Winkelmann saß schweigsam neben Gerda. Seine Blicke spähten nach
ihren Augen, und hingen an dem zarten, hochmütigen Gesicht. Plötzlich
erbleichten seine Wangen, zuckten seine Lippen krampfhaft, wild und
starr blieb sein Blick auf der Hand des Kommerzienrats haften, die sich
auf Gerdas Knie verirrt hatte.
Daß er es wagen durfte!
Er sah, wie Gerda die Hand zurückstieß. Keine Miene ihres Gesichts
verzog sich, kein Blick streifte den Kommerzienrat, ruhig plauderte sie
mit dem gegenübersitzenden Reitzenstein weiter.
Sein Blut kochte. Er hob sein Glas und rief laut über den Tisch: »Auf
das Recht zu genießen, wo wir lieben.«
»Bravo! Genießen, wo wir lieben!« -- Der Kommerzienrat schloß die
blinzelnden Augen -- die Gläser klangen aneinander.
Winkelmann sah Gerda fest in die Augen, dann ließ er sein Glas an das
ihre klingen -- »Trinken Sie aus!« -- raunte er mit heiserer Stimme.
Sie löste ihre Blicke nicht von den seinen, schlürfte den Schaum von
dem Glase und vergoß den Rest.
Er sah sie finster an. Er fühlte sich beleidigt und verletzt, und ein
Zorn gegen dieses Weib, das so kalt und hochmütig neben ihm saß und ihn
stachelte und reizte, stieg in ihm auf. -- -- --
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Als sie im Wagen saßen, sagte er mit beherrschter Stimme: »Wir fahren
zu mir, ich habe dem Schofför Weisung gegeben.«
»Daß man mich für Ihre Geliebte hält, weiß ich -- daß ich es nicht
bin und auch nicht werden will -- wissen Sie. Oder glauben Sie, mich
umstimmen zu können?«
»Vielleicht!«
»Wollen Sie mich zwingen?«
»Nein.«
»Ehrenwort?«
Er zögerte -- dann: »Ich werde Sie nicht zwingen, mein
Ehrenwort.« -- -- --
Sie sitzen in seinem Zimmer vor dem Kamin in tiefe Sessel geschmiegt.
Er hat die elektrische Stehlampe entzündet. Ihr roter Schein verbreitet
ein rosiges Licht über den Tisch, vor dem sie sitzen, während der
übrige Teil des Zimmers in Dunkel liegt. Das Wasser im Teekessel fängt
an zu kochen. Er bereitet den türkischen Kaffee und gießt ihn in die
Schalen.
»Wie heimisch es bei Ihnen ist! Und wie gut Sie den Kaffee bereiten,«
sagt sie.
Er gießt sich einen Kognak ein, stürzt ihn hinunter und schweigt.
Die Uhr schlägt drei.
»Warum haben Sie mich eigentlich hierher gebracht?«
»Weil ich dich zwingen will, die Meinige zu werden, heut, in dieser
Nacht! Als ich sah, daß er es wagte, dich zu berühren, dieses Vieh --
da kam über mich die Wut -- mir gehörst du -- mir -- ich lasse dich
keinem andern.«
Er stößt diese Worte mit rückhaltloser Leidenschaft hervor. Er springt
auf, reißt sie mit aller Kraft an sich und küßt sie mit rasender Wut.
Sie schließt unwillkürlich die Augen und liegt wie betäubt und schwer
in seinen Armen. Er küßt den Hals, die Schulter, das Achselband hat
sich gelöst, die zarte, jungfräuliche Brust ist ihm preisgegeben. Da
schlägt sie die Augen auf und sieht ihn an mit einem Blick so voller
Verachtung, daß sein Blut erstarrt. Der Boden unter seinen Füßen
scheint zu schwanken. Er läßt sie in den Sessel gleiten und fällt vor
ihr nieder, umklammert ihre Knie und stammelt: »Ich gehe ja zugrunde
bei diesem Leben! Sage, was soll aus mir werden? Du mußt doch wissen,
daß ich das nicht aushalten kann. So hab doch Mitleid mit mir.«
»Sie überfallen mich, und ich soll Mitleid mit Ihnen haben? Sie geben
mir Ihr Ehrenwort, mich nicht zwingen zu wollen, und machen dennoch den
Versuch dazu?«
»Hast du denn kein Verständnis für die Sprache der Sinne und des
Blutes?«
»Ich verlange, daß Sie sich beherrschen.«
»Das kann ich nicht mehr. Gerda -- Gerda --,« stöhnte er auf, »so
quäle mich nicht so -- habe doch Erbarmen -- ich habe ja ein Recht auf
dich --«
»Ein Recht auf mich!« fährt sie auf -- »meinen Sie wegen des Geldes?«
»Unsinn!« Auch er ist aufgesprungen und steht ihr jetzt in empörter Wut
gegenüber -- »Wer denkt an Geld! Du duldest meine Liebe seit Monaten --
du ließest dich küssen -- du ließest mich hoffen, daß du --«
»Das ist nicht wahr!« wirft sie ein.
»Ich habe ein Recht auf dich -- ich breche mein Ehrenwort -- ich nehme
dich -- hörst du -- ich zwinge dich --« und er umschlingt sie in wildem
Taumel und will sie auf das Ruhebett tragen.
Sie hat die rechte Hand frei, schlägt ihm ins Gesicht und zischt: »Sie
Ehrloser!«
Da wird er kreidebleich. Seine Arme zittern, und er läßt seine Last zur
Erde fallen.
Sie springt auf, hüllt sich in ihren Mantel, und herrscht ihn an: »Nach
Haus! Sofort holen Sie mir einen Wagen -- ich fahre allein!«
»Der Wagen wartet,« stammelte er und begleitet sie hinaus. -- -- --
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Gerda sitzt am Schreibtisch und rechnet. Das Geld muß sie so schnell
als möglich an Winkelmann zurückzahlen. Das gestrige Konzert hat
kaum die Hälfte der Unkosten gedeckt -- die teuren Stunden -- ihr
Lebensunterhalt -- an dreitausend Mark würde sie schon verbraucht haben
-- womit diese Summe decken -- und wovon weiterleben?
Sollte sie jetzt -- nachdem sie schon soviel Opfer gebracht -- ihr
ganzes Leben schon auf die künstlerische Laufbahn eingerichtet --
sollte sie jetzt noch umkehren müssen -- wieder versinken in den Alltag?
Reumütig in den Schoß der Familie zurückkehren?
Sie preßt die Lippen aufeinander.
Niemals!
Sie muß Rat schaffen. Woher -- woher? Sie muß Geld in den Händen haben,
so schnell wie möglich. Sie grübelt und sinnt. Der Kommerzienrat! Er
muß helfen. Aber -- ein Schütteln überkommt sie -- es muß sein.
Eilig kleidet sie sich an, fährt in sein Bureau und läßt sich melden.
In seinem Privatkontor, einem elegant und luxuriös eingerichteten
Herrenzimmer, welches durchaus nicht den Eindruck eines Geschäftsraumes
macht, empfängt er sie.
»Welch unerwarteter Besuch, mein gnädiges Fräulein!« Er geht mit
ausgestreckten Händen auf sie zu, führt sie zum Sofa, rückt einen der
schweren, tiefen Ledersessel davor und versinkt in dessen Polster.
»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit zu Ihnen, Herr
Kommerzienrat!«
»Das freut mich! Freut mich sehr, daß Sie Vertrauen zu mir haben. Ich
stehe Ihnen zur Verfügung, Fräulein von Wangenheim.«
Wieder blinzeln ihr seine Augen lüstern entgegen. Er hat den Sessel so
dicht vor sie geschoben, daß seine Knie fast die ihren berühren.
Gerda hätte aufspringen mögen und davonlaufen.
»Herr Kommerzienrat,« -- ihre Lippen zittern -- »ich brauche Geld!«
»Geld? So, so! -- Natürlich können Sie auf mich rechnen. Wieviel
brauchen Sie?«
»Zehntausend Mark.«