»Gott, Ebba! Das hätte ich ja beinahe vergessen! Ich soll dich fragen,
ob du unserem Verein beitreten willst, die Exzellenz ist natürlich, wie
ich vorausgesagt, entzückt von dir.«
Ebba wehrte erschrocken ab. »Um Gottes willen, laß mich mit
Vereinsgeschichten in Ruhe, dafür bin ich nicht zu haben.«
»Aber warum denn nicht? Du solltest das nicht von der Hand weisen.
Bedenke, du kannst dich nützlich machen, kannst vielleicht auch eine
Rolle spielen.«
»Wozu ich nicht die mindeste Lust und auch kein Talent habe, Thea.«
»Du bist mir unbegreiflich, Ebba. Nichts scheint dich aus deiner
Gleichgültigkeit herausbringen zu können. Wenn ich du wäre! Jung und --
frei --«
»Thea!«
»Ich weiß schon, ja, ich bin undankbar! Das alte Lied! Aber sagen Sie,
Herr Gehring, jung, schön und begehrt und lustlos zum Lebensgenuß,
begreifen Sie das?«
»Gnädige Frau, es kommt doch darauf an, wo man den Lebensgenuß
sucht. Der eine sucht ihn in Vergnügen, der andere in der Arbeit und
Pflichterfüllung.«
»Puh -- Arbeit nennen Sie Genuß?«
»Sicherlich.«
»Das ist mir unverständlich.« Sie zuckte die Achseln und erhob sich.
»Da habe ich mich ja richtig festgeschwatzt. Ich muß auch an die
Arbeit, zur Anprobe einer großen Gesellschaftstoilette. Und da möchte
ich Ihnen eigentlich beipflichten, diese Arbeit kann unter Umständen
auch ein Genuß sein, wenn nämlich das Kleid schick wird, Aufsehen
erregt und den Neid meiner lieben Mitschwestern hervorruft.« Und
lachend verabschiedete sich Thea.
* * *
Gnädiges Fräulein!
Ihr hohes Kunstinteresse und der außergewöhnliche Genuß, der Ihnen
durch Benutzung beigelegter Karte bereitet werden dürfte, läßt mich
wagen, Ihnen dieses Billett zu übersenden.
Ich nehme an, daß Sie als Künstlerin groß genug denken, um sich über
kleinliche Bedenken hinwegzusetzen. Mit den ergebensten Grüßen
zeichne als Ihr gehorsamster Sklave
Kurt Winkelmann.
Caruso sang und Gerda hielt ein Billett zur Don Juan Aufführung in
Händen. Ein schier unerreichbarer Wunsch sollte in Erfüllung gehen!
Aber -- nein, es war unmöglich, wie konnte sie sich hinwegsetzen über
Sitte und Erziehung. Sie, Gerda von Wangenheim, durfte das nicht. Auf
welchen Weg war sie geraten?