Der Župnik lachte. „Strickmangel!“

„Was? Keine Stricke an den Glocken? Warum?“

„_Abgerissen_ von den erbosten Bauern!“

„Abgerissen? Weshalb denn?“

„Weil der Župnik den _Hagel nicht rechtzeitig_ nach Osekovo

hinausdirigiert hat!“

„O weh! Dann ist's heuer mit der — Tempestasdotation nichts!“

„Stimmt! — Keine Sorge, Herr Forstkommissär! Ihr Ränzel wird deshalb

doch mit Proviant gefüllt!“

So war es auch. Reichlich versorgt trat Günter seinen Marsch an. Und an

einer vereinbarten Stelle, weit vom Dorfe entfernt, traf er mit dem

dorthin bestellten Waldhüter zusammen, so daß der mühereiche Dienst

begonnen werden konnte. Tagsüber Arbeit für Kopf und Füße, Nächtigung in

einer Rindenhütte. Wie wohl tat da die Atzung als Spende des

Waldpfarrers, der des Hagelschlages wegen bei seinen erbitterten Bauern

in — Ungnade gefallen war!

Schmunzeln mußte der Beamte, so er der bäuerlichen — Rachetat gedachte:

die Agrikel rissen die Stränge ab, weil die Glocken „unter Führung des

Župniks“ den — Hagel nicht verjagt hatten....

Der Dienst führte den Kommissär Günter auch in das — „griechische

Waldmeer“. So wurde ein Forst in der Ausdehnung von über 30000 Joch

(rund 12900 ha) aus dem Grunde in Fachkreisen benannt, weil er von

Kroaten griechisch-orthodoxer Religion in geringer Zahl besiedelt war.

Wer von der Beamtenschaft erstmals eine Kommissionsreise in dieses

Gebiet, „Gorievica“ (Gorievitza) genannt, unternehmen mußte, erhielt von

den gewitzigten Kollegen stets ein Bündel von Ratschlägen und Warnungen

in einer Form, die an dicke Übertreibungen gemahnte und zum Lachen

reizte. So besagte eine Schilderung aus dem Munde eines alten

Forstbeamten. Im „griechischen Waldmeer“ wohnen die faulsten Menschen

Europas, das Walddorf Jesenaš hat zwar einen Popen, doch das Beten lehrt

die „Griechen“ der — jüdische Krämer, der ihre Steuern bezahlt, für

alles sorgt, was die Dörfler zum Leben brauchen; der die ständig

drohende Hungersnot verhindert, der, kurz gesagt, der „Herrgott“ von

Jesenaš ist und dies mit Zustimmung des — Popen.

Zu dieser „handgreiflichen“ Übertreibung lachte Forstkommissär Günter,

daß ihm das Wasser aus den Augen tropfte, und nicht ein Wort davon

glaubte er.

Vor Beginn der Dienstreise wurde der Oberwaldhüter Kuster in Samarica

(Samaritza), einem Dorfe am Fuße des gebirgigen Waldmeeres, vom

Eintreffen des Kommissärs benachrichtigt und beauftragt, alles Weitere

zur Verständigung von Förstern, Waldhütern und wegen Unterkunft in den

Walddörfern zu veranlassen.

Im Wagen verließ Forstkommissär Günter seinen Wohnort (Sitz der

Vizegespanschaft), fuhr einen Tag lang, bis der Rosselenker erklärte,

auf der schlechten Straße nicht weiterfahren zu können. Auf dem Rücken

eines Bauernpferdes, ohne Sattel, wurde die Dienstreise fortgesetzt, bis

der Besitzer des Gauls versicherte, er sei nun müde genug. Zu Fuß

„reiste“ der Beamte weiter und erreichte abends das ziemlich große Dorf

Samarica. Die aufgestellten „Ausspekulierer“ (jugendliche Späheposten)

meldeten die Ankunft rechtzeitig, so daß der einsame, krachmüde Wanderer

mit — Glockengeläute begrüßt wurde.

Ob dieses seltsamen Empfanges höchlich erstaunt, fragte Günter den alten

Waldhüter Kuster, wie denn ein Forstbeamter dazu komme, mit —

Glockengeläute begrüßt zu werden. Glockenklang gebühre doch dem

einziehenden Bischof oder Archimandriten.

Kuster schüttelte das graue Haupt. „O, Gospodin! Der Archimandrit kommt

nie nach Samarica, ein Herr von der Gespanschaft in fünfzig Jahren

einmal, ein Forstbeamter sehr selten! Also ist die Ankunft Euer

Hochwohlgeboren ein großes Fest, das gebührend gefeiert werden muß! Gott

segne Ihren Einzug in Samarica und in meine hochbeglückte Hütte!“

In Günter stieg etwas wie eine Ahnung auf, daß die Schilderungen der

Kollegen vielleicht doch nicht so arg — übertrieben sein könnten.

Der Kommissär mußte im Hause des Oberwaldhüters wohnen; die Unterkunft

war nicht schlecht. Als Atzung in der Stube zu ebener Erde, wo Günter,

von Kuster bedient, allein speisen mußte, gab es gebratenen Buran

(Puter) in einem wahrhaft riesigen Exemplar, bei dessen Anblick der

Kommissär die Hände zusammenschlug und dann dem Hausherrn Vorwürfe wegen

solcher Auslagen machte.

Kuster verneigte sich ehrerbietig und beteuerte, auf „seine Rechnung“

schon zu kommen. Der Buran aber sei unbedingt nötig; erstens, damit der

gnädige Herr unter allen Umständen satt werde; zweitens, weil der Buran

morgen ein — Bošpor[9] sein müsse.

Auf eine nähere Schilderung ließ sich der Hauswirt nicht ein, widmete

vielmehr alle seine Aufmerksamkeit den Vorbereitungen zum Bilikum. Salz,

Brot und ein ganzer Schlüsselbund lagen bereits auf einer Kupferplatte;

dann wurde ein Glaspokal gefüllt, der mindestens eine — Kaisermaß (etwa

anderthalb Liter) fassen mochte. Während des Essens schielte der

Kommissär in wachsender Angst nach diesem „Becherchen“, das nach

südslavischem Brauch vom Gaste auf einen Zug bis zum letzten Tropfen

geleert werden mußte.

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen zum Bilikum stellte sich der Alte

wieder demütig hinter den Stuhl des Gastes, bat um das Zugreifen,

reichte auch die Schüsseln wieder, bot Dunstobst und Salat an, der im

dunkelgrünen Öl der Sonnblumenkerne schwamm. „Wollen Euer Gnaden sich

geneigtest versorgen! Wir haben nur diesen Buran und sonst nichts für

die Nacht! Der Waldhüter ist nicht der Bischof von Djakovar!“

Zur Ablenkung suchte Günter ein forstliches Gespräch in Gang zu bringen.

Auch war ihm lästig, daß der Alte stets demütig hinter dem Stuhle stand

und Lakaiendienst versah.

„Bitte gehorsamst! Zu Dienstgesprächen geben die nächsten drei Wochen

auf der Gorievica reichlich Gelegenheit! Heut' ist Festtag für meine

Hütte!“

„Was? Drei Wochen?“ Den Forstkommissär hatte der Schrecken

herumgerissen. „Drei Wochen Walddienst ohne Unterkunft? Darauf bin ich

nicht vorbereitet! Für Biwakieren nicht im geringsten ausgerüstet! Irren

Sie sich denn nicht, Kuster?“

Bescheiden klang die Erwiderung. „Bei der Aufforstung des vorderen

Teiles der Gorievica hab' ich als Lehrling mitgeholfen; jetzt bin ich

siebzig Jahre alt, Euer Hochwohlgeboren untertänigst zu dienen! Bitt'

ich gehorsamst: noch ein Stückchen! Vielleicht von der Grlina (Hals), wo

ist schön fett und wird machen morgen leichtes Steigen! Ein Schluck

Slibowitz dazu, schmeckt sehr gut!“

Günter konnte nicht mehr essen; er war satt zum Platzen.

Nun bat der Hauswirt, dem hohen Gaste das Bilikum reichen zu dürfen.

Während etliche Wachskerzen angezündet wurden, traten zwei Waldhüter in

die Stube, verneigten sich vor dem Kommissär, meldeten sich aber nicht,

stellten sich am unteren Ende des Tisches auf und standen militärisch

stramm.

Kuster hielt eine feierliche Willkommrede und reichte dem Gast die

Platte.

Der Forstkommissär dankte, ergriff den schweren Pokal und begann zu

schlucken.

In diesem Augenblick erklangen die kleinen Glocken der Kapelle neben dem

Waldwärterhause. Dieses Signal wurde von den großen Glocken der Kirche

in Samarica übernommen, so daß feierliches Geläute der Bevölkerung

ankündigte, daß der zu Besuch erschienene Forstkommissär soeben beim

Oberwaldwärter Kuster das Bilikum trinke.

Keinen Ton davon hörte Günter, der mit dem Mut der Verzweiflung gegen

die Unmenge Wein kämpfte, die hinuntergegossen werden mußte. Mit zwei

winzigen Unterbrechungen zum Atemholen gelang es, den Pokal zu leeren.

Auf die Nagelprobe des letzten Tropfens ließ es der Kommissär freilich

nicht ankommen.

Dank und Händedruck. Mit einem Blick auf die beiden stramm stehenden

Waldwärter am Tischende meinte der Kommissär. „Wohl unsere Begleiter?“

„Gehorsamst zu dienen, Gospodin, _nein_! _Heute_ sind die beiden die

Stolfunktionäre!“

„Was sind sie?“

„Stolfunktionäre, Stol ist gleich Tisch! Zu Ehren des hohen Gastes bin

ich der untertänigste stolaravnatelj das ist der Tischdirektor oder

Rektor; der kleine Tune, der Anton, ist der fiskus mein Stellvertreter;

hingegen der große schwarze Gliša (Gregor) wird sein beschäftigungslos

in seinem Tischamt! Gehorsamst aufzuwarten!“

Zunächst erkannte der Kommissär die Notwendigkeit, einen Trinkspruch auf

den Hausherrn auszubringen.

Große Freude darüber, die auch nach — außen hin kundgegeben wurde, indem

der jüngste Sohn des Hausherrn abermals die Glocken der Kapelle

erklingen ließ.

Dann bat der „Fiskus“ um die hohe Ehre, ein Glas auf das Wohl des Herrn

Forstkommissärs leeren zu dürfen. Gläserklingen, Glockenhall hinaus in

die stille Nacht.

Günter wollte nun den andern Waldwärter ermuntern, sich mit einem Glase

Wein an der Tafelfreude zu beteiligen.

Doch erschreckt, wiewohl geehrt und freudeglänzend, wehrte Gliša ab mit

den Worten. „Nicht möglich!“

„Warum? Ist Er denn abstinent oder Türke, der Wein nicht trinken darf?“

Dem befragten Waldwärter rutschte die Wahrheit heraus, die nicht gesagt

werden sollte „Jesam vunbačitelj!“[10]

Im Antlitz Kusters spiegelten sich Angst und Zorn; die Blicke kündeten

Rache. Um wenigstens für den Augenblick lästiger Fragerei zu entrinnen,

holte Kuster „besseren“ Wein. Die zwei anderen, dienstlich stramm am

Tische stehenden „Funktionäre“ begriffen die Situation völlig und

verstanden jetzt nicht mehr — Deutsch.

Forstkommissär Günter hatte vom Bilikum her zuviel Wein im Leibe, der

ungewohnte Alkohol wirkte, machte eigensinnig und hartnäckig; justament

wollte der Oberbeamte die wahrheitsgetreue Übersetzung des Wortes

haben, das den Hausherrn offensichtlich in Verlegenheit und Zorn

gebracht hatte und das zweifellos dem Gaste verheimlicht werden sollte.

Dem zurückgekehrten Kuster wurde scharf zugesetzt. Doch den Kroaten war

der Kommissär weder mit der Mundfertigkeit noch mit der Trinkfähigkeit

gewachsen. Günter hatte schließlich den — Zungenschlag, die Übersetzung

aber nicht. Und den „Kampf“ mußte er aufgeben, sein Zimmer aufsuchen....

Das „Katergericht“, der „Bošpor“, wartete vergebens auf den Gast. Günter

hatte seinen Willen durchgesetzt, trotz aller „Verkaterung“ frühmorgens

den Dienstmarsch angetreten. Kuster mußte mit, das Sträuben und Zureden

nützte nichts.

Wie sich alle „Pressiererei“ auf Erden rächt, so blieb auch der

überstürzte Abmarsch von Samarica nicht ohne Folgen, indem Kuster der

Eile wegen mit — _leerer_ Torba (Tragsack) die Führung übernahm, der

Kommissär etliche Stunden später schwer unter Hunger und Durst litt und

obendrein keinen Wunsch, keine Klage äußern durfte.

Die Waldhüter aus Samarica kamen nach, selbstverständlich mit leeren

Händen; etliche Förster stießen zu; die Dienstgeschäfte der

Waldeinschätzung begannen und währten bis zum späten Abend. Als

pflichteifriger Beamter vergaß Günter während der Dienstausübung auf

alle Bedürfnisse.

Aber als die Notizbücher, Rechenbehelfe und Instrumente verstaut waren,

Dämmerung den weiten Forst erfüllte, fragte der Kommissär doch nach

Unterkunft und Atzung.

Wenig erbaulich, doch gelassen klang die Auskunft Kusters, daß nach etwa

zwei Marschstunden das mitten im Wald gelegene Dorf Jesenaš zu erreichen

sei.

„Mit Gasthaus?“

„Nein!“

„Kann man nächtigen?“

„Ja!“

„Bei wem?“

„Beim ‚jüdischen Herrgott‘!“

Kleinlaut sprach Kommissär Günter. „Gehen wir!“ Nie im Leben hatte er

sich bisher so wehrlos und in den Händen fremder Leute gefühlt als

jetzt. Und bruchstückweise kamen die von den alten Forstbeamten

erteilten Ratschläge und Wahrnehmungen in fatale Erinnerung, so daß

Günter auf dem nächtlichen Marsche wegen Verpflegung usw. auch noch

kleinmütig wurde. Schon aus Gründen der Autorität wollte er nicht weiter

fragen. Ärgerlich genug war es, daß die Fragen so locker auf der

vertrockneten Zunge saßen und gewaltsam hinuntergewürgt werden mußten.

Endlich, eine Stunde vor Mitternacht, wurde das verwahrloste Walddorf

Jesenaš erreicht. Die Totenruhe unterbrochen von Hundegebell.

Die Waldhüter klopften den „jüdischen Herrgott“ mit einer

Selbstverständlichkeit aus dem Schlafe, die den Kommissär aufs höchste

verblüffte. Und einer der Förster machte dem erschreckten Dorfkrämer in

kaum verständlichem Deutsch klar, daß sofort für acht Personen

Pfannenschnitzel mit Erdäpfel, große Portionen, zubereitet,

Nachtquartier beschafft, für den gnädigen Herrn Forstkommissär ein

eigenes Zimmer mit frischüberzogenem Bett und ohne Wanzen hergerichtet

werden müssen. Augenblicklich aber Wein, Käse und Brot. „Brzo, brzo,

napried!“ (Schnell, schnell, vorwärts!)

Erst in kroatisch-serbischer, dann in deutscher Sprache sicherte der

ältliche Dorfkrämer sofortige Erfüllung der Befehle mit höflicher

Dienstwilligkeit zu. Weckte Hilfskräfte, machte Licht in der Zechstube

hinter dem Kaufladen, öffnete die Haustüre und hieß den gnädigen Herrn

Forstkommissär mit untertäniger Ansprache willkommen im freilich

unvorbereiteten Hause, weshalb um Nachsicht gebeten wurde. Alles

gesprochen nun mit der Ruhe der Selbstverständlichkeit, gepaart mit

Hochschätzung des Gastes.

Kaum waren in der Zechstube die Gäste mit Wein und Brot nebst Käse

versorgt, verschwand der „Herrgott“.

Verhältnismäßig sauber gehalten die „Stube“, der Wein nicht schwer, doch

überraschend gut. Kommissär Günter staunte über den Empfang, besonders

über die Gelassenheit des Krämers und Wirtes.

Oberwaldhüter Kuster hatte allen Ärger verwunden und gab nun Auskunft,

daß der „Jude von Jesenaš“ an Einquartierung von Forstleuten gewöhnt,

sein Haus auf Meilen in der Runde die einzig mögliche Unterkunft sei.

„Der _größte Gauner_ von Kroatien, aber ein _anständiger Mensch_!“ Die

Förster sowie die Waldhüter stimmten bei.

An dem Ausspruch Kusters kaute der Forstkommissär, bis der Krämer mit

weißer Schürze vor dem Kaftan zunächst für den Forstoberbeamten das

Essen brachte: eine riesige Portion „Naturschnitzel“ von Rind, mit

fettriefenden Schmorkartoffeln hochgegupft auf einem zweiten Teller.

Dieser Anblick machte den ausgehungerten Kommissär sprachlos. Das

Staunen wuchs, als die übrigen Gäste gleichgroße Portionen erhielten.

Die Frage, wie hoch im Preise solche Mengen üppiger Nahrung in

weltentlegener Waldeinsamkeit bei wahrscheinlich enormen Bringungskosten

stehen werden, sprach Günter nicht aus, machte sich aber auf eine

„gepfefferte“ Rechnung um so mehr gefaßt, als der Wirt doch

vielverschrien war.

Auch mit dem Zimmer konnte Günter zufrieden sein.

Der Dienst schuf die Tagesordnung: Morgens Frühstück im Krämerhause,

spätabends die Atzung.

Acht Tage hindurch. Und jeden Abend in erstaunlichen riesenhaften

Portionen Rindschnitzel mit gerösteten Erdäpfeln. Abwechslung unmöglich.

Wegen dieser „Eintönigkeit“ in der Verpflegung fragte Günter den Adlatus

im Walddienst nach der Ursache.

„Was wir essen, stammt von — _Notschlachtung_!“ erwiderte untertänig,

doch listig blinzelnd der alte Oberwaldhüter Kuster.

„_Not — schlach — tung_?!“ Sehr gedehnt und in drei Teilen kam dieses

Wort aus Günters Munde.

„Zu dienen, Gospodin! _Notschlachtung_! Aber das Rind war ganz gesund!“

„Wie? Was? Notschlachtung erfolgt doch nur, wenn ein Stück Vieh

Beinbruch erlitt oder Lebensgefahr vorhanden war! Um vom Fleisch noch

etwas zu retten, wird — Notschlachtung vorgenommen! In — Europa!“

„In Österreich, Euer Hochwohlgeboren zu dienen! In _Kroatien_,

wenigstens in unseren Waldbezirken, wird Vieh aus — _anderer_ Not

geschlachtet.“

„Welche — Not kann das sein?“

„Die — _Not_ entsteht durch den _Eigentümer_ des Viehstückes oder durch

die _Gendarmen...._“

Günter starrte den alten Waldhüter mit weitaufgerissenen Augen und

offenstehendem Mund an.

„So ist es, Gospodin! Euer Hochwohlgeboren werden leicht und rasch

verstehen, wenn ich sage: Die durch Verrat heraufbeschworene

Entdeckungsgefahr zwingt zur — Notschlachtung im Wald. Suchen der

Viehbesitzer, dem ein Stück abhanden kam, oder die von Verrätern

verständigten Gendarmen nach dem angeblich gestohlenen Rind oder nach

der verschwundenen Kuh, _so muß das Stück sofort im Walde geschlachtet,

müssen die größeren und besseren Teile in größter Eile — verschleppt

werden!_ — Das _Stück_ ist immer — _gesund_! Was — Notschlachtung ist,

wissen jetzt Herr Kommissär.“

„Ja, danke für die interessante Aufklärung. Können Sie sagen, wie man

_hierzulande ein Stück Vieh — stiehlt_?“

„Aus eigener Praxis nicht, gnädiger Herr! Aber wie andere Leute sich ein

Stück Vieh ‚verschaffen‘, das kann man überall hören; es ist das kein

Geheimnis. Auch die Gendarmen wissen alles, kommen jedoch immer zu spät,

das heißt, wenn die Notschlachtung schon vorüber, das zerteilte Stück

bereits verschwunden ist. — Auf _normale_ Weise wird ein Stück Vieh,

meist Kuh, mit Hilfe eines _erschwindelten_ Viehpasses gestohlen.

Zunächst ist das Wichtigste, von dem Viehstück die Farbe oder besondere

Kennzeichen ‚auszuspekulieren‘; je gewöhnlicher und regelmäßiger Farbe

und sonstiges Aussehen sind, desto leichter gelingt die Sache. Weiß man

über das Aussehen genau Bescheid, so geht man auf den Viehmarkt, sucht

ein möglichst ähnliches Stück und läßt sich in Kaufunterhandlung ein.

Man leistet eine Anzahlung von zwei bis drei Gulden, die sogenannte

‚Likova‘[11], borgt vom Verkäufer den amtlich gestempelten ‚Viehpaß‘

aus, der die Beschreibung des Viehstückes und die Verkaufserlaubnis

enthält, und bittet den Viehbesitzer um etwas Geduld, da man auf dem

Markt noch etliche Stück Vieh ansehen und kaufen wolle. Hat der

Viehbesitzer noch keine schlimmen Erfahrungen gemacht, so gibt er den

‚Paß‘ her und sieht ihn im Leben nicht wieder. Mit dem ‚Paß‘

verschwindet ‚man‘, und jetzt erst wird der Diebstahl eingeleitet. Der

‚Paß‘ hat nur den Zweck, den ‚Besitz‘ des _gestohlenen_ Viehstückes

auszuweisen, wenn man dieses auf dem nächsten Viehmarkt _verkaufen_,

also Bargeld erzielen will. Mißlingt die Verbringung des gestohlenen

Viehstückes zum Markt, tritt Verfolgungsgefahr ein, kommen die Gendarmen

dazwischen, so erfolgt die erwähnte _Notschlachtung_, damit von dem

gestohlenen Viehstück gerettet werde, was in der Eile geborgen werden

kann....“

Der Forstkommissär lachte. „Wer mag wohl den schlauen Trick ersonnen

haben? Den Bauern ist er nicht zuzutrauen!“

In seiner demütigen Weise sprach Kuster: „Sehr richtig geurteilt,

gnädiger Herr! Alle Intelligenz stammt von unserem — Hauswirt! Er ersann

den Trick, damit die Waldgriechen und natürlich er selbst öfter zu —

Fleisch kommen. Für die Ausführung seiner Pläne haben die Waldgriechen

alle Schlauheit; sie werden fast nie erwischt, und da sie sonst sehr

faul sind, die mühsame und gefährliche Verbringung gestohlenen Viehes zu

Markt scheuen, frisches Fleisch lieben, so erfolgt auf einen

Viehdiebstahl sehr oft, fast regelmäßig die Notschlachtung.“

„Ja, wenn das alles die Gendarmen wissen, warum erfolgt denn beim —

Krämer keine Haussuchung? Das Vorhandensein größeren Fleischvorrates

beim Dorfkrämer mitten im Forst ist doch stets verdächtig, Nachweis über

rechtschaffenen Erwerb unmöglich! Warum wird nicht nachgesucht?“

„Halten zu Gnaden, Herr Kommissär? Würden die Gendarmen bei unserem

Hauswirt nur ein einziges Mal nach unrechtmäßigem Fleischbesitz —

schnüffeln, so bekommen sie zeitlebens in Jesenaš — _nichts mehr zu

essen_! Der Hunger tut aber auch den Gendarmen weh im großen Forst, wo

auf Meilen im Umkreise nichts, gar nichts zu haben ist....“

„Na, schön! Und die Waldhüter und die Förster?“

„Sie müssen aus gleichen Gründen schweigen und zum schlauen Krämer

halten, der für alle und für alles sorgt. Er ist ein ‚_anständiger

Gauner_‘, denn er nimmt von uns sehr wenig Geld. Er ist unser —

_Wohltäter_! Er ist auch der Wohltäter der Gendarmen, überhaupt der

gesamten Bevölkerung auf der ganzen Gorievica. Das ‚_Glück_‘ im Waldmeer

ist er, denn er sorgt für alle und für alles!“

„Was sagen denn die Behörden zu diesem — Skandal?“

„Euer Hochwohlgeboren wollen gnädigst bedenken: das Fiskalat hat keine

Ursache, sich dreinzumischen, denn der Krämer von Jesenaš bezahlt für

die Bevölkerung der Gorievica gewissenhaft die — _Steuern_!“

„Die Gespanschaft...“

„... bekommt Gendarmenberichte, die zu den Akten genommen werden. Da in

den wenigen Walddörfern Gendarmen nicht stationiert sind, nicht

untergebracht werden können, haben Inspektoren in den Walddörfern nichts

zu tun.“

„Aber die Popen?“

„Sind sehr dankbar, wenn sie für wenig Geld viel frisches Fleisch

bekommen, außerhalb der langen Fastenzeit der Griechen! Es ist schön und

ehrenwert, daß die Griechen die Abstinenz genau einhalten, vierzig Tage

hungern, nur am Abend etwas von den getrockneten Fischen essen, die der

Krämer bündelweise aus Ungarn bezieht und auf — Pump verabreicht!

Abrechnung erfolgt später: Fleisch für Fische!“

„Zum Kuckuck! Es gibt doch Gerichte auch in Kroatien!“

Kuster verbeugte sich und sprach demütig. „Gnädiger Herr! Wo kein

Kläger, ist auch kein Richter! Vor Jahren weilte ein

Untersuchungsrichter auf Grund einer Gendarmerieanzeige in Jesenaš: die

Kommission zog schon am zweiten Tage erfolglos und arg hungrig ab; der

Krämer hatte _nichts Eßbares_ im Hause. Sogar der Richter hatte

_vergeblich_ in Keller und Speicher gesucht!“

Darauf verstummte Kommissär Günther. Seine Neugierde richtete sich auf

die — Rechnung.

Der „Herrgott“ von Jesenaš weigerte sich, einen geschriebenen Beleg zu

geben. Untertänig erklärte er, daß der gnädige Herr Forstkommissär

achtmal für Wohnung samt Bedienung und Licht, für Frühstück (Kaffee mit

Milch, Brot, Honig und Eiern) sowie für das Abendessen (Fleisch mit

Kartoffeln) zusammen täglich — _dreißig Kreuzer_[12] zu zahlen habe.

Für _Wein_ täglich _zwölf_ Kreuzer „extra“....

Kommissär Günter traute seinen Ohren nicht und riß vor Staunen weit die

Augen auf.

Erschreckt, das Staunen irrig deutend, bat der Krämer unter Verbeugungen

um Verzeihung, verwünschte seine Gedächtnisschwäche, die ihm einen üblen

Streich gespielt, und feierlich erklärte er, daß der Tagespreis ohne

Wein — _zwanzig_ Kreuzer betrage!!! Am Wein hingegen könne er beim

besten Willen nichts nachlassen, da nur der Selbstkostenpreis berechnet

worden sei.

Mit Mühe setzte Günter dem achtenswerten Krämer auseinander, daß der

Preis von täglich dreißig Kreuzern wahrhaftig nicht als zu hoch erachtet

würde. Der Kommissär wollte diesen Betrag bezahlen, aber der Hauswirt

verweigerte die Annahme des Betrages über den Pensionspreis von zwanzig

Kreuzern hinaus. Ebenso lehnten die Dienstboten die Annahme irgendeiner

Belohnung ab.

Die Förster hatten fünfzehn Kreuzer täglich zu zahlen, die Waldhüter

nichts....

Auf dem Rückmarsch hatte Forstkommissär Günter ein sonderbares Summen im

Ohr; immer klangen gedämpft die Worte. „Größter Gauner, anständiger

Mensch!“ über den Widerspruch ärgerte sich Günter schändlich. Und einen

Seelenkampf kostete es, schlüssig zu werden über die Frage, ob, wie alle

anderen Menschen, die in Jesenaš zu tun hatten und haben werden, auch

Forstkommissär Günter die Tatsachen hinnehmen und sich nicht weiter den

Kopfzerbrechen solle....

Der Seelenkampf war entschieden, als Günter seinen Dienstwohnsitz

erreichte. Entschieden mit dem Satze. „Ich bin Forstmann in Kroatien und

nicht — Kaminfeger! Denn nur der ‚Schwarze‘ kratzt, was ihn nicht

beißt!“

Im übrigen ahmte er das Beispiel der alten Amtskollegen nach, gab die

gleiche Schilderung von den Verhältnissen auf der Gorievica und ließ

sich von Ungläubigen ins Gesicht lachen. Solange Günter — Jahre hindurch

— auf kroatischem Boden weilte, wich er jeder Erörterung des Themas.

„Größter Gauner und doch ein anständiger Mensch“ aus. Günter wollte über

den Krämer von Jesenaš keine Witzeleien hören; der Mann hatte während

eines zweiten Aufenthaltes (Schätzungsnachprüfung) seine Achtung

erzwungen, indem der Hebräer — es fehlte an Fleisch — vom kleinen

Mehlvorrat das — letzte Pfund Mehl willig hergab, um den hilf- und

nahrungslosen Beamten zu versorgen, solange es eben möglich war....

Fußnoten:

[9] Im Kroatischen hat das Wort „Bošpor“ die Bedeutung „übriggebliebener

Buran“; im Slowenischen heißt das gleiche Wort soviel wie Knoblauchrübe.

Mit solchen Rübchen gedämpft, mit Essig gesäuert und gedünstet, gilt in

Kroatien auch heute noch der „übriggebliebene Buran“ als Morgenspeise,

die nach feuchtfröhlicher schwerer Nachtsitzung den „Kater“ und alles

„Haarweh“ totsicher vertreibt. Von der Rübensorte ging der Name auf den

Buran über. D.V.

[10] Jesam = ich bin, vunbačitelj = Hinauswerfer! — Hauptsächlich im

Zagorje (Westprovinz von Kroatien) besteht der Brauch, daß drei Personen

als Stolaren fungieren, besonders bei Gastmählern zur Brautschau: der

Tischdirektor, sein Vertreter und der — Hinauswerfer.... Zur Ehrung

eines Gastes müssen die drei Stolaren anwesend sein, doch wird der

vunbačitelj in seiner „amtlichen“ Eigenschaft nicht — vorgestellt. D.V.

[11] Likova in der Bedeutung: vorläufige Abrechnung, Anzahlung; das

slavische Wort bedeutet auch: Ausgleichung, offizielle Bilanz über

gegenseitige Dienstleistung auf Grund eines Vertrages. Der tüchtigste

Slavist der Gegenwart, Oberstleutnant _Žunkovič_, verweist auf das

deutsche Wort „_Leihkauf_“, das ein mißverstandener Begriff und aus dem

slavischen Worte entstanden ist. Tatsächlich hat „Leihkauf“, „etwas zum

Leihen kaufen“, keinen Sinn.

[12] österreichische Währung bis 1885. In diesem Jahre wurde die neue

Kronenwährung (zwei Kronen gleich dem alten Gulden) eingeführt und in

ganz Österreich und Ungarn längere Zeit hindurch — nicht beachtet....

Aus Kroatien: Skizzen und Erzählungen · 第 12 / 14 题