Da schrie er auf: ›Meine Liebe hat dich getötet!‹

Da schlug sie noch einmal die Augen auf und sagte: ›Deine Liebe?? --

Deine Begierde!‹ -- --

* * *

Die Sommerferien hatte Ebba mit Lukas und Inge im Thüringer Wald

verbracht. Sie hatten einen kleinen, von der großen Masse wenig

besuchten Flecken zum Aufenthalt gewählt. Hatten lange Spaziergänge

gemacht und waren erfrischt an Leib und Seele nach Berlin

zurückgekehrt. Namentlich Lukas Seele war erstarkt. Er hatte im Umgang

mit der klaren und ruhigen Frau sein erschüttertes Gleichgewicht

wiedergefunden. Thea war ausgestrichen aus seinem Herzen, sein Leben,

seine Ziele, waren andere geworden. Mit aller Zärtlichkeit, deren

seine müde Seele fähig war, hatte er sich an Inge geklammert, die

überglücklich ihre Liebe zwischen Vater und Tante verteilte. Es waren

schöne, ruhige Tage gewesen, die sie zusammen verbracht, und mit

Traurigkeit und Bangen vor dem Getriebe und der Hetzjagd der Weltstadt

hatten sie ihre Heimreise angetreten. Die Trennung von Inge wurde Ebba

schwer. Sie hatte sich so wohl gefühlt in ihrer Mutterrolle. Ihr Leben

war von Sorge um die beiden Menschen so ausgefüllt, daß sie Angst hatte

vor der Einsamkeit, und bange war, sich pflichtenlos zu fühlen.

Auch Inge standen die Tränen in den Augen, und sie hatte gejammert,

jetzt ohne ihr ›Muttchen‹ sein zu müssen. -- -- --

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Nun saßen sie seit Wochen wieder daheim. Ebba und Inge sahen sich

täglich, denn ohne Tante Ebba konnte Inge nicht mehr leben, das wollte

sie beschwören. Und gestern endlich war sie mit einem Vorschlag

herausgerückt. »Du weißt doch, daß wir die große Wohnung aufgeben,

Tante Ebba? Papa und ich allein in den vielen Gesellschaftsräumen -- es

ist schaurig in der großen, toten Wohnung. Und das Geld -- du weißt ja,

Papa will sparen. Wir haben uns schon Wohnungen angesehen. Eine gefällt

uns sehr gut. -- Aber -- wir möchten gern, daß du zu uns kommst. Papa

und ich haben das schon lange besprochen, aber Papa getraut sich nicht,

dich darum zu bitten. Aber ich -- ich habe mehr Mut, und mir -- kannst

du doch nichts abschlagen. Nicht wahr -- du tust es doch?«

Ebba zog das junge, im Eifer seiner Rede erglühte Mädchen an ihre

Brust. »Wenn du so genau weißt, daß ich dir nichts abschlagen kann, so

bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, Liebling.«

»Siehst du, siehst du, ich hatte recht, wir haben gewettet, Papa und

ich. Papa sagte nämlich: ›Sie wird sich besinnen,‹ und ich sagte: ›Sie

tat es ohne Besinnen!‹«

»So sicher warst du deiner Sache?«

Sie nickte.

»Inge,« Ebba nahm den Kopf des jungen Mädchens in ihre Hände und

sah liebevoll in ihre Augen -- »erinnerst du dich unserer ersten

Unterhaltung? Weißt du, daß wir miteinander kämpfen wollten? Ich, die

Unmoderne, mit dir, der ›ganz Modernen‹, wie du dich ausdrücktest. Du

wolltest mich zu dir hinüberziehen, und ich wollte dich zur Überwindung

deiner Schwächen bringen. Wer hat nun eigentlich gesiegt?«

»Du, Tante Ebba -- denn du bist so geblieben wie du warst, und ich

schäme mich, wenn ich an all das dumme Zeug denke, das ich im Kopfe

getragen. Modern und unmodern, ist ja auch alles Unsinn -- weißt du,

man sollte zuerst Mensch sein -- und das bist du -- ein prächtiger

Mensch. Ich aber -- du, Muttchen --« und sie versteckte ihren Kopf an

Ebbas Schulter -- »ich habe gefunden, daß es sich mit Menschen, die ein

Herz in der Brust haben, doch viel, viel besser leben läßt.« --

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Die Wolken fangen an, sich zu zerteilen -- dahinter

verborgen lag das Glück, mein Glück!

Es schwebt auf mich hernieder, ich halte es in

Händen. --

Der Rausch ist verflogen, wir müssen uns voneinander

trennen.

Du wirst mich wiedersehen, Ebba.

Ein Kind. Mein Kind. Kannst Du es fassen?

Im Liebesrausch erschaffen, und unter dem Zeichen

der Liebe und Zuneigung entwickelt.

Und mein allein.

Da wir nicht zusammenbleiben können, soll er keinen

Teil daran haben.

›Vom Glücklichsein träumt man nur.‹ Weißt Du noch

wie wir es sprachen?

Träume können sich erfüllen.

Der meine hat sich erfüllt.

Im Glück

Deine Lotte.

Ebba ließ den Brief auf den Tisch sinken. Erfüllt! So ward ihnen denn

beiden das Glück beschert, eine junge Seele zu hüten und pflegen,

und zu entwickeln. Lotte würde das Glück haben, Blut von ihrem Blut

ans Herz drücken zu dürfen, und sie selbst würde der Tochter ihres

Bruders zur Seite stehen. War es auch nicht ein Teil ihres Selbst,

so liebte sie dennoch dieses junge Geschöpf, das ihre liebeshungrige

Seele an sie gehängt, wie sie ihr eigenes Kind geliebt haben würde.

Nun war sie nicht mehr einsam. Sie konnte nun mit anderen für andere

leben! Dem Bruder wollte sie die langentbehrte Häuslichkeit schaffen,

sie würde seinem Hause, das bisher der Treffpunkt oberflächlicher,

vergnügungssüchtiger Genußmenschen gewesen, den Stempel der Ruhe und

Gediegenheit aufprägen.

Auch ihre Wünsche hatten sich erfüllt.

Das Glück, von dem sie geträumt, hatte sie nicht gefunden und konnte

sie auch nicht mehr finden. Es lag nicht in ihrer Art, sich über

Enttäuschungen hinwegzusetzen. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal

abgefunden. Aber vergessen, daß ein Mann in ihr Leben getreten, um es

zu zerstören, um sie um alles zu bringen, was das Leben einer Frau

wertvoll macht -- vergessen konnte sie das nicht. Und darum würde sie

auch niemals wieder ihr Leben an die Seite eines anderen Mannes ketten

können. -- --

* * *

Gerda saß mit Herrn von Reitzenstein in einem kleinen, eleganten

Weinrestaurant. Sie hatten sich im Konzert getroffen, und er hatte sie

gebeten, mit ihm zu Abend zu speisen.

Einen Augenblick hatte sie mit der Antwort gezögert, hatte ihn groß

angesehen, dann aber sagte sie: »Aber ein kleines, ruhiges Lokal bitte,

keine lärmenden Menschen -- nicht, daß ich fürchte, gesehen zu werden

-- aber ich bin in Trauer, wie Sie wissen.« --

»Ich glaube, Sie arbeiten zu viel, gnädiges Fräulein, Sie sehen

abgespannt aus.«

»Ich muß. Bedenken Sie, in kurzer Zeit muß ich wieder an die

Öffentlichkeit. Ich muß vorwärts, schnell vorwärts, das bedingt

angestrengtes Studium.«

»Sie sollten sich doch ein wenig mehr Ruhe gönnen, was schadet es denn,

wenn Sie wirklich ein bißchen langsamer vorwärtskommen. Sie haben in

kurzer Zeit schon soviel erreicht, Sie wollen alles im Sturm nehmen,

wie es scheint.«

»Gar nichts habe ich erreicht, im Verhältnis zu dem was noch zu

erreichen bleibt.«

Er goß den feurigen Burgunder in die Gläser. »Also, stoßen wir an auf

einen schnellen Aufstieg. Das heißt, in meinen Augen sind Sie schon auf

der Höhe.«

Sie ließ ihr Glas an das seine klingen und lachte: »Sie verstehen ja

doch nichts von Musik!«

»Viel allerdings nicht,« gab er freimütig zu.

»Warum sind Sie heute eigentlich in das Konzert gegangen? Der Vortrag

eines Geigenkünstlers und Sie ohne Gesellschaft im Saal! Kennen Sie den

Künstler, haben Sie Beziehungen zu ihm?«

»Ich bin doch nur hingegangen, um Sie dort zu treffen.«

»Soo -- darum. Welchen Zweck verbinden Sie damit?«

»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen, daß ich Sie liebe.«

»Und Sie wissen, daß ich Ihre Liebe nicht erwidere.«

»Sie lieben Winkelmann.«

»Muß man denn immer einen anderen lieben?«

»Eine Frau, wie Sie, die unter den Bewerbern nur zu wählen braucht, muß

einen bevorzugen.«

»Sie irren in der Tat, Herr von Reitzenstein. Ich bevorzuge niemand.

Es ist bisher noch keinem gelungen, meine Pulse fiebern -- mein Herz

schneller schlagen zu machen.«

»Man sollte beinahe meinen, Sie hätten gar kein Herz.«

»Es kann wohl so sein, wenigstens denke ich das selbst oft. Meinen Sie

nicht, daß es von Vorteil sei, ohne Seele zu leben?«

»Das ist ja überhaupt kein Leben -- ohne Seele!«

»Im Gegenteil, erst dann lebt man, denn dann beherrscht man das Leben.

Was wollen Sie, die Seele wird ja doch bloß unter die Füße getreten

oder in Stücke gerissen!«

»Und wenn Sie meine Seele in hundert kleine Fetzen reißen und mir vor

die Füße werfen -- so würde mir das bitter weh tun und ich würde durch

tausend Schmerzen gehen -- aber niemals würde ich deshalb wünschen,

keine Seele besessen zu haben. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie ohne

Seele sind, lassen Sie sich schnell eine einblasen.«

»Vielleicht von Ihnen oder von Winkelmann?«

»Warum nicht?« --

»Ah -- Herr Winkelmann -- bitte, Sie dürfen mir schon guten Abend

sagen.«

»Ich fürchtete, zu stören.«

Winkelmann trat an den Tisch und begrüßte die beiden. Als er das Lokal

betrat, hatten seine scharfen Augen Gerda sofort erspäht, auch mit wem

sie saß, wußte er, trotzdem er von Reitzenstein nur den Rücken sehen

konnte. Erst war es seine Absicht gewesen, sich in eine Ecke zu setzen

und die beiden zu beobachten, dann aber änderte er seinen Entschluß,

und er ging langsam an dem Tisch vorbei, so tuend, als bemerke er sie

nicht. Würden sie keine Notiz von ihm nehmen, so wollten sie nicht

bemerkt werden, und er wußte Bescheid, andernfalls -- da rief Gerda ihn

an, und er begrüßte sie.

»Sie stören durchaus nicht. Im Gegenteil, wir sprachen gerade von

Ihnen. Sie sollen mir nämlich eine Seele einblasen.«

»Das täte ich von Herzen gern -- wenn Sie nämlich keine haben.«

»Ich habe keine!«

»Das bilden Sie sich doch nur ein! Dann wären Sie ja eine Melusine, ein

unirdisch Lebewesen -- kein Menschenkind.«

»Das bin ich vielleicht.«

»Haben Sie Ihren Vater lieb gehabt?« Reitzenstein sagte es leise und

zart, ganz zart.

Begierde · 第 32 / 55 题