»Bitte, Herr von Reitzenstein, geben Sie sich keinen Vermutungen hin,
und bleiben Sie ein Weilchen glücklich.«
»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Thea an diese. »Ich
gebe jeden Winter in der Saison ein großes Fest mit Vorträgen erster
Künstler, wollen Sie an dem Abend singen?«
»Gnädige Frau, kann ich das wagen? Ich, eine unbekannte Anfängerin?«
»Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie einzuführen. Sie
müssen nur Vertrauen zu sich selbst haben. Ich will Ihnen etwas sagen:
So wie Sie sich einschätzen, so werden Sie von den Menschen bewertet.
Also: Selbstbewußtsein, viel Selbstbewußtsein, und Sie sind das, was
Sie sein wollen.«
»Gnädiges Fräulein haben doch allen Grund, an sich selbst zu glauben,«
warf Reitzenstein ein, »oder zweifeln Sie an Ihrem Können?«
»Nein, ich glaube an mich.«
* * *
»Thea,« sagte Lukas, als sie in ihrem Auto saßen und nach Hause fuhren,
»du sprachst von deinem großen Fest, welches du geben willst, du
hättest dich erst mit mir darüber verständigen sollen.«
Thea lachte. »Seit wann das? Habe ich nicht stets nach Belieben Gäste
versammelt, ohne vorher deine gütige Erlaubnis einzuholen? Seit wann
kümmerst du dich um unsere geselligen Verpflichtungen? Ich habe unser
Haus zu repräsentieren, ich weiß, was ich deiner Stellung schuldig bin,
und du weißt, daß du dich auf mich verlassen kannst.«
»Thea« -- Lukas legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau und
sagte bittenden Tones: »Thea, ich möchte, daß du auf dieses Fest
verzichtest.«
Maßlos erstaunt sah sie ihn an. »Verzichten? Ich soll verzichten? Was
für eine Laune von dir.«
»Es ist keine Laune, es ist ein Muß, ein dringendes Muß. Wir müssen uns
einschränken, wir können nicht mehr in diesem Luxus weiterleben.«
Sie stieß seine Hand von ihrer Schulter und sagte rauh: »Verlangst du
das im Ernst von mir?«
»In vollem Ernst, Thea. Ich besitze kein Vermögen mehr. Du brauchst
nicht zu erschrecken. Wir können immerhin noch sehr anständig
leben, denn ich beziehe hohe Gehälter, aber deine Ansprüche mußt du
herabmindern.«
»Hast du gespielt?«
»Thea -- alles ist draufgegangen für dich -- unser Haus. Ich habe dich
oft gebeten, sparsamer zu sein -- du hast nicht auf mich gehört --«
»So -- nun bin ich wohl gar an deinem Ruin schuld?« Sie lachte hart
auf. »Du machst es dir leicht. Wälzest alle Schuld auf mich ab. Du bist
doch der Mann, was ließest du mich gewähren?«
Er senkte das Haupt. »Ich habe es dir oft gesagt, Thea, du wolltest es
nicht glauben. Aber du hast recht. Der Schuldige bin ich allein, ich
bin zu schwach gewesen, ich fürchtete deine Tränen, deine Verzweiflung.«
»Ich werde nicht verzweifeln, ich werde mich abfinden, aber eines
verlange ich noch von dir, wir geben dieses Fest wie alle Jahre, bis
dahin soll niemand merken, daß wir arm sind, niemand, hörst du?«
»Ich bitte dich, wozu sich noch diese Ausgabe machen? Dieses Fest würde
einen großen Teil meines Jahreseinkommens verschlingen. Es wäre besser
angewandt für deine und Inges Bequemlichkeit.«
»Ich bestehe darauf.«
Das Auto hielt vor ihrem Hause.
»Ich will noch nicht nach Hause. Meinst du, daß ich schlafen kann,
nach dem, was du mir mitgeteilt? Ich will Menschen sehen, strahlende
Helligkeit, will Wein trinken und lustig sein! Noch schlürfen den
Becher der Freude -- schnell, wir fahren in den Pavillon Mascotte!«
»Thea, was fällt dir ein, du bist von Sinnen, komm, sei vernünftig!«
»Wenn du nicht mitkommst, fahre ich allein.« Und sie riß die Tür auf
und gab dem Schofför die Weisung. Thea hatte sich auf das Polster
geworfen und lachte. »Noch sind wir nicht arm, hörst du, noch nicht!
Noch sechs Wochen Galgenfrist, dann hinunter zu den Proletariern!«
»Du bist krank, Thea, wie kannst du so sprechen? Ich habe ein Einkommen
zwischen zwanzig und dreißigtausend Mark, das nennst du arm sein?«
»Bah -- was ist das? Für Bekleidung brauche ich jährlich zehn bis
vierzehntausend Mark. Eines meiner Feste kostet allein an sechstausend
Mark. Der Haushalt, das Auto -- lächerlich --.«
Der Wagen hielt.
»Thea, ich beschwöre dich, laß uns umkehren. Ich kann in dieser
Stimmung nicht in ein Tanzlokal gehen. Du bist aufgeregt. Komm zu dir
und sei vernünftig.«
Sie sprang aus dem Auto, stolperte und fiel gegen zwei Herren, welche
soeben das Lokal verlassen hatten.
»Hopsa!« rief der eine und fing sie auf.
»Fußfall ist nicht vonnöten, Gnädigste.«
Die beiden schienen in angeheiterter Stimmung und einem Abenteuer nicht
abgeneigt. Da stand Lukas neben seiner Frau, zog den Hut und dankte für
die Hilfe.
»Herr von Gernsheim,« lachte Thea, »welch ein Zusammentreffen!«
Seine Augen blitzten ihr entgegen, und er verbeugte sich tief. »Ein
Zufall, den ich glücklich preise, gnädige Frau.«
»Mein Mann,« stellte Thea vor.
»Gernsheim,« »Andersen.«
»Wenn die Herrschaften gestatten, kehren wir noch mit ihnen zurück.«
»Gern,« erwiderte Thea, »ich brauche lustige Gesellschaft,« und sie
ging mit Gernsheim voraus.
»Einziges Weib, das ist ja ein göttlicher Zufall. Ich hatte rasende
Sehnsucht nach dir, wollte mich hier betäuben, es ging aber nicht. Du
ahnst ja nicht, welches Verlangen ich nach dir habe. Eine ganze Woche
hast du mich warten lassen. Wann sehe ich dich?«
Er nahm ihr den Mantel von den Schultern und preßte einen heißen Kuß
auf ihren Hals.
»Vorsicht, du Tollkopf!«
»Wann kommst du?«
»Morgen.«
Sie betraten den Saal.
Thea war von sprudelnder Lustigkeit, sie schüttete den Sekt hinunter,
als wäre er Wasser. Sie tauchte ihre Fingerspitzen in das Eiswasser und
fühlte ihr Blut prickeln. Sie fing die Blicke der Männer auf und gab
sie strahlend zurück. Gernsheim wurde eifersüchtig. Hart setzte er sein
Glas auf den Tisch, daß es zerbrach. Thea, die ihm gegenübersaß, lachte
leise. Da fühlte er schmeichelnd und liebkosend einen kleinen, zarten
Frauenfuß auf seinen Knien. Seine Hände preßten schmerzhaft diesen Fuß.
Das Blut schoß ihm ins Gesicht, seine Blicke sprachen: ›Komm!‹
»Ja,« flüsterte sie über den Tisch hinüber und stand auf. Lukas und
Andersen, im Gespräch vertieft, merkten nicht, daß auch Gernsheim
verschwunden.
Als Thea bleich, mit glänzenden Augen, durch den Saal zurückkehrte,
sah sie an den Blicken, die sie verfolgten, die Welt gehörte ihr, nur
zuzugreifen brauchte sie. An jeder Ecke sah sie ein Abenteuer auf sich
warten, und jeder Männerblick deutete ihr einen Sieg. Nein, wahrlich,
sie brauchte nicht zu verzweifeln.
* * *
Gerda hatte auf ihrem Spaziergange Thea Westphal getroffen. Es war ein
kalter, feuchter Märztag. Wind und Regen peitschten die Luft. Thea,
ärgerlich auf der Suche nach einem Auto, fand sich plötzlich Gerda von
Wangenheim gegenüber.
»Auch Sie unterwegs bei dem Wetter?«
»Das macht mir nichts. Ich bin an meinen täglichen Spaziergang gewöhnt
und kann ihn nicht missen.«
»Kein Auto zu bekommen! Die feuchte Luft geht mir schon bis auf die
Haut. Kommen Sie, wir gehen ins Kaffee des Westens, eine Tasse Kaffee
wird uns gut tun.«
Plaudernd saßen sie beisammen. Thea, durch die wohlige Wärme, durch die
bewundernden Männerblicke wieder ganz in Stimmung, sagte: »Ich freue
mich, wie Sie sich den Berliner Verhältnissen angepaßt haben. Nicht
nur, daß Sie sich elegant und schick, nein, mehr als das, raffiniert
kleiden, scheint es, daß Sie auch von dem Vorrecht der Dame von Welt,
freieren Sitten huldigen zu dürfen, Gebrauch machen. Sie fangen an, ein
moderner Mensch zu werden.«
»Ich habe mir ein Ziel gesetzt, Frau Westphal. Ein Ziel, das ich
unbeirrt verfolgen werde, ich gehe darauf zu. Ich muß ein moderner
Mensch werden, um zum Ziele gelangen zu können.«
»Bravo, behalten Sie Ihr Ziel im Auge! Sie sind jung und schön, die
Männer werden Ihnen zu Füßen liegen, nutzen Sie jede Situation aus, nur
verlieren Sie nicht die Oberherrschaft. Ich glaube, Sie besitzen die
nötige Kälte, um das zu können.«
Zwei Herren grüßten und wanden sich durch die dichtbesetzten Tische.
Gernsheim und Reitzenstein.
Thea strahlte. »Famoses Zusammentreffen! Die Herren kennen sich? Davon
hatte ich ja keine Ahnung.«
»Bei diesem Wetter wagen die Damen sich hinaus?«
»Was wollen Sie, die Pflichten! Ich mußte zu einer Vorstandssitzung,
von da wollte ich noch zur Putzmacherin, konnte jedoch kein Auto
auftreiben, zitternd und fröstelnd traf ich Fräulein von Wangenheim,
eine Tasse Kaffee lockte uns --« Thea hatte die Worte lebhaft
hervorgesprudelt und sah Gernsheim mit beredten Augen an.
»Ich ahnte, daß ich Sie heute sehen würde, gnädiges Fräulein,« sagte
Reitzenstein zu Gerda.
»Glauben Sie an Ahnungen?«
»So recht eigentlich nicht. Aber mir ist es oft passiert, daß ich sehr
lebhaft von einem Menschen geträumt habe. Dann kann ich sicher sein,
mit ihm in den nächsten Tagen zusammenzutreffen.«
»Sie haben also von mir geträumt? Da wäre ich neugierig, Ihren Traum
kennenzulernen.«
»Es war ein sonderbarer Traum. Hören Sie. Sie hatten ein Konzert
gegeben und waren mit Blumen überschüttet worden. Ich durfte Ihnen
die Blumen nach Hause tragen. Büschel voll roter und weißer Rosen in
meinen Armen, stand ich vor Ihnen. Der Duft betäubte mich. Sie kamen
auf mich zu und wollten mir einen Teil der duftenden Last abnehmen. Ich
preßte die Blumen fest an meine Brust und flüsterte: ›Küsse mich!‹ Da
neigten Sie sich zu mir nieder und hauchten einen Kuß auf meine Lippen.
Und als Sie mich küßten, durchdrang meine Glieder eine Eiseskälte,
ich schauerte zusammen. ›Mein Blut erfriert unter deinem Kuß,‹ sagte
ich, und die Blumen entfielen meinen Armen und fielen nieder zu Ihren
Füßen. Und Sie setzten Ihren Fuß auf die Blüten und sagten zu mir: ›So
küsse du mich!‹ Und ich neigte mich, um Sie zu küssen, da aber sprangen
grüne Flammen aus Ihren Augen, eine Kröte saß auf Ihrer Stirn, und eine
Schlange ringelte sich um Ihren Hals. Ich wich zurück und mochte Sie
nicht küssen.«