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Das letzte Band zwischen Dir und Deiner Familie hast Du zerschnitten.
Hauptmann von Kosewitz hat mir erzählt, wie Du in Berlin lebst. Nicht
genug, daß Du ein luxuriöses Leben führst, kostbare Toiletten trägst,
von denen man nicht weiß, wer sie bezahlt, zeigst Du Dich öffentlich
mit Deinem Geliebten, besuchst Theater und Restaurants, und das
alles, während Du noch die Trauerkleider um deinen Vater trägst.
Du bist unwürdig des Namens, den Du trägst. Kein Mitglied unserer
Familie wird Dich zu den Unsrigen zählen. Du trägst den Namen Deines
Vaters auf die Gasse und besudelst sein Andenken.
Wenn Du noch einen Funken von Ehrgefühl in Dir hast, so wirst Du
meinem Befehl gehorchen und unter einem anderen Namen leben.
Jeder Annäherungsversuch Deinerseits an mich oder an Deine
Geschwister würde scheitern, gleichviel, ob jetzt oder später.
Eleonore von Wangenheim.
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Verdammt, ohne gehört zu werden!
Wenn sie gesprochen, die Gründe ihres Handelns klargelegt hätte --
würde die Mutter sie verstehen?
Nimmermehr!
Nun waren die Brücken abgebrochen, es gab kein Zurück mehr. Sie
mußte den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Sie war sich voll
bewußt, daß er an Abgründen und Wirrnissen vorüberführte, daß tausend
Widerwärtigkeiten ihrer harrten -- sie ließ sich nicht abschrecken --
sie wollte siegen, herrschen!
Nun fiel jede Rücksichtnahme fort -- sie hatte nach niemand mehr zu
fragen -- für sie maßgebend war nur ihr eigenes Ich.
* * *
»Lotte, wie wunderbar du aussiehst. Ordentlich verklärt.«
»Ich bin glücklich, Ebba.«
Ebba zog die Freundin neben sich auf das Sofa.
»So hast du doch das Glück zu dir gezwungen!«
Lotte nickte. »Es kommt zu mir. Winzig und klein wird es sein, und wird
mich anlächeln, und, ›Mutter‹ werden die zarten Lippen stammeln.«
»Warum wollt ihr nicht zusammenbleiben? Liebst du ihn nicht?«
»Wir können nicht glücklich werden. Er ist von zügelloser Leidenschaft
und wird beherrscht durch seine Sinne. Eheliche Treue kennt er nicht.
Mit Gehring hätte ich wohl eine Ehe führen können, mit Arno Stürmer
nicht.«
»Liebst du Gehring noch?«
»Ja -- ich liebe ihn noch, denn er ist ein Mann, mit dem eine Frau
glücklich werden muß. Ich empfinde für ihn keine aufbrausende
Leidenschaft, ich könnte nie mit ihm in einem Rausch leben. In einem
Rausch, in dem mich Stürmer an sich genommen, er liebt mich mit dem
Herzen, jener mit den Sinnen.«
»Glaubst du nicht, daß Gehring wieder zu dir zurückgefunden hätte?«
»Ich habe darüber nachgedacht, Ebba. Nein, ich glaube es nicht. Für ihn
liegt die erste Pflicht der Frau im Hause als Gattin und Mutter. Will
sie diese Pflicht erfüllen, darf sie keinen Beruf haben.«
»Er wußte aber, daß du Künstlerin bist, und daß du deine Kunst liebst.«
»Man könnte ihm diesen Vorwurf wohl machen, ich kann es nicht. Die
Liebe zwischen uns war plötzlich da, zog uns zu einander hin, daß wir
keine Schranken sahen. Er trat in mein Leben, weil er eben mußte. Er
war mein Schicksal.«
»Und Arno Stürmer weiß nicht, daß du --«
»Das Kind gehört zu mir, ist mein alleiniges Eigentum, er soll keinen
Teil daran haben. Wozu auch? Es würde seinen Weg nur beschweren.«
Lotte war aufgesprungen und ging erregt hin und her. »Um Mutter zu
werden, habe ich mich ihm hingegeben. Ich habe einen hohen Einsatz
gewagt. Wäre mein Leib nicht gesegnet worden, dann wäre ich jetzt
unrein. Das Kind hat mich gereinigt.
Später mag er dann davon wissen, aber, teilen die Liebe meines Kindes
mit ihm -- niemals!
In zwei Monaten gehe ich fort von hier. Ich kaufe mir ein kleines Haus
im Gebirge, ich muß reine Luft um mich haben, wenn das Kind zur Welt
kommt. Höhenluft!
Dort werde ich schaffen und werde Mutter sein. Mein Kind und meine
Kunst -- weiter nichts!«
»Wirst du so einsam leben können?«
»Einsam! Als ob man einsam ist, wenn man Pflichten hat! Menschen! Was
sind Menschen! Ich bin oft einsamer unter vielen Menschen, als wenn ich
allein bin. Und du auch, Ebba. Wieviel Menschen hast du denn unter den
vielen, die du hier kennengelernt hast, gefunden, die dir etwas sein
konnten?«
Ebba seufzte.
»Du wirst zu mir kommen, Ebba. Wirst mich besuchen, und wirst mir
helfen, mein neues Werk schaffen -- du weißt -- ›Menschenliebe‹ -- dazu
brauche ich dich. Nur du kannst mich dazu inspirieren -- nur du kannst
mein Modell sein.«
»Bist du endlich auf dem Wege zum Glauben an die Menschheit?«
»Du hast mir diesen Weg gewiesen und mußt mich bis zu Ende führen.«
»Auch mir sind inzwischen Pflichten erwachsen, Lotte, ich ziehe in das
Haus meines Bruders und werde dort Hausfrau sein.«
»Das ist vernünftig! Dann bist du nicht mehr einsam und hast Inge, dein
Töchterchen. Die bringst du natürlich mit. Leid ist es mir nur um dein
schönes Heim,« sie ließ die Blicke umherschweifen, »das du mit soviel
Liebe und Kunstsinn wohnlich gemacht hast.«
»Das werde ich mir wieder schaffen.«
»Ja, Behaglichkeit um dich zu verbreiten, das verstehst du. Du bist die
idealste Hausfrau, die ich mir denken kann, und Lukas Westphal und Inge
werden es gut bei dir haben.«
* * *
In berückender Schönheit stand Gerda auf dem Podium. Die schwarze
Chiffonrobe hob die Blässe ihrer Haut, machte das Rot ihrer Haare
funkelnd aufleuchten. Ein prasselndes Händeklatschen empfing sie. Sie
lächelte und ließ ihre Blicke über den Saal schweifen.
Nur halb gefüllt.
Ihre Mundwinkel zuckten verächtlich.
Sie sang, aber es wollte nicht glücken. Das Publikum blieb kühl. Wohl
wurde eifrig geklatscht, als sie geendet, aber sie fühlte es wohl
heraus, ein Teil des Publikums verhielt sich zurückhaltend.
Zum Schluß mußte sie dreimal hervorkommen, ihre Freunde ruhten nicht
eher. Sie erhielt Blumenarrangements -- aber -- der Abend entsprach
nicht ihren Erwartungen.
Winkelmann hatte im Esplanade-Hotel einen Tisch reservieren lassen, und
sie saßen zusammen mit ein paar Freunden und Bekannten. Kommerzienrat
Menders, der Gerda ein kostbares Blumengebinde hatte überreichen
lassen, sagte ihr viel Schönes über ihren Vortrag und daß sie in Kurzem
ein Stern erster Größe sein würde. Seine kleinen, blinzelnden Augen
verschlangen ihren aus dem schwarzen Geriesel hervortretenden schlanken
Hals und ihre Büste mit seinen Blicken. Seine feuchten Lippen ruhten in
Gedanken auf jeder Stelle dieses Halses.
Gerda zwang sich, ihm liebenswürdig zu antworten, und duldete es, daß
er an ihrer Seite Platz nahm.
Es war eine lustige Gesellschaft, die da beisammensaß, die dem Wein
eifrig Zuspruch tat und sich nicht genug tun konnte, die junge
Künstlerin zu feiern.
Gerdas Unmut und üble Laune waren bald verflogen. Sie ließ sich den Hof
machen und kokettierte nach allen Seiten. Sie ließ sich den schäumenden
Sekt in ihren Kelch füllen, trank den prickelnden Schaum und goß den
Rest in den Kühler.
»Donnerwetter,« flüsterte der Kommerzienrat, »Sie lieben nur den
Schaum?«
Sie sah ihn an.
»Beim Sekt, ja.«
»Sie lieben das Prickelnde?«
»Beim Sekt, ja.«
»Hm. Auf die Art, wie Sie es machen, kommen Sie aber nicht zum Genuß.
Sie sollten nicht nur nippen -- Sie sollten schlürfen -- austrinken bis
auf den Grund -- dann erst haben Sie den vollen Genuß.« Er drängte sein
Knie dicht an das ihre, legte seine Hand auf ihre Hüfte und sah sie
durchdringend an.
Sie blieb ganz ruhig, zog ihren Körper nur leicht zurück und sagte mit
liebenswürdigem Lächeln: »Den Becher bis auf den Grund zu leeren, ist
stets vom Übel, Herr Kommerzienrat -- ich liebe es nur, zu nippen --
dies ist für mich der wahre Genuß.«
»Fräulein von Wangenheim, machen Sie meinen Mann nicht unglücklich,
gönnen Sie ihm ein Plätzchen an Ihrem Triumphwagen,« rief Frau
Kommerzienrat Gerda zu. »Wie traurig er aussieht, machen Sie ihm ein
klein wenig Hoffnung, ich habe sonst zu sehr unter seiner Laune zu
leiden.«
»Aber von Herzen gern, gnädige Frau, auf einen Ritter mehr kommt es mir
gar nicht an. Ich wußte nur bis jetzt nichts von Ihrer Absicht, Herr
Kommerzienrat --,« und sie sah ihn listig an.