1871-75 1141 27,5 40000
1876-80 1455 26,0 50000
1880-90 1550 22,0 65000
1891-1900 1775 18,0 86000
1901-05 1570 16,7 95000
1906-10 1500 15,0 95000
1911-14 1250 13,6 92000
(1917 640)
Leider gibt es keine Zusammenstellung der Geburten in Groß-Berlin. Im
eigentlichen Berlin wohnt die ärmere jüdische und ausländische
Bevölkerung, während die zweite Generation, die wohlhabender geworden
ist, nach dem Westen verzieht. Einzelne Detailziffern ergeben für die
westlichen Vororte Geburtenziffern unter 10 0/00.
Eine reichliche Literatur hat sich bemüht, das Problem des
Geburtenrückgangs zu erklären. Es ist unmöglich, die Ursachen des
Geburtenrückgangs mit einer Formel zu erfassen. Eine Reihe von
Komponenten wirken am Werke. Mühen der Schwangerschaft, Gefahren der
Entbindung spielen im Unterbewußtsein der Frauen eine Rolle. Liebe zum
Kinde, Angst vor der Abtreibung, religiöse Vorstellungen und nationales
Denken würden gleichwohl der Natur freien Lauf lassen, wenn die Sorge
für den gepflegten Leib, für die Taille und die Unannehmlichkeit der
neun Monate der Empfängnis und des Stillens die einzigen Widerstände
wären. Am stärksten aber hemmen die Emanationen der wirtschaftlichen
Schädigungen. Wer wie der Jude mit seinen Kindern höher hinaus will, der
beschränkt leicht deren Schar, wenn er oder seine Frau nicht selbst auf
viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten will. Und mit dem Erwachen
der Lust für die Annehmlichkeiten des Lebens hört die restlose Opferung
der Eltern für die Kinder auf. Ich habe in dem Werke das „Sterile
Berlin” (Berlin 1912) nachgewiesen, wie sich die Ausgaben für die Kinder
deutlich bemerkbar machen. Eine große Familie bringt selbst begüterten
Eltern schwere Lebenssorgen, wenn den Kindern eine in ihren Kreisen
übliche Erziehung und Lebensstellung verschafft wird. Die Töchter haben
einen Anspruch auf eine Mitgift, die dem Stande der Eltern angepaßt sein
soll, da ihnen sonst leicht die ebenbürtige Heirat verwehrt bleiben
kann. Die Ausbildung der Söhne verlangt einen Aufwand, der schon vor dem
Kriege einem kleinen Vermögen gleich zu setzen war. Die gute alte Zeit
unsrer Großeltern kam der Kinder-Zeugung entgegen. Sie lebten
hauptsächlich in Dörfern oder Kleinstädten.
Auf dem Lande war die Aufzucht einer großen Kinderzahl leichter und eher
möglich, da die Wohnungs-, Bekleidungs- und Nahrungskosten auf dem Lande
bei starkem Familienzuwachs nicht so groß wie in der Stadt sind. Auch
die Städter hatten bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts noch keinen so
ausgeprägten Kapitalismus, der überragend das Erwerbsleben beherrschte.
Die Unternehmer arbeiten heute mit immer größeren Geldmitteln, sodaß der
geldarme Konkurrent ihnen gegenüber einen überaus schweren Stand hat und
nur mühselig emporkommt.
An und für sich ist die Reduktion der Geburten eine naturnotwendige
Erscheinung unseres Zeitalters. Deutschland hatte 1910 doppelt so viele
Einwohner wie ein Menschenalter vorher und es hätte bei ungehemmter
Fruchtbarkeit, welche der Geburtenquote der Jahre 1800-1840 entspricht,
im Jahre 1950 über 100 Millionen Einwohner.
Die glänzende Bekämpfung der Krankheiten und der Sterblichkeit
verlangt einen Einhalt der Geburtenerzeugung, wenn die alten
Aderlässe der Menschheit, die ihre Zahl stets einschränkten, Kriege,
Infektionskrankheiten und Hungersnöte in Fortfall kommen.
Die natürliche Fruchtbarkeit, die in wahnsinnigem Tempo sich vollziehen
könnte, läßt schwer Platz und Brot genug finden für zu großen Nachwuchs.
Die Beschaffung alles dessen, was wir besitzen und was uns das Leben
angenehm macht: wohnliche Häuser, Einrichtungsgegenstände, Schmuck jeder
Art, öffentliche Gebäude, Schulen, Badehäuser, Volksheime, ferner die
Verbindungsmöglichkeiten, Eisenbahnen, Dampfschiffe, alle die
Erfindungen des menschlichen Geistes, alle Vergnügungen, alle Werke, die
der Kultur und der Zivilisation dienen, können nicht so rasch vermehrt
werden, als eine stark wachsende Bevölkerung es verlangen würde.
Zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig gähnt eine Kluft. Aber die kurze
Zeit von 40 Jahren hat sie überbrückt.
Die Schattenseiten des Geburtenrückganges liegen nicht in dem Rückgang
der Geburten an sich, sondern sie treten erst dort auf, wo anormale
Sexualverhältnisse die Tendenz der Beschränkung bis aufs äußerste
treiben. Die durch das Wirtschaftsleben unserer Zeit bedingte unsinnige
Spätehe läßt Kinder zur Welt kommen, die körperlich und geistig
minderwertig sind. Was die Liebe der Eltern durch die Beschränkung der
Familie an den wenigen Kindern gutmacht und durch ihre aufopfernde
Pflege nützen möchte, das erfährt eine unangenehme Einschränkung durch
die zu späte Zeugung.
In meinem „sterilen Berlin” habe ich auf den internationalen Charakter
des Geburtenrückgangs hingewiesen. Für die vereinigten Staaten ist
selbst bei den akklimatisierten orthodoxen Juden eine überaus niedrige
Geburtenrate festgestellt worden. Für die Westjuden zeigte sich dieselbe
Erscheinung, z. B. in Kopenhagen, wo nicht einmal zwei jüdische Kinder
auf eine jüdische Ehe kommen. $Cordt Trap$, der Direktor des
statistischen Büros in Kopenhagen schloß:
„In richtiger Uebereinstimmung ist es, dass die Todesfälle bei den
Israeliten die Zahl der Geburten bei weitem übertreffen. 1891-1905
wurden im ganzen 1.049 Todesfälle gegen nur 692 Geburten
registriert.”
Auch $Weißenberg$ und $Fishberg$, dieser in einem Buche über die
Rassenmerkmale der Juden, jener im Archiv für Rassen und
Gesellschaftsbiologie haben selbst bei den russischen Juden sichtliche
Anzeichen einer Minderung der Empfängnis wahrgenommen. Wie weit im Osten
der Neumalthusianismus Fortschritte machen wird, ist hier nicht zu
erörtern. Wir können uns damit begnügen, die Geburtenentwicklung der
deutschen Juden zu übersehen: Eine weitere Geburtenbeschränkung wird bei
der Generation stattfinden, die heute im Gedanken und im Banne der
überhand nehmenden Verhältnisse heranwächst. Die Verschärfung der
kapitalistischen Zustände im Wirtschaftsleben des Mittelstandes und
insbesondere die Schäden, die die Familienbildung durch den Krieg
erfahren hat, wird sich in Ziffern kund tun, welche die numerische
Erschütterung der deutschen Juden unfehlbar bedeutet.