Und dann -- dann war das Schreckliche gekommen. Das unglückliche
Telegramm: Vater Schlaganfall, komme sofort. -- -- --
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Voller Entsetzen war Gerda aus dem Elternhause geflohen.
Was sollte nun werden?
Unmögliches hatte man von ihr verlangt, hatte man ihr zugemutet.
Ihre Kunst sollte sie aufgeben? Sie sollte sich einsperren lassen in
den Alltag?
Wie hatte die Mutter zu ihr gesprochen?
›Es ist eine brotlose Kunst, Jahre können vergehen, ehe du dir deinen
Unterhalt damit erwerben kannst. Und selbst, wenn du mir die Garantie
geben könntest, auch nur ein Jahr noch meiner Hilfe zu benötigen, so
kann ich selbst dieses eine Jahr dir nicht gewähren, denn ich habe
nichts als meine Pension. Der letzte Rest unseres kleinen Vermögens ist
draufgegangen für dein Studium. Du hast es durchgesetzt beim Vater, dir
gegenüber ist er ja immer schwach gewesen. Es bleibt dir nichts anderes
übrig, du mußt hier mit unterkriechen. Du kannst dich der Wirtschaft
annehmen, dich der Erziehung deiner beiden Geschwister widmen. Etwas
anderes kann ich dir nicht bieten. Was willst du auch? Ich sollte
meinen, du hast keinen Grund, unzufrieden zu sein, du weißt, ich war
nie einverstanden mit deiner Kunst, gegen meinen Willen hast du es beim
Vater durchgesetzt. Ein junges Mädchen unserer Kreise gehört nicht an
die Öffentlichkeit.‹ -- --
Den Vater hatte sie nicht mehr lebend angetroffen. Er war gestorben,
ohne seine Lieblingstochter noch einmal ans Herz gedrückt zu haben.
»Vater, lieber Vater!« zuckten ihre Lippen, und langsam rannen die
Tränen über ihre bleichen Wangen.
Was sollte nun werden?
Eingesperrt in den Kreis der Familie?
Hatte sie nicht eben angefangen, ihren vorbestimmten Weg zu gehen? Sie,
die bestimmt war, durch ihre Kunst, durch ihre Schönheit, zu herrschen,
sollte wieder untertauchen in die vergangene Welt? In eine Welt, in
der ihr vielleicht die Versorgung in Gestalt eines Gatten winkte?
Eheglück! Kindersegen! Häusliche Sorgen! Ihr schauderte. Nein! Sie
hatte, umrauscht vom Beifall der Masse, auf dem Podium gestanden, sie
hatte den Rausch des Künstlers, der beherrscht, in seinen Bann zwingt,
kennengelernt -- sie konnte nicht mehr zurück.
Sie mußte den einmal betretenen Weg gehen -- bis zum Ziele gehen.
Geld! Wovon sollte sie leben? Die teuren Stunden bezahlen?
Ein Angstgefühl preßte ihr die Kehle zusammen, und würgend stiegen ihr
die Tränen empor.
»Vater, lieber Vater, du hättest Rat geschafft! Nur ein einziges Jahr
noch -- und es wäre erreicht!«
Sie preßte ihre schlanken Hände an die schmerzende Stirn. Was tun?
Zunächst die teure Pension verlassen. Versuchen, durch Stundengeben
Geld zu verdienen.
Lächerlich! Auch nicht den vierten Teil dessen, was sie gebrauchte,
um ihren Unterhalt und die Stunden zu bezahlen, würde sie verdienen
können. Ja, wäre sie berühmt, anerkannte Künstlerin! In Scharen kämen
die Schüler und zahlten jeden Preis. Aber so.
Dreihundert Mark -- das war ihr ganzer Reichtum. Mit unsäglichen
Schwierigkeiten hatte sie die Summe von ihrer Mutter erlangt, um noch
einmal nach Berlin zurückkehren zu können, um -- wie sie gebeten -- in
Ruhe mit sich zu Rate zu gehen.
›Es ist ein Verbrechen, das ich begehe,‹ hatte die Mutter gesagt --
›das viele Geld, ich könnte es besser im Haushalt verwenden, aber sei
es drum. Es ist im Sinne deines Vaters, wenn ich dir willfahre -- gehe
noch einen Monat nach Berlin, und kehre vernünftig zurück!‹
Einen Monat!
Vernünftig zurück! Niemals, das war gewiß -- aber wie sich weiterhelfen?