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Als Gerda nach einigen Tagen von einem Spaziergang in die Pension kam,
trat ihr Winkelmann, der im Gesellschaftszimmer auf sie gewartet hatte,
entgegen.
»Gnädiges Fräulein -- ist es wahr, Sie wollen die Pension verlassen?
Sind Sie unzufrieden?«
»Ich werde voraussichtlich Berlin verlassen.«
»Unmöglich! Ihr Studium, Ihre Karriere, die Sie eben erst begonnen --«
»Werde ich aufgeben.«
Sie sagt es bewegungslos. Ruhig und beherrscht sind ihre Züge. Die
blasse Gesichtsfarbe erscheint durch das schwarze Kreppkleid noch
bleicher, noch durchsichtiger. Aus den rötlichen Haaren scheinen Funken
aufzusprühen, sie leuchten im dämmrigen Licht der hereinbrechenden
Abendschatten.
Er sieht sie erstaunt an. »Aufgeben -- habe ich recht verstanden? Sie
wollen der Kunst entsagen? Freiwillig entsagen? Das ist unmöglich! Wer
oder was sollte Sie dazu zwingen?«
»Die Verhältnisse.«
Das, worüber sie Tag und Nacht nachgrübelte, was unaufhörlich ihre
Gedanken beschäftigte, war willenlos ihren Lippen entflohen.
Er beginnt zu verstehen und schweigt.
Stumm und bleich, hoch aufgerichtet, sitzt sie ihm gegenüber. Unnahbare
Kühle weht ihn an. Er muß sie durchdringen. Jetzt gab es einen Weg.
»Wenn zwei Augen sich schließen, tritt oft ein Umschwung der
Verhältnisse ein, ich weiß das. Ihr Studium kostet Geld -- eine kurze
Zeit noch -- dann wird Ihnen zurückfließen, was Sie jetzt anwenden.
Sie müssen unbeschränkt über eine größere Summe verfügen können, um
schnell vorwärts zu kommen, Sparen hilft Ihnen nicht zum Ziel. Sie
müssen auftreten können, kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich
-- gnädiges Fräulein« -- er sieht ihr fest und ernst in die Augen --
»gestatten Sie, daß ich auf der Deutschen Bank zehntausend Mark auf
Ihren Namen niederlege, zu Ihrer freien Verfügung -- nein, fahren Sie
nicht auf, hören Sie mich bitte ruhig zu Ende. Es ist dies nur eine
Summe, welche ich Ihnen vorstrecke, Sie können Sie mir mit Zinsen
zurückzahlen, ich schlage Ihnen nur ein Geschäft vor. Es ist für mich
eine Kapitalsanlage, und eine gute, wenn ich Sie dadurch der Kunst
erhalte. Sie dürfen der Kunst nicht entsagen um kleinlicher Geldsorgen
willen.«
Gerda, welche bei seinen Worten aufgefahren war, hat sich beherrscht.
Was sie seit Tagen gedacht, hatte er ausgesprochen -- ›kleinliche
Verhältnisse sind Ihnen hinderlich‹ -- Nichts würde sie erreichen, wenn
sie untertauchen wollte, gar nichts. Es galt, in der Gesellschaft eine
Rolle zu spielen, sich eine Schar von Anhängern zu sichern. Dies waren
die Stufen, die hinaufführten zur Höhe des Ruhms. Ihre Wangen sind
leicht gerötet, durchdringend sieht sie ihn an und sagt mit eisiger
Kälte: »Sie wollen mir diese Summe leihen, gegen Zinsen leihen und --
ohne jeden Hintergedanken?«
»Ich sagte schon, ich schlage Ihnen ein Geschäft vor, weiter nichts.«
»Bei einem Geschäft könnten Sie auch meinen, mich mitzukaufen. Ich
möchte die ausdrückliche Erklärung von Ihnen hören, daß Sie meine
Person ganz außer acht lassen, daß Sie einzig und allein der Kunst
halber --«
»Nur der Kunst halber, Fräulein von Wangenheim, die Versicherung kann
ich Ihnen geben.«
»Nun wohl, ich nehme an. Sie bekommen Ihr Geld zurück, nebst 5 Prozent
Zinsen. Die Zeit kann ich Ihnen allerdings nicht bestimmen --«
»Das ist auch nicht notwendig. Ich bin glücklich, Ihnen helfen zu
dürfen und Sie der Kunst zu erhalten.« --
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Gerda studierte mit Feuereifer, sie bereitete ihr zweites Konzert
vor, welches im Februar stattfinden sollte. Ihrer Mutter hatte sie
geschrieben, daß sie nicht nach Haus zurückkehren werde, denn sie könne
ihre Kunst nicht aufgeben. Sie sehe ein, daß die Eltern ihretwegen
Opfer gebracht hätten, und eben deswegen müsse sie weiterarbeiten, um
dereinst zurückerstatten zu können. Sie werde versuchen, vorwärts zu
kommen und durch Stundengeben Geld zu verdienen.
Darauf hatte die Mutter geantwortet, sie könne sie natürlich nicht
halten. Wenn es ihr lockender erscheine, sich kümmerlich ihr Brot zu
verdienen, statt in wohlgeordnetem Haushalt die Tochter des Hauses zu
sein, mit der Aussicht auf eine gute Heirat, so solle sie nur bleiben,
wo sie sei, aber -- was sie dem Namen ihres Vaters schuldig sei -- das
solle sie niemals vergessen.
So war denn auch das geordnet, und sie war frei. -- -- Abgesehen von
einigen kleinen Teegesellschaften, die sie der Beziehungen halber
besuchte, lebte sie ihrer Trauer wegen zurückgezogen. In der Pension
war sie wohnen geblieben, da ja der Grund des Sparenmüssens wegfiel.
Seit jenem Tag, da sie das Anerbieten Winkelmanns angenommen, waren
drei Wochen vergangen, und sie hatte ihn nicht wiedergesehen, dessen
war sie froh.
* * *
Winkelmann hatte sich absichtlich von Gerda ferngehalten. Tag und Nacht
grübelte er, wie er sie gewinnen könne. Als er ihr das Geld angeboten,
hatte er gemeint, sich ihr näher zu bringen. Aber als sie so ohne
Umstände, kühl und sachlich, sein Anerbieten angenommen, wußte er auch,
dies war kein Weg, der zu ihr führte. Er, der gewöhnt war, die Frauen
zu beherrschen, fühlte sich hier beherrscht. Nicht durch Launen, nicht
durch Liebe, nein, durch grenzenlose Kälte. Es war keine Kälte, die
nur ihm galt, es war eine Kälte, überhaupt, die von ihr ausging. Viele
Frauen hatte er besessen, junge, unberührte Mädchen, reife Frauen
hatte er sein nennen können, bei allen hatte er verstanden, den Funken
zur Flamme anzufachen, nur bei dieser war seine Mühe vergebens. Und
doch -- er mußte, mußte sie in seine Arme zwingen.
Er schloß die Augen. Sein Blut drängte zum Gehirn. Da tauchten
gleichsam aus duftigen Nebelschleiern ihre bleichen Züge auf, unter den
langen, dunklen, sich langsam hebenden Wimpern, drang der Blick ihrer
kühlen, grauen Augen in sein Herz. Aus ihren duftenden Haaren sprühten
und knisterten Funken, die ihn in Flammen setzten.
In diesem Augenblick wurde ihm klar, daß er von einer rückhaltlosen
Leidenschaft besessen war, einer Leidenschaft, die zum Wahnsinn oder
Verbrechen führen konnte.
Das Schicksal wollte es, er sollte alle jene Qualen erdulden, über die
er so oft spöttisch zu Gericht gesessen. Liebe? War das Liebe?
Wieder schloß er die Augen.
Und da hielt er sie in seinen Armen, bedeckte ihren jungfräulichen,
blühenden Leib mit glühenden Küssen. Ihre Wangen überkam ein leichtes
Rot, ihre Augen sahen ihm gerade ins Gesicht, kalt und hart, und ihre
Lippen sprachen: ›Du schändest meinen Körper -- denn du liebst mich
nicht!‹
In dem Rausch seiner Sinne überfiel ihn eine grenzenlose Wut. Er fühlte
eine Lust, den zarten Körper zu zerstören. »Mein Blut verlangt nach
dir, alle meine Sinne sind in Aufruhr -- mein -- -- mein --«
Unter seinen Liebkosungen aber wich das Leben aus ihrem Körper, sie
wurde kalt und starr, eine steinerne Masse.