Gerda lachte: ›Warum nicht Sie?‹

›Ja, warum nicht ich?‹

›Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Reitzenstein, weil Sie gar

so unglücklich aussehen, Herr Winkelmann ist nicht mein Geliebter.‹

›Nicht??‹ hatte er ungläubig gefragt. Dann hatte er ihr stürmisch die

Hände geküßt und war davongestürzt. -- -- --

»Ach, die wundervollen Rosen, ich danke Ihnen, Herr Winkelmann.«

Winkelmann hielt ihr einen herrlichen, dunkelroten Strauß Rosen

entgegen.

»Ein wundervoller Duft! Ich liebe die tiefdunklen Rosen. So -- und nun

ist Ihr Wunsch erfüllt, Sie befinden sich in meinem ureigenen Reich.

Ein etwas wirres Durcheinander, wie Sie sehen. Eben ein Pensionszimmer,

mit Möbeln, die nicht mir gehören, zwischen denen die paar Stücke, die

mein Eigentum, sich als fremde Gesellen ausnehmen.«

Sie legte den Rosenstrauß in ihren Schoß, zog eine Rose heraus und

begann sie zu zerpflücken. Einzeln löste sie Blatt um Blatt und

zerstreute die Blätter über den Tisch.

»So, und nun schenken Sie uns den Tee ein. Sie sehen, es steht alles

bereit.«

Winkelmann goß den Tee in die japanischen Schalen, legte ihr kleine

Kuchen auf und bestrich die gerösteten Brotscheiben mit Marmelade. Es

war das erste Mal, daß er dem schönen Mädchen in ihrem eigenen Wohnraum

gegenübersaß. Hatte das Zimmer auch nichts Persönliches, so war es

doch der Raum, in dem sie lebte, die Möbel, die sie täglich benutzte,

all die Gegenstände, die sie umgaben. Das Zimmer war erfüllt von ihrem

Duft. Dort, hinter dem Schirm, stand ihr Bett. Er war in dem Zimmer

einer jungen Dame, in welchem sie schlief, studierte, und ihre guten

Bekannten empfing.

Eine Beklemmung überkam ihn. Wie lange sollte dieses Spiel noch dauern?

War er toll, sich so am Gängelband führen zu lassen? Warum nahm er sie

nicht einfach in seine Arme und zwang sie zu sich? Warum nicht heut? --

jetzt gleich? Sie mußte doch wissen, daß sie ihm verfallen war!

Er sah zu ihr hinüber.

Sie trug ein schwarzes, tiefausgeschnittenes Kreppkleid. Ihre Schultern

glänzten im matten Weiß, und das blasse, von einer zarten Röte gefärbte

Gesicht atmete das volle Bewußtsein seiner Schönheit. Eine geheime,

fast spöttische Freude blitzte aus ihren halbgeschlossenen Augen,

zitterte um ihre Nasenflügel.

Sie ahnte seine Gedanken, und sie war voll fiebernder Neugierde.

»Gerda!« -- Und er lag vor ihr und wühlte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Oh -- meine armen Rosen --« Und sie legte den Rosenstrauß auf den

Tisch, legte ihre kühle, weiße Hand auf sein Haupt, und sprach: »Stehen

Sie auf, und seien Sie vernünftig.«

»Du bringst mich um den Verstand mit deiner Kälte,« stöhnte er. »Gerda

-- was hast du aus mir gemacht!« Er umschlang sie leidenschaftlich und

bedeckte ihren Hals mit glühenden Küssen.

Sie wehrte ihm nicht. Aber als seine Lippen die ihren suchten, stieß

sie ihn zurück und sagte mit eisiger Ruhe: »Hören Sie auf, und nehmen

Sie endlich Vernunft an, oder ich verbiete Ihnen, mich wiederzusehen.«

Da ließ er ab von ihr. Seine Züge verzerrten sich, und mit heiserer

Stimme flüsterte er: »Sie sind das kälteste und herzloseste Weib, dem

ich jemals begegnet.«

»Wenn Sie das wissen, so suchen Sie sich zu beherrschen.«

»Ich kann dieser Leidenschaft nicht Herr werden -- ich kann

nicht!« -- -- --

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Nein -- er kann nicht mehr los von ihr. Über eine Woche hatte er sich

ferngehalten, hatte sich nicht blicken lassen -- dann hielt er es nicht

mehr aus. --

»Warum sind Sie fortgeblieben?« sagte sie.

»Das wissen Sie,« erwiderte er finster.

Sie lachte ihn aus.

»Wer hat Sie begleitet, als ich nicht zur Stelle war?«

»Reitzenstein natürlich!«

»Sie sind ein Dämon,« zischte er.

»Der Dämon sitzt in Ihnen.« -- -- --

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Gerda hatte bei Kommerzienrat Menders gesungen. Sie hatte viel neue

Menschen kennengelernt, und man hatte ihr viel Schönes gesagt über

ihren Gesang, ihre Art, sich zu kleiden -- dennoch kam sie verstimmt

heim.

Der Zufall wollte es, daß sie ein Gespräch über ihre eigene Person

anhören mußte. ›Ganz leidliche Stimme, aber nichts für den Konzertsaal.

Soubrettenstimme.‹ ›Dazu paßt ihr Äußeres doch nicht,‹ erwiderte die

andere Stimme. ›Viel zu vornehm, reserviertes Auftreten! Überhaupt eine

königliche Erscheinung.‹ ›Sollte zum Kabarett oder zum Varieté gehen.

Aus diesem Munde, in lässiger Vornehmheit, pikantes Genre vorgetragen

-- Donnerwetter -- das würde ziehen.‹ -- -- --

Sie wollte die sprechenden Personen sehen, wollte wissen, wer so über

sie urteilte -- aber es gelang ihr nicht. Das Gespräch fand hinter

einer nur angelehnten Tür statt, vor der sie mit Bekannten plaudernd

stand. Als sie sich frei machen konnte, die Tür öffnete, waren im

anstoßenden Zimmer so viel plaudernde Gruppen, daß es unmöglich war,

die Stimmen herauszufinden. Dicht an der Tür stand niemand mehr. Sicher

aber war, daß es Männerstimmen gewesen waren.

Der Kommerzienrat trat auf sie zu und dankte für ihren Vortrag. Er war

ein kleiner, dicker Herr mit kleinen, blinzelnden Augen. Er unterhielt

sich lebhaft mit ihr über ihre Stimme und ihre Pläne. »Also, im Februar

ist Ihr Konzert?«

Sie nickte.

»Hundert Billette kann ich unterbringen. Lassen Sie mir dieselben in

mein Bureau senden, wenn es so weit ist. Ich sage Ihnen das schon heut,

mein gnädiges Fräulein, denn Sie müssen wissen, ich bin von Geschäften

stark in Anspruch genommen -- könnte vergessen -- und möchte Ihnen doch

gern dienlich sein.«

Gerda war empört. Wie unzart. Konnte er die Billette nicht von den

Verkaufsstellen beziehen? Sie sollte wissen, was er für sie tat. Er

verlangte einen Dank.

Er nahm hundert Billette gegen Bezahlung, folglich half er die Kosten

decken.

Sie neigte hochmütig das Haupt: »Ich bin Ihnen dankbar für Ihr

liebenswürdiges Interesse.«

Begierde · 第 34 / 55 题