gefahr werde vorübergehen. Aber so oft sie hinaufsahen, die dunkle

Masse rückte nicht von der Stelle. Zwei Stunden nach Mittag hatte sie

schon so gestanden; gegen Mitternacht stand sie noch unverändert so. Nur

schwerer, schien es, war sie geworden und hatte sich tiefer

herabgesenkt. Wie sollte sie auch rücken? da nicht ein leiser Lufthauch

auf den Flügeln war; und solche Masse zu zerstreuen und fortzuschieben,

hätte es einer Windsbraut bedurft.

Es schlug Zwölf vom Sankt Georgenturm. Der letzte Schlag schien nicht

verhallen zu können. Aber das tiefe, dröhnende Summen, das so lange

anhielt, war nicht mehr der verhallende Glockenton. Denn nun begann es

zu wachsen; wie auf tausend Flügeln kam es gerauscht und geschwollen und

stieß zornig gegen die Häuser, die es aufhalten wollten, und fuhr

pfeifend und schrillend durch jede Öffnung, die es traf; polterte im

Hause umher, bis es eine andere Öffnung zum Wiederherausfahren fand; riß

Läden los und warf sie grimmig zu; quetschte sich stöhnend zwischen

nahestehenden Mauern hindurch; pfiff wütend um die Straßenecken; zerlief

in tausend Bäche; suchte sich und schlug klatschend wieder zusammen in

einen reißenden Strom; fuhr vor grimmiger Lust herab und hinauf;

rüttelte an allem Festen; trillte mit wildspielendem Finger die

verrosteten Wetterhähne und Fahnen und lachte schrillend in ihr Geächze;

blies den Schnee von einem Dach aufs andere, fegte ihn von der Straße,

jagte ihn an steilen Mauern hinauf, daß er vor Angst in alle

Fensterritzen kroch, und wirbelte ganze tanzende Riesentannen aus Schnee

geformt vor sich her.

Da man ein Gewitter voraussah, war alles in den Kleidern geblieben. Die

Rats- und Bezirksgewitternachtwachen sowie die Spritzenmannschaften

waren schon seit Stunden beisammen. Herr Nettenmair hatte den Sohn nach

der Hauptwachtstube im Rathause gesandt, um da seine, des

Ratsschieferdeckermeisters Stelle zu vertreten. Die zwei Gesellen saßen

bei den Turmwächtern, der eine zu Sankt Georg, der andere zu Sankt

Nikolaus. Die übrigen Ratswerkleute unterhielten sich in der Wachtstube,

so gut sie konnten. Der Ratsbauherr sah bekümmert auf den brütenden

Apollonius. Der fühlte des Freundes Auge auf sich gerichtet und erhob

sich, seinen Zustand zu verbergen. In dem Augenblick brauste der

Sturmwind von neuem in den Lüften daher. Auf dem Rathausturme schlug es

Eins. Der Glockenton wimmerte in den Fäusten des Sturmes, der ihn mit

sich fortriß in seine wilde Jagd. Apollonius trat an ein Fenster, wie um

zu sehen, was es draußen gebe. Da leckte eine riesige schwefelblaue

Zunge herein, bäumte sich zitternd zweimal an Ofen, Wand und Menschen

auf und verschlang sich spurlos in sich selber. Der Sturm brauste fort;

aber wie er aus dem letzten Glockenton von Sankt Georg geboren schien,

so erhob sich jetzt aus seinem Brausen etwas, das an Gewalt sich so

riesig über ihn emporreckte, wie sein Brausen über den Glockenton. Eine

unsichtbare Welt schien in den Lüften zu zertrümmern. Der Sturm brauste

und pfiff wie mit der Wut des Tigers, daß er nicht vernichten konnte,

was er packte; das tiefe, majestätische Rollen, das ihn überdröhnte, war

das Gebrüll des Löwen, der den Fuß auf dem Feinde hat, der

triumphierende Ausdruck der in der Tat gesättigten Kraft.

»Das hat eingeschlagen,« sagte einer. Apollonius dachte: wenn es in den

Turm schlüge von Sankt Georg, dort in die Lücke und ich müßte hinauf und

es schlüge Zwei und -- -- Er konnte nicht ausdenken. Ein Hilfegeschrei,

ein Feuerruf erscholl durch Sturm und Donner. »Es hat eingeschlagen,«

schrie es draußen auf der Straße. »Es hat in den Turm von Sankt Georg

geschlagen. Fort nach Sankt Georg! Jo! Hilfe! Feuerjo! Auf Sankt Georg!

Jo! Feuerjo auf dem Turm von Sankt Georg!« Hörner bliesen, Trommeln

wirbelten darein. Und immer der Sturm und Donner auf Donner. Dann rief

es: »Wo ist der Nettenmair? Kann einer helfen, ist's der Nettenmair! Jo!

Feuerjo! Auf Sankt Georg! Der Nettenmair! Wo ist der Nettenmair? Jo!

Feuerjo! Auf dem Turm zu Sankt Georg!«

Der Bauherr sah Apollonius erbleichen, seine Gestalt noch tiefer in sich

zusammensinken, als seither. »Wo ist der Nettenmair?« rief es wieder

draußen. Da schlug eine dunkle Röte über seine bleichen Wangen und seine

schlanke Gestalt richtete sich hoch auf. Er knöpfte sich rasch ein, zog

den Riemen seiner Mütze fest unter dem Kinn. »Bleib' ich,« sagte er zu

dem Bauherrn, indem er sich zum Gehen wandte, »so denkt an meinen Vater,

an meines Bruders Weib und seine Kinder.« Der Bauherr war betroffen. Das

»Bleib' ich« des jungen Mannes klang wie: »Ich werde bleiben.« Eine

Ahnung kam dem Freunde, hier sei etwas, was mit dem Seelenleiden

Apollonius' zusammenhänge. Aber der Ausdruck seines Gesichtes hatte

nichts mehr von dem Leiden; er war weder ängstlich noch wild. Durch

Sorge und Schrecken hindurch fühlte der wackere Mann etwas wie freudige

Hoffnung. Es war der alte Apollonius wieder, der vor ihm stand. Das war

ganz die ruhige, bescheidene Entschlossenheit wieder, die ihn beim

ersten Anblick den jungen Mann gewonnen hatte. »Wenn er so bliebe!«

dachte der Bauherr. Er hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern. Er drückte

ihm die Hand. Apollonius empfand alles, was der Händedruck sagen wollte.

Wie ein Mitleid zog es über sein Gesicht hin mit dem wackern Alten, wie

Mißbilligung, daß er dem braven Alten Schmerz gemacht, und ihm noch mehr

Schmerz machen wollen. Er sagte mit seinem alten Lächeln: »Auf solche

Fälle bin ich immer bereit. Aber es gilt Eile. Auf frohes Wiedersehen!«

Der schnellere Apollonius war dem Bauherrn bald aus den Augen. Auf dem

ganzen Wege nach Sankt Georg, unter dem Geschrei, den Hörnern und

Trommeln, Sturm und Donner, sagte der Bauherr immer vor sich hin:

»Entweder sehe ich den braven Jungen nie wieder, oder er ist gesund,

wenn ich ihn wiedersehe.« Er legte sich nicht Rechenschaft ab, wie er zu

dieser Überzeugung kam. Hätt' er's auch sonst gekonnt, es war nicht Zeit

dazu. Seine Pflicht als Ratsbauherr verlangte den ganzen Mann.

Der Ruf: »Nettenmair! Wo ist der Nettenmair?« tönte dem Gerufenen auf

seinem Wege nach Sankt Georg entgegen und klang hinter ihm her. Das

Vertrauen seiner Mitbürger weckte das Gefühl seines Wertes wieder in ihm

auf. Als er, aus der Fremde zurückkehrend, die Heimatstadt vor sich

liegen sah, hatte er sich ihr und ihrem Dienste gelobt. Nun durfte es

sich zeigen, wie ernst gemeint sein Gelübde war. Er übersann in Gedanken

die möglichen Gestalten der Gefahr, und wie er ihnen begegnen könnte.

Eine Spritze stand bereit im Dachgebälk, Tücher lagen dabei, um damit,

in Wasser getaucht, die gefährdeten Stellen zu schützen. Der Geselle war

angewiesen, heißes Wasser bereit zu halten. Das Gebälke hatte er überall

durch Leitern verbunden. Zum ersten Male seit seiner Heimkunft von

Brambach war er wieder mit ganzer Seele bei einem Werke. Vor der

wirklichen Not und ihren Anforderungen traten die Gebilde seines Brütens

wie verschwimmende Schatten zurück. Die ganze alte Wirkungsfreudigkeit

und Spannkraft war wieder heraufgerufen, das Gefühl der Erleichterung

erhöhte sie noch. Mit Gedanken kann man Gedanken widerlegen, gegen

Gefühle sind sie eine schwache Waffe. Vergebens sah sein Geist den

rettenden Weg; er war in der allgemeinen Erschlaffung mit erkrankt.

Jetzt war ein stärkeres gesundes Gefühl gegen die starken kranken

Gefühle aufgeglüht und hatte sie in seiner Flamme verzehrt. Er wußte,

ohne besonders daran zu denken, er hatte den rettenden Entschluß

gefunden, und dieser war die Quelle seines erneuten Daseins. Er wußte,

er wird nicht schwindeln, und blieb er doch, so fiel er seiner Pflicht

zum Opfer und keiner Schuld, und Gott und die Dankbarkeit der Stadt

traten statt seiner in das Gelübde für die Seinen ein.

Der Platz um Sankt Georg war mit Menschen angefüllt, die alle voll Angst

nach dem Turmdache hinaufsahen. Der ungeheure alte Bau stand wie ein

Fels in dem Kampf, den Blitzeshelle mit der alten Nacht unermüdlich um

ihn kämpfte. Jetzt umschlangen ihn tausend hastige, glühende Arme mit

solcher Macht, daß er selber aufzuglühen schien unter ihrer Glut; wie

eine Brandung lief's an ihm hinauf und stürzte gebrochen zurück, dann

schlug die dunkle Flut der Nacht wieder über ihm zusammen. Ebensooft

tauchte die Menge aneinander gedrängter bleicher Gesichter auf um seinen

Fuß und sank wieder ins Dunkel zurück. Der Sturm riß die Stehenden an

Hüten und Mänteln und schlug mit eigenen und fremden Haaren und

Kleiderzipfeln nach ihnen, und warf sie mit seinem Schneegeriesel, das

in dem Schein der Blitze wie glühender Funkenregen an ihnen

herniederstäubte, als wollte er sie's büßen lassen, daß er vergeblich an

den steinernen Rippen sich wund stieß. Und wie die Menschen

bald erschienen, bald verschwanden, so wurde ihr verwirrtes

Durcheinanderreden immer wieder vom Sturm und vom Donner überbraust und

überrollt.

Da rief einer, sich selbst tröstend: »es ist ein kalter Schlag gewesen.

Man sieht ja nichts.« Ein anderer meinte, die Flamme von dem Schlag

könne noch ausbrechen. Ein Dritter wurde zornig; er nahm den Einwand wie

einen Wunsch, der Schlag möge nicht ein kalter gewesen sein, und die

Flamme noch ausbrechen. Er hatte sich schon getröstet, und rächte sich

für die Unruhe, die der Einwand wieder neu in ihm erregte. Viele sahen,

vor Angst und Kälte zitternd, mit den geblendeten Augen stumpf in die

Höhe, und wußten nicht mehr, warum. Hundert Stimmen setzten dagegen

auseinander, welches Unglück die Stadt betreffen könne, ja betreffen

müsse, wenn der Schlag kein kalter war. Einer sprach von der Natur der

Schiefer, wie sie, im Brande schmelzend und als brennende Schlacken

straßenweit durch die Luft fliegend, schon oft einen beginnenden Brand

im Augenblick über eine ganze Stadt verbreitet hatten. Andere klagten,

wie der Sturm einen möglichen Brand begünstige, und daß kein Wasser zum

Löschen vorhanden sei. Noch andere: und wäre welches vorhanden, so würde

es vor der Kälte in den Spritzen und Schläuchen gefrieren. Die meisten

stellten in angstvoller Beredsamkeit den Gang dar, den der Brand nehmen

würde. Stürzte das brennende Dachgebälk, so trieb es der Sturm dahin, wo

eine dichte Häusermasse fast an den Turm stieß. Hier war die

feuergefährlichste Stelle der ganzen Stadt. Zahllose hölzerne

Emporlauben in engen Höfen, bretterne Dachgiebel, schindelgedeckte

Schuppen, alles so zusammengepreßt, daß nirgends eine Spritze

hineinzubringen, nirgends eine Löschmannschaft mit Erfolg anzustellen

war. Stürzte das brennende Dachgebälke, wie nicht anders möglich war,

nach dieser Seite, so war das ganze Stadtviertel, das vor dem Winde lag,

bei dem Sturm und Wassermangel unrettbar verloren. Diese

Auseinandersetzungen brachten Ängstlichere so aus der Fassung, daß jeder

neue Blitz ihnen als die ausbrechende Flamme erschien. Daß jeder nur

eine Seite der Turmdachfläche übersehen konnte, begünstigte die

Fortpflanzung des Irrtums. Es war wunderlich, aber man hörte nun von

allen Seiten zugleich das Geschrei: »Wo? Wo?« Sturm und Donner

verhinderten die Verständigung. Jeder wollte selbst sehen; so entstand

ein wildes Gedränge.

»Wo hat es hingeschlagen?« fragte Apollonius, der eben daher kam. »In

die Seite nach Brambach zu,« antworteten viele Stimmen. Apollonius

machte sich Bahn durch die Menge. Mit großen Schritten eilte er die

Turmtreppe hinauf. Er war den langsamen Begleitern um eine gute Strecke

voraus. Oben fragte er vergebens. Die Türmersleute meinten, es müsse ein

kalter Schlag gewesen sein, und waren doch im Begriff, ihre besten

Sachen zusammenzuraffen, um vom Turme zu fliehen. Nur der Gesell, den er

am Ofen beschäftigt fand, besaß noch Fassung. Apollonius eilte mit

Laternen nach dem Dachgebälk, um sie da aufzuhängen. Die Leitertreppe

zitterte nicht mehr unter seinen Füßen; er war zu eilig, das zu

bemerken. Innen am Dachgebälke wurde Apollonius keine Spur von einem

beginnenden Brande gewahr. Weder der Schwefelgeruch, der einen Einschlag

bezeichnet, noch gewöhnlicher Rauch war zu bemerken. Apollonius hörte

seine Begleiter auf der Treppe. Er rief ihnen zu, er sei hier. In dem

Augenblick zuckte es blau zu allen Turmluken herein und unmittelbar

darauf rüttelte ein prasselnder Donner an dem Turm. Apollonius stand

erst wie betäubt. Hätte er nicht unwillkürlich nach einem Balken

gegriffen, er wäre umgefallen von der Erschütterung. Ein dicker

Schwefelqualm benahm ihm den Atem. Er sprang nach der nächsten Dachluke,

um frische Luft zu schöpfen. Die Werkleute, dem Schlage ferner, waren

nicht betäubt worden, aber vor Schrecken auf den obersten Treppenstufen

stehen geblieben. »Herauf!« rief ihnen Apollonius zu. »Schnell das

Wasser! die Spritze! In diese Seite muß es geschlagen haben, von da kam

Luftdruck und Schwefelgeruch. Schnell mit Wasser und Spritze an die

Ausfahrtür.« Der Zimmermeister rief, schon auf der Leitertreppe,

hustend: »aber der Dampf!« »Nur schnell!« entgegnete Apollonius. »Die

Ausfahrtür wird mehr Luft geben, als uns lieb ist.« Der Maurer und der

Schornsteinfeger folgten dem Zimmermann, der die Schläuche trug, so

schnell als möglich, mit der Spritze die Leitertreppe hinauf. Die andern

brachten Eimer kalten, der Gesell einen Topf heißen Wassers, um durch

Zugießen das Gefrieren zu verhindern.

In solchen Augenblicken hat, wer Ruhe zeigt, das Vertrauen, und dem

gefaßten Tätigen unterordnen sich die andern ohne Frage. Der Bretterweg

nach der Ausfahrtüre war schmal; durch die verständige Anordnung

Apollonius' fand dennoch alles im Augenblicke seinen Platz. Zunächst

Apollonius nach der Türe stand der Zimmermann, dann die Spritze, dann

der Maurer. Die Spritze war so gewendet, daß die beiden Männer die

Druckstangen vor sich hatten. Zwei starke Männer konnten das Druckwerk

bedienen. Hinter dem Maurer stand der Schieferdeckergeselle, um über

dessen Schulter, so oft es nötig, von dem heißen Wasser zuzugießen.

Andere betrieben des Gesellen vorheriges Geschäft; sie schmolzen Schnee

und Eis und behielten das gewonnene Wasser in der geheizten Türmerstube,

damit es nicht wieder zu Eis fror. Andere waren bereit, als Zuträger

zwischen Dachstuhl und Türmerstube zu dienen, und bildeten eine Art

Spalier. Während Apollonius mit raschen Worten und Winken den Plan

dieser Geschäftsordnung dem Zimmermann und Maurer mitteilte, die ihn

dann in Ausführung brachten, hatte er die Dachleiter schon in der

Rechten und griff mit der Linken nach dem Riegel der Ausfahrtür. Die

Leute hatten die beste Hoffnung; aber als durch die geöffnete Tür der

Sturm hereinpfiff, dem Zimmermann die Mütze vom Kopfe riß und Massen

feinen Schneestaubs gegen das Gebälke warf und heulend und rüttelnd den

Dachstuhl auf- und abpolterte und Blitz auf Blitz blendend durch die

dunkle Öffnung brach, da wollte der Mutigste die Hand von dem

vergeblichen Werke abziehen. Apollonius mußte sich mit dem Rücken gegen

die Türe kehren, um atmen zu können. Dann, beide Handflächen gegen die

Verschalung oberhalb der Türe gestemmt, bog er den Kopf zurück, um an

der äußeren Dachfläche hinaufzusehen. »Noch ist zu retten,« rief er

angestrengt, damit die Leute vor dem Sturm und dem ununterbrochenen

Rollen des Donners ihn verstehen konnten. Er ergriff das Rohr des

kürzesten Schlauches, dessen unteres Ende der Zimmermann einschraubend

an der Spritze befestigte, und wand sich den obern Teil um den Leib.

»Wenn ich zweimal hintereinander den Schlauch anziehe, drückt los.

Meister, wir retten die Kirche, vielleicht die Stadt!« Die rechte Hand

gegen die Verschalung gestemmt, bog er sich aus der Ausfahrtür; in der

Linken hielt er die leichte Dachleiter frei hinaus, um sie an dem

nächsten Dachhaken über der Türe anzuhängen. Den Werkleuten schien das

unmöglich. Der Sturm mußte die Leiter in die Lüfte reißen und -- nur zu

möglich war's, er riß den Mann mit. Es kam Apollonius zu statten, daß

der Wind die Leiter gegen die Dachfläche drückte. An Licht fehlte es

nicht, den Haken zu finden; aber der Schneestaub, der dazwischen

wirbelte und, vom Dache herabrollend, in seine Augen schlug, war

hinderlich. Dennoch fühlte er, die Leiter hing fest. Zeit war nicht zu

verlieren; er schwang sich hinaus. Er mußte sich mehr der Kraft und

Sicherheit seiner Hände und Arme anvertrauen, als dem sicheren Tritt

seiner Füße, als er hinaufklomm, denn der Sturm schaukelte die Leiter

samt dem Mann wie eine Glocke hin und her. Oben, seitwärts über der

ersten Sprosse der Leiter, hüpften bläuliche Flammen mit gelben Spitzen

unter der Lücke und leckten unter den Rändern der Schiefer hervor. Zwei

Fuß tief unter der Lücke hatte der Blitz hineingeschlagen. Vor einer

Stunde noch war er vor dem Gedanken der bloßen Möglichkeit erschrocken,

hierher könnte der Blitz schlagen und er müsse herauf -- eine Reihe

dunkler, tödlicher Fiebergebilde hatten sich daran geschlossen -- jetzt

war alles geschehen, wie er sich's vorhin nur gedacht; aber die Lücke

war ihm wie jede andere Stelle des Turmdachs, schwindellos stand er auf

der Leiter und nur ein frisches, tapferes Gefühl erfüllte ihn: der

Drang, von Kirche und Stadt die drohende Gefahr zu wenden. Ja, etwas,

was ihm die dunkle Furcht durch Sorge erhöht hatte, erwies sich nun

sogar als heilvoll und glücklich. Er erkannte, nur das Wasser, welches

die Lücke wochenlang geschluckt, und das nun im Holze gefroren, ließ die

Flamme nicht so schnell überhand nehmen, als ohne dies Hindernis

geschehen wäre. Der Raum, den der Brand bis jetzt einnahm, war ein

kleiner. Der Frost in der Verschalung warf die hartnäckig immer

wiederkehrenden hüpfenden Flämmchen lange zurück, ehe sie bleibend

einwurzeln und von dem Wurzelpunkte aus weiterfressen konnten. Hatten

sie sich einmal zu einer großen Flamme vereinigt und diese den durch

Frost gefeiten Raum unter der Lücke überschritten, dann mußte der Brand

bald riesig über die Turmspitze hinauswachsen, und die Kirche und

vielleicht die Stadt erlag der vereinten Gewalt von Feuer und Sturm. Er

sah, noch war zu retten; und er brauchte die Kraft, die ihm dieser

Gedanke gab. Die Leiter schaukelte nicht mehr bloß herüber und hinüber,

sie wuchtete zugleich auf und ab. Was war das? Wenn der Dachbalken

locker war, -- aber er wußte, das konnte nicht sein -- diese Bewegung

war unmöglich. Aber die Leiter hing ja gar nicht an dem Haken; er hatte

sie an ein hervorspringendes Eichenblatt der Blechverzierung angehängt,

nahe an einem der Befestigungspunkte; aber das andere Ende des

Girlandenstücks, an dem die Leiter hing, war das, was er zu befestigen

vergessen hatte. Sein Gewicht wuchtete an dem Stücke und zog es mit der

Leiter immer mehr herab und bog die Seite nach vorn, an die er die

Leiter gehängt. Noch einen Zoll tiefer, und das Blatt lag wagrecht und

die Leiter glitt von dem Blatte herab und mit ihm hinunter in die

ungeheure Tiefe. Jetzt mußte sich sein neugewonnener Lebensmut bewähren,

und er tat's. Sechs Zoll weit neben dem Blatte war der Haken. Noch drei

leichte Schritte die schwankende Leiter hinauf und er faßte mit der

linken Hand den Haken, hielt sich fest daran und hob die Leiter mit der

rechten von dem Blatte herüber an den Haken. Sie hing. Die Linke ließ

den Haken und faßte neben der rechten die Leitersprosse; die Füße

folgten; er stand wieder auf der Leiter. Und jetzt begannen schon die

Schiefer unter der Lücke zu glühen; nicht lang und sie rollten sich

schmelzend, und die brennenden Schlacken trugen das Verderben fliegend

weiter. Apollonius zog die Klaue aus dem Gürtel; wenig Stöße mit dem

Werkzeug, und die Schiefer fielen abgestreift in die Tiefe. Nun übersah

er deutlich den geringen Umfang der brennenden Fläche; seine Zuversicht

wuchs. Zwei Züge an dem Schlauch, und die Spritze begann zu wirken. Er

hielt das Rohr erst gegen die Lücke, um die Verschalung oberhalb des

Brandes noch geschickter zum Widerstande zu machen. Die Spritze bewies

sich kräftig; wo ihr Strahl unter den Rand der Schiefer sich einzwängte,

splitterten diese krachend von den Nägeln. Die Flammen des Brandes

knisterten und hüpften zornig unter dem herabfließenden Wasser; erst dem

unmittelbar gegen sie gerichteten Strahl gelang es, und auch diesem mehr

durch seine erstickende Gewalt als durch die Natur seines Stoffes, die

hartnäckigen zu bezwingen.

Die Brandfläche lag schwarz vor ihm, dem Strahl der Spritze antwortete

kein Zischen mehr. Da rasselte das Getriebe der Uhr tief unter ihm. Es

schlug Zwei. Zwei Schläge! Zwei! Und er stand und stürzte nicht! Wie

anders war es nun in der Wirklichkeit gekommen, als die fieberischen

Ahnungen gedroht! Wenn er oben war, da schlug es Zwei, da packte ihn der

Schwindel und riß ihn hinab, eine dunkle Schuld zu büßen. Das hatten ihm

seine schweren wachen Träume gezeigt. Und er stand doch wirklich oben,

und die Leiter schwankte im Sturme, Schneestaub umwirbelte ihn, Blitze

umzuckten ihn; mit jedem flammte die Schneedecke der Dächer, der Berge,

des Tals, die ganze Gegend in einer ungeheuren Flamme auf, und nun

schlug's Zwei unter ihm, die Glockentöne heulten, vom Sturme gezerrt

hinaus in den Aufruhr, und er stand, er stand schwindellos, er stürzte

nicht. Er wußte, keine Schuld lag auf ihm; er hatte seine Pflicht getan,

wo Tausende sie nicht getan hätten; er hatte die Stadt, an der er mit

ganzer Seele hing, er allein, von der furchtbarsten Gefahr befreit. Aber

aller Stolz dieses Gedankens war in dieser Seele nur ein Dankgebet. Er

dachte nicht an die Menschen, die ihn preisen würden, nur an die

Menschen, die nun wieder aufatmen durften, an das Elend, das verhütet,

an das Glück, welches erhalten war. Und er fühlte selbst nach Monden

wieder, was frei aufatmen heißt. Diese Nacht hatte ja auch ihm die Lust

wieder gebracht. Mit Freudigkeit erinnerte er sich jetzt wieder an das

Wort, das er sich gegeben. Menschen wie Apollonius ist's der höchste

Segen einer braven Tat, daß sie sich gestärkt fühlen zu neuem, bravem

Tun.

Die Menge unten schrie noch immer: Wo? Wo? und drängte sich

durcheinander, als der zweite Einschlag geschah. Alles stand einen

Augenblick von Schrecken gelähmt. »Gott sei Dank! es war wieder kalt!«

rief eine Stimme. »Nein! nein! dasmal brennt's! Erbarme sich Gott!«

entgegneten andere, scharfe Augen sahen, wenn zuweilen zwischen den

Blitzen Dunkel eintrat, die kleinen Flammen wie Lichterchen über die

Schiefer hüpfen. Sie suchten sich und lohten, wenn sie sich fanden,

zuckend in eine größere Flamme zusammen auf; dann flohen sie sich

tanzend und schlugen wieder zusammen. Der Sturm bog und dehnte sich hin

und her; zuweilen schienen sie zu verlöschen, dann züngelten sie noch

höher auf als vorhin. Sie wuchsen, das sah man, aber rasch war ihr

Wachstum nicht. Viel schneller und gewaltiger schwoll das neue Feuerjo

durch die ganze Stadt. In angstvoller Spannung bohrten sich alle Blicke

auf der kleinen Stelle fest. »Jetzt Hilfe, und es ist noch zu

verlöschen!« Und wieder klang angstvoll der Ruf: »Nettenmair! Wo ist

Nettenmair?« durch Sturm und Donner. Eine Stimme rief: »Er ist auf dem

Turm.« Alle Gemüter fühlten das wie eine Beruhigung. Und die meisten

kannten ihn nicht, selbst die meisten unter den Rufern. Und die ihn

nicht kannten, schrien am lautesten. In Augenblicken allgemeiner

Hilflosigkeit klammert sich die Menge an einen Namen, an ein bloßes

Wort. Ein Teil schiebt damit die Anforderungen des Gewissens zu eigenem

Mühen, zu eigenem Wagnis von sich; und diese sind's, die dem Helfer, hat

er nicht geholfen, dann unbarmherzig nachrechnen, was er getan und was

er nicht getan. Die andern sind froh, täuschen sie sich nur über den

nächsten Augenblick hinweg. »Was soll er?« rief einer. »Helfen! Retten!«

andere. »Und wenn er Flügel hätte, in dem Sturm wagt's keiner.« »Der

Nettenmair gewiß!« Im tiefsten Herzen wußten auch die vertrauendsten, er

wird's nicht wagen. Der Gedanke, daß die Flamme noch gelöscht werden

konnte, wenn sie nur zugänglich war, machte die allgemeine Empfindung

peinlicher, da er die stumpfe Ergebung hinderte, wozu die

unausweichliche Not mit milder Härte zwingt. Als die Ausfahrtür sich

öffnete und die herausgehaltene Leiter sichtbar wurde, als es schien, es

wagt es dennoch einer, wirkte das so erschreckend, als der Einschlag

selbst. Und die Leiter hing und schaukelte hoch oben mit dem Mann, der

daran hinaufklomm, von Schnee umwirbelt, von Blitzen umzuckt; die Leiter

hinauf, die wie aus einem Span geschnitten schien und wie eine Glocke

mit ihm schaukelte, in der entsetzlichen Höhe. Jeder Atem stockte. Aus

Hunderten der verschiedensten Gesichter starrte derselbe Ausdruck nach

dem Manne hinauf. Keiner glaubte an das Wagnis, und sie sahen den

Wagenden doch. Es war wie etwas, das ein Traum wäre und doch

Wirklichkeit zugleich. Keiner glaubte es, und doch stand jeder einzelne

selbst auf der Leiter, und unter ihm schaukelte der leichte Span im

Sturm und Blitz und Donner hoch zwischen Himmel und Erde. Und sie

standen doch auch wieder unten auf der festen Erde und sahen nur hinauf;

und doch, wenn der Mann stürzte, dann waren sie's, die stürzten. Die

Menschen unten auf der festen Erde hielten sich krampfhaft an ihren

eigenen Händen, an ihren Stöcken, ihren Kleidern an, um nicht

herabzustürzen von der entsetzlichen Höhe. So standen sie sicher und

hingen doch zugleich über dem Abgrunde des Todes, jahrelang, ein Leben

lang, denn die Vergangenheit war nicht gewesen; und doch war's nur ein

Augenblick, seit sie oben hingen. Sie vergaßen die Gefahr der Stadt,

ihre eigene über der Gefahr des Menschen da oben, die ja doch ihre

eigene war. Sie sahen, der Brand war getilgt, die Gefahr der Stadt

vorüber; sie wußten es wie in einem Traume, wo man weiß, man träumt; es

war ein bloßer Gedanke ohne lebendigen Inhalt. Erst als der Mann die

Leiter herabgeklommen, in der Ausfahrtür verschwunden war, und die

Leiter sich nachgezogen hatte, erst als sie nicht mehr oben hingen, als

sie sich nicht mehr an den eigenen Händen, Stöcken und Kleidern

festhalten mußten; da erst kämpfte die Bewunderung mit der Angst, da

erst erstickte der Jubel: »Zu, braver Junge!« in dem Angstruf: »Er ist

verloren!« Eine alterszitternde Stimme begann zu singen: »Nun danket

alle Gott!« Als der alte Mann an die Zeile kam: »der uns behütet hat,«

da erst stand alles vor ihrer Seele, was sie verlieren konnten und was

ihnen gerettet war. Die fremdesten Menschen fielen sich in die Arme,

einer umschlang in dem andern die Lieben, die er verlieren konnte, die

ihm gerettet waren. Alle stimmten ein in den Gesang und die Töne des

Dankes schwollen durch die ganze Stadt, über Straßen und Plätze, wo

Menschen standen, die gefürchtet hatten, und drangen in die Häuser

hinein bis in das innerste Gemach, und stiegen bis in die höchste

Bodenkammer hinauf. Der Kranke in seinem einsamen Bett, das Alter in dem

Stuhl, wohin es die Schwäche gebannt hielt, sang von ferne mit; Kinder

sangen mit, die das Lied nicht verstanden und die Gefahr, die abgewendet

war. Die ganze Stadt war eine einzige große Kirche und Sturm und Donner

die riesige Orgel darin. Und wieder erhob sich der Ruf: »Der Nettenmair!

Wo ist der Nettenmair? Wo ist der Helfer? Wo ist der Retter? Wo ist der

kühne Junge? Wo ist der brave Mann?« Sturm und Gewitter waren vergessen.

Alles stürzte durcheinander, den Gerufenen suchend; der Turm von Sankt

Georg wurde gestürmt. Den Suchenden kam der Zimmermann entgegen und

sagte, der Nettenmair habe sich einen Augenblick im Türmerstübchen zur

Ruhe gelegt. Nun drangen sie in den Zimmermann, er sei doch nicht

beschädigt? Seine Gesundheit habe doch nicht gelitten? Der Zimmermann

konnte nichts sagen, als daß Nettenmair mehr getan habe, als ein Mensch

im gewöhnlichen Lauf der Dinge zu tun imstande sei. Bei solchen

Gelegenheiten, wie die Rettung heute, sei der Mensch ein anderer;

hinternach erstaune er selber über die Kräfte, die er gehabt. Aber es

bezahle sich alles. Ihn -- den Zimmermeister -- solle es nicht wundern,

schliefe Nettenmair nach der gehabten Anstrengung drei Tage und drei

Nächte »in einem Ritt« hintereinander fort. Die Leute schienen bereit,

so lange auf den Treppen zu warten, um den Braven nur gleich nach seinem

Erwachen zu sehen. Unterdes hatte ein angesehener Mann auf dem nahen

Marktplatze eine Geldsammlung begonnen. Geld lohne freilich solch ein

Tun nicht, als der Brave heut bewiesen; aber man könne ihm wenigstens

zeigen, man wisse, was man ihm zu danken habe. In der Stimmung des

Augenblicks, die in jedem einzelnen wiederklang, liefen sogar anerkannte

Geizhälse hastig heim, ihren Beitrag zu holen, unbekümmert darum, daß

sie es eine Stunde später reuen würde. Wenige von den Wohlhabenderen

schlossen sich aus; die Ärmeren steuerten alle bei. Der Sammler

erstaunte selbst über den reichen Erfolg seiner Bemühungen.

Wohl eine halbe Stunde hatte Apollonius gelegen. Ehe er sich gelegt,

hatte er noch gesorgt, daß die Laternen vorsichtig ausgelöscht wurden.

Er hatte die Ausfahrtüre geschlossen und die Spritze leeren, die

Schläuche in die Türmerstube bringen lassen, damit der Frost keinen

Schaden daran bringen konnte. Er vermochte kaum mehr zu stehen. Der

Bauherr, der unterdes heraufgekommen war, hatte ihn dennoch halb mit

Gewalt in die Türmerstube hinunterbringen müssen. Dann hatte der Freund

die Türe von innen verriegelt, Apollonius genötigt, die gefrorenen

Kleider auszuziehen, und dann wie eine Mutter an seines Lieblings Bett

gesessen. Apollonius konnte nicht schlafen; der alte Mann litt aber

nicht, daß er sprach. Er hatte Rum und Zucker mitgebracht; an heißem

Wasser fehlte es nicht; Apollonius aber, der nie hitziges Getränk zu

sich nahm, wies den Grog dankend zurück. Der Geselle hatte unterdes

frische Kleider geholt. Apollonius versicherte, er finde sich wieder

vollkommen kräftig, aber er zögerte, aus dem Bette aufzustehen. Der Alte

gab ihm lachend die Kleider. Apollonius hatte sich vorhin unter der

Decke ausgezogen, und so zog er sich wieder an. Der Bauherr kehrte sich

ab von ihm und lachte durch das Fenster Sturm und Blitzen zu; er wußte

nicht, ob über Apollonius' Schamhaftigkeit, oder überhaupt aus Freude an

seinem Liebling. Er hatte oft bereut, daß er Junggeselle geblieben war;

jetzt freute es ihn fast. Er hatte ja doch einen Sohn, und einen so

braven, als ein Vater wünschen kann.

Auf dem Wege begann eine große Not für Apollonius. Er wurde von Arm in

Arm gerissen; selbst angesehene Frauen umfaßten und küßten ihn. Seine

Hände wurden so gedrückt und geschüttelt, daß er sie drei Tage lang

nicht mehr fühlte. Er verlor seine natürliche, edle Haltung nicht; die

verlegene Bescheidenheit dem begeisterten Danke, das Erröten dem

bewundernden Lobe gegenüber stand ihm so schön an, als sein mutig

entschlossenes Wesen in der Gefahr. Wer ihn nicht schon kannte,

verwunderte sich; man hatte sich ihn anders gedacht, braun, keckäugig,

verwegen, übersprudelnd von Kraftgefühl, wohl sogar wild. Aber man

gestand sich, sein Ansehen widersprach dennoch nicht seiner Tat. Das

mädchenhafte Erröten einer so hohen, männlichen Gestalt hatte seinen

eigenen Reiz, und die verlegene Bescheidenheit des ehrlichen Gesichts,

die nicht zu wissen schien, was er getan, gewann; die milde Besonnenheit

und einfache Ruhe stellte die Tat nur in ein schöneres Licht; man sah,

Eitelkeit und Ehrbegierde hatten keinen Teil daran gehabt.

* * * * *

Wir überspringen im Geiste drei Jahrzehnte, und kehren zu dem Manne

zurück, mit dem wir uns im Anfange unserer Erzählung beschäftigten. Wir

ließen ihn in der Laube seines Gärtchens. Die Glockentöne von Sankt

Georg riefen die Bewohner der Stadt zum Vormittagsgottesdienste; sie

klangen auch in das Gärtchen hinter dem Hause mit den grünen

Fensterladen herein. Dort sitzt er jeden Sonntag um diese Zeit. Rufen

die Glocken zum Nachmittagsgottesdienst, dann sieht man ihn, das

silberbeknopfte Rohr in der Hand, nach der Kirche steigen. Kein Mensch

begegnet ihm, der den alten Herrn nicht ehrerbietig grüßte. Nun sind es

bald dreißig Jahre her, aber es gibt noch Leute, die die Nacht miterlebt

haben, die denkwürdige Nacht, von der wir eben erzählten. Wer es noch

nicht weiß, dem können sie sagen, was der Mann mit dem silberbeknopften

Stocke für die Stadt getan in jener Nacht. Und was er den Morgen nachher

gestiftet, davon kann man Steine zeugen hören. Vor der Stadt am

Brambacher Wege, nicht weit vom Schützenhaus, erhebt sich aus

freundlichem Gärtchen ein stattlicher Bau. Es ist das neue

Bürgerhospital. Jeder Fremde, der das Haus besucht, erfährt, daß der

erste Gedanke dazu von Herrn Nettenmair kam. Er muß die ganze Geschichte

jener Nacht hören, die wackere Tat des Herrn Nettenmair, der dazumal

noch jung war; dann, wie man Geld für ihn gesammelt, und er die

bedeutende Summe an den Rat gegeben als Stamm zu dem Kapital, das der

Bau erforderte; wie sein Beispiel Frucht getragen, und reiche Bürger

mehr oder weniger dazu geschenkt und vermacht, bis endlich nach Jahren

ein Zuschuß aus der Stadtkasse Beginn und Vollendung des Baues

ermöglicht hatte.

War Herr Nettenmair aus der Kirche zurück, dann verbrachte er den Rest

des Sonntags auf seinem Stübchen -- denn da wohnt er noch immer -- oder

er machte einen Gang nach der nahen Schiefergrube, die jetzt ihm gehört

oder vielmehr seinem Neffen. Die Erfüllung des Wortes, das er sich

gegeben, war der Gedanke seines Lebens geblieben. Was er schaffte,

schaffte er für die Angehörigen seines Bruders; er sah sich nur als

ihren Verwalter an. Begegnete ihm auf seinem Wege ein zierliches,

kleines Mädchen, so dachte er an das tote Ännchen. Sein Gedächtnis war

so gewissenhaft als er selbst. Dann rief er das Kind zu sich,

streichelte ihm das Köpfchen, und es mußte wunderlich zugegangen sein,

fand sich in den Taschen des blauen Rockes nicht irgend etwas sorglich

in reines Papier Gewickeltes, das er herausnehmen konnte, sich von dem

kleinen Munde einen Dank zu verdienen. Aber das Kind konnte sich erst

freuen, wenn er vorübergegangen war. Bei aller Freundlichkeit hatte die

große Gestalt etwas so Ernstes und Feierliches, daß das Kind vor Respekt

nicht zur Freude kommen konnte. Die Woche über saß Herr Nettenmair über

seinen Büchern und Briefen oder beaufsichtigte im Schuppen das Ab- und

Aufladen, das Behauen und Sortieren der Schiefer. Punkt zwölf aß er zu

Mittag, punkt sechs zu Abend auf seinem Stübchen; dazu brauchte er eine

Viertelstunde, dann strich er mit leiser Hand über das alte Sofa und

bewegte sich drei andere Viertelstunden, war es Sommerszeit, im

Gärtchen. Mit dem ersten Viertelschlage von eins und sieben Uhr klinkte

er die Staketentür wieder hinter sich zu. Am Sonntag ist's anders; da

sitzt er eine ganze Stunde lang in der Laube und sieht nach dem

Turmdache von Sankt Georg hinauf. Uns bleibt wenig nachzuholen, und der

Leser kennt alles, was dann durch Herrn Nettenmairs Seele geht, was er

abliest vom Turmdache von Sankt Georg. Auch wem das bejahrte, aber immer

noch schöne Frauengesicht gehört, das zuweilen durch das Staket und das

Bohnengelände daran zu dem Sitzenden herüberlauscht, das weiß der Leser

nun. Die jetzt weiße Locke über der Stirn, die sich noch immer gern frei

macht, war noch dunkelbraun und voll, und hing auf eine faltenlose Stirn

herab, die Wangen darunter schwellte noch Jugendkraft, die Lippen

blühten noch und die blauen Augen glänzten, als sie dem Manne

entgegeneilte, der eben die Stadt gerettet. Er küßte sie leise auf die

Stirn und nannte sie mit dem Namen »Schwester«. Sie verstand, was er

meinte. Schon damals sah sie zu dem Manne hinauf, mit der Ergebung, ja

Andacht, mit der sie jetzt sein Sinnen belauscht, aber noch ein ander

Gefühl trat auf ihr durchsichtiges Antlitz.

Der alte Herr geriet in Zorn, als Apollonius ihm seinen Entschluß, nicht

zu heiraten, mitteilte. Er ließ dem Sohne die Wahl, die Ehre der Familie

zu bedenken oder nach Köln zurückzugehen. Apollonius' Herzen wurde es

schwerer, als seinem Verstande, den Vater zu überzeugen, daß nur er die

Familienehre aufrechtzuhalten vermöge und bleiben müsse. Er wußte, nur

seinem Entschlusse treu, blieb er der Mann, sein Wort zu halten. Das

konnte er dem Vater nicht sagen. Erfuhr dieser das wahre Verhältnis der

beiden jungen Leute, so drang er nur noch stärker auf die Heirat. Dann

hätte er ihm auch sagen müssen, wie sein Bruder den Tod gefunden. Er

hätte ihn nur tiefer beunruhigen müssen. Daß der Vater im Herzen

überzeugt war, der Bruder hatte durch Selbstmord geendigt, wußte er

nicht. Die beiden so nah verwandten Menschen verstanden sich nicht.

Apollonius setzte die innerliche Natur seines eigenen Ehrgefühls bei dem

Vater voraus, und der Alte sah in der Weigerung des Sohnes und dessen

Beweis, er könne der schwierigen Lage des Hauses gerecht werden, nur den

alten Trotz auf seine Unentbehrlichkeit, der es nun nicht einmal mehr

der Mühe wert hielt, zu verbergen: der Vater war in seinen Augen nichts

mehr als ein hilfloser, alter, blinder Mann. Und was diese

Mißverständnisse verursachte und begünstigte, das Zurückhalten, war eben

der Familienzug, den sie beide gemein hatten. Denselben Morgen hatte

eine Deputation des Rats Apollonius den Dank der Stadt gebracht; hatten

die angesehensten Leute der Stadt gewetteifert, ihm ihre Achtung und

Aufmerksamkeit zu beweisen. Ursache genug, eine ehrgeizige Seele zur

Überhebung zu reizen, Grund genug für den alten Herrn, dem Apollonius

als eine solche Seele galt, an dessen Überhebung zu glauben. Der alte

Herr mußte die Unentbehrlichkeit des Trotzenden anerkennen, und durfte

weder ein Recht noch eine Macht gegen ihn behaupten. Die Gemütsbewegung

und geistige Überanstrengung an dem Tag vor dem Tode seines älteren

Sohnes hatten seine letzte Kraft untergraben; nun brach sie vollends

zusammen. Von Tag zu Tag wurde er wunderlicher und empfindlicher. Er

verlangte von Apollonius keine Unterwerfung mehr; er fand eine

selbstquälerische Lust, in seiner diplomatischen Weise dem Sohne dessen

Unkindlichkeit vorzuwerfen, indem er beständig sein grimmiges Bedauern

aussprach, daß der tüchtige Sohn von einem alten herrschsüchtigen Vater,

der nichts mehr sei und nichts mehr könne, sich so viel gefallen lassen

müsse. Vergeblich war alles Bemühen des Sohnes, der Alte glaubte nicht

an die Aufrichtigkeit desselben. Dabei konnte er sich in seiner

Wunderlichkeit gleichwohl der Tüchtigkeit des Sohnes und der wachsenden

Ehre und des steigenden Wohlstandes seines Hauses freuen; wenn er sich

dies auch nicht merken ließ. Er erlebte noch den Ankauf der

Schiefergrube, die Apollonius seither in Pacht gehabt. Der Sohn ertrug

die Wunderlichkeiten des Vaters mit der liebend unermüdlichen Geduld,

womit er den Bruder ertragen hatte. Er lebte ja nur dem Gedanken, das

Wort, das er sich gegeben, so reich zu erfüllen, als er konnte; und in

diesem war ja auch der Vater mit eingeschlossen. Das Gedeihen seines

Werkes gab ihm Kraft, alle kleinen Kränkungen mit Heiterkeit zu

ertragen.

Den Tag nach der Gewitternacht hatte er dem alten Bauherrn seine ganze

innere Geschichte mitgeteilt. Der alte Bauherr, der bis zu seinem Tode

mit ganzer Seele an ihm hing, blieb sein einziger Umgang, wie er der

einzige war, dem sich Apollonius, ohne seiner Natur ungetreu werden zu

müssen, enger anschließen konnte.

Einige Tage nach der Nacht mußte sich Apollonius zu Bette legen. Ein

heftiges Fieber hatte ihn ergriffen. Der Arzt erklärte die Krankheit

erst für eine sehr bedenkliche, aber in ihr kämpfte nur der Körper den

Kampf gegen das allgemeine Leiden sieghaft aus, das geistig in dem

Entschlusse jener Nacht seinen rettenden Abschluß gefunden. Die

Teilnahme der Stadt an dem kranken Apollonius gab sich auf mannigfache

Weise rührend kund. Der alte Bauherr und Valentin waren seine Pfleger.

Diejenige, welche Natur durch Liebe und Dankespflicht zur sorglichsten

Pflegerin des Kranken bestimmt hatte, rief Apollonius nicht an sein

Bett, und sie wagte nicht, ungerufen zu kommen. Die ganze Dauer der

Krankheit hindurch hatte sie ihr Lager auf der engen Emporlaube

aufgeschlagen, um dem Kranken so nah zu sein als möglich. Wenn der

Kranke schlief, winkte ihr der alte Bauherr, hereinzutreten. Dann stand

sie mit gefalteten Händen, jeden Atemzug des Schlafenden mit Sorge und

Hoffnung begleitend, an dem Bettschirm. Unwillkürlich nahm ihr leiser

Atem den Schritt des seinen an. Sie stand stundenlang und sah durch

einen Riß im Bettschirm zu dem Kranken hin. Er wußte nichts von ihrer

Anwesenheit, und doch konnte der Bauherr bemerken, wie leichter sein

Schlaf, wie lächelnder sein Gesicht dann war. Keine Flasche, aus der der

Kranke einnehmen sollte, die er nicht, ohne es zu wissen, aus ihrer Hand

bekam; kein Pflaster, kein Überschlag, den nicht sie bereitet; kein Tuch

berührte den Kranken, das sie nicht an ihrer Brust, an ihrem küssenden

Munde erwärmt. Wenn er dann mit dem Bauherrn von ihr sprach, sah sie, er

war mehr um sie besorgt als um sich; wenn er freundlich tröstende Grüße

an sie auftrug, zitterte sie hinter dem Bettschirm vor Freude. Wenige

Stunden ruhte sie, und wehte der kalte Winternachtwind durch die locker

schließenden Laden die kalten Flocken in ihr warmes Gesicht, berührte

ihr eigener Hauch, auf der Decke gefroren, ihr eisig Hals, Kinn und

Busen, dann war sie glücklich, etwas um ihn zu leiden, der alles um sie

litt. In diesen Nächten bezwang die heilige Liebe die irdische in ihr;

aus dem Schmerz der getäuschten süßen Wünsche, die ihn besitzen wollten,

stieg sein Bild wieder in die unnahbare Glorie hinauf, in der sie ihn

sonst gesehen.

* * * * *

Apollonius genas rasch. Und nun begann das eigene Zusammenleben der

beiden Menschen. Sie sahen sich wenig. Er blieb in seinem Stübchen

wohnen, Valentin brachte ihm das Essen, wie sonst, dahin. Die Kinder

waren oft bei ihm. Begegneten sich die beiden, begrüßte er sie mit

freundlicher Zurückhaltung; damit entgegnete sie den Gruß. Hatten sie

etwas zu besprechen, so machte es sich jederzeit wie zufällig, daß die

Kinder und der alte Valentin oder das Hausmädchen zugegen war. Kein Tag

verging deshalb ohne stumme Zeichen achtender Aufmerksamkeit. Kam er am

Sonntag vom Gärtchen heim, so hatte er einen Strauß Blumen für sie, den

Valentin abgeben mußte. Er konnte gute Partien machen; es meldeten sich

stattliche Bewerber um sie. Er wies die Anträge, sie die Freier zurück.

So vergingen Tage, Wochen, Monde, Jahre, Jahrzehnte. Der alte Herr starb

und wurde hinausgetragen. Der brave Bauherr folgte ihm, dem Bauherr der

alte Valentin. Dafür wuchsen die Kinder zu Jünglingen auf. Die wilde

Locke über der Stirn der Witwe, die Schraube über Apollonius' Stirn

bleichten; die Kinder waren Männer geworden, stark und mild, wie ihr

Erzieher und Lehrherr; Locke und Schraube waren weiß; das Leben der

beiden Menschen blieb dasselbe.

Nun weiß der Leser die ganze Vergangenheit, die der alte Herr, wenn die

Glocken Sonntags zum Vormittagsgottesdienste rufen, in seiner Laube

sitzend, vom Turmdach von Sankt Georg abliest. Heute sieht er mehr

vorwärts in die Zukunft als in die Vergangenheit zurück. Denn der ältere

Neffe wird bald Anna Wohligs Tochter zum Altar von Sankt Georg und dann

heimführen; aber nicht in das Haus mit den grünen Fensterladen, sondern

in das große Haus daneben. Das rosige ist für das gewachsene Geschäft zu

klein geworden, auch hat der neue Haushalt nicht Platz darin; Herr

Nettenmair hat das große Haus über dem Gäßchen drüben gekauft. Der

jüngere Neffe geht nach Köln. Der alte Vetter dort, dem Apollonius so

viel dankt, ist lange tot, auch der Sohn des Vetters ist gestorben.

Dieser hat das große Geschäft seinem einzigen Kinde hinterlassen, der

Braut des jüngsten Sohnes von Fritz Nettenmair. Beide Paare werden

zusammen in Sankt Georg getraut. Dann wohnen die beiden Alten allein in

dem Hause mit den grünen Fensterladen. Der alte Herr hat schon lange das

Geschäft übergeben wollen; die Jungen haben es bis jetzt abzulehnen

gewußt. Der ältere Neffe besteht darauf, der alte Herr soll an der

Spitze bleiben. Der alte Herr will nicht. Er hat einen Teil der

Verlassenschaft des alten Bauherrn, den er beerbt, für den Rest seines

Lebens zurückbehalten; alles andere -- und es ist nicht wenig, Herr

Nettenmair gilt für einen reichen Mann -- übergibt er den Neffen; das

Zurückbehaltene fällt nach seinem Tode an das neue Bürgerhospital. Er

hat sein Wort wahr gemacht; der Deckhammer über seinem Sarge wird

ehrenblank sein, wie über wenigen.

Die junge Braut wehrt sich, alles anzunehmen, was die künftige

Schwiegermutter ihr geben will. Wenn diese alles gibt, eins wird sie

behalten; das Eine ist ein Blechkapsel mit einer dürren Blume; sie liegt

bei Bibel und Gesangbuch und ist ihrer Besitzerin so heilig als diese.

Die Glocken rufen noch immer. Die Rosen an den hochstämmigen Bäumchen

duften, ein Grasmückchen sitzt auf dem Busche unter dem alten Birnbaum

und singt; ein heimliches Regen zieht durch das ganze Gärtchen, und

selbst der starkstielige Buchsbaum um die gezirkelten Beete bewegt seine

dunklen Blätter. Der alte Herr sieht sinnend nach dem Turmdach von Sankt

Georg; das schöne Matronengesicht lauscht durch das Bohnengelände nach

ihm hin. Die Glocken rufen es, das Grasmückchen singt es, die Rosen

duften es, das leise Regen durch das Gärtchen flüstert es, die schönen

greisen Gesichter sagen es, auf dem Turmdach von Sankt Georg kannst du

es lesen: Vom Glück und Unglück reden die Menschen, das der Himmel ihnen

bringe! Was die Menschen Glück und Unglück nennen, ist nur der rohe

Stoff dazu; am Menschen liegt's, wozu er ihn formt. Nicht der Himmel

bringt das Glück; der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen

Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, daß er

in den Himmel, sondern daß der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in

sich selber trägt, der sucht vergebens im ganzen All. Laß dich vom

Verstande leiten, aber verletze nicht die heilige Schranke des Gefühls.

Kehre dich nicht tadelnd von der Welt, wie sie ist; suche ihr gerecht zu

werden, dann wirst du dir gerecht. Und in diesem Sinne sei dein Wandel:

Zwischen Himmel und Erde!

Typographmaschinensatz der Deutschen Buch- und Kunstdruckerei,

G. m. b. H., Zossen-Berlin SW. 11.

Zwischen Himmel und Erde · 第 9 / 10 题