»Morgen mit Sonnenaufgang machst du dich auf die Reise.« Nachdem er so
eine trotzige Antwort fast erzwingen zu wollen geschienen, mochte er
seinen Zorn bereuen. Er machte eine Bewegung. Apollonius ging gehorsam.
Der alte Herr folgte ihm und kam einigemal auf das Zimmer der Brüder, um
mit milderem Grimme den Einpackenden an mancherlei zu erinnern, was er
nicht vergessen solle.
Und vom Georgenturme tönte eben der letzte von vier Glockenschlägen, als
sich die Tür des Hauses mit den grünen Fensterladen auftat und unser
junger Wanderer heraustrat, von dem Bruder begleitet. An derselben
Stelle, von der er jetzt auf die unter ihm liegende Stadt herabsah,
hatte der Bruder Abschied von ihm genommen und er ihm lange, lange
nachgesehen. »Vielleicht gewinn' ich dir sie doch,« hatte der Bruder
gesagt, »und dann schreib' ich dir's sogleich. Und ist's mit der nichts,
so ist sie nicht die einzige auf der Welt. Du bist ein Kerl, ich kann
dir's wohl sagen, so hübsch wie einer, und legst du nur dein blödes
Wesen ab, kann dir's bei keiner fehlen. Es ist einmal so, die Mädel
können nicht um uns werben und ich möchte die nicht einmal, die sich mir
von selbst an den Hals würfe. Und was soll ein rasches Mädel mit einem
Träumer anfangen? Der Vetter in Köln soll ein paar schöne Töchter haben.
Und nun leb' wohl. Deinen Brief besorg' ich noch heut'.«
Damit war der Bruder von ihm geschieden.
»Ja,« sagte Apollonius bei sich, als er ihm nachsah. »Er hat recht.
Nicht wegen der Töchter vom Vetter oder sonst einer andern, und wär' sie
noch so hübsch. Wär' ich anders gewesen, jetzt müßt' ich vielleicht
nicht in die Fremde. War ich's, dem sie die Blume hingelegt hat am
Pfingstschießen? Hat sie mir begegnen wollen damals und früher? wer
weiß, wie schwer's ihr geworden ist. Und wie sie das alles umsonst
getan, hat sie sich nicht vor sich selber schämen müssen? O, sie hat
recht, wenn sie nichts mehr von mir wissen will. Ich muß anders werden.«
Und dieser Entschluß war keine taube Blüte gewesen. Das Haus seines
Vetters in Köln zeigte sich keiner Art von Träumerei förderlich. Er fand
ein ganz anderes Zusammenleben als daheim. Der alte Vetter war so
lebenslustig als das jüngste Glied der Familie. Da war keine
Vereinsamung möglich. Ein aufgeweckter Sinn für das Lächerliche ließ
keine Art von Absonderlichkeit aufkommen. Jeder mußte auf seiner Hut
sein; keiner konnte sich gehen lassen. Apollonius hätte ein anderer
werden müssen und wenn er nicht wollte. Auch im Geschäfte ging es anders
her als daheim. Der alte Herr im blauen Rock gab seine Befehle, wie der
Gott der Hebräer aus Wolken und mit der Stimme des Donners, er hätte
seinem Ansehen etwas zu vergeben geglaubt durch Aussprechen seiner
Gründe, es gab kein Warum, und seine Söhne wagten nicht, nach Warum zu
fragen. Und selbst das Verkehrte mußte durchgeführt werden, war der
Befehl einmal ausgesprochen. Über Dinge, die das Geschäft nicht
betrafen, redete er mit den Söhnen gar nicht. Dagegen war es des Vetters
Weise, ehe er selbst seine Ansicht über einen Punkt des Geschäfts
aussprach, seine Gehilfen um ihre Meinung zu fragen. Es war dann nicht
genug an der Meinung, er wollte auch die Gründe wissen. Dann machte er
Einwürfe; war ihre Meinung die richtige, mußten sie dieselbe siegreich
durchkämpfen; irrten sie, nötigte er sie, durch eigenes Denken auf das
Rechte zu kommen. So erzog er sich Helfer, denen er manches überlassen
konnte, die nicht um jede Kleinigkeit ihn fragen mußten. Und so hielt er
es auch mit andern Dingen. Es waren wenig Verhältnisse des bürgerlichen
Lebens, die er nicht nach seiner Weise mit seiner Familie -- und
Apollonius gehörte dazu -- durchsprach. Indem er zunächst nur darauf
auszugehen schien, das Urteil der jungen Leute zu bilden, gab er ihnen
einen Reichtum von Lebensregeln und Grundsätzen, die um so mehr Frucht
versprachen, da die jungen Leute sie hatten selbst finden müssen. Woran
der Vetter bei seinem Verwandten nicht tastete, das war dessen
Gewissenhaftigkeit, Eigensinn in der Arbeit und Sauberkeit des Leibes
und der Seele. Doch ließ er es nicht an Winken und Beispielen fehlen,
wie auch diese Tugenden an Übermaß erkranken könnten.
Apollonius erkannte deutlich, daß sein Glück ihn zu dem Vetter geführt.
Er verlor das träumerische Wesen immer mehr; bald konnte der Vetter die
schwierigste Arbeitsaufgabe in des Jünglings Hände legen, und er
vollendete jede ohne die Hilfe fremden Rates zu solcher Zufriedenheit
des Vetters, daß dieser sich gestehen mußte, er selbst würde die Sache
nicht umsichtiger begonnen, nicht energischer betrieben, nicht schneller
und glücklicher beendet haben. Bald konnte der Jüngling sich ein Urteil
bilden über die Art, wie sie daheim die Geschäfte geführt hatten. Mußte
er sich sagen, daß sie nicht die zweckmäßigste gewesen, ja daß manches,
was der alte Herr angeordnet hatte, verkehrt genannt werden mußte, dann
warf er sich wohl seinen unkindlichen Sinn bitter vor, strengte sich an,
das Tun des Vaters bei sich zu rechtfertigen, und zwang sich, war ihm
das unmöglich gewesen, zu dem Gedanken, der alte Herr habe seine guten
Gründe gehabt und er selbst sei nur zu beschränkt, um sie zu erraten.
Es kamen Briefe vom Bruder. Im ersten schrieb dieser, er sei nun so weit
über das Mädchen klar, daß ihre Härte gegen Apollonius von einer andern
Neigung des Mädchens herrühre, deren Gegenstand zu nennen sie nicht zu
bewegen sei. Aus dem nächsten, der kaum von dem Mädchen sprach, las
Apollonius ein Mitleid mit ihm heraus, dessen Grund er nicht zu finden
wußte. Der dritte gab diesen Grund nur zu deutlich an. Der Bruder selbst
war der Gegenstand der verschwiegenen Neigung des Mädchens gewesen. Sie
hatte ihm mancherlei Zeichen davon gegeben, nachdem er nach des Vaters
Willen seiner ersten Geliebten entsagt. Er hatte nichts davon geahnt,
und als er nun als Werber für den Bruder aufgetreten, hatte Scham und
Überzeugung, er selbst liebe sie nicht, ihren Mund verschlossen.
Nun begriff Apollonius unter Schmerzen, daß er sich geirrt, als er
gemeint, jene stummen Zeichen gälten ihm. Er wunderte sich, daß er
seinen Irrtum nicht damals schon eingesehen. War nicht sein Bruder ihr
so nah, als er, da sie die Blume hinlegte, die der Unrechte fand? Und
wenn sie ihm so absichtlich unabsichtlich allein begegnete -- ja, wenn
er sich die Augenblicke, die Eigentümer seiner Träume, vergegenwärtigte
-- sie hatte seinen Bruder gesucht, darum war sie erschrocken, ihm zu
begegnen, darum floh sie jedesmal, wenn sie ihn erkannte, wenn sie den
fand, den sie nicht suchte. Mit ihm sprach sie nicht; mit dem Bruder
konnte sie Viertelstunden lang scherzen.
Diese Gedanken bezeichneten Stunden, Tage, Wochen tiefinnersten
Schmerzes; aber das Vertrauen des Vetters, das durch Bewährung vergolten
werden mußte, die heilende Wirkung emsigen und bedachten Schaffens, die
Männlichkeit, zu der sein Wesen durch beides schon gereift war,
bewährten sich in dem Kampfe und gingen noch gekräftigter daraus hervor.
Ein späterer Brief, den er vom Bruder erhielt, meldete ihm, der alte
Walther, der des Mädchens Neigung entdeckt und der alte Herr im blauen
Rocke waren übereingekommen, der Bruder solle das Mädchen heiraten. Des
alten Herrn Soll war ein Muß, das wußte Apollonius so gut als der
Bruder. Des Mädchens Neigung hatte den Bruder gerührt; sie war schön und
brav; sollte er sich dem Willen des Vaters entgegensetzen um Apollonius
willen, um einer Liebe willen, die ohne Hoffnung war? Der Zustimmung
Apollonius im voraus gewiß, hatte er sich in die Schickung des Himmels
ergeben.
Die ganze erste Hälfte des folgenden Briefes, in welchem er seine Heirat
meldete, klang die fromme Stimmung nach. Nach vielen herzlichen
Trostesworten kam die Entschuldigung oder vielmehr Rechtfertigung, warum
der Bruder zwischen diesem und dem vorigen Briefe zwei Jahre lang nicht
geschrieben. Darauf eine Beschreibung seines häuslichen Glückes; ein
Mädchen und einen Knaben hatte ihm sein junges Weib geboren, das noch
mit der ganzen Glut ihrer Mädchenliebe an ihm hing. Der Vater war
unterdes von einem Augenübel befallen und immer unfähiger geworden, das
Geschäft nach seiner souveränen Weise allein zu leiten. Das hatte ihn
noch immer wunderlicher gemacht. Wenn er eine Zeitlang die Zügel ganz
den Händen des Sohnes überlassen, dann hatte ihn das alte Bedürfnis zu
herrschen, durch die Langeweile der gezwungenen Muße noch geschärft,
sich wieder aufraffen lassen. Nun kannte er die Sache, um die es sich
eben handelte (und an die er sich bisher nichts gekehrt) nur
unzureichend; und wenn er sie kannte, so war ihm darum zu tun, seinen
Willen als den herrschenden durchzusetzen. Und schon deshalb verwarf er
den Plan, nach dem der Sohn bisher gehandelt. Was bereits geschehen,
Arbeit und Auslage waren verloren. Dabei mußte er doch wieder den Sohn
zu Hilfe nehmen und die beste Darstellung des Verhaltes ersetzte dem
alten Herrn den Mangel der eigenen Anschauung nicht. Zuletzt mußte er
einsehen, daß die Sache auf seinem Wege nicht ging. Geld, Zeit und
Arbeitskraft war vergeudet und, was ihn noch tiefer traf, er hatte sich
bloßgegeben. Nach einigen dergestalt mißlungenen Versuchen, die Zügel
als blinder Fuhrmann wieder an sich zu reißen, hatte er sich von den
Geschäften zurückgezogen. Bloß als beratender Helfer sich einem andern
unterzuordnen und gar dem eigenen Sohne, der bis vor kurzem noch der
ungefragte und willenlose Vollzieher seiner Befehle gewesen, das war dem
alten Herrn unmöglich. Im Gärtchen fand er Beschäftigung; er konnte sich
neue machen, wenn ihm nicht genügte, was die Pflege des Gärtchens bis
jetzt seinen Besorgern von selbst abgefordert. Er konnte das Alte
entfernen, Neues ersinnen und wieder Neuerem Platz machen lassen, und er
tat es. Unumschränkt herrschend in dem kleinen grünen Reiche, in dem von
nun an kein Warum mehr laut werden durfte, wo neben dem Gesetze der
Natur nur noch ein einziges waltete, sein Wille, vergaß oder schien er
zu vergessen, daß er früher einen mächtigeren Zepter geführt.
Mehr aber als von dem Geschäfte und dem wunderlichen alten Herrn schrieb
der Bruder in seinen folgenden Briefen von den Festlichkeiten der
Schützengesellschaft der Vaterstadt und einem Bürgervereine, der
zusammengetreten war, sein Ergötzen von dem der niedriger stehenden
Schichten der Bevölkerung abzusondern. Aus allen den Beschreibungen von
Vogel- und Scheibenschießen, Konzerten und Bällen, als deren Mittelpunkt
er und seine junge Frau dastanden, lachte die höchste Befriedigung der
Eitelkeit des Briefstellers. Nur in einer Nachschrift war in dem letzten
Briefe des ernsteren Umstandes leicht Erwähnung getan, die Stadt wolle
eine Reparatur des Turm- und Kirchendaches zu Sankt Georg vornehmen
lassen und habe ihn mit Ausführung derselben betraut. Der im blauen
Rocke dringe in ihn, Apollonius aufzufordern, in die Vaterstadt und das
Geschäft zurückzukehren. Der Bruder war der Meinung, Apollonius werde
die ihm liebgewordenen Verhältnisse in Köln nicht um einer so
geringfügigen Ursache willen verlassen mögen. Die Reparatur werde mit
den vorhandenen Arbeitskräften in kurzer Zeit zu vollenden sein. Der
schadhaften Stellen an Turm- und Kirchendach seien nur wenige. Überdies
sehe er auch ab von dem Widerwillen seiner Frau gegen Apollonius, den er
seither so vergebens bekämpft, würde es diesem eine unnütze Quälerei
sein, alles das sich wieder aufzufrischen, was er froh sein müsse,
vergessen zu haben. Er werde leicht einen Vorwand finden, dem Gehorsam
gegen einen Befehl, den nur Wunderlichkeit eingegeben, auszuweichen. Den
Schluß des Briefes machte eine neckende Anspielung auf ein Verhältnis
unseres Helden mit der jüngsten Tochter des Vetters, von dem die
Vaterstadt voll sei. Der Bruder ließ sich ihr als seiner künftigen
Schwägerin empfehlen.
Wenn auch ein solches Verhältnis nicht bestand, Apollonius konnte sich
sagen, es lag nur an ihm, es in das Leben zu rufen. Der Vetter hatte
schon manchen Wink fallen lassen, der dahin zielte; und das Mädchen, von
dem die Rede war, hätte sich nicht gesträubt. Unser Apollonius war ein
Bursche geworden, den so leicht keine ausgeschlagen hätte, deren Herz
und Hand noch zu ihrer Verfügung stand. Die Gewohnheit, nach seinem
eigenen Ermessen zu handeln und über die Tätigkeit einer Anzahl
tüchtiger Arbeiter selbständig zu verfügen, hatte seinem Äußern Haltung,
seinem Benehmen Sicherheit gegeben. Und was von seiner frühern
Schüchternheit gegen Frauen und der Neigung, sich träumend in sich
selbst zu versenken, noch übrig geblieben war, erhöhte noch die sichere
Männlichkeit, deren Ausdruck es milderte.
Ja, er wußte, daß er des Vetters Schwiegersohn werden konnte, wenn er
wollte. Das Mädchen war hübsch, brav und ihm zugetan wie eine Schwester.
Aber nur als eine Schwester sah er sie an; es war ihm nie der Wunsch
gekommen, sie möchte ihm mehr sein. Die Neigung zu Christianen glaubte
er besiegt zu haben; er wußte nicht, daß doch nur sie es war, die
zwischen ihm und des Vetters Tochter stand und zwischen ihm und jeder
andern gestanden hätte. Als er erfuhr, Christiane liebte seinen Bruder,
hatte er die kleine Blechkapsel mit der Blume von der Brust genommen, wo
er sie seit jenem Abende trug, da er sie irrend als für ihn hingelegt
aufgehoben. Als Christiane seines Bruders Weib geworden war, packte er
die Kapsel mit der Blume ein und schickte sie dem Bruder. Wegwerfen
konnte er nicht, was ihm einmal teuer gewesen, aber besitzen durfte er
die Blume nicht mehr. Besitzen durfte sie nur der, für den sie bestimmt
gewesen, dem die Hand gehörte, die sie gegeben hatte.
Der Vater rief ihn zurück; er mußte gehorchen. Aber es war mehr als der
bloße Gehorsam in ihm lebendig. Er ging nicht nur; er ging gern. Des
Vaters Wort war ihm mehr Erlaubnis als Befehl. Wenn die Frühlingssonne
in ein Gemach dringt, das den Winter über unbewohnt und verschlossen
stand, dann sieht man, es war schlafendes Leben, was wie vertrocknete
Leichen auf der Diele lag. Nun regt es sich und dehnt sich und wird zur
summenden Wolke, und braust jubelnd hinein in den goldenen Strahl. Nicht
der Vater allein, jedes Haus der Vaterstadt, jeder Hügel, jeder Garten
darum, jeder darin rief ihn. Der Bruder, die Schwester -- diesen Namen
gab er Christianen -- riefen ihn. Er fühlte sich sicher, daß es nur die
Schwester war, die ihn zu ihr zog. Doch sie rief ihn ja nicht. Sie trug
einen Widerwillen gegen ihn, hatte ihm der Bruder geschrieben; einen
Widerwillen, so stark, daß sechs Jahre lang der Bruder vergeblich gegen
ihn gekämpft. Es war ihm, als müsse er schon deswegen heim, damit er ihr
zeigte, er verdiente ihren Widerwillen nicht, er sei wert, ihr Bruder zu
sein. Das schrieb er dem Bruder in dem Briefe, der seinen Gehorsam
meldete und den Tag angab, an dem der Bruder ihn erwarten sollte. Er
konnte ihn versichern, daß die Erinnerungen an ehemals ihn nicht quälen
würden, daß die Sorge des Bruders unbegründet sei.
So war es gekommen, daß der Gedanke an sie keine von den alten
Hoffnungen erweckte. Als er von der Höhe herabsah, fragte er sich: wird
mir's gelingen, ihr Bruder zu werden, die mir jetzt eine Schwester ist?
Noch eine Weile stand er und sah hinab. Aber seine Haltung hatte sich
verändert und sein Blick war ein andrer geworden. In Gedanken hatte ich
die letzten sechs Jahre noch einmal durchlebt und war noch einmal aus
einem blöden, träumerischen Knaben zum Manne geworden. Als sein Blick
wieder auf den Turm und die Kirche zu Sankt Georg fiel, hob sich die
Hand nicht wie vorhin unwillkürlich, wie um eine unsichtbar ihm
hingereichte zu drücken. Er schalt sich über sein kindisches Gaffen. Er
mußte sobald als möglich die Dinge in der Nähe sehen, um sich ein Urteil
zu bilden, was zu tun sei. Die Liebe zur Heimat war noch so stark in ihm
als je, aber es war nicht mehr die des Knaben, dem die Heimat eine
Mutter ist, die ihn hätschelnd in die Arme nimmt; es war die Liebe des
Mannes. Die Heimat war ihm ein Weib, ein Kind, für das es zu schaffen
ihn trieb.
* * * * *
Wer heute in das Haus hineinsehen konnte mit den grünen Fensterladen,
etwa eine Stunde vor Mittag, der merkte wohl, daß die Gedanken seiner
Bewohner nicht im gewöhnlichen alltäglichen Geleise gingen. Man konnte
es sehen an der Art, wie die Leute aufstanden und wie sie sich setzten,
wie sie die Türen öffneten und schlossen, wie sie Dinge anfaßten und
wieder wegstellten, mit denen sie weiter nichts taten, als sie nehmen
und wieder hinstellen, und offenbar auch weiter nichts tun wollten. Wer
sich besinnt, in welcher Gemütslage er am öftesten die Uhr aus der
Tasche zog, und noch ehe er sie wieder in die Tasche versenkt, schon
vergessen hatte, welche Zeit es sei, und sie wieder hervorholte, und da
er nicht wußte, warum er das getan, sie an das Ohr hielt, und ohne
gehört zu haben, ob sie noch ging oder nicht, den Uhrschlüssel suchte
und sie aufzog, vielleicht zum dritten Male in Zeit von einer Stunde:
der wird, falls er sich noch besinnen kann auf das, was er schon damals
nicht wußte, als er es tat, erraten können, was die Leute zu aller der
zwecklosen Tätigkeit verleitet. Auch der junge Herr, der eben zum
sechsten Male seit einer Stunde seine Uhr aufziehen will, ist so wenig
mit dem Bewußtsein bei diesem Geschäft, daß er es in der nächsten
Viertelstunde zum siebenten Male versuchen wird. Dann setzt er seine
wohlgenährte, kurze Gestalt auf den Stuhl am Fenster und ist ungewiß, ob
er hinaus auf die Straße sieht, oder ob er bei den Gedanken ist, die in
derselben zwecklosen Unruhe, die sein Äußeres zeigt, wie Wolkenschatten
an seinem Bewußtsein vorbeiflattern. Er sitzt in schwarzer
Sonntagskleidung einer jungen Frau gegenüber. Er hätte Zeit genug, zu
sehen, wie schön sie ist, wie anmutig ihr das zerstreute Wesen ansteht,
-- und es kleidet sie weit besser, als ihn. Zuweilen scheint er es auch
zu sehen, aber dann ist es, als wäre es ihm keine Freude. Dann werden
die Gedankenschatten auf seinem Gesichte tiefer und flattern nicht mehr
so schnell darüber hin. Er betrachtet die schönen Züge der jungen Frau
genauer, ja es ist, als ob er sie belauere, als ob er sich sorgenvoll
frage, ob sie den Ausdruck von Widerwillen, der über ihnen hängt,
behalten werde, bis -- und klingt dann zufällig ein stärkerer Tritt von
der Straße herein an sein Ohr, dann schrickt er auf, aber er vermeidet
ihre schönen, offenen Augen, die sie, vom Klange des Tritts geweckt,
nach ihm hin aufschlagen kann.
Im Gärtchen kann der alte Valentin einem ebenso alten Herrn im blauen
Rock nichts recht machen. Er ist zu aufgeregt und horcht und sieht viel
durch den Zaun nach der Straße, darüber tut er bald zu wenig, bald zu
viel; und der alte Herr schilt manchmal, scheint es auch nur, um seine
Bewegung zu verbergen. Die Hände zittern merklich, mit denen er
untersucht, ob die Buchsbaumeinfassung der kleinen Beete auch so
eigensinnig gleichmäßig geschoren ist, wie er sie geschoren haben würde,
besäße er noch das scharfe Auge von ehedem. Der alte Valentin müßte eine
Träne von den hohlen Backen wischen, wie es so oft geschieht, über die
Hilflosigkeit des alten Herrn und tausend Vergleiche zwischen sonst und
jetzt, die ihm der Anblick derselben herbeiruft; aber seine Augen und
seine Gedanken sind auf der Straße vor dem Zaun.
Hinten am Ende des Ganges neben der Tür des Schuppens sitzt auf einem
Haufen Schieferplatten ein ungemütlicher Gesell in Hemdärmeln. Der
Ausdruck seines Gesichts wechselt ohne sichtbaren äußeren Anlaß zwischen
widerwärtiger Zutulichkeit und tückischem Trotz. Er kramt, scheint es,
unter seinen Gesichtern, wie ein Mädchen in ihrem Schmuck. Er hält beide
bereit, um das rechte gleich bei der Hand zu haben. Er weiß noch nicht,
welches er brauchen wird.
Vorn durch den Spalt der wenig geöffneten Haustüre lauscht das
Dienstmädchen. Aber keine ihrer Bekannten geht vorbei. Bald wird sie auf
einen Vorwand sinnen, die erste beste vorüberwandelnde Gestalt
anzuhalten, nur um wie gelegentlich anzubringen, das Haus erwarte heute
seinen jüngeren Sohn aus der Fremde zurück. Einstweilen sagt sie es dem
alten Hunde, der, bemüht, die verschiedenen Gruppen durch sein Ab- und
Zugehen in Verbindung zu erhalten, eben bei ihr angekommen ist. Und
sogleich wendet er sich nach dem Hofe zurück, wie um weiter zu sagen,
was er vernommen. Der alte Hund ist von der Unruhe der Menschen
angesteckt. Ist doch jetzt die Stunde, die er an andern Tagen vor seiner
Hütte schlafend verbringt.
Die alte Gewohnheit scheint ihn zu mahnen, als er an seiner Hütte
vorbeilaufen will. Er legt sich daneben, aber er schließt die Augen
nicht; er scheint in tiefe Gedanken versunken. Denkt er sich die weite
Erde mit ihren Bergen und Tälern und Flüssen, mit ihren Städten und
Dörfern? Und von Ort zu Orte Straßen und auf jeder Straße Wanderer,
fortziehende und heimkehrende?
Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich
spinnen die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je
nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes
Gewebe! Manche reißen, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben
ausgespannt, so lang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind;
manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurück. Dann eilt des Wanderers
Seele vor ihm her und pocht schon an des Vaterhauses Tür und liegt an
warmen Herzen, an Wangen von Freudentränen feucht, in Armen, die ihn
drücken und umfangen und ihn nicht lassen wollen, während sein Fuß noch
weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er auf der Flur des
Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang, als er
geträumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt er
zweimal: sie sind's, und zweimal: sie sind's nicht. Dann sucht er die
altbekannten lieben Stellen, die Häuser, den Fluß, die Berge, die das
Heimatstal umgürten; die müssen doch die alten geblieben sein. Aber auch
sie sind anders geworden. Oft sind es die Dinge, die Menschen, oft nur
das Auge, das sie wiedersieht. Die Zeit malt anders, als die Erinnerung.
Die Erinnerung glättet die alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und
die, mit denen er in der Erinnerung immer zusammen war, in der
Wirklichkeit muß er sich erst wieder an sie gewöhnen.
Ob Apollonius das dachte, als er immer etwas vergebens erwartete und
nicht wußte, daß es der Bruder war, der ihm entgegenkommen sollte? Ob
der Bruder fühlte, Apollonius müsse nach ihm aussehen, als er so schnell
von seinem Stuhle aufstand? Er hatte schon die Türklinke in der Hand. Er
ließ sie fahren. Fiel ihm ein, er könne ihn verfehlen, und blieb, weil
er Frau und Bruder die Peinlichkeit des Augenblicks ersparen wollte, in
dem sie einander allein gegenüberstehen müßten? Sie mit dem Widerwillen
und er mit dem Bewußtsein jenes Widerwillens. Jetzt stieg die alte
Gestalt des Geschiedenen vor dem Bruder auf und es war, als befreite sie
ihn von schweren Sorgen. Es war die Wendung, mit der er sich sonst von
dem Gegenwärtigen abwandte, und dabei aussah, als sagte er zu sich: »der
Träumer«! und eine rasche Bewegung machte, wie um recht zu fühlen,
welch' ein andrer er sei, wie besser er sich auf das Leben verstehe und
die Art, »die lange Haare hat und Schürzen trägt«. Er musterte mit einem
beruhigten Blick in den Spiegel seine gedrungene Gestalt, sein volles,
rotes Gesicht, das tiefer in den Schultern stak, als er meinte,
wenigstens nicht tiefer, als er für schön hielt; er steckte die Hände in
die Beinkleidertaschen und klapperte mit dem Gelde darin. Er besann
sich, schon dem Gesellen am Schuppen gesagt zu haben: »Es bleibt beim
alten in der Arbeit. Du nimmst von niemand Befehle als von mir. Ich bin
Herr hier«. Und der hatte so eigen Zweideutig gelacht, als sagte er ein
lautes Ja zu dem Redenden, und zu sich: »ich lass' dich so reden, weil
ich es bin«. Fritz Nettenmair dachte: »lange wird er nicht bleiben,
dafür will ich schon tun«. Und über der Bewegung, die wiederum sagte:
»ich bin ein Kerl, der das Leben versteht,« fiel ihm der Ball ein, an
dem er das heute abend noch viel genugtuender empfinden wird, weil er es
in allen Augen lesen kann, was er ist, und kein andrer so außer ihm.
Seine junge Frau scheint ähnliches zu denken. Auch sie sieht in den
Spiegel; ihre Blicke begegnen sich darin. Die Ehe soll die Gatten sich
ähnlich machen. Hier traf die Bemerkung. Das Zusammenleben hatte hier
zwei Gesichter sich ähnlich gemacht, die unter andern Umständen sich
vielleicht ebenso unähnlich sehen würden. Und es hatte eigentlich nicht
beide einander ähnlich gemacht, sondern nur eins davon dem andern. Die
übereinstimmenden Züge, das konnte ein scharfes Auge sehen, waren nur
ihm eigen; er hatte nur gegeben, aber nicht empfangen. Und doch wäre es
umgekehrt besser gewesen für Beide, wenn er es auch nicht eingestehen
würde und sie es nicht fühlte, wenigstens in diesem Augenblicke nicht.
Vielleicht auch morgen und übermorgen noch nicht. Wieviel Zeit mag nötig
sein, wieviel Schmerzen wird sie zu Hilfe nehmen müssen, von einem
ursprünglich so schönen Menschenbilde abzuwaschen, womit die Gewohnheit
von Jahren es beschmutzt!
Die Tür flog auf, das hochgerötete Antlitz des Dienstmädchens erschien
in ihr. »Er kommt!« Wer in der Straße zufällig am Fenster steht, schaut
mit Wohlgefallen auf die frische, schlanke, männliche Gestalt herab, die
daher kommt, den Tornister auf dem Rücken, den Stock unter dem Arm. Denn
er hat keine Hand frei. An der rechten führt er ein Mädchen, zwei
kleinere Knaben halten sich zugleich an seiner linken fest; ein Umstand,
der das Fortkommen nicht erleichtert. Die Nachbarn, die wußten, wer
erwartet wurde, füllen Fenster und Türen. Er hat nun nicht bloß den
unermüdlich auf ihn einredenden Kindern, er hat auch andern zu
antworten. Den Alten muß er auf Grüße und Scherzreden erwidern,
Schulkameraden zuwinken, vor errötenden Mädchengesichtern sich
verneigen. Den Hut kann er nicht abziehen; die Kinder geben seine Hände
nicht frei. Aber die Grüßenden verlangen es auch nicht; sie sehen, wie
unmöglich es ihm ist. Und wo er vorübergegangen, da sagt ein Winken
hinter ihm her: »er ist noch der alte, hübsche, bescheidene Junge,« und
ein gehobener Finger setzt hinzu: »aber er ist kein Junge mehr; er ist
ein Mann geworden, und was für einer!« Ist das Fenster geschlossen, wird
alles zu seinem Lobe laut, nur die Mädchen nicht, die reif genug waren,
sein Neigen mit unwillkürlichem Erröten zu erwidern; die sind stiller
als sonst, und die Sonne, die heut so viel heller scheint als an andern
Tagen, bringt die seltsamsten Wirkungen auf sie hervor. Zunächst einen
eignen Drang der Füße, in der Richtung nach den Fenstern sich zu
bewegen; dann ein ebenso wunderbar plötzliches Wiedererwachen längst
entschlafener Freundschaften, deren Gegenstände in der Nähe des
Nettenmairschen Hauses wohnen, und die man besuchen muß; endlich
merkwürdig oft wiederkehrenden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, den
man für ein Erröten angesehen hätte, war nur irgendein Grund dazu
vorhanden.
Ob die Veränderung, die mit unserm Wanderer in der Fremde vorgegangen,
seinen Bruder ebenso erfreuen wird, als die Nachbarn?
Er ist an der Tür des Vaterhauses angekommen. Vergeblich hat er an den
Fenstern nach einem bekannten Antlitz gesucht. Jetzt kommt ein
untersetzter Herr im schwarzen Frack herausgestürzt. So hastig kommt er
gestürzt, so wild umschlingt er ihn, so fest drückt er ihn an seine
weiße Weste, so nahe drängt er Wange gegen Wange, so lange läßt er sie
da ruhen, daß man die Wahl hat, zu glauben, er liebt den Bruder
außerordentlich, oder -- er will sich nicht gern in die Augen sehen
lassen von ihm. Aber er muß ihn doch endlich einmal aus den Armen
lassen; er nimmt ihn unter den rechten und zieht ihn in die Türe.
»Schön, daß du kommst! herrlich, daß du kommst! Es war eigentlich nicht
nötig -- ein Einfall von dem im blauen Rock, und der hat nichts mehr zu
befehlen im Geschäft. Aber es ist wirklich schön von dir; es tut mir nur
leid, daß du deiner Braut die Augen rot machst.« Deiner Braut, das
sprach er so deutlich und mit so erhöhter Stimme, daß man es in der
Wohnstube vernehmen und verstehen konnte.
Der Ankömmling suchte mit feuchten Augen in des Bruders Angesicht, wie
um Zug für Zug durchzugehen, ob auch alles noch darin sei, was ihm so
lieb und teuer gewesen. Der Bruder tat nichts dazu, ihm das Geschäft zu
erleichtern. Was ihn auch hindern mochte; er sah nur, was sich zwischen
Apollonius Kinn und Fußspitzen befand. Er hatte vielleicht gedacht, sich
mit der alten Wendung auf den Fersen an die Spitze des Zuges zu stellen.
Aber nach dem wenigen, das er gesehen, paßte »der Träumer« nicht mehr,
und die Wendung unterblieb.
»Der Vater hat es haben wollen,« sagte der Ankömmling unbefangen. »Und
was du da von einer Braut sagst --«
Der Bruder unterbrach ihn; er lachte laut in seiner alten Weise, so daß
man, sprach Apollonius auch weiter, ihn nicht mehr verstanden hätte.
»Schon gut! Schon gut! Noch einmal, es ist prächtig, daß du uns
besuchst, und vierzehn Tage wenigstens wirst du festgehalten, magst du
wollen oder nicht. Kehr' dich nicht an die,« setzte er leiser hinzu, und
zeigte mit der Rechten durch die Türe, die er eben mit der Linken
öffnete.
Die junge Frau stand mit dem Rücken gegen die Tür an einem Schrank, in
welchem sie kramte. Verlegen und nicht eben freundlich wandte sie sich,
und nur nach dem Manne. Noch sah der Schwager nichts als einen Teil
ihrer rechten Wange und eine brennende Röte darauf. Was man sonst an
ihrem Benehmen auszusetzen fände, es zeigte sich darin eine
unverkennbare Ehrlichkeit, ein Unvermögen, sich anders zu geben, als sie
war. Sie stand da, als mache sie sich gefaßt, eine Beleidigung hören zu
müssen. Der Ankömmling ging auf sie zu und ergriff ihre Hand, die sie
ihm erst schien entziehen zu wollen und dann regungslos in der seinen
liegen ließ. Er freute sich, seine werte Schwägerin zu begrüßen. Er bat
ihr ab, daß er durch sein Kommen sie erzürne, und hoffte, durch
redliches Bemühen den unverkennbaren Widerwillen zu besiegen, den sie
gegen ihn trage ...
In so schonende und artige Wendung er Bitte und Hoffnung kleidete, er
sprach beide bloß in Gedanken aus. Daß alles so war, wie er es sich
gedacht, und doch wieder so ganz anders, nahm ihm Unbefangenheit und
Mut.
Der Bruder machte der peinlichen Pause -- denn seine Frau antwortete mit
keinem Laute -- ein willkommenes Ende. Er zeigte auf die Kinder. Sie
drängten sich noch immer, unbeirrt von allem, was die Erwachsenen
bedrängte und sie nicht bemerkten und verstanden, um den neuen Onkel;
und dieser war froh über den Anlaß, sich zu ihnen herabzubeugen und
tausenderlei Fragen beantworten zu müssen.
»Die Brut ist aufdringlich,« sagte der Bruder. Er zeigte auf die Kinder,
aber er sah verstohlen nach der Frau. »Bei alledem wundert's mich, wie
ihr bekannt geworden seid. Und so schnell vertraut,« fügte er hinzu. Er
mochte in Gedanken seine letzte Bemerkung weiterspinnen: »es scheint, du
verstehst schnell vertraut zu werden und zu machen.« Ein Schatten wie
von Besorgnis legte sich über sein rotes Gesicht. Aber den Kindern galt
diese Besorgnis nicht; er hätte sonst dabei nach den Kindern gesehen und
nicht nach seiner Frau.
Der Ankömmling sprach immer eifriger mit den Kindern. Er hatte die Frage
überhört, oder er wollte vor der zürnenden Frau nicht merken lassen,
wessen Bild er so lebendig in sich trage. Die Ähnlichkeit mit der Mutter
hatte ihn die Kleinen, die ihm zufällig begegnet, als seines Bruders
Kinder erkennen lassen. Die Frage aber, wie sie so schnell mit ihm
vertraut werden konnten, hätte man an den alten Valentin tun müssen. War
er es doch gewesen, der ihnen immer von dem Onkel erzählt, der bald zu
ihnen komme. Vielleicht nur, um mit jemand von dem sprechen zu können,
von dem er so gern sprach. Der Bruder und die Schwägerin wichen solchen
Gesprächen aus, und der alte Herr machte sich nicht so gemein mit dem
alten Gesellen, über Dinge mit ihm zu sprechen, die ihm den Vorwand
bieten konnten, in irgendeine Art Vertraulichkeit gegen ihn zu
verfallen. Der alte Valentin hätte auch sagen können, die Kinder waren
nicht zufällig dem Onkel begegnet. Sie waren gegangen, um ihn zu finden.
Der alte Valentin hatte daran gedacht, wie tausend Heimkehrenden die
harrende Liebe entgegeneilt; es hatte ihm weh getan, daß nur seinem
Liebling kein Gruß entgegenkäme, ehe er pochte an des Vaters Tür.
Apollonius verstummte plötzlich. Er erschrak, daß die Verlegenheit ihn
des Vaters vergessen gemacht. Der Bruder verstand seine Bewegung und
sagte erleichtert: »er ist im Gärtchen«. Apollonius sprang auf und eilte
hinaus.
Da unter seinen Beeten kauerte die Gestalt des alten Herrn. Er folgte
der Schere des alten Valentin, der auf den Knien vor ihm herrutschte,
noch immer mit den prüfenden Händen. Er fand manche Ungleichheit, die
der Geselle sofort entfernen mußte. Ein Wunder war es nicht. Der alte
Valentin dachte jede Minute zweimal: jetzt kommt er! und wenn er so
dachte, fuhr die Schere quer in den Buchsbaum hinein. Und der alte Herr
würde noch anders gebrummt haben, hätte nicht derselbe Gedanke die Hand
unsicher gemacht, die nun sein Auge war.
Apollonius stand vor dem Vater und konnte vor Schmerz nicht sprechen. Er
hatte lang gewußt, der Vater war blind, er hatte sich ihn oft in
schmerzlichen Gedanken vorgemalt. Da war er gewesen wie sonst, nur mit
einem Schirm vor den Augen. Er hatte sich ihn sitzend oder auf den alten
Valentin sich lehnend gedacht, aber nie, wie er ihn jetzt sah, die hohe
Gestalt hilflos wie ein Kind, die kauernde Stellung, die zitternd und
ungewiß vor sich hingreifenden Hände. Nun wußte er erst, was blind sein
heißt.
Valentin setzte die Schere ab und lachte oder weinte auf den Knien; man
konnte nicht sagen, was er tat. Der alte Herr neigte erst wie horchend
den Kopf auf die Seite, dann nahm er sich zusammen. Apollonius sah, der
Vater empfand seine Blindheit als etwas, des er sich schämen müsse. Er
sah, wie der alte Herr sich anstrengte, jede Bewegung zu vermeiden, die
daran erinnern könnte, er sei blind. Er wußte nun erst, was bei dem
alten Mann, den er so sehr liebte, blind sein hieß! Der alte Herr ahnte,
daß der Ankömmling in seiner Nähe war. Aber wo? auf welcher Seite?
Apollonius fühlte, der Vater empfand diese Ungewißheit mit Beschämung,
und zwang die versagende Brust zu dem Rufe: »Vater! lieber Vater!« Er
stürzte neben dem alten Herrn in die Knie und wollte beide Arme um ihn
schlagen. Der alte Herr machte eine Bewegung, die um Schonung zu bitten
schien, obgleich sie nur den Jüngling von ihm abhalten sollte. Der
schlug die zurückgewiesenen Arme um die eigene Brust, den Schmerz da
festzuhalten, der, über die Lippen gestiegen, dem Vater verraten hätte,
wie tief er dessen Elend empfand. Die gleiche Schonung ließ den alten
Valentin die unwillkürliche Bewegung, dem alten Herrn sich aufrichten zu
helfen, zu einem Griff nach der Schere machen, die zwischen ihm und
diesem lag. Auch er wollte dem Ankömmling verbergen, was nicht zu
verbergen war. So treu und tief hatte er sich in seinen alten Herrn
hineingelebt.
Der alte Herr hatte sich erhoben und reichte dem Sohne die Hand, etwa
als wäre dieser so viel Tage fortgewesen als er Jahre fortgewesen war.
»Du wirst müde sein und hungrig! Ich leide etwas an den Augen, aber es
hat nichts zu sagen. Wegen des Geschäftes rede mit dem Fritz. Ich hab's
aufgegeben. Ich will Ruhe haben. Aber das ist's eigentlich nicht; junge
Leute müssen auch einmal selbständig werden. Das gibt mehr Lust zum
Geschäft.«
Er trat dem Sohn einen Schritt näher. Es war wie ein Kampf in ihm. Er
wollte etwas sagen, das niemand hören sollte, als der Sohn. Aber er
schwieg. Ein Gedankenschatten von Mißtrauen und Furcht, sich etwas zu
vergeben, flog über sein steinernes Gesicht. Er winkte dem Sohn, zu
gehen. Aber er selbst blieb regungslos stehen, bis sein scharfes Ohr die
Tür der Wohnstube öffnen und schließen gehört. Dann ging er nach der
Laube, immer voll Anstrengung und scheinbarer Sorglosigkeit. Drinnen
stand er lang, mit dem Gesichte der grünen Hinterwand zugekehrt, und
schien die Ranken von Teufelszwirn, die diese bildeten, angelegentlich
zu mustern. Allerlei Gedanken zogen über seine Stirn. Es waren
sorgenvolle, seltener von Hoffnung angeschimmert, als von Argwohn
überdunkelt; und alle galten dem Geschäft und der Ehre des Hauses, um
das er vor allen, selbst vor den Gliedern dieses Hauses, sich nicht im
entferntesten zu kümmern den Anschein gab.
Warum er unterdrückt, was er dem Ankömmling sagen wollte? War es vom
Geschäft oder von der Ehre des Hauses? Und wußte oder ahnte er, der
anstatt seiner nun um beides zu sorgen hatte, stand an die Tür des
Gärtchens gelehnt und konnte hören, was er mit dem Ankömmling sprach,
und wenn er heimlich mit ihm sprach, wenigstens sehen, daß er dies tat?
War es der Grund, warum er Apollonius hatte zurückrufen lassen aus der
Fremde? Und schien ihm noch jetzt jedes Aussprechen eines Warum mit
seinem Ansehen unverträglich?
Es war ein wunderlich Beisammensein drinnen in der Wohnstube am
Mittagstisch. Der alte Herr saß, wie immer, allein auf seinem Stübchen.
Auch die Kinder waren entfernt worden und kamen erst nach dem Essen
wieder herein. Die junge Frau hielt sich mehr in der Küche oder sonst wo
draußen auf; und saß sie einmal wenige Minuten lang am Tisch, so war sie
stumm wie bei der Begrüßung; die grollende Wolke wich nicht von ihrer
Stirn. Der Bruder war des Vaters Zustand gewohnt, der Apollonius noch
mit erster Schärfe in das Herz schnitt; er erzählte nur von den
Wunderlichkeiten desselben; der im blauen Rock wisse selbst nicht, was
er wolle, und mache sich und allen im Hause ohne Not das Leben sauer.
Begann Apollonius von dem Geschäft, von der bevorstehenden Reparatur des
Kirchendachs von Sankt Georg, dann sprach der Bruder von Vergnügungen,
mit denen er sich freue, dem Bruder seinen Aufenthalt bei ihm angenehmer
zu machen, und gedachte dieses Aufenthalts stets als eines
vorübergehenden Besuches. Sagte der ihm, er sei nicht gekommen, sich zu
vergnügen, sondern zu arbeiten, dann lachte er wie über einen
unvergleichlichen Witz, daß Apollonius helfen wolle, nichts zu tun, und
zeigte, er verstehe Spaß, und wäre er auch noch so trocken vorgetragen.
Dann, war seine Frau hinausgegangen, forschte er nach dem Verhältnis
Apollonius zu der Tochter des Vetters und lachte dann wieder über den
Bruder Spaßvogel, in dem man den alten Träumer gar nicht wiedererkenne.
Nach Tisch kamen die Kinder wieder herein und mit ihnen mehr Leben und
Gemütlichkeit. Während Apollonius vor den alten Verhältnissen noch als
vor neuen und fremden stand, hatte das neue zu den Kleinen schon die
ganze Vertraulichkeit eines alten gewonnen. Den ganzen Nachmittag
beschäftigte den Bruder und, wie es schien, auch die Schwägerin, nur der
Ball. Der Bruder vergaß immer mehr, was ihm unbehaglich sein mochte,
über dem Eindruck, den er als Hauptperson bei dem Feste auf den
Ankömmling machen würde, und benutzte die Zeit bis zum Beginne
desselben, ihm durch Erzählungen und hingeworfene Winke von Ehre und
Aufmerksamkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten von den angesehensten
Bürgern erwiesen werde, einen Vorgeschmack zu geben. Er wurde zusehends
heiterer und schritt immer stolzer in der Stube hin und her. Das Knarren
seiner wohlgewichsten Stiefel sagte einstweilen, ehe es die Ballgäste
taten: »Ei, da ist er ja! da ist er ja!« und wenn er dazwischen mit
beiden Händen in den Hosentaschen mit Geld klapperte, klang es aus allen
Saalecken: »Nun wird's famos! Nun wird's famos!« Und dahin zwischen den
Bewillkommnenden -- aber schon ging er nicht mehr, er schwebte, er
schwamm auf der Musik -- jeder Tanz war eine Jubelouvertüre auf den
Namen Nettenmair -- er fühlte keinen Boden, keine Füße, keine Beine mehr
unter sich, kaum noch die junge Frau Nettenmair, die neben ihm schwamm,
an seiner rechten Floßfeder hängend, die Schönste unter den Schönen, wie
er der Jovialste unter den Jovialen, der Daumen an der Hand des Balles
war.
Und zwei Stunden darauf klang es wirklich von allen Seiten: »da ist er!«
rief es wirklich aus allen Ecken: »nun wird's famos!« Wo sie
vorbeikamen, wurden Stühle angeboten. Keine Hand wurde so oft und
anhaltend geschüttelt, als des jovialen Fritz Nettenmairs, keinem
Gesellschaftsmitgliede so viel ungeheucheltes Lob in die Ohren gegossen,
als ihm. Aber wie liebenswürdig war er auch! Wie herablassend nahm er
alle die verdienten Huldigungen auf. Wie witzig zeigte er sich; wie
gefällig lachte er. Und nicht allein über seine eigenen Späße -- denn
das war keine Kunst; sie waren so geistreich, daß er lachen mußte, wenn
er nicht wollte -- auch über andre, so wenig die es, gegen die seinen
gehalten, verdienten. Es gab freilich auch Leute, die sich wenig an ihn
kehrten, aber er bemerkte sie nicht, und die es deutlicher zeigten,
waren »Philister, Alltagskerle, unbedeutende Menschen«, wie er dem
Bruder mit verächtlichem Bedauern in das Ohr sagte. Es war ganz eigen;
man konnte an dem Grad ihrer Verehrung von Fritz Nettenmair ihre größere
oder geringere Bedeutung als Menschen und Bürger ganz genau ermessen. Da
stand er, den roten Kopf in den Schultern, die das ungeheuchelte Gefühl
seiner Wichtigkeit -- und seine eigene stille Meinung von sich war noch
ungeheuchelter als die laut ausgesprochene der bedeutendsten Leute im
Saale über ihn -- noch mehr als gewöhnlich in die Höhe gezogen, die Arme
bald in graziöser Eckigkeit an den Leib gedrückt, bald ausgestreckt, um
mit dem Stocke irgendeinem der bedeutendsten Leute eine klatschende
Liebkosung zu versetzen, die jederzeit mit einem dankbaren Lächeln
erwidert wurde.
Als der Tanz begann, zog Fritz Nettenmair den Bruder in eine Nebenstube.
»Du mußt tanzen,« sagte er. »Von meiner Frau würdest du einen Korb holen
und das wär' mir unangenehm. Ich will dir eine zuführen, die firm ist
und dich im Takt erhalten kann. Nur herzhaft, Junge, wenn's auch nicht
gleich gehen will.«
Fritz Nettenmair hatte in der Aufregung der Eitelkeit sechs Jahre
vergessen. Der Bruder war ihm noch der alte Träumer, den er zuweilen zu
seinem Vergnügen zu tanzen zwang. Als er nun, die Weigerung nicht
achtend, Apollonius das Mädchen zuführte, ergab sich dieser, um nicht
unhöflich zu erscheinen.
Herr Fritz Nettenmair war der gutmütigste Mensch von der Welt, solang er
sich als alleinigen Gegenstand der allgemeinen Bewunderung wußte. In
solcher Stimmung konnte er für diejenigen, die sein Glanz in den
Schatten stellte, Taten der Aufopferung tun. So auch jetzt. Wie er unter
den bedeutenden Leuten saß, die er mit Champagner traktierte, und in den
Augen seiner Frau die Befriedigung las, mit der sie ihn mit Ehren
überhäuft sah, kam die Empfindung über ihn, als habe er dem Bruder ein
großes Unrecht verziehen und er sei ein außerordentlich edler Mensch,
der alle die Ehrenbezeigungen verdiene und in wunderbarer
Anspruchlosigkeit sich dennoch herablasse, sich durch sie rühren zu
lassen. Eben tanzte Apollonius vorüber. Er sah, der war der alte Träumer
nicht mehr, aber er vergab ihm auch das. Alle Augen waren auf den
schönen Tänzer und seinen gewandten Anstand gerichtet. Fritz zog seine
Frau auf, und in der Gewißheit, wie sehr er den Bruder überglänzen
müsse, hatte er noch die Wollust, dem Bruder wer weiß wieviel Unrecht,
das ihm dieser nie zugefügt, zu verzeihen.
Aber der Undankbare! Er ließ sich nicht überglänzen. Fritz Nettenmair
tanzte jovial und wie einer, der die Welt kennt und mit der Art
umzugehen weiß, die lange Haare hat und Schürzen trägt; der Bruder war
ein steifes Bild dagegen. Der nickte den Takt nicht mit dem Kopfe, der
warf nicht, trat der linke Fuß im Niedertakte auf, den Oberleib auf die
rechte Seite und umgekehrt; der fuhr nicht mit kühner Genialität hin und
wieder quer über den Tanzsaal und stach andere Paare aus; der tanzte
durchaus weder jovial, noch wie einer, der die Welt kennt und mit der
Art umzugehen weiß, die lange Haare und Schürzen trägt; und dennoch
blieben alle Blicke auf ihm haften; und Fritz Nettenmair übertraf
vergeblich sich selbst.
Es war der ledernste Ball, den Fritz Nettenmair mitgemacht; er konnte
nicht lederner sein, war Fritz Nettenmair daheim geblieben. Fritz
Nettenmair versicherte es mit hohen Schwüren, und die bedeutenden Leute,
die seinen Champagner tranken, stimmten, wie immer, unbedingt in seine
Meinung ein.
Einige bedeutende Frauen sprachen gegen Frau Nettenmair ihre gerechte
freundschaftliche Entrüstung über den Schwager aus. Daß dieser nicht die
Schwägerin zuerst zum Tanze aufgezogen, bewies eine unverzeihliche
Mißachtung derselben. Frau Nettenmair, die das allgemeine Unrecht an
ihrem jovialen Gatten so tief fühlte, als wäre es ihr selber angetan,
sagte, der Schwager habe wohl gewußt, daß er sich nur einen Korb bei ihr
geholt hätte. Aber Apollonius wurde nur immer mehr bewundert und geehrt
und der Ball demzufolge nur immer noch lederner. So ledern, daß Fritz
Nettenmair mit seiner Frau zu einer Stunde aufbrach, wo er sonst erst
recht jovial zu werden anfing. Dennoch sammelte er feurige Kohlen auf
des undankbaren Bruders Haupt. Er bat in dessen Namen das Mädchen, dem
Bruder zu erlauben, daß er sie heimbegleiten dürfe. Dann ging er aus dem
Nebenstübchen wieder in den Saal zu seiner Frau und verließ mit dieser
unter der ungeheucheltsten Verzweiflung der bedeutenden Leute, die noch
Durst nach Champagner hatten, das Haus.
Apollonius fand, als er des aufgenötigten Ritterdienstes gegen seine
Dame sich entledigt, die Tür des Vaterhauses offen und alle seine
Bewohner schon im Schlafe. Wenigstens zeigte sich nirgends Licht, und
alles war still. Der Bruder hatte ihm das Kämmerchen links an der
Emporlaube zur Wohnung angewiesen. Zu Apollonius' Glück hatten die sechs
Jahre das Haus nicht verändert, wie seine Bewohner. Er ging leise durch
die Hintertür, an dem freundlich knurrenden Moldau vorbei, dem er voll
Dankbarkeit für das Zeichen seiner Beständigkeit den rauhen Hals
streichelte, stieg die Treppe herauf, schritt die Emporlaube entlang und
fand ein Bett in seinem Stübchen. Aber er saß noch lang, ehe er sich
entkleidete, auf dem Stuhl am Fenster und verglich, was er gefunden, mit
dem, was er verlassen.
Gedanken und Bilder des Vergleichs spielten noch in seine Träume hinein.
Der Vater stand wieder vor ihm und kündigte ihm an, er müsse noch morgen
nach Köln, und inmitten der Rede brach die rüstige Gestalt zusammen und
tappte hilflos mit zitternden Händen an der Erde herum und schämte sich
ihrer Blindheit. Der Bruder saß dabei und trank Champagner. Die
Schwägerin kam aus dem Hause, das liebliche, offene Gesicht voll
Zutraulichkeit und Aufrichtigkeit von sonst; die Blume, die sie vor
Apollonius hinlegen wollte, fiel aus ihrer Hand, als sie den Bruder
erblickte und der ihm neue, fremde Zug von Leerheit, gedankenloser,
eitler Vergnügungssucht, von grollender Bitterkeit gegen Apollonius
legte sich über sie wie ein schmutziges Spinnengewebe. Er wollte
arbeitend sich vergessen, aber der Bruder rüttelte an dem Fahrstuhl, daß
er fast hinunterstürzte aus der Schwindelhöhe auf das Pflaster und
sagte: ein Besuch für vierzehn Tage dürfe nicht arbeiten. Und sonderbar
war es, daß ihm jetzt Köln als seine Heimat erschien und seine
Vaterstadt so fremd, daß er sich die bittersten Vorwürfe machte in
seiner Gewissenhaftigkeit. Dann fand er sich wieder auf dem Fahrstuhl
hoch am Turmdach. Da war alles anders, als es sein sollte, die Schiefer
in verkehrter Richtung gedeckt, und nun stak er in die Ausfahrtür
eingeklemmt, ringsum in staubige Spinnengewebe eingewickelt; er hatte
seine Festtagskleider an; sie waren voll Schmutz; er wischte und
bürstete, daß er schwitzte, und sie wurden nicht rein.
Und so oft er von der vergeblichen Bemühung aufwachte, wiederholte er
sich laut den Entschluß, den er vor dem Niederlegen gefaßt. Am nächsten
Morgen mußte er wissen, was er hier sollte, mußte sein Verhältnis zum
Vaterhause ein klares sein. War keine Arbeit für ihn, so sah ihn der
Morgen noch auf seinem Rückwege nach Köln. --
Mit der Sonne war er auf; aber er mußte lange warten, bis es dem Bruder
gefiel, sich von seinem Lager zu erheben. Er benutzte die Zeit zu einem
Gange durch Sankt Georg; er wollte sich selbst überzeugen, was dort zu
tun sei. Als er wieder zurückkam, traf er auf seinen Bruder und einen
Herrn mit ihm, die eben im Begriffe waren, die Wohnstube zu verlassen.
Den Herrn kannte Apollonius noch von früher her als den Deputierten des
Stadtrats für das Baufach. Sie begrüßten sich. Sie hatten schon gestern
auf dem Balle sich gesprochen, wo der Herr sich eben nicht als ein
bedeutender Mensch und Bürger ausgewiesen, vielmehr zu den Philistern,
Alltagskerlen und Unbedeutenden gehalten hatte. Es schien ihm nicht
unlieb, Apollonius eben jetzt zu begegnen. Nach einigen hergebrachten
Wechselreden kam er auf den Zweck seines Hierseins. Es sollte diesen
Morgen noch eine letzte Beratung von Sachverständigen stattfinden über
das, was an Kirchen- und Turmdach zu tun sei, damit das Resultat
derselben noch bei der am Nachmittag stattfindenden Ratssitzung
vorgetragen und Beschluß gefaßt werden könne. Fritz Nettenmair und der
Ratsbauherr waren eben auf dem Wege nach Sankt Georg, wo sie die übrigen
Sachverständigen bereits versammelt wußten.
Der Bruder wollte seinen Besuch, wie er sagte, nicht mit der Teilnahme
an fremden Geschäften beschweren: ebensowenig mochte er ihn -- aber das
sagte er nicht -- allein daheim lassen. Er bestellte Apollonius nach dem
Waldhause, von wo er ihn zu einem Spaziergange abholen würde. Apollonius
versicherte ganz unbefangen, daß er lieber der Verhandlung beiwohnen
möchte, und als der Ratsbauherr ihn sogar als einen Sachverständigen
mehr zum Mitgehen aufforderte, war kein Vorwand zu finden, es zu
verhindern. Vielleicht hatte Fritz Nettenmair eine Ahnung davon, bald
werde er dem Ankömmling noch weit mehr zu verzeihen haben.
Sie fanden die übrige Versammlung, zwei fremde Schieferdeckermeister und
die städtischen Ratsbauleute, den Ratszimmermann, Maurer und Klempner an
der Turmtüre ihrer harrend. Man hatte bereits einige fliegende Rüstungen
zum Behufe der Untersuchung an dem Dache angebracht; auf dem
Kirchenboden, der größten davon zunächst, ging die Beratung vor sich.
Apollonius stand bescheiden einige Schritte entfernt, um zu hören und,
wenn er gefragt würde, auch zu reden. Er hatte das Dach vorhin genau
untersucht und sich eine Meinung von der Sache gebildet.
Die beiden fremden Schieferdecker sprachen sich für die Notwendigkeit
einer umfassenderen Reparatur aus. Fritz Nettenmair dagegen war
überzeugt, mit einigen kleinen Flickereien, die er angab, sei wiederum
für Jahre geholfen. Ihm stimmten die Ratsmeister, Zimmermann, Maurer und
Blechschmied eifrig bei; lauter joviale und bedeutende Männer vom
gestrigen Balle, die gewissenhaft schlossen, wessen Champagner man
trinke, dessen Meinung müsse man sein. Die fremden Schieferdecker wußten
recht gut, der Rat fürchtete die Kosten einer umfassenderen Reparatur
und verschob die höchst notwendige schon lange von Jahr zu Jahr. Da sie
obendrein selbst keine Aussicht hatten, sich die Reparatur übertragen zu
sehen, so gaben sie sich nicht unnütze Mühe, Herrn Fritz Nettenmair
Arbeit und Gewinn aufdringen zu helfen, woran ihm selber nichts gelegen
schien. Sie fanden daher im Laufe der Verhandlung immer mehr, daß, je
nachdem man die Sache ansehe, auch Herr Fritz Nettenmair recht habe.
Vielleicht begriff der Ratsbauherr, ein braver Mann, ihre, wie der
bedeutenden Leute Beweggründe. Er hatte mit unbefriedigtem Gesicht eine
Weile geschwiegen, als ihm Apollonius einfiel. Er sah in dessen Zügen
ein Etwas ausgedrückt, das seiner eigenen Meinung zu entsprechen schien:
»Und was sagen Sie?« wandte er sich zu ihm.
Apollonius trat bescheiden einen Schritt näher.
»Ich wünschte, Sie sähen sich die Sache so genau als möglich an,« sagte
der Ratsherr.
Apollonius entgegnete, er habe das bereits getan.
»Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen,« fuhr der Ratsherr
fort, »wie wichtig die Sache ist.«
Apollonius verbeugte sich. Der Bauherr hielt zurück, was er noch sagen
wollte. Aus des jungen Mannes Angesicht sprach bei aller Weichheit und
Milde so strenge Gewissenhaftigkeit und eigensinnige Redlichkeit, daß
der Ratsherr sich der Ermahnung fast schämte, die er an ihn hatte
richten wollen.
Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhin angestellten
Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte
prüfen können und was sich daraus auf die übrigen schließen ließ. Seit
achtzig Jahren hatte, das war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das
Kirchendach keine umfassendere Reparatur erfahren. Wenn auch die
Schieferdecke bei gutem Material noch weit länger den Elementen trotzt,
ist das doch nicht mit den Nägeln der Fall, mit denen die
Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und wo
er geprüft, hatte er die Nägel zum Teil völlig zerstört, zum Teil der
völligen Zerstörung nahe gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles
Pultdach; da die Nägel ihre Schuldigkeit nicht mehr taten, hatten sich
viele Platten verschoben und der Nässe das Eindringen gestattet; dort
zeigte sich, selbst wo sie von Eichenholz war, die Belattung und
Verschalung gänzlich morsch; und solche Stellen waren überall.
Es zeigte sich unumgänglich notwendig, die ganze Bedachung umzudecken
und die Belattung und Verschalung der morschen Stellen durch neue zu
ersetzen. Ein Winter noch mußte den Zustand um weit mehr verschlimmern,
als durch Verzögerung der Reparatur an Zinsen gespart wurde; denn diese
konnte man ohne den größten Schaden doch nur höchstens bis auf das
nächste Jahr hinausschieben. Er führte die Versammelten an Stellen, die
zum Belege dienen konnten. Er zog nicht selbst den Schluß, sondern wußte
mit der Kunst, die er von dem Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das
für ihn zu tun.
Das Vertrauen und die Achtung des Ratsbauherrn vor unserem Apollonius
wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gespräch fast nur an ihn und
schüttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verließ. Er
hoffte, Apollonius werde bei dem Werke, wenn es, wie er nun nicht mehr
zweifelte, die Genehmigung des Rats erhielt, sich tätig beteiligen, und
trug ihm auf, ein Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am
zweckmäßigsten anzugreifen sei. Apollonius dankte bescheiden für das
Vertrauen, dem er würdig zu entsprechen suchen wolle. Über seine
Mittätigkeit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe sein Vater als
Meister zu entscheiden.
»Ich gehe gleich mit Ihnen,« sagte der Ratsbauherr, »und spreche mit
ihm.«
Hatte gleich der Bruder das Geschäft bis jetzt geleitet und wurde er
auch von den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er
war es noch nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen,
als ihm das Geschäft förmlich übergeben; er wollte sich, wo er es nötig
fände, ein souveränes Einschreiten freihalten.
Der alte Herr hörte die Kommenden schon von weitem und tastete sich nach
der Bank in seiner Laube. Da saß er, als sie eintraten. Nach geschehener
Begrüßung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmairs Befinden.
»Ich danke Ihnen,« entgegnete der alte Herr; »ich leide etwas an den
Augen, aber es hat nichts zu sagen.« Er lächelte dazu und der Bauherr
wechselte mit Apollonius einen Blick, der dem Manne Apollonius ganze
Seele gewann. Dann erzählte er dem alten Herrn die ganze Beratung und
machte, daß Apollonius in seiner Bescheidenheit errötete und lange nicht
seine gewöhnliche Farbe wiederfand. Der alte Herr rückte seinen Schirm
tiefer in sein Gesicht, um niemand die Gedanken sehen zu lassen, die da
wunderlich miteinander kämpften.
Wer unter den Schirm sehen konnte, hätte gemeint, zuerst, der alte Herr
freute sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apollonius
empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu fürchten, der wird mit
dem Bruder gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf
dem Antlitz, das sich zu schadenfreuen schien über die Demütigung des
Älteren. Vielleicht wäre er nach seiner Weise eingeschritten mit einem
lakonischen: »du versiehst meine Stelle von nun an, Apollonius, hörst
du?« hätte nicht der Bauherr dessen Lob gepriesen und wäre das nicht so
verdient gewesen.
»Ja,« sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu
verbergen, daß er sie nur halb aussprach; »ja, die Jugend! er ist jung.«
-- »Und doch schon so tüchtig!« ergänzte der Bauherr.
Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse daran fand, wie der
Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu. Aber er meinte: »die Jugend
gilt heutzutag in der Welt!« Ja, er fühlte Stolz, daß sein Sohn so
tüchtig, Scham, daß er selber blind, Freude, daß Fritz nun nicht mehr
konnte, wie er wollte, daß die Ehre des Hauses einen Wächter mehr
gewonnen, Furcht, die Tüchtigkeit, der er sich freute, mache ihn selbst
überflüssig. Und er konnte nichts dagegen tun; er konnte nichts mehr, er
war nichts mehr. Und als hätte Apollonius das ausgesprochen, erhob er
sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphiere zu früh.
Der Bauherr bat, der alte Herr möge den Sohn für die Dauer der Reparatur
hier behalten und dabei tätig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine
Weile, als warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens
weigern. Dann schien er anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er
befahl in seiner grimmigen Kürze: »du bleibst; hörst du?«
Apollonius begab sich auf sein Stübchen, seine Sachen auszupacken. Er
war noch darüber, als die Nachricht kam, der Stadtrat habe die Reparatur
genehmigt.
So war es bestimmt: er blieb. Er durfte für die geliebte Heimat schaffen
und anwenden, was er in der Fremde gelernt.
Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke überschauen
wollte, mußte jetzt in sein Stübchen hineinsehen. Das Hauptziel aller
seiner Wünsche war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht
auf, rannte nicht in der Stube umher, er ließ nichts fallen, verlegte
nichts, suchte nicht im Koffer oder auf dem Stuhle, was er in den Händen
hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie machte ihn klarer, ja, sie
machte ihn eigensinniger. Kein Federchen, nicht ein Stäubchen auf den
Kleidern, die er auspackte, übersah er; er strich nicht einmal weniger,
als er gewohnt war, darüber hin; nur an der Art, wie er es tat, sah man,
was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude
über ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick, was er
schon besaß. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhältnis zu
jedem seiner Besitzstücke zeigte das Gepräge einer liebenden und doch
rücksichtsvollen Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war
seine Freude darüber im einsamen Stübchen mit demselben bescheiden
abweisenden Erröten gepaart, womit er es in Gegenwart von andern
aufgenommen. Für ihn gab es kein Allein und kein vor den Leuten.
Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte
Gutachten. Die Reparatur war auf seinen Rat beschlossen worden, er war
nicht allein als seines Vaters Geselle, als bloßer Arbeiter dabei
beteiligt; er fühlte, er hatte noch eine besondere moralische
Verpflichtung gegen seine Vaterstadt eingegangen; er mußte tun, was in
seinen Kräften stand, ihr zu genügen. Er hätte keiner solchen Erweckung
bedurft; er hätte ohnedies getan, was er vermochte; er kannte sich zu
wenig, um das zu wissen.
In dieser erhöhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von
seiten des Bruders und der Schwägerin unbehaglich zu machen drohte, zu
überwinden. Der Bruder wünschte sein Gehen ja nur um des Widerwillens
der Schwägerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mühens zu
besiegen. Seinen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im
Geschäfte willig unterordnen. Er dachte nicht, daß man beleidigen kann,
ohne zu wissen und zu wollen, ja, daß die Pflicht gebieten könne, zu
beleidigen. Er dachte nicht, daß sein Bruder ihn beleidigt haben könnte.
Er wußte nicht, man könne auch den hassen, den man beleidigt, nicht bloß
den Beleidiger.
Unten am Schuppen stand der ungemütliche Geselle grinsend vor Fritz
Nettenmair und sagte: »Mit dem ersten Blick hab' ich einen weg. Ja, der
Herr Apollonius! Aber es hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern
das!«
Fritz Nettenmair kaute an den Nägeln und übersah die Gebärde, die ihn
reizen sollte, zu fragen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang
dauern. Er ging nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen
jemand auf, der nicht da war: »Rechtschaffenheit? Geschäftskenntnis, wie
der Alltagsbauratskerl sagt? Ich weiß, warum du dich aufdringst und
einnistest, du Federchensucher! du Staubwischer! Tu' unschuldig, wie du
willst, ich« -- er machte die Gebärde, die hieß: »Ich bin einer, der das
Leben kennt und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt!« Damit
wandte er sich nach der Tür, aber die Wendung war nicht jovial wie
sonst. --
Wie mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich!
Der Geist des Hauses mit den grünen Fensterladen wußte mehr als
Apollonius Nettenmair, wußte mehr als alle. Er schaute nachts durch das
Fenster, wo Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gutachten
schrieb. Auf das Papier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher
Schatten, und der Schreibende atmete schwer auf, er wußte nicht, warum.
Dann schritt er mit ängstlicher Gebärde den Gang zum Schuppen hin, und
der alte Hund an seiner Kette heulte im Schlafe und wußte nicht warum.
Die junge Frau sah seine Hand über des Gatten Stirne fahren; sie
erschrak, der Gatte erschrak mit und wußte nicht warum. Dem alten Herrn
träumte, man trüge einen Toten mit Schande in das Haus, und das alte
Haus knackte in allen seinen Balken und wußte nicht warum. Und der Geist
wandelte noch lange, als alles schon zu Bette war, durch seine Zimmer,
herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Gärtchen, im
Schuppen und im Gang, und rang die bleichen Hände; er wußte, warum.
* * * * *
Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Tief unten das
lärmende Gewühl der Wanderer der Erde, hoch oben die Wanderer des
Himmels, die stillen Wolken in ihrem großen Gang. Monden-, jahre-,
jahrzehntelang hat es keine Bewohner, als der krächzenden Dohlen unruhig
flatternd Volk. Aber eines Tages öffnet sich in der Mitte der
Turmdachhöhe die enge Ausfahrtür; unsichtbare Hände schieben zwei
Rüststangen heraus. Dem Zuschauer von unten gemahnt es, sie wollen eine
Brücke von Strohhalmen in den Himmel bauen. Die Dohlen haben sich auf
Turmknopf und Wetterfahne geflüchtet und sehen herab und sträuben ihr
Gefieder vor Angst. Die Rüststangen stehen wenige Fuß heraus und die
unsichtbaren Hände lassen vom Schieben ab. Dafür beginnt ein Hämmern im
Herzen des Dachstuhls. Die schlafenden Eulen schrecken auf und taumeln
aus ihren Luken zackig in das offene Auge des Tages hinein. Die Dohlen
hören es mit Entsetzen; das Menschenkind unten auf der festen Erde
vernimmt es nicht, die Wolken oben am Himmel ziehen gleichmütig darüber
hin. Lang währt das Pochen, dann verstummt es. Und den Rüststangen nach
und quer auf ihnen liegend schieben sich zwei, drei kurze Bretter.
Hinter ihnen erscheint ein Menschenhaupt und ein paar rüstige Arme. Eine
Hand hält den Nagel, die andere trifft ihn mit geschwungenem Hammer, bis
die Bretter fest aufgenagelt sind. Die fliegende Rüstung ist fertig. So
nennt sie ihr Baumeister, dem sie eine Brücke zum Himmel werden kann,
ohne daß er es begehrt. Auf die Rüstung baut sich nun die Leiter und,
ist das Turmdach sehr hoch, Leiter auf Leiter. Nichts hält sie zusammen,
als der eiserne Längehaken, nichts hält sie fest, als auf der Rüstung
vier Männerhände und oben die Helmstange, an der sie lehnt. Ist sie
einmal über der Ausfahrtür und an der Helmstange mit starken Tauen
angebunden, dann sieht der kühne Schieferdecker keine Gefahr mehr in
ihrem Besteigen, so weh dem schwindelnden Menschenkinde tief unten auf
der sichern Erde wird, wenn es heraufschaut und meint, die Leiter sei
aus leichten Spänen zusammengeleimt wie ein Weihnachtsspielwerk für
Kinder. Aber ehe er die Leiter angebunden hat und um das zu tun, muß er
erst einmal hinaufgestiegen sein -- mag er seine arme Seele Gott
befehlen. Dann ist er erst recht zwischen Himmel und Erde. Er weiß, die
leichteste Verschiebung der Leiter -- und ein einziger falscher Tritt
kann sie verschieben -- stürzt ihn rettungslos hinab in den sichern Tod.
Haltet den Schlag der Glocken unter ihm zurück, er kann ihn erschrecken!
Die Zuschauer unten tief auf der Erde falten atemlos unwillkürlich die
Hände, die Dohlen, die der Steiger von ihrem letzten Zufluchtsorte
verscheucht, krächzen wildflatternd um sein Haupt; nur die Wolken am
Himmel gehen unberührt ihren Pfad über ihn hin. Nur die Wolken? Nein.
Der kühne Mann auf der Leiter geht so unberührt, wie sie. Er ist kein
eitler Wagling, der frevelnd von sich reden machen will; er geht seinen
gefährlichen Pfad in seinem Berufe. Er weiß, die Leiter ist fest; er
selbst hat das fliegende Gerüst gebaut, er weiß, es ist fest; er weiß,
sein Herz ist stark und sein Tritt ist sicher. Er sieht nicht hinab, wo
die Erde mit grünen Armen lockt, er sieht nicht hinauf, wo vom Zug der
Wolken am Himmel der tödliche Schwindel herabtaumeln kann auf sein
festes Auge. Die Mitte der Sprossen ist die Bahn seines Blickes und oben
steht er. Es gibt keinen Himmel und keine Erde für ihn, als die
Helmstange und die Leiter, die er mit seinem Tau zusammengeknüpft. Der
Knoten ist geschlungen; die Zuschauer atmen auf und rühmen auf allen
Straßen den kühnen Mann und sein Tun hoch oben zwischen Himmel und Erde.
Schieferdecker spielen die Kinder der Stadt eine ganze Woche lang.
Aber der kühne Mann beginnt nun erst sein Werk. Er holt ein anderes Tau
herauf und legt es als drehbaren Ring unter dem Turmknopf um die Stange.
Daran befestigt er den Flaschenzug mit drei Kloben, an den Flaschenzug
die Ringe seines Fahrzeugs. Ein Sitzbrett mit zwei Ausschnitten für die
herabhängenden Beine, hinten eine niedrige, gekrümmte Lehne, hüben und
drüben Schiefer-, Nagel- und Werkzeugkasten; zwischen den Ausschnitten
vorn das Haueisen, ein kleiner Ambos, darauf er mit dem Deckhammer die
Schiefer zurichtet, wie er sie eben braucht; dies Gerät, von vier
starken Tauen gehalten, die sich oberhalb in zwei Ringe für den Haken
des Flaschenzugs vereinigen, das ist der Hängestuhl, wie er es nennt,
das leichte Schiff, mit dem er hoch in der Luft das Turmdach umsegelt.
Mittels des Flaschenzugs zieht er sich mit leichter Mühe hinauf und läßt
sich herab, so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht sich mit
Flaschenzug und Hängestuhl, nach welcher Seite er will, um den Turm. Ein
leichter Fußstoß gegen die Dachstühle setzt das Ganze in Schwung, den er
einhalten kann, wo es ihm gefällt. Bald bleibt kein Menschenkind mehr
unten stehen und sieht herauf; der Schieferdecker und sein Fahrzeug sind
nichts Neues mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihren alten Spielen. Die
Dohlen gewöhnen sich an ihn; sie sehen ihn für einen Vogel an, wie sie
sind, nur größer, aber friedlich, wie sie; und die Wolken hoch am Himmel
haben sich nie um ihn gekümmert. Die Damen neiden ihm die Aussicht. Wer
konnte so frei über die grüne Ebene hinsehen und wie Berge hinter Bergen
hervorwachsen, erst grün, dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch
blauer, sich auf die letzten stützt! Aber er kümmert sich so wenig um
die Berge, wie die Wolken sich um ihn. Tag für Tag hantiert er mit
Flickeisen und Klaue, Tag für Tag hämmert er Schiefer zurecht und Nägel
ein, bis er fertig ist mit hämmern und nageln. Eines Tages sind Mann,
Fahrzeug, Leiter und Rüstung verschwunden. Das Entfernen der Leiter ist
so gefährlich als ihre Befestigung, aber es faltet niemand unten die
Hände, kein Mund rühmt des Mannes Tat zwischen Himmel und Erde. Die
Krähen wundern sich eine ganze Woche lang, dann ist es, als hätten sie
vor Jahren von einem seltsamen Vogel geträumt. Tief unten lärmt noch das
Gewühl der Wanderer der Erde, hoch oben gehen noch die Wanderer des
Himmels, die stillen Wolken, ihren großen Gang, aber niemand mehr
umfliegt das steile Dach, als der Dohlen krächzender Schwarm.
Apollonius hatte zum Behufe seines Gutachtens noch manche Untersuchungen
angestellt. Das Turmdach war mit Metall gedeckt; diese Decke lag schon
nahe an zweihundert Jahre. Als er sie auf seinem Fahrzeuge umfuhr, fand
er die Metallplatten der völligen Auflösung nah. Das hatte man
gefürchtet. Bleideckung auf hohen Gebäuden kommt ungleich teurer als
Deckung mit Schiefer, wenn man diesen in der Nähe hat. Den
Schieferbedarf nimmt der Decker in seinem Fahrzeug mit hinauf, das kann
er mit den ungleich schwereren Bleiplatten nicht. Die ganze Deckung mit
Schiefer besorgt der Arbeiter von seinem Fahrzeuge aus; Bleideckung
macht feste Gerüste nötig. Apollonius tat den Vorschlag, auch das
Turmdach mit Schiefer einzudecken. Der Blechschmied, ein Bedeutender,
wandte zwar ein, die Alten hätten die Sache so gut verstanden, als die
Leute in Köln, -- das sollte ein Stich auf Apollonius sein. Und der
Bruder war damit einverstanden: hätten die Alten gemeint, Schiefer tue
es so gut als Blei, sie hätten gleich Schiefer genommen. Damals waren
eben noch keine Schiefergruben in nächster Nähe vorhanden; der Schiefer
hätte weit hergeholt und so die Schieferdeckung teurer kommen müssen als
die mit Blei. Das Kirchendach war damals mit Ziegeln und erst später, da
die Schiefergruben in der Nähe schon im Gang, mit Schiefer gedeckt
worden. Das wußten der Blechschmied und Fritz Nettenmair nicht oder
wollten es nicht wissen. Den letzteren drückte das wachsende Ansehen des
Bruders. Aber Apollonius wußte es und konnte damit den Einwurf
entkräften.
Sein Vorschlag war angenommen worden. Man wollte die ganze Leitung der
Reparatur in Apollonius Hände legen. Um seinen Bruder nicht zu kränken,
bat er, davon abzusehen. So wenig wollte er den Bruder kränken, daß er
nicht einmal aussprach, warum er so bitte. Er war von Köln her gewöhnt,
selbständig zu handeln; wie er seinen Bruder wiedergefunden hatte, sah
er manche Hemmung durch ihn voraus. Er wußte es, er lud sich eine
schwere Last auf, als er dem Bauherrn versprach, die Sache solle unter
dem zweiköpfigen Regiment nicht leiden. Der wackere Bauherr, der
Apollonius erriet und ihn darum nur mehr achtete, schaffte ihm die
Genehmigung des Rats und nahm sich im stillen vor, wo es nötig sein
sollte, seinen Liebling und dessen Anordnungen gegen den Bruder zu
vertreten.
Es war eine schwere Aufgabe, die Apollonius sich gesetzt; sie war noch
viel schwerer, als er wußte. Sein Hiersein hatte den Bruder von Anfang
nicht gefreut; Apollonius schob das auf den Einfluß der Schwägerin; er
war ihm seitdem noch fremder geworden -- kein Wunder! Apollonius hatte
ja bereits des Bruders Eitelkeit und Ehrsucht kennen gelernt; dieser
fühlte sich durch das, was seither geschehen, gegen Apollonius
zurückgesetzt. Den Widerwillen der Schwägerin meinte Apollonius durch
Zeit und redliches Mühen, die gekränkte Ehrsucht des Bruders durch
äußere Unterordnung zu versöhnen. War kein weiteres Hindernis vorhanden,
durfte er hoffen, die Aufgabe, so schwer sie schien, zu lösen. Aber was
zwischen ihm und dem Bruder stand, war ein anderes, ein ganz anderes,
als er meinte. Und daß er es nicht kannte, machte es nur gefährlicher.
Es war ein Argwohn, aus dem Bewußtsein einer Schuld geboren. Was er tat,
die vermeinten Hindernisse aus dem Weg zu räumen, mußte das wirkliche
nur wachsen machen.
Wäre er nicht zurückgekommen! hätte er dem Vater nicht gehorcht! wäre er
draußen geblieben in der Fremde!
An der Turmspitze hängt das Fahrzeug; nun wird es auch auf dem
Kirchendach lebendig. Rüstige Hände hämmern den Seilhaken in die
Verschalung und schleifen mit starkem Tau den Dachstuhl daran. Er
besteht in zwei Dreiecken, aus festen Bohlen zusammengezimmert. Der
Neigungswinkel des Daches hat das Verhältnis seiner Seiten bestimmt.
Denn unten liegt er strohumwunden in ganzer Breite auf der Dachfläche
auf, während er oben die quer übergelegten Bretter wagrecht emporhält.
Darauf steht oder kniet der hämmernde Schieferdecker; neben ihm
handrecht hängt der Kasten für Nägel und Schieferplatten, mit seiner
Hakenspitze in die Verschalung eingetrieben.
Apollonius überließ dem Bruder die Überweisung der Arbeit. Fritz
Nettenmair tat erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine,
Apollonius sei gekommen, hier den Herrn zu spielen und nicht den Diener.
Es lag in der argwöhnischen Richtung, die sein Denken einmal angenommen,
allem, was der Bruder tun mochte, eine Absicht, eine planmäßige
Berechnung unterzulegen. Er vermutete deshalb, Apollonius wünsche die
Arbeit auf dem Kirchdach zu übernehmen. Wer hier schaffte, konnte zu
jeder Zeit sehen, ob das Fahrzeug am Turmdach besetzt war oder ledig an
der fliegenden Rüstung hing. Er tat arglos, er nehme an, Apollonius sei
lieber bei der Umdeckung des Turmdaches beschäftigt, die er ja selber
vorgeschlagen. Apollonius weigerte sich nicht. Fritz meinte, er willige
ein, obgleich es ihm unangenehm sei, was er aber nicht merken lasse;
Fritz hatte die Empfindung eines Menschen, dem es gelungen, einen
Widersacher zu überlisten. Eine Empfindung, die sich erneute, so oft er
von seiner Arbeit auf dem Dachstuhle hinaufsah nach dem Fahrzeug der
fliegenden Rüstung am Turm, mit der Gewißheit, der Bruder könne das
Fahrzeug nicht verlassen und heimgehen, ohne daß er es sehe und ihm
zuvorkommen könne. Dann war ihm Apollonius der Träumer und er selbst war
der, der die Welt kannte. Im andern Augenblick vielleicht sah er wieder
den Arglistigen im Bruder und fand es wohltuend, sich dagegen als den
Arglosen zu bemitleiden, dem jener Schlingen lege, um nur den Bruder
hassen zu dürfen, der ihn hasse. Ihm fehlte das Klarheitsbedürfnis
Apollonius', das diesem den Widerspruch gezeigt und den erkannten zu
tilgen gezwungen hätte. Vielleicht hatte er ein Gefühl von dem
Widerspruch und unterdrückte es absichtlich. So setzte sein
Schuldbewußtsein den Haß als wirklich voraus, den es verdient zu haben
sich vorwerfen mußte.
Bald merkte Apollonius, hier war nicht die Ordnung, das rasche und genau
berechnete Ineinandergreifen, an das er in Köln sich gewöhnt, ja nur,
wie es der Vater früher hier gehandhabt. Der Decker mußte
viertelstundenlang und länger auf die Schieferplatten warten; die
Handlanger leierten und hatten in der Unordnung und Trägheit der Behauer
und Sortierer eine gute Entschuldigung. Der Bruder lachte halb mitleidig
über Apollonius Klage. Eine solche Ordnung, wie der sie verlangte,
existiere nirgends und war auch nicht möglich. Bei sich verspottete er
wieder den Träumer, der so unpraktisch war. Und wäre die Ordnung möglich
gewesen, die Arbeit war im Taglohn verdungen. Die verlorene Zeit wurde
bezahlt wie die angewandte. Und als Apollonius selbst dazu tat, den
Schlendrian abzustellen, da war er dem Bruder wiederum der Wohldiener
des Bauherrn und des Rates, er selber der schlichte Mann, der solche
Kunstgriffe verschmäht. Da wollte ihn jener nur vollends aus dem Sattel
heben und hatte noch Schlimmeres im Sinn, was ihm aber nicht gelingen
sollte mit aller seiner Arglist; da war Apollonius eigens darum
heimgekommen. Und doch meinte er, der Träumer werde sich die Hörner
ablaufen, wenn er ins Werk setzen wollte, was ihm selbst, der die Welt
kannte, nicht gelang. Ihm, der schärfer auf dem Zeuge war als selbst der
im blauen Rock zu seiner Zeit gewesen.
Fritz Nettenmair meinte den alten Herrn noch zu übertreffen, wenn er
noch schriller auf dem Finger pfiff, noch grimmiger hustete und noch
entschiedener ausspuckte. Was an dem alten Herrn das wirklich
respektgebietende war, die Folgerichtigkeit, die auch, wo sie in
Eigensinn ausartet, Achtung wirkt, die ruhige, in sich gefaßte Würde
einer tüchtigen Persönlichkeit, das übersah er. Wie er es selbst nicht
besaß, fehlte ihm auch der Sinn, es an andern wahrzunehmen. Stand seine
Gestalt überhaupt im Widerspruch mit der Haltung des alten Herrn, die er
ihr aufkünstelte, so widersprach ihr seine Unruhe und innere
Haltlosigkeit jeden Augenblick. Die diplomatische Art zu reden schien er
dem alten Herrn nur abgeborgt zu haben, um seine eigene
Oberflächlichkeit und Gehaltlosigkeit zu verspotten. Aus dem steifen
Wesen des blauen Rockes fiel er dann zu Zeiten plötzlich in seine eigene
herablassende Jovialität und in eine Region derselben, wo der Spaß den
Abstand von Vorgesetzten und Untergebenen mit schmutzigen Fingern
auslöschte, als wäre er nie gewesen. Rückte er sich dann ebenso
plötzlich in der Autorität gewaltsam wieder zurecht, so brachte das die
verlorene Achtung nicht wieder, es beleidigte nur. Zu alledem kam noch,
daß er sich von manchem Arbeiter übersehen und in schwierigen Fällen sie
machen lassen mußte, was sie wollten.
Apollonius dagegen hatte von Natur und aus der Schule beim Vetter, was
dem Bruder fehlte; er besaß die Würde der Persönlichkeit, die
Folgerichtigkeit bis zum Eigensinn. Seine innere Sicherheit galt; sie
mußte sich nicht geltend machen -- er war des sichtbaren Mühens um
Achtung überhoben, welches so selten seinen Zweck erreicht, ja
gemeiniglich ihn verfehlt. Und so gelang ihm, was er wollte. Bald war
die musterhafteste Ordnung beim Bau und alle schienen sich wohl dabei zu
befinden, nur Fritz Nettenmair nicht. Das rasche Ineinandergreifen, das
wie im Geleise einer unsichtbaren Notwendigkeit ging, machte das Wesen
im blauen Rocke, in welchem er sich so groß fühlte, überflüssig. Noch
ein Grund zum Unbehagen daran war, daß die neue Ordnung von dem Bruder
ausging; von demselben, dem er schon so viel zu verzeihen hatte und dem
er immer weniger verzeihen mochte. Er wußte nicht, oder wollte nicht
wissen, welchen Zauber eine geschlossene Persönlichkeit ausübt, obgleich
er selbst widerwillig sie anerkennen mußte, und noch weniger, daß diese
ihm fehlte und der Bruder sie besaß. Er war bei sich einig, der Bruder
hatte Mittel angewandt, die zu brauchen er selbst mit Genugtuung sich zu
edel fühlte. Dadurch hatte jener die Leute ihm abspenstig gemacht.
Apollonius hatte keine Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging; der
war gegen ihn, wie man gegen Arglistige sein muß, auf der Hut; denn
solche Feinde kann man nur mit ihren eigenen Waffen besiegen. Die
brüderliche Freundlichkeit und Achtung, mit der ihn Apollonius
behandelte, war eine Maske, unter der dieser seine schlimmen Pläne
sicherer zu bergen meinte; er vergalt ihm, und machte ihn leichter
unschädlich, wenn er unter derselben Maske seine Wachsamkeit barg. Die
gutmütige Willigkeit Apollonius', sich ihm äußerlich unterzuordnen,
erschien dem Bruder wie eine Verhöhnung, an der die Arbeiter, von dem
Arglistigen gewonnen, wissend teilnahmen. In seiner Empfindlichkeit
griff er selbst nach den Mitteln, die er bei diesem voraussetzte. Offen
ihm entgegenzutreten, verhinderte der Umstand, daß Apollonius ihm selbst
imponierte, wenn er auch diesen Grund nicht hätte gelten lassen. Er
legte den blauen Donnerrock beiseite und stieg bis auf die unterste
Sprosse seiner Jovialität herab. Er begann, durch Winke, dann allmählich
durch Worte, sein Mitleid mit den Arbeitern zu zeigen, die unter der
Tyrannei eines wohldienerischen Eindringlings seufzten, wie er ihnen
bewies; da er nicht den Mut hatte, sie zu offener Widersetzlichkeit zu
reizen, suchte er sie zu einzelnen kleinen Ausgriffen zu verleiten. Er
begann, sie täglich zu traktieren. Sie aßen und tranken, blieben aber
wie zuvor in dem Geleise, das Apollonius vorgezeichnet.
Der gemeine Mann hat den scharfen Blick des Kindes für die Stärken und
Schwächen seiner Vorgesetzten. Durch dies Bemühen, das sie
durchschauten, verlor Fritz Nettenmair noch den letzten Rest seiner
Achtung; sie lernten daraus, wenn sie es noch nicht wußten, mit wem sie
es verderben durften, mit wem nicht. Und wären sie ungewiß gewesen, so
hätte sie das ungleiche Benehmen des Bauherrn gegen die beiden Brüder
bestimmen können. Und da sie nicht so fein waren, und auch nicht die
Gründe dazu hatten, wie Fritz Nettenmair, gab sich ihre Meinung
unverholen kund. Sie nahmen sich Dinge gegen ihn heraus, die ihm
zeigten, daß der Erfolg seiner Herablassung ein ganz anderer war, als
den er beabsichtigte. Nun zog er zürnend die Wolke des blauen Rockes
wieder um sich zusammen, pfiff schrillender als je, so daß es drüben in
der großen Glocke wiedertönte; ging auf doppelten Stelzen, zog die
Schultern noch einmal so hoch am schwarzhaarigen Kopfe herauf; der Grimm
und die Entschiedenheit seines früheren Hustens und Ausspuckens war ein
Kinderspiel gegen sein jetziges. Aber die Arbeiter wußten bald,
dergleichen geschah nur in Apollonius Abwesenheit, und dessen zufälliges
Kommen brachte, wie der aufgehende Vollmond, die schwersten Gewitter aus
der Fassung.
Fritz Nettenmair mußte an der Wiederherstellung seiner verlorenen
Bedeutung auf dem Schauplatz der Reparatur verzweifeln. Natürlich
schrieb er auch das Ergebnis seiner falschen Maßregeln auf Apollonius'
immer wachsende Rechnung. Das Gefühl, überflüssig zu sein, packte ihn,
wie den alten Herrn, brachte aber nicht ganz dieselben Wirkungen hervor.
Was dem alten Herrn das Gärtchen, das wurde nun dem älteren Sohne der
Schieferschuppen. Wenigstens so lange er Apollonius auf seinem Fahrzeug
oder auf dem Kirchendache sah. Aber er brachte den blauen Rock nun auch
mit in die Wohnstube. Seine Kinder -- das war leicht, da er selbst sich
nicht um sie bekümmerte, -- hatte der Bruder ja auch -- und natürlich
mit schlechten Mitteln -- gewonnen. Die schlechten Mittel waren eben
die, die er selbst nie anwendete: unabsichtliche Güte und weise Strenge
der Liebe. Aber auch in seiner Frau sah er immer mehr etwas wie einen
natürlichen Bundesgenossen des Bruders gegen ihn. Das sah er lange
vorher, ehe er noch den geringsten wirklichen Anlaß dazu hatte, und das
war der Schatten, den seine Schuld in die Zukunft seiner Phantasie warf.
Ihr altes Gesetz wird ihn zwingen, durch die Verkehrtheit seiner
Abwehrmittel den Schatten selber zu verwirklichen, lebendigen Gestalt zu
machen und vergeltend in sein Leben hereinzustellen.
Ahnungsvolle Furcht schien ihm, in lichten Zwischenblicken
vorüberflatternd, von diesem Kommen zu sagen, das veränderte Benehmen
gegen seine Frau müsse es beschleunigen. Dann war er plötzlich doppelt
freundlich und jovial gegen sie, aber auch diese Jovialität trug ein
Etwas von der Natur des schwülen Bodens an sich, aus dem sie erwuchs.
Man preist ein Heilmittel gegen solche Krankheit; es heißt Zerstreuung,
Vergessen seiner selbst. Als ob der Steuermann beim Erblicken des
drohenden Riffs, als ob man da sich vergessen müsse, wo es doppelt
Vorsehen gilt. Fritz Nettenmair nahm es.
Von nun an fehlte er bei keinem Balle, bei keinem öffentlichen
Vergnügen; er empfand sich für immer der Gefahr entflohen, war er nur
eine Stunde lang fern von dem Orte, wo er sie drohen sah. Er war mehr
außer als in seinem Haus. Und nicht er allein. Seiner Frau hielt er das
Heilmittel noch nötiger als ihm. Das rächende Schuldbewußtsein nahm, was
nur als möglich in der Zukunft war, als schon wirklich in die Gegenwart
voraus. Und seine Frau stand noch so sehr auf seiner Seite, daß sie dem
Bruder nun zürnte, dessen Einfluß sie in dem veränderten Benehmen des
Gatten erkannte, -- nur nicht in dem Sinne, in dem er es wirklich war.
Sie hatte ja nur Beleidigendes von dem Bruder erwartet. Diese Erwartung
hatte schon dem Kommenden nur die eine Wange zugewandt und die Wange so
mit Rot gefärbt, als wäre sie schon erfüllt. Wußte sie denn nicht, er
war nur gekommen, um sie zu beleidigen?
Apollonius, auf den dies alles wie eine schwere Wolke drückte, wie eine
unverstandene Ahnung, begriff nur das eine: der Bruder und die
Schwägerin wichen ihm aus. Er vermied die Orte, die sie aufsuchten. Er
hätte sie schon vermieden aus dem innersten Bedürfnis seiner Natur, das
auf Zusammenfassen, nicht auf Zerstreuen ging. Die Einsamkeit wurde ihm
ein besser Heilmittel, als den beiden die Zerstreuung. Er sah, wie
anders die Schwägerin war, als sie ihm vordem geschienen. Er mußte sich
Glück wünschen, daß seine süßesten Hoffnungen sich nicht erfüllt. Die
Arbeit gab ihm genug Empfinden seiner selbst; was sie frei ließ, füllten
die Kinder aus. In dem natürlichen Bedürfnis ihres Alters, sich an einem
fertigen Menschenbilde aufzuranken, das, Liebe gebend und nehmend, ihr
Muster wird, und ihr Maß der Personen und Dinge, drängten sie sich um
den Onkel, der ihrer so freundlich pflegte, als fremd die Eltern sie
vernachlässigten. Wie konnte er wissen, daß er damit die Schuld wachsen
machte in seiner Rechnung beim Bruder.
Und der alte Herr im blauen Rock? Hatte er von den Wolken, die sich
rings aufballten um sein Haus, in seiner Blindheit keine Ahnung? Oder
war sie es, was ihn zuweilen anfaßte, wenn er, Apollonius begegnend,
gleichgültige Worte mit ihm wechselte. Dann kämpften zwei Mächte auf
seiner Stirn, die der Sohn vor dem Augenschirm nicht sah. Er will etwas
fragen, aber er fragt nicht. Der alte Herr hat sich so tief in die Wolke
eingesponnen, daß kein Weg mehr von ihm herausführt in die Welt um ihn
und keiner mehr hinein. Er gibt sich das Ansehen, als wisse er um alles.
Tut er anders, so zeigt er der Welt seine Hilflosigkeit und fordert die
Welt selber auf, sie zu mißbrauchen. Und wenn er fragt, wird man ihm die
Wahrheit sagen? Nein! Er hält die Welt so verstockt gegen ihn, als er
gegen sie ist. Er fragt nicht. Er lauscht, wo er weiß, man sieht ihn
nicht lauschen, fieberisch gespannt auf jeden Laut. Aus jedem hört er
etwas heraus, was nicht drin ist; seine gespannte Phantasie baut Felsen
daraus, die ihm die Brust zerdrücken, aber er fragt nicht. Er träumt von
nichts als von Dingen, die Schande bringen über ihn und sein Haus; er
leert die ganze Rüstkammer der Entehrung und fühlt jede Schmach durch,
die die Welt kennt. Was keine Schande ist, steigert sich seinem
krankhaft geschärften Ehrgefühl dazu, das keine Ruhe wohltätig
abstumpft, aber er trägt lieber, was die tiefste Schande ist, als daß er
fragt. Er tut das Ungeheure in Gedanken, die drohende abzuwenden, aber
er fragt nicht. Wie manches Tun zeigt ungeboren schon der Mutter Seele
sein Bild vorher! Wird eine Zeit kommen, wo des alten Herrn Gedanke
Wirklichkeit wird?
Die Natur der Schuld ist, daß sie nicht allein ihren Urheber in neue
Schuld verstrickt. Sie hat eine Zaubergewalt, alle, die um ihn stehen,
in ihren gärenden Kreis zu ziehen, und zu reifen in ihm, was schlimm
ist, zu neuer Schuld. Wohl dem, der sich dieser Zauberkraft im
unbefleckten Innern erwehrt. Wird er den Schuldigen selbst nicht retten,
so kann er den übrigen ein Engel sein. Diese vier Menschen, in all'
ihrer Verschiedenheit in einen Lebensknoten geknüpft, den eine Schuld
versehrt! Welch Schicksal werden sie vereint sich spinnen, die Leute in
dem Haus mit den grünen Läden?
* * * * *
Nun waren schon Wochen vergangen seit Apollonius Zurückkunft, und noch
hatte er die Furcht der Schwägerin nicht wahr gemacht. In den ersten
Tagen las Fritz Nettenmair ein krampfhaftes Zusammennehmen, ein
verzweifeltes Gefaßtmachen in ihrem Wesen; nun machte dies einem Etwas
Platz, das wie Verwunderung erschien. Er sah, und nur er, wie sie immer
mutiger den Bruder zu beobachten begann, wo der nicht ahnte, ihr Blick
sei auf ihn gerichtet. Sie schien sein Wesen, sein Tun mit ihrer
Erwartung zu vergleichen. Fritz Nettenmair fühlte in ihrer Seele, wie
wenig beide sich glichen. Er mühte sich, den Widerwillen der jungen Frau
zu seiner alten Stärke aufzustacheln. Er tat es, während er fühlte, wie
vergeblich es war; denn ein einziger Blick auf das milde, rechtschaffene
Antlitz des Bruders mußte niederreißen, was er mühsam in Zeit von Tagen
aufgebaut. Er fühlte, wie fein er zu Werke gehen mußte, und wie plump er
doch zu Werke ging; denn dieselbe Macht, die sein Gefühl für das Maß
schärfte, riß ihn im Handeln darüber hinaus. Er wußte, was er begonnen,
mußte seinen Gang vollenden zu seinem Verderben. Er suchte Vergessen und
riß seine Frau immer tiefer mit hinein in den Wirbel der Zerstreuung.
Arzneimittel sollen, in übergroßer Gabe angewandt, das Gegenteil wirken.
So geschah es mit dem Mittel Fritz Nettenmairs; wenigstens bei der
jungen Frau. Aus dem Alltag der häuslichen Arbeit hatte sie sich sonst
nach dem Feste des Vergnügens gesehnt; nun dies der Alltag geworden, zog
sie die Sehnsucht nach dem stillen Leben daheim. Übersättigt von den
Ehrenbezeigungen der bedeutenden Leute, bemerkte sie nun erst, es gab
auch andere Leute, die ihren Gatten nach anderem Maßstabe maßen. Sie
begann zu vergleichen, und die Bedeutenden verloren immer mehr gegen die
Alltagsmenschen. Sie dachte an den ledernen Ball den Abend von
Apollonius Ankunft. Damals war sie Apollonius ausgewichen; sie hatte
Beleidigung von ihm erwartet. Jetzt suchte sie mit den Augen durch den
Saal; niemand sah es als Fritz Nettenmair, der es am wenigsten zu sehen
schien. Denn er lachte und trank wilder und jovialer als je. Sie hatte
nur das Gefühl der Langeweile, das nach Abwechslung aussieht; sie wußte
nicht, daß sie jemand suchte. Fritz Nettenmair wußte es, und wollte vor
Lachen ersticken. Er wußte mehr als sie; er wußte, wen sie suchte. Gegen
alle andere Welt jovial, tat er gegen sie den blauen Rock an.
Er wird sie bald dahin bringen, den sonst Gefürchteten mit ihm zu
vergleichen.
Sie saß im Garten, während der alte Herr seine schweren Mittagsträume
träumte. Fritz Nettenmair lag in der Stube auf dem Sofa und trug die
Nachwehen einer durchschwärmten Nacht. Vorher hatte er nach dem
Turmdache gesehen. Sie fühlte sich so eigen wohl daheim. Und sollte sie
nicht? Spielten nicht ihre Kinder um sie? Sie dachte nicht daran, wie
oft sie sich von den Kindern fortgesehnt in den Wirbel, der sie nicht
mehr lockte. Sie nähte. Die Knaben spielten zu ihren Füßen, so still,
als wäre der alte Herr zugegen. Doch nicht so; war der alte Herr im
Gärtchen, sie hätten sich gar nicht hinein getraut. Das Mädchen hatte
die Mutter umschlungen, die selber, in der Unberührtheit ihres Wesens,
noch ein Mädchen schien. Wenig mehr von der Ähnlichkeit mit ihrem Gatten
lag in ihren Zügen. Sie war nur eine äußerliche gewesen, nur Äußerliches
schien die heiteren Linien berührt zu haben: kein tiefinneres Erlebnis
hatte seine Marke ihnen aufgeprägt.
Das kleine Mädchen hatte dem erwachsenen, seiner Mutter, von Puppen,
Blumen, Kindern, und in seiner Weise manches zweimal, manches nur halb
erzählt. Jetzt erhob sie mit altkluger Ernsthaftigkeit das Köpfchen, sah
die Mutter bedenklich an und sagte: »Was das nur ist?«
»Was?« fragte die Mutter.
»Wenn du dagewesen bist und fortgehst, sieht er dir so traurig nach.«
»Wer?« fragte die Mutter.
»Nun, der Onkel Apollonius. Wer sonst? Hast du ihn gescholten? oder
geschlagen, wie mich, wenn ich Zucker nehme und nicht frage? Du hast ihm
doch gewiß etwas getan; sonst wär' er nicht so betrübt.«
Das Mädchen plauderte weiter und vergaß den Onkel bald über einen
Schmetterling. Die Mutter nicht. Die Mutter hörte nicht mehr, was das
Mädchen plauderte. Was war das doch für ein eigenes Gefühl, wohl und weh
zugleich! Sie hatte die Nadel fallen lassen und merkte es nicht. War sie
erschrocken? Es war ihr, als wäre sie erschrocken, etwa so, wie man
erschrickt, hat man mit einem Menschen geredet, und wird plötzlich inne,
es ist ein andrer, als mit dem man zu reden meinte. Sie hatte gemeint,
Apollonius wolle sie beleidigen, und nun sagt das Kind: du hast ihn
beleidigt. Sie blickte auf und sah Apollonius vom Schuppen her nach dem
Hause kommen. In demselben Augenblicke stand ein andrer Mann zwischen
ihr und dem Vorübergehenden, als wäre er aus der Erde gewachsen. Es war
Fritz Nettenmair. Sie hatte ihn nicht nahen gehört.
Er kam in seltsamer Hast von einer gleichgültigen Frage auf den
»ledernen Ball«. Er erzählte, was die Leute darüber meinten, wie
jedermann sich beleidigt fühle von der Beschimpfung, daß Apollonius sie
damals nicht aufgezogen, nicht einmal zum ersten Tanze. Eigen war es,
wie sie jetzt daran erinnert wurde, empfand sie es stärker als je; aber
nicht zürnend, nur wie mit wehmütigem Schmerze. Sie sagte das nicht. Es
war nicht nötig. Fritz Nettenmair war wie ein Mensch im magnetischen
Schlaf. Er brauchte sie nicht anzusehen; mit geschlossenen Augen, von
einem Baumblatt, einer Zaunlatte, von einer weißen Wand las er ab, was
sein Weib fühlte.
»Wir werden ihn bald los werden, denk' ich,« fuhr er fort, als hätte er
nicht an der Stallwand gelesen. »Es ist kein Platz für zwei Haushälte
hier. Und die Anne ist weiten Raum gewöhnt.«
So hieß das Mädchen, mit der Apollonius am »ledernen« tanzen, die er
heimbegleiten mußte. Sie war seither öfter hier gewesen, unter
Vorwänden, die ihre hochrote Wange Lügen strafte. Auch ihr Vater, ein
angesehener Bürger, hatte sich um Apollonius Bekanntschaft bemüht, und
Fritz Nettenmair hatte die Sache gefördert, wie er konnte.
»Die Anne?« rief die junge Frau wie erschreckend.
»Gut, daß sie nicht lügen kann,« dachte Fritz Nettenmair erleichtert.
Aber es fiel ihm ein, ihr Unvermögen, sich zu verstellen, kam ja auch
dem argen Plan des Bruders zu gut. Er hatte die Eifersucht als letztes
Mittel angewandt. Das war wieder eine Torheit, und er bereute sie schon.
Sie kann sich nicht verstellen; und wäre er noch ganz der alte Träumer,
ihre Aufregung muß ihm verraten, was in ihr vorgeht; ihre Aufregung muß
ihr selber verraten, was in ihr vorgeht. Noch weiß sie es selbst ja
nicht. Und dann -- er stand wieder an dem Punkte, zu dem jeder Ausgang
ihn führt; er sah sie sich verstehen; »und dann,« zwängte er zwischen
den Zähnen hervor, daß jede Silbe daran sich blutig riß, »und dann --
wird sie's schon lernen!«
Der Bruder erwartete ihn in der Wohnstube. »Er muß doch einen Vorwand
machen, warum er da vorbeikam, wo er sie allein dachte, da er weiß, ich
hab' ihn gesehen.« So dachte er und folgte dem Bruder.
Apollonius wartete wirklich in der Wohnstube auf ihn. Der Bruder gab
sich durch seine Wendung auf den Fersen recht, als er ihn sah.
Apollonius suchte den Bruder auf, ihn vor dem ungemütlichen Gesellen zu
warnen. Er hatte manches Bedenkliche über ihn gehört, und wußte, der
Bruder vertraute ihm unbedingt. »Und da befiehlst du, ich soll ihn
fortschicken?« fragte Fritz, und konnte nicht verhindern, daß sein Groll
einmal durchschimmerte durch seine Verstellung. Apollonius mußte aus dem
Tone, mit dem er sprach, seine wahre Meinung herauslesen. Sie hieß: »du
möchtest auch in den Schuppen dich eindrängen, und mich von da
vertreiben. Versuch's, wenn du's wagst!«
Apollonius sah dem Bruder mit unverhehltem Schmerz in das Auge. Er fuhr
mit der Hand über des Bruders Rockklappe, als wollte er wegwischen, was
sein Verhältnis zu dem Bruder trübte, und sagte:
»Hab' ich dir was zu leid' getan?«
»Mir?« lachte der Bruder. Das Lachen sollte klingen, wie: »Ich wüßte
nicht was?« aber es klang: »Tust du was andres, willst du was andres
tun, als wovon du weißt, daß es mir leid ist?«
»Ich wollte schon lange dir etwas sagen,« fuhr Apollonius fort, »ich
will's morgen; du bist heute nicht gelaunt. Das mit dem Gesellen mußtest
du erfahren, und es war nicht so gemeint, wie du's aufnahmst.«
»Freilich! Freilich!« lachte Fritz. »Ich bin überzeugt. Es war nicht so
gemeint.«
Apollonius ging, und Fritz ergänzte seine Rede: »Es war nicht so
gemeint, wie du, Federchensucher, mich glauben machen willst. Und anders
gemeint, als ich's aufnahm? Du meinst, ich hab' -- -- Der Geselle ist
ein schlechter Kerl; aber du hättest mich nicht gewarnt, hättest du
keinen Vorwand gebraucht.« Er machte seine überlegene Wendung auf den
Fersen; in seinen verwüsteten Zustand hinein hatte ihn die glückliche
Anwendung von des alten Herrn diplomatischer Kunst, durch Halbsagen zu
verschweigen, gefreut.
Die Freude war schnell vorübergehend, die alte Sorge schraubte ihn
wieder auf ihre Marterbank. Und noch eine jüngere hatte sich ihr
zugesellt. Er hatte das Geschäft vernachlässigt; der Geselle, in seiner
Abwesenheit Herr im Schuppen, hatte Gelegenheit genug gehabt, ihn zu
bestehlen, und sie gewiß benutzt. Bei der Reparatur war er schon lange
nicht mehr tätig; Apollonius mußte einen Gesellen mehr annehmen, und für
den Bruder einstellen. Er verdiente schon lange nichts mehr, und
versäumte doch dabei kein öffentlich Vergnügen. Die Achtung der
bedeutenden Leute zeigte eine wachsende Neigung zum Sinken und war nur
durch wachsende Massen von Champagner aufrecht zu erhalten. Er hatte
sich in Schulden gesteckt, und vergrößerte sie noch täglich. Und doch
mußte einmal der Augenblick kommen, wo der mühsam erhaltene Schein von
Wohlhabenheit verging. Er wußte, daß er nur so lang der Geachtete war,
als der Jovialste der Jovialen galt. Er war klug genug, den Unwert
solcher Achtung und solchen Bemühens um ihn zu erkennen, aber nicht
stark genug, es entbehren zu können. Es war ein kleiner Zuwachs zu der
alten Marter, und jene wie diese kam ihm von dem Bruder, nur von ihm!
Wohligs Anne war öfter dagewesen seit Apollonius Ankunft, und die junge
Frau hatte in dem Glauben, der in naiven Gemütern die natürliche Folge
der eigenen Wahrhaftigkeit ist, an ihren gesuchtesten Vorwänden nicht
gemäkelt. Heute war das anders. Sie war plötzlich so scharfsichtig
geworden, daß der erkannte Vorwand ihr in der Größe eines
unverzeihlichen Verbrechens erschien. Das Mädchen war ihr zuwider, das
so falsch sein konnte, und sie selbst zu ehrlich, das zu verbergen. Anne
suchte den Grund dieses Benehmens in dem Widerwillen der jungen Frau
gegen den Schwager. Es war ja bekannt, die junge Frau gönnte dem armen
Menschen die Liebe des Bruders nicht. Sie hatte selbst geäußert, sie
würde ihm einen Korb geben, wenn er es wagen würde, sie zum Tanze
aufzufordern. Und dem guten Apollonius war es anzusehen, sie ließ ihn
des Aufenthalts in seinem Vaterhause nicht froh werden. Die Gereiztheit
machte auch die Anne ehrlich; sie sprach von ihren Gedanken aus, was
ausgesprochen werden konnte, ohne den zarten Punkt ihrer Neigung
bloßzugeben. Christiane mußte den Vorwurf nun auch aus fremdem Munde
vernehmen, den schon das eigene Kind ihr gemacht.
Das Mädchen ging. Apollonius kam, vom Bruder zurück, wieder vorüber. Er
konnte das Mädchen noch gehen sehen. Aber nichts zeigte sich in seinem
Gesichte, was ihrer nur halb verstandenen Furcht recht gegeben hätte.
Und so sah auch Fritz Nettenmair, der dem Bruder aus dem Versteck der
Hintertür nachblickte, auf ihrem Antlitz nicht soviel, als er
gefürchtet, zu sehen.