KAPITEL XIV.

$UEBERSICHT$.

_Du siehst das Unkraut nicht, wenn

es wächst, aber Du wirst es schon

sehen, wenn es gewachsen ist._

_Hebbel._

Der Untergang eines Volkes ist zumeist kein momentaner, zeitlich absolut

kurz begrenzter Vorgang, ist nicht einmal ein absoluter Prozess. Der

Untergang der römischen Kulturwelt, der griechischen Völker, der

spanischen Weltgeltung vollzog sich in Zeitläuften, die Jahrhunderte

umfassten. Der Untergang eines Volkes erfolgt dort am eindeutigsten, wo

eine Gemeinschaft durch Aussterben zum Verschwinden gelangt. Man kann

dies Ende bei einer Bevölkerung von 600000 Seelen nicht in einer

Generation erwarten. Aber alle Bedingungen, Voraussetzungen und

Prozesse, welche die Auflösung zum System machen, sind für die Juden

Deutschlands vorhanden. Die Juden haben sich in einem Netz verfangen,

das mit allen Maschen, mit allen Zusammenhängen an diese Entwicklung

verknüpft ist. Die Judenheit ist die großstädtische, kapitalistische,

rationalistische Bevölkerungsschicht in der höchsten Potenz geworden.

Ihre geistigen, ökonomischen, sozialen und biologischen Verhältnisse und

Eigenarten drängen darauf hin, den eisernen Reifen, der das jüdische

Volk fest umschlossen hielt, zu sprengen, Religion und Inzucht, die

Basis ihrer Existenz zu lockern und alle die Erscheinungen, welche am

Rande und im Kern die Zersetzung bedeuten, verstärken zu lassen. Gewiss

tritt auf die Ebbe wieder die Flut ein, und es mag Reaktionen geben,

welche die Verhältnisse einige Augenblicke aufzuhalten versuchen.

Darüber muß man sich aber klar sein, daß den am Werke wirkenden

Triebkräften nichts von ungefähr angeflogen ist, dass es sich nicht nur

um ein momentanes Gespinst handelt, welches heute die Gemüter ergriffen

hat und morgen durch andere Vorstellungen abgelöst werden kann, sondern

daß die Einwirkungen und Komponenten, die von Jahr zu Jahr an Macht

wachsen und noch zunehmen, ein Konglomerat von Wirtschaftsproblemen,

geistigen Vorstellungen, von politischer Konstellation und von

Weltbildern bilden, welche in ihren Ursachen kaum in der jüdischen

Gemeinschaft allein bekämpft werden können.

Es ist ganz gleichgültig, ob ein Statistiker in sträflichem Optimismus

irgend eine kleine Zahl in diesem Buch anders auffaßt, ob ihm irgend

eine der Erklärungen nicht zusagt. Es dreht sich hier um die große

Frage, ob die Juden an der Spitze der Bevölkerung, welche zur

Geburteneinschränkung übergeht, steht, resp. stehen muß, ob die jüdische

Bevölkerung zur sexuellen Vermischung sich drängt, ob irgend welche

Unterlagen vorhanden sind, die eine Aenderung des Sexualproblems in

nächster Zeit erwarten läßt.

Es ist ferner die Frage vorzulegen, ob bei der Näherung der jüdischen

und nicht jüdischen Massen eine chinesische Mauer zwischen den

Individuen auf sexuellem Gebiet aufgeschlossen werden kann, die auf

anderen Gebieten immer mehr niedergerissen wird, ob auf deutsch ein

körperliches Ghetto eingerichtet wird, während die geistigen

Unterschiede immer mehr zurücktreten. Ja, ob es überhaupt möglich wäre,

unter den heutigen Verhältnissen das sexuelle Leben der Menschen in der

Weise einzuzwängen, daß sie Ziel und Zweck, bedachte und unbedachte

Regungen, Gefühle, und Triebe völlig beherrschen und ihr Ausleben nur in

ihrer Eigenart suchen und finden. Mit der Erschütterung der Macht des

nationalen und religiösen Gedankens fällt jede Möglichkeit hinweg, die

Mitglieder der Gemeinschaft festzuhalten und ihnen bestimmende

Vorschriften zu machen. Der moderne Lebenskünstler ist der Pflichten

enthoben und keine Schranke hindert ihn, sich im Leben so zu bewegen,

wie es ihm der Augenblick eingibt und das Gesetz des Staates erlaubt.

Gerade die letzten Jahre vor dem Krieg bewiesen deutlich, daß die Juden

ein untergehendes Volk sind, das durch die Preisgabe der religiösen und

nationalen Momente die Emanzipation und die Aufnahme in den deutschen

Staatsbürgerverband teuer erkaufte.

Allerdings kann die östliche Einwanderung den Vorgang verwischen und

eine Entwicklung vortäuschen, die nicht da ist. Es ist zwar zu

überlegen, ob diese Zuwanderung beständig bleibt. Es deuten manche

Arbeiten (u. a. von $Weißenberg$) darauf hin, daß auch die Ostjuden

langsam aber sicher zu einer Geburteneinschränkung übergehen, und daß

sie vielleicht bald keinen Geburtenüberschuß und keine Auswanderung

aufzuweisen haben werden. Andererseits ist es nicht sicher, ob die

deutschen Grenzen noch lange ihnen geöffnet sind, oder ob nicht andere

Länder den Strom der Auswanderer mehr anziehen werden. So ist es leicht

möglich, daß die Juden des Ostens nach Rußland und Sibirien, nach

Canada, den Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika insbes.

Palästina wandern werden. Das besiegte Deutschland bietet vielleicht

bald keine Chancen mehr für einen Zuzug, vielleicht bekommt es sogar

eine Abwanderung der eigenen Bevölkerung und auch seiner Juden, wodurch

der Abbröckelungsprozeß noch beschleunigt würde. Aber selbst bei einer

Immigration in Permanenz gibt sich die Zersetzung innerhalb der

deutschen Juden nicht weniger als bedeutsam und die Entwicklung der

deutschen Judenheit bleibt erschüttert.[33]

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 70 / 71 题