»Das will ich.«
* * *
Vor ihrem vollendeten Werk stand Lotte und wartete auf Gehring. Es war
das erste Mal, daß er das Atelier betrat und daß er ihr Werk sehen
würde.
Sie hatte ihm wohl erzählt, daß sie beim Schaffen einer großen Arbeit
sei, und daß sie viel davon erwarte. Aber nicht hatte sie ihm gesagt,
was ihre Absicht und was diese Arbeit für sie bedeutete. Frei und
unbeeinflußt wollte sie die Wirkung dieses Werkes auf ihn erproben. --
Und er stand und schaute. Sah und schwieg. Und stand erschüttert.
Aus einem granitenen Felsenblock ragte ein Ungeheuer. Körper und Kopf
waren eine einzige Fratze, umgeben von Hunderten von Fangarmen. Der
Ausdruck dieses Hauptes machte das Blut erstarren. Gier, Lüsternheit
und Mordlust thronten auf diesem Antlitz. Der Ausdruck dieser
Leidenschaften, dieses menschlich scheinenden Hauptes, machten es
zum Tier. Die Fangarme schienen zu leben, sich auszustrecken in
unersättlicher, nie endenwollender Gier, und über dem allen war
ausgegossen ein Ausdruck des Hohnes, als wollte dieses Ungeheuer sich
selbst verspotten ob seiner Unmenschlichkeit.
Darunter stand in großen Lettern:
-- _Der Mensch_ --
»Das ist eine furchtbare Anklage.«
In ihr jubelte es.
Es wirkte. Er hatte sie verstanden.
Er trat auf sie zu, umschlang sie und sagte: »Armes Weib.« Sie setzten
sich nieder und er bat: »Wie kamst du dazu?«
Und sie erzählte. Erzählte, wie durch jenes Vorkommnis ihr Leben und
Fühlen ins Herz getroffen. Wie eine eiserne Kette sich um sie gelegt,
fest und unlöslich, die sie einschnürte, jedes Liebesgefühl in ihr
erdrückte, aber wie sie sich endlich durchgerungen, wie sie den Willen
gefunden, sich zu befreien, und nun tatsächlich frei geworden sei, frei
durch ihr Werk und durch ihn.
»Und nun will ich leben, durch dich, mit dir, ein Leben in Liebe,«
schloß sie und schmiegte sich an ihn.
»Dein Leben gehört der Kunst -- -- Du bist eine große Künstlerin.« Er
war aufgestanden und ging im Atelier auf und ab.
Sie sah ihn an. Erstaunt und dann voll Schrecken.
»Deine Kunst geht über deine Liebe.«
»Was sagst du?« Die Stimme versagte ihr, sie konnte nur flüstern.
»Paul, weißt du nicht, daß ich dich liebe, wahr und wahrhaftig liebe?«
»Du liebst mich, Lotte -- -- ja -- -- aber du liebst auch deine Kunst
-- mußt sie lieben, denn sonst könntest du nicht so etwas schaffen.
Sage, kannst du dir ein Leben denken ohne deine Kunst?«
»Nein!«
»Ich müßte teilen, Lotte.«
»Willst du, daß ich meiner Kunst entsage?« stammelte sie.
»Das wäre eine Sünde. Eine Künstlerin wie du gehört der ganzen
Menschheit. Das ist es ja eben, ich darf dich der Kunst nicht abwendig
machen, und -- laß mich offen sein -- ich kann mir kein Leben an der
Seite einer Frau denken, einer bedeutenden Frau, in dem ich gezwungen
wäre, die zweite Stelle in ihrem Leben einzunehmen.«
»Willst du damit sagen, daß du dich geirrt und daß du mich nicht
liebst?«
»Ich liebe dich. Aber die Größe deines Künstlertums wird unsere Liebe
töten. Ich liebe dich und habe dich als mein Weib, als die Mutter
meiner Kinder geachtet. Aber heut, seit ich das gesehen« -- -- und er
wies auf ihr Werk -- -- »heut weiß ich, daß du Frau und Mutter erst
neben deiner Kunst sein kannst.«
Sie sah ihn an. Scharf standen seine herben Züge gegen den dunkelnden
Abendhimmel. Sie sah, daß er litt.
Und eine Angst, eine grenzenlose Angst um ihr entschwebendes Glück
ergriff sie. Mit einem schluchzenden Laut umklammerte sie seinen Hals.
»Sage doch das nicht. Wenn du wüßtest, wie die Liebe über mich gekommen
ist. Erst die Liebe, Paul, und dann die Kunst.«
Er küßte sie. »Lieben sollt ihr schon, ihr gottbegnadeten Künstler,
aber heiraten solltet ihr nicht!«
Da zuckte sie zusammen.
»Erschrick nicht. Ich -- -- ich kann das nicht -- -- mit dir nicht,
Lotte -- -- du bist mir heilig -- --«
Da wollte sie aufschreien: »So nimm mich doch -- ich bin dir heilig
-- du stellst mich der gleich, die du zur Frau und Mutter begehrst --
aber zur Ehe magst du mich nicht -- aber so nimm mich doch!« -- -- Ins
Gesicht hätte sie es ihm schreien mögen, aber sie brachte keinen Laut
hervor. Fester nur krampften sich ihre Hände um seinen Nacken, und
durstig senkten sich ihre Lippen auf die seinen.
Und er trank, trank von diesen dürstenden Lippen, preßte sie fest an
sich und riß sich los. -- -- --
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Armselig, verlassen, kam sie sich vor. Das Glück, das sie in Händen
gehalten, -- eine buntschillernde Seifenblase -- aufgelöst in nichts!
Sie sprang auf. Nein, es konnte -- konnte nicht sein.