Einen Augenblick schwiegen sie alle drei, dann sagte Winkelmann:
»Nun werden wir bald wieder die Trommel rühren müssen zu Ihrem
Konzert.«
»Recht schade, daß das Westphalsche Haus seine Pforten geschlossen
hat, da konnte man Beziehungen anknüpfen, und sich Publikum schaffen,«
sagte Reitzenstein. »Ist es nicht dies Haus, so ist es ein anderes.
Diese gastlichen Häuser, in denen man alle Welt trifft, finden Sie zu
Dutzenden hier in Berlin, eine Kleinigkeit, dort eingeführt zu werden.
Kennen Sie die Familie Menders? Kommerzienrat Menders, Fräulein von
Wangenheim?«
»Nein.«
»Dort sollten Sie verkehren. Höchste Kreise -- aber sehr stark
gemischt. Ich werde Sie einführen.«
»Können Sie machen, daß ich dort singe?«
»Ich glaube wohl.«
»Sagen Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Reitzenstein an
Gerda, »hört man denn nichts von Fräulein Wunsch? Sie ist doch so
gänzlich unsichtbar geworden. Ich hörte, ihr letztes Werk soll im
Frühjahr ausgestellt werden, wissen Sie etwas Näheres?«
»Ich hörte gestern in der Pension, daß sie in diesen Tagen
zurückerwartet wird.«
»Sie soll ja in der Nähe von München einen Traum geträumt haben,«
bemerkte Winkelmann.
»Fräulein Wunsch sieht mir gar nicht nach träumen aus.«
»Nun, der Traum hatte Arme und Beine und einen Feuerkopf.«
»Ein famoser Mensch und eine große Künstlerin ist die Wunsch,« bemerkte
Reitzenstein.
»Alle Welt ist gespannt auf ihre neueste Arbeit. Man erzählt, daß sie
durch dieses Werk uns alle verspottet und der Menschheit ins Gesicht
schlägt.«
»Wird wohl nur Stimmungsmache sein,« sagte Winkelmann.
»Man wird ja sehen. Aber eine bedeutende Arbeit soll es sein. Arno
Stürmer sprach davon.«
* * *
Winkelmann hatte Gerda bei dem Kommerzienrat Menders eingeführt, und
man hatte sie aufgefordert, auf dem nächsten Tee zu singen.
Wieder würde ihr Name genannt werden, wieder würde der Kreis ihrer
Anhänger sich erweitern.
Sie brauchte Menschen, Publikum!
Wie ein Fieber war es über sie gekommen. Gesehen werden -- von sich
reden machen! Sie, die bisher eine kühle Reserviertheit allen fremden
Menschen gegenüber gezeigt hatte, war jetzt von einer gewinnenden
Liebenswürdigkeit. Hatte für jeden ein freundliches Lächeln und
verbindliche Worte. Ihr Antlitz lächelte, aber ihr Inneres lachte.
Lachte und höhnte. Ich brauche euch, daß ihr es nur wißt -- Maske
mein Lächeln, Lüge meine Worte -- Mittel zum Zweck! Sprossen meiner
Stufenleiter seid ihr mir, nichts weiter. Hinauf zum Ruhm und Glanz.
Sie begann sich auffällig zu kleiden. War sie durch ihre Trauer auch an
die schwarze Farbe gebunden, so verstand sie es doch, durch irgendeinen
raffinierten Halsausschnitt, durch ein Arrangement ihres funkelnden
Haares, die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Sie brachte
sich zur Geltung, aber -- sie wirkte stets vornehm. Sie besuchte mit
Winkelmann zusammen die Konzerte. Ließ sich von ihm in Restaurants
führen, wo sie gesehen wurden. Sie setzte sich dem Gerede aus, als
Winkelmanns Geliebte zu gelten. Das war ihr gleichgültig. Sie lachte
darüber. Sie brauchte einen Kavalier, und Winkelmann war ihr gerade
recht dazu. Im übrigen war sie ihm auch zu Dank verpflichtet. Er
ermöglichte es ihr, weiter zu studieren, er machte sie bekannt, mit
Menschen, die ihr nutzen konnten -- genug, sie brauchte ihn. Und er war
glücklich, vor der Welt als ihr Geliebter gelten zu dürfen; daß er es
in Wirklichkeit werden würde, davon war er überzeugt.
Auch heute wollten sie zusammen in die Oper gehen. Gerda erwartete
ihn. Sie hatte versprochen, vorher mit ihm zusammen eine Tasse Tee
zu trinken. Sie saß an dem nett arrangierten Teetisch, rauchte und
lächelte. Der arme Reitzenstein! Er war tief unglücklich. Er hatte ihr
Vorwürfe gemacht, daß sie sich öffentlich mit Winkelmann zeigte. ›Wenn
er schon Ihr‹ -- er begann zu stottern -- ›wenn er schon -- Ihr -- Ihr
Geliebter ist -- so brauchen Sie das nicht allen Menschen ins Gesicht
zu schreien.‹
›Ich habe keine Ursache, mich oder mein Tun und Treiben zu verbergen,
Herr von Reitzenstein.‹
›Aber warum mußte gerade er es sein?‹