Da sich die Militärbehörde an der damals türkischen (bosnischen) Grenze
um — _alles_ zu kümmern hatte, der Militärdiktatur im Grenzbezirk
_alles_ unterstand, so wurde dort auch das — _Forstwesen_ „besorgt“. Und
zwar für die Verhältnisse jener weit zurückliegenden Zeit gar nicht übel
und ziemlich stramm. Freilich nicht gerade „forstlich“ im technischen
Sinne.
Irgendwo war eine große Eichenwaldung abgestockt worden. Lange Zeit
hindurch war nach dem Kahlhieb nichts geschehen.
Zur Aufforstung fehlte es der Forstbehörde an Arbeitern zum
Eichelnsetzen und an Geld zur Bezahlung der Setzarbeit. In solcher Not
wandte sich die Bezirksforstbehörde an das Kommando des im betreffenden
Bezirk Rationierten Grenzregimentes mit der Bitte, das Setzen der
Eicheln von den Grenzsoldaten ausführen zu lassen.
Diese Bitte kam dem Kommandanten des Grenzregimentes um so gelegener,
als der Oberst wegen der Beschäftigung der Truppen sich in einiger
Verlegenheit befand. Es gab nämlich seit etlichen Monaten nichts zu
kämpfen gegen die Türken, überhaupt nichts zu tun in militärischem
Sinne. Beschäftigung der Grenzsoldaten war also erwünscht. Von
forsttechnischer Arbeit hatte der Regimentskommandant selbstverständlich
nicht die geringste Ahnung, hingegen die Überzeugung, daß der einfache
Befehl zur Durchführung der Eichelsetzarbeit mit Soldaten vollauf
genüge.
Im Dienstwege wurde das Forstamt von der Genehmigung des Ansuchens
verständigt.
Daraufhin stellte das Forstamt einen Techniker behufs Anordnung und
Überwachung der Setzarbeiten zur Verfügung und sandte den Beamten an den
Stabssitz des Regimentes.
Der Kommandant Oberst X. lehnte entrüstet die Beigabe des forstlichen
Sachverständigen ab und sandte den Mann sofort zurück.
Ein Hauptmann erhielt den Befehl, mit zweihundert Mann im näher
bezeichneten Reviere die Aufforstung durch Setzen von Eicheln
durchzuführen „in eigener Kompetenz, mit möglichster Strammheit und
militärischer Präzision“. Aber die Frist für die Arbeitsdurchführung war
nichts gesagt. Daß der Forsttechniker vom Kommandanten abgelehnt und
zurückgeschickt worden war, hatte der Hauptmann „unter der Hand“
erfahren und sich als kluger Mann hinter die Ohren geschrieben.
Von forstlicher Kulturarbeit hatte der Hauptmann selbstverständlich
keine Ahnung. Aber das wußte er, daß er für die Eichelsetzarbeit den
Forsttechniker — nicht befragen durfte, wenn ein „Krach“ mit dem
Regimentskommandanten vermieden werden sollte.
Soviel Verstand besaß der Hauptmann, um sich denken zu können, daß ein
gewisser Abstand zwischen den zu setzenden Saateicheln werde eingehalten
werden müssen. Diesen Abstand konnte der Offizier begreiflicherweise nur
militärisch berechnen; deshalb bestimmte der Hauptmann. „Distanz ein
Schritt“. Von einem Hand-in-Hand-arbeiten zwischen Militär und
Forstbehörde keine Spur.
Das „Setzdetachement“ rückte an, als das Forstamt noch gar keine
Saateicheln hatte. Das Material wurde schleunigst beschafft.
Unterdessen, zur Zeitausfüllung, ließ der Hauptmann die zur Aufforstung
bestimmte Kulturfläche von Unkraut usw. befreien, roden und vorbereiten.
Endlich kamen die Eicheln.
Der Hauptmann ließ seine Mannschaft antreten und hielt
„Instruktionsstunde“. Die Soldaten wurden belehrt, wie sie die
Saateicheln zu setzen haben. Entfernung von Mann zu Mann drei Fuß; auf
das erste Signal fährt die rechte Hand in die Schürze und ergreift eine
Eichel; auf das zweite Signal bückt sich die gesamte Mannschaft und
steckt die Eicheln in den Boden; auf das dritte Signal richtet sich die
Mannschaft auf und tritt einen großen Schritt nach vorwärts. Und so
weiter, bis die ganze Fläche mit Eicheln besteckt ist.
Da für diese originelle Kulturarbeit wohl Saateicheln vorhanden waren,
nicht aber Bundschürzen zum Tragen der Eicheln, und da der Hauptmann
recht gut wußte, daß er wegen der fehlenden Schürzen den in seiner
Allmacht gefährlichen Regimentskommandanten nicht behelligen durfte,
befahl der militärische „Forstmann“ ganz einfach, daß jeder Soldat
morgen beim Antreten eine — Bundschürze mitzubringen habe. Gleichgültig,
ob die Schürze der Gattin, der Schwester oder der Geliebten gehöre. Die
Bundschürze mußte, so lautete der Befehl, „verschafft“ werden.
Damit war die Instruktionsstunde beendet, die Mannschaft entlassen.
Am nächsten Morgen pünktlich trat die „Kultur“-Mannschaft an. Einen sehr
bunten Anblick boten die Soldaten mit den umgebundenen farbigen
Schürzen. Die Vorliebe der südslavischen Weiber für grelle Farben in
Kitteln und Schürzen war damals genau so vorhanden wie auch heute noch.
Zum Schreien komisch sahen die Grenzsoldaten mit ihren grellfarbigen
Schürzen aus. Der drohenden Prügelstrafe wegen verzog niemand von der
Mannschaft auch nur die Miene. Die Kerle blieben ernst; sie lachten
unbemerkbar innerlich.
Der Hauptmann rückte mit der „Kultur“-Mannschaft aus; zu seiner Seite
marschierte der Kompagnietrompeter(!) als Signalist für die —
Kulturarbeit.
An der Schlagwand wurden die Soldaten, denen die Saateicheln in die
Schürzen gegeben worden waren, aufstellt. Am Flügel standen der
Hauptmann und der Signalist mit der Trompete.
Und nun begann die Setzarbeit als Schauspiel für Götter.
Auf einen Wink des Hauptmanns blies der Trompeter das verabredete
_erste_ Signal. „_Habt acht_!“
Genau griffen die Grenzer in die sackähnlich aufgebundenen Schürzen und
erfaßten je eine Eichel.
_Zweites_ Signal. „_Eicheln hineinstecken_!“
Im Nu bückte sich die Mannschaft, jeder Soldat steckte eine Eichel in
den damals berühmt fruchtbaren Boden.
_Drittes_ Trompetensignal. „_Marsch_!“
Die Soldaten traten einen großen Schritt nach vorwärts.
Stundenlang währte diese stramm militärische Setzarbeit, bis der ganze
Eichelvorrat in den Boden gesteckt war....
Und diese Arbeit wiederholte sich bis zur völligen Durchführung der
befohlenen Aufgabe, der „Eichenanpflanzung“ auf einer riesengroßen
Fläche.
Worauf der Hauptmann sich beim Regimentskommandanten gehorsamst meldete.
Hinterdrein kam der Forsttechniker, um nachzufragen.
Zu ändern war nichts mehr. Und verhältnismäßig war die Sache gar nicht
schlecht gemacht....
Jahrzehnte verflossen.
In den „Erinnerungen“ eines alten kroatischen Forstbeamten, die mir zur
Einsichtnahme gegeben wurden, heißt es. „Herrlich anzusehen waren die
militärisch herangezogenen Eichenjungwälder. Leider wurden sie ein Opfer
jener aufrührerischen Bosniaken, die vor Beginn der Okkupation Bosniens
nach Kroatien verbracht worden waren. Die aus ihrer Heimat abgeschobenen
Bosniaken hatten ihre Ziegen mitgenommen, die in diese Eichenjungwälder
getrieben wurden, als sich das junge Laub zeigte. Es war von den
Behörden streng verboten, mit Beil oder Hacke diese Eichenjungwälder zu
betreten. Den Eintrieb von gefräßigen Ziegen zu verbieten, hatte man —
vergessen. Irgendeines Werkzeuges bedurfte der Bosniak nicht; er wußte
sich gut zu helfen, indem er jeweils ein Eichenstämmchen so lange mit
den Händen niedergebogen hielt, bis die Ziegen alles Laub abgefressen
hatten. Dann ließ der Mann das Stämmchen in die Höhe schnellen. Und das
nächste Eichenstämmchen wurde ebenso des Laubes beraubt. Ganze
Jungbestände wurden auf diese Weise kahl gefressen! Das ärarische
Forstpersonal war außerstande, diesen Waldfrevel zu verhindern. Wenn die
Ziegen der Bosniaken sich in Bauernwaldungen ‚verirrten‘, machten die
Kroaten keine Umstände: die Bosniaken wurden so fürchterlich verhauen,
daß sie fürder Bauerngehölze respektierten und ihr Interesse wieder den
ärarischen Waldungen widmeten.“
Sicher ist das Geschilderte ein fesselndes Kulturbild einer
militärischen — Waldkultur in vergangener Zeit!
Kroatische Glanzkohlen.
Alte Herren schmunzeln heute noch, wenn von den kroatischen Glanzkohlen
aus der Grube Očura bei Lepoglava in den Varazdiner Bergen gesprochen
wird; denn mit diesen Glanzkohlen war im Jahre 1875 ein glänzend
gelungener Scherz verbunden, mit dem der Bergverwalter jener Kohlengrube
köstlich „hineingelegt“ wurde, und wozu, drollig genug, der zeitlebens
für Bergbau lebhaft interessierte König Leopold II. von Belgien seinen
Namen leihen mußte.
Anfang der siebziger Jahre war in Kroatien unter dem Namen „Kroatische
Glanzkohlen“ eine Kohlengewerkschaft gegründet worden in der Absicht,
die Kohlenklötze von Lepoglava-Očura abzubauen. Das vielen Erfolg
versprechende Unternehmen konnte jedoch nicht sofort gewinnbringend
gestaltet werden, weil es an Gelegenheit zur Abfuhr der Kohlen mangelte.
Es fehlte an jeder Eisenbahnverbindung; die Achsenfracht nach
Varazdin-Csakaturn kam viel zu teuer und beanspruchte zuviel Zeit;
ebenso mißlich war es, die Grubenausbeute über die kroatische Grenze auf
steierischen Boden zum Anschluß an die österreichische Südbahnstrecke
nach Friedau-Pragerhof zu bringen.
Die Gesellschaft beschloß deshalb die Erbauung einer Lokalbahn von Očura
nach der Südbahnstation Friedau (Steiermark) erwarb die Zustimmung der
Behörden und ließ behufs Aussteckung der „Trasse“ Ingenieure kommen, die
ihre Kanzlei im Kohlenest Očura errichteten.
Die nicht geringen Schwierigkeiten, wegen der Bauerlaubnis usw. die
kroatischen und steierischen Behörden unter einen Hut zu bringen, waren
ein Kinderspiel im Vergleich zu den Hindernden, die der Erbauung der
Eisenbahn in Očura selbst erwuchsen durch den eigenen Verwalter der
Grube Očura.
Der Bergverwalter Bodlak, aus dem Lande stammend, wo „die Erdäpfel als
Spalierobst gezogen“ werden, war nämlich grenzenlos — neugierig und
obendrein ein Mensch nach Goetheschen Rezepten im „Zauberlehrling“ und
im „Faust“. Eine „Spottfigur von Dreck und Feuer“ und obendrauf ein
„Wassertopf“.
Ein Männle klein, untersetzt, mit säbelförmigen Beinen und einem
wahrhaft riesigen Kopf, bildete Bodlak den Schrecken von Očura und
Umgebung, in der Grubenverwaltung wie in der Gesellschaft, bei den
Behörden in der Amtsstadt Varazdin usw. Der Bergverwalter mit seiner
entsetzlichen Neugier war nicht mehr loszubringen, wenn er sich irgendwo
eingefunden und in eine Sache verbissen hatte. Für den geplanten Bahnbau
von Očura nach Friedau interessierte sich das Männle begreiflicherweise
aus dienstlichen Gründen, dann privatim, und überdies wünschte er, mit
seinen Spargroschen Aktionär der neuen Bahn zu werden.
Zecken und Wanzen waren wonneerzeugende Geschöpfe im Vergleich zu Herrn
Bodlak, der mit seiner alle Grenzen übersteigenden Neugier und
Zudringlichkeit die Ingenieure in der Arbeit behinderte, mit
unermüdlichen Belästigungen in Verzweiflung brachte.
Höfliche Bitten und Mahnungen blieben unbeachtet. Auch auf deutliche
Winke hin stellte Verwalter Bodlak seine lästigen Besuche und qualvollen
Fragen nicht ein.
Am meisten fühlte sich der Oberingenieur A. aus Brüssel in der
Kanzleiarbeit gehemmt; er ärgerte sich grenzenlos, und in wachsender Wut
beschloß er, den — Glanzkohlenmenschen auf den — Glanz herzurichten,
Rache zu nehmen, auf daß ganz Kroatien sich vor Lachen krümmen werde.
Der Racheschwur war leicht gesprochen; die Durchführung einer Rachetat
hatte aber ihre Schwierigkeiten. Das spürte der Oberingenieur schon, als
er über die Vorbereitungen zu einer „Tat“ nachsann.
Eines Tages kam der schreckliche Bergverwalter wieder und quälte
besonders den Oberingenieur mit Fragen nach — Neuigkeiten. Bodlak sah
eine französische Zeitung auf dem Arbeitstische liegen und wollte
wissen, ob so ein französisches Blatt „bessere“ Neuigkeiten berichte als
die „inländischen“ Zeitungen.
Unwirsch meinte der Oberingenieur, daß „viel Gescheites“ auch in dem
Brüsseler Blatte nicht zu finden sei; es wäre denn die unter Vorbehalt
gegebene Meldung, daß der König Leopold von Belgien die kroatischen
Kohlengruben zu — kaufen beabsichtige.
Nun war der Teufel los! Und Bodlak war verwandelt in einen Menschen, der
sich vor Freude nicht mehr zu fassen wußte, und der nicht genug — fragen
konnte.
Der jubelnde Bergverwalter berichtete sofort den Zeitungen in Agram und
Budapest die — erfundene Nachricht als sichere Kunde, erzählte allen
Grubenbeamten von Očura davon und frohlockte, daß der belgische König in
seiner „bekannten Noblesse“ aller Geldnot bei den kroatischen
Kohlenmenschen durch Gehaltsaufbesserungen ein wohltätig Ende machen
werde.
Die Nachricht erregte nicht geringes Aufsehen und wurde namentlich in
der Gegend von Varazdin geglaubt, weil sie vom Bergverwalter Bodlak von
der Grube Očura ausging.
Die Grubenbesitzer freilich wunderten sich, daß Bodlak mehr als sie
selbst wußte.
Die Bahnbauingenieure hingegen hatten viel Spaß an der wachsenden
Aufregung in Beamtenkreisen, aber schwere Mühe, die maßlos gesteigerte
Nachfrage Bodlaks nach Einzelheiten bezüglich der Umwandlung der
Grubenverwaltung in eine „königliche belgische Bergwerksdirektion“ zu
befriedigen. Im besonderen wollte Bodlak wissen, ob König Leopold ihn
übernehmen und zum Direktor ernennen werde.
In dieser Frage erblickte der fürchterlich überlaufene Oberingenieur die
Möglichkeit und günstige Gelegenheit, an Bodlak für alle Belästigung
Rache zu nehmen.
Günstig war auch der Umstand, daß der Postbote von Lepoglava den
Posteinlauf für die Ingenieurkanzlei und für die Grubenverwaltung in
einer gemeinschaftlichen Posttasche brachte und der Bequemlichkeit wegen
die Posttasche zuerst bei den Bahnbauherren zur Entnahme des Einlaufes
einlieferte. Dann erst trug der Mann die Tasche drei Kilometer weiter
zur Bergverwaltung bei Očura.
So entstand denn nach längerer Beratung in der Ingenieurkanzlei ein
Gemisch von amtlichem Dekret und privatem Schreibebrief an Herrn Bodlak.
Selbstverständlich in französischer Sprache, in die der deutsch
aufgesetzte Brief mühsam genug hineingepreßt wurde. Über den drolligen
Text dieses köstlichen Schriftstückes heulten die Ingenieure immer
wieder bei jeder Lesung.
Aber das „Dekret“ mußte ein „Amtssiegel“ haben.
Mit Eselsmühe wurde aus einem Alphabet von kleinen Gummibuchstaben in
kleinem Rundrahmen ein „königlich belgisches Staatssiegel“ hergestellt:
„Léopold Roi des Belges Propriétaire aux mine en Croatie“.
Schön anzusehen war dieses „Siegel“ nicht, auf den ersten Blick als
„handgreifliche“ und alberne Fälschung erkennbar.
Der Oberingenieur hatte denn auch schwere Bedenken; er wurde jedoch
übernimmt von den Kollegen, die ihre Köpfe darauf wetteten, daß Bodlak
in seiner Glückseligkeit diesen Schwindel nicht merken werde.
Also wurde dem Gemisch von „Dekret“ und Privatbrief „Leopolds von
Belgien“ dieses „Siegel“ beigedruckt, das Schriftstück in einen
Briefumschlag gesteckt, der Brief geschlossen, mit gebrauchten
belgischen Briefmarken beklebt und eines Tages in die vom Lepoglavaner
Postboten gebrachte Tasche gesteckt. Ahnungslos trug der Posterer den
Einlauf zur Grubenverwaltung nach Očura.
Eine Stunde später stand Bodlak aufgeregt in der Ingenieurkanzlei und
bat flehentlich um — Übersetzung des Briefes, den er soeben vom — „König
der Belgier“ erhalten habe.
Die Ingenieure verbissen das Lachen, kämpften heldenhaft gegen den
übermächtigen Lachkitzel. Der Oberingenieur sah sich in der
Zerplatzungsgefahr; übersetzen konnte er den Brief nicht, nur Herrn
Bodlak zur Ernennung zum „Bergrat“ gratulieren mit wenigen Worten; dann
mußte der „Ober“ die Kanzlei fluchtartig verlassen. Die Kollegen hatten
sich besser in der Gewalt; sie beglückwünschten Herrn Bodlak zur
Auszeichnung, gaben der Hoffnung Ausdruck, daß weitere „Gnaden erweise“
des belgischen Königs und „Besitzers“ der kroatischen Glanzkohlengruben
sich auch auf die Ingenieure des Bahnbaues, so Kroatien mit — Belgien
verbinden werde, ergießen mögen.
Nach allen Regeln der Ulkkunst foppten die Herren den glückstrahlenden
„Bergrat“ und erwiesen ihm faustdicke „Ehrfurcht“, so daß Bodlak auf den
verwegenen Gedanken kam, die ihm zuteil gewordene „Auszeichnung“ der
Grubenverwaltungszentrale in Wien zu — telegraphieren. Daraufhin
verflüchtigten sich zwei der Ingenieure unter Vorschützung heftiger
Hustenanfälle.
Der jüngste Kanzleiinsasse blieb tapfer, riet von jeder Telegraphiererei
ab; denn es müsse vor der offiziellen Verbreitung der „Glücksnachricht“
die landesherrliche Genehmigung zur Führung des ausländischen Titels
durch die Vizegespanschaft in Varazdin erwirkt worden sein. Deshalb
werde der Herr „Bergrat“ gut tun, das Dekret persönlich dem Obersekretär
der Vizegespanschaft zu überbringen, der das Weitere dann schon
veranlagen werde.
„Prozim (bitte), wie lange wird es dauern, bis die Genehmigung erteilt
wird?“ fragte schluckend vor Erregung Herr Bodlak.
Der Ingenieurbenjamin zog die Schultern hoch und sprach: „Acht Monate,
vielleicht ein Jahr; vielleicht wird die Zustimmung überhaupt nicht
erteilt!“
„Wie? Was? Überhaupt nicht? Warum?“
„Man läßt fremde Titel nicht gern herein! Belgisches nach Kroatien schon
gar nicht gern!“
„Wo doch der belgische König die kroatischen Gruben gekauft hat!“ rief
in wachsender Erbitterung der „Bergrat“.
„Haben Sie den Kaufvertrag gesehen? Ich nicht!“
Mit kurzem Gruß verabschiedete sich Bodlak.
Immer tiefer nagten Kummer und Groll in der ehrgeizerfüllten Brust. Die
Sorge vor einer Verweigerung der landesherrlichen Zustimmung wuchs mit
jeglichem Tage und führte zu dem Entschluß, durch Veröffentlichung des —
„Dekretes“ in den Zeitungen einen — „Druck“ auf die Regierung auszuüben.
Bodlak kalkulierte. Unter solchem „Druck“ wird die Unterbehörde, wenn
auch widerwillig, die Angelegenheit an das Ministerium weiterleiten
müssen. Im Ministerium aber sitzen „gebildetere“ höhere Beamte, die
schon ihrer Bildung wegen mehr Achtung vor dem — König von Belgien haben
werden....
Mit Fleiß und Geduld schrieb Bodlak sein französisches
„Ernennungsdekret“ mehrere Male ab und schickte die Abschriften nebst
Begleitbriefen an verschiedene Zeitungen.
Die kroatischen und ungarischen Blätter druckten den Text im
französischen Wortlaut ab und beglückwünschten ironisch Herrn Bodlak mit
etlichen angehängten Worten zur „Auszeichnung“. Das Wort „Auszeichnung“
unter Gänsefüßchen.
Das deutsche Wochenblatt veröffentlichte die „Ernennung“ in deutscher
Sprache mit dem Beifügen: „Erörterung überflüssig“. Der Wortlaut
entsprach genau dem vom Oberingenieur verfaßten Urtext:
„Wir, Leopold, König von und zu Belgien, der Belgier und Brabanter,
ernennen Sie in Anbetracht Ihrer primitiven Kenntnisse im Bergbau zu
Unserem königlichen Bergrat in partibus in fidelio.
Teilen Sie Uns mit, ob Sie diesen Titel in Kroatien annehmen und
führen dürfen, damit Wir Ihnen das große Diplom non plus ultra senden
können.