Achtungsvoll Leopold II.“

Brüssel, Datum des Poststempels.

Siegel. Léopold Roi des Belges Propriétaire aux mines en Croatie.

Am meisten krümmten sich die Bewohner von Varazdin und Očura nebst

Umgebung vor Lachen über den köstlichen Text dieser Verulkung. Das

witzige „Ernennungs“-Dekret druckten schleunigst viele andere Zeitungen

ab, so daß eine Anzahl anderer Leute Anlaß zur Heiterkeit hatten. Von

Mund zu Mund durch Kroatien lief die Kunde. Der Ulk griff über auf

Ungarn und Österreich; sehr zur Freude der Kohlenbergbaugesellschaft,

der für ihre kroatischen Glanzkohlen eine riesige und dabei kostenlose

Reklame gemacht wurde.

Der verulkte Bergverwalter machte noch weiter von sich reden, da er beim

Varazdiner Gericht — Klage wegen Beleidigung einreichte, aber nicht

sagen konnte, wer bestraft werden sollte. Selbst verständlich wurde das

Klagebegehren abgewiesen.

Bodlak war in Kroatien unmöglich geworden.

Die Zentrale erwies sich für die riesige Reklame dankbar, indem sie den

Mann mit vollem Gehalt pensionierte. Worauf Bodlak verschwand.

Durch Briefe aus Očura erfuhr man auch in Brüssel von der drolligen

Ulkgeschichte. König Léopold hat besonders über den ihm unterschobenen

Brief und das „achtungsvoll“ gelacht, war aber „verschnupft“, daß man

ihm ein so — „minderwertiges“ Französisch zutraute....

Die Kohlenbahn Očura-Friedau wurde nicht gebaut; die Verfrachtung findet

heutzutage auf einer anderen Strecke: Golubovec-Varazdin statt, deren

vorletzte Station (vor dem Endpunkte Golubovec) das vielgenannte Očura

ist. Die Gesellschaft besteht noch immer und freut sich ihres Besitzes

im kohlenreichen Gebirge Kroatiens.

Alte Leute schmunzeln heute noch, wenn die Rede ist von — kroatischen

Glanzkohlen.

Auf Forstinspektion.

Nach Aufhebung der sogenannten Militärgrenze (8. August 1873) mußten die

Wälder zunächst des nordwestlichen Teiles Kroatiens durch eigene

Forstkommissäre der Vizegespanschaften neu „eingeschätzt“, auf ihren

Wert berechnet, dabei der Forstbetrieb besichtigt werden. Eine schwere

Aufgabe für den Geist, aber auch für den Körper der Forstkommissäre, die

das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen wollten. Fehlte die Kenntnis

der Landessprache, so war der harte Dienst noch mehr erschwert besonders

bezüglich Beschaffung von Unterkunft und Verpflegung. Glücklicherweise

waren damals die Waldhüter, Förster, ein Teil der Pfarrer sowie immer

die israelitischen Kaufleute in den Dörfern der deutschen Sprache

mächtig und gewillt, sich derselben gegenüber den oft hilflosen

Forstkommissären zu bedienen.

In der Absicht, das meilenweite, gutbestockte Waldgebirge von Jelenska

gornja (oberer Hirschberg) „auf Forstinspektion“ zu durchwandern,

stapfte der Kommissär Günter, ein Deutschösterreicher, mit leerem Ränzel

und wenigen Brocken der kroatischen Sprache durch das flache Vorland.

Der Schritt wurde beschleunigt, als der Beamte gewahrte, daß ihm aus den

Waldbergen ein dräuendes Gewitter entgegenkam, Wolken mit allen

Anzeichen auf Hagel.

Wollte Herr Günter nicht vom Hagelsturm überrascht werden, mußte der

Forstkommissär ein schützend Dach, Unterkunft für etliche Stunden

finden. Schutz konnte im nächsten Dorfe Osekovo nur das Pfarrhaus

bieten. In der elenden Gastwirtschaft war außer Slibowitz nichts zu

haben, der Aufenthalt unmöglich.

Die höfliche Bitte um gütige Erweisung von Gastfreundschaft erfüllte der

Pfarrer, ein katholischer Kroate, sofort in aller südslavischen

Liebenswürdigkeit, aber verblüffend eilig und wortkarg. Dem Gaste wurden

Wein, Käse und Brot auf den Tisch im Wohnzimmer gestellt; dazu sprach

der erregte Župnik (Pfarrer): „Bitte, zugreifen! Gesellschaft kann ich

nicht leisten! Muß Hagel beobachten, Wetter läuten lassen!“ Und weg war

er. Der Kommissär stärkte sich, trat dann an das Fenster und harrte des

Losbruches des Hagelsturmes.

Windpurren, heftiges Sausen in den Lüften, atembeklemmender Druck, böige

Stöße; doch kein Tropfen, nicht ein Hagelkorn entfiel dem schweren

Gewölk, das weiter in das Vorland trieb und etwa zwei Stunden von

Osekovo niederging.

Von dem Augenblick an, da für das Dorf und die Felder von Osekovo die

Gefahr des Hagelschlages gewichen schien, verstummte das Gewimmer aus

dem Glockenturm. In das Wohnzimmer trat der Župnik, rieb sich vergnügt

die Hände, schenkte die Gläser voll und hieß den Gast willkommen im

Pfarrhause. Nach der Landessitte wurden die Bilikumgläser

(Willkommenswein) auf einen Schluck geleert und sogleich wieder gefüllt.

Die sonst übliche Feierlichkeit der Überreichung von Salz, Brot und

Hausschlüssel auf einer Tablette ließ der Župnik weg; er war zu sehr

erfüllt von dem Frohgefühl, daß die Hagelwolken diesmal unschädlich über

die Fluren von Osekovo hinweggegangen waren. „Gut für die Parochianen,

gut für mich!“

„Sind Hochwürden mit Ökonomie ‚gesegnet!‘“ fragte der Kommissär.

„Gottlob nicht! Bin jedoch an jedem gnädigen Unterbleiben von

Hagelschlag finanziell interessiert!“

„Wieso?“

„Wenn es in und um Osekovo _nicht_ hagelt, das Unwetter in — _anderen_

Pfarrbezirken niedergeht, bekomme ich über den Zehent hinaus von jedem

Osekovo-Bauern in Getreide die _Hagelgratifikation_! Auf deutsch:

‚Tempestasdotation‘!“ Der Pfarrer blinzelte luftig, ermunterte zum

Trinken und leerte sein Glas.

Der Kommissär ereiferte sich gegen Aberglauben und Unsinn. Zumal doch

der Pfarrer wahrhaftig nichts dafür könne, wenn es hagelt, oder wenn die

Gefahr weiterzieht.

Der Župnik nickte. „_So_ hab' ich früher auch geredet, sogar einmal von

der Kanzel aus gegen die unsinnige Behauptung polemisiert, daß der

Pfarrer, wie dies die Bauern glauben, Hagel machen und Hagel vertreiben

könne. Ich tu's nicht wieder! Kein Wort sag' ich dagegen bis an mein

Lebensende!“

„Warum?“

„Nach jener Predigt kam ein Bauer, einer der Starosten (Dorfältesten) zu

mir und sagte: ‚Sehr schöne Predigt, aber nicht für mich! Denn ich habe

Hochwürden im Chorrock und mit Stola schon oft in den — Wolken gesehen,

wie Sie den — Hagel verteilten! Kein Mensch weiß, wie der Hagel

entsteht; Sie haben von der Kanzel erzählt, wie der Hagel — gemacht

wird! Also nütze das Leugnen nichts, daß Sie großen Einfluß haben.‘ —

Darauf habe ich, der Župnik, versucht, dem Starost diesen Irrglauben

auszureden. Der Starost aber erklärte. ‚Kein Unsinn! Von den Bauern wäre

es nur dann _dumm_, wenn sie einem Župnik, der den Hagel _nicht_

wegschicken kann, weiterhin die Tempestasdotation, die

Hagelgratifikation in Getreide, extrig zahlen würden!‘ — Daraufhin habe

ich, der schlecht bezahlte Pfarrer, die Bauern doch lieber auf ihrer für

mich wohltätigen Meinung gelassen.“

„Begreifliche Unterlassungssünde! Aber doch Versündigung gegen die

eigene Überzeugung!“

Der Pfarrer blinzelte und sprach: „Der Herr sind

Waldschätzungskommissär! Arbeiten Sie ein Jahr auf Forstinspektion in

Kroatien, dann kommen Sie wieder nach Osekovo und bringen Sie Ihre

sämtlichen Sünden gegen die Überzeugung mit! Na zdravje! (Zur

Gesundheit!) — Grüßen der Herr, falls Sie in Jelenska gornja nächtigen,

meinen Amtsbruder, der als — , ‚Wald‘pfarrer oft Hagel hat! Der Kollege

wird unter Tempestasdotation für — Hagel_versendung_, für Schutz seiner

eigenen Gemeinde mitten im Wald, _nicht_ zu ‚leiden‘ haben! Haha!“

Kommissär Günter mußte einen Happen Schinken essen, noch einen Krug Wein

leeren zu Ehren der kroatischen Gastfreundschaft, die immer ihr Bestes,

zuweilen sogar das letzte gibt mit einer Bereitwilligkeit, die zu Herzen

geht und Ablehnung ausschließt.

Dann setzte Herr Günter die Wanderung fort. Spät erreichte er das

Walddorf Jelenska gornja, wo der Kommissär erst recht auf die

Gastfreundschaft des Pfarrers wegen der Nächtigung angewiesen war.

Eiskörner auf dem Weg und auf den wenigen Feldern brachten das Gespräch

mit dem Župnik von Osekovo sofort in lebhafte Erinnerung. Und schwer

fiel die Bitte um Aufnahme ins Pfarrhaus für die Nacht.

Doch der Pfarrer von Jelenska gornja ließ von Verdruß oder übler Laune

nichts merken, hieß den Gast herzlich willkommen und reichte das

Bilikum mit aller feierlichen Umständlichkeit und einer Ansprache, die

in der Bitte ausklang, oft und zu jeder beliebigen Stunde bei Tag oder

Nacht einzukehren in dem Hause, das von diesem Augenblick an Eigentum

des Gastes sei.

Was das Haus, das einsame Dorf im weiten Forst bieten konnte, wurde

freudig gegeben. Fröhlich war die Unterhaltung bei erstaunlich gutem

Wein. Vom Hagelschlag wurde kein Wort gesprochen, hingegen von der

Notwendigkeit ausreichender Versorgung mit Lebensmitteln, da auf viele

Meilen ringsum nichts zu haben sei....

Mit Sitte und Brauch in katholischen Pfarrhäusern vertraut, wollte der

Forstkommissär frühmorgens der vom Pfarrer zelebrierten Messe im

Kirchlein beiwohnen und dadurch den Hausherrn gebührend ehren. Vergebens

wartete Günter in seiner Stube auf das „Zusammenläuten“ aller Glocken

als Zeichen für den Beginn des Gottesdienstes. Die Glocken blieben

stumm.

Um etliche Minuten verspätet kam der Beamte in die Kirche.

Hinterdrein beim Frühstück im Pfarrhause fragte Günter, warum das

allerorten übliche „Zusammenläuten“ unterblieben sei.

Aus Kroatien: Skizzen und Erzählungen · 第 11 / 14 题