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Lotte -- -- das Schicksal ist stärker als wir. Du gehst deiner
Bestimmung entgegen. Sei nicht verzagt. Du gehörst zu den Auserwählten,
auch wenn deiner Sehnsucht Erfüllung ausbliebe.
Einem, der die Menschen liebt, ist auch das Unbegreiflichste nicht
fremd. -- -- --
* * *
Unter Stürmen und Regenschauern war der Herbst ins Land gezogen.
Berlin rüstete für die beginnende Saison. Auch die letzten Zugvögel
waren zurückgekehrt in den heimatlichen Hafen, bereit, sich mit
neugewonnenen Kräften in Vergnügen, Geschäft und Modesorgen zu stürzen.
Vor den Schaufenstern staute sich die Damenwelt, um die kommende
Mode zu begutachten. Noch enger der Rock, noch schlanker die Linie.
Die fülligen Damen seufzten. Wieder auf Süßigkeiten und Leibspeisen
verzichten oder eine Entfettungskur durchmachen.
Oh, du törichte Mode, zwingst sie alle in deinen Bann. Auflehnen? Ein
Ding der Unmöglichkeit!
Jede Mode ist schön. Sie wirkt unschön, sobald sie vorüber ist.
Vor den Auslagen des K. d. W. stand Gerda von Wangenheim und studierte
eine grasgrüne Gesellschaftstoilette. Ein herrliches Kleid für ihr
Konzert wäre dies! Sie seufzte. Unerschwinglich. Mit Schaudern dachte
sie an die Vorwürfe ihrer Mutter. Immer nur Geldkosten! Keine Aussicht
auf Einnahme! Du mußt sparen, mußt dich bescheiden! Weiter bekam sie
nichts zu hören.
Der Vater war lieb und gut zu ihr gewesen. Hatte sie nur einmal in sein
Zimmer genommen und sie gefragt, ob sie nun bald auf Einnahmen rechnen
könne, denn lange -- lange reichte es nicht mehr aus. Da hatte sie
ihn liebevoll umhalst und ihm gedankt und gesagt: ›Noch diesen Winter
werde ich mit Stundengeben anfangen. Es wird nicht viel sein, aber der
Anfang ist dann gemacht. Ich habe viel Beziehungen angeknüpft, man wird
mir helfen. Nur mein erstes Konzert, lieber, guter Papa, das kostet
noch, aber dann -- du mußt an mich, an meine Kunst glauben. Es wird
schon kommen, dann zahle ich alles zurück, dann soll das alles den
Geschwistern zugute kommen.‹ Da hatte er gelächelt und geantwortet:
›Ich habe immer an dich geglaubt, Gerda.‹
Geld verdienen! Stunden geben! Sie schauderte, wenn sie an dieses, ihr
Versprechen, dachte. Wer sollte Stunde nehmen, bei ihr, der jungen,
unbekannten Anfängerin? Wieviel Schüler müßte sie haben und welches
Honorar müßte sie verlangen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?
Das Leben in Berlin kostet Geld. Selbst in zwei, drei Jahren würde
sie nicht soviel verdienen können, wie sie brauchte, oder aber -- es
geschähe ein Wunder. Um vorwärts zu kommen, gebrauchte sie den Luxus,
es ging nun einmal nicht anders. Würde sie bescheiden auftreten, würde
sie beiseite gestellt und vergessen werden.
Das grüne Kleid! Wie herrlich es zu ihrem Haar stehen würde! Man könnte
es von einer Schneiderin nacharbeiten lassen.
»So in die Modenschau vertieft, gnädiges Fräulein?«
Sie wandte sich um. »Herr Winkelmann! Nein, wie sich doch alles wieder
zusammenfindet.«
»Die Motten umschwirren das Licht.«
»Nehmen Sie nun sich als Motte und bin ich das Licht? Oder meinen Sie
damit den Schwarm, der die Großstadtluft atmet?«
»Eigentlich meine ich beides. Wie die Insekten blindlings dem Lichte
nachziehen, ob es ihnen auch Tod und Verderben bereitet -- so zieht
uns, die Weltkinder, immer und immer wieder die Großstadt in ihren
Strudel hinein. Und ich -- mein gnädiges Fräulein -- ich kenne mein
Schicksal nicht, aber ich weiß, daß ich dem Feuer, das mir leuchtet --«
und er warf einen bezeichnenden Blick auf die Fülle ihres Haares --
»folgen muß in Tod und Verderben oder in Seligkeit und Glück.«
»Also, Sie sind unverändert zurückgekehrt?«
»Unverändert.«
Langsam schlenderten sie die Tauentzienstraße entlang. »Und wo haben
Sie die Sommermonate verlebt, gnädiges Fräulein?«
»Ich war erst mit einer Freundin an der Ostsee, wo wir fleißig gebadet
haben, und die übrige Zeit habe ich in meinem Elternhaus verbracht.«
»Und jetzt studieren Sie fleißig für Ihr Konzert, wie ich vermute?«
»Sehr fleißig. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin zu bewältigen. Je
näher der Termin rückt, je weniger bin ich mit meinem Können zufrieden.«
»Haben Sie den Tag schon festgesetzt?«
»Ja, die Konzertdirektion drängt, ich werde mich morgen entscheiden.«
»Lassen Sie es mich zeitig wissen, damit ich für Sie arbeiten kann.
Ich muß mich ja wohl doppelt ins Zeug legen, da Sie die Hilfe von Thea
Westphal entbehren müssen.«
Sie sah ihn fragend an.
»So wissen Sie nicht?«
»Nichts weiß ich. Was ist es mit ihr?«
»Auf und davon ist sie gegangen.«
»Allein?« entfuhr es ihr.
Er lachte. »Natürlich mit Gernsheim. Sie sind erst nach Paris, dann
Nizza, Monaco -- den üblichen Weg. Dort hat er alles verspielt, und
sie hat sich einem schwerreichen Russen ergeben, der sie mit nach
Petersburg genommen hat.«
»Abscheulich!«
»Was wollen Sie? Naturanlage und Unbeherrschtheit! Modern, weiter
nichts.«
»Sie können es doch nicht gutheißen, von Mann und Kind einfach
davonzulaufen?«
»Warum nicht? Wenn es einen dazu treibt?«
»Würden Sie ebenso sprechen, wenn es Ihre Frau gewesen wäre?«
»Sicherlich. Ich würde keine Frau halten, die von mir strebt. Wozu?«
Sie waren am Steinplatz angekommen und bogen in die Uhlandstraße ein.
Vor der Tür ihrer Pension verabschiedete sie sich. Er ging den Weg,
den sie gekommen, zurück. Und er dachte an den Abend, an dem er sie
zum ersten Male nach Hause begleitet hatte. Wie stolz und unnahbar sie
gewesen, und wie sie ihn gereizt durch ihre Kälte. Ihm, der gewöhnt
war, zu siegen, ihm wurde hier ein Halt geboten. Und wieder stieg
das Begehren heiß in ihm empor: du mußt sie bezwingen, du mußt sie
erkämpfen, diese Lippen in heißem Kuß entflammen, diesen Leib bebend an
dich pressen.
Sie spielte mit ihm. Nein, er ließ nicht mit sich spielen. Sein mußte
sie werden. -- --
* * *
Winkelmann hatte sein Versprechen erfüllt. Er hatte für sie gearbeitet.
Der Saal war dreiviertel gefüllt von einem Publikum, das seine Billetts
bezahlt hatte! Etwas Unerhörtes für eine junge Anfängerin.
Und als sie stand, umrauscht vom Jubel ihrer Anhänger, ihrer Freunde,
die, hingerissen von ihrer Schönheit, immer von neuem Beifall
klatschten, als man ihr Blumenspenden aufs Podium reichte, da fühlte
sie sich als große, gefeierte Künstlerin.
Und als sie nach dem Konzert bei einer Feier mit ihren Freunden und
Bekannten beisammen saß und alle ihr Bewunderung zollten, da fühlte sie
sich in einem Siegestaumel, da sah sie ihre Zukunft gesichert.
Strahlend gab sie am nächsten Tage eine Depesche an ihren Vater auf:
»Großer Beifall. Unkosten gedeckt.«
Und als zwei Tage vergangen, da wurde aus der großen, gefeierten
Künstlerin eine bescheidene Anfängerin. ›Stimme und Vortragstalent wohl
vorhanden, aber noch viel Studium nötig. Für eine junge Anfängerin eine
ganz respektable Leistung. Aber weiterarbeiten, sich bewußt sein, daß
man Anfängerin ist, trotz des gezollten Beifalls der guten Freunde.‹
Und dann, dann wurde sie ganz klein. ›Mehr wohl die körperlichen
Vorzüge, die entzückende, moderne, grüne Toilette, haben das Publikum
veranlaßt, dieser jungen Anfängerin einen Beifall zu zollen, der ihrem
Vortrag nicht entsprach.‹ -- --
Also arbeiten -- studieren -- weiter. Noch lange nicht am Ziel!
Sie biß die Zähne zusammen und stürzte sich in ihr Studium. Ihr Lehrer
war zufrieden gewesen. ›Was wollen Sie denn noch mehr?‹ hatte er
gesagt. ›Sie sind doch eine Anfängerin. Stimme und Vortrag hat man
gelten lassen, darauf bauen Sie auf. Dachten Sie denn, mit dem einen
Konzert würden Sie erreichen, was andere in zwanzig, dreißig kaum
erreichen? Und das wollte ich Ihnen auch sagen, allzuviel Beifall der
Freunde schadet nur, wenigstens bei der Kritik. So -- und nun arbeiten
Sie fleißig weiter, und im Frühjahr geben Sie das zweite Konzert.‹ --
Und dann war einer gekommen, der hatte ihr ein Anerbieten gemacht.
›Ich will Sie berühmt machen. In einem Jahre sind Sie berühmt, ich
garantiere Ihnen dafür. Sie müssen umsatteln. Sie sollen keine
ernsthafte Konzertsängerin werden. Chansons sollen Sie singen. Fein
pointierte, ein wenig pikante Chansons. Sie sind eine königliche
Erscheinung -- glänzend, ausgezeichnet würden Sie wirken -- wir würden
ein Geschäft machen -- Geld verdienen -- viel Geld! Sagen Sie ja und
Sie sind in einem Jahre berühmt und haben ein glänzendes Einkommen.‹
Sie hatte ihm die Türe gewiesen.
Sie wußte wohl, daß er dieses Anerbieten nicht ihrer Stimme, sondern
nur ihrem Körper gemacht hatte.
›Sie werden sich bedenken‹, hatte er gesagt. ›Hier haben Sie meine
Adresse, Sie brauchen mich nur zu rufen, ich bin noch immer bereit.‹
Geld, viel Geld!
Es lag ihr im Ohr.
Berühmt! Berühmt im Varieté!