$UEBERSICHT$.
_Du siehst das Unkraut nicht, wenn
es wächst, aber Du wirst es schon
sehen, wenn es gewachsen ist._
_Hebbel._
Der Untergang eines Volkes ist zumeist kein momentaner, zeitlich absolut
kurz begrenzter Vorgang, ist nicht einmal ein absoluter Prozess. Der
Untergang der römischen Kulturwelt, der griechischen Völker, der
spanischen Weltgeltung vollzog sich in Zeitläuften, die Jahrhunderte
umfassten. Der Untergang eines Volkes erfolgt dort am eindeutigsten, wo
eine Gemeinschaft durch Aussterben zum Verschwinden gelangt. Man kann
dies Ende bei einer Bevölkerung von 600000 Seelen nicht in einer
Generation erwarten. Aber alle Bedingungen, Voraussetzungen und
Prozesse, welche die Auflösung zum System machen, sind für die Juden
Deutschlands vorhanden. Die Juden haben sich in einem Netz verfangen,
das mit allen Maschen, mit allen Zusammenhängen an diese Entwicklung
verknüpft ist. Die Judenheit ist die großstädtische, kapitalistische,
rationalistische Bevölkerungsschicht in der höchsten Potenz geworden.
Ihre geistigen, ökonomischen, sozialen und biologischen Verhältnisse und
Eigenarten drängen darauf hin, den eisernen Reifen, der das jüdische
Volk fest umschlossen hielt, zu sprengen, Religion und Inzucht, die
Basis ihrer Existenz zu lockern und alle die Erscheinungen, welche am
Rande und im Kern die Zersetzung bedeuten, verstärken zu lassen. Gewiss
tritt auf die Ebbe wieder die Flut ein, und es mag Reaktionen geben,
welche die Verhältnisse einige Augenblicke aufzuhalten versuchen.
Darüber muß man sich aber klar sein, daß den am Werke wirkenden
Triebkräften nichts von ungefähr angeflogen ist, dass es sich nicht nur
um ein momentanes Gespinst handelt, welches heute die Gemüter ergriffen
hat und morgen durch andere Vorstellungen abgelöst werden kann, sondern
daß die Einwirkungen und Komponenten, die von Jahr zu Jahr an Macht
wachsen und noch zunehmen, ein Konglomerat von Wirtschaftsproblemen,
geistigen Vorstellungen, von politischer Konstellation und von
Weltbildern bilden, welche in ihren Ursachen kaum in der jüdischen
Gemeinschaft allein bekämpft werden können.
Es ist ganz gleichgültig, ob ein Statistiker in sträflichem Optimismus
irgend eine kleine Zahl in diesem Buch anders auffaßt, ob ihm irgend
eine der Erklärungen nicht zusagt. Es dreht sich hier um die große
Frage, ob die Juden an der Spitze der Bevölkerung, welche zur
Geburteneinschränkung übergeht, steht, resp. stehen muß, ob die jüdische
Bevölkerung zur sexuellen Vermischung sich drängt, ob irgend welche
Unterlagen vorhanden sind, die eine Aenderung des Sexualproblems in
nächster Zeit erwarten läßt.
Es ist ferner die Frage vorzulegen, ob bei der Näherung der jüdischen
und nicht jüdischen Massen eine chinesische Mauer zwischen den
Individuen auf sexuellem Gebiet aufgeschlossen werden kann, die auf
anderen Gebieten immer mehr niedergerissen wird, ob auf deutsch ein
körperliches Ghetto eingerichtet wird, während die geistigen
Unterschiede immer mehr zurücktreten. Ja, ob es überhaupt möglich wäre,
unter den heutigen Verhältnissen das sexuelle Leben der Menschen in der
Weise einzuzwängen, daß sie Ziel und Zweck, bedachte und unbedachte
Regungen, Gefühle, und Triebe völlig beherrschen und ihr Ausleben nur in
ihrer Eigenart suchen und finden. Mit der Erschütterung der Macht des
nationalen und religiösen Gedankens fällt jede Möglichkeit hinweg, die
Mitglieder der Gemeinschaft festzuhalten und ihnen bestimmende
Vorschriften zu machen. Der moderne Lebenskünstler ist der Pflichten
enthoben und keine Schranke hindert ihn, sich im Leben so zu bewegen,
wie es ihm der Augenblick eingibt und das Gesetz des Staates erlaubt.
Gerade die letzten Jahre vor dem Krieg bewiesen deutlich, daß die Juden
ein untergehendes Volk sind, das durch die Preisgabe der religiösen und
nationalen Momente die Emanzipation und die Aufnahme in den deutschen
Staatsbürgerverband teuer erkaufte.
Allerdings kann die östliche Einwanderung den Vorgang verwischen und
eine Entwicklung vortäuschen, die nicht da ist. Es ist zwar zu
überlegen, ob diese Zuwanderung beständig bleibt. Es deuten manche
Arbeiten (u. a. von $Weißenberg$) darauf hin, daß auch die Ostjuden
langsam aber sicher zu einer Geburteneinschränkung übergehen, und daß
sie vielleicht bald keinen Geburtenüberschuß und keine Auswanderung
aufzuweisen haben werden. Andererseits ist es nicht sicher, ob die
deutschen Grenzen noch lange ihnen geöffnet sind, oder ob nicht andere
Länder den Strom der Auswanderer mehr anziehen werden. So ist es leicht
möglich, daß die Juden des Ostens nach Rußland und Sibirien, nach
Canada, den Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika insbes.
Palästina wandern werden. Das besiegte Deutschland bietet vielleicht
bald keine Chancen mehr für einen Zuzug, vielleicht bekommt es sogar
eine Abwanderung der eigenen Bevölkerung und auch seiner Juden, wodurch
der Abbröckelungsprozeß noch beschleunigt würde. Aber selbst bei einer
Immigration in Permanenz gibt sich die Zersetzung innerhalb der
deutschen Juden nicht weniger als bedeutsam und die Entwicklung der
deutschen Judenheit bleibt erschüttert.[33]