In folge des Schönbrunner Friedens vom 14. Oktober 1809 war der
westliche Teil von Kroatien („Illyrisch-Kroatien“) französisch geworden.
Vier Jahre hindurch mußten die an ganz andere Verhältnisse gewöhnten
„okkupierten“ Kroaten die französische Herrschaft und Verwaltungskunst
ertragen; sie durften wohl seufzen, die Faust aber nur im Sack machen.
Es gab jedoch auch Lichtseiten, indem in manche Dinge von den Franzosen
Ordnung gebracht wurde, die Besatzungstruppen sich im großen und ganzen
anständig benahmen. Für die Heiterkeit der Kroaten sorgte die
französische — Duellwut, die den Kroaten etwas ganz Neues und
Urkomisches war und Orgien feiern konnte, da der kroatische Wein gut,
spottbillig und zur Aufstachelung der Zweikampfslust nachtsüber sehr
geeignet war. Weniger komisch wurde die vom Marschall Marmont auferlegte
und sehr tatkräftig eingehobene Zwangsanleihe befunden. Solchen Aderlaß
bekam der kroatische Adel empfindlich zu spüren, weshalb just in
Gutsbesitzerkreisen die früher üblich gewesene Liebäugelei in das
Gegenteil umschlug, als man die verhimmelten Franzosen als Herren im
Lande hatte.
Neu war den Kroaten auch der Zwang, vor der kirchlichen Trauung die
staatliche Zivilehe auf dem französischen Standesamte zu schließen. Den
farbenfreudigen Südslaven gefiel die Trikolore Frankreichs als
Amtsschärpe der Bürgermeister, da selbe die Farben Kroatiens, freilich
in anderer Zusammenstellung, aufwies. Der Klerus, der französischen
Herrschaft durchaus abgeneigt, unterließ wohl aus Gründen der Klugheit
den Widerstand gegen die aufgenötigte Zivilehe. Es war überhaupt nichts
zu wollen, gegen die Zwingwirtschaft nicht aufzukommen; bis auf ganz
kleine Kreise, die mehr oder weniger notgedrungen den Verkehr mit
Militär und Beamtenschaft unterhielten, blieben Adel und Geistlichkeit
abseits, fügten sich knirschend ins Unvermeidliche, erfuhren von
Reibungen nicht viel, da es dazumal keine Zeitungen im Lande gab, der
Postverkehr sehr dürftig eingerichtet war, das Briefschreiben nicht zu
den Gepflogenheiten des kroatischen Adels gehörte.
So wußte man in „Illyrisch-Kroatien“ kein Wort von der Völkerschlacht
bei Leipzig, nichts von sonstigen Ereignissen.
Eines Tages früh morgens war in Französisch-Kroatien _kein französischer
Soldat mehr zu sehen_: alles in nächtlicher Stille plötzlich abgezogen.
Darob großes Erstaunen, Verwunderung. Bevor das Volk aber die Nachricht
vom Abzug der „Okkupations“truppen erfuhr, und ehe der Adel sich darüber
richtig freuen konnte, wurde amtlich verkündet, daß _Kroatien_ nunmehr
unter der _„väterlichen“ Regierung Österreichs_ stehe.
Die Schilderungen der Stimmung in Kroatien wegen dieser Ereignisse gehen
weit auseinander, je nachdem der Autor Österreicher, Franzose, Ungar
oder Kroat gewesen. Sehr plastisch weiß Dr. von Tkalac (Weber) in seinen
„Jugenderinnerungen aus Kroatien“ zu erzählen; aber ganz zuverlässig ist
dieser vornehme Kroate nicht wegen seiner leidenschaftlichen Parteinahme
für den „Westen“, und überdies war er zu jener Zeit noch nicht geboren,
kannte die Verhältnisse nur aus den Mitteilungen seines Vaters, der
wegen des finanziellen Aderlasses ein grimmiger Franzosenhasser war.
Daß das von den Franzosen endlich befreite Volk seinen Bedrückern
„grollte“ nur deshalb, weil die Besatzungstruppen ohne „klingend Spiel“
bei Nacht und Nebel abgezogen waren, glaubt dem Herrn von Tkalac wohl
der stärkste Mann von Europa nicht. Er erzählt auch, daß die
„grollenden“ Bewohner von Karlstadt nach dem Abzug die französischen
Adler von den Amtsgebäuden herabrissen, und daß die Leute in die
Freimaurerloge eindrangen und dort alles kurz und klein schlugen, die
Trümmer aus den Fenstern warfen und auf dem Platze verbrannten. Der
Bürgermeister, zugleich „Meister vom Stuhl“, habe Widerstand nicht
gewagt, weil er wußte, daß die österreichische Regierung die
Freimauerei nicht dulden würde.
Österreich regierte „väterlich“ absolutistisch auch in Kroatien, wo man
an die ungarische Gesetzgebung und Verwaltung schlecht und recht gewohnt
war. Kein Wunder, daß den Kroaten gewisse „väterlich-österreichische“
„Spezialitäten“, wie Stempel- und Registrierungstaxen, Tabak- und
Salzmonopol usw., nicht gefielen. Auch die Nichtwiedergewährung der
Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung nach ungarischen Muster
(„Autonomie der Munizipien“ genannt) paßte den an ungarische Freiheiten
und Lässigkeiten gewöhnten Kroaten nicht. Der Wiener Bureaukratenzopf
wurde als sehr lästig empfunden. Wegen rücksichtsloser Steuereintreibung
ballte das gequälte Volk die Fäuste. Dr. Tkalac erzählt, daß ein nach
Karlstadt, dem Hauptsitz der vielen Behörden, gekommener Bauer beim
Anblick eines Amtsschildes mit dem österreichischen Doppeladler ausrief.
„Der französische Adler hatte nur _einen_ Schnabel, wieviel wird nun
diese Bestie mit _zwei_ Schnäbeln fressen!“ Der Ausruf muß von einem
„biederen“ Landsmann verraten worden sein, da der nicht üble Witz dem
Bauer „teuer zu stehen kam“. Den aus slovenischen Landesteilen nach
Kroatien berufenen österreichischen Beamten wird es nicht möglich
gewesen sein, den erwähnten Ausspruch eines Kroaten schlankweg zu
verstehen. Tkalac irrte sich mit der Behauptung, daß sich Slovenisch
sprechende Beamte mit der kroatischen Bevölkerung „leicht“ verständigen
konnten. „Leichter“ als Deutsch ja, aber nicht leicht; denn der
slovenische Dialekt von Kärnten und Krain wird auch heute noch nicht von
kroatischen — Bauern verbanden. Man muß das im praktischen Verkehr
selbst erprobt haben, um sich ein Urteil darüber erlauben zu können.
Beide Dialekte weichen sehr stark von einander ab. Hingegen können sich
gebildete Slovenen und Kroaten ziemlich leicht verständigen, wenn sie
sich ihrer Idiome dialektfrei bedienen. In jenen Jahren gab es aber im
praktischen Verkehr eine reine, dialektfreie Sprache weder bei den
Slovenen noch bei den Kroaten.
Zum Zeitalter des übelsten Absolutismus gehörte auch die
Gesinnungsschnüffelei, die von den Beamten arg getrieben worden sein
mußte, da es zu Aufstand, Verbrennung österreichischer Amtsschilder und
gewaltsamer Vertreibung der Beamten, auch der sogenannten Krajnci
(Krainer), der slovenisch sprechenden Herren aus den Erbländern,
gekommen war. Das Wort „Krajnjac“ (Krainer) war gleichbedeutend mit
„Beamter“ geworden und entfachte den Haß der Kroaten, die, von
ungarischer Freiheit in der Selbstverwaltung verwöhnt, gegen die
absolutistische „k.k.“ Bedrückung sich auflehnten. Der Adel und die
Bürgerschaft murrten, blieben aber ruhig in der Hoffnung, daß das
„_Provisorium“ der österreichischen Besetzung_ Kroatiens nicht
allzulange währen werde. Der Klerus wurde respektiert und hatte deshalb
keinen Anlaß zu Klagen.
Das war die Stimmung im Lande während des „Provisoriums“ der
österreichischen Besetzung.
Im September 1814 begann der Wiener Kongreß, dem wegen der Befreiung vom
„k.k. Joche“ mit großen Hoffnungen entgegengesehen wurde. Von der Komik
der Kongreßvergnügungen drang manche Nachricht auch nach Kroatien. Was
aber in der Kaiserstadt komisch wirkte, machte die Kroaten, wenigstens
in adeligen Kreisen, — toll. Die Parole: „Morgen wieder lustik“
begriffen sie sofort und setzten sie in Wirksamkeit auf Narrenweise und
in — Entartung. Wer nach langer Kerkerhaft in die Freiheit gelangt, wird
von der vermeintlichen Zügellosigkeit berauscht und wird toll, reif für
das Irrenhaus.
Was sich auf kroatischem Boden abspielte, bildete nach Jahrzehnten noch
immer den Gesprächsstoff, so daß Dr. von Tkalac (geboren 1822) aus den
Erzählungen befreundeter Adeliger, die den tollen Rummel mitgemacht
hatten, entsetzensvolle Eindrücke empfing und mit Schaudern darüber
schrieb.
Just die sogenannten gebildeten Klassen stürzten sich kopfüber, wie
besinnungslos, toll geworden von Zerstreuungswut, in Vergnügungen, die
als „Niggerhetzen“ selbst auf afrikanischem Boden — Erstaunen erregt
haben würden. Der Drang nach Vergnügen um jeden Preis war übermächtig
geworden; man wollte sich austoben, gierig, toll, ohne zu denken, daß
alles, auch die Vergnügungssucht, Grenzen haben müsse, sinnloser
Geldverbrauch zum Ruin führe, jede Entartung sich auf lange Zeit hinaus
bitter rächen werde.
Aufgebaut waren diese „Festivitäten“ auf der berühmten slavischen
Gastfreundschaft, die auch für die Kroaten und Serben nicht nur als
Tugend, sondern geradezu als nationale und moralische Pflicht gilt, den
slavischen Völkern schon im Kindesalter sozusagen eingeimpft wird. Wer
sich dieser Pflicht entzieht, gilt als ehrlos, ist der allgemeinen
Verachtung ausgeliefert und wird als ausgestoßen betrachtet. Deshalb ist
der Slave, besonders der Südslave, immer bestrebt, Gastfreundschaft, die
ihn selbst ehrt, zu erweisen; freudig gibt er sein Bestes und auch sein
Letztes, um den Gast zu ehren, und inniger Dank des Gastes bildet für
den Slaven Lebensglück.
In jenen Jahren offenbarte sich, daß auch die Gastfreundschaft —
entarten kann.
Im Umkreise von mehreren Meilen kennen sich selbstverständlich die
Grundbesitzer überall. Gegenseitige Besuche mit ganzer Familie waren von
jeher zu gewissen Zeiten oder bei besonderen Anlässen üblich. Zu
jagdlichen Veranstaltungen (großen Treibjagden) erschienen nur Herren in
großer Anzahl, immer mit eigenem Fuhrwerk und Dienerschaft. Zu
Familienfesten jedoch jeweils die Familien mit Kind und Kegel, gesamtem
Troß, mitunter sogar mit Tafelzeug, wenn etwa bekannt war, daß wegen
übergroßen Andranges von Gästen Mangel an Tischgeräten eintreten konnte.
Infolge der plötzlich ausgetretenen Vergnügungswut hielt man sich nicht
mehr an die früher üblich gewesene Besuchsansage oder Einladung: man
erschien mit gesamter Familie, Dienerschaft, Pferden und Geschirr eines
Tages auf dem nächstgelegenen Edelsitz, feierte das Bilikum, blieb
mehrere Tage, d. h. bis der betreffende Gutsbesitzer erklären mußte, daß
er nichts mehr zu bieten habe und gezwungen sei, sich mit seiner Familie
den Gästen — anzuschließen, die nun weiter zum nächsten Edelsitz zogen.
Schwatzen, Essen und Tanz für Frauen und Töchter, Essen, Trinken, Tanz
und Kartenspiel für die männliche Welt. Mitunter mehr als ein Dutzend
vielköpfiger Familien zusammen auf dem „heimgesuchten“ Edelsitz. Von
einem Gut zum andern, bis alles — „abgegrast“ war; dann boten aber die
zigeunernden Gäste selbst Gastfreundschaft bis zum letzten Kalb,
Schwein, Faß und Knopf. Dieses Herumziehen währte im Turnus, der nicht
ängstlich in den nachbarlichen Grenzen gehalten werden mußte, da man
auch bei nichtbenachbarten Gutsbesitzern „einfallen“ konnte und
Gastfreundschaft fordern durfte, bis der Winter mit Regengüssen und
Schnee die damals schlechten Straßen unfahrbar machte, auf den
Edelsitzen Vorräte nicht mehr vorhanden waren.
Tropfenweise kamen die Schilderungen vom Prunk der endlosen Feste aus
Wien nach Kroatien. Vom Ausspruch des ritterlichen geistvollen Fürsten
de Ligne: „_Le congrès danse, mais il ne marche pas_“ (der Kongreß
tanzt, aber er geht nicht vorwärts), interessierte die adeligen Kroaten
nur der erste Satzteil, und den Ausspruch der Gräfin Bernstorff, der
Gemahlin des dänischen Gesandten („Es ist, als käme man vom Lande und
sehne sich nach langentbehrter Zerstreuung„), drehten die kroatischen
Notabeln einfach um: sie trugen die langentbehrte Zerstreuung auf's Land
— hinaus! Das neumodische Karussellreiten des Hochadels in Wien wurde
auf manchem Edelhofe nachgeahmt und als Sport nicht wenig belacht. Für
die Volksfeste im Wiener Prater fehlten Verständnis und Gelegenheit;
doch hatten die Notabeln im slavischen Süden ihre Freude an den Wiener
Scherzen, z.B. an der Verdrehung des Wortes „Dänemark“ in „Tandelmarkt“!
Soviel Deutsch verstanden die Nobili südlich der Save sofort, um den
„König vom Tandelmarkt“ zu verulken.
Es fehlt der Nachweis dafür, daß die harmlos galante Wette des
russischen Zaren mit der schönen Gräfin Flora Wrbna-Kageneck bezüglich
des schnelleren Toilettemachens von den kroatischen Edelleuten
irgendwie nachgeahmt wurde. Auf ulkhafte Art scheint es geschehen zu
sein, selbstverständlich plumper als der Vorgang in Wien, wo der Zar
punkt neun Uhr in Begleitung von Zeugen im gewöhnlichen Anzug bei Zichys
erschien, sich zum Austrag der Wette meldete, dann abtrat und schon nach
Umfluß von fünf Minuten in voller Uniform wieder im Salon der Gräfin
Zichy erschien und die Wette — verloren hatte, da die Gräfin Flora
Wrbna-Kageneck sich — in eine Hofdame der Zeit Ludwigs XIV. verwandelt —
bereits im Saale befand.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese harmlose Wette, deren Sieg der
Gräfin Wrbna ein artiges Handschreiben des Zaren und als Geschenk eine —
„Bibliothek“ eintrug, einen vergnügenssüchtigen Adeligen auf die Idee
brachte, die „Familiensimpelei“ auf den Edelsitzen in eine — Pikanterie,
in eine tolle „Mohrenherz“ umzugestalten.
Auf einem Gutssitz hatten die siebzig Gäste mit etwa vierzig Pferden und
Dienerschaft binnen fünf Tagen „ratzekahl“ gezecht. Der Gutsherr war für
ein Jahr ruiniert. Der „Oberarrangeur“ und Vergnügungsmeister verkündete
für den nächsten Tag den Abzug und die Fahrt zum benachbarten Edelsitz,
wohin vorsichtshalber Botschaft gesendet worden sei. Da bei dieser
Verkündigung nicht alle Damen anwesend waren, benutzte der „Maestro“
die Gelegenheit, in die Räume der Frauen einzudringen. Die Raumnot hatte
dazu gezwungen, in je einem Zimmer acht bis zehn Frauen unterzubringen,
ebenso Mädchen und Kinder unter Aufsicht älterer Damen. Die Männer waren
in Scheunen (Schlafgelegenheit auf Stroh), zu einem Teil auf
nahegelegenen Bauerngehöften einquartiert, wo die Herren toll genug
„wirtschafteten“.
Den Gipfel der Tollheit und Scheußlichkeit erklomm das für den letzten
Abend auf dem Gutssitz ausgeführte _Lottospiel um die — Frauen_!
Die vom schweren Zechen berauschten Männer „würfelten“ um die Ehefrauen,
mit denen sie die letzte Nacht vor der Abreise nach einem anderen
Edelsitz zubringen sollten. Die Dienerschaft (Zofen) wurde mit Geld
bestochen und zu Angaben verleitet, in welchem Zimmer und in welchen
Betten die einzelnen Damen nächtigten. Die Namen dieser Frauen mit den
erkauften Angaben wurden dann auf Zettel geschrieben, diese Zettel in
einen Hut geworfen und durcheinandergemischt. Jeder „Edel“mann dieser
seltsamen Korona — mit dieser Schändlichkeit waren alle freudig
einverstanden — zog einen Zettel heraus, der ihm für die Nacht eine
„Genossin“ zuwies.
Nicht gegen das schändliche Spiel um Ehre und Frauenwürde, gegen die
Zuchtlosigkeit, erhob sich erstmals ein Widerspruch, es wurde nur die
Befürchtung geäußert, daß der Betrug verfrüht durch Licht entdeckt
werden könnte. Dieses Bedenken zerstreute der „Erfinder“ des
„Frauenspieles“ mit dem Hinweis, daß _rasches Lichtmachen mit Feuerstein
und Schwefelfaden unmöglich_ sei, daß also bei dieser langsamen, den
Frauen sehr lästigen Prozedur den betreffenden „illegitimen“ Eheherren
im Entdeckungsfalle die Flucht aus dem Zimmer wesentlich erleichtert
sei. Die Anwesenheit anderer Damen in den Stuben erregte überhaupt keine
Bedenken. Der _Weibertausch_ wurde _richtig ausgeführt_! Und es gab
_keinen_ öffentlichen Skandal in Kroatien wegen dieser — afrikanischen
„Erlustierung“.
Die „vergnügenssüchtigen“ berauschten Herren der Schöpfung schlichen
barfuß in die Frauengemächer und schmuggelten sich in die — ausgelosten
Betten. Wurde von einer oder der anderen Frau der schmähliche Betrug
irgendwie erkannt und Lärm geschlagen, so flüchteten die Herren sofort
aus den Stuben, bevor Licht erzeugt werden konnte. „Dank“ _Feuerstein
und Schwefelfaden_, der Langsamkeit, mit diesen Hilfsmitteln Licht zu
machen, vermochten sich die „Witzbolde“ rechtzeitig in Sicherheit zu
bringen. Und dies des öfteren!
Wegen dieses „witzigen Frauenspieles“, das noch immer in der Erinnerung
lebt und auch mir im Jahre 1912 in Kroatien erzählt wurde, hat Dr. von
Tkalac um 1840 einen seiner Verwandten interpelliert, der an diesem
„Weibertausch“ damals „aktiv“ beteiligt war. Die Antwort ist in Tkalac
„Jugenderinnerungen“ wie folgt festgehalten: „Was willst du, es war eine
tolle Zeit! Da wir beinahe alle Hörner trugen und dabei keiner erfuhr,
wer von uns ihn damit gekrönt hatte, war es das klügste, zu schweigen.
Hätten wir uns alle etwa wie die närrischen Franzosen schlagen und
gegenseitig niedersäbeln sollen? Was nun einmal geschehen war, konnte
man doch nicht ungeschehen machen. Und wenn die Frauen keinen Lärm
schlugen, mußte man annehmen, daß sie ... zufrieden waren.“
Als 72jähriger Greis bewertete der auf seine kroatische Abstammung sonst
ehrlich-stolze, hochgebildete Dr. von Tkalac diese Ereignisse in seinen
„Erinnerungen“. „Es muß eine ‚tolle Zeit‘ gewesen sein, in welcher _den
Menschen jede Fähigkeit zu ernstem Denken und ernster Arbeit abhanden_
gekommen zu sein schien. Der österreichische große Staatsbankerott vom
Jahre 1811 scheint merkwürdigerweise diese stets lustige und
leichtsinnige Generation gar nicht berührt zu haben.“
Auf die tolle Zeit folgte 1817 eine schreckliche allgemeine Hungersnot
und bitterste Verarmung. Der Wucher kam zu höchster Blüte und richtete
besonders die Grundbesitzer völlig zugrunde. Um sich über Wasser zu
halten, nahmen sie nominell zu zehn und zwölf vom Hundert Geld auf, und
da sie nicht mit Bargeld zurückzahlen konnten, zahlten sie in Naturalien
— Wein, Getreide, Pflaumen (zum Branntweinbrennen), Heu, Bau- und
Brennholz — , die ihre Gläubiger ihnen zu wahren Spottpreisen abkauften,
wodurch sich die Zinsen auf dreißig und vierzig Prozent erhöhten. Oder
die Grundbesitzer suchten sich dadurch zu helfen, daß sie einen Teil
ihres Allodialbesitzes oder ihrer Untertanen mit Haus und Grundstücken
verpfändeten, so daß manchem Grundbesitzer, der fünfzig und mehr
Untertanenhäuser besessen hatte, schließlich nur fünf oder sechs
übrigblieben, mit denen er außerstande war, sein Gut zu bewirtschaften,
und deshalb gänzlich verarmen[13] mußte.
Erst der _neue Staatsbankrott_ von 1817 mit der _fürchterlichen
Hungersnot_ konnte die _Menschen ernüchtern_ und dem _gedankenlosen
„lustigen“ Leben ein trauriges Ende bereiten._ Für die meisten war es
schon zu spät. Die wenigen, die sich aus dem allgemeinen Schiffbruch
retteten, waren zur größten Einschränkung ihrer Bedürfnisse genötigt....
Fußnoten:
[13] Aus jener Zeit stammt die österreichische Bezeichnung
„Zwetschgenbaron“ für verarmte kroatische Edelleute. D.V.
Sprachliches Durcheinander.
Während einer längeren Jachtfahrt zum Besuche der dalmatinischen Inseln
hatte meine Wenigkeit die Wahrnehmung gemacht, daß das Italienische
kroatisiert, das Kroatische italianisiert wurde und wird. Dies sowohl an
Bord wie in den Küstenstädten. Es hieß also sehr aufpassen für den, der
die kroatische Sprache aus der Grammatik, ohne Lehrer hatte erlernen
müssen. Mit Kenntnis der italienischen Sprache, etwas vertraut mit dem
in allen Adriastädten gesprochenen Venezianer Dialekt ließ sich zur Not
durchkommen, wenn die Leute langsam sprachen. Dies tun aber die Mädchen
und Frauen des Litorale grundsätzlich nicht; nirgends in der Welt wird
so rasend schnell gesprochen, auch bei nichts weniger denn aufregenden
Anlässen, als in den Küstenorten Dalmatiens. Mein bissel Kroatisch
konnte in Dalmatien keine „Siege“ feiern; erweitert und verbessert wurde
es unter italienischem Einfluß nicht. Wesentlich besser ging es droben
in Montenegro, wo die serbokroatische Sprache vom Kaufmannsitalienisch
nicht „infiziert“ worden ist.
Der Rat eines Schiffskapitäns, gebürtigen Bocchesen, lautete dahin.
„Reisen Sie nach Kroatien, um die Sprache rein und unverfälscht zu hören
und auszutilgen, was Sie vom dalmatinischen Kroatisch Unschönes zur
Grammatik dazugelernt haben!“
Ich hätte kein die Gründlichkeit liebender Deutscher sein müssen, wenn
nicht um Bekanntgabe „unschöner“ Ausdrücke gebeten worden wäre. Von
einem Taubstummen erfährt man tiefste Geheimnisse viel leichter und
eher, als man von einem kroatisch-italienischen Kapitän Belehrung über
Sprachhäßlichkeiten erhält. Doch wie man mit gut gebratenem Speck Mäuse
fängt, so kann man mit österreichischen Zigaretten (die es 1912 noch in
entzückender Beschaffenheit gab) den verschlossensten Bocchesen —
gesprächig machen. Wobei der Wein nachhelfen kann, so das
„Versuchskaninchen“ Zeit und eine Weinzunge hat. Es wurde also ein
sprachliches Privatissimum an Land in einer guten Weinstube vereinbart,
und zwar der Sicherheit halber in drei Sprachen: Italienisch, Kroatisch
und Deutsch. Der Bocchese begnügte sich mit dem Wörtchen: „Jest!“ (Ja!)
Worauf meine Wenigkeit herausquetschte: „Liepa hvala! Naj liepse!“
(Schönen Dank! Sehr schön!)
Der Blick des Bocchesen funkelte auffallend spöttisch, musterte mich
angejahrten Knaben so seltsam ironisch, daß gefragt werden mußte, was
denn in Teufels Namen schon wieder „unschön“ in den gebrauchten Worten
sei. Aus der Zigarettendose nahm der Bocchese eine Papyros, zündete sie
an, und sprach: „Liepa hvala! Unschön ist das Wort: ‚naj‘! Und
verfänglich die Wörter: ‚na liepse‘!“
So gewandt im Sprachgebrauch war ich nicht, um den Unterschied zwischen
dem von mir gebrauchten Wörtchen „naj“ und dem vom Kapitän anzüglich
gesprochenen „na“ sofort herauszuhören und zu erfassen. Erst viel später
kam ich dem trockenen Witz des Bocchesen auf die Spur. Ich hatte mit dem
„naj“ die Superlativbezeichnung gebraucht und gesagt: „sehr schön!“ Der
Witz im Wortspiel bestand darin, daß der Bocchese sagte: „na liepse!“
(Zu den Schönen [Mädchen]).
Etwa ein Stündchen darauf fuhren wir im Hafen einer Küstenstadt ein, wo
das Privatissimum bei Wein und Rauchopfer stattfinden sollte. Winkt
einem Kapitän dienstfreie Zeit, dann hat es mit der Ausbootung Eile.
Sonst im Dienst sind just die südländischen Bocchesen wie von Erz und
Granit. Ein Blick des Kapitäns, und schon rief er mir zu: „Bržo, bržo,
naj brže!“ (Schnell, schnell, schnellstens!)
Ja, Bauer, es ist eine andere „Wurst“, wenn ein Bocchese das Wörtchen
„naj“ zur Superlativbezeichnung benützt oder ein Deutscher mit dem
ehrlichen Bestreben, eine Sprache ordentlich zu erlernen.
Selbstverständlich wurde bei gutem Rötel von der Insel Lissa und
köstlichem Dalmatinertobak dem Bocchesen diese „Wurst“ unter die Nase
gerieben. Doch der Erfolg war kläglich gering. Alles, was dem Kapitän
herausgelockt werden konnte, waren zwei Worte: „jako interessante“. Vom
Wein wurde nur genippt; aber das Drehen von Zigaretten aus dem
goldgelben wundervollen Tobak und das Rauchen ging großartig flink,
najbrže. Als dann im Gespräch auch meine Wenigkeit das
Verstärkungswörtchen „jako“ (=stark, sehr) gebrauchte, erfolgte die
Belehrung, daß „dies“ „unschön“ sei, die kroatische Sprache „beleidigt“
werde usw.
Studienfahrten in Dalmatien werden wohl in jedem Reisenden sehr wirksame
Eindrücke hinterlassen; eines aber ist in diesem slavischen Lande sicher
nicht richtig zu studieren, nicht zu erlernen: die kroatische Sprache!
Also wurde das Land ausgesucht, bereist und studiert, wo — angeblich —
_reines_ Kroatisch gesprochen wird, alles ganz anders und „jako (vrlo)
interessante“ ist.
Das in seinen gebirgigen Teilen märchenschöne Land Kroatien hat neben
anderen Vorzügen die schöne Eigenschaft, daß man — genügend Zeit
vorausgesetzt — alle Notabeln kennen lernen, die wunderbare kroatische
Gastfreundschaft genießen kann, wenn man mit einem einzigen Adeligen
befreundet ist. Aber, woher die Zeit nehmen! Der Aufenthalt auf jedem
Edelsitz (curia nobilis) — schon von weitem erkennbar an der zum Schloß
führenden, kennzeichnenden Pappelallee — verschlingt wenigstens eine
Woche, da doch auch der Bibliothek und der Umgebung volle Aufmerksamkeit
gewidmet werden muß, wenn man zu Studienzwecken im Lande weilt.
In allen südslavischen Ländern stößt man auf rührende Dankbarkeit, wenn
die Leute merken, daß man als Reichsdeutscher den guten Willen hat, sich
der betreffenden Sprache nach Möglichkeit zu bedienen. Besonders in
Kroatien ist das „bocchesisch-marinierte“ Nörgeln (übrigens mehr
scherzhaft als bissig gemeint) nicht üblich; Belehrung wird auf
freundliche Bitte hin bereitwillig und freudig in zartester Form
erteilt.
Von Zara aus hatte meine Wenigkeit für einen bestimmten Tag die Ankunft
auf einem kroatischen Edelsitz mit einem kroatischen bržojav (Telegramm)
angesagt. Von der letztmöglichen Eisenbahnstation ging es zu Wagen in
sausender Fahrt auf staubiger Landstraße dahin. Der Insasse war von der
langen Reise müde, übernächtig, schlaftrunken, wenig empfänglich für die
Schönheit des Sommermorgens in fruchtbarer Gegend. Nicht das geringste
Interesse war vorhanden für die Reitertruppe, die auf abgemähter Wiese
übte. Soll die Stimmung des „tunkenden“ Reisenden genau wiedergegeben
werden, ist's nur in bajuvarischer Sprache möglich. „Mei' Ruah' möcht'
i!“ Schlafen, ausruhen um jeden Preis.
Daß sich beim Anrollen meines Wagens von der Kavallerieeskadron ein
Offizier entfernte und gegen die Straße galoppierte, war mir unsäglich —
„wurscht“. Aber der Offizier hoch zu Roß tauchte am Wagenschlag auf,
grüßte höflichst auf kroatisch und hieß den Gast dann, im Trab
mitreitend, in deutscher Sprache auf kroatischem Boden willkommen mit
den Worten. „Gute Ankunft, Herr — Achleitner! Lustig sein! Zum Abend
kommen wir alle zur Begrüßung! Servus!“ Und weg war der Offizier. Der
Schlaf war auch weg. Ich fühlte ordentlich, daß mein Gesichtsausdruck
„schafmäßig“ war. Beispiellos verblüfft.
Als eine Pappellallee in Sicht kam, waren die Zurufe der Bauern: „Zivio
gospodin tajni savjet!“ (Hoch, Herr Geheimer Rat!) leicht als
„eingelerntes Zeug“, befohlen vom Gutsherrn, zu erraten.
Mittags gab es mit umständlicher Feierlichkeit den Willkommstrunk mit —
onomatologischer Beigabe. Der Mensch lernt nie aus. Zwar bestritt der
Schloßherr nicht die Möglichkeit, daß das kroatische, mit nur einem „l“
zu schreibende Wort „Billikum“, also „Bilikum“, vom Deutschen abgeleitet
und dem kroatischen Wortschatz einverleibt worden sein könne, aber sehr
wahrscheinlich sei solche Anleihe nicht, da das Wort „Bilikum“ „spielend
leicht“ aus dem Kroatischen erklärt werden könne: „Pije-li, kume?“ (Will
er trinken, Gevatter?) Piti = trinken, pijem = ich trinke.
Angesichts des „zweiliterigen“ Willkommsbechers erstarb jede
Widerspruchslust. Der Wissenschaft halber wurde zunächst diese
Ableitungstheorie notiert; dann ging's an die Leerung des
Willkommsbechers. Eine kurze Dankrede und ein prächtiges „Diner“ darauf,
hernach erquickender Erholungsschlaf im Bett.
Auf kroatischen Edelsitzen hatte ich erstaunlich viel Glück insofern,
als zur rechten Zeit Schlechtwetter eintrat und dadurch das „Schnüffeln“
in Archiv und Bibliothek ermöglicht war. Fundgruben kostbarer Art für
Kulturhistoriker. Im Archiv des „Kume“ (Gevatters), so nannte meine
Wenigkeit in Gedanken den Hausherrn wegen der Ableitung des Wortes
‚Bilikum‘ aus dem Kroatischen, gab es ziemlich viel handschriftliches
Material aus der Franzosenzeit. Darüber wurde begreiflicherweise bei
Tisch, besonders abends, eingehend gesprochen bunt durcheinander in drei
Sprachen, von denen wir wegen hochgradiger „Vergeßlichkeit“ das
gallische Idiom Unbehagen verursachte. Darauf aufmerksam zu machen, daß
„mein Französisch“ „verschwitzt“ sei, fehlte die Gelegenheit. Im
Sprühfeuer dieser noch dazu sehr flink geführten Gespräche begann der
Gast Schlimmes zu — ahnen. Am Ton war bei einer Gesprächswendung die
Ironie herauszuhören; doch nicht für Kroatien und sonstige Königreiche
als Belohnung ergab sich die Möglichkeit, rasch den Sinn zu erfassen,
als der Hausherr schalkhaft lächelnd erwähnte: „J'ai du bien au soleil!“
Von allen Göttern verlassen, übersetzte der Gast in Gedanken so rasch
als möglich wortwörtlich und damit regelrechten Blödsinn! „Ich habe viel
— Sonne!“ Anzuwenden wäre aber die ironisch gemeinte Deutung gewesen.
„Ich bin Gutsbesitzer!“
Alle Augen richteten sich auf den Gast, von dem eine Äußerung erwartet
wurde.
In dieser peinlichen Lage flogen zu allem Unglück die Gedanken aus
Kroatien nach Tirol; der Satz unseres alten Ludwig Steub im Fremdenbuch
der altberühmten Weinstube des Gasthauses „Klause“ bei Kufstein trat in
Erinnerung und beherrschte alles. „Einschreiben, einschreiben, nichts
leichter als das, wenn man nur immer gleich wüßte: was?!“ — Im gegebenen
Falle: Reden, reden; nichts leichter als das, wenn man nur wüßte:
was!... Flink von Tirol weg und hinein in die — kroatische Grammatik,
und das Zünglein plapperte die Antwort auf den französischen Witz:
„Nemam sada sunce!“ (Ich habe jetzt keine — Sonne!)
Schallendes Gelächter. Die Tafelrunde krümmte sich und schrie wie toll
geworden. Und hielt diese gräßliche Antwort für einen — sprühenden Witz,
der mit schrecklichem Lärm und Händeklatschen aufgenommen wurde.
Als sich die Tischgäste etwas beruhigt hatten, glückte es mir, das
Mißverständnis aufzuhellen und die Bitte vorzubringen, das längst
vergessene Französisch wegzulassen und zugunsten meines Lerneifers
Kroatisch, reines Kroatisch, aber hübsch langsam, zu sprechen. Diese
ehrliche Bitte wurde Anlaß, daß der Hausherr die „Episode des Herrn
Nikola von Zdenčaj“, der damals, zur Franzosenzeit Kroatiens, Obergespan
des Agramer Komitates war, zum besten gab, und zwar viel witziger, als
sie in von Tkalac' „Jugenderinnerungen“ zu lesen ist.
Herr von Zdenčaj (etwa mit „Brunner“ zu übersetzen), war ein arger
Französling, der sein Geld nach Bojarenart viel lieber in Paris als in
Agram oder Wien „verjuxte“. Er blieb in Kroatien, als die Franzosen sein
Vaterland besetzten, machte aus seiner Vorliebe für Gallien nun erst
recht kein Hehl und gab sich alle Mühe, „echt französische“ Dienerschaft
in sein Haus zu bekommen. Das gelang aber nicht, obwohl Zdenčajs Freunde
in Paris alles versuchten, Domestiken für Kroatien anzuwerben; nur einen
Sprachlehrer konnten sie senden, der dann die kroatische Dienerschaft
Zdenčajs in „Pariser“ Domestiken ummodeln sollte. Mehr Talent als der
Deutsche hat ja der Slave für fremde Sprachen; doch zu raschem Erlernen
gehört doch auch ein gewisses Maß von Intelligenz. Die Diener Zdenčajs
versagten kläglich, merkten sich kaum die französischen Taufnamen, mit
denen sie angerufen wurden. Im Hausdienst mußte Französisch gesprochen
werden; Zwangsdressur, unzählige Probediners, damit die kroatischen
Diener das Servieren und Sprechen auf Pariser Art für das große
Festmahl am — Napoleonstage erlernten. Ein Ereignis sollte dieses
Festdiner für Westkroatien werden. Gelehrig oder doch anstellig, gut
brauchbar waren Zdenčajs Domestiken unbestreitbar, doch ein gewisses
Mißtrauen wurde der Gebieter nicht los. Deshalb hielt er am Festtage
selbst noch am Morgen eine Probe an der bereits geschmückten Tafel ab.
Zdenčaj erteilte seine Befehle im Französisch jener Zeit, im
„Bojaren-Patois“; die in „Jean“, „George“, „Pierre“ usw. umgetauften
kroatischen Diener antworteten „französisch“, machten ihre Sache gar
nicht schlecht während dieser Generalprobe, so daß Zdenčaj aufatmete und
beruhigt dem Festdiner entgegensah. Bis zum Abend fühlte sich Zdenčaj
als Grandseigneur, und als solcher begrüßte er seine französischen und
kroatischen Gäste. Erstere waren in der Mehrheit, da Militär und
Beamtenschaft geladen war. Slavische Gastfreundschaft sollten die
Franzosen kennen lernen, Gastlichkeit in üppigster Form, sich aber wie
daheim in Frankreich fühlen durch die Art der Bedienung. Zdenčaj haßte
das laute Flaschenöffnen bei Tisch, den Lärm, das „Schnalzen“ der
kräftig und rasch gezogenen Korke; deshalb waren vor Dinerbeginn ganze
Batterien edler französischer Rotweine geöffnet und in einem Nebenraume
bereitgestellt worden. Für diese Seltenheiten interessierten sich die
Diener des Hauses Zdenčaj viel stärker als für die erwarteten Gäste, so
daß die Domestiken schon eine Stunde vor Beginn des Festmahles nach —
Burgunder dufteten und „weinselige“ Augen machten.
Nikola von Zdenčaj „bekomplimentierte“ in der Art des achtzehnten
Jahrhunderts den etwas verfrüht erschienenen kommandierenden General und
bald darauf den Gouverneur, so daß es unmöglich war, die Dienerschaft im
Auge zu behalten.
Nach längerem Begrüßungsgespräch ging es zur Tafel.
Die ersten Gänge wurden zwar nicht nach Pariser Art, nicht sehr „diskret
serviert“, doch Verstöße größerer Art kamen nicht vor. Als der erste
Braten aufgetragen wurde, gewahrte der spähende Kontrollblick des
Hausherrn, daß einem der Gäste, noch dazu einem französischen
Stabsoffizier, der Teller nicht gewechselt worden war. Zdenčaj versuchte
zunächst mit Augenwinken den Fehler ausbessern zu lassen. Dafür fehlte
es bei den weinseligen kroatischen Dienern an Achtsamkeit. Der Gebieter
„stupste“ Janko und deutete auf Gast und Teller. Worauf Janko auf den
Franzosen lossteuerte und den Teller wegnehmen wollte. Der Offizier
meinte lächelnd: „Bien obligé!“
Janko stutzte, riß die Augen auf, ließ den Teller stehen und kehrte
sichtlich maßlos überrascht zum Gebieter an der Tafel zurück, der in
französischer Sprache den „talketen“ Diener rüffelte und sofortigen
_Tellerwechsel_ befahl.
Janko im Burgunderdusel und in Angst vor Strafe vergaß im Nu alle
eingepaukten Parisismen und stotterte in der Muttersprache. „Prozim,
njihovo gospodstvo! Gospodar rekni, da si ga sam _obliže_!“[14]
Die Gäste kroatischer Nation, denen Zdenčaj's Nachäffung französischer
Gebräuche wenig gefallen haben mochte, brüllten vor Vergnügen über die
köstliche Verwechslung von „obligé“ (verpflichtet) mit „obliže“
(ablecken) und hatten helle Freude daran, daß der Hausherr durch den
angetrunkenen Diener gründlich blamiert worden war. Das schallende
Gelächter veranlaßte die französischen Gäste, nach dem Anlaß zu fragen;
die mit boshafter Bereitwilligkeit gegebene Auskunft versetzte dann auch
die Franzosen in unbändige Heiterkeit. Sogar Herr von Zdenčaj lachte
mit, freilich etwas gezwungen und säuerlich.
Nach Beendigung des Mahles wurde aber „Gericht gehalten“ und den Dienern
verkündet, daß jeder erbarmungslos entlassen werde, der nicht bis
Jahresschluß der französischen Sprache im Hausgebrauch vollkommen
mächtig sei. In dieser Sache „siegte“ Herr von Zdenčaj. Aber seine
Blamage hat sich in der Erinnerung länger als ein Jahrhundert erhalten;
denn auch in der Gegenwart wird über die köstliche Episode gesprochen
und gelacht. Ob dies auch in der Zukunft der Fall sein wird, dürfte von
der Tätigkeit der französischen — Kontrollkommission in Kroatien
abhängen....
Fußnoten:
[14] Bitte, Euer Herrlichkeit! Der Herr sagt, daß er ihn (den Teller)
selbst — _ablecken_ werde! Ližem = ich lecke, obližem = ich lecke ab.