Das Gärtchen liegt zwischen dem Wohnhause und dem Schieferschuppen; wer
von dem einen zum andern geht, muß daran vorbei. Vom Wohnhaus zum
Schuppen gehend hat man es zur linken Seite; zur rechten sieht man dann
ein Stück Hofraum mit Holzremise und Stallung, vom Nachbarhause durch
einen Lattenzaun getrennt. Das Wohnhaus öffnet jeden Morgen zweimal
sechs grün angestrichene Fensterläden nach einer der lebhaftesten
Straßen der Stadt, der Schuppen ein großes graues Tor nach einer
Nebengasse; die Rosen an den baumartig hochgezogenen Büschen des
Gärtchens können in das Gäßchen hinausschauen, das den Vermittler macht
zwischen den beiden größern Schwestern. Jenseits des Gäßchens steht ein
hohes Haus, das in vornehmer Abgeschlossenheit das enge keines Blickes
würdigt. Es hat nur für das Treiben der Hauptstraße offene Augen; und
sieht man die geschlossenen nach dem Gäßchen zu genauer an, so findet
man bald die Ursache ihres ewigen Schlafes; sie sind nur Scheinwerk, nur
auf die äußere Wand gemalt.
Das Wohnhaus, das zu dem Gärtchen gehört, sieht nicht nach allen Seiten
so geschmückt aus, als nach der Hauptstraße hin. Hier sticht eine blaß
rosenfarbene Tünche nicht zu grell von den grünen Fensterladen und dem
blauen Schieferdache ab; nach dem Gäßchen zu, die Wetterseite des
Hauses, erscheint von Kopf zu Fuß mit Schiefer geharnischt; mit der
andern Giebelwand schließt es sich unmittelbar an die Häuserreihe, deren
Beginn oder Ende es bildet; nach hinten aber gibt es einen Beleg zu dem
Sprichwort, daß alles seine schwache Seite habe. Hier ist dem Hause eine
Emporlaube angebaut, einer halben Dornenkrone nicht unähnlich. Von roh
behauenen Holzstämmen gestützt, zieht sie sich längs des obern Stocks
hin und erweitert sich nach links in ein kleines Zimmer. Dahin führt
kein unmittelbarer Durchgang aus dem obern Stock des Hauses. Wer von da
nach der »Gangkammer« will, muß aus der hintern Haustür heraus und an
der Wand hin wohl sechs Schritt an der Hundehütte vorbei bis zu der
hölzernen, hühnersteigartigen Treppe, und wenn er diese hinaufgestiegen,
die ganze Länge der Emporlaube nach links wandeln. Der letzte Teil der
Reise wird freilich aufgeheitert durch den Blick in das Gärtchen hinab.
Wenigstens im Sommer; und vorausgesetzt, die der Länge des Ganges nach
doppelt aufgezogene Leine ist nicht durchaus mit Wäsche behängt. Denn im
Winter schließen sich die Läden, die man im Frühjahre wieder abnimmt,
mit der Barriere zu einer undurchdringlichen Bretterwand zusammen, deren
Lichtöffnungen über dem Bereiche angebracht erscheinen, den eine
gewöhnliche Menschenlänge beherrscht.
Ist die Zier der Baulichkeiten nicht überall die gleiche, und stechen
Emporlaube, Stall und Schuppen bedeutend gegen das Wohnhaus ab, so
vermißt man doch nirgends, was noch mehr ziert als Schönheit der Gestalt
und glänzender Putz. Die äußerste Sauberkeit lächelt dem Beschauer aus
dem verstecktesten Winkel entgegen. Im Gärtchen ist sie fast zu
ängstlich, um lächeln zu können. Das Gärtchen scheint nicht mit Hacke
und Besen gereinigt, sondern gebürstet. Dazu haben die kleinen Beetchen,
die so scharf von dem gelben Kies der Wege abstechen, das Ansehen, als
wären sie nicht mit der Schnur, als wären sie mit Lineal und Zirkel auf
den Boden hingezeichnet, die Buchsbaumeinfassung, als würde sie von Tag
zu Tag von dem akkuratesten Barbier der Stadt mit Kamm und Schermesser
bedient. Und doch ist der blaue Rock, den man täglich zweimal in das
Gärtchen treten sehen kann, wenn man auf der Emporlaube steht, und zwar
einen Tag wie den andern zu derselben Minute, noch sauberer gehalten als
das Gärtchen. Der weiße Schurz darüber glänzt, verläßt der alte Herr
nach mannigfacher Arbeit das Gärtchen wieder -- und das geschieht
täglich so pünktlich um dieselbe Zeit wie sein Kommen -- und in so
untadelhafter Weise, daß eigentlich nicht einzusehen ist, wozu der alte
Herr ihn umgenommen hat. Geht er zwischen den hochstämmigen Rosen hin,
die sich die Haltung des alten Herrn zum Muster genommen zu haben
scheinen, so ist ein Schritt wie der andere, keiner greift weiter aus
oder fällt aus der Gleichmäßigkeit des Taktes. Betrachtet man ihn
genauer, wie er so inmitten seiner Schöpfung steht, so sieht man, daß er
äußerlich nur das nachgetan, wozu die Natur in ihm selber das Muster
geschaffen. Die Regelmäßigkeit der einzelnen Teile seiner hohen Gestalt
scheint so ängstlich abgezirkelt worden zu sein, wie die Beete des
Gärtchens. Als die Natur ihn bildete, mußte ihr Antlitz denselben
Ausdruck von Gewissenhaftigkeit getragen haben, den das Gesicht des
alten Herrn zeigt und der in seiner Stärke als Eigensinn erscheinen
mußte, war ihm nicht ein Zug von liebender Milde beigemischt, ja fast
von Schwärmerei. Und noch jetzt scheint sie mit derselben Sorgfalt über
ihm zu wachen, mit der sein Auge sein kleines Gärtchen übersieht. Sein
hinten kurzgeschnittenes und über der Stirn zu einer sogenannten
Schraube zierlich gedrehtes Haar ist von derselben untadelhaften Weiße,
die Halstuch, Weste, Kragen und der Schurz vor dem zugeknöpften Rocke
zeigen. Hier in seinem Gärtchen vollendet er das geschlossene Bild
desselben; außerhalb seines Hauses muß sein Ansehen und Wesen etwas
Fremdartiges haben. Pflastertreter hören unwillkürlich auf zu plaudern,
die Kinder auf der Straße zu spielen, kommt der alte Herr Nettenmair
dahergestiegen, das silberknöpfige Rohr in der rechten Hand. Sein Hut
hat noch die spitze Höhe, sein blauer Überrock zeigt noch den schmalen
Kragen und die bauschigen Schultern einer lang vorübergegangenen Mode.
Das sind Haken genug, schlechte Witze daran zu hängen; dennoch geschieht
dies nicht. Es ist, als ginge ein unsichtbares Etwas mit der stattlichen
Gestalt, das leichtfertige Gedanken nicht aufkommen ließe.
Wenn die älteren Einwohner der Stadt, begegnet ihnen Herr Nettenmair,
eine Pause in ihrem Gespräch machen, um ihn respektvoll zu grüßen, so
ist es jenes magische Etwas nicht allein, was diese Wirkung tut. Sie
wissen, was sie in dem alten Herrn achten; ist er vorüber, folgen ihm
die Augen der noch immer Schweigenden, bis er um eine Straßenecke
verschwindet; dann hebt sich wohl eine Hand, und ein aufgereckter
Zeigefinger erzählt beredter als es der Mund vermöchte, von einem langen
Leben mit allen Bürgertugenden geschmückt und nicht durch einen einzigen
Fehl geschändet. Eine Anerkennung, die noch an Gewicht gewinnt, weiß
man, wie viel schärfer einem nach außen abgeschlossenen Dasein
nachgerechnet wird. Und ein solches führt Herr Nettenmair. Man sieht ihn
nie an einem öffentlichen Orte, es müßte denn sein, daß etwas
Gemeinnütziges zu beraten oder in Gang zu bringen wäre. Die Erholung,
die er sich gönnt, sucht er in seinem Gärtchen. Sonst sitzt er hinter
seinen Geschäftsbüchern oder beaufsichtigt im Schuppen das Ab- und
Aufladen des Schiefers, den er aus eigener Grube gewinnt und weit
ins Land und über dessen Grenzen hinaus vertreibt. Eine
verwitwete Schwägerin besorgt sein Hauswesen und ihre Söhne das
Schieferdeckergeschäft, das mit dem Handel verbunden ist und an Umfang
diesem wenig nachgibt. Es ist der Geist des Oheims, der Geist der
Ordnung, der Gewissenhaftigkeit bis zum Eigensinn, der auf den Neffen
ruht, und ihnen das Zutrauen erwirbt und erhält, das sie von weit umher
beruft, wo man zur Deckung eines neuen Gebäudes oder zu einer
umfassenderen Reparatur an einem alten des Schieferdeckers bedarf.
Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen
Fensterläden. Die Schwägerin, eine noch immer schöne Frau, wenig jünger
als der Hausherr, behandelt diesen mit einer Art stiller Verehrung, ja
Andacht. Ebenso die Söhne. Der alte Herr dagegen widmet der Schwägerin
eine achtungsvolle Rücksicht, eine Art Ritterlichkeit, die in ihrer
ernsten Zurückhaltung etwas Rührendes hat, den Neffen beweist er die
Zuneigung eines Vaters. Doch steht auch hier etwas zwischen beiden
Teilen, das dem ganzen Verkehr etwas rücksichtsvoll Förmliches
beimischt. Das liegt wohl zum Teile in der schweigsamen Geschlossenheit
des alten Herrn, die sich den übrigen Familiengliedern mitgeteilt hat,
wie denn alle seine Eigentümlichkeiten bis auf die unbedeutendsten
Einzelheiten, so in körperlicher Haltung und Bewegung, wie in Urteil und
Liebhaberei, auf sie übergegangen erscheinen. Wird in dem Familienkreise
weniger gesprochen, so scheint ein Aussprechen von Wünschen und
Meinungen des einen überflüssig, wo der andere mit so sicherem Instinkt
zu raten weiß. Und wie soll das schwer sein, wo alle eigentlich ein und
dasselbe Leben leben?
Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen
Fensterladen.
Die Nachbarn wundern sich, daß der Herr Nettenmair die Schwägerin nicht
geheiratet. Es ist nun dreißig Jahre her, daß ihr Mann, Herr Nettenmairs
älterer Bruder, bei einer Reparatur am Kirchendache zu Sankt Georg
verunglückte. Damals glaubte man allgemein, er werde des Bruders Witwe
heiraten. Sein damals noch lebender Vater wünschte das sogar, und der
Sohn selbst schien nicht abgeneigt. Man weiß nicht, was ihn abhielt.
Aber es geschah nicht, wennschon Herr Nettenmair sich des Familienwesens
seines Bruders und der Kinder desselben väterlich annahm, auch sich
sonst nicht verheiratete, soviel gute Partien sich ihm auch anboten.
Damals schon begann das eigene Zusammenleben.
Es ist natürlich, daß die guten Leute sich wundern; sie wissen nicht,
was damals in vier Seelen vorging; und wüßten sie es, sie wunderten sich
vielleicht nur noch mehr.
Nicht immer wohnte die Sonntagsruhe hier, die jetzt selbst über die
angestrengteste Geschäftigkeit der Bewohner des Hauses mit dem Gärtchen
ihre Schwingen breitet. Es ging eine Zeit darüber hin, wo bitterer
Schmerz über gestohlenes Glück, wilde Wünsche seine Bewohner entzweiten,
wo selbst drohender Mord seinen Schatten vor sich her warf in das Haus;
wo Verzweiflung über selbstgeschaffenes Elend händeringend in stiller
Nacht an der Hintertür die Treppe herauf und über die Emporlaube und
wieder hinunter den Gang zwischen Gärtchen und Stallraum bis zum
Schuppen und ruhelos wieder vor und wieder hinter schlich. Damals schon
war das Gärtchen der Lieblingsaufenthalt einer hohen Gestalt, aber den
Eigensinn des greisen Gesichts dämpfte nicht Milde; wenn sie über die
Straße schritt, hielten auch die Knaben im lustigen Spiele an; aber die
Gestalt sah nicht so freundlich auf sie nieder. Vielleicht, weil ihr
Augenlicht fast erloschen war. Wohl war auch der ältere Herr Nettenmair
ein geachteter Mann und verdiente die Achtung seiner Mitbürger, nicht
weniger als sein milderes Ebenbild nach ihm. Er war ein Mann voll
strenger Ehre. Er war es nur zu sehr!
Was dazumal die Herzen in dem Hause bis zum Zerspringen schwellen
machte, was in den verdüsterten Seelen umging und zum Teile heraustrat
in der Selbstvergessenheit der Angst, oder zur Tat wurde, zur
Verzweiflungstat: alles das mag durch das Gedächtnis des Mannes gehen,
mit dem wir uns bis jetzt beschäftigt. Es ist Sonntag und die Glocken
von Sankt Georg, die den Beginn des vormittägigen Gottesdienstes
verkündigen, rufen auch in das Gärtchen herein, wo Herr Nettenmair nach
hergebrachter Weise zu dieser Stunde auf seiner Bank in seiner Laube
sitzt. Seine Augen ruhen auf dem schiefergedeckten Turmdach von Sankt
Georg, das auch nach ihm zu schauen scheint. Heute sind es einunddreißig
Jahre, seit er nach längerer Abwesenheit auf der Wanderschaft in die
Vaterstadt heimkehrte. Ebenso riefen die Glocken, als er durch eine
Schnei[1] hindurch an der Straße den alten Turm zum ersten Male
wiedersah. Damals knüpfte sich seine nächste Zukunft an das alte
Schieferdach; jetzt liest er seine Vergangenheit davon ab. Denn -- aber
ich vergesse, der Leser weiß nicht, wovon ich spreche. Es ist ja eben
das, was ich ihm erzählen will.
* * * * *
So blättern wir denn die einunddreißig Jahre zurück und finden einen
jungen Mann statt des alten, den wir verlassen. Er ist hochgewachsen wie
dieser, aber nicht so stark. Er trägt die braunen Haare, wie der Alte,
am Hinterkopfe kurz geschoren, über der weißen hohen Stirn in eine
sogenannte Schraube künstlich gedreht. Auf seinem Gesicht erscheint noch
nicht die Strenge des Alten, dem gutmütigen Ausdrucke ist die Narbe
erlittenen Seelenschmerzes noch nicht eingeprägt. Keineswegs aber hat er
die leichtsinnige Unbekümmertheit, die sonst seinem Alter eigen, und
auch nicht das bequeme, nachlässige Wesen, das dem fahrenden
Handwerksburschen so leicht zur Gewohnheit wird. Noch führt ihn die hohe
Straße durch dichten Wald, aber die Klänge der Sankt Georgenglocken aus
der tief unten liegenden Stadt steigen herauf zur waldigen Höhe und
dringen durch Baum und Busch unhemmbar wie eine Mutter, die dem
kommenden Liebling entgegenflieht. Heimat! Was liegt in diesen zwei
kleinen Silben! Was alles steht auf im Menschenherzen, wenn die Stimme
der Heimat, der Glockenton, dem aus der Fremde Kehrenden Willkommen
ruft, der Ton, der das Kind in die Kirche, den Knaben zur Konfirmation
und zum ersten Genusse des heiligen Mahles rief, der jede Viertelstunde
zu ihm sprach! Im Gedanken Heimat umarmen sich all unsre guten Engel.
[Fußnote 1: Lichtung.]
Unserm jungen Wanderer drangen Tränen aus den ernsten und doch so
freundlichen Augen. Schämte er sich nicht vor sich selbst, er hätte laut
geweint. Er kam sich vor, als hätte er seinen Aufenthalt in der Fremde
nur geträumt und könne sich, nun er erwacht, auf den Traum kaum mehr
besinnen, als hätte er nur geträumt, er sei ein Mann geworden in der
Fremde; als sei es ihm immer schon im Traum gekommen, er träume nur in
der Fremde, um, wenn er daheim erwacht sei, davon erzählen zu können. Es
könnte auffallen, wie er bei alledem in diesem Augenblicke seines ganzen
Innern den Spinnenfaden nicht übersah, den die grüßende Luft von der
Heimat her gegen seinen Rockkragen wehte, und daß er die Tränen
vorsichtig abtrocknete, damit sie nicht auf das Halstuch fallen möchten,
und mit der eigensinnigsten Ausdauer erst die letzten, kleinsten Reste
des Silberfadens entfernte, ehe er sich mit ganzer Seele seinem
Heimatsgefühle überließ. Aber auch sein Hängen an der Heimat war ja zum
Teile nur ein Ausfluß jenes eigensinnigen Sauberkeitsbedürfnisses, das
alles Fremde, das ihm anfliegen wollte, als Verunreinigung ansah; und
wiederum entsprang jenes Bedürfnis aus der Gemütswärme, mit der er alles
umfaßte, was in näherem Bezuge zu seiner Persönlichkeit stand. Das Kleid
auf seinem Leibe war ihm ein Stück Heimat, von dem er alles Fremde
abhalten mußte.
Jetzt machte die Straße eine Wendung; der Bergrücken, der vorhin die
Aussicht verengt hatte, blieb zur Seite liegen, und über jungem Wuchs
stieg eine Turmspitze auf. Es war die Spitze des Sankt Georgenturms. Der
junge Wanderer hielt den Schritt an. So natürlich es war, daß das
höchste Gebäude der Stadt ihm zuerst und vor den übrigen sichtbar werden
mußte, seine Sinnigkeit vergaß es über der innigen Bedeutung, die sie in
den Umstand legte. Das Schieferdach der Kirche und des Turms bedurfte
einer Reparatur. Diese war seinem Vater übertragen worden und sie war
der Grund, wenigstens der Vorwand, warum der Vater ihn früher aus der
Fremde zurückrief, als er bei des Sohnes Abreise gewillt gewesen.
Vielleicht morgen schon begann er seinen Teil Arbeit. Dort, senkrecht
über dem weiten Bogen, durch den er die Glocken sich bewegen sah, war
die Aussteigetüre angebracht. Dort sollten die beiden Balken sich
herausschieben, um die Leiter zu tragen, auf der er emporklimmte, bis
zur Helmstange, das Tau seines Fahrzeugs daran anzuknüpfen für die
luftige Fahrt um das Dach. Und wie es seine Natur war, sich mit festen
Herzensfäden an die Gegenstände anzuspinnen, mit denen er in
Arbeitsberührung kommen sollte, so sah er in dem Auftauchen der
Turmspitze einen Gruß und griff unwillkürlich in die Luft nach dem
Grüßenden hin, als gält' es, eine freundlich dargebotene Hand zu
drücken. Dann beschleunigte der Gedanke an seine Arbeit seinen Schritt,
bis ein Aushau im Walde und die Ankunft auf der höchsten Kante des
Berges ihm die ganze Heimatsstadt vor seinen Füßen liegend zeigte.
Wieder blieb er stehen. Dort stand das Vaterhaus, dahinter der
Schieferschuppen; in derselben Vorstadt, nicht weit davon, das Haus, wo
sie -- gewohnt hatte damals, als er in die Fremde ging, jetzt wohnte sie
in seinem Vaterhaus, war seines Vaters Tochter, seines Bruders Weib und
er sollte von heute an in demselben Hause leben und sie täglich sehen
als seine Schwägerin. Sein Herz schlug stärker bei dem Gedanken an sie.
Aber keine von den Hoffnungen, die sich ihm sonst an ihr Andenken
geknüpft, ließ es schwellen. Seine Neigung war die eines Bruders zur
Schwester geworden und was ihn jetzt bewegte, sah mehr einer Sorge
gleich. Er wußte, sie dachte mit Widerwillen an ihn. Sie war die einzige
im ganzen Vaterhause, die sein Kommen ungern sah. Wie war das alles
geworden? War nicht eine Zeit gewesen, wo sie ihm gut zu sein schien? Wo
sie ihm so gern zu begegnen schien, als später beflissen, ihm
auszuweichen? Da unten vor der Stadt in Gärten liegt das Schützenhaus.
Wie sind die Bäume um das Haus größer geworden, seit er von dieser Höhe
herab auch ihm den letzten Gruß zugewinkt hatte! Dort unter jener Akazie
hatte er kurz vorher gestanden -- es war an einem schönen Frühlingsabend
gewesen, dem schönsten, meinte er, den er erlebt -- am Pfingstschießen.
Drin tanzte das übrige junge Volk; er ging selig um das Haus herum, in
dem er sie tanzend wußte. Er fühlte sich jetzt noch im Umgang mit
Mädchen und Frauen befangen, und wußte nicht mit ihnen zu reden; das war
er damals noch mehr gewesen als jetzt. Wie gern hätte er ihr gesagt --
wenn er allein war, wieviel hatte er ihr zu sagen und wie gut wußte er
es zu sagen, und führte es ein Zufall daß er sie allein traf -- und
wunderbar, wie geschäftig der Zufall sich zeigte, ein solch
Zusammentreffen zu vermitteln -- da trieb ihm der Gedanke, jetzt sei der
Augenblick da, alles Blut nach dem Herzen, die Worte von der Zunge in
den Versteck der tiefsten Seele zurück. So war es gewesen, wie sie, die
Wangen vom Tanze glühend, allein herausgetreten war aus dem Hause. Es
schien ihr nur um Kühlung zu tun; sie wehte sich mit dem weißen Tuche
zu, aber ihre Wangen wurden nur röter. Er fühlte, sie hatte ihn gesehen,
sie erwartete, er sollte näher treten und daß sie wußte, er verstand
sie, das färbte ihr die Wangen röter. Das trieb, da er zögerte, sie
wieder hinein in den Saal. Vielleicht auch, daß sie einen Dritten nahen
hörte. Sein Bruder kam aus einer andern Tür des Saales. Er hatte die
beiden noch schweigend einander gegenüberstehen, vielleicht auch des
Mädchens Röterwerden gesehen. »Du suchst die Beate?« fragte unser Held,
um seine Verlegenheit zu verbergen. »Nein,« entgegnete der Bruder. »Sie
ist nicht zum Tanze und das ist gut. Es kann doch nichts werden; ich muß
mir eine andere anschaffen und bis ich eine finde, ist böhmisch Bier
mein Schatz.«
Es war etwas Wildes in des Bruders Rede. Unser Held sah ihn verwundert
und zugleich bekümmert an. »Warum kann nichts werden?« fragte er. »Und
wie bist du nur?«
»Ja, du meinst, ich soll sein wie du, fromm und geduldig, wenn nur kein
Federchen etwa an deinem Rocke sitzt. Ich bin ein andrer Kerl, und wird
mir ein Strich durch meine Rechnung gemacht, muß ich mich austoben.
Warum nichts werden kann? Weil der Alte im blauen Rock es nicht will.«
»Der Vater rief dich gestern in das Gärtchen --«
»Ja, und zog seine weißen Augenbrauen, die wie mit dem Lineal gemacht
sind, anderthalb Zoll in die Höh. Ich hatte mir's wohl gedacht. >Du
gehst mit der Beate vom Einnehmer. Das hat aufgehört von heut an.<«
»Ist's möglich? Und warum?«
»Ja, hast du je gehört, daß der im blauen Rock ein Warum vorgebracht
hätte? Und hast du ihn je gefragt: warum denn aber, Vater? Ich möchte
sein Gesicht sehen, fragte ihn einer von uns: Warum? Er hat's nicht
gesagt, aber ich weiß es, warum das aufgehört haben soll mit mir und der
Beate. Ich hab's die ganze Woche her erwartet; wenn er die Hand aufhob,
meint' ich, er deutet nach dem Gärtchen, und war bereit, wie ein armer
Sünder hinter ihm her zu gehen. Da ist ja der Ort, wo er seine
Kabinettsbefehle austeilt. Mit dem Einnehmer soll's nicht gut stehn. Es
geht eine Rede, er braucht mehr, als seine Besoldung hergeben will. Und
-- nun du bist ja auch ein Federchensucher wie der im blauen Rock. Aber
was kann das Mädchen dazu? Was ich? Nun, aufgehört muß die Geschichte
haben, aber das Mädel dauert mich und ich muß sehn, wie ich sie
vergesse. Ich muß trinken oder mir eine andere anschaffen.«
Unser Held war des Bruders Art gewohnt; er wußte, daß seine Reden nicht
so wild gemeint waren, als sie klangen, und der Bruder bewies ja seine
Liebe und Achtung vor dem Vater durch die Tat seines Gehorsams; dennoch
wäre es unserm Helden lieb gewesen, der Bruder hätte sie auch im Reden
gezeigt, wie im Tun. Der Bruder hatte mit seiner Neckerei nicht ganz
unrecht gehabt. Apollonius war es, als läge etwas Unsauberes auf der
Seele des Bruders und er strich unwillkürlich mehrmals mit der Hand über
den Rockkragen desselben hin, als wäre es äußerlich von ihm abzuwischen.
Vom Tanze hatte sich Staub darauf gelagert; wie dieser entfernt war, kam
ihm die Empfindung, als sei wirklich entfernt, was ihn gestört.
Das Gespräch tauschte seinen Stoff. Sie kamen auf das Mädchen zu
sprechen, das vorhin sich Kühlung zugeweht; Apollonius wußte gewiß
nicht, daß er die Anregung dazu gegeben hatte. Wie das Mädchen das Ziel
war, nach dem alle Wege seines Denkens führten, so hielt es ihn, war er
bei ihr angekommen, unentrinnbar fest. Er vergaß den Bruder so, daß er
zuletzt eigentlich mit sich selbst sprach. Der Bruder schien all das
Schöne und Gute an ihr, das der Held in unbewußter Beredsamkeit pries,
erst wahrzunehmen. Er stimmte immer lebhafter bei, bis er in ein wildes
Lachen ausbrach, das den Helden aus seiner Selbstvergessenheit weckte
und seine Wangen so rot färbte, als die des Mädchens vorhin gewesen
waren.
»Und da schleichst du um den Saal, wo sie mit andern tanzt und, zeigt
sie sich, so hast du nicht das Herz, mit ihr anzubinden. Wart', ich will
dein Gesandter sein. Von nun soll sie keinen Reihen tanzen, als mit mir,
damit kein andrer dir die Quere kommt. Ich weiß mit den Mädels
umzugehen. Laß mich machen für dich.«
Sie standen etwa zehn Schritt von der großen Saaltüre entfernt,
Apollonius mit dem vollen, der Bruder mit dem halben Angesichte
derselben zugewandt. Unser Held erschrak vor dem Gedanken, daß das
Mädchen heute noch alles erfahren sollte, was er für sie fühlte. Dazu
kam die Scham über sein eigenes befangenes ungeschicktes Wesen ihr
gegenüber und wie sie davon würde denken müssen, daß er eines Mittlers
bedürfe. Er hatte schon die Hand erhoben, dem Bruder Einhalt zu tun, als
die Erscheinung des Mädchens selbst ihm alles andere verdunkelte. Leise
und allein wie vorhin kam sie aus der Tür geschritten. Unter dem Tuche,
mit dem sie sich Kühlung zuwehte, schien sie verstohlen um sich zu
sehen. Er sah wieder ihre Wangen röter werden. Hatte sie ihn gesehen?
Aber sie wandte ihr Gesicht nach der entgegengesetzten Seite. Sie schien
etwas zu suchen im Grase vor ihr. Er sah, wie sie eine kleine Blume
pflückte, diese auf eine Bank legte und, nachdem sie eine Weile wie
zweifelnd gestanden, ob sie die Blume wieder aufnehmen sollte, wie mit
schnellem Entschluß sich wieder nach der Tür wandte. Eine halb
unwillkürliche Armbewegung schien zu sagen: mag er sie nehmen; sie ist
für ihn gepflückt. Wieder wogte es rot herauf bis an das dunkelbraune
Haar, und die Hast, mit der sie in der Tür verschwand, schien einer Reue
vorbeugen zu sollen, die die Sorge erzeugen konnte, wie ihr Tun
verstanden werden würde.
Der Bruder, der von alledem nichts zu gewahren schien, hatte noch in
seiner lebendigen, heftigen Weise fortgesprochen; seine Worte waren
verloren; unser Held hätte zwei Leben haben müssen, sie zu hören, denn
das eine, das er besaß, war in seinen Augen. Jetzt sah er den Bruder
nach dem Saale stürmen. Zu spät kam ihm der Gedanke, ihn zurückzuhalten.
Er eilte ihm vergeblich nach bis zur Tür. Dort nahm ihn wiederum die
Blume gefangen, die das Mädchen für einen Finder hingelegt, für einen
glücklichen, fand sie der, dem sie zugedacht war. Und unter den leisen,
mechanisch fortgesetzten Zurufen seines Mundes an den Bruder, der sie
nicht mehr hörte, er solle schweigen, fragte er sich innerlich: bist
du's auch, für den sie die Blume hierher gelegt? Hat sie die Blume für
jemand hierher gelegt? Sein Herz antwortete glücklich auf beides mit ja,
während ihn das Vorhaben des Bruders noch bedrängte.
War es ein Liebeszeichen von ihr und für ihn, so war es das letzte.
Zweimal sah er verstohlen in den Saal, wenn die Tür sich öffnete; er sah
sie mit seinem Bruder tanzen, dann im Ausruhen vom Tanze den Bruder in
seiner hastigen Weise auf sie hineinreden. Jetzt spricht er von mir,
dachte er, über das ganze Gesicht erglühend. Er stürzte in den Schatten
der nahen Büsche, als sie den Saal verließ. Der Bruder führte sie heim.
Er folgte den beiden in so großer Entfernung, als er nötig hielt, von
ihr nicht gesehen zu werden. Als der Bruder von der Begleitung
zurückkam, trat er von der Tür weg. Er war wie nackt vor Scham. Der
Bruder hatte ihn doch bemerkt. Er sagte: »Noch will sie nichts von dir
wissen; ich weiß nicht, ist es Ziererei oder ihr Ernst. Ich treffe sie
schon wieder. Auf einen Schlag fällt kein Baum. Aber das muß ich dir
zugestehen, Geschmack hast du. Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt
habe seither. Die ist noch ganz anders, als die Beate. Und das will viel
sagen!«
Von da an hatte der Bruder unermüdlich mit Walthers Christianen getanzt
und für den Bruder gesprochen und jedesmal, nachdem er sie heimgeführt,
dem Helden Rechenschaft abgelegt von seinen Bemühungen für ihn. Lange
noch war er ungewiß, ob sie sich nur ziere, oder ob sie unserm Helden
wirklich abgeneigt sei. Er erzählte gewissenhaft, was er zu des Helden
Gunsten ihr gesagt, was sie auf seine Fragen und Versicherungen
geantwortet. Er hatte noch Hoffnung, als unser Held sie schon aufgegeben
hatte. Und dieser hätte es aus ihrem Benehmen gegen ihn erkennen müssen,
hätte er auch ihre Antworten an den Bruder nicht erfahren, seine Neigung
habe keine Erwiderung zu erwarten. Sie wich ihm aus, wo sie ihn sah, so
angelegentlich, als sie ihn früher gesucht zu haben schien. Und war er
es denn gewesen, den sie damals suchte, wenn sie überhaupt jemand
gesucht hatte?
Der Bruder forderte ihn hundertmal auf, sie abzupassen und selbst seine
Sache bei ihr zu führen. Er bot seine ganze Erfindungskraft auf, dem
Helden Gelegenheit zu verschaffen, sie allein zu sprechen. Unser Held
wies die Aufforderungen ab, wie die Anerbieten. Es war doch unnütz.
Alles, was er erreichen konnte, war, sie nur noch mehr zu erzürnen.
»Ich kann's nicht mehr mit ansehen, wie du abmagerst und immer bleicher
wirst,« sagte der Bruder eines Abends zu unserm Helden, nachdem er ihm
gemeldet, wie er heute wieder erfolglos für ihn gesprochen. »Du mußt
fort eine Zeitlang von hier, das wird nach zwei Seiten gute Folgen für
dich haben. Wenn ich ihr sage, du bist um ihretwillen in die Welt
gegangen, wird sie sich vielleicht bekehren. Glaub' mir, ich kenne, was
lange Haare trägt und weiß damit umzugehen. Du schreibst ihr einen
beweglichen Brief zum Abschied, den bekommt sie durch mich und ich will
ihr schon das Herz weich machen. Und ist's nicht zu erreichen, so wird
dir's gut tun, wenn du ein oder mehrere Jahre von hier weg bist, wo dich
alles an sie erinnert. Und zuletzt wird die Fremde einen andern Kerl aus
dir machen, der mit der Art, die Schürzen trägt, besser umzuspringen
weiß. Du mußt tanzen lernen, das ist schon der halbe Weg dazu. Und der
Alte im blauen Rock ist ohnehin vom Vetter in Köln angegangen worden,
einen von uns zu ihm zu schicken; ich las neulich in einem Brief, der
ihm aus der Tasche gefallen war. Sag ihm nur, du hättest aus seinen
Reden so was gemerkt und wenn er's haben wollte, so wolltest du gehn.
Oder laß mich das machen. Du bist zu ehrlich.«
Und er machte es wirklich. Es ist die Frage, ob sich unser Held
freiwillig hätte entschließen können, die Heimat zu verlassen, er, der
nicht begriff, wie jemand wo anders leben könne, als in seiner
Vaterstadt, dem es immer wie ein Märchen vorgekommen war, daß es noch
andere Städte gäbe und Menschen drin wohnten, der sich das Leben und Tun
und Treiben dieser Menschen nicht als ein wirkliches, wie die Bewohner
seiner Heimat es führten, sondern als eine Art Schattenspiel vorgestellt
hatte, das nur für den Betrachter existierte, nicht für die Schatten
selbst. Der Bruder, der den alten Herrn zu behandeln wußte, brachte, wie
zufällig, das Gespräch auf den Vetter in Köln, wußte die Andeutungen,
die Herr Nettenmair in seiner diplomatischen Weise gab, als
vorbereitende Winke aufzufassen, faßte andere, die unsern Helden
betrafen, damit zusammen. Nach öfterem Gespräche schien er's für den
ausgesprochenen Willen des alten Herrn zu nehmen, daß Apollonius nach
Köln zu dem Vetter müsse. Dadurch war dem alten Herrn der Gedanke
gegeben, über dem er nun, da er für den seinen galt, nach seiner Weise
brütete. Es war wenig Arbeit vorhanden und auch für die nächste Zeit
keine Aussicht auf eine bedeutende Vermehrung derselben. Zwei Hände
waren zu entbehren und blieben die im Geschäft, so waren die Kräfte
desselben zu einem halben Müßiggang verdammt. Der alte Herr konnte
nichts weniger leiden, als was er leiern nannte. Es fehlte nur an einem
Widerstande von seiten unsers Helden. Dieser wußte nichts von des
Bruders Plane. Der Bruder hatte ihn weislich nicht darin eingeweiht,
weil er ihn zu gut kannte, um Vorschub von ihm zu erwarten bei einem
Tun, das er als unehrlich und unehrerbietig zugleich gegen den Vater
verworfen haben würde.
»Du willst den Apollonius nach Köln schicken,« sagte der Bruder eines
Nachmittags zu dem alten Herrn. »Wird er aber gehen wollen? Ich glaube
nicht. Du wirst mich auf die Wanderschaft schicken müssen. Der
Apollonius wird nicht gehen. Wenigstens heut oder morgen noch nicht.«
Das war genug. Noch denselben Abend winkte der alte Herr unseren Helden
sich in das Gärtchen nach. Vor dem alten Birnbaum blieb er stehen und
sagte, indem er ein kleines Reis, das aus dem Stamme gewachsen war,
entfernte: »Morgen gehst du zum Vetter nach Köln.«
Mit schneller Wendung drehte er sich nach dem Angeredeten um und sah
verwundert, daß Apollonius gehorsam mit dem Kopfe nickte. Es schien ihm
fast unlieb, daß er keinen Trotz zu brechen haben sollte. Meinte er, der
arme Junge denke trotzige Gedanken, wenn er sie auch nicht ausspreche
und wollte er auch den Trotz der Gedanken brechen? »Heut noch schnürst
du deinen Ranzen, hörst du?« fuhr er ihn an.