»Oh -- dann -- darf ich dem Schofför -- --?«
»Nichts dürfen Sie, wir fahren ins Esplanade, wie besprochen, Sie haben
ja selbst noch eben gesagt, daß es unmöglich ist, die Verabredung nicht
einzuhalten.«
-- -- -- Als sie den Speisesaal betraten, war die Gesellschaft schon
beim Studium der Speisekarte. Gerda hätte am liebsten umkehren mögen.
Noch war ihr der Klang der Musik im Ohr, noch stand sie im Bann der
Persönlichkeit dieses Don Juan, und nun sollte sie mit gleichgültigen
Menschen zusammensitzen, von Banalitäten schwatzen, Redensarten
anhören. Wieviel lieber wäre sie allein gewesen, um den Genuß in sich
ausklingen zu lassen. Aber Thea hatte sie so bedeutungsvoll angesehen,
als sie sie aufforderte, mit ihnen zusammen zu sein. Hätte sie es
abgeschlagen, so hätte man mit Sicherheit angenommen, sie wolle mit
Winkelmann allein bleiben. Nein, es war besser so.
Oh, sie hatte es schon gelernt, die Masken zu durchschauen. Früher
sah sie nur auf die Gesichter, hörte sie nur die Worte. Sie sah die
Gesichter so, wie sie sich zeigten, nahm die Worte als das, was sie
sagten. Jetzt aber sah sie, daß die Gesichter Masken trugen, sah
dahinter die Menschen, wie sie wirklich waren, hörte hinter ihren
Worten lange Geschichten, die sie verschwiegen.
Gerda saß zwischen Thea und Herrn von Reitzenstein. Thea war von
ausnehmender Lustigkeit, von sprühender Laune. »Fangen Sie endlich
an, sich in den Berliner Strudel zu stürzen, Fräulein von Wangenheim?
Übrigens eine kluge Wahl, die Sie da getroffen haben.«
Gerda sah sie verständnislos an.
Thea deutete mit den Blicken auf Winkelmann. »Sehr reich und viele
Beziehungen, kann Ihnen nur nach jeder Richtung hin von Nutzen sein.«
»Daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.« Gerda sagte es kühl und
abweisend.
»Nur Liebe?« Und Thea lächelte mokant.
»Auch das nicht.«
»Gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß mich der heutige Abend glücklich
und unglücklich gemacht hat?« Reitzenstein sagte es mit betrübter Miene
zu Gerda.
»Da wäre ich begierig, Ihren jetzigen Zustand zu kennen. Ging das Glück
dem Unglück voran oder umgekehrt?«
»Sie spotten, mein gnädiges Fräulein. Aber um Ihre Frage zu
beantworten, muß ich Ihnen schon klassisch kommen:
›Es tut mir lang schon weh,
daß ich dich in der Gesellschaft seh!‹