Wie konnte er glauben -- -- --

Wie hatte er geschrieben? Er nähme an, daß sie sich über kleinliche

Bedenken hinwegsetzen würde.

Nein, für kleinlich sollte man sie nicht halten, aber Töchter solcher

Häuser, aus denen sie stammte, ließen sich nicht von Herren ins Theater

führen.

Sie war aber nicht mehr die Tochter des Hauses, sie war Künstlerin,

für sie gab es andere Grenzen als für jene. Ihr, der Künstlerin, war

erlaubt, was jenen versagt war.

Aber -- er suchte sie zu verpflichten! Und nicht nur das! Man würde

sie zusammen in der Oper sehen, sie beide in der Loge. Sie würde sich

kompromittieren, nein, sie mußte das Billett zurücksenden. Caruso! Wie

das lockte! Wirklich, mußte sie sich diesen Genuß entgehen lassen?

Schließlich war sie mit einem schönen Dank der Verpflichtung enthoben.

Und geklatscht? Was machte das schließlich aus, sie würde sich darüber

hinwegsetzen. Solange sie vor sich selbst bestehen konnte, hatte sie

nichts zu fürchten. Sie, die Künstlerin, war frei und unabhängig. Es

gab nur eines, was sie veranlassen mußte, abzulehnen -- wenn sie ihrer

selbst nicht sicher war. Er begehrte sie, da war kein Zweifel möglich.

Sie liebte ihn nicht. Eigentlich wunderte sie sich, daß er keinen Reiz

auf sie ausübte. Im Grunde war er doch ein begehrenswerter Mann, und es

schien ihr, daß er bei jeder Frau, mit der er zusammenkam, ein wärmeres

Gefühl erregte. Ob nicht doch schon, ihr unbewußt, ein Feuerfünkchen im

Herzen glühte?

Sie fühlte seine schönen, etwas verschleierten Augen auf sich

gerichtet, die sie unerbittlich prüften. Unerbittlich jegliche Hülle

durchdrangen. Die den Körper umschmeichelten und für sich in Anspruch

nahmen.

Sie schauderte.

»Nein,« sagte sie hart und laut, »nichts von Liebe fühle ich für ihn.«

* * *

Der Beifall wollte nicht enden. Immer wieder mußte der berühmte Gast

sich dankend verneigen, und immer von neuem tobte der Sturm. Gerda von

Wangenheim saß mit Kurt Winkelmann in der Loge, sie saß wie betäubt.

Sie vermochte es nicht, die Hände zu rühren. Das war Kunst -- nein,

mehr als das -- ein Genie von Gottes Gnaden stand dort auf der Bühne.

Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ihr Atem ging erregt.

Winkelmann neigte sich zu ihr und flüsterte: »Ich höre ihn nun zum

vierten Male als Don Juan, und immer wieder ist man hingerissen von dem

Gesang dieses Künstlers.«

Gerda sah auf. »Ich war in einer anderen Welt.« Sie streckte ihm die

Hand entgegen. »Haben Sie Dank, daß Sie mir zu diesem Genuß verholfen.«

»Gnädiges Fräulein, ich bitte -- keinen Dank. Ich bin glücklich, Ihnen

dienen zu können, Sie können jederzeit über mich befehlen.«

»Bitte, keine Phrasen jetzt, Herr Winkelmann.«

»Ich spreche die Wahrheit. Meine Person, mein Vermögen steht Ihnen zur

Verfügung.«

Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Ihre Lippen schürzten

sich hochmütig.

»Glauben Sie, daß ich dessen bedarf?«

»Gnädiges Fräulein, Sie sind die geborene Herrscherin. Sie wollen

herrschen und beherrschen. Dazu bedürfen Sie der Menschen und des

Geldes.«

»Sie mögen recht haben.« Sie erhob sich hastig. »Kommen Sie, ich sehe

dort Herrn und Frau Direktor Westphal und möchte sie begrüßen.« -- -- --

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»Ich weiß nicht -- ich möchte lieber doch direkt nach Hause fahren.«

»Aber gnädiges Fräulein, die Verabredung ist getroffen. Was würde man

sagen, wenn ich ohne Sie ins Esplanade käme. Nein, das ist unmöglich!

Sie haben doch gesehen, wie Frau Thea sich mit Ihnen gefreut hat.« Er

stürzte auf das anfahrende Auto zu, öffnete den Schlag, und half ihr

hinein.

»Überhaupt nach solch einem Abend muß man noch ein wenig in angenehmer

Gesellschaft zusammen sein, und ich muß gestehen, ich preise den

glücklichen Zufall für dieses Zusammentreffen. Denn ohne die Familie

Westphal hätte ich das Vergnügen, mit Ihnen zu Abend speisen zu können,

doch wohl nicht gehabt.«

Sie sah im fahlen Schein der vorüberhuschenden Glühlampen seine lauernd

auf sie gerichteten Blicke. Und wieder kam ihr die prickelnde Lust, ihn

zu quälen und zu reizen, um ihn dann von sich zu stoßen.

Begierde · 第 20 / 55 题