Vor etwa zehn fahren folgte meine Wenigkeit einer Einladung lieber
Freunde, in Römerbad, dem „südsteierischen Gastein“, Aufenthalt zu
nehmen. Die drollige Einladung sprach von einer „slavischen Agnes
Bernauer“, die in der Nähe ihre Grabstätte habe, erwähnte auch, daß der
„verflossene“ Reichskanzler Caprivi „an der Sann beheimatet“ sei, und
lockte mit der Versicherung, daß ein nigelnagelneues Automobil zur
Verfügung stände, mit dem nach Belieben in das „halbasiatische“ Land
gefahren werden könne.
Zwei Tage später war ich in — _Römerbad_, dem alten Toplice (slavisch
toplice = warm) im lieblichen Süden der grünen Steiermark. In diesen
heißen Quellen, wie auch in Varazdin-Töplitz, fanden die römischen
Statthalter der Provinz Pannonien Heilung von Gicht und Zipperlein. Die
Dankbarkeit ließen sie in Stein einmeißeln. Dies tat auch der
Provinzchef Matius Finitus mit dem Eintrag in das „steinerne
Fremdenbuch“: „Nymphis aug. Matius Finitus. V.S.L.M.“ (= votum solvit
lubens merito). Zu deutsch: Den erhabenen Quellen (Nymphen) Matius
Finitus sein Gelübde einlösend. Drei Votivtafeln solcher Art wurden in
alter Zeit bei den Heißwellen gefunden; die Thermen gerieten dann in
Vergessenheit, flossen ungenützt durch wunderlieblichen Waldeszauber
zur munteren Sann, bis die Mönche des nahen Karthäuser Klosters in
Gairach sich klug und weise den wertvollen Besitz sicherten, einen
Badedirektor aufstellen unter der bezeichnenden Bedingung, „im Bade
lauter züchtiges Gesinde und ehrbare Weibsleute zu halten“. Der Zeit
nach waren die Gairacher Mönche zu Toplitze-Römerbad der Badeverwaltung
des salzburgischen Gastein um rund achthundert Jahre verspätet daran,
klimatisch aber bedeutend im Vorteil durch die südliche Lage,
gleichmäßige Temperatur und das üppige Wachstum und durch den Mangel an
jeglichem, an der Sann ganz unbekanntem salzburgischem Schnürlregen, der
zum Entsetzen der Gasteiner Kurgäste so gern in Schnee übergeht. Vor
Jahrhunderten schon wurde auf die gleiche Heilkraft und Temperatur der
Heißwellen von Römerbad und Gastein verwiesen, und auf diese Tatsache
fußend (Gastein 25,8-49,6 Grad Celsius, Römerbad 36,2-37,5 Grad
Celsius), Römerbad das „steierische Gastein“ genannt zum Arger der
Gasteiner.
„Gichtiker“ war meine Wenigkeit damals noch nicht; demgemäß ließen die
Heißwellen von Römerbad mich „kalt“; das Interesse galt der „slavischen
Agnes Bernauer“, der steierischen „Inez de Castro“, der unglücklichen
Veronika von Jeschnenitz (ješen = Herbst, jesén = Esche), Gräfin von
Cilli, die in der gotischen Klosterkirche zu Gairach bei Römerbad
begraben liegt.
Zunächst „verbiß“ sich der Onomatologe in den Namen „Gairach“, der sehr
deutsch aussieht, in dieser slovenischen Gegend aber kaum rein deutsch
sein kann. Zum mindesten ist das deutsche „Hai“ (Gehege, befestigter
Platz, Umfriedung zu Verteidigungszwecken) vergröbert in „Gai“. Da das
Gairacher Kloster auffallenderweise quer zum Sträßlein steht, als
Talsperre gebaut ist, kann über den ehemaligen Verteidigungszweck kein
Zweifel begehen. Im Slavischen hat „gaj“ die gleiche Bedeutung wie das
deutsche „Hai“. Und Ach, Ache ist der Wildbach, dem der Tiroler ein „r“
einfügt, wenn im Bach oder Fluß Felsblöcke liegen. Deshalb heißt der Inn
bei Landeck „Arch'n“....
Der Grabstein der slavischen Agnes Bernauer besagt soviel wie das
urkundliche Material, nämlich nichts. Die unglückliche Veronika von
Jeschenitz, Gräfin von Cilli, hat einen Hofdamen-Roman erlebt und das
winzige Maß von kurzem Glück im Jahre 1436 mit üblich tragischem Ende
gebüßt. Tugendhaft hatte Veronika dem in sie rasend „verschossenen“
Grafen Friedrich II. von Cilli erklärt, daß der Weg zu ihrem Herzen nur
über den — Altar führe. Im übrigen pochte Veronika auf ihre
Hofdamengrundsätze. Der junge Graf Friedrich II. war bereits und
ausgiebig verheiratet, hitziger Natur und rasend verliebt in Veronika.
Die Zeit aber war rauh. Graf Friedrich II. „erstach“ als hitziger
„Gemütsmensch“ seine sanft und ahnungslos schlummernde Gemahlin und
„heiratete“ dann mit der im fünfzehnten Jahrhundert üblich gewesenen
Eile die Hofdame seiner „verblichenen“ Gemahlin. Nun erst wurde die
Angelegenheit „brenzlich“; denn der Altgraf Hermann von Cilli trat auf
den Plan, und Seine Gräfliche Gnaden waren noch hitzköpfiger als der
Sohn. Der Papa verübelte nicht die „kurzhändige“ Beseitigung der
Gemahlin Nr. 1, sondern die Heirat der Hofdame aus „nichtebenbürtigem“
kleinem Landadel. Die „Mesalliance“ paßte dem Alten nicht. Die
Nichtberücksichtigung der Standesinteressen mußte „gerochen“ werden, und
zwar mit der gleichen Eile, mit der Friedrich seine erste Gemahlin aus
dem Leben ins Jenseits befördert hatte. Der abkunftstolze Altgraf sandte
zwei gutgenährte kräftige Ritter in die Burg Osterwitz bei Franz
(Umgebung von Cilli), wo Veronika „residierte“, und ließ Friedrichs
Gemahlin Nr. 2 einfach und kurzerhand in einem mit Wasser reichlich
gefüllten — Waschbottich ertränken. Gleichzeitig wurde der Sohn
Friedrich zur — Abkühlung in das Verließ der Burg Cilli gesteckt.
Das ist der „etwas“ tragische Roman der Hofdame Veronika von Jeschenitz,
der slavischen Agnes Bernauer und steierischen Inez de Castro. Mehr war
nicht zu erfahren und die Stimmung damals diesem „Stoff“ nicht günstig.
Weit mehr als die arme Veronika fesselte die Behauptung im
Freundeskreise zu Römerbad, daß der deutsche Reichskanzler _von Caprivi_
von — Slovenen abstamme, und daß seine Ahnen an der Sann seßhaft waren,
nämlich auf dem Edelsitz Scheuern bei Steinbrück am Zusammenfluß der
Sann und Save. Ahnherr war Ritter Andreas _Kopriva_ (zu deutsch:
Brennessel), der 1680 starb ohne die geringste Ahnung, daß etwas mehr
als zweihundert Jahre später ein preußischer General von _Caprivi_
deutscher Reichskanzler, noch dazu als Bismarcks Nachfolger „Politik
machen“ werde. Nicht ein Wort von dieser „Behauptung“ habe ich damals
geglaubt. Unvorsichtig gab ich dem Zweifel auch noch schriftlich
Ausdruck, machte „Witze“ über die Abstammung Caprivis von dem
slovenischen Geschlecht der Kopriva. Sehr bald ging ein Platzregen von
brieflichen Nachweisen, Urkundenabschriften usw. auf den spottlustigen
Zweifler nieder. Heute weiß ich auf Grund gewissenhafter Forschungen,
daß Caprivi wirklich ein umgemodelter Kopriva gewesen ist.
Auf Dauer und noch dazu im wonnigen Gelände von Römerbad konnte aber
auch der „gehorsame Soldat“ Caprivi, den Wilhelm II. zum
Reichskanzlerdienst einfach „befohlen“ hatte, nicht fesseln. Das Herz
flog dem Freunde R.U. entgegen, der den Vorschlag gemacht hatte, sein
neugekauftes Automobil zu einer Fahrt nach „Halbasien“, hinunter zu den
Wasserwundern von Plitvice im südlichsten Zipfel von Kroatien zu
erproben.
Praktisches Geographiestudium! Reisen bildet!
„Automobilfahren ist schöner noch als Jagd und Liebe!“
Dieser Ausspruch kühlte meine Begeisterung ab. Doch der Süden, der mir
unbekannte Süden Kroatiens, die Schilderungen von der märchenhaften
Schönheit der Korana und von Plitvice gaben den Ausschlag!
Also los!
Drei Stunden flinker Fahrt, und wir beguckten die fast unleserliche
Aufschrift auf Eisentafeln, die auf dicken, rotweißblau angestrichenen
Holzpfählen thronten: „Hrvatska i Slavonia“. (Kroatien und Slavonien).
Damals ein Königreich, das zu Ungarn gehörte, deshalb das ungarische
Staatswappen auch am Schilde jeder Tabaktrafik. Das Wort Goethes vom
Deutschen, der keinen Franzmann leiden kann, doch seine Weine gerne
trinkt, hätte man damals mit gewissen Veränderungen auf Kroatien
anwenden können. Viel Zuneigung für ungarische Freiheit in Gesetzgebung
und Verwaltung, „Autonomie der Munizipien“ (Selbständigkeit der
Gemeinden) usw., Komitatsselbstherrlichkeit, _das_ paßte den Hrvaten;
daß die kroatische Sprache für Ortsnamen, Schule und Verkehr auf
Landstraßen und bei Behörden im Lande „zugestanden“ war, bildete ein
Ärgernis wegen der Form der „Konzession“; denn die Bestrebungen, die
auf Magyarisierung hinausliefen, kannte man in Kroatien so gut wie in
Budapest; man wußte auch, daß Kaiser Franz Joseph den Kroaten ihre
Sprache in Land, Amt und Schule erhalten wollte, jeder Magyarisierung
widerstrebte. Als aber die ungarische Regierung verfügte, daß die
Verkehrssprache auf den Eisenbahnen (M.A.V. = magyar allam vašutak,
ungarische Eisenbahnen; alter deutscher Eisenbahnerwitz in der
Übersetzung: M.A.V. = „miserabelste aller Verwaltungen“) „_magyarisch_“
auch in Kroatien und Slavonien sein _müsse_, war es aus mit der
„Zuneigung“ der Südslaven für — ungarische Freiheit usw. Damals
„liebten“ die Kroaten die gewalttätigen Magyaren „tödlich“....
Gottlob wurde diese „Liebe“ nicht auf uns deutsche „Benzinisten“
übertragen; gelegentliche Versuche kroatischer Kinder, dem Kraftwagen
Steine nachzuwerfen, hatten nichts zu bedeuten.
In Hotels wurden lediglich die Ohren gespitzt; man wollte hören, welcher
Sprache die Automobilisten sich bedienten. Als Deutsche wurden wir
freundlich und gut bedient.
Was der Name „Kroat“, slavisch Hrvat, Horvat, Arvat, eigentlich
bedeutet, wissen die Kroaten selber nicht. In Agram war es vor zehn
Jahren ganz unbekannt, daß die Erklärung des Namens im — Titel des
Bischofs von Zengg steckt! Der Titel lautet: „Bischof von Modrusch und
Korbavia“. Letzteres Wort stammt von „Korba“, das sich im Russischen
erhalten und die Bedeutung hat: nasse, sumpfige Gegend. Dieses Korba
steckt in den topographischen Namen: Korpula, Skorba, Karwin, Charbin.
Die Bewohner wie die Grenzgegenden an der „Korba“ in alter Zeit
erhielten den Namen „Korbati“, was Ufergebirge, Uferbewohner bedeutet.
Aus „Korbati“ wurde dann: Chorbaten, Karwaten (Karpaten), Kroaten.
Deutschland machte die Bekanntschaft mit den Kroaten, mit ihrem Mut, mit
ihrer Beutegier und Grausamkeit im Laufe des Dreißigjährigen Krieges.
Der Name „Kroat“ (Krawat) wurde ein Schimpfwort im Deutschen („Schimpf“
in neuerer Bedeutung, nicht in der mittelalterlichen, wo das Wort soviel
wie Vergnügen, Unterhaltung bedeutete); dazu hat ab 1740 Baron von der
Trenck mit seinen Panduren und Greueltaten sein Teil reichlich
beigetragen. Nicht mit Unrecht sagt der Kroate Dr. von Tkalac im Vorwort
zu seinen „Erinnerungen“: „Kroatien und die Kroaten spielen in der
deutschen Litteratur keine erfreuliche Rolle. Daß die Kroaten bei dem
letzten großen Einfall der Mongolen im Jahre 1242 durch ihren Sieg in
Grobnik (bei Fiume) Europa vor Verwüstung und Barbarei gerettet, daß sie
jahrhundertelang eine Vormauer Europas gegen das damals noch mächtige
Türkentum bildeten, ist weit weniger bekannt, als daß sie dem Hause
Habsburg im Dreißigjährigen, im Erbfolgekrieg von 1740 und im
Siebenjährigen Krieg Heerfolge und Schergendienste leisteten und sich
dadurch die Feindschaft der abendländischen Völker zuzogen. In
‚Wallensteins Lager‘ läßt Schiller von einem Scharfschützen einen
kroatischen Soldaten mit den Worten ansprechen: ‚Kroat, wo hast du das
Halsband gestohlen?‘ Der Kroat antwortet: ‚Du willst mich betrügen,
Schütz‘, und der Trompeter bestätigt dies: ‚Seht nur, wie der den
Kroaten prellt?‘ Die Gaunerei des Scharfschützen macht auf die Zuhörer
keinen Eindruck, aber seine Ansprache: ‚Kroat, wo hast du das Halsband
gestohlen?‘ bewirkt eine Erschütterung des Zwerchfells, die nicht wieder
vergessen wird. Und wenn nun gar in geographischen und geschichtlichen
Werken Kroatien als ein Land dargestellt wird, das von verschiedenen
halbwilden Völkerschaften, namentlich von Panduren, Hajduken,
Schereschanern, Morlaken, Uskoken, Primorzen, Schokatzen, Raitzen usw.
bewohnt wird, wissen gar viele nicht, daß die Mark Brandenburg von einer
Menge verschiedener Völkerschaften, wie Potsdamern, Charlottenburgern,
Teltowern, Schönebergern, Lichterfeldern usw., bewohnt wird. Ich will
nun freilich nicht behaupten, daß Kroatien das irdische Paradies und die
Kroaten das auserwählte Volk Gottes seien, aber wenn man sich für die
unwirtlichsten Länder Innerafrikes und Zentralasiens und für deren
wilde und stupide Bevölkerungen interessiert, würde wohl auch das nicht
so fern liegende Kroatien und sein Volk verdienen, daß man sich in
Deutschland über beide besser unterrichtete.“ Bitter klagte Dr. von
Tkalac auch darüber, daß er als Universitätsstudent in Berlin als eine
Art ethnographisches Wundertier, weil Kroat von Geburt, angestaunt
wurde. Eine den höchsten Kreisen Berlins angehörende Dame konnte es
überhaupt nicht begreifen, daß ein Universitätsstudent, der Griechisch
und Latein verstand und Italienisch, Französisch und Deutsch sprach, ein
— Kroat sein konnte.
Ähnliche und bittere Klagen zu erheben, hatten die Slovenen vielfach
Ursache, die man stets zum Dienervolk herunterdrücken wollte, und deren
Sprache man bestenfalls als Verständigungsmittel für Dienstboten
bezeichnete. Wer viel und lang in slovenischen Familien der Intelligenz
verkehrte, mußte zur Überzeugung gelangen, daß überlange ungerechte
Behandlung, gewaltsame Unterdrückung eine gefährliche Verbitterung im
slovenischen Volke heraufbeschwören werde. Zündstoff war mehr als genug
vorhanden. Die überstürzte Gründung der schlecht geleimten „_Država
SHS_“ war allerdings nicht vorauszusehen. Seitens der Slovenen und
Kroaten ist sie ein menschlich begreiflicher Racheakt. Und „Rache ist
süß“. Ist sie aber genügend ausgekostet, wird auch die Verbitterung
weichen, bei den Südslaven und Deutschen der südlichen Gebiete die
Vernunft einkehren und lehren, daß man aufeinander angewiesen sei und
miteinander leben müsse. Hoffentlich dann beiderseits mit weiser
Mäßigung in Politik und nationalen „Gefühlen“....
Auf der flinken Fahrt zu den so gut wie unbekannten Wasserwundern von
Plitvice macht man erstmals die Bekanntschaft mit der stahlblauen Korana
in _Karlstadt_, wo sich Kulpa und Korana, diese interessanten Flüsse
Kroatiens, vereinen. Was doch die Neuzeit alles schafft! Aus einer
wuchtigen Grenzfestung, die im sechzehnten Jahrhundert als Trutzburg
gegen die nahe Türkei (Türkisch-Bosnien) angelegt wurde, aus dem
düsteren, blutgetränkten Städtle Karlovatz ist eine moderne, fast
elegant zu nennende, freundliche Stadt mit schönen Gebäuden geworden.
Für Reisen im Kraftwagen sind immer von Wichtigkeit die
Straßenverhältnisse und Charaktereigenschaften der Bevölkerung des
jeweils zu durchfahrenden Landes. Die Gutmütigkeit des kroatischen
Volkes, solange der Kroat keinen Schnaps im Leibe hat, wird gerühmt;
dicht neben ihr sitzt aber die „negative Intelligenz“, die sich in
Kopflosigkeit äußert, wenn ein Automobil herankommt. Ein lammfrommes
Pferd muß erschrecken, so der Fuhrmann ihm plötzlich mit den Händen an
den Kopf greift und die Augen verdeckt. Just im gefährlichsten Moment,
da der Kraftwagen vorüberfährt, erweist sich die Neugierde viel stärker
als die Vorsicht; der Bauer benötigt zweifellos die Hände zum — Schauen,
zieht sie also von den Augen des Pferdes weg, und der Zusammenprall ist
fertig....
Wenige Stunden hinter Karlstadt beginnt die Melancholie des Karstlandes,
genannt _Lika_, ein begrüntes Gebiet, aus dem stellenweise stattliche
Berge, kahle Felshäupter aufragen; tief eingerissen sind die wenigen
Flußtäler mit Wasserläufen, die plötzlich im Boden verschwinden,
unterirdisch Seen bilden und unvermittelt wieder zutage treten. Auch die
Korana hat solche „Mucken“. Eine eigenartige Welt, echtes Karstgebiet
mit seinen Eigenheiten, das im nördlichen Teil der fruchtbaren Täler und
Dolmen nicht entbehrt. Herbe spärliche Schönheit in tiefster
Melancholie, wie sie aus Lenaus Gedichten weht....
Beim türkisch angelegten Städtchen _Slujn_ prahlt die lichtblaue Korana
erstmals mit ihrer Schönheit in überraschenden Wasserfällen.
Nach Süden steigert sich die öde der Lika zur Schaurigkeit, überall
steile Höhen, tiefe Schluchten, freiliegendes Gestein, in den Dolinen
wenig Ackerboden, geringwertige Weideplätze. Winzige Dörfer, deren
trostlose Häuschen tief im Boden stecken, mit Stroh oder Dünger gedeckt
sind. So eine „Wohnstätte“ enthält einen einzigen Raum, den die
Familie, Ziegen, Schweine, Hühner und etliche Gänse „bewohnen“. Der
Winter soll in der Lika sehr streng und lang (6-7 Monate) sein und
enorme Schneefälle bringen. Die Lika umfaßt 6212 Quadratkilometer, hat
eine Bevölkerung von rund 192000 Seelen und besaß (1890) im Städtle
Gospic eine einzige Apotheke für die ganze Provinz!
Stundenlang währte die Fahrt durch dieses melancholische Karstgelände.
Dann endlich erklomm das ratternde Auto eine letzte Anhöhe, bekrönt von
einer steinernen Kanzel hart an der schmalen Straße. Ein auffallendes
Bauwerk in weltentlegener, schauriger Einsamkeit, das eine
Zweckerforschung geradezu erzwingt.
Ein Blick in die Tiefe, ein Ruf höchster Überraschung!
In einer wohl hundert Meter tiefen Erosionsschlucht entwickelt die hier
smaragdgrüne Korana die zaubervollste Romantik: viele weißschäumende
Kaskaden, blaue Bassins, graugrüne Seen, entzückend geformte Terrassen
inmitten wuchtig starrender Sturzfelsen. Wahrhaftige Wasserwunder,
märchenschöne Gebilde, erzeugt von einem einzigen Wildbach. Die Pforte
zu einem Paradiese auf südkroatischem Boden!
In drängender Sehnsucht nun weiter mit der Höchstgeschwindigkeit des
Kraftwagens, hinein in die Märchenwelt von _Plitvice_.
Ein blauschimmernder See, umrahmt von herrlich prangenden Wäldern, die
Üppigkeit einer Tropenwelt; hochstämmige Buchen mit mächtigsten Kronen,
dichtbemantelte Edeltannen, Ahorn massenhaft mit großartigem Wuchs.
Nicht minder häufig die Eibe, doch nur als Gestrüpp. Ein ungeheurer
Naturpark, überwältigende Waldeinsamkeit bei einem unglaublichen
Wasserreichtum. Der untere (Kozjak-) See schillert in seltsamen
Farbentönen, bald tiefblau, dann smaragdgrün, gelb und grau.
Auf grüner Anhöhe thront das vom Agramer Komitee zur Erschließung der
Plitvicer Wasserpracht erbaute Hotel.
Auf die Länge von acht Kilometern sind hier zusammengedrängt 13 (!) Seen
und 30 (!) entzückende Wasserfälle bei einem Höhenunterschiede von rund
200 Metern. Wasserwunder der bescheidenen blauen Korana, der Tochter des
Kapelagebirges, die nach dem Verlassen des Plitvicer Märchengebietes
alsbald im Karstboden versinkt, später wieder zutage tritt, als
unscheinbares Flüßchen nach Norden eilt und sich bei Karlstadt mit der
schiffbaren Kulpa vereinigt.
Jeder der dreizehn Seen von Plitvice (kroatisch und russisch plit =
Felsplatte) zeigt sich anders hinsichtlich der Konfiguration und
Wasserfarbe; das Farbenspiel ist von der Temperatur abhängig, unter
fünfzehn Grad Celsius erscheinen alle Seen grau!
So alt das Haus Habsburg geworden war, von männlichen Mitgliedern hatte
sich kein Prinz je nach — Plitvice „verirrt“. Die Kronprinzessin
Stefanie, jetzige Gräfin Lonyay, ließ sich gelegentlich einer
Quarnerofahrt bereden, von Zengg an der kroatischen Küste aus die
Märchenwelt von Plitvice zu besuchen. So qualvoll die Wagenfahrt
gewesen, die Dame hatte den Besuch nicht bereut; sie war sprachlos vor
Überraschung.
Wenn es erlaubt ist, _meinen_ Eindruck mit einem einzigen Wort zu
erwähnen, so wäre zu sagen, daß ich „tirolisch“ gerufen habe: „Oha!“
Mehr Worte standen nicht zur Verfügung.... Das Staunen war zu groß. Der
Eindruck viel gewaltiger als etliche Tage später hoch am Vratnik beim
ersten Anblick der tief unten blauenden Adria, die der „Benzinist“
bereits kannte. Daß das Erscheinen eines Reichsdeutschen in Plitvice, im
südlichsten Zipfel Kroatiens, Aufsehen erregte, ist begreiflich; haben
ja noch wenige — Kroaten den weiten mühevollen Weg „hinunter“ gefunden.
Die Regierung Kroatiens hatte sich Jahrzehnte hindurch bemüht, der
Pester „Hegemonie“ eine Bahnverbindung von Ogulin nach Plitvice zur
Erschließung der Wasserwunder abzuringen. Immer vergeblich! Plitvice
liegt auf — kroatischem Boden, nicht auf ungarischer bzw. magyarischer
Erde. Vor etwa acht Jahren war es gelungen, eine Verbindung mit Hilfe
eines — Postautomobils zu schaffen. Sechs Personen hatten darin Platz,
und zur Besichtigung der Wasserwunder von Plitvice war — eine ganze
Stunde Zeit gegeben. Wer diese Verfügung ersonnen, hätte verdient,
strafweise „Präsident“ der „Država SHS“ zu werden.... Oder „Ehrenbürger
von München“ während der „wonnigen Tage der Räterepublik 1919“.
An sich aber war die Verfügung sehr nett, nämlich als durchschlagender
Beweis, daß „St. Bureaukratius“ auch in der slavischen Welt gedeiht!
Eine einzige Stunde Besichtigungszeit für das größte Wasserwunder des
Erdballs!!! Einfach „köstlich“! Doch es gibt auch für jenen
südslavischen St. Bureaukratius eine Entschuldigung in der Person jenes
Altmünchener Hausbesitzers, der in jener Zeit, als München noch München,
eine reinliche gemütliche Stadt und nicht spartakistisch durchseucht
war, nach Paris fuhr, drei Tage später aber schon wieder im „königlich
bayerischen“ Hofbräuhause saß und die erstaunten Freunderln bezüglich
der überraschend schnellen Rückkehr dahin aufklärte, daß in Paris „auch
nichts los“ sei. Alles gesehen, alles sei genau wie in München. „Auf dem
_Père la chaise_ einmal — _herumgetanzt_, is aa nix!“ — — —
In _Plitvice_ kann man, was im Flachlande Kroatiens unmöglich ist,
reichlich und gefahrlos — Wasser trinken. Wein ist aber besser, der
Slibovitz ausgezeichnet.
Wir haben uns bemüht, möglichst viel von den Wasserwundern dieser
südkroatischen Märchenwelt auf die photographische Platte zu bringen.
Doch der beste Apparat kann nicht das unsäglich schöne Farbenspiel
offenbaren. Wollte ein gottbegnadeter Künstler sie malen, _den_ Menschen
möchte ich kennen lernen, der beim Anschauen der Bilder dem Maler
glaubt, die Wahrheit auf die Leinwand gezaubert zu haben....
In Agram kann man immer viel Dinge hören, die man nicht zu glauben
braucht. Die Versicherung, daß es in der Lika schon längst keine Räuber
mehr gibt, das Reisen völlig sicher und gefahrlos sei, hatte mein
„Automobilherr“ mit Vergnügen entgegengenommen. Mir war in Erinnerung,
in einem Geschichtswerk gelesen zu haben: „Ni gora bez vuka, ni Lika bez
hajduka!“ (Weder ist das Gebirge ohne Wölfe noch die Lika ohne Räuber!)
Der Spruch stammt aus unruhigen Zeiten, als noch den Nordkroaten und
Slavoniern Likabewohner und Räuber sinnverwandte Worte waren. Zu lesen
war aber auch, daß der Likaner damals nicht aus Habsucht Hajduk wurde,
sondern aus gekränktem — Ehrgefühl wegen Verprügelung; unter dem
überstrengen Grenzregime wurde das geringste Vergehen grausam mit
Stockschlägen usw. bestraft. Entehrenden Strafen zu entgehen, flohen die
kurzhändig Verurteilten ins Gebirge; bitterste Not und Verzweiflung
machten die Hungernden dann zu Räubern. Als Kaiser Franz Joseph die
Leibesstrafe, die grausame Verprügelung, aufhob, hörten in der Lika die
Räubereien sehr rasch auf. Der letzte Hajduk namens Toma Kovačević aus
Vranik wurde im Jahre 1872 hingerichtet.
Von alledem sagte ich kein Wort. Aber als „Justamentmensch“ und echt
bayerischer Dickschädel wollte ich bezüglich der öffentlichen Sicherheit
im südlichsten Zipfel Kroatiens und hart an der bosnischen Grenze, also
„fern von Europa“ eine „Probe auf das Exempel“ machen, es auf einen
räuberischen Überfall ankommen lassen. Also wurde die Geldtasche im
Kasten des Hotelzimmers versperrt, als einzige Waffe wie immer nach
alter Gewohnheit das griffeste Jagdmesser mitgenommen. Speiste vorher
mit den Reisegenossen zu abend, und dann ging ich bei salzburgischem
Schnürlregen „im Mondschein spazieren“. Ein Ausflug in pechschwarzer
Nacht auf einsamer Landstraße zur bosnischen Grenze. Mutterseelenallein
und furchtlos, neugierig und erpicht, mit likanischen Räubern
Bekanntschaft zu machen und etliche Worte auf Südkroatisch wechseln zu
können.
„Schrecklich solide“ Leute diese Likaner. Bleiben bei Muttern zu Hause,
wenn es finster ist und schnürlregnet, lieben die Trockenheit und Wärme.
Ein Vergnügen war dieser frostige Spaziergang so tief im Süden wirklich
nicht; aber „poetisch“ das Geheul frierender Dorfköter in langgezogenen
elegischen Tönen.
Unweit des zweiten Dorfes auf dieser einsamen trutzigen Wanderung
endlich ein verdächtiges Geräusch. Ein Knacken von Holz, das etwas
Ähnlichkeit mit dem Aufziehen von Gewehrhähnen hatte. Also doch! Und
gleich mehrere Räuber und schußbereit!
Nein! Richtige Raubgesellen machen vor dem Angriff nicht so blöden Lärm;
auch ist es nicht üblich, daß echte Hajduken sich angesichts des
Menschen, der überfallen werden soll, am Boden wälzen....
Zwei Esel waren die Spektakelmacher, zwei arme Langohrige, die zur
Nachtruhe die Packsättel los werden wollten. Eine Grausamkeit höherer
Art, den armen Lasttieren niemals die Traggestelle vom Rücken zu nehmen.
Damals war mir noch nicht bekannt, daß nicht Grausamkeit vorliegt,
sondern tiefgewurzelter, bei den Südslaven unausrottbarer Aberglauben,
wonach die Stellen, wo sich Esel wälzten, dem Menschen „fürchterliches“
Unglück bringen. Man läßt, beispielsweise auf der Insel Lissa, dem
Grauen den Packsattel ständig auf dem Rücken, damit der Esel sich nie
richtig wälzen kann.... In der Nähe des lissanischen Städtchens Comisa
hielt mich mein Begleiter mit — Gewalt ab, den Fleck zu betreten, auf
dem ein Langohr Wälzversuche machte, um das lästige Gestell vom Rücken
zu bringen.
Mit dem Raubüberfall war es also nichts. Demgemäß weitergewandert auf
der einsamen Landstraße durch Nacht und Finsternis. Auf südkroatischem
Boden mit dem Eigensinn und Trotz des niederbayerischen Dickschädels!
Irgendein Mensch, Kroat oder Bosniak, wird mir doch begegnen in dieser
Finsternis. Und wissen, erleben wollte ich, ob der südslawische
Mitmensch den einsamen Bajuvaren anbetteln oder niederzuschlagen
versuchen werde.
Der Schnürlregen hatte aufgehört; kühl wehte ein „südliches“ Windchen,
glitschigfeucht war die Straße. Ein schlechtes Wandern.
Im Dickschädel regte sich die — Vernunft mit dem Gedanken, daß das Hotel
in Plitvice erreicht werden müsse, bevor der Pförtner sich zur Nachtruhe
begibt. Denn dem Wanderer fehlte der Hausschlüssel, und Hotelportiers im
ersten Schlafe „orgeln“ überall sehr fest, hören in diesem Zustande
schlecht.
Jetzt umkehren? Ohne einem Kroaten auf einsamer nachtumfangener
Landstraße begegnet und angegriffen worden zu sein? Nicht um das ganze
Königreich Kroatien! Auch dann nicht, wenn die kühle regenfeuchte Nacht
„fern von Europa“ im Freien obdachlos verbracht werden müßte!
Der Dickschädel aus Niederbayern gibt nicht nach ohne Zwang! Und der
Zwang muß überwältigend stark sein; ansonsten erreicht er nur
gesteigerten Trotz.
Justament wurde weitergewandert.
Irgendwo vor mir erscholl Hundegebell. Also mußte ein Dorf oder doch ein
Gehöft an der Straße liegen, ein Mensch durchgewandert oder doch
vorübergegangen sein. Vielleicht pilgerte der nächtliche Wanderer mir
entgegen? Wenn ja, bräuchte ich nicht länger weiterzumarschieren, könnte
alsbald umkehren, in das Hotel zurückkehren; vorausgesetzt, daß der
Dickschädel noch im Besitz seiner Spazierhölzer und sonst heilgeblieben
sein wird.
Der Trotz schließt die Vorsicht nicht aus. Niederschlagen lassen
lediglich aus Interesse für kroatische Verhältnisse wäre — übertriebene
Sympathie, Abwehr eines Angriffs hingegen Pflicht der Selbsterhaltung.
Demgemäß wurde der hemmende Wettermantel, wiewohl tropfnaß, gerollt und
auf die linke Schulter genommen, das Jagdmesser in der Scheide
gelockert, griffbereit gemacht.
Zu sehen war der „Entgegenkömmling“ nicht, aber zu hören, denn fest der
Tritt auf der quietschendnassen Straße. Demnach kein Bosniak in Opanken,
sondern ein Kroat in soliden Stiefeln, oder ein Obersteirer in
grobgenähten Goiserner Bergschuhen.
Der Luftzug wehte entgegen, brachte aber keine „Witterung“ von dem
nächtlichen Wanderer, der Kerl rauchte nicht. Ein Kroat, der nicht
raucht, ist deshalb zwar noch nicht „suspekt“, aber immerhin eine
Ausnahme, wenn er Tobak besitzt. Ein leidenschaftlicher Raucher ohne
Rauchzeug kann unter Umständen gefährlich werden.
Vorsichtshalber wurde das Jagdmesser nun doch ganz aus der Lederscheide
genommen, die scharfgeschliffene Klinge in der Hand bereitgehalten. Hieb
oder Stich je nach Bedarf augenblicklich möglich. In Notwehr
selbstverständlich.
Auf Entfernung von etwa zwanzig Schritten mußte der Kerl gemerkt haben,
daß ihm ein Mensch entgegenkam; er blieb stehen und horchte.
Das tat auch meine Wenigkeit. Überdies schnupperte ich, da der Wind
etwas wie — Schafwitterung an die Nase brachte. Sind — Schafhirten
gefährlich? Ich glaubte nicht daran und schritt weiter.
Nur noch fünf Schritte Entfernung. Schafdunst zum Übelwerden.
Distanz zwei Schritt. Der Kerl hob einen Arm in die Höhe. Das sah aus,
als sei ein Schlag auf mein deutsches „Denker“haupt beabsichtigt. Aber
der „Schafene“ hatte keinen Stock in der Faust. Ob etwa einen Stein, das
war in der Finsternis nicht zu erkennen. Groß und demgemäß gefährlich
konnte der „Stein“ nicht sein. Ein Steinchen brauchte der festgebaute
bayerische Dickschädel nicht zu fürchten. Also drauf ankommen lassen!
Schlägt der Kerl zu, bekommt er im selben Augenblick die Klinge des
Jagdmessers in die Brust.
Ein Zuruf, zwei Worte in kroatischer Sprache: „Dobro noć!“ (Gute
Nacht!) Weich im Dialekt gesprochen, Schafwitterung dazu, dick und
aufdringlich.
Dank meinerseits im Vorübergehen: „Lahko noć!“ (Leichte Nacht!) und dazu
ein Auflachen der Selbstverspottung wie des Vergnügens darüber, daß der
Kerl sich vor mir — gefürchtet hatte.
So endete das „furchtbare“ Abenteuer zu nächtlicher Stunde auf einsamer
Landstraße tief im Süden Kroatiens, im „Räuberwinkel“ „fern von Europa“.
Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein.
Im Kroatien der dreißiger Jahre stand die ungarische Feudalverfassung in
Geltung; der Schwerpunkt des gesamten Verwaltungssystems lag in der
Autonomie der Komitate. An der Spitze der Komitate standen jeweils
entweder ein erblicher oder ein vom König ernannter Obergespan (supremus
comes, kroatisch: veliki župan = großer Führer). Dem Obergespan
untergeordnet waren zwei Vizegespane (podžupani), die Ober- und
Vizestuhlrichter sowie die Notare als Vollzugsorgane der Verwaltung und
der Rechtsprechung (Gerichte). Justiz und Verwaltung waren damals wie
überall in diesen Organen vereinigt (so z.B. in Tirol, in Bayern usw.).
Diese Organe wurden in Kroatien — gewählt und zwar von der
„Kongegration“ des im Komitat ansässigen Adels auf jeweils drei Jahre.
„Dekretiert“ war, daß diese Wahl, die zu jener Zeit auf lateinisch
„restauratio“ genannt wurde, „frei“ sein sollte, von der Regierung nicht
beeinflußt werden durfte. Was eine „Wahl“ nach ungarischem Muster,
„frei“ und von der Regierung nicht „beeinflußt“, bedeutet, weiß
heutzutage jeder Gymnasiast und Realschüler. Wie aber vor 1848 in
Kroatien „gewählt“ wurde, erzählt Dr. von Tkalac in seinen
„Jugenderinnerungen“ auf Grund von Mitteilungen, die er aus dem Munde
des — bereits genannten — Agramer Obergespans Nikola von Zdenčaj, eines
„berühmten Wahlmachers“, selbst erhalten hatte. Die Darstellung ist, wie
mir auf mehrfache Umfragen bestätigt wurde, richtig und einwandfrei,
wiewohl sie jedem Begriff von „Wahl“ ins Gesicht schlägt und das Dekret,
betr. „Nichtbeeinflussung“, in noch nicht dagewesener Weise verhöhnt.
Doch zu den Verhältnissen jener Feudalzeit paßte der Vorgang im Komitat
Turopolje (Türkenfeld) zu Agram, Anfang der dreißiger Jahre, ganz
ausgezeichnet; die Wahl eines Vizegespans bleibt typisch und ist wohl in
Ewigkeit bezüglich „Freiheit“ und „Nichtbeeinflussung“ nicht zu
übertreffen. Sogar die gegenwärtige jugoslavische Briefzensur in Agram,
so Erstaunliches sie leistet, ist kaum ein Abglanz jener großartigen
Willkürherrschaft seitens der Komitatsgewaltigen.
Der Agramer Obergespan des Komitates Turopolje, Nikola von Zdenčaj, sah
der nötig gewordenen Neuwahl des ersten Vizegespans, der „Restauration“,
aus dem Grunde mit gewissem Unbehagen entgegen, weil sich sein Gehilfe
Lentulaj (etwa mit Ruderer, Steuerer, Lenker zu übersetzen) der Neuwahl
unterziehen mußte, Zdenčaj diesen sehr verständigen, rechtlichen und
diensterfahrenen Beamten nicht verlieren wollte. Die Gefahr solchen
Verlustes war groß, da die Gegenpartei nicht Lentulaj, sondern einen
Herrn Čegetek (Zwitscherer), einen kreuzbraven Mann, aber von geringen
Verwaltungsfähigkeiten, „korteschierte“, d. h. für ihn die Wahlagitation
betrieb. Ein Teil des Landadels ließ ziemlich viel Geld springen,
Gutsbesitzer spendeten Wein in Gebinden und Ochsen, welch letztere im
ganzen am Spieß zur Belebung der Wahlstimmung auf dem Marktplatz in
Agram gebraten werden sollten, jeden Abend zwei Ochsen bis zum
Wahlschluß. „Wein in Strömen“. Kein Wunder deshalb, daß die Turopoljer
in dichten Scharen schon vor dem Wahltage nach Agram zogen und die
schöne Stadt „bevölkerten“. Für Speise und Trank war ja reichlich
gesorgt; außerdem zogen diese Scharen lärmend und singend zur Belebung
der Wahlstimmung unter Führung von Anhängern Čegeteks von Kneipe zu
Kneipe.
Verbieten konnte der Komitatsgewaltige diese Umzüge der Turopoljer
nicht, überhaupt vor der Wahl nicht eingreifen; das „Dekret“ mußte
„beachtet“ werden „vor“ den Wahltagen, wenigstens der Schein der
Nichtbeeinflussung gewahrt werden. Mit Wein und Bratochsen zugunsten des
ihm sympathischen Wahlkandidaten Lentulaj durfte Herr von Zdenčaj nicht
„operieren“.
Lentulaj selbst ließ angesichts der starkbetriebenen „Korteschierung“
Čegeteks die Ohren hängen und die Hoffnung sinken. Am letzten Abend vor
der Wahl sah er sich den Rummel auf dem Hauptplatz an, wo die Anhänger
Čegeteks in weinseliger Begeisterung die am Bratspieß „duftenden“ Ochsen
betrachteten und ihren Kandidaten „hochleben“ ließen.
Es war nichts zu wollen, gegen Čegeteks Freunde nicht aufzukommen. In
gedrückter Stimmung ging Lentulaj zum Chef, dem Obergespan Nikola von
Zdenčaj, und klagte ihm das Wahlleid: „Keine, nicht die geringste
Aussicht, amice, selbst wenn ich Geld für zehn Ochsen und hundert Fässer
Wein bester Sorte hätte! Ich werde nicht gewählt werden, mit Glanz
durchfallen!“
Der Komitatsgewaltige hatte zwar noch keine Idee, wie der sympathische
Wahlwerber und Vizegespan „durchgedrückt“ werden könnte, aber
entschlossen war Herr von Zdenčaj zu einer „männlich festen“ Tat. Also
lachte er zunächst und sprach die aufmunternden Worte. „Laß mich nur
machen! Du wirst zum ersten Vizegespan ‚gewählt‘ werden, ohne Wein und
ohne Ochsen! Ich bürge dafür!“
Lentulaj dankte, glaubte nicht an solche Möglichkeit, hoffte aber doch,
da er die — Willenskraft des Obergespans aus dem Dienstleben kannte, und
verbrachte eine schlechte Nacht zwischen schmerzlichem Verzicht und
beseligender Hoffnung.
Schon um acht Uhr morgens war der Sitzungssaal des Komitathauses, „Aula“
genannt, als Wahllokal, von Wahlberechtigten und Neugierigen, die dort
nichts zu tun hatten, dicht gefüllt. Der Obergespan Nikola von Zdenčaj
konnte sich durch die Menschenmenge nur mit Mühe hindurchdrängen und
seinen Platz an dem Präsidialtische erreichen.
Sonst als Komitatsgewaltiger ein kleiner Herrgott, war der Obergespan
diesmal nur eine geduldete, wenig beachtete Persönlichkeit, der
Wahlleiter, weiter nichts. Im Stimmengewirr, dem Summen in einem
Bienenkorbe ähnlich, ging seine Ansprache völlig verloren; die Wähler
hörten wenig, die Anhänger Čegeteks gar nicht auf die Rede Zdenčajs, mit
der die Wahlhandlung eröffnet wurde.
Verärgert forderte der Obergespan „Silentium“, und dann schrie er in den
menschenüberfüllten Saal die Mitteilung, daß _zwei_ Kandidaten, die
Herren von Lentulaj und Čegetek, zur Wahl stehen, einer von ihnen für
den Posten des Vizegespans zu wählen sei, und zwar der Einfachheit
halber „per acclamationem“, durch Zuruf.
Diese „Einfachheit“ paßte den Anhängern Čegeteks, die in erdrückender
Mehrheit im Saale erschienen waren, ausgezeichnet in den Kram.
Donnerähnlich wuchtig und brausend erschollen die Rufe aus Hunderten von
Kehlen. „Wir wollen den Čegetek!“
Über die Lage konnte kein Zweifel mehr bestehen: es stand ein einziger
Mann, der Obergespan allein, gegen eine erdrückende Mehrheit von
Gegnern, die fest entschlossen waren, nicht zu wanken, nicht
nachzulassen, bis ihr Wille durchgesetzt sei. Den Willen, nicht Čegetek,
sondern seinen erprobten Amtshelfer von Lentulaj „wählen zu lassen“,
hatte aber der Obergespan. Und zum Willen hatte Herr von Zdenčaj auch
noch die Kaltblütigkeit, wiewohl er gleich den Wählern Kroate, ein sonst
hitziger Südslave war. Also rief der Obergespan dröhnend in den Saal:
„Silentium! Ich kandidiere zwei Herren: Lentulaj und Čegetek? Wer davon
ist genehm? Lentulaj oder Čegetek?“
Ein ohrenbetäubendes Gebrüll brach los. Sämtliche Anwesende im Saale,
ausgenommen die Herren am Präsidialtische, tobten und brüllten den
Namen: „Čegetek!“
Obergespan v. Zdenčaj blieb ruhig und klaren Kopfes, wiewohl er den
Ausruf zum dritten Male in den Saal schrie: „Silentium! Čegetek oder
Lentulaj!“
In höchstgesteigerter Erregung, gereizt und aufgestachelt durch das
Verhalten des Präsidenten, der immer wieder den Namen des
Gegenkandidaten nannte, brüllte die Mehrheit. „Čegetek! Nur Čegetek!
Kein anderer! Čegetek!“
Ein Stocktauber, ja ein — Toter hätte den Donnerruf, den in fanatischer
Wut gebrüllten Namen: „Čegetek!“ hören müssen.
Der Obergespan wollte ihn aber nicht hören. Herr von Zdenčaj legte die
Hand als Schallbecher an das rechte Ohr, tat so, als horche er
angestrengt, und schüttelte in prachtvoll geheuchelter Gelassenheit den
Kopf.
Augenblicklich wurde es still im Saale.
Jetzt verkündete der Obergespan mit köstlichem ruhigem Spott: „Ich höre
nur den Namen — Lentulaj!“
Ein Stutzen erst, dann brach der Entrüstungssturm los, donnernd,
kreischend, vom Baß hinaufreichend bis zu den Fisteltönen hellster Wut.
„Nicht Lentulaj, sondern Čegetek!“
Bisher hatte Nikola von Zdenčaj, in Wahrung seiner Würde als
Komitatsgewaltiger, von seinem rotgepolsterten Fauteuil aus, _sitzend_
zur Wählermasse gesprochen. Nun _stand er auf_ zum Zeichen, daß eine
_offizielle_ Mitteilung verkündet werde.
Die Wähler verstummten in gespanntester Erwartung und horchten.
Herr von Zdenčaj in unerschütterlicher Ruhe erklärte: „_Ich habe bisher
nur den Namen ‚Lentulaj‘ vernommen_. Demgemäß _proklamiere_ ich amtlich
in meiner Eigenschaft als Obergespan und Leiter der Wahlhandlung Herrn
von _Lentulaj_ als gewählt durch Akklamation zum ersten Vizegespan!
_Herr von Lentulaj ist — gewählt_!“ Sprachs und setzte sich.
Viel Hunderte Wutschreie gellten durch den Saal, ein Orkan der
Entrüstung entlud sich, wie wahnsinnig tobten die geprellten nhänger
Čegeteks und brüllten den Protest: „Gewaltstreich! — Nichtswürdigkeit!
— Gemeinheit! — Sind wir in der Türkei? Wir protestieren — zu Protokoll!
Die Proklamation gilt nicht! Sie ist ungiltig!“
Statuengleich saß der Obergespan auf dem roten Fauteuil und wartete
ruhig, geduldig. Herr von Zdenčaj kannte seine Leute und ließ sie toben,
brüllen, protestieren, austoben.
Das dauerte eine Weile — dann aber flaute der Sturm ab. Es wurde etwas
ruhiger im Saale.
Der Obergespan verneigte sich leicht gegen die Wählerschaft, wandte sich
zum Obernotar am Präsidialtische und befahl mit lauter Stimme: „_Die
Proklamation Lentulajs ist zu protokollieren!_“
Im Saale erst allgemeine Verblüffung. Die Leute waren sprachlos vor
Überraschung; denn viele hatten es doch nicht für möglich gehalten, daß
der Obergespan angesichts des deutlich genug zum Ausdruck gebrachten
Willens der erdrückenden Stimmenmehrheit genau das Gegenteil feststellen
werde. Seine Gelassenheit, die souveräne Nichtbeachtung der Mehrheit
flößte wie immer jenes Höchstmaß von „Respekt“ ein, das teils ein Lachen
hilfloser Verlegenheit bewirkt, teils zu Anzeichen ungefährlicher
Drohungen reizt. Während ein Teil der übertrumpften Anhänger Čegeteks
lachte, ballten andere die Fäuste in ohnmächtiger Wut gegen den
schlaueren Obergespan, der klug genug war, jetzt erst recht gelassen zu
bleiben und alles unterließ, was einen neuen Sturm hätte erzeugen
können. Herr von Zdenčaj erhob sich und forderte die Wähler auf, mit
Zuruf für die Stelle des zweiten Vizegespans entweder Herrn Čegetek oder
Herrn von Busić zu wählen.
Abermalige Verblüffung. Die Aufforderung mit Nennung des Namens
„Čegetek“ an erster Stelle hatte die Wirkung eines kalten Wasserstrahles
auf die erhitzten Köpfe. Die Leute glaubten, daß der Obergespan _jetzt
ihren_ Willen erfüllen, _Čegetek_ zum zweiten Vizegespan _haben möchte_.
Das aber wollten die Wähler justament nicht; sie wünschten Rache zu
nehmen und Zdenčajs „Plan“ zu vereiteln.
Mit donnernden Zurufen wurde Herr — _Busić_ gewählt.
Der Obergespan beherrschte sich völlig, nichts deutete an, daß mit
dieser Wahl ihm ein Wunsch erfüllt worden war, die Wähler abermals
„reingefallen“ waren.
Nach erfolgter Protokollierung wurde das Wahlgeschäft geschlossen; die
„Komödie“ war — aus. Langsam leerte sich der Saal. Und schier jeder
Čegetekianer guckte noch einmal nach dem Gewaltigen am Präsidialtische,
hoffend, ein Lächeln oder eine Geste des Triumphes erspähen zu können.
Doch Herr von Zdenčaj wahrte die undurchdringliche Gelassenheit und
eiserne vornehme Ruhe, bis er sich in seinem Arbeitszimmer und ohne
Beobachter befand. Dann erst schmunzelte er vergnügt.
Nach Jahren äußerte er sich zum jungen Herrn von Tkalac, der ihn wegen
dieser „Wahlhandlung“, die in Kroatien viel besprochen und belacht
worden war, befragte, mit dem Behagen einer angenehmen Erinnerung. „Es
kommt bei solchen Gelegenheiten nur auf Willenskraft und Kaltblütigkeit
des Obergespans an; wer diese nicht besitzt, wird bei der ‚Restauration‘
immer geschlagen werden. Das Geschrei von hundert Eseln ist nicht soviel
wert wie die einzige Stimme eines verständigen und ehrlichen Menschen.“
Ob nach Umfluß von drei Jahren jener Herr von Lentulaj nochmals _ohne
Ochsen und ohne Wein_ zum ersten Vizegespan gewählt wurde, ist nicht
festzustellen, da gegenwärtig jede Verbindung mit dem Agramer
Komitatsarchiv unmöglich erscheint.
Die tausendjährige Linde.
Kräftiger und süßer denn je dufteten die Blüten der riesigen uralten,
vielleicht tausendjährigen Linde nächst der Kirche von Krašič
(Kraschidsch), einem Winzerdorfe an der östlichen Abdachung des
Uskokengebirges in Kroatien. Den Slaven war und ist die Linde ein
geheiligter Baum, das Wahrzeichen alter Rechte, für Freud und Leid, die
Beratungsstelle zum Austrag von wichtigen Gemeindeangelegenheiten, von
Streitigkeiten unter den Bauern wie mit der Grundherrschaft. Sommerliche
Festlichkeiten, Tanzvergnügungen usw. wurden stets unter der Linde, pod
lipom, veranstaltet. Noch in den dreißiger Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde jede Dorflinde für unverletzlich gehalten, selbst ein
abgestandener Baum niemals gefällt; Sagen und Märchen, viel Aberglauben
umrankten die Linde, der man keinen Ast abbrechen durfte, weil jede
Beschädigung als Verbrechen ähnlich der Kirchenschändung erachtet wurde.
Der Stamm der Riesenlinde von Krašič hatte einen Umfang von mehr als
zwei Klaftern; der Baum stand in voller Herrlichkeit und blühte im Juli
1838 so wonnig, kräftig und süß, wie sich die Dorfbewohner und auch der
alte Pfarrer nicht erinnern konnten. Es galt in Krašič für sicher, daß
dieser außergewöhnlich starke Blütenduft der Dorflinde etwas bedeuten
müsse; doch konnte niemand, auch der weißhaarige Župnik (Pfarrer)
nicht, sagen, was die Ursache sei, und was der Duft ankündigen wolle,
der über die Gemarkung des Dorfes hinausdrang und, zeitweilig vom
Luftzug verweht, sogar in den Weinbergen der Novakovičgora noch
wahrzunehmen war.
Diese Linde überragte alle Dächer, schirmte sozusagen das Kirchenschiff
und den Widum (Pfarrhaus) und glich gewissermaßen den Schwingen einer
Gluckhenne, unter denen die Kücken Schutz finden.
Stolz waren die Krašićer auf ihre Riesenlinde so hoch und breit. Wegen
des überstarken Blütenduftes im Juli schüttelte aber der Župnik wie der
Starešina den Kopf. Der Älteste (Dorfvorsteher) Zaka (Zacharias)
glaubte, daß der fast betäubende Duft ein großes Unglück ankündigen
werde, war aber außerstande, zu sagen, was als ein besonderes Unglück
anzusehen wäre. In seligem Frieden mit der gräflichen Grundherrschaft
lebten die Dörfler allerdings nicht; der Haß galt nicht der gräflichen
Familie, sondern den Gutsbeamten, die sich mit dem Neuntel von Getreide
und Heu, mit dem Zehntel von der Weinfechsung nicht begnügten,
regelmäßig die Hälfte forderten, aber nicht immer erhielten.
Bisher hatten die Krašićer beim Domanialgericht Klage geführt, immer
wieder Beschwerde eingelegt, aber nichts zu ihren Gunsten erreichen
können. Der Richter stand auf Seite der Gutsherrschaft; die Beamten
wollten nicht locker lassen und hatten dafür ihre Sondergründe.
In der pfarrlichen Arbeitsstube, durch deren offen stehende Fenster der
Lindenblütenduft wonnig eindrang, sagte der Starešina, ein großer, noch
immer schöner Mann im Weißbart, zum allgemein verehrten Priestergreise.
„Der Duft ist zu stark; er gefällt mir nicht! Ich gehe nach Karlstadt
und will fragen, was er bedeutet!“
Der ehrwürdige Pfarrer konnte und wollte den Dorfvorsteher vom Gang zur
Kreisstadt nicht abhalten, hatte jedoch den Wunsch, zu verhüten, daß
sich der Starešina mit der komischen Frage nach der Ursache des
überstarken Blütenduftes bei der Beamtenschaft in Karlstadt lächerlich
mache und verhöhnt werde. In der Meinung, daß der Vorsteher in einem
Scherz das Körnchen Ernst herausfinden werde, verwies der Pfarrer auf
den Spruch: „Ne prelazi na cetir noge mosta!“[15]. Damit wollte der
Župnik andeuten, daß man _nicht überstürzt reiten_, das Pferd am Zügel
führen solle, weil möglicherweise die Brücke morsch sei. Vor einem
übereilten Schritt wollte der Pfarrer den Vorsteher abhalten oder doch
warnen.
Der Starešina hob den weißbebuschten Kopf, richtete die blitzenden Augen
auf den Župnik und sprach. „Wer _zu Fuß_ geht, kommt auch über eine
baufällige Brücke!“ Nach kurzem Abschied verließ der Vorsteher das
Pfarrhaus und stapfte nach Karlstadt.
Zwei Tage später stand er wieder vor dem Pfarrer und berichtete, daß der
überstarke Blütenduft der Linde „neue Rechte“, nove pravice[16],
ankündigen wollte, ein neues Urbanialgesetz, das der Kaiser und König
den Bauern zum Schutz gegen die aussaugenden Grundherren gegeben habe.
Mit der Raubwirtschaft und Bauernschinderei sei es jetzt zu Ende; die
Bauern hätten nun mit kaiserlicher Ermächtigung ein Recht, Neuntel,
Zehent und Robot zu verweigern, ihre Peiniger, die Blutsauger,
zurückzuwerfen und zu verprügeln, wenn die Gutsbeamten mit Gewalt
vorgehen.
Der Pfarrer ahnte Schlimmes und bat flehentlich, jede Gewalttat zu
unterlassen, das Neuntel von der beendigten Ernte diesmal noch zu geben,
da einstweilen vom Reichstag nur die „königliche Proposition“
angenommen, das Gesetz selbst vom Monarchen noch nicht „sanktioniert“,
nicht vollziehbar sei.
Der Starešina war nicht zu belehren, die Mitteilung von dem in Budapest
angenommenen Gesetz zum Bauernschutz zu Kopf gestiegen. Er wollte nicht
mehr auf den Pfarrer hören, wiewohl der Vorsteher sonst zugänglich war
und mit allen Gemeindeangehörigen den greisen Župnik aufrichtig
verehrte. Scharfen Tones, metallhart sprach der Starešina die Worte.
„Jetzt wird die Linde sprechen; sie allein entscheidet mit dem letzten
Wort!“ Damit verließ der alte Zaka den Widum und blieb dem Pfarrer fern.
Von Haus zu Haus lief die aufwühlende Kunde von dem „neuen Recht“. Und
für den nächsten Sonntag nach Beendigung des Gottesdienstes wurde der
„Rat unter der Linde“ einberufen. Die „Linde sollte sprechen“....
Schwere Befürchtungen erfüllten die Seele des ehrlichen Pfarrers, der
sich entschloß, in der nächsten Sonntagspredigt die Gemeinde vor den
Folgen der Zinspflichtverweigerung umso mehr eindringlich zu warnen, als
im Dorfe Leute auftauchten, die zweifellos zu offenem Widerstand
aufreizten und den Bauern alle Freiheit und obendrein eine goldene
Zukunft versprachen.
Fast ein halbes Jahrhundert hindurch war der Pfarrer unter oft
bitterharten Verhältnissen Seelsorger, doch nie fiel ihm der Gang zur
Kanzel so schwer wie an diesem Sonntag. Und wie er den Leuten zureden
sollte, wußte er nicht, als er bereits auf der Kanzel stand. Beim
Anblick der Männer mit gewissermaßen bissigem Gesichtsausdruck kam die
Erleuchtung plötzlich und ebenso jäh der unbeugsame Entschluß, all die
Beliebtheit und Verehrung dranzusetzen, den verhetzten Bauern
rückhaltlos, unbekümmert um die Folgen für den Prediger, die Wahrheit zu
sagen. Und so hub der greise Župnik zu sprechen an, daß es leicht sei,
im schwer arbeitenden und unter harten Lebensverhältnissen leidenden
Volke mit lockenden Worten große, ja ungeheure Hoffnungen auf
schrankenlose Freiheit und goldene Zeit zu erwecken. Wer die
leichtgläubige, begehrliche, geldlüsterne Menge mit frechen
Versprechungen überschütte, der habe immer gewonnenes Spiel, mag der
Schwätzer ein Verräter, ein Dieb, ein Überläufer, ein Schuft sein. Das
Volk opfert immer für eine glänzende Hoffnung die kleine Habe, das
bißchen angeborenen gesunden Menschenverstand. Blitzdumm sei es, die
wenigen letzten Gulden den Schwätzern nachzuwerfen in der Hoffnung, daß
die kommende Zeit Dukaten in schwerer Menge einbringen werde. Die
Zukunft bringe aber kein Geld, überhaupt keinen Gewinn, dafür aber
bittere Enttäuschung und schweres Unglück in der Familie, in der
Gemeinde, im Vaterlande. Das sei immer und überall so gewesen, wo
Geldgier und Faulheit größer waren als Verstand und Vernunft. „Die
Gescheitesten auf Gottes weiter Erde sind wir Kroaten schon in früheren
Jahrhunderten nicht gewesen, weil wir für andere Leute und fremde
Interessen Blut und Leben hingegeben, dafür keine Entschädigung, nicht
mal ein Dankeswort erhalten haben. Leute von Krašić! Zeiget doch ihr,
daß wir nicht die Dümmsten von Kroatien sind! Ein bissel dumm sein, ist
ja ganz nett und bekömmlich für Leib und Seele! Aber die Allerdümmsten
wollen wir nicht sein! Wir sind es aber, wenn wir auf ein Gesetz pochen,
das noch nicht Gesetzeskraft erlangt hat, weil der Kaiser-König es noch
nicht sanktioniert hat. Es muß das Neuntel von Getreide und Heu gegeben
werden, weil der Monarch die Bauern _noch nicht_ von dieser
Abgabenpflicht befreit hat! Sobald das geschehen ist, das Gesetz
rechtskräftig geworden ist, bin ich der erste, der es verkündigen und
euch auffordern wird, der Grundherrschaft das Neuntel und Zehntel zu
verweigern! Bis jetzt sind wir _noch nicht_ so weit: wir müssen zinsen!
Seid vernünftig, Männer von Krašić!“
Ein Gepolter machte den Kanzelredner stutzig. Der Pfarrer hielt inne und
guckte betroffen auf die Bauern, die rücksichtslos aus den
Kirchenstühlen traten, in Haufen das Gotteshaus verließen. Nur Weiber
und Kinder blieben beim greisen Pfarrer zurück, der die Predigt jäh
beendete und tiefbetrübt den Gottesdienst fortsetzte.
Unter der duftenden Linde versammelten sich die Dörfler von Krašić zum
Schwur, alle Abgaben der Grundherrschaft zu verweigern, die „Blutsauger“
(Beamten) mit Gewalt zu vertreiben, wenn nötig totzuschlagen. Denn damit
sei der Kaiser-König einverstanden, der die alten Rechte (stare
pravice) erneuerte und der Bauernschinderei ein Ende gemacht habe.
Gegen den greisen Pfarrer fiel kein Wort; die Verehrung saß tief genug,
die Dankbarkeit wurzelte so fest, daß einer der Hetzer aus Karlstadt,
der zu einer Art „Katzenmusik“ vor dem Widum auffordern wollte,
regelrecht verprügelt und aus dem Bereich der heiligen Linde entfernt
wurde. Und nach Beendigung der Versammlung unter der Linde ging der
Starešina zum greisen Pfarrer und bat um Verzeihung, daß die Bauern so
rappelköpfisch während der Predigt die Kirche verlassen hatten.
„Wenn es nur das wäre! Es wird noch viel schlimmer kommen!“ meinte
ahnungsvoll der bekümmerte Župnik.
„Wollen wir hoffen, daß der König das Gesetz sanktioniert, _bevor_ die
Ernte eingebracht ist!“
Der greise Pfarrer verwies auf die Langsamkeit, mit der in Pest und Wien
gearbeitet werde.
„So? Dann trägt der König Verantwortung und Schuld!“
„Und die Krašićer werden in — Blut schwimmen!“
Der alte Zaka richtete einen langen Blick auf den greisen Pfarrer,
seufzte tief und ging.
Als die Linde verblüht hatte, ihr auffallend starker Duft erloschen war,
brachten die Bauern die letzten Garben unter Dach und Fach. Der übliche
Erntejubel unterblieb. Die Spannung war zu groß, die Erwartung, was nun
erfolgen werde.
Der Starešina ging nach Karlstadt und fragte bei der Vizegespanschaft
an, ob das Urbanialgesetz sanktioniert worden sei. Er kam mit dem
betrübenden Bescheid zurück, daß bis auf weiteres alles beim alten
bleibe, also das Neuntel der Ernte gezinst werden müsse, widrigenfalls
die bockbeinigen Bauern mit Gewalt dazu gezwungen würden. Alle Bauern,
nicht nur die von Krašić!
Das Wetter schlug um. Auf die südlich-heißen Erntetage folgten
windgepeitschte Regengüsse, die den Boden Kroatiens in Morast
verwandelten, den Verkehr unterbanden. Auf Seitenstraßen und Dorfwegen
konnten Ochsenfuhrwerke kaum durchkommen.
Die Bauern des abseits gelegenen Dorfes Krašić frohlockten in der
Meinung, daß das Neuntel ihnen verbleiben werde, einmal weil der
„Lindenschwur“ bekannt geworden sei und die Herrschaft eingeschüchtert
habe, und dann, daß den Blutsaugern die — Rache verregnet sei.
Verregnet war allerdings auch der Erntetanz unter der Linde; er sollte
stattfinden am nächsten sonnigen Sonntag.
Der Warmwind flog über das Land und trocknete rasch auf. Schon am
zweiten Tage darauf staubte die gute Straße von Karlstadt nach Ogulin
wieder. Und die Sonne brannte hernieder.
In Krašić war es rasch trocken, die Linde hatte sich alle Tropfen vom
Laub geschüttelt; köstlicher Erdgeruch überall, wonniger Duft in den
Rebgeländen.
Im Dorf erscholl heftiges Peitschengeknall. Herrschaftliche Gutsbeamte
waren mit Leiterwagen gekommen, wollten das Neuntel von den Bauern
einheimsen und wegfahren. Eine rücksichtsvolle Neuerung: man _holte_ das
Neuntel, _ersparte_ den _Zinspflichtigen_ die _Bringung_ zum weit
entfernten gräflichen Schlosse. Dagegen hieß es: Rasch heraus mit dem
Getreideneuntel! Alsbald gab es Lärm in Haus und Scheune des Starešina,
dessen Enkel ausliefen wie bei Feuersnot und Einsturzgefahr.
Und sogleich wimmerten die Kirchglocken, riefen um Hilfe gegen Bedrücker
und Nötiger.
Gemäß dem „Schwur unter der Linde“ rückten die Bauern aus mit Beilen,
Sensen, Schaufeln und sonstigem Werkzeug, das zum Schlagen gebraucht
werden kann. In regellosen Haufen setzten sich die Krašićer zur Wehr,
griffen an.
Der Starešina Zaka wollte freilich nur die Verjagung der habgierigen
Gutsbeamten und ihrer Helfer; aber einmal im Angriff wurde in den Bauern
die Kampflust der Südslaven, mit ihr die Wut gegen die Peiniger und
Blutsauger lebendig. Und da gab es kein Halten mehr. Halbtot wurden die
Handlanger geschlagen, und nur der gräfliche Upravnik (Verwalter) konnte
sich unverletzt retten, weil der Dorfvorsteher sich schützend vor ihn
gestellt hatte.
Mit dieser Hilfeleistung erreichte der Starešina aber nur die —
_beschleunigte_ Benachrichtigung der Gutsherrschaft von dem Krawall in
Krašić und deren Verlangen von _militärischem_ Schutz bei der
Komitatsbehörde.
Geheuer war dem Vorsteher nicht, als er die übel zugerichteten
Gutsknechte erblickte, denen die Bauern und das Weibsvolk nicht den
geringsten Beistand leisten wollten. Sogar das Verbinden der halbtot
Geschlagenen wurde verweigert. Der Haß war zügellos geworden. Nur mit
Mühe konnte der alte Zaka seine eigenen Angehörigen dazu bewegen, die
Verletzten notdürftig zu verbinden und auf einem Leiterwagen bis in die
Nähe des gräflichen Schlosses zu fahren, wo die Knechte wie gebundene
Kälber abgeladen wurden. Worauf die Starešina-Leute _sofort_ Reißaus
nahmen und im Galopp davonrasselten.
Zaka selbst wanderte nach Karlstadt, wo er den Sachverhalt vorbringen,
um „gut Wetter“ bitten wollte. Was er von den Schreibern zu hören bekam,
lautete bereits übel genug; bis zum Vizegespan gelangte der Starešina
überhaupt nicht. Und im Gerichtsgebäude äußerten etliche Juratuši
(Auskultatoren, Rechtspraktikanten), daß wegen der Schandtat in Krašić
das Standrecht verkündet, jeder dritte Mann werde gehängt werden. Und
wenn der Starešina nicht schleunigst verschwinde, werden ihm als dem
„Oberhetzer“ fünfzig Stockprügel auf Grund der „alten Rechte“
verabreicht werden.
Stehenden Fußes verließ Zaka die Kreisstadt und und lief heim, so rasch
es den steifen alten Beinen noch möglich war. Er eilte auch noch in das
Dorf Jaska, das an der Straße von Agram nach Karlstadt lag, und wo der
Vizestuhlrichter Žaba (Frosch) seinen Amtssitz hatte. Diesen
Gerichtsbeamten wollte der Starešina um Rat und Fürsprache bitten. Aber
der Herr war nicht zu Hause. Dem alten Vorsteher entschlüpfte die
Äußerung, daß der Richter nie zu Hause sei, wenn man ihn zu Rat und
Hilfe benötige. Wegen dieser Bemerkung wollte der Gerichtsdiener dem
alten Zaka ein viertelhundert „amtliche“ Stockprügel „aufmessen“.
Verängstigt und erbittert tat der Starešina im Heimatdorfe das Dümmste,
so er tun konnte: er rief die Bauern unter die Linde und erzählte ihnen
seine Erlebnisse in Karlstadt und Jaska.
Die Folge dieser aufreizenden Mitteilung war, daß die Krater Bauern
nicht nur alle Schlagwerkzeuge, sondern auch Schußwaffen hervorholten,
sich zum Empfang von Panduren (Gerichtsdienern) und Gendarmen
bereithielten, nicht mehr abwehren, sondern in entfesselter Mordlust
alle Personen totschlagen wollten, die aus der Kreisstadt und von Jaska
kommen würden.
Zu spät merkte der Starešina, was er angerichtet hatte, und daß sich
dieser Sturm nicht mehr beschwören ließ. An die Möglichkeit, daß der
Gutsherrschaft Militär zum Schutz gegeben werden könnte, dachte er
überhaupt nicht.
Groß war deshalb die Überraschung, als am dritten Tage nach dem Krawall
eine verstärkte Kompagnie Soldaten mit Offizieren und mit einem
Hauptmann zu Pferd an der Spitze in Krašić einrückte. Reden konnte der
Vorsteher nicht mehr, nur mitlaufen, als die zum erbitterten Kampf
entschlossenen, mit allerlei Mordwaffen ausgerüsteten Bauern zur Linde
sprangen.
„Unter der Linde“ hielten sich die Bauern gesichert, vor dem ersten
Angriff der Militärmacht gefeit. Mochten auch glauben, daß die Soldaten
das Schießen nicht wagen würden, solange man im Bannkreis der „heiligen“
Linde stehe. „Pod lipom“ fand der Starešina auch die Sprache wieder, die
für einen Vorsteher nötige Intelligenz freilich nicht, denn er richtete
an den Kapetan (Hauptmann) die naive Frage, was das Erscheinen so
vieler, nicht zu Gast geladener Soldaten in Krašić zu — bedeuten habe.
Der Hauptmann verstand nicht Kroatisch und ließ durch den Profosen
fragen, was der Starešina mitteilen wolle.
Für sein Patriarchenalter war Zaka ein arger Hitzkopf, oder es hatte ihn
der höhnische Ton, das spöttische Lachen des Profosen außer Fassung
gebracht; der Vorsteher rief erregt, daß das kleine Dorf so viele
Soldaten nicht beherrbergen könne, dazu keine Lust habe; die Bauern von
Krašić aber wollen weiter nichts als ihre vom Kaiser-König gegebenen
Rechte. Zum Schluß krähte der alte Zaka die Forderung, daß die Soldaten
sofort abzumarschieren hätten!
Lachend übersetzte der Profos die „Befehle“ des Starešina dem Hauptmann,
dem man das Erstaunen über das Verhalten des Dorfvorstehers und des
sichtlich angriffslustigen Bauernhaufens anmerken konnte. Eine kurze
Zwiesprache folgte in scharfem Ton seitens des Kommandanten, der an dem
„Spaß“ bereits genug hatte.
Der Profos meldete nun dienstlich und ernsthaft auf kroatisch: der
ganzen Kompagnie samt Offizieren sei sofort im Dorfe gutes Quartier zu
beschaffen und reichliche Verpflegung mit Wein zu geben. Wer sich
weigere, erhalte erstmals fünfundzwanzig Stockstreiche. Die Bauern haben
alle Gewehre „unter der Linde“ niederzulegen, dann schleunigst
heimzugehen und für Quartier zu sorgen; ansonsten fünfzig Stockprügel
für jeden Agrikel. Wer sich weigert oder gar lärmt, wird an der Linde
aufgehängt! „Vorwärts, marsch!“
Der Starešina verlor den Verstand, brüllte tobsüchtig, warf seine
Tabakspfeife zu Boden und zerstampfte sie. Brüllte aus Leibeskräften:
„Sind wir Hajduken? Uns ehrlichen Bauern eine solch schändliche
Behandlung! Gehet fort, Soldaten, von hier, wo ihr nichts zu suchen
habet! Mit unseren Schindern werden wir schon alleine fertig! Fort mit
euch!“
Mehr als die herausgeschrienen Zornesworte des Dorfältesten wirkte auf
die Bauern die Tatsache, daß der Starešina sein kostbarstes Gut auf
Erden, die silberbeschlagene Tabakspfeife, mit den Füßen trat. Dies war
bei ihm das Zeichen für die höchste Entrüstung, für die größte Wut, das
Signal, daß nun „ausgeredet“ sei und mit aller Schärfe „gehandelt und
eingegriffen“ werden müsse.
Ein erneutes Gespräch zwischen dem Kapetan und dem Profosen blieb
unbeachtet im Trubel an der Linde; doch horchten die Bauern auf, als der
Profos die Drohung rief, daß der Starešina als erster fünfzig
Stockprügel sofort „aufgemessen“ erhalte, wenn die Leute nicht
augenblicklich die Waffen niederlegen und still auseinandergehen würden.
Zur Verstärkung der Drohung zog der Hauptmann hoch zu Roß den Säbel.
Nun gab es kein Halten mehr. Die Wut der Bauern war entfesselt. Etliche
der Jungbauern sprangen los, der Kapetan wurde vom Pferd gerissen trotz
heftiger Abwehr mit Säbelhieben, zu Boden geworfen und mißhandelt.
Kommandorufe der anderen Offiziere erschollen, Schüsse blitzten auf.
Vier Bauern fielen tot nieder; andere wurden schwer angeschossen.
Brüllend und rasend vor Wut warfen sich alte und junge Bauern auf die
Soldaten, schlugen mit Beilen, Hacken und Sensen, Schaufeln und Knütteln
los. Die Flintenträger drehten die Gewehre um und droschen mit den
Kolben auf Infanteristenköpfe.
Die Soldaten feuerten abermals. Etwa zehn Bauern stürzten leblos zu
Boden. Zu einer weiteren Salve kam das erste Glied nicht mehr: die
rasenden Bauern schlugen die Reihe nieder; das zweite Glied mußte mit
Kolbenhieben abwehren.
Über den Knäuel verkämpfter, blutender und sterbender Bauern und
Soldaten hinweg feuerte das dritte Glied auf die anstürmenden, rasenden
Krašićer abermals eine Salve, die breite Lücken riß und zur Flucht
zwang.
Auf die springenden Bauern schossen die ausschwärmenden Soldaten nun wie
auf Hasen im Kesseltreiben, rasch, „lustig“ und erfolgreich. Etwa zwei
Dutzend Krašićer fielen bei dieser „Jagd“.
An der Linde lagen etwa fünfzehn Bauern, darunter mit zerschmettertem
Schädel der Starešina Zaka und an zehn Infanteristen, teils tot, teils
sterbend.
Vom Geknatter der Schüsse aufgeschreckt, rannten die Weiber aus den
Häusern und zur Linde. Heulend die einen, kreischend und fauchend die
anderen; etliche so wütend, daß sie einzeln stehende Soldaten angriffen,
die Mühe hatten, die rabiaten Weiber abzuwehren.
Hornsignale riefen die Kompagnie zum „Sammeln“ Der Platz um die
Dorflinde wurde im langsamen Vorschreiten gesäubert, das Weibervolk
gegen die Häuser zurückgedrängt. Der Profos verkündete auf kroatisch,
daß erschossen werde, wer vom Zivil ein Haus betrete oder verlasse.
Einquartierung dazu. Jedes Haus wurde militärisch besetzt. Das konnte
erzwungen werden. Der Weiber in den Häusern vermochten die Soldaten aber
nicht Herr zu werden. Die Zungen waren nicht zu bändigen, die Tränen der
Witwen nicht zu stillen.
Wortkampf und Fluchen in jeder Hütte.
Und als sich die Kunde wie Flugfeuer verbreitete, daß der
Vizestuhlrichter von Jaska zu Wagen angekommen sei, konnten die Soldaten
die wütenden Weiber nicht in den Häusern halten. Reden und abrechnen
wollten die Weiber mit diesem Behördenmanne, der ihrer Meinung nach
seine Pflicht gröblich verletzte, weil er nicht zu Hause war.
In flatternden Röcken, mit aufgelöstem Haar, kreischend und fluchend
stürmten die Weiber zum Lindenplatz, wo sich der Vizestuhlrichter mit
zwei Offizieren um den übel zugerichteten Hauptmann bemühte. Sein
Unterbeamter, ein junger Juratuš, suchte im Knäuel der Bauern und
Soldaten nach, wer noch am Leben war.
Der Vizestuhlrichter, ein angejahrter, erfahrener Mann, war dienstlich
in Karlstadt festgehalten gewesen, konnte nicht rechtzeitig in Krašić
erscheinen. Mit der Volksseele vertraut, insbesondere ein Kenner der
Südslavin wußte er, daß, wie die Bosnierin, auch die Kroatin im Zorn
ihren Kindern, so diese ungehorsam sich erwiesen, die Schmerzen der
Geburtswehen vorhält in der Meinung, dadurch die ahnungslosen Kinder
hart zu strafen. Auf Grund solcher psychologischer Kenntnisse war Herr
Žaba auf „kräftige“ Vorwürfe seitens der Krašićer Weiber wegen seines
verspäteten Erscheinens gefaßt. Den Hagelsturm von Verwünschungen und
Flüchen, wie er in wilder Wut und fanatischer Kraft niederbrauste und
-prasselte, konnte der Richter aber doch nicht ahnen. Ein
Wortgeschmetter gräßlichster Art von tobsüchtigen Weibern, die gewillt
waren, den schuldlosen Gerichtsbeamten in Fetzen zu zerreißen, und nur
von herbeigeeilten Soldaten von Mord und Totschlag abgehalten werden
konnten.
Alle Seelenkunde ließ Žaba im Stich; solchem Verfluchen war er, selbst
ein Südslave und dem Einfluß eigenartiger Erziehung und absonderlicher
Verhältnisse unterworfen, nicht gewachsen; sein Denken wurde verwirrt,
die Seele in Angst vor Verdammung versetzt dadurch, daß schwangere
Weiber, deren Gatten erschlagen und erschossen auf dem Dorfplatze lagen,
dem Richter die Verantwortung an dem furchtbaren Unglück aufluden, ihn
vor den Richterstuhl Gottes forderten und seine Sterbestunde
verfluchten. Sinnverwirrt, an vermeintliche Schuld nun selbst glaubend,
wiewohl schuldlos, klagte er sich vor den tobenden Weibern der
Nachlässigkeit und leichtsinnigen Verspätung an; besinnungslos rannte er
von einer Leiche zur anderen, bat jeden Toten um Verzeihung und heulte,
da er keine Antwort bekam.
Die Offiziere, von den Weibern maßlos beschimpft, machten der Szene ein
Ende, führten den sinnverwirrten Richter von dem Lindenplatz weg und
redeten ihm zu, Vorkehrungen für die — Beerdigung zu treffen. Dadurch
gerieten die Gedanken auf den greisen — Pfarrer, den kein Auge erblickt
hatte.
Von der Domestika erfuhr man, daß der hochwürdige Pfarrer tags vorher
nach Agram gefahren war und für den Abend in Krašić erwartet wurde.
Der zappelige Richter verfügte die Verbringung der Leichen in die —
Kirche und sandte Boten nach Jaska, die — Särge beschaffen sollten.
Diese Anordnung beruhigte in etwas die Weiber, die auf Zureden älterer
Männer auch in die Häuser zurückkehrten und für die Soldaten kochten.
Nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern im Bestreben,
Plünderungen zu verhindern. Dann eilten die Witwen in die Kirche zu
ihren Toten....
Der verwundeten Soldaten wegen kam ein Militärarzt, der sich auch der
verletzten Bauern nach Möglichkeit annahm.
Daß der Schreiner in Jaska Särge in großer Anzahl weder vorrätig hatte
noch sofort beschaffen konnte, war vorauszusehen; der sinnverwirrte
Richter erwartete jedoch das Unmögliche, brachte mit seinem Geschrei
neue Aufregung in das Dorf.
Nicht ein einziger Sarg wurde gebracht. Die Boten kamen nicht wieder.
Spät am Abend kehrte von Agram der greise Pfarrer zurück. Die
Schreckenskunde raubte dem ehrwürdigen Seelsorger die Sprache.
Erschüttert vergoß er Tränen bittersten Leides. Unter der Linde von
Greisen, Weibern und Kindern umringt, suchte er Trost zu spenden, die
Leute zu beruhigen, von Rachegedanken abzulenken. Freilich schreie das
vergossene Blut gen Himmel, doch die Rache liege bei Gott....
Betend verbrachte der Pfarrer mit den Witwen die schwüle Nacht bei den
Toten in der Kirche. Am Morgen konnte er noch die Trauermesse lesen.
Dann aber machte der Verwesungsgeruch der Leichen den Aufenthalt in der
Kirche unmöglich. Schnelle Beerdigung war geboten. Särge hatte man
nicht.
Verschwunden der Richter, die Offiziere. Aus benachbarten Dörfern kamen
Bauern in Scharen. Von der Gutsherrschaft ließ sich niemand blicken.
Unschlüssig warn die Soldaten bezüglich ihres Verhaltens; der Befehl
lautete, niemanden aus den Häusern zu lassen; doch die Leute wollten zur
Beerdigung gehen, die persönliche Freiheit erzwingen. Die Gefahr eines
neuen Krawalls stieg bedrohlich auf. Da ließen die Soldaten alle Leute
frei. Auf Anordnung des Pfarrers wurden die Todesopfer auf Brettern auf
den Friedhof getragen und in ein gemeinsames Riesengrab gelegt. Was
arbeitsfähig war, mußte mithelfen, auch die Gaffer aus den
Nachbardörfern.
Am Riesengrab der siebenundzwanzig Leichen sprach der greise Pfarrer
nicht viel, aber eindringlich von der Strafe Gottes für jene, welche die
Verantwortung zu tragen haben.
Glühend brannte die Sonne Kroatiens hernieder; der Verwesungsgeruch
drängte zur Eile. In aller Hast mußte das große Grab zugeschüttet
werden.
Mit der Mahnung zum Frieden, zur Rückkehr in die Häuser, zu Gebet und
Arbeit entließ der Pfarrer das tieferschütterte Volk. Und wie betäubt
und gebrochen wankte er dem kleinen Widum zu....
Während der heißen Nachmittagstunden schien das Dorf ausgestorben zu
sein. Niemand zu sehen, auch die Soldeska nicht, kein Offizier;
verschwunden die Gaffer aus den umliegenden Dörfern. Tot die Stätte des
Jammers, leer der Platz um die tausendjährige Linde von Krašić.
Gegen Abend Wagengerassel, Lärm und Befehlsrufe: der Oberstuhlrichter
von Karlstadt war mit Gerichtsbeamten und etlichen Juratuši gekommen,
wollte „ptotokollieren“. Der stellvertretende Starešina mußte erst die
Offiziere herbeirufen, dann die älteren Männer von Krašić.
Tatbestandaufnahme unter der Linde. Tische und Stühle wurden aus dem
Widum geholt, der Protest der Domestika höhnend verlacht.
Mit „vorbereiteten Protokollen“ konnte summarisch „gearbeitet“ werden;
es ging glatt bezüglich der Aussagen der beteiligten Offiziere. Die
älteren Bauern von Krašić wollten nicht reden, konnten überhaupt nicht
schreiben und hatten etwas im Blick, das den Oberrichter schwer reizte
und schreien machte: „Wir wissen schon, was ihr wollet! Eure Rechte! Wir
werden euch zeigen, was eure Rechte sind! Was geschehen ist, habet ihr
reichlich verdient! Schade ist, daß nicht alle Aufrührer erschossen und
erschlagen worden sind! Die Protokollierung seid ihr nicht wert! Gehet
alle zum Teufel! Fort!“
Die Juratuši schrieben emsig weiter. Es mochte sich um das
„Generalprotokoll“ handeln, für das die Unterschrift der Hauptperson,
des Dorfpfarrers, gewünscht und benötigt wurde. Zwar erschien
schleppenden Ganges, gebeugt und zermürbt von dem schweren
Schicksalsschlag der Seelsorger im Weißhaar vor dem Tisch des
Oberrichters unter der Linde, hörte demütig und aufmerksam an, was mit
zuckersüßer Stimme freundlich lockend gesprochen wurde, doch die Antwort
war ein Kopfschütteln, das die Silbersträhne flattern machte.
Der Ton der Bitte um die Unterschrift des Župnik wurde weich und
flehend.
Das Weißhaar flatterte heftiger.
Eindringlich wurde der Hinweis, daß der Priester es in der Hand habe,
seiner Gemeinde den Frieden zu bringen, der Behörde die schwere Arbeit
zu erleichtern und abzukürzen.
„Ich kann nicht unterschreiben! Und ich will nicht!“ erklärte festen
Tones der greise Pfarrer.
Was nun geschah, machte die Juratuši und Beisitzer trotz der heißen
Temperatur frösteln: der hochmütige Oberstuhlrichter bat mit gefalteten
Händen den Dorfpfarrer um die Unterzeichnung des Protokolltextes....
Wieder flatterte das Silberhaar.
Der Oberrichter schlug einen anderen Ton an, sprach jedoch nicht
deutlich aus, was beabsichtigt sei und geschehen werde. Dem Sinn nach
war es die Drohung, daß der Bauern alte und neue Rechte „begraben“
würden, und daß der Župnik von Krašić dafür die Verantwortung zu tragen
haben werde.
Der alte Pfarrer richtete einen langen forschenden Blick auf den
Oberrichter und ging müde, wie gebrochen, von der Linde weg. Niemand
wußte, ob der Priester den Sinn der Drohung verstanden hatte oder nicht
verstehen wollte.
Zur Nächtigung begaben sich die Gerichtsherren in das benachbarte Dorf
Jaska, wo der Stuhlrichter Žaba für Quartier und Verlegung sorgte.
Krašić blieb unter Bewachung seitens des Militärs mit scharfem
Nachtdienst.
Am Vormittag kehrten die Gerichtsherren in das unglückliche Dorf zurück.
Tisch und Bänke wurden hart an der Kirche aufgestellt; jedoch wurde
nichts mehr geschrieben. Der Oberrichter sprach mit den herbeigeeilten
Offizieren, von denen dann ein Leutnant mit einem Juratuš ins Dorf
hineinschritt.
Ein Stündchen später kam dieser Offizier mit dem Juratuš und fünfzig
Soldaten, die Äxte und Beile trugen, zurück, und alle nahmen Aufstellung
unter der tausendjährigen heiligen Linde.
Der Platz ringsum blieb menschenleer. Die Dörfler wurden vom Militär
gewaltsam in den Häusern und Hütten festgehalten.
Ein Wink des Oberrichters. Ein militärischer Kommandoruf ertönte. Gleich
darauf geschah etwas Unerhörtes nach südslavischen Begriffen: die uralte
Linde wurde mit Axtschlägen mißhandelt.
Knatternde Beilhiebe gegen den Stamm der heiligen Linde. Dumpf,
dröhnend, knatternd, prasselnd. Ein fast kindisches Tun am riesenhaften
Baum; die schärfsten Eisen konnten die Rinde ritzen; nicht aber den
Splint angreifen. Kaum kleine Splitter sprangen ab vom Stamm.
Zurufe des Oberrichters, dem die Vernichtungsarbeit zu langsam vor sich
ging, reizten auf, erzwangen den kräftigeren Angriff.
Die Schneide einer Axt wurde schräg angesetzt; mit wuchtigen Hieben
trieben die Soldaten die Rücken anderer Beile tiefer in den Splint; ein
Dutzend Hände drängte den Axtstiel seitlich, so daß der Axtkopf klaffend
Bresche riß, ein Stück Splint mit Rinde absprang. Unzählige Male wurde
dieses mühsame Tun wiederholt, doch blieb der Erfolg gering bei dem
ungeheuren Umfang dieses riesenhaften Baumes; so gering, daß beim
Scheine mehrerer Lagerfeuer die Nacht hindurch an dem Vernichtungswerk
gearbeitet wurde.
Bis spät in die Nacht hinein vertrieben sich die Richter, die Juratuši
und die Offiziere die Zeit mit Kartenspiel und fleißigem Zechen, den —
Sturz der heiligen Linde erwartend, dessen Zeugen die gewaltigen Herren
sein wollten.
Den greisen Pfarrer konnte man händeringend am Fenster sehen....
Im Dorfe wußte man von der Zerstörungsarbeit nichts. Niemand durfte das
Haus verlassen. Das Militär hielt scharfe Wacht....
Gegen Morgengrauen weckten dumpfes Getöse und ein markdurchdringender
Schrei die Gerichtsherren am Zechtisch aus dem Schlummer: die riesige
Linde war krachend niedergestürzt, ihr Stamm hatte im Sturz einen
Soldaten erwischt und zermalmt. Gefällt und vernichtet das Heiligtum,
das Wahrzeichen altslavischen Glaubens und Rechtes, die Linde als
Versammlungsstätte und Symbol....
Wie ein rachegieriges Ungeheuer lag der Baumstamm auf der Leiche des
zermalmten Soldaten. Alle Versuche, dieses Opfer frei zu bekommen,
schlugen fehl.
Die Südslaven unter den bestürzten Soldaten jammerten, murrten, daß der
von der Linde erschlagene Kamerad des Grabes in geweihter Erde auf lange
Zeit entbehren müsse.
Den Offizieren wurde unbehaglich.
Der ob der Lindenvernichtung triumphierende Oberrichter wischte sich den
Schlaf aus den weintrüben Augen und empfahl die Abtrennung der Beine vom
Leichnam des zermalmten Soldaten. Die Beine sollte man im Friedhof
begraben, dann können Leib und Kopf leichter — warten.
Mit schallendem Gelächter begrüßten die Juratuši diesen „Witz“ ihres
obersten Vorgesetzten.
Ein Frühstück noch, das der Widum liefern mußte; dann fuhr die
Gerichtskommission eilig von Krašić weg. Bis zur Mittagsstunde war auch
die militärische Besatzung abmarschiert, so still, daß die Dörfler nur
mählich ihre Befreiung merkten.
Als die der Linde benachbarten Hausbewohner das Zerstörungswerk
gewahrten, verbreiteten sie heulend die Kunde im Dorf, so daß zum Abend
die Bevölkerung weinend den heiligen Baum umstand, klagend in tiefster
Trauer, wie um einen geliebten hervorragend edlen Menschen.... Kein
Dörfler nahm auch nur ein Zweiglein von der Linde zum Gedenken heim. Der
Baum blieb unberührt.
Still und wehmütig kehrten die Leute in ihre Häuser zurück.
So groß und niederschmetternd war der Eindruck der Vernichtung des
Dorfheiligtums, daß Empörung und Rachegier nicht aufkommen konnten.
Mächtiger war der Schmerz....
Unter Leitung des stellvertretenden Starešina fand am Morgen eine
Trauerversammlung unweit der gefällten Linde statt, und ruhig verhielten
sich die Männer, solange der Vorsteher in Wehmut von der Vernichtung des
Wahrzeichens sprach und die Leute von Krašić aufforderte, keinen Finger
zur Fortschaffung des Baumes zu rühren. Es solle der Lindenbaum ein
Zeuge des Unglückes von Krašić bleiben....
Die Köpfe der Männer gingen hoch, als der Starešina der Hoffnung
Ausdruck gab, daß aus den Wurzeln der alten Linde ein neuer Baum, mit
ihm die Gerechtigkeit ersprießen möge, das neue Recht zugunsten der
gepeinigten Bauern.
Eine siebenköpfige Abordnung wurde gewählt, die zu Fuß nach Agram zog,
den Banus um Gerechtigkeit und Bestrafung der Mörder von
siebenundzwanzig Krašićern und der heiligen Linde zu bitten.
Unverrichteter Dinge kehrte die Abordnung zurück. Der Ban hatte die
Leute nicht empfangen ihnen sagen lassen, daß eine strenge Untersuchung
stattfinden werde.
Drei Monate warteten die Krašićer auf die „Gerechtigkeits“-Kommission —
vergeblich. Es kam kein „Herr“ von Karlstadt, niemand von Agram. Bauern
von weither in Massen, die entblößten Hauptes vor der gemordeten Linde
standen und beteten.
Jahre hindurch blieb der vermodernde Riesenstamm unberührt als Zeuge
jenes bitteren Ereignisses liegen. Die Krašićer rührten keinen Finger.
Die Behörden erst recht nicht.
Tatsächlich sproß aus der Leiche der alten heiligen Linde ein neues
Bäumchen hervor, das eine neue Zeit und mit ihr eine Regelung der
Abgabenpflichten und der Rechte der Bauern brachte. Und als der Moder
der alten Linde zerfallen, vom Meteorwasser verschwemmt, von den Winden
verweht war, das Jungbäumchen erstarkte, erlosch der grimme Haß des
kroatischen Bauers gegen jeden „Herrn“, das heißt gegen jeden Menschen,
der nicht ständig Bauernkleidung trug.
Das ist die Geschichte der tausendjährigen Linde.
Fußnoten:
[15] Nicht überschreite er auf vier Füßen die Brücke.
[16] Pravo = Recht, Berechtigung. Gemeint war die „Königliche
Proposition“ des nach mehrjährigen Parlamentskämpfen im Ungarischen
Reichstag endlich 1837 zustande gekommenen Urbanialgesetztes gegen die
Bauernschinderei.