Das Kind sagt: du hast ihm was getan; die Anne sagt: du hassest ihn, du

lässest ihn nicht froh werden. Und sein traurig Nachblicken -- bald

ertappte sie ihn selbst unbemerkt dabei -- sagt dasselbe. Wie ein Blitz

und mit freudigem Lichte zuckte es dazwischen, er sah der Anne nicht

traurig nach und auch nicht freudig, nein! gleichgültig, wie jedem

andern sonst. Ihr wird gesagt: du hassest ihn; du hast ihn beleidigt und

du willst ihn kränken, und sie hat geglaubt, er hasse sie, er will sie

kränken. Und hat er sie nicht gekränkt? Sie blickt in lang vergangene

Zeit zurück, wo er sie beleidigte. Sie hat ihm schon lang nicht mehr

darum gezürnt, sie hat nur neue Beleidigung gefürchtet. Kann sie jetzt

noch darum zürnen, wo er ein so andrer ist; wo sie selbst weiß, er

beleidigt sie nicht; wo die Leute sagen und sein trauriger Blick: sie

beleidige ihn? Und wie sie zurücksinnt, eifrig, so eifrig, daß die Musik

wieder um sie klingt, und sie wieder unter den Gespielinnen sitzt, im

weißen Kleid mit den Rosaschleifen, im Schießhaus auf der Bank den

Fenstern entlang, und wieder aufsteht, von dem dunklen Drang getrieben,

und durch die Tanzenden hindurch träumend nach der Türe geht -- da

draußen; ist das nicht dasselbe Gesicht, das ihr jetzt nachsieht, wenn

sie geht, so ehrlich, so mild in seiner Wehmut? ist es nicht dasselbe

eigene Mitleid, das jetzt auf Schritt und Tritt mit ihr geht, und sie

nicht läßt, wie damals? Dann wich sie ihm aus, und sah ihn nicht mehr

an, denn er war falsch. Falsch! Ist er es wieder? Ist er es noch?

Eine Nachtigall schlug in dem alten Birnbaume über ihr, so wunderbar und

wie gewalttätig innig und tief. Vom Georgenturm bliesen vier Posaunen

den Abendchoral. Über ihnen, und wie von ihren schwellenden Tönen

getragen fuhr Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendrot

vergoldete die Fäden, in denen es hing. Wohin sie sah, glänzten die

treuen, trauernden Augen, die ihm gehörten, mit denen er ihr nachsah,

wenn sie ging. Das kleine Mädchen sah mit ihnen auf zu ihr, und erzählte

vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzählte sie von damals? Es war

keine Zeit mehr, sonst und jetzt war eins. Die letzte Ähnlichkeit mit

Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre Seele

schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein

Rätsel mit süßer Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich

ein Rätsel. Ihrem Gatten war sie es nicht.

* * * * *

Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein möge, was

Apollonius ihm morgen sagen wolle; »morgen; weil ich heute nicht gelaunt

bin? Gelaunt? Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen.

Hätt' ich's nicht, wär' er plump herausgegangen; nun hab' ich ihn

gewarnt und vorsichtig gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem

falschen Spieler; ich muß verlieren. Gut; ich will morgen »gelaunt«

sein, ich will tun, als wär' ich blind und taub! als säh' ich nicht, was

er will, und wär's noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf meine

Rockklappen, damit er was zu bürsten hat. Ich kann's nicht leiden, wenn

mir so einer ins Gesicht sieht, solch ein Heuchler!«

So vorbereitet und entschlossen, den Lister zu überlisten, gält es auch

die schwerste Probe von Selbstbeherrschung, fand Apollonius den Bruder

am folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschluß

gefaßt. Er wollte sich von keiner Laune des Bruders mehr irren lassen;

es kam ja eben darauf an, allen diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden.

Fritz bot ihm den unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu

Gebote stand.

»Wenn du mich ruhig und brüderlich anhören willst,« sagte Apollonius,

»so hoff' ich, dieser Morgen soll der beste sein für dich und mich und

uns alle.«

»Und uns alle,« wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklärung der

drei Worte nichts in seinen Ton. »Ich weiß, daß du immer an uns alle

denkst; darum rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach's auch so.«

Apollonius ließ die beabsichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und

vorsichtig sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder

sein, hätte ihm Falschheit geschienen. Selbst, hätte er die Falschheit

des Bruders gekannt, er wäre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen

Waffen gekommen. Er hätte sich seine Erfahrung als Täuschung ausgeredet.

»Ich glaube, Fritz,« begann er herzlich, »wir hätten anders

gegeneinander sein sollen, als wir seither gewesen sind.« Er nahm aus

Gutmütigkeit die halbe Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken

die ganze zu, und wollte jovial das Gegenteil versichern, als Apollonius

fortfuhr: »Es war nicht zwischen uns, wie sonst, und wie es sein sollte.

Die Ursache davon ist, soviel ich weiß, nur der Widerwille deiner Frau

gegen mich. Oder weißt du noch eine andere?«

»Ich weiß keine,« sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er

dachte an Apollonius' Heimkunft gegen seinen Rat, an den Ball, an die

Beratung auf dem Kirchenboden, an seine Verdrängung von der Reparatur,

an den ganzen Plan des Bruders, an das, was davon ausgeführt, an das,

was noch auszuführen war. Er dachte daran, daß Apollonius eben an dem

letzteren arbeite, und wieviel darauf ankomme, seine nächste Absicht zu

erraten und zu vereiteln.

Apollonius sprach indes fort und hatte keine Ahnung von dem, was in dem

Bruder vorging. »Ich weiß nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen

mich kommt. Ich weiß nur, daß er von nichts kommen kann, was ich mit

Absicht getan hätte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund

sagen? Ich will sie nicht anklagen; es ist möglich, daß ich etwas an mir

habe, das ihr mißfällt. Und dann ist's gewiß nichts, was zu loben oder

nur zu schonen wäre. Und ich will dann ebenso gewiß der letzte sein, es

zu schonen, weiß ich nur, was es ist. Weißt du's, so bitte, sag' es mir.

Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen, und täte dir's auch

noch so weh. Weißt du's und sagst mir's nicht, so ist's nur darum. Aber

du kränkst mich nicht damit, gewiß nicht, Fritz.« --

Fritz Nettenmair tat, was Apollonius eben getan; er maß den Bruder in

seinen Gedanken nach sich. Das Ergebnis mußte zu Apollonius' Nachteil

ausfallen. Apollonius nahm sein gedankenvolles Schweigen für eine

Antwort.

»Weißt du's nicht,« fuhr er fort, »so laß uns zusammen zu ihr gehen, und

sie fragen. Ich muß wissen, was ich tun soll. Das Leben seither darf

nicht so fortgehen. Was würde der Vater sagen, wenn er's wüßte! Mir

ist's Tag und Nacht ein Vorwurf, daß er es nicht weiß. Es ist für uns

alle besser, Fritz. Komm, laß es uns nicht verschieben.«

Fritz Nettenmair hörte nur die Zumutung des Bruders. Er sollte ihn zu

ihr führen! Er sollte ihn _jetzt_ zu ihr führen! Wußte Apollonius schon

von ihrem Zustand, und wollte ihn benutzen? Es bedurfte der Frage nicht;

wenn sie sich jetzt nur sahen, mußten sie sich verstehen. Dann war es

da, was zu verhindern er seit Wochen sich keine Stunde lang Ruhe

gegönnt. Dann war es da, wovon er wußte, es mußte kommen, und doch

Verzweiflungsanstrengungen machte, ihm das Kommen zu wehren. Sie durften

jetzt nicht einander gegenüberstehen; sie durften sich jetzt nicht

sehen, bis er eine Scheidemauer zwischen sie gebaut. Woraus? Darauf zu

sinnen war jetzt nicht Muße. Einen Vorwand mußte er haben, den Gang zu

ihr zu verhindern; Zeit, den Vorwand zu finden. Und nur um Zeit zu

gewinnen, lachte er:

»Freilich! jovial fragen. Wer fragt, wird berichtet. Aber wie fällt dir

das eben jetzt ein? Eben jetzt?« Ein Gedanke, der ihn überwältigend traf

wie ein Blitz wurde ohne seine Wahl zu dieser Frage.

Apollonius war schon an der Tür. Er wandte sich zurück zum Bruder und

antwortete mit einer Freude, die diesem eine teuflische schien, weil er

ihm nicht in das ehrliche Gesicht sah. Dafür würde Apollonius in des

Bruders Antlitz ein Etwas von Teufelsangst ertappt haben, hätte dieser

es ihm zugewandt. Und vielleicht dennoch nicht. Er würde den Bruder

vielleicht für krank gehalten haben, so ohne die mindeste Ahnung von

dem, was den Bruder dabei ängsten könne, als er war. Ja, was ihn freute,

mußte ja auch den Bruder freuen.

»Früher,« entgegnete Apollonius, »mußt' ich fürchten, sie noch mehr zu

erzürnen. Und das würde dir noch weniger lieb gewesen sein als mir.«

Der Bruder lachte und bejahte in seiner jovialen Weise mit Kopf und

Schultern, um nur etwas zu tun. Und sein: »Und jetzt?« schien nun vom

Lachen halb erstickt, nicht von etwas anderem.

»Deine Frau ist anders seit einiger Zeit,« fuhr Apollonius vertraulich

fort. --

»Sie ist,« -- antwortete Fritz Nettenmair's Zusammenzucken wider seinen

Willen, und wollte sagen, wofür er sie hielt. Es war ein arges Wort.

Aber würde er selbst, der sie dazu gemacht, es ihm sagen? Nein, es ist

noch nicht da, was er fürchtet. Und wenn es kommen muß; er kann es noch

verzögern. Er hält mit Gewalt seiner Erregung den Mund zu. Er fragte

gern: »Und woher weißt du, daß sie -- anders ist?« wüßte er nicht, seine

Stimme wird zittern und ihn verraten. Er muß ja wissen, wer es dem

Bruder verraten hat. Hat er sie schon gesprochen? Hat er es ihr von fern

aus den Augen gelesen? Oder ist ein Drittes im Spiel? ein Feind, den er

schon haßt, ehe er weiß, ob er vorhanden ist.

Apollonius scheint ein Etwas von des Bruders unglückseliger Lesegabe

angeflogen. Der Bruder fragt nicht; sein Gesicht ist abgewandt; er kramt

tief im Schranke und sucht wie ein Verzweifelnder und kann nicht finden;

und doch antwortet ihm Apollonius.

»Dein Ännchen hat mir's gesagt,« entgegnet er und lacht, indem er an das

Kind denkt. »Onkel,« sagte das närrische Kind, »die Mutter ist nicht

mehr so bös auf dich; geh' nur zu ihr und sprich: ich will's nicht mehr

tun; dann ist sie gut und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den

Gedanken gebracht. Es ist wunderbar, wie's manchmal ist, als redete ein

Engel aus den Kindern. Dein Ännchen kann uns allen ein Engel gewesen

sein.«

Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer über das Kind, daß sich Apollonius

Lachen wieder an dem seinigen anzündete. Aber er wußte, es war ein

Teufel, der aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen

und konnte es noch mehr werden. Und doch mußte er noch über das Kind

lachen, über das joviale Kind mit seinem »verfluchten« Einfall. So sehr

mußte er lachen, daß es gar nicht auffiel, wie zerstückt und krampfhaft

klang, was er entgegnete. »Morgen meinetwegen oder heute nachmittag

noch; jetzt hab' ich unmöglich Zeit. Jetzt begleit' ich dich nach Sankt

Georg. Ich hab' einen nötigen Gang. Morgen! Über das verwünschte Kind!«

Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende »verwünscht«

gemeint war. Er sagte, selbst noch über das Kind lachend: »Gut. So

fragen wir morgen. Und dann wird alles anders werden. Ich freue mich wie

das Kind, und du dich gewiß auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben

werden als seither.« Der gute Apollonius freute sich so herzlich über

des Bruders Freude! Noch als er bereits wieder auf seinem Fahrzeuge um

das Kirchendach flog.

Ebenso rastlos umschwankte seines Bruders Furcht das dunkle Etwas, das

über ihm schwankte und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hämmerte

sein Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein

Gedankenschiff hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels

Licht bewahrt; es taumelte tiefer und immer tiefer, zwischen Erd' und

Hölle, und die Hölle zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut.

* * * * *

Ännchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube saß. Sie

sah wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf und erzählte ihr von ihm. Und

kam sie nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit

unbewußter Kunst sie wieder zu ihm zurück. Dann rauschte es einen

Augenblick in den Blättern der Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der

Wind oder hörte es gar nicht; vielleicht, weil es nicht von Apollonius

sprach. Hätte sie hingesehen, sie wäre entsetzt aufgesprungen von der

Bank. Was die Blätter rauschen machte, war das stürmische Erzittern

einer geballten Faust. Darüber stand ein rotes Gesicht, verzerrt von der

Anstrengung die die gehobene Faust zurückhielt, sonst hätte sie das

lächelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine

Kupplerin war. Das lächelnde, vatermörderische Gesicht! Das Kind hat ein

blaues Kleidchen an; blau ist die Lieblingsfarbe Apollonius'. Sein Kind

trägt seines Todfeindes Livree. Und die Mutter -- o, Fritz Nettenmair

kann sich noch auf die Zeit besinnen, wo sie täglich so gekleidet ging

wie heute. Und fürchtet sie das nicht? Glaubt sie, was damals

vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu fürchten? Ein Recht, in

Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das alles reißt an der

gehobenen Faust.

Jetzt sagt die Mutter vor sich hin und hat das Mädchen vergessen: »Der

arme Apollonius!« -- Was hält die Faust zurück? -- »Ich muß Fritz sagen,

wie er mich dauert. Er ist gut. Nicht, Ännchen?« Ännchen singt und hört

auf die Frage nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. »Fritz ist zornig

auf ihn, weil er mich einmal gekränkt hat. Ich hab's lang vergessen. Er

ist anders, und Fritz tut ihm unrecht, wenn er meint, er ist noch immer

so. Und vielleicht ist er nie so gewesen, und die Menschen haben Fritz

belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn, damit er froh wird. Ich kann's

nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will's ihm sagen, dem

Fritz.« So schließt die junge Frau ihr Selbstgespräch; ihr ganzes süß

vertrauliches Mädchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair

begreift, das Tun, zu dem der Zorn ihn hinreißen will, zu erschaffen,

was noch nicht ist, muß beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm

geworden, entsetzlich arm. Die Zukunft ist nicht mehr sein; er darf

nicht auf Tage hinaus rechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu

Augenblick; er muß festhalten, was zwischen dem Gegenwärtigen ist und

dem Nächstkommenden. Und dazwischen ist nichts, als Qual und Kampf.

Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er alles tat, wie er selbst war,

oberflächlich -- und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft.

Die Furcht vor dem Verlust hat ihn ein ander Leben gelehrt. Das Leben

lehrte ihn wiederum ein ander Fürchten. Hätte er sie früher so geliebt,

wie jetzt, ihre tiefste Seele hätte sich ihm vielleicht geöffnet, sie

hätte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind

nebeneinander gegangen, ihre Seelen wußten nichts von einander. Dem

Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mädchen geblieben. Er

hat die tieferen Bedürfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte sie

nicht; er hätte sie nicht befriedigen können. Er erkennt sie erst, wie

sie sich einem Fremden zuwenden. Er fühlt erst, was er besaß, ohne es zu

haben, nun es einem andern gehört. Mit welcher Empfindung sieht er die

Knospe ihres Angesichts sich entfalten, die er schon für die Blume

hielt! Welch nie geahnter Himmel öffnet sich da, wo er sonst Genüge

hatte, sein eigen Spiegelbild zu finden. Und wie viel er sah; all den

Reichtum an hingebendem Vertrauen, an Opferfähigkeit, an verehrendem

Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen, der in der Morgenröte dieses

reinen Angesichts aufging, war sein Auge, auch krankhaft weit geöffnet,

noch zu eng. Sein Schmerz übermannte einen Augenblick seinen Haß. Er

mußte sich fortschleichen, um das Geständnis seiner Schuld vor dem

Antlitz zu flüchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher fürchtete,

so sanft es war.

Gegen Abend wurde die junge Frau plötzlich von zwei Männerstimmen aus

ihren Tränen geweckt. Sie saß unfern der verschlossenen Schuppentür im

Grase. Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen

getreten. Sie hörte, er zog den Bruder mit Wohlig's Anne auf. Anne sei

die beste Partie in der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der

die Welt kenne und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt. Die Anne

nähe schon an ihrer Aussteuer, und ihre Basen trügen die Heirat mit

Apollonius von Haus zu Hause. Die junge Frau hörte ihn fragen, wann die

Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie vergaß es; sie vergaß

das Atmen. Und darauf hätte sie fast laut aufgejubelt: Apollonius sagte,

er heirate gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine.

Der Bruder lachte. »Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der

Anne getanzt und sie heimgeleitet?«

»Mit deiner Frau hätt' ich getanzt,« entgegnete Apollonius. »Du warntest

mich, deine Frau würde mir einen Korb geben, weil sie so unwillig auf

mich war. Ich wollte nun gar nicht tanzen. Du brachtest mir die Anne,

und wie du gingst, fragtest du sie, ob ich sie heimbegleiten dürfte. Da

konnt' ich nicht anders. Ich habe nie daran gedacht, die Anne --«

»Zu heiraten?« lachte der Bruder. »Nun, sie ist auch zum -- Spaße hübsch

genug und der Mühe wert, sie vernarrt in dich zu machen.«

»Fritz!« rief Apollonius unwillig. »Aber es ist nicht dein Ernst,«

besänftigte er sich selbst. »Ich weiß, du kennst mich besser; aber auch

im Scherz soll man einem braven Mädchen nicht zu nahe treten.«

»Pah,« sagte der Bruder, »wenn sie es selbst tut. Was kommt sie uns ins

Haus und wirft sich dir an den Kopf?«

»Das hat sie nicht,« entgegnete Apollonius warm. »Sie ist brav und hat

sich nichts Unrechtes dabei gedacht.«

»Ja, sonst hättest du sie zurechtgewiesen,« lachte Fritz, und es lag

Hohn in seiner Stimme.

»Wußt ich,« sagte Apollonius, »was sie dachte? Du hast sie mit mir

aufgezogen und mich mit ihr. Ich habe nichts getan, was solche Gedanken

in ihr erwecken konnte. Ich hätt's für eine Sünde gehalten.«

Die Männer gingen ihren Weg wieder zurück. Christianen fiel es nicht

ein, sie hätten auch auf den Gang kommen können, wo sie stand. Was von

Offenheit und Wahrheit in ihr lag, war gegen ihren Gatten empört. Nicht

die Leute hatten ihn belogen; er war selber falsch. Er hatte sie belogen

und Apollonius belogen, und sie hatte irrend Apollonius gekränkt.

Apollonius, der so brav war, daß er nicht über die Anne spotten hören

konnte, hatte auch ihrer nie gespottet. Alles war Lüge gewesen von

Anfang an. Ihr Gatte verfolgte Apollonius, weil er falsch war und

Apollonius brav. Ihr innerstes Herz wandte sich von dem Verfolger ab,

und dem Verfolgten zu. Aus dem Aufruhr all ihrer Gefühle stieg ein

neues, heiliges siegend auf, und sie gab sich ihm in der vollen

Unbefangenheit und Unschuld hin. Sie kannte es nicht. Daß sie es nie

kennen lernte! Sobald sie es kennen lernt, wird es Sünde. -- Und schon

rauschen die Füße durch das Gras, auf denen die unselige Erkenntnis

naht.

Fritz Nettenmair mußte seine neue Scheidemauer aufbauen, ehe er den

Bruder zu seinem Weibe führte. Deshalb kam er. Sein Gang war ungleich;

er wählte noch und konnte sich nicht entscheiden. Er wurde noch

ungewisser, als er vor ihr stand. Er las, was sie fühlte, von ihrem

Antlitz; es war zu ehrlich, um etwas zu verschweigen; es kannte zu

wenig, wovon es sprach, um zu denken, es müßte dies verbergen. Er

fühlte, mit den alten Verleumdungen werde er nichts mehr bei ihr

vermögen. Er konnte sie über ihre Gefühle aufklären, sie dann bei ihrer

Ehre, bei ihrem weiblichen Stolze fassen. Er konnte sie zwingen -- wozu?

Zur Verstellung? Zum Leugnen? Zur Verheimlichung, wenn sie -- einmal

wußte, was sie wollte? Würde sie nicht zu sich sagen: den Betrüger

betrügen, das Gestohlene heimlich wieder nehmen, ist kein Betrug, kein

Diebstahl? Das war es! Das Bewußtsein seiner Schuld verfälscht ihm die

Dinge, die Menschen. Er kannte das starke Ehrgefühl seiner Frau, wie die

bis zum Eigensinn feste Rechtlichkeit des Bruders, und er hätte beiden

in allem getraut; nur in dem einen traute er ihnen nicht, wo er das

Gefühl hatte, er habe es verdient, von ihnen betrogen zu sein.

So zog er doch den Weg vor, den er bis jetzt gegangen. Er machte einen

kleinen Umweg über des »Federchensuchers Narrheiten«. Er wußte, kleine

Lächerlichkeiten sind geschickter, eine werdende Neigung zu vernüchtern,

als große Fehler. Er agierte Apollonius, wie er den Weg, den er mit

einem Lichte gemacht, noch einmal zurückging, aus Sorge, er könnte einen

Funken verloren haben; wie es ihn bei Nacht nicht ruhen ließ, wenn ihm

einfiel, er hatte bei einer Arbeit seinen gewöhnlichen Eigensinn

vergessen, oder ein Arbeiter hatte das strenge Wort nicht verdient, das

er, vom Drang der Geschäfte erhitzt, gegeben; wie er aus dem Bette

aufgesprungen, um ein Lineal, das er im schiefen Winkel mit der

Tischkante liegen lassen, in den rechten zu rücken. Dabei strich und

blies Fritz Nettenmair sich eingebildete Federchen von den Ärmeln. Er

sah wohl, seine Mühe hatte den verkehrten Erfolg. Gereizt dadurch griff

er zu stärkeren Mitteln. Er bedauerte die arme Anne, die Apollonius

durch Scheinheiligkeit in sich vernarrt gemacht; und erzählte, auf wie

gemeine Weise er sie öffentlich verspotte.

Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Rot aufgestiegen. Offene,

naive Naturen haben einen tiefen Haß gegen alle Falschheit, vielleicht,

weil sie instinktmäßig fühlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde

stehen. Sie zitterte vor Erregung, als sie aufstand und sagte: »Du

könntest das tun, du; er nicht.«

Fritz Nettenmair schrak zusammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll

Verachtung vor ihm stand, war etwas, was ihn entwaffnete. Es war die

Gewalt der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Sünder gegenüber. Er

raffte sich mit Anstrengung zusammen. »Hat er dir das gesagt? Seid ihr

schon so weit?« preßte er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehen; er

hielt sie auf. Sie wollte sich losreißen.

»Alles hast du gelogen,« sagte sie, »ihn hast du belogen, mich hast du

belogen. Ich habe gehört, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.«

Fritz Nettenmair atmete auf. So wußte sie nicht alles. »Mußt ich's

nicht?« fragte er, indem sein Auge sich der Reinheit des ihren gegenüber

kaum aufrechthielt. »Mußt' ich nicht, um deine Schande zu verhindern?

Soll der Federchensucher dich verachten?« Noch drückte ihr Blick den

seinen nieder. »Weißt du, was du bist? Frag' ihn doch, was eine Frau

ist, die Ehre und Pflicht vergißt? An wen denkst du mit Gedanken, wie du

nur an deinen Mann denken solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne

umherschleichst, wo du meinst, ihn zu sehen. Und meinst, die Menschen

sind blind. Frag' ihn doch, wie er so eine nennt? O, die Leute haben

schöne Namen für so eine.«

Er sah, wie sie erschrak. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie

begann ihn zu verstehen, sie begann sich selbst zu verstehen. Er hatte

ihren Trotz gefürchtet und sah, sie brach zusammen; das Zornesrot

erblich auf ihrer Wange und Schamröte schlug wild über die bleiche hin.

Er sah, wie ihr Auge den Boden suchte, als fühlte es die Blicke aller

Menschen auf sich gerichtet, als hätte der Schuppen, der Zaun, die Bäume

Augen, und alle bohrten sich in das ihre. Er sah, wie sie in der Jäheit

der Erkenntnis sich selbst so eine nannte, für die die Leute die schönen

Namen haben.

Der Schmerz strömte seinen Regen über die schamblutende, brennende

Wange, und die Tränen waren wie Öl; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom

Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreißen, und

sah mit halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den

tausend Augen wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der

durch den Schuppen kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen

ganzen Mut wieder.

»Sag's ihm,« preßte er leise hervor, »was du von ihm willst. Wenn er

ist, wie du meinst, muß er dich verachten.«

Fritz Nettenmair hielt die Kämpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis

er Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt,

herbeizukommen. Er ließ sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius

blieb erschrocken auf dem halben Wege stehen.

»Da siehst du, wie sie ist,« sagte Fritz zu ihm. »Ich hab' ihr gesagt,

du wolltest sie fragen. Willst du, so gehen wir ihr nach und sie muß uns

beichten. Ich will sehen, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf,

der so brav ist.«

Apollonius mußte ihn zurückhalten. Fritz gab sich nicht gleich

zufrieden. Endlich sagte er: »Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir.

O, es tut mir leid!«

Es war ein unwillkürlicher Schmerz in den letzten Worten, den Apollonius

auf die mißlungene Aussöhnung bezog. Fritz Nettenmair wiederholte sie

leiser, und diesmal klangen sie wie ein Hohn auf Apollonius, wie

höhnisches Bedauern über eine verfehlte List.

Christiane war nach der Wohnstube gestürzt und hatte die Tür hinter sich

verriegelt. An Fritz dachte sie nicht; aber Apollonius konnte

hereintreten. Sie wälzte den fieberischen Gedanken, hinaus in die Welt

zu fliehen; aber wohin sie sich dachte, im steilsten Gebirg, im tiefsten

Walde begegnete er ihr und sah, was sie wollte, und er mußte sie

verachten. Und was wollte sie denn? Wollte sie etwas von ihm? Wenn sie

in Gedanken vor ihm floh und angstvoll eine Zuflucht suchte; war er es

nicht wieder, zu dem sie floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust

umschlang, daran sich auszuweinen, war es nicht seine? Der Augenblick,

der sie lehrte, sie wollte etwas Böses, hatte sie ja erst gelehrt, was

sie wollte. Ännchen war im Zimmer; sie hatte das Kind nicht bemerkt.

Alles Leben der Mutter war bei ihrem inneren Kampfe; Ännchen sah der

Mutter nicht an, was in ihr vorging. Sie zog die Mutter auf einen Stuhl

und umschlang sie nach ihrer Weise und sah zu ihrem Antlitz auf. Die

Mutter traf ihr Blick, als käme er aus Apollonius' Augen. Ännchen sagte:

»Weißt du, Mutter? der Onkel Lonius« -- die Mutter sprang auf und stieß

das Kind von sich, als wäre er es selbst. »Sag' mir nichts mehr von --

sag' mir nichts mehr von ihm!« sagte sie mit so zorniger Angst, daß das

Mädchen weinend verstummte. Ännchen sah nicht die Angst, nur den Zorn in

der Mutter Auffahren. Es war Zorn über sich selbst. Das Mädchen log, als

sie dem Onkel von der Mutter Zorn über ihn erzählte. Es bedurfte der

Erzählung nicht. Hatte er nicht selbst die rote Wange gesehen, mit der

sie seiner und des Bruders Frage auswich; dasselbe Rot der zornigen

Abneigung, mit dem sie den Heimkehrenden empfangen?

Ach, es war ein wunderlich schwüles Leben von da in dem Hause mit den

grünen Fensterladen, tage-, wochenlang! Die junge Frau kam fast nicht

zum Vorschein, und mußte sie, so lag brennende Röte auf ihren Wangen.

Apollonius saß vom ersten Morgenschein auf seinem Fahrzeug und hämmerte,

bis die Nacht einbrach. Dann schlich er sich leise von der Hintergasse

durch Schuppen und Gang auf sein Stübchen. Er wollte ihr nicht begegnen,

die ihn floh. Fritz Nettenmair war wenig mehr daheim. Er saß von früh

bis in die Nacht in einer Trinkstube, von wo man nach der Aussteigetür

und dem Fahrzeuge am Turmdach sehen konnte. Er war jovialer als je,

traktierte alle Welt, um sich in ihrer lügenhaften Verehrung zu

zerstreuen. Und doch, ob er lachte, ob er würfelte, ob er trank, sein

Auge flog unablässig mit den Dohlen um das steile Turmdach. Und wie

durch einen Zauber fügte es sich, nie schlich Apollonius durch den

Schuppen, ohne daß fünf Minuten früher Fritz Nettenmair in die Haustür

getreten war.

Im Schuppen und in der Schiefergrube schaltete der Geselle an seiner

Statt. Er brachte Fritz Nettenmair den Rapport vom Geschäfte; im Anfang

schrieb der joviale Herr davon in dicke Bücher, dann nicht mehr. Die

Zerstreuung wurde ihm immer unentbehrlicher; er hatte keine Zeit mehr

zum Schreiben. Bis er tief in der Nacht wieder heimkam, wandelte der

Geselle in dem Gange von dem Wohnzimmer bis zum Schuppen hin und her. Es

waren in der Nähe Diebstähle vorgekommen; der Geselle stand Wache: Fritz

Nettenmair war daheim ein ängstlicher Mann geworden. Die übrigen Leute

wunderten sich über das Vertrauen Fritz Nettenmair's zu dem Gesellen.

Apollonius warnte ihn wiederholt. Freilich! Er hatte Gründe, die Wache

nicht zu wünschen, am allerwenigsten von dem Gesellen, der ihm nicht

gewogen war. Und das eben war Fritz Nettenmair's Grund, dem Gesellen zu

vertrauen und auf die Warnungen nicht zu hören. Als Fritz Nettenmair zu

dem Bruder gesagt: es tut mir leid, war er des Gesellen gewahr geworden.

In seinem Grinsen hatte er gelesen, der Geselle durchschaute ihn und

wußte, was Fritz Nettenmair fürchtete. Da biß er die Zähne aufeinander;

eine halbe Stunde später übertrug er ihm die Wache und die

Stellvertretung in Schuppen und Grube. Es kostete wenig Worte. Der

Geselle verstand, was Fritz ihm sagte, daß er sollte; er verstand auch,

was Fritz nicht sagte und dennoch sollte. Fritz Nettenmair traute seiner

Redlichkeit im Geschäfte so wenig wie Apollonius. Er erkannte, der

Geselle würde dort mißbrauchen, daß er etwas wußte, wovon außer ihm und

Fritz Nettenmair niemand Kunde hatte und niemand Kunde haben durfte. Die

Unredlichkeit des Gesellen dort haftete ihm für seine Redlichkeit, wo er

sie nötiger brauchte. Es war die Sorglosigkeit fieberhafter Angst um

alles andere, was sich nicht auf ihren Gegenstand bezieht.

Der alte Herr im blauen Rock hatte schlimmere Träume als je; er horchte

gespannter als je auf jeden flüchtigen Laut, hörte mehr heraus und baute

immer größere Lasten über seine Brust. Aber er fragte nicht.

* * * * *

Es war eines Abends spät. Fritz Nettenmair hatte vom Fenster der

Weinstube Apollonius sein Fahrzeug verlassen und an das fliegende Gerüst

binden sehen, er eilte nach seiner Gewohnheit aus dem Wirtshause, um

noch vor Apollonius heimzukommen. Er traf seine Frau in der Wohnstube

bei einer häuslichen Arbeit. Der Geselle trat herein und machte die

gewöhnliche Meldung. Dann sagte er seinem Herrn etwas in das Ohr und

ging.

Fritz Nettenmair setzte sich zur Frau an den Tisch. Hier saß er

gewöhnlich, bis ein schlürfender Tritt des Gesellen im Vorhaus ihm

sagte, Apollonius sei zu Bett gegangen. Dann suchte er sein Weinhaus

wieder auf; er wußte, das Haus war vor Dieben sicher, der Geselle war

bei der Wache.

Das Gefühl, wie er sein Weib in seiner Hand hatte, und sie sich leidend

darin ergab, hatte bisher dem Weine geholfen, einen schwachen

Widerschein in der jovialen Herablassung über ihn zu werfen, die ehedem

sonnenhaft von jedem Knopfe Fritz Nettenmairs geglänzt. Heute war der

Widerschein sehr schwach. Vielleicht, weil ihr Auge nicht den Boden

gesucht, als es sein Blick berührte. Er tat einige gleichgültige Fragen

und sagte dann:

»Du bist heute lustig gewesen.« Sie sollte fühlen, er wisse alles, was

im Hause geschehe, sei er auch selbst nicht drin. »Du hast gesungen.«

Sie sah ihn ruhig an und sagte: »Ja. Und morgen sing' ich wieder; ich

weiß nicht, warum ich nicht soll.«

Er stand geräuschvoll vom Stuhle auf und ging mit lauten Tritten hin und

her. Er wollte sie einschüchtern. Sie erhob sich ruhig und stand da, als

erwarte sie einen Angriff, den sie nicht fürchtete. Er trat ihr nahe,

lachte heiser und machte eine Handbewegung, vor der sie erschreckend

zurückweichen sollte. Sie tat es nicht. Aber das Rot des beleidigten

Gefühls trat auf ihre Wangen. Sie war scharfsinnig geworden, argwöhnisch

dem Gatten gegenüber. Sie wußte, daß er sie und Apollonius bewachen

ließ.

»Und hat er dir weiter nichts gesagt?« fragte sie.

»Wer?« fuhr Fritz Nettenmair auf. Er zog die Schultern empor und meinte,

er sähe aus, wie der im blauen Rock. Die junge Frau antwortete nicht.

Sie zeigte nach der Kammertür, in der das kleine Ännchen stand. »Der

Spion! der Zwischenträger!« preßte der Mann hervor. Das Kind kam

ängstlich mit zögernden Schritten. Es war im Hemdchen.

Fritz Nettenmair sah nicht das Flehen in des Kindes Blick: er sollte der

Mutter gut sein, die Mutter sei auch gut. Er sah nicht, wie das

häusliche Zerwürfnis auf dem Kinde lastete und es bleich gemacht; wie es

den Zustand mit durchlitt, ohne ihn zu verstehen. Er bemerkte nur, wie

gespannt es horchte, um dem erzählen zu können, der es zum Horchen

abgerichtet. Es wollte seine Knie umschlingen, sein Blick, seine

gehobene Faust drängte es zurück. Die Mutter nahm das Kind in stillem

Schmerz auf die Arme und trug es in die Kammer und in sein Bett zurück.

Sie fürchtete, was der Mann ihm tun konnte. Was er ihr tun konnte, das

fürchtete sie nicht. Sie sagte es dem Manne, als sie wieder hereinkam

und die Tür verschlossen, wie um das Kind vor ihm zu retten.

»Ich bin eins geworden mit mir,« sagte sie, und in ihren Augen stand das

mit so glänzender Schrift, daß der Mann wieder hin und her schritt, um

nicht hineinsehen zu müssen. »Ich bin eins geworden mit mir. Die

Gedanken sind gekommen, daran bin ich nicht schuld, und ich habe sie

nicht kommen heißen. Ich habe nicht gewußt, sie waren bös. Dann hab' ich

mit den Gedanken gekämpft, und ich will nicht müd' werden, so lang' ich

lebe. Ich bin mit meiner Seele an dem Bett meiner seligen Mutter

gewesen, wo sie gestorben ist, und habe sie liegen sehen und habe die

drei Finger auf ihr Herz gelegt. Ich habe ihr versprochen, ich will

nichts Unehrliches tun und leiden, und habe sie mit Tränen gebeten, sie

soll mir helfen, nichts Unehrliches tun und leiden. Ich habe so lange

gesprochen und so lange gebeten, bis alle Angst fortgewesen ist, und ich

hab' gewußt, ich bin ein ehrlich Weib und ich will ein ehrlich Weib

bleiben. Und niemand darf mich verachten. Was du mir tun willst, davor

fürchte ich mich nicht und wehre mich nicht. Du tust's auf dein

Gewissen. Aber dem Kinde sollst du nichts tun. Du weißt nicht, wie stark

ich bin und was ich tun kann. Ich leid' es nicht; das sag' ich dir!«

Sein Blick flog scheu an der schlanken Gestalt vorüber, er berührte

nicht das bleiche, schöne Antlitz; er wußte, ein Engel stand darauf und

drohte ihm. O, er erkannte, er fühlte, wie stark sie war; er empfand,

wie mächtig der Entschluß eines ehrlichen Herzens schirmt. Aber nur

gegen ihn! er empfand es an seiner Schwäche. Er fühlte, ihr mußte

glauben, wer glauben durfte. Dies Recht hatte er im unehrlichen Spiele

verspielt. Er hätte ihr glauben müssen, wußte er nicht, es mußte kommen,

was kommen mußte. Sie nicht, niemand konnte es verhindern. Einen

Rettungsweg zeigte ihm sein Engel, ehe er ihn verließ. Wenn er redlich,

unablässig sich mühte, gut zu machen, was er an ihr verschuldet. Wenn er

ihr die Liebe tätig zeigte, die die Angst vor dem Verluste ihn gelehrt.

Hatte er nicht Helfer? Mußten die Kinder nicht seine Helfer sein? Und

das Pflichtgefühl, das so stark war? Die tote Mutter, an deren Bett sie

in Gedanken getreten, auf deren Herz sie ihre Schwurfinger gelegt? Aber

eben das, worauf er hofft, ihre Reinheit, scheucht ihn zurück, wie er

sich ihr nahen will. Er ist dem Gespenste seiner Schuld verfallen, dem

Gedanken der Vergeltung, der ihn unwiderstehbar treibt, das zu schaffen,

was er verhindern will. Zu tief hat ihn die lange, stete Gewohnheit, ihn

zu denken, eingegraben. Hoffnung und Vertrauen sind dem Gedanken fremd;

der Haß ist ihm verwandter. Ihn ruft er zu Hilfe. -- Draußen schlürft

der Fuß des Gesellen auf dem Sande des Vorhauses. Das Haus ist sicher

vor Dieben. Er kann wieder gehen.

Fritz Nettenmair ist heute im Weinhaus so jovial, als er sein kann.

Seine Schmeichler haben Durst und lassen sich seine Herablassung

gefallen. Er trinkt, schlägt seinen Gästen die Hüte über die Ohren und

das Gesicht und übt mit Stock und Hand manche andere zarte Liebkosungen

und belacht sie als geistreiche Scherze mit bewunderndem Lachen. Er tut

alles, sich zu vergessen; es gelingt ihm nicht.

Könnte er mit seiner jungen Frau tauschen, die unterdes einsam daheim

sitzt! Wonach er sich sehnt: sich zu vergessen, dagegen muß sie sich

wehren. Was er muß, was er mit aller Mühe nicht abwenden kann, danach

ringt sie, und es will ihr nicht gelingen, sich auf sich selbst zu

besinnen. -- Was hilft es, daß sie es dem Kinde verbot? alle ihre

Gedanken reden ihr von Apollonius. Sie meinte, sie wich ihm aus, und sie

sieht, er flieht sie. Sie sollte sich freuen, und es tut ihr weh. Ihre

Wangen brennen wieder. Eigen ist es, daß sie selbst ihren Zustand

strenger und milder ansieht, je nachdem sie in Gedanken Apollonius

strenger oder milder darüber urteilend glaubt. So ist er ihr das

unwillkürliche Maß der Dinge geworden. Weiß er, wie sie ist, und

verachtet sie? Er ist so mild und nachsichtig; er hat die Anne nicht

verspottet, nicht verachtet; er hat ihr das Wort geredet gegen

Verachtung und Spott. Hat sie schon, ehe er kam, Gedanken gehabt, die

sie nicht haben sollte, und er hat sie erraten? Ist sie sich doch, als

wäre sie mit allem, was sie weiß und wünscht, nur ein Gedanke in ihm,

den er weiß, wie seine andern. Und sie hat ihn gedauert; und darum sah

er ihr mit traurigem Blicke nach, wenn sie ging? Ja! Gewiß! Und nun floh

er sie aus Schonung; sein Anblick sollte nicht Gedanken in ihr wecken,

die besser geschlafen hätten, bis sie selber schlief im Sarg. Er

vielleicht selbst hatte es ihrem Manne gesagt oder geschrieben; und

dieser hatte das Mittel gewählt, sie durch Widerwillen zu heilen.

War es Zufall, daß sie in diesem Augenblicke nach ihres Mannes

Schreibpult blickte? Sie sah, er hatte den Schlüssel abzuziehen

vergessen. Sie erinnerte sich, er war nie so nachlässig gewesen. Sonst

hatte sie keine Acht darauf gehabt; jetzt erst fiel ihr auf, er war,

wußte er sie zugegen, nicht auf Augenblicke aus dem Zimmer gegangen,

ohne zu schließen und den Schlüssel abzuziehen. Im obersten Fache rechts

lagen Apollonius' Briefe; ihr Blick war sonst der Stelle ausgewichen.

Jetzt öffnete sie das Pult und zog das Fach heraus. Ihre Hände

zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Nicht aus Furcht, ihr Mann könnte

sie dabei überraschen. Sie mußte wissen, wie es stand zwischen ihr,

Apollonius und ihrem Mann; sie hätte diesen gefragt; sie hätte sich

nicht selbst geholfen, konnte sie ihrem Manne trauen. Sie bebte vor

Erwartung, was sie finden wird. Ob sie etwas davon ahnt, was sie finden

wird?

Es waren viele Briefe in dem Fach; alle lagen offen und entfaltet darin,

und alle schienen nur Abdrücke eines einzigen zu sein, so sehr glichen

sie sich; nur daß die Züge in den ersten weicher erschienen. Wie

abgezirkelt stand die Anrede in jedem genau auf derselben Stelle; genau

um ebenso viel Zoll und Linien darunter der Beginn des Briefes. Der

Abstand der schnurgeraden Zeilen voneinander und vom Rande des Bogens

war in allen der gleiche; nichts war ausgestrichen; keine kleinste

Unregelmäßigkeit verriet die Stimmung des Schreibers oder eine

Veränderung derselben; ein Buchstabe genau wie der andere.

Sie berührte die Briefe alle, einen um den anderen, ehe sie las. Mit

jedem schlug neue glühende Röte über ihre Wangen, als berührte sie

Apollonius selbst, und sie zog die Hand unwillkürlich zurück. Jetzt fiel

mit einem Briefe eine kleine metallene Kapsel in den Kasten zurück; die

Kapsel fuhr auf, und heraus fiel eine kleine, dürre Blume. Ein kleines,

blaues Glöckchen. Solch eines, wie sie einst auf die Bank gelegt, damit

er es finden sollte. Sie erschrak. Jene hatte Apollonius ja noch

denselben Abend mit Spott und Hohn unter seinen Kameraden ausgeboten und

gefragt, was sie gäben, und dann unter dem Lachen aller dem Bruder

feierlich zugeschlagen. Dieser brachte sie ihr und erzählte ihr es

während des Tanzens, und Apollonius sah zum Saalfenster herein, höhnend,

wie der Bruder sagte. Jene hatte sie zerpflückt; das junge Volk war über

die Trümmer hingetanzt. Die Blume in der Kapsel war eine andere. Es

mußte in dem Briefe stehen, von wem sie war oder wem sie Apollonius

schickte.

Und doch war es dieselbe Blume. Sie las es. Wie ward ihr, als sie las,

es war dieselbe! Träne um Träne stürzte auf das Papier, und aus ihnen

quoll ein rosiger Duft und verhüllte die engen Wände des Stübchens. In

dem Duft regte sich ein Wehen, wie von leichtem Morgenwind im Lenz, wenn

er die leichten Nebel flatternd ballt und durch die Risse goldener

Himmel lacht und goldene Höhen. Und immer weiter wird der Blick, und wie

der Schleier wogend tief und tiefer sinkt, steigen rauschende Wälder

auf, grüne Wiesen mit ihrem Blumenschmelz, trauliche Gärten mit laubigen

Schatten, Häuser mit glücklichen Menschen. O, es war eine Welt von

Glück, von Lachen und Weinen vor Glück, die aus den Tränen stieg, jede

färbte sie regenbogenglänzender, jede rief: sie war dein, und die letzte

jammerte: und sie ist dir gestohlen! Die Blume war von ihr; er trug sie

auf seiner Brust in Sehnsucht, Hoffen und Fürchten, bis die des Bruders

war, deren er dabei gedachte. Dann warf er sie, die Botin des Glückes,

dem geschiedenen nach. Er war so brav, daß er für Sünde hielt, die arme

Blume dem vorzuenthalten, der ihm die Geberin gestohlen. Und an solchem

Manne hätte sie hängen dürfen, sich mit allen Pulsen in ihn

drängen, ihn mit tausend Armen der Sehnsucht umschlingen zum

Nimmerwiederfahrenlassen! Sie hätte es gekonnt, gedurft, gesollt! es

wäre nicht Sünde gewesen, wenn sie es tat; es wäre Sünde gewesen, tat

sie es nicht. Und nun wäre es Sünde, weil der sie und ihn betrogen, der

sie nun quälte um das, was er zur Sünde gemacht? Der sie zur Sünde

zwang; denn er zwang sie, ihn zu hassen; und auch das war Sünde, und

durch seine Schuld. Der sie zwang -- er zwang sie zu mehr, zu Gedanken,

die mit Gott im Himmel hadern wollten, zu Gedanken, die aus der Liebe

und dem Hasse, die Gott verbot, ein Recht machen wollten, zu schrecklich

klugen, verführerisch flüsternden, wilden, heißen, verbrecherischen

Gedanken. Und wies sie diese schaudernd von sich, dann sah sie

unabsichtliche Sünde unabwendbar drohen. Mit entsetzlich süßem Bangen

wußte sie den Mann so nahe, der ihr fremd sein sollte, der ihr nicht

fremd war, vor dem sie in der Angst ihrer Schwäche keine Rettung sah.

Sie floh vor ihm, vor sich selbst in die Kammer, wo ihre Kinder

schliefen, wo ihre Mutter gestorben war. Dorthin, wo ihr so heilig

wurde, hörte sie das leise Regen der unschuldig schlummernden Leben, zu

deren Hüterin sie Gott gesetzt; die ruhigen Hauche hinflüstern durch die

stille, dunkle Nacht. Jeder Hauch ein sorglos süß aufgelöstes

Sichbefehlen an die unbekannte Macht, die das All in ihren Mutterarmen

trägt. Sie ging von Bett zu Bett und lag kniend regungslos davor, und

legte die Stirn an die scharfen Brettkanten.

Vom Sankt Georgenturme her klangen die Glocken, wie sie der Schritt der

Zeit berührte; und er hielt nicht an im Wandern. Es schlug viertel,

halb, dreiviertel, ganz und wieder viertel und wieder halb. Das leise

Weben der schlummernden Kinderseelen zitterte um sie. Sie lag, die

heißen Hände gefalten, lange, lange. Da stieg es empor aus dem leisen

Weben, silbern wie ein Ostermorgenglockenklang. Was fürchtest du dich

vor ihm? Und sie sah all ihre Engel um sich knien, und er war einer von

ihren Engeln, der schönste und der stärkste und der mildeste. Und sie

durfte zu ihm aufsehen, wie man zu seinen Engeln aufsieht. Sie stand auf

und ging in die Stube zurück. Die Briefe breitete sie auf dem Tische

aus, dann ging sie zur Ruhe. Ihr Besitzer sollte wissen, wenn er

heimkehrte und die Briefe fand, sie hatte sie gelesen. Nicht um ihn zu

erschrecken, nicht als Anklage, wie sie auch von ihm denken mochte. Er

las davon ab, was das Bewußtsein seiner Schuld darauf schrieb; er las

aus seiner Beleidigung ihr Rachedrohen und ihre Pläne, es in das Werk zu

setzen. Er kannte ihre Wahrhaftigkeit; wäre er so rein gewesen als sie,

er hätte gewußt, sie hatte nur dem Triebe ihrer ehrlichen Natur genügt.

Sie schied schwer von den Briefen: aber sie gehörten nicht ihr. Nur die

Kapsel mit der dürren Blume nahm sie weg und wollt ihm am Morgen sagen,

daß sie es getan.

Fritz Nettenmair saß noch ganz allein im Weinhaus. Das Haupt hing ihm

müde auf die Brust herab. Er rechtfertigte vor sich seinen Haß und sein

Tun. Der Bruder und sie waren falsch; der Bruder und sie waren schuld,

nicht er, daß er hier vergeudete, was seinen Kindern gehörte. Wer ihm

ihr Herz gestohlen, konnte für sie sorgen. Eben war es ihm gelungen,

sich zu überzeugen, als daheim die Kammertüre ging. Die Frau war wieder

vom Bett aufgestanden und legte auch die Kapsel mit der Blume wieder zu

den Briefen. Apollonius hatte sie nicht behalten, sie durfte es auch

nicht. Der Gatte dachte noch nicht an das Heimgehen, als sie die Decke

wieder über ihre reinen Glieder breitete. Über dem Gedanken, sofort

sollte Apollonius ihr Leitstern sein, und wenn sie handelte wie er,

blieb sie rein und bewahrt, schlief sie ein und lächelte im Schlummer,

wie ein sorglos Kind.

* * * * *

Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden wurde immer schwüler. Die

gegenseitige Entfremdung der Gatten nahm mit jedem Tage zu. Fritz

Nettenmair behandelte die Frau immer rücksichtsloser, wie seine

Überzeugung wuchs, durch Schonung sei nichts mehr zu gewinnen. Diese

Überzeugung floß aus der immer kälteren Ruhe der Verachtung, die sie ihm

entgegensetzte; er dachte nicht, daß er selbst sie zu dieser Verachtung

zwang. Es war eine unglückliche, immer steigende Wechselwirkung. So

wenig Apollonius mit dem Bruder und der Schwägerin zusammentraf, ihr

Zerwürfnis mußte er bemerken. Es machte ihn unglücklich, daß er die

Schuld davon trug. In welcher Weise er sie trug, das ahnte er nicht.

Während die Schwägerin mit liebender Verehrung an ihm hing und sich und

ihrem ganzen Hauswesen seine Physiognomie aufprägte, grübelte er über

den Grund ihres unbesiegbaren Widerwillens. Der Bruder tat nichts,

diesen Irrtum zu berichtigen; er bestätigte ihn vielmehr. Zuweilen,

indem er ihn überlegen bei sich verlachte, wenn Weinlaune und

geschmeichelte Eitelkeit ihre Wirkung taten. Der Stunden der

Erschlaffung, der Unzufriedenheit mit sich selbst waren freilich mehr.

Dann zwang er sich, Verstellung darin zu sehen, um an dem Mitleid mit

sich selber den Haß gegen die andern, in dem ihm wohl war, zu schärfen.

Apollonius wußte wenig von der Lebensweise des Bruders. Fritz Nettenmair

verbarg sie ihm aus dem unwillkürlichen Zwang, den Apollonius' tüchtiges

Wesen ihm abnötigte, den er aber niemand, am wenigsten sich selber,

eingestanden haben würde. Und die Arbeiter wußten, daß sie Apollonius

mit nichts kommen durften, was nach Zuträgerei aussah, am wenigsten,

wenn es seinen Bruder betraf, den er gern von allen geachtet gesehen

hätte, mehr als sich selbst. Aber er hatte bemerkt, Fritz sah ihn als

einen Eindringling in seine Rechte an, der ihm Geschäft und Tätigkeit

verleidete. Apollonius fühlte sich von dem Tage seiner Rückkehr nicht

wohl daheim; er war seinen Liebsten hier eine Last; er dachte oft an

Köln, wo er sich willkommen wußte. Bis jetzt hielt ihn die moralische

Verpflichtung, die er in Rücksicht der Reparatur auf sich genommen.

Diese ging mit raschen Schritten ihrer Vollendung entgegen. So durfte

der Gedanke seine Verwirklichung fordern, und er teilte ihn dem Bruder

mit.

Es wurde Apollonius anfangs schwer, den Bruder zu überzeugen, es sei ihm

Ernst mit der Rückkehr nach Köln. Fritz hielt es erst für einen listigen

Grund, ihn sicher zu machen. Der Mensch gibt ebenso schwer eine Furcht

auf als eine Hoffnung. Und er hätte sich eingestehen müssen, er habe den

zwei Menschen Unrecht getan, die des Unrechtes an ihm anzuklagen ihm

eine Gewohnheit geworden war, in der er eine Art Behagen fand. Er hätte

dem Bruder ein zweites Unrecht verzeihen müssen, das dieser von ihm

gelitten. Er fand sich erst darein, als es ihm gelungen war, in dem

Bruder wieder den alten Träumer zu sehen, und in dessen Vorhaben eine

Albernheit; als er ein unwillkürliches Eingeständnis darin sah, der

Bruder begreife in ihm den überlegenen Gegner und gehe aus Verzweiflung

am Gelingen seines schlimmen Planes. In dem Augenblick erwachte die

ganze alte joviale Herablassung, wie aus einem Winterschlaf. Seine

Stiefel knarrten wieder: da ist er ja! und: nun wird's famos! läuteten

seine Petschafte den alten Triumph.[2] Die Stiefel übertönten, was ihm

sein Verstand von den notwendigen Folgen seiner Verschwendung, von

seinem Rückgange in der allgemeinen Achtung vorhielt. Es war ihm, als

sei alles wieder so gut als je, war nur der Bruder fort. Er glaubte

sogar vorgreifend an seine außerordentliche Großmut, dem Bruder zu

verzeihen, daß er dagewesen. Er richtete sich vor dem Bruder schon in

der ganzen alten Größe wieder auf, in der er als alleiniger Chef des

Geschäfts dem Ankömmling gegenübergestanden; er winkte ihm mit seinem

herablassendsten Lachen zu, daß er es schon bei dem im blauen Rock

durchsetzen wolle; er selber müsse Apollonius fortschicken.

[Fußnote 2: Die von der Uhrkette herabhängenden Petschafte.]

Die junge Frau fühlte anders. Fritz Nettenmair war zu klug, ihr

vorläufig davon zu sagen. Aber der alte Valentin war nicht so klug und

wußte nicht, warum er so klug sein sollte. Der alte Valentin war ein

närrischer Geselle. Dem alten Herrn sagte er nichts. Es war wunderlich,

wie gewissenhaft er seine Pflicht an das Haus verteilte, der ehrlichste

Achselträger, den es je gegeben. Er verriet den jungen Leuten nie etwas,

was er dem alten Herrn abgemerkt; aus Treue gegen den blauen Rock

verbarg er es den Jungen so angestrengt, als der alte Herr selbst. Aber

er war auch den Jungen so treu ergeben, daß der alte Herr von ihnen

nichts durch ihn erfuhr, als was sie selber wollten, und hätte der alte

Herr getan, was er nie tat, nämlich ihn danach gefragt.

Der jungen Frau war es, als sollte ihr Engel von ihr scheiden. Sie

empfand, daß sie in seiner Nähe sicherer vor ihm war als von ihm

entfernt; denn all der Zauber, der ihren Wünschen wehrte, sündhaft zu

werden, floß ja aus seinen ehrlichen Augen auf sie nieder; von der

Stirn, die so rein war, daß ein sündhafter Blick verzweifelte, sie

befleckend in sein Begehren mitzureißen, und selbst gereinigt und

reinigend in die Seele zurückkam, die ihn geschickt.

Apollonius sollte nicht gehen, und das durch des Bruders Schuld, den

allein in der ganzen Stadt sein Gehen freute. Freilich wird er die

Schuld nicht anerkennen; auch diese wird er von sich ab und auf den

Bruder schieben. Apollonius hatte auch dem Bauherrn von seinem

Entschlusse gesagt. Es befremdete ihn, daß der brave Mann -- der sonst

alles, was Apollonius tun würde, schon im voraus gebilligt, als könnte

Apollonius nichts tun, was er nicht billigen müßte -- die Mitteilung mit

fremder, wie verwundert einsilbiger Kälte aufnahm. Er drang in ihn, ihm

den Grund dieser Veränderung zu sagen. Die braven Männer verständigten

sich leicht. Der Bauherr sagte ihm, nachdem er sich gewundert,

Apollonius damit unbekannt zu finden, was er von des Bruders Lebensweise

wußte, und war der Meinung, Geschäft und Haus seines Vaters könne ohne

Apollonius' Hilfe nicht bestehen. Er versprach, sich weiter nach der

Sache zu erkundigen und war bald imstande, Apollonius nähere

Aufklärungen zu geben. Hier und da in der Stadt war der Bruder nicht

unbedeutende Summen schuldig, das Schiefergeschäft war, besonders in der

letzten Zeit, so saumselig und ungewissenhaft betrieben worden, daß

manche vieljährige Kunden bereits abgesprungen waren und andere im

Begriff standen, es zu tun. Apollonius erschrak. Er dachte an den Vater,

an die Schwägerin und ihre Kinder. Er dachte auch an sich, aber eben das

eigene starke Ehrgefühl stellte ihm zuerst vor, was der alte, stolze,

rechtliche, blinde Mann leiden müßte bei der Schande eines möglichen

Konkurses. Er fand sein Brot; aber des Bruders Weib und Kinder? Und sie

waren des Darbens nicht gewohnt. Er hatte gehört, das Erbe der Frau von

ihren Eltern war ein ansehnliches gewesen. Er schöpfte Hoffnung, es

könne noch zu helfen sein. Und er wollte helfen. Kein Opfer von Zeit und

Kraft und Vermögen sollte ihm zu schwer werden. Konnte er den Verfall

nicht aufhalten, darben sollten die Seinigen nicht.

Der wackere Bauherr freute sich über seines Lieblings Denkart, auf die

er gerechnet; es hatte ihn befremdet, daß sie sich nicht schon früher

gezeigt. Er bot Apollonius seine Hilfe an; er habe weder Frau noch

Kinder, und Gott habe ihn etwas erwerben lassen, um einem Freunde damit

zu helfen. Noch nahm Apollonius kein Anerbieten an. Er wollte erst

sehen, wie es stand, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob er ein

ehrlicher Mann bleiben konnte, wenn er den freundlichen Erbieter beim

Worte nahm.

Es kamen schwere Tage für Apollonius. Der alte Herr durfte noch nichts

wissen und, wenn seine Ehre aufrechtzuerhalten war, auch nicht erfahren,

daß sie gewankt. Apollonius bedurfte dem Bruder gegenüber seine ganze

Festigkeit und seine ganze Milde. Er mußte ihm täglich imponieren und

stündlich verzeihen. Schon das war nicht leicht, den Stand seines

Vermögens, seine Gläubiger und den Betrag der Schulden von ihm zu

erfahren. Vergebens machte Apollonius seine gute Meinung geltend, der

Bruder glaubte ihm nicht; und hätte er ihm glauben müssen, er hätte ihn

darum nicht weniger gehaßt. Er haßte sich selbst in Apollonius, und

haßte ihn darum um so mehr, je hassenswerter sein eigenes Tun ihm

erschien.

Als Apollonius die Gläubiger und die Beträge wußte, untersuchte er den

Stand des Geschäfts und fand ihn verwirrter, als er gefürchtet. Die

Bücher waren in Unordnung; in der letzten Zeit war gar nichts mehr

eingetragen worden. Es fanden sich Briefe von Kunden, die sich über

schlechte Ware und Saumseligkeit beklagten, andere mit Rechnungen von

dem Grubenbesitzer, der neue Bestellungen nicht mehr kreditieren wollte,

da die alten noch nicht bezahlt waren. Das Vermögen der Frau war zum

größten Teile vertan; Apollonius mußte den Bruder zwingen, die Reste

davon herauszugeben. Er mußte mit den Gerichten drohen. Was litt

Apollonius mit seinem ängstlichen Ordnungsbedürfnis mitten in solcher

Verwirrung; was mit seinem starken Ehrgefühl für seine Angehörigen, dem

Bruder gegenüber! Und doch sah dieser in jeder Äußerung, jedem Tun des

Leidenden nur schlecht verhehlten Triumph. Nach unendlichen Mühen gelang

Apollonius eine Übersicht des Zustandes. Es ergab sich: wenn die

Gläubiger Geduld zeigten und man die Kunden wieder zu gewinnen

vermochte, so war mit strenger Sparsamkeit, mit Fleiß und

Gewissenhaftigkeit die Ehre des Hauses zu retten, und ermüdete man

nicht, konnten die Kinder des Bruders ein wenigstens schuldenfreies

Geschäft einst als Erbe übernehmen. Apollonius schrieb sogleich an die

Kunden, dann ging er zu den Gläubigern des Bruders. Die ersten wollten

es noch einmal mit dem Hause versuchen; man sah, sie gingen sicher; ihre

neuen Bestellungen waren wenig mehr als Proben. Bei den Gläubigern hatte

er die Freude, zu sehen, welches Vertrauen er bereits in seiner

Vaterstadt gewonnen. Wenn er die Bürgschaft übernahm, blieben die

schuldigen Summen als Kapitale gegen billige Zinsen zur allmählichen

Tilgung stehen. Manche wollten ihm noch bares Geld dazu anvertrauen. Er

machte keinen Versuch, die Wahrheit dieser Versicherungen auf die Probe

der Tat zu stellen, und gewann dadurch das Vertrauen der Versichernden

nur noch mehr. Nun stellte er dem Bruder anspruchlos und mit Milde dar,

was er getan und noch tun wolle. Vorwürfe konnten nichts helfen, und

Ermahnungen hielt er für unnütz, wo die Notwendigkeit so vernehmlich

sprach. Der Bruder konnte, wenn Apollonius die Leitung des Ganzen, des

Geschäftes und des Hauswesens, alle Einnahmen und Ausgaben von nun an

allein und vollkommen selbständig übernahm, keine willkürliche

Beeinträchtigung darin sehen. In der Sache, in der er seine Ehre zum

Pfande gesetzt, mußte Apollonius frei schalten können. Das ungestörte

Zusammenwirken all der Tätigkeiten, durch die allein der beabsichtigte

Erfolg zu erreichen war, verlangte die Leitung einer einzigen Hand.

Das Verkaufsgeschäft mußte vor allen Dingen wieder in Aufnahme gebracht

werden. Der Grubenherr hatte immer schlechtere Ware geliefert und der

Bruder solche für gute annehmen müssen, um nur überhaupt Ware zu

erhalten; die Anerbieten der übrigen Gläubiger, die Schuld als Kapital

stehen zu lassen, nahm er an, um mit dem, was von den Vermögensresten

der Frau zunächst flüssig gemacht werden konnte, dem Grubenherrn die

alte Schuld abzutragen und eine bedeutende neue Bestellung sogleich bar

zu bezahlen. So erhielt man wieder und zu billigerem Preise gute Ware,

und konnte auch seine Abnehmer bewähren. Der Grubenherr, der bei dieser

Gelegenheit Apollonius und dessen Kenntnis des Materials und seiner

Behandlung kennen lernte, machte ihm den Antrag, da er alt und

arbeitsmüde sei, die Grube zu pachten. Bei den Bedingungen, die er

stellte, konnte Apollonius auf großen Nutzen rechnen, aber so lange er

noch in schwerer Lage auf sich allein stand, durfte er seine Kräfte

nicht zwischen mehrere Unternehmungen teilen.

Apollonius entwarf seinen Plan für das erste Jahr und setzte ein

Gewisses fest, das der Bruder zur Führung des Hausstandes allwöchentlich

von ihm in Empfang zu nehmen hatte. Er entließ von den Leuten, wer nur

irgend zu entbehren war. Den ehrlichen Valentin machte er zum Aufseher

für die Zeit, wo er selbst in Geschäften auswärts sein mußte. Es lag

begründeter Verdacht vor, daß der ungemütliche Geselle sich mancher

Veruntreuung schuldig gemacht. Fritz Nettenmair, der an dem Wächter

seiner Ehre wie an ihrem letzten Bollwerke festhielt, tat alles, ihn zu

rechtfertigen und dadurch im Hause zu erhalten. Der Geselle hatte zu

allem, was man ihm vorwarf, ausdrücklichen Befehl von ihm gehabt.

Apollonius hätte den Gesellen gern gerichtlich belangt; er mußte sich

begnügen lassen, ihn abzulohnen und ihm das Haus zu verbieten.

Apollonius war unerbittlich, so mild er seine Gründe dem Bruder vortrug.

Jeder Unbefangene mußte sagen, er durfte nicht anders, der Geselle mußte

fort. Auch Fritz Nettenmair dachte, als er allein war, aber mit wildem

Lachen: »Freilich muß er fort!« In dem Lachen klang eine Art Genugtuung,

daß er recht gehabt, eine Schadenfreude, mit der er sich selbst

verhöhnte:

»Der Federchensucher wäre ein Narr, wenn er ihn nicht schickte. Ein

Narr, wie ich einer war, daß ich glaubte, er würde ihn doch behalten. O,

ich bin zu ehrlich, zu dummehrlich gegen so einen. Was gehen ihn meine

Schulden an? In seiner Gewalt wollte er mich haben; darum zwang er mich,

Schulden zu machen, damit er den Gesellen fortschicken konnte, der ihm

hinderlich war. Herr im Hause wollte er sein, darum verdrängte er mich

aus einer Stellung nach der andern, damit er mich einschüchtern könnte,

daß ich leiden müßte, was er will, um mit ihr zusammen zu kommen ohne

mich. Und wenn er recht hat, warum läßt er sich soviel von mir gefallen?

Ein ehrlicher Kerl, wie ich, wäre anders gegen mich. Es ist sein böses

Gewissen. Er wäre nicht so, wenn er nicht falsch wäre. Eine Zwickmühle

ist's. Was das Einschüchtern nicht hilft, soll das Einschmeicheln

helfen. Er ist mir nicht klug genug. Ich bin einer, der die Welt besser

kennt, als der Träumer!«

Was auch Apollonius ihm zeigen mochte, Strenge und Milde bestärkte ihn

nur in dem Gedanken, der ihn um so weniger losließ, je länger er ihn

hegte, und um so durstiger wurde, sein Herzblut zu trinken, je länger er

ihn damit fütterte. Er sah kein äußeres Hindernis mehr, das die

verbrecherische Absicht des Bruders verhindern konnte.

Von nun an wechselte sein Seelenzustand zwischen verzweifelter Ergebung

in das, was nicht mehr zu verhindern, ja! was wohl schon geschehen war,

und zwischen fieberischer Anstrengung, es dennoch zu verhindern. Danach

gestaltete sich sein Benehmen gegen Apollonius als unverhehlter Trotz

oder als kriechend lauernde Verstellung. Beherrschte ihn die erste

Meinung, dann suchte er Vergessen Tag und Nacht. Zu seinem Unglück hatte

der Geselle im nahen Schieferbruche Arbeit gefunden und war ganze Nächte

lang sein Gefährte. Die bedeutenden Leute wandten sich von ihm und

rächten sich mit unverhohlener Verachtung für das Bedürfnis, das er

ihnen geweckt und nicht mehr befriedigen konnte; sie vergalten ihm nun

die joviale Herablassung, die sie von ihm ertrugen, solange er sie mit

Champagner bezahlte. Er wich ihnen aus und folgte dem Gesellen an die

Orte, wo dieser heimisch war. Hier griff er die joviale Herablassung um

eine Oktave tiefer. Nun ertönten die Branntweinkneipen von seinen Späßen

und diese nahmen immer mehr von der Natur der Umgebung an. Hatten sie

doch in besseren Zeiten eine wie vordeutende Verwandtschaft mit diesen

gezeigt. Es kam die Zeit, wo er sich nicht mehr schämte, der Kamerad der

Gemeinheit zu sein.

Während Apollonius den Tag über für die Angehörigen des Bruders auf

seinem gefährlichen Schiff hämmert, und die Nächte über Büchern und

Briefen sitzt und sich den wohlverdienten Bissen abdarbt, um mit

liebendem Eifer gut zu machen, was der Bruder verdorben, erzählt dieser

in den Schenken, wie schlecht Apollonius an ihm gehandelt, weil er brav

sei und der Bruder schlecht. Er erzählte es so oft, daß er es selbst

glaubte. Er bedauert die Gläubiger, die sich von dem Scheinheiligen

bürgen ließen, der sie alle betrügen wird, und erzählt dabei ersonnene

Geschichten, die sein Bedauern glaubhaft machen sollen. Läge es an ihm,

Apollonius hämmerte vergebens und wachte vergebens bei seinen Büchern

und Briefen. Aber es glaubt ihm niemand; er untergräbt nur, was er

selbst noch von Achtung besitzt. Apollonius' Vorstellungen setzt er Hohn

entgegen. Dennoch hofft Apollonius, er wird seine Treue noch erkennen

und sich bessern. Seine Hoffnung zeugt besser von seinem eigenen Herzen,

als von seiner Einsicht in das Gemüt des Bruders. Kommt diesem der

Gedanke seiner Verdorbenheit, dann hat er einen Grund mehr, den

Federchensucher zu hassen, und die arme Frau muß es entgelten, kehrt er

zu einer Zeit heim, wo sich Apollonius schon wieder zum Ausgehen rüstet.

* * * * *

Dächer, die mit Metall oder Ziegeln eingedeckt sind, machen in der Regel

erst nach einer Reihe von Jahren eine Reparatur nötig; bei

Schieferdächern ist es anders. Durch die Rüstungen und das Besteigen der

Dachfläche während des Eindeckens entstehen unvermeidlich allerlei

Beschädigungen der Schieferplatten, die sich nicht immer sogleich

zeigen. Die ersten drei Jahre nach beendeter Ein- oder Umdeckung

verlangen oft bedeutendere Nachbesserungen als die fünfzig

Nächstfolgenden. Zu dieser alten Erfahrung gab auch das Kirchendach von

Sankt Georg seinen Beleg. Die Schieferdecke des Turmes dagegen, die

Apollonius allein besorgt, legte genügendes Zeugnis ab von ihres

Schöpfers eigensinniger Gewissenhaftigkeit. Die Dohlen, die sie

bewohnten, hätten noch lange Zeit Ruhe gehabt vor seinem Fahrzeug, hätte

nicht ein alter Klempnermeister seinen kirchlichen Sinn durch Stiftung

eines blechernen Zierates an den Tag legen wollen. Es war ein

Blumenkranz, den Apollonius dem Turmdach umlegen sollte, um

dessentwillen er diesmal seine Leiter an der Helmstange anknüpfte. Vor

etwas mehr als einem halben Jahre hatte er sie abgenommen.

Unterdes war sein angestrengtes Bestreben nicht ohne Erfolg geblieben.

Die alten Kunden hatte er festgehalten und neue dazugewonnen. Die

Gläubiger hatten ihre Zinsen und eine kleine Abschlagszahlung für das

erste Jahr; das Vertrauen und die Achtung vor Apollonius wuchs mit jedem

Tage; mit ihnen seine Hoffnung und seine Kraft, die er mit verdoppelter

Anstrengung bezahlte.

Könnte man nur dasselbe von seinem Bruder sagen! von dem Verständnis der

beiden Gatten!

Es war ein Glück für Apollonius, daß er mit seiner ganzen Seele bei

seinem Vorhaben sein mußte, daß er keine Zeit übrig behielt, dem Bruder

Schritt für Schritt mit Auge und Herz zu folgen, zu sehen, wie der immer

tiefer sank, den zu retten er sich mühte. Wenn er sich freute über sein

Gelingen, so war es aus Treue gegen den Bruder und dessen Angehörige;

der Bruder sah etwas andres in seiner Freude und dachte auf nichts, als

sie zu stören.

Es kam weit mit Fritz Nettenmair.

Im Anfang hatte er den größten Teil des wöchentlich für seinen Hausstand

Ausgesetzten der Frau übergeben. Dann behielt er immer mehr zurück und

zuletzt trug er das ganze dahin, wohin ihm das Bedürfnis, durch

Traktieren sich Schmeichler zu erkaufen, treuer gefolgt war, als die

Achtung der Stadt. Die Erfahrung an den »bedeutenden« Leuten hatte ihn

nicht bekehrt. Die Frau hatte sich kümmerlicher und kümmerlicher

behelfen müssen. Der alte Valentin sah ihre Not, und von nun an ging das

Haushaltsgeld nicht mehr durch ihres Mannes, sondern durch Valentins

Hände. Zuletzt wurde Valentin ihr Schatzmeister und gab ihr nie mehr,

als sie augenblicklich bedurfte, weil das Geld in ihren Händen nicht

mehr vor dem Manne sicher war. Sie mußte das, wie alles, von ihm

entgelten. Er war schon gewohnt, an der ganzen Welt, die ihn verfolgte,

an sich selbst, an dem Gelingen Apollonius', in ihr sich zu rächen.

Valentin hätte ihn schon lang darum bei Apollonius verklagt, wenn nicht

die Frau selber ihn daran gehindert hätte. Es war ihr eine Genugtuung,

um den Mann zu leiden, der ja um sie und ihre Kinder noch mehr litt.

Wußte sie Apollonius im Sturm auf der Reise, dann weilte sie stundenlang

im unbedeckten Hofe: das Wetter, das ihn traf, sollte auch sie treffen;

sie wollte eine gleich schwere Last tragen, wenn sie die seine nicht

erleichtern konnte. Soweit trieb sie ihre Opferlust.

Sonst benutzte sie die Zeit, die ihr Wirtschaft und Kinder übrig ließen,

zu allerlei Arbeiten, die Valentin als ihr Agent vertrieb. Das Geld

dafür verwandte sie zum Teil -- sie konnte lieber hungern, wenn auch

nicht ihre Kinder hungern sehen -- die Wohnstube mit allerlei zu

schmücken, wovon sie wußte, daß Apollonius es liebte. Und doch wußte

sie, Apollonius kam nie dahin, er sah es nie. Aber sie hätte es nicht

getan, wußte sie, er würde es sehen. Ihr Gatte sah es, so oft er in die

Stube trat. Ihm entging nichts, was seinem Zorne und seinem Hasse einen

Vorwand entgegenbringen konnte. Er sah die Haare seiner Knaben in

Schrauben gedreht, wie sie Apollonius trug; er sah die Ähnlichkeit

Apollonius in den Zügen der Frau und der Kinder entstehen und wachsen;

er hatte ein Auge für alles, was seines Weibes Verehrung für den Bruder,

was ihr bewußtes, selbst was ihr unbewußtes Sichhineinbilden in des

Verhaßten eigenste Eigenheit ausplauderte; er verfolgte dessen Einfluß

bis zu dem rechtwinkligen Stande der Wirbel an der Fenstersäule. Dann

begann er auf Apollonius zu schimpfen, und in Ausdrücken, als müßte nun

auch er zeigen, wieviel man von fremder Art annehmen könne.

Waren die Kinder zugegen, dann war es der Frau erste Sorge, sie zu

entfernen. Sie sollten seine Roheit nicht kennen und den Vater verachten

lernen. Nicht um seinet-, um der Kinder willen. Er verriet nicht, wie

gern er »die Spione« los war. Ihm war es nicht um die Kinder, nur um

sich selbst. So einsam hatte ihn die Verderbnis schon gemacht. Er

fürchtete die Anklage der Kinder bei Apollonius. Er dachte nicht, daß

die Frau selbst ihn verklagen könnte, von der er doch annahm, sie treffe

sich mit Apollonius. Leidenschaft und wüstes Leben hatten sein geringes

Klarheitsbedürfnis aufgezehrt. Seine Voraussetzungen mochten sich

widersprechen, widersprachen sie nur nicht der Stimmung des Augenblicks,

der Eigenwilligkeit seiner Leidenschaft. Alles, was er im Zimmer sah,

war ihm ein neuer Beweis seiner Schande. Wie sollte er glauben, es habe

einen andern Zweck, als von Apollonius bemerkt zu werden! Wenn sie ihm

dann sagt, sie möge er schimpfen, nur Apollonius nicht, dann zeigt ihm

das scharfe Auge der Eifersucht, wie sie einen Genuß darin findet, um

Apollonius zu leiden. Er wirft es ihr vor, und sie leugnet's nicht. Sie

sagt ihm: »weil er um mich leidet und um meine Kinder. Er gibt sein

mühsam Erspartes her, um zu ersetzen, wenn der Mann ihren Kindern das

wöchentlich Ausgesetzte raubt.«

»Und das sagt er dir? Das hat er dir gesagt!« lacht der Mann mit wilder

Freude, sie auf dem Geständnis zu ertappen, daß sie sich mit ihm trifft.

»Er nicht,« zürnt die Frau, weil der Verachtete Apollonius mit seinem

Maße mißt. Er, der Gatte, verkleinert, was andre für ihn taten, und

rückt, was er für andre tut, diesen unaufhörlich und übertreibend vor.

Apollonius dagegen vergrößert das Empfangene; von dem, was er erweist,

redet er nicht, oder er selbst verkleinert es, um dem andern Bitte,

Annahme und Verpflichtungsbewußtsein zu erleichtern. Apollonius selbst

sollte es sagen! Der alte Valentin hat es gesagt. Der hat ja die Uhr

selbst als seine verkauft, die Apollonius von Köln mitbrachte.

Apollonius hat ihm verboten, es ihr zu sagen.

»Und auch zu sagen, daß er's ihm verboten hat?« lachte der Gatte. Aber

es ist ein Etwas von Verachtung in seinem Lachen. Solche Dinge kann man

freilich dem Träumer zutrauen; aber jetzt will er es ihm nicht zutrauen.

»Freilich,« lacht er noch wilder. »Ein noch Dümmerer als der Träumer

weiß, umsonst tut's keine. Die Schlechteste hält sich eines Preises

wert. Eine mit solchen Haaren und mit solchen Augen, solchem Leib!« Er

greift ihr in die Haare und sieht ihr in die Augen mit einem Blick, vor

dem die Reinheit erröten muß, den nur die Verworfenheit lachend erträgt.

Er nimmt das Erröten für ein Geständnis und lacht noch wilder. »Du

willst sagen, ich bin noch schlechter als er. Hahaha! Du hast recht. Ich

habe eine solche geheiratet. Das hätte er nicht. Dazu ist er doch nicht

schlecht genug!«

Jeder Tag, jede Nacht brachte solche Auftritte. Wußte Fritz Nettenmair

den Bruder auswärts oder auf seiner Kammer und den alten Herrn im

Gärtchen, dann ließ er seinen Zorn an Tischen und Stühlen aus. An der

Frau selber sich zu vergreifen, wagte er noch nicht. Erst muß ihn die

Wut einmal über den Zauberkreis hinwegreißen, den ihre Unschuld, die

Hoheit stillen Duldens um sie zieht. Ist es einmal geschehen, dann hat

der Zauber seine Macht verloren und er wird zuletzt aus bloßer

Gewohnheit tun, wovor er jetzt noch zurückschreckt. Die Menschen wissen

nicht, was sie tun, wenn sie sagen: »ich tu's ja nur dies einemal.« Sie

wissen nicht, welch wohltätigen Zauber sie zerstören. Daß einmal nie

einmal bleibt. --

Der alte Valentin mußte doch nicht Wort gehalten haben oder es führte

Apollonius ein Zufall an der Tür vorbei, als der Bruder ihn fern

glaubte. Er hörte das Poltern, den wilden Zornesausbruch des Bruders, er

hörte den reinen Klang von der Stimme der Frau dazwischen, noch in der

Aufregung rein und wohlklingend. Er hörte beide, ohne zu verstehen, was

sie sprachen. Er erschrak. Soweit hatte er sich das Zerwürfnis nicht

vorgestellt. Er mußte tun, was er konnte, den Zustand zu bessern.

Der Bruder blieb erst wie versteinert in seiner drohenden Stellung, als

er den Eintretenden erblickte. Er hatte das Gefühl eines Menschen, der

plötzlich bei einem Unrechte überrascht wird. Hätte ihn Apollonius

angelassen, wie er verdiente, er wäre vor ihm gekrochen. Aber Apollonius

wollte ja versöhnen und sprach das ruhig und herzlich aus. Er hätte es

freilich wissen können, er hatte es oft genug erfahren, seine Milde gab

dem Bruder nur Mut zu höhnendem Trotz; er erfuhr es jetzt wieder. Fritz

verhöhnte ihn wild lachend, daß er einen Vorwand mache, wo er Herr sei.

Ob er sich deshalb zum Herrn des Hauses gemacht? Er wußte, er an

Apollonius' Stelle wäre anders aufgetreten. Er hätte es die fühlen

lassen, die er in seiner Gewalt wußte. Er war ein ehrlicher Kerl und

brauchte nicht schön zu tun. Dazu fiel ihm ein, wie oft er vergeblich

die Tür umschlichen, um Apollonius in der Stube zu überraschen. Jetzt

war er ja da in der Stube. Er war hereingetreten, weil er ihn nicht zu

finden meinte. Apollonius war es, der erschrecken mußte, Apollonius war

der Ertappte, nicht er. Die Versöhnung war nur der erste beste Vorwand,

nach dem Apollonius griff. Darum war er so kleinlaut. Darum erschrak die

Frau, die ihn glauben machen wollte, Apollonius komme nie in das Zimmer.

Darum sah sie so flehend zu ihm auf. Der verachtende Blick, mit dem sie

ihn noch eben gemessen, war mit der Larve der erheuchelten Unschuld

plötzlich von ihrem schuldbewußten Angesicht gerissen. Nun wußte er

gewiß: es war nichts mehr zu verhindern, nur noch zu vergelten. Er

konnte nun dem Bruder zeigen, er kannte ihn, hatte ihn immer gekannt.

Er wies auf die Frau. »Sie bettelt, ich soll gehen. Wozu? Ich sehe zum

Fenster hinaus. Das ist ebensogut. Ich sehe nicht, was ihr treibt.«

Apollonius verstand ihn nicht. Die Frau wußte es, ohne ihn anzusehen.

Sie wollte hinaus. In seiner Gegenwart erniedrigt zu werden bis zum Kot

unter den Füßen, das trug sie nicht. Der Gatte hielt sie fest mit wildem

Griff. Er packte sie wie ein Raubvogel. Sie hätte laut schreien müssen,

zehrte der Seelenschmerz den körperlichen nicht auf.

»Kehr' dich nicht daran, daß sie fort will,« schluchzte Fritz Nettenmair

vor krampfhaftem Lachen und faßte den Bruder so mit den Augen, wie er

die Frau mit seiner Hand gepackt hielt. »Brauchst nicht ängstlich zu

sein. Ich kehre nur den Rücken, so ist sie wieder da. So redet doch

miteinander. Du, sag' ihm, daß du ihn nicht leiden kannst; ich glaub's

ja; was glaubt ein Mann so einer nicht? Und du, gib ihr Lehren, von

Köln, wo du alles gelernt hast, wie man seinen Bruder von Haus und

Geschäft vertreibt, um -- nun, um -- hahaha! sag' ihr doch: ein Weib

soll willig sein. Was? O solch ein willig Weib ist -- sag' ihr doch, was

so eine ist. Sie weiß es noch nicht, die -- Unschuld! hahaha!«

Apollonius begriff nichts von dem, was er hörte und sah; aber der

Mißbrauch der männlichen Stärke an einem ohnmächtigen Weibe empörte ihn.

Unwillkürlich riß dies Gefühl ihn hin. Er verdoppelte seine ohnedies dem

Bruder weit überlegene Kraft, als er den packenden Arm faßte, so daß

dieser die Beute losließ und herabfiel wie gelähmt. Die Frau wollte

hinaus, aber sie brach kraftlos zusammen. Apollonius fing sie auf und

lehnte sie in das Sofa. Dann stand er wie ein zürnender Engel vor dem

Bruder.

»Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht wert.

Ich habe viel von dir ertragen und will's noch,« sagte Apollonius; »du

bist mein Bruder. Du gibst mir schuld, ich habe dich in das Unglück

gestürzt; Gott ist mein Zeuge, ich habe alles getan, was ich wußte, dich

zu halten. Für wen hab' ich getan, was du mir vorwirfst, als für dich

und um deine Ehre, und deine Frau und deine Kinder zu retten? Wer hat

mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Für wen schaff' ich? Für

wen wach' ich? Wenn du wüßtest, wie mich schmerzt, daß du mich zwingst,

dir aufzurücken, was ich für dich tue! Weiß es Gott, du zwingst mich

dazu; ich hab's noch nicht getan, weder vor andern, noch vor mir selbst.

Du weißt es selbst, daß du nur einen Vorwand suchst, um unbrüderlich

gegen mich zu sein. Ich weiß es und will dich ertragen forthin wie bis

jetzt. Aber daß du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen

Vorwand machst, auch sie zu quälen und sie zu behandeln, wie kein braver

Mann ein braves Weib behandelt, das dulde ich nicht.«

Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bruder hatte ihn auf alle

Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn

spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschützer der

unschuldig Beleidigten. »Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O

freilich! Ist sie's nicht? Du sagst's und du bist ein braver Mann. Haha!

Wer muß es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein braver

Mann? Du hast mich nicht um alles gebracht? Du mußt mich noch um meinen

Verstand bringen, damit ich dein Märchen glaube. Sie ist dir abgeneigt?

sie kann dich nicht leiden? Ja, du weißt's noch nicht, wie sehr. Ich

darf nur fort sein, so wird sie dir's sagen. Dann wird dir's schlecht

gehen! Sie wird dich erdrücken, damit du ihr's glaubst. Wenn ich dabei

bin, sagt sie's nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist,

wenn sie brav ist, wie die. Warum sagst du nicht, du kannst auch sie

nicht leiden? O, ich hab' schon keinen Verstand mehr! Ich glaub' schon

alles, was ihr mir sagt!«

Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Leidenschaft überzeugt,

die beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden.

Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben

wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken über ein

aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war

alles so wahr, was er sah, daß er selbst es glauben mußte. Er verstummte

vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war's

doch noch zu verhindern gewesen! noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und

wieder war er selbst -- -- Aber Apollonius -- das sah er trotz seiner

Verwirrung -- zweifelte noch und konnte nicht glauben. So war sein

Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war es vielleicht noch zu

verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und wenn auch nur

für heut' und morgen noch. Aber wie? wenn er einen wilden Scherz daraus

machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war

ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der alles glaubte, was man ihm

sagte. Und er selbst wieder einer, der das Leben kennt, der mit Träumern

umzugehen weiß. Er mußte es wenigstens versuchen. Aber schnell, ehe

Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte.

Er brach in ein Gelächter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen

Lachens, womit er sich ehedem seine eigenen Einfälle zu belohnen

pflegte. Es war verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ,

Fritz Nettenmair sei eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und

noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwünschteres auf der Welt

passiert als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie

erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwünscht das

sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über die Frau,

die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der Gnade

des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen

Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollonius, daß er einen kleinen Zank so

ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam?

Man sah eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war!

Apollonius hörte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm

fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und

Zeuge des Auftritts werde. Der Bruder hörte sie zusammen weggehen. Er

war noch keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius' hatte,

als er hinausging, noch immer mit dem Gedanken gekämpft. Fritz

Nettenmair war voll Wut über sich selbst und mußte sie an der Frau

auslassen. Er fühlte in dem Augenblick, daß er alles tue, was ein Weib

schlecht machen kann. Ihr Blick verriet ihm, wie sie sich selbst

verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen müssen, wie

sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mußte es

fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht

kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch

lügen, so geschickt, als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt

war er es weniger als je.

* * * * *

In Fritz Nettenmair kämpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder.

Die wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert

Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend

Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er

haben konnte, wenn er nur wollte; er selbst hatte ihn nun auf den

Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte,

seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau -- Fritz Nettenmair

hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war -- seine eigene

Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die Gelegenheit

des Zusammenwohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab über

seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav,

als er sich stellt -- solchen Mächten gegenüber kann er ihm nicht

trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine

Frau nicht aus seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die

Kinder zu Bett gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erst als

er kein Licht mehr sieht in Apollonius' Fenstern, da lassen ihn die

Krallen und die Ketten ziehen desto stärker. Er verschließt die

Hintertür, die Apollonius von den Räumen des Hauses trennt, er schiebt

auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppentür der

Emporlaube und zuletzt die Tür, durch die er geht. Er hat Ursache zu

eilen, ohne daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten.

Fritz Nettenmair weiß es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn

dahin gebracht, daß der Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei

der Polizei, daß er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen

darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirtshause hinweg geht

er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem

ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.

Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der

Weg, den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste

war; es ist unwiederbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und

Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch

durch die glühende Kette der Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er

nie gehangen; den Bruder haßt er. Er haßt und weiß sich gehaßt oder

glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine Ännchen würde sich an ihn

drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen Kinderherzens, aber er

scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm »der Spion«. Nur an

einem Menschen hängt noch sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn

verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen, hat

geholfen, ihn zugrunde zu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der

Mensch haßt Apollonius, er ist der einzige außer ihm, der Apollonius

haßt, und deshalb hängt Apollonius' Bruder an ihm!

Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle

will schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn

andre scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie gemeinsam

lieben; das letzte Gespräch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von

ihrem Haß. Der Geselle weiß, Apollonius hätte ihn gern in das Zuchthaus

gebracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend

gegenüberstehen, mißt der Geselle den andern mit seinem Blick. Es war

ein böser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener Blick, welcher

Fritz Nettenmair fragte, ohne daß er es hören sollte, ob er auch reif

sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer

heiseren Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz

Nettenmair war die Stimme gewöhnt: »Und was ich sagen wollte: ihr werdet

bald Trauer haben. Ich hab' ihn neulich gesehen.« Er brauchte keinen

Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wußte, wen er meinte. »Es gibt Leute,

die mehr sehen, als andere,« fuhr der Geselle fort. »Es gibt Leute, die

einem Schieferdecker ansehen, wenn er noch in dem Jahre herunter muß,

daß sie ihn getragen bringen und sehen ihn daliegen, nur er selber nicht

mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimnis gesagt, wie

man zu dem »Fronweißblick« kommt. Ich hab' ihn. Und nun leb' wohl. Und

ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.«

Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangen schon in

der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel

hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über

den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor

und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich,

flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf.

Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie diese bald

verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu

Bäumen, oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes

Treiben, ein unermüdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild

dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß

er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein

nebelhaftes Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche

Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es

der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald

zuckte es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid

zusammen, bald mischten sich beide und das eine wollte das andere

verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles. Er

weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein

lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: »Da kommt er ja! Nun

wird's famos.« Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche,

seine Furcht vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht tot.

Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glück neue

Keime. Fritz Nettenmair fühlt sich einen Engel; er wünscht, der Bruder

müßte nicht sterben, weil -- er weiß, daß der Bruder sterben muß.

Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder

unter seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am roten Adler vorüber.

Die Saalfenster sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair

bleibt stehen und sieht hinauf und bewegt unwillkürlich die Hand in der

Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er

hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden,

schon vergessen. »Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, daß er fort

ist.« Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergißt die Gegenwart,

denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit hellen

Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, alles, was ihn

drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er es mit ihm in ein

Grab steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstandes mag er sich

nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie

fühlt. Ist es nicht genug, daß er weiß, er wird den Bruder verlieren?

Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrängen, dann hilft ihm sein

Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt, findet er für alles Rat,

und was ihm heute nicht einfällt, das wird ihm morgen einfallen; morgen

ist auch ein Tag. Und er ist einer, der --. Die Wendung, mit der er in

seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.

Es wird ihm doch wieder eigen zumut, denkt er sich, daß man zu der Tür,

die er eben aufschloß, einen Sarg heraustragen wird. Unwillkürlich macht

er Platz, wie um Sarg und Zug vor sich vorbeizulassen. »In das

Unabänderliche,« sagt er leise, wie sich überhörend, was er einem

Tröstenden zu antworten habe, wenn es soweit sei, »in das Unabänderliche

muß sich der Mensch ergeben.« Und wie er die Achsel zu den Worten zuckt,

da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein gewahr. Ein Stück davon

läuft über seinen Ärmel, ein anderes liegt wie abgebrochen und

herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er späht auf; der Schein kommt

daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das Fenstersims

schließt. Drinnen in der Wohnstube ist Licht. »So spät?« Der Atem stockt

dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt

ja noch; und was kommen mußte, wenn er leben bliebe, kann noch kommen,

ehe er stirbt, oder -- es ist schon da! Wie ihm die Hände fliegen, doch

ist die Tür leise wieder verschlossen und im Augenblick. Ebenso leise,

ebenso schnell ist er an der Hintertür. Sie ist nicht offen, aber nur

einmal herumgeschlossen; und Fritz Nettenmair weiß es, er kann schwören,

er hat den Schlüssel zweimal im Schloß herumgedreht, als er ging. Er

schleicht und tappt sich zur Stubentür; er hat die Klinke gefunden und

drückt sie leise; die Tür geht auf; ein trüber Lichtschein fällt auf die

Flur. Der Schimmer kommt von einem verdeckten Lichte auf dem Tisch;

neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist Ännchens Bett,

und ihre Mutter sitzt daran.

Christiane merkt nicht, daß die Tür sich öffnet. Sie hat den Kopf weit

vornübergebeugt über das Bett; sie singt leise und weiß nicht, was sie

singt; sie horcht voll Angst, aber nicht auf ihren Gesang; ihre Augen

würden weinen, machten Tränen den Blick nicht trübe. Aber nun kann die

Röte auf des Kindes Wange wiederkommen, nun kann der eigene, fremde Zug

um des Kindes Augen und Mund verschwinden; und sie säh' es nicht und

ängstigte sich noch vergeblich. Ihr ist es, als müßte jene wiederkehren

und dieser gehen, wenn sie sich nur recht angestrengt mühte, dieses

Kehren und Gehen zu bemerken. Und dabei kann sie doch noch daran denken,

wie plötzlich das gekommen ist, was sie so sehr beängstigt; wie das

Ännchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit fremder Stimme

aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen können; wie sie aufgesprungen

und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und dieser,

ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Der alte Gesell hatte alle

Schlüssel im Hause probiert, bis sich ergab, der Schuppenschlüssel

schließe die Hintertür; das wußte sie nicht. Desto lebendiger stand es

vor ihr, wie Apollonius hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten

Kommen gewesen, wie sie voll Schreck und Scham und doch voll wunderbarer

Beruhigung sich gefühlt. Apollonius hatte sogleich den Arzt, dann

Arzneien geholt. Er hatte an dem Bettchen gestanden und sich über das

Ännchen gebeugt, wie sie jetzt tat. Er hatte sie voll Schmerz angesehen

und gesagt, Ännchens Krankheit komme von dem ehelichen Zerwürfnis, und

es werde nicht gesund, höre dies nicht auf. Er hatte von den Wundern

erzählt, die einer Mutter möglich würden, und wie sich der Mensch

bezwingen könne und müsse. Dann hatte er dem Valentin noch manches des

Ännchens wegen anbefohlen und war gegangen aus Sorge, der Bruder könnte

sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett

seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollten sie in

Apollonius' Arme jagen; es war ihr, als wäre alles gut, läge sie an

seiner Brust, als dürfte sie ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie

er so zu Häupten des Kindes stand und sprach, da kam er ihr so herrlich

vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf den Knien liegen dürfe. Der

Bettschirm hüllte die große, schlanke Gestalt in seinen Schatten, nur

seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und erschienen, von

dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie. Dachte sie

von ihm weg zu ihrem Gatten, dann krampfte eisiger Frost ihr Herz

zusammen, und Widerwillen bäumte sich darin wie ein Riese gegen den

bloßen Gedanken auf. Aber Apollonius hatte gesagt, Ännchen werde nicht

wieder gesund, wenn das Zerwürfnis nicht ende. Er hatte gesagt, der

Mensch könne und müsse sich bezwingen; sie wollte sich bezwingen, weil

er es gesagt. Einer Mutter seien Wunder möglich für ihr Kind; dachte sie

an Apollonius' Gesicht, wie er so sprach, mußte ihr das größte Wunder

möglich werden.

Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an nichts, als daß Apollonius

dagewesen sein müsse, wenn er auch jetzt nicht mehr da war. Es flirrte

ihm vor den Augen vor Wut. Er wäre auf die Frau losgestürzt, sah er

nicht den alten Valentin an der Kammertüre sitzen. Er wollte warten, bis

dieser einmal das Zimmer verließe, und schlich sich nach dem Stuhle am

Fenster, wo er sonst immer gesessen, und als wie ein andrer, denn jetzt!

Die Frau hörte seinen leisen Tritt; sein Antlitz konnte sie nicht sehen.

Ihr schien, er wußte um Ännchens Zustand und ging deshalb so leise. Sie

sah Ännchen mit einem Blicke an, der sagte, was sie jetzt tun wollte,

tat sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der Tür, aus der er

gegangen war, setzte hinzu: »und weil er's gesagt«.

»Da ist der Vater, Ännchen,« sagte sie dann. Sie redete eigentlich mit

dem Gatten, der am Fenster saß; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht

zuwenden, ihre Rede nicht unmittelbar an ihn richten. »Du hast immer

nach ihm gefragt. Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er

sonst war, eh' du krank geworden bist. Deine Mutter will's auch -- um

deinetwillen.«

Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, daß der Mann seinen

Groll mit Gewalt festhalten mußte. Er dachte: »Sie tut so süß, um dich

zu hintergehen. Sie haben's verabredet, als er da war.« Und der Groll

schwoll nur noch grimmiger an den weichen Klängen, mit denen sie

fortfuhr:

»Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, Ännchen? Du bist ja ein

so gut, lieb Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur -- du

hast kein Herz vor dem Vater, du dumm lieb Ännchen, weil er laut

spricht. Er meint's nicht bös deshalb.«

Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem

Kinde. Sie erwartete, er werde an das Bett treten zu dem Kinde und

sprechen, wie sie, und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken

mochte, das Kind war doch sein Kind, und es war krank.

Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen. Ein halb

Vaterunser lang hörte man nichts als das Ticken der Uhr, und das wurde

immer schneller, wie das Klopfen eines Menschenherzens, das Schlimmes

kommen ahnt; die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht.

Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen.

Die Brust des Kindes röchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht; es

wollte mit den Händen nach dem Vater langen, es konnte nicht; es konnte

nichts, als die Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des

Vaters Seele sah die flehenden nicht; in ihren Händen hielt sie

krampfhaft ihren Groll und hatte keine Hand frei für das Kind. Er hört

das Röcheln, aber er weiß, das Kind ist abgerichtet von seinen Feinden,

es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wäre es wirklich krank, so wäre

es absichtlich krank geworden, um ihn betrügen zu helfen, und stürbe es,

so würde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden

tut. Wäre sein Auge nicht selber so krank, daß es ihm außen nur immer

das eine zeigt, über dem seine Seele innen unablässig brütet, er müßte

es am Gesichte der Mutter sehen, an dem Ton ihrer Stimme hören, sie

verstellt sich nicht, das Kind ist wirklich krank und sehr krank; aber

ihre Weichheit, ihre Angst ist ihm nur die Angst des Gewissens, die

Angst vor seiner Strafe, die sie verdient, fühlt und doch entwaffnen

will. Valentin tritt von dem Lichte weg und geht hinaus, um sich draußen

auszuweinen. Der Mann steht auf und nähert sich leise der Frau, ohne daß

sie ihn bemerkt. Er will sie überraschen und das gelingt ihm. Sie

erschrickt, wie sie plötzlich über dem Bette jäh vor sich ein

entstelltes Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er preßt durch

die Zähne: »du erschrickst? Weißt du warum?«

Sie hat ihm selber sagen wollen, daß Apollonius in der Stube gewesen

ist, aber noch hat sie es nicht gekonnt; vor dem Bette des kranken

Kindes durfte sie es nicht; weil sie weiß, er wird auffahren; den

Anblick seiner Roheit hat sie dem Kinde erspart, als es noch gesund war,

wenn sie es vermochte; jetzt konnte der Schreck dem kranken Kinde den

Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie sieht ihn flehend an und

zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind.

»Er war da! War er nicht da?« fragt er; nicht um zu erfahren, wonach er

fragt, sondern um zu zeigen, daß er es nicht erst zu erfahren braucht.

Seine Faust hebt sich geballt; Ännchen kämpft, sich aufzurichten. Er

sieht es nicht; die Frau sieht es; ihre Angst wächst. Sie schlägt die

Hände zusammen, sie sieht ihn an mit einem Blicke, in dem alles steht,

was ein Weib versprechen, was ein Weib drohen kann; er sieht nur ihr

Erschrecken, daß er es weiß, was geschah, und die Faust fällt nieder auf

ihre Stirn.

Ein Schrei klingt; das Kind rollt sich in Krämpfen zusammen, die Mutter,

über es hingestürzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt, Fritz

Nettenmair geht in die Kammer.

Er weiß nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck über

das, was er getan. Er sinkt auf das Bett, als hätte der Schlag, den er

geführt, ihn selbst betäubt; er hört nur halb, wie Valentin nach dem

Arzt läuft. Ebenso hört er diesen kommen und gehen, ebenso lauscht er,

ob er nicht Apollonius' Flüstern und seinen leisen Schritt vernehmen

kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham hält ihn davon zurück. Er

rechtfertigt sein Tun und nennt Ännchens Krankheit eine Pimpelei: »Heute

wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als je!«

Aus dem fieberischen Horchen und Sichberuhigen wird ein fieberisches

Träumen. Er sieht Apollonius, wie er seine Leiter an der Helmstange

festbinden will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden

fortwährend wie tröstend: »Jetzt wird er fallen! jetzt!« aber Apollonius

fällt nicht. Jeden Augenblick erwartet er, die Taue sollen reißen, in

welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge hängt; sie reißen nicht. In

diese Träume hinein hört er die Tür der Stube gehen; der Traum macht

einen Fall daraus, den Fall eines schweren Körpers aus ungeheurer Höhe.

Da wird ihm leicht, als wäre nun alles gut. Im Halbschlummer hört er in

der Stube leises Gehen, leises Reden, leises Weinen, und dazwischen ist

es wieder still.

Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewältigt,

als sei ein Schlafender in der Nähe, den es nicht wecken will, und

wieder ausbricht, daß es den Schläfer nicht wecken _kann_, und wieder

leise wird, weil es wie über sich selbst erschrickt, daß es laut ist:

wer kennt es nicht? wer errät es nicht, wenn er es nicht kennt?

Fritz Nettenmair weiß es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Toter.

Sie haben ihn gebracht. »In das Unabänderliche muß der Mensch sich

ergeben.«

Zum erstenmal seit vielen Monden schläft er wieder ruhig.

Und warum sollte er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger

schottischer Walzer. »Da ist er ja! Nun wird's famos!« klingt es aus der

Ferne vom roten Adler herein in seinen Schlaf.

Das Leisegehen und Leisereden aber war wirklich und dauerte fort; und

eine Leiche war in der Stube, eine schöne Kinderleiche. Während Fritz

Nettenmair von Leitern und Fahrzeugen träumte, hatte des kleinen

Ännchens Seele sich zu einem besseren Vater gerettet. Der Leib lag starr

in dem kleinen Bettchen. Der Zwist der Eltern hatte das Kind krank

gemacht; Schmerz über die wilde Tat des Vaters an der Mutter hatte ihm

das kleine Herz gebrochen.

Zwischen Himmel und Erde · 第 7 / 10 题