Sie rang die Hände, und eine jammernde Qual stieg in ihr auf.
Ja, sie war Künstlerin -- aber sie war auch Weib.
Ihr Gesicht verzerrte sich, und ihr Atem ging schwer.
»Weib,« stöhnte sie, »fieberndes, verlangendes Weib! Was soll mir die
Kunst, wenn sie mich der Liebe beraubt?«
Mit drohend erhobener Faust schritt sie auf ihr Werk zu: »Oh, du,
du -- --«
Lüsterne Augen blickten ihr entgegen, schwellend geöffnete Lippen
gierten nach den ihren, Arme tasteten und befühlten ihren Körper -- --
da sank sie laut schluchzend nieder und stammelte: »Gut, daß du gingst,
du hast recht getan.«
Und die Schatten fielen, fielen auf das einsame Weib, das allein blieb
mit seinem Werk, das ihr die Liebe gebracht und wieder geraubt.
* * *
»Es ist schwer, Ebba, die Flammen zu ersticken, wenn sie schon so hell
brannten.«
»Lotte, -- ich glaube, er wird den Weg wieder zurückfinden.«
Lotte schüttelte den Kopf. »Das wird er nicht. Seit ich ruhiger
geworden, sehe ich klarer. Er fürchtet, verdunkelt zu werden. Es ist
dies vielleicht kleinlich gedacht, aber -- ich kann ihn verstehen. Mich
quält jetzt nur eins: Warum mußte erst die Hoffnung in mir erstehen, um
wieder erstickt zu werden?«
Ebba lächelte schmerzlich und legte ihre Hand auf Lottes Schulter.
»Sehen nicht fast alle Menschen ihre Hoffnungen sterben? Was habe ich
zu Grabe getragen, was mein Bruder? Noch viele könnte ich Ihnen nennen.«
Lotte wehrte ab. »Ich weiß -- ich weiß. Ich stand in diesen Tagen
außerhalb aller Vernunft. -- Aber ich kehre schon wieder zurück.
Wie gut Sie sind, Ebba. Und wie Sie Geduld mit mir haben. Ist es
nicht sonderbar? Alles kommt mit seinen Schmerzen zu Ihnen gelaufen
und bittet: ›Hilf mir tragen!‹ Und Sie gütige, liebe Frau, sind
bereit dazu. In meinem nächsten Werk will ich Sie als leibhaftige
Nächstenliebe verherrlichen. Auf einem Felsen sollen Sie thronen, Ebba
-- einsam -- Ihr zuckendes Herz in den Händen -- und zu Ihren Füßen die
leidende Menschheit mit erhobenen Händen -- hilf -- gib -- tröste --
und Sie geben Ihr Herz und helfen -- trösten, mildern die Leiden -- und
darunter soll stehen:
-- _Wie der Mensch sein soll_.« --
»Nein, Lotte, darunter soll stehen: -- _Der Mensch._ -- Im Gegensatz zu
dem anderen Menschen, den Sie geschaffen. Glauben Sie an das Gute im
Menschen, und Sie werden gute Menschen finden.«
»Gute Menschen! Gut ist nicht gütig. Gütig sein, bedingt Nächstenliebe.
Ich bin vielleicht ein guter Mensch, aber ich bin kein gütiger Mensch.
Glauben Sie, daß ich Nächstenliebe empfinde? Sie glauben es? Nein,
Ebba, da täuschen Sie sich. Ich ärgere mich viel zu sehr über die
Menschheit, um sie lieben zu können.«
»Ihr Ärger beweist ja gerade, daß Sie die Menschen lieben.«
»Ich liebe nur Sie, Ebba, und ich möchte, daß Sie mir stets Ihre
Freundschaft bewahren.« -- -- --
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Morgen wird es von ihr gehen, ihr Werk, hinaus in die Werkstatt -- dann
wird sie ganz einsam sein -- einsam und allein.
Und ihre Kunst? War sie einsam, solange sie die hatte? War es nicht
immer so gewesen?
Warum fror sie?
In ihr war tobende, glühende Hitze. Ihr Blut brannte. Und dennoch fror
sie.
Eine namenlose Sehnsucht ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Wenn er dennoch wiederkäme?
Wiederkäme und sie in seine Arme nähme und spräche: ›Sei mein Weib,
aber entsage deiner Kunst!‹ -- -- Was würde sie antworten?
Ich kann nicht sein ohne dich, ich will entsagen. Liebst du diesen
Mann so sehr, daß du deiner Kunst entsagen willst, du, eine geweihte
Priesterin? flüsterte eine Stimme in ihr.
Und sie erschrak.
Nein, dieses Opfer konnte sie ihm nicht bringen. Die Liebe! Was war
die Liebe gegen ihre Kunst? Endzweck nur für sie, ihrer Kunst zu
dienen. -- -- --
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»Was wollen Sie, Arno Stürmer?« Lottes Stimme scholl hart und laut
durch den Raum.
»Ich wollte Ihr Werk noch einmal sehen, hier sehen, wo es geschaffen,
denn ich weiß, daß es morgen von Ihnen geht, das ist immer ein großer
Moment für den Künstler. Und ich wollte auch Sie noch einmal sehen, ehe
ich reise, Lotte. Ich fahre morgen nach München.«
»München! Ich wollte, ich könnte mit.«
»So kommen Sie, werfen Sie alles hinter sich und kommen Sie mit. Oder«
-- er sah sie durchdringend an. »Lotte,« sagte er leidenschaftlich,
»Sie sind frei --«
»Frei!« -- sagte sie spöttisch.
»Nun wohl -- machen Sie sich auch innerlich frei!«
Er sah in ihre bleichen Züge, und ein heißes, wildes Begehren überkam
ihn.
»Lotte, ich liebe dich! Laß dich umhüllen von meiner Leidenschaft, komm
mit mir!«
Er umschlang sie, bedeckte ihre Augen, ihren Mund mit Küssen.
Sie stand reglos, ohne Gedanken im betäubten Hirn, und dann kam ein
Schmerzgefühl über sie, das zerrte und riß in ihr: wie arm, wie arm
bist du doch! Liebe -- Muttergefühl -- Weibesschicksal, alles in weite,
weite Fernen gerückt. Und dann wieder: nein, die Liebe ist nicht der
Zweck des Lebens der Frau. Der Zweck, ihre Erfüllung, ist das Kind.
Und da ist ihr, als ob sie sich klammern müsse an diesen einen mit
Leidenschaft und wilder Verzweiflung. Sie schlingt ihre Arme um seinen
Nacken und küßt ihn mit wilden, wahnsinnigen Lippen. Eine bebende,
hungernde Erwartung ist in ihr. Ihr unerlöstes Ich bettelt um Erfüllung
ihres Daseins.
Und er bedeckt ihr Gesicht, ihren Nacken, ihre Schultern mit sengenden,
glühenden Küssen.
Und sie geht unter in aufgelöste, glühende Wonnen. Ein Brand ist in
ihr, ein Brand, der nichts übrigläßt als ein sinnlos seliges Gefühl und
eine einzige jauchzende Hingabe. -- -- --
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Sie schlägt die Augen auf und sieht über sich gebeugt ein wildes,
bärtiges Gesicht, sieht in glutvolle, begehrliche Augen. Sie will
empor, will ihre weißen Glieder lösen aus nervigen Männerarmen. Ihr
Mühen ist vergebens. Fest geschmiedet liegt sie in seinen Armen. Wilde,
sinnbetörende Worte klingen in ihr Ohr, und heiße Liebkosungen rauben
ihr den Atem.
Und er jauchzt auf: »Hab ich dich endlich im Bann? Wirf deinen Stolz
ab, sei mein wildes Zigeunerweib. Laß die Haare flattern und jauchze
mit mir. Die Stunde ist da, in der dein Schicksal sich erfüllt.« Wild
hat er sie emporgerissen, und die zwei Adamsmenschen stehen im Dämmer
des weiten Raums und starren sich stumm in die begehrlichen Augen. Und
ihre Augen lassen ab von dem Manne und wandern. Wandern und suchen. Da
steht sie. Gespenstig aus dem tiefen Schatten taucht sie blendend weiß
empor: begehrliche Augen -- gierige Lippen -- die Riesenfangarme öffnen
sich, um neue Opfer aufzusaugen -- sie regen sich zu Hunderten -- auch
der gierige Mund, er wird lebendig -- ein Hohnlachen kommt auf seine
Züge. -- -- --
Da hallt ein irrer Schrei. Das Weib stürzt durch den Raum, greift nach
dem Meißel und stürzt auf die Gorgo zu. Und nun beginnt ein Ringen,
ein heißes Ringen. Hoch in der Rechten schwingt das Weib den Hammer.
Der Mann zerrt ihren Arm herunter. Er schwebt gerade über seinem
Haupt. Ihre Linke reißt seinen Kopf an ihre Brust, und aus der schwach
werdenden Rechten fällt der Hammer zur Erde nieder. Sie steht einen
Augenblick ohne Besinnung, dunkle Nebel sind ihr vor den Augen. Sie
beginnt zu zittern. Dann nimmt der Mann sie in seine Arme, trägt sie
auf das Ruhebett, wickelt sie zart in die schützende Decke und kniet
vor ihr nieder.
»Weib -- geliebtes du -- bedenke doch, daß du lebst, jetzt erst lebst!
Ein Leben ohne Liebe, das ist ein Leben ohne Schicksal. Über allem
Wissen, über aller Kunst steht die Liebe, die Leidenschaft. Sie erst
macht das Leben blut- und glutvoll. Wolltest du kein Schicksal, schrie
nicht alles in dir nach Erlösung, nach Befreiung? Was klagst du? Ist
nicht Liebe -- Glück? Rausch -- Seligkeit?«
Und wieder fühlt sie heiße, sinnverwirrende Küsse auf ihren Lippen.
Und unter dieser Glut spürt sie einen Reiz und wollüstige Qual, und sie
versinkt wieder.
»Siehst du, wie du mich liebst,« flüstern unter Liebkosungen seine
Lippen.
Da schreit sie auf: »Nein, ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht!
Ich liebe nur das Kind, das du mir schenken sollst. Hörst du es?«
Da lacht er auf: »Du urgesundes Weib du -- -- und inzwischen umhüllst
du mich mit deiner Liebe.« -- --
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Und als er gegangen, als die Schatten der Nacht dunkel um sie lagerten,
da kam ein blendendes Licht und erschreckte sie.
Sie hatte sich einem Manne hingegeben, der ihrem Herzen ein Fremder
war. Etwas dunkel Unbegreifliches, daß sie nie hatte anerkennen wollen,
hatte sie diesem Manne in die Arme getrieben.
War sie besser, als die anderen, die zu geißeln sie sich anmaßte?
Hatte sie sich nicht aufpeitschen lassen zu wilder Leidenschaft, zu
sinnlicher Begierde?
Warum? Was lebte in ihr?
Und wieder schoß die züngelnde Flamme in ihr empor. Aller Sehnsucht
Erfüllung, aller Träume Endziel -- das Kind. Rein bleibt die Frau, die
sich einem ungeliebten Manne hingibt, zur Erfüllung ihrer Mutterschaft,
wenn er der einzige bleibt. -- -- --
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Und anderen Tags, als ihr Werk von ihr gegangen, stehen sie sich
gegenüber.
Scheu sieht sie zu ihm empor.
Stark, fest und gesund steht er vor ihr. Seine schwarzen Augen sprühen
Flammen und funkeln in die ihren.
Jetzt lacht er dröhnend auf, nimmt sie in seine Arme und setzt sich auf
das Ruhebett, sie auf seinen Knien haltend.
»Mädchen, Mädchen, du weißt ja gar nicht, wie glücklich ich bin, du,
mein kleines Zigeunerweib! Komm, reich mir deine Lippen und laß mich
trinken --«
Den Kopf weit zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, ruht sie in
seinem Arm.
»Nun führe ich dich in einen Zaubergarten, mein Mädchen, in den
Zaubergarten der Liebe, in dem Wonnen dich erwarten. Untertauchen
sollst du mit mir in ein Meer von Glückseligkeit.«
Und sie ließ sich küssen und dachte an den, der von ihr gegangen.
Liebte sie jenen oder liebte sie diesen?
Sie konnte nicht begreifen, wie er so schnell in ihr Leben gekommen
war, und daß er ihr Schicksal geworden.
Gleichwohl. Sie hatte einen Menschen gefunden, dem sie etwas sein
durfte, dem sie Glück spenden konnte.
Sie liebte ihn, weil er ihre arme, hungernde und frierende Seele an
sich genommen, und weil er sie zum Weibe machte.
»Lotte,« flüsterte er unter Küssen, »gibt es etwas hier, was Dich
zurückhält?«
»Nein!«
»So fahren wir morgen zusammen nach München, willst du?«
Da nickte sie stumm, legte ihren Arm um seinen Nacken und schmiegte
ihre Wange an die seine.
Es war ein heißer Strom, der sie verband. Hier die sinnliche Gier --
dort die Begierde nach dem Kinde.
* * *
Ebba, ich weiß nicht, ob ich glücklich bin -- denn ich lebe unbewußt.
Ich bin eingehüllt in Wolken. Um mich sprühen Funken, zucken Blitze,
die für Sekunden die Wolken vertreiben. Ich weiß nicht, ob ich, nachdem
die Wolken zergangen sind, glücklich sein werde. Nur das weiß ich, daß
ich so tun mußte, wie ich getan. Mein Schicksal hat mich erreicht.
Ebba -- ich bin mit einem Manne fortgegangen. Er begehrte mich, und ich
ließ mich nehmen. Wir leben in einem Rausch, in einem Taumel. Er liebt
mich herzlich und ehrlich, das fühle ich -- aber ohne Bestand.
Frei wir beide -- so soll es sein.
Und ich, Ebba, ich liebe ihn, denn er soll der Vater meines Kindes
werden.
Das Kind wird mich entsühnen. Bleibt mir das versagt, so gehöre ich zu
den Gezeichneten, und Du wirst mich nicht wiedersehen.
Ich warte.