Sie lacht. »Mönchlein, Mönchlein, gelüstet es dich, deine
Standhaftigkeit zu zeigen?«
»Ich will schon auf Erden im Fegefeuer schmachten.«
»Schwörst du mir, standhaft zu bleiben?«
»Ich schwöre. Wie du auch locken magst, ich widerstehe. Das heißt, der
Packt gilt nur für heut.«
»Glaubst du, daß mir morgen noch die Laune danach steht? Also komm,
tanzen wir noch einmal!«
Er schlingt seinen Arm um sie, und sie schmiegt sich fest, immer fester
an ihn an. Er fühlt ihren Körper. Er spürt jeden Schlag ihres Herzens
an seiner Haut. Das Blut rollt ihm wild durch die Adern. Dicht unter
seinen Augen, an seiner Schulter, ruht der weiße Hals. Jetzt sieht
sie verführerisch zu ihm auf. Die geöffneten Lippen fordern: küsse
mich doch! Er lockert seinen Arm ein wenig und lächelt ruhig. »Tanz
schneller,« flüstert sie. Nun drückt er sie fest an sich und tanzt im
wilden Tempo mit ihr durch den Saal.
Fest -- immer fester.
»Halt, halt, ich kann nicht mehr!« stöhnt sie.
Sofort hält er ein und gibt sie frei. Ganz atemlos legt sie ihre Hand
auf seine Schulter, lehnt sich leicht an ihn und sagt: »Du tanzest gut.«
Er nickt nur. Wilder jagt ihm das Blut durch die Adern. Er hätte sie
an sich reißen und sie mit seinen Küssen ersticken mögen. Wie sie ihn
reizen, wie sie mit ihm spielen konnte! War es wirklich nur Spiel?
Blieb sie innerlich kalt?
Quälen wollte sie ihn, und sie tat es mit Vergnügen. Ja, er fühlte, daß
sie Freude daran hatte. Warte nur, das sollst du mir büßen. Mir bist du
doch verfallen. Ich liege auf der Lauer und werde deine schwache Stunde
erspähen.
»Wollen wir ein Glas Sekt trinken?« fragt sie ihn.
»Willst du an den Tisch zurück?«
»Nein, ich will mit dir allein sitzen.«
»Was so einem Mönch doch alles in den Schoß fällt. Also komm. Dort
das Pärchen macht uns gerade Platz. Eine behagliche, dunkle Ecke,
geschaffen zum Kosen.«
Sie schlürft langsam den Wein und sieht ihn an. Er hält seine Augen
fest in die ihren gesenkt, als wollte er sie zwingen.
»Ich glaube, du kannst grausam sein.«
»Ich weiß das nicht.«
»Macht es dir Freude, mich zu quälen?«
»Ja,« lacht sie girrend.
»Du bist kokett.«
»Vielleicht.«
»Ich muß dir aber gestehen, daß es mir durchaus nicht schwerfällt,
deiner Lockung zu widerstehen.«
Sie sieht ihn an. Spricht er die Wahrheit? Sie wußte, er war in ihrem
Bann, sie wußte, daß er sie als seine Beute betrachtete. Oh, daß er es
wagte! Es reizte sie, diesen Mann zu quälen, zu peinigen. Ja, es war
wahr, eine grausame Freude fühlte sie. Am Narrenseile wollte sie ihn
führen. Das sollte ihre Rache sein.
Sie lachte, ein leises, girrendes Lachen. Sie hatte schnell getrunken.
Das Blut prickelte ihr in den Adern. Sie schloß für einen Moment die
Augen. Herrschen und beherrschen. Eine Welt zu ihren Füßen. Das war
lachendes, jauchzendes Leben.
»Oh -- ein vom Himmel gefallener Stern.« Der schlanke Ritter stand vor
den beiden und sah sie mit kläglicher Miene an.
»Sanft vom Himmel herniedergeglitten, um die Menschenkinder zu
ergründen, mein Ritter,« spricht Gerda.
»Eine schwere Aufgabe hast du dir da gestellt, mein schimmernder Stern.«
»Ich wähnte sie schwer und fand sie spielend leicht.«
»So hast du deine Aufgabe schon gelöst?«
Sie nickt.
»Und darf man fragen, wie hast du die Menschen gefunden?«
»Bah --,« sie verzieht höhnisch den Mund. »In allen wohnt eine
grenzenlose Gier, ein wütender Hunger nach Liebe. Sie sind toll nach
Liebe, nach Zweisamkeit.«
Sie hat es verächtlich gesprochen, daß die beiden Männer sie überrascht
ansahen.
»Und das gefällt dir nicht? Daraus machst du den Menschen einen
Vorwurf?« Winkelmann hatte sie gefragt.
»Jawohl, das tue ich.«
»Sie, eine Frau, Sie wollen die Liebe verbannen?« sagt Reitzenstein.
»Das will ich nicht. Aber ich will nicht, daß die Menschen sich von ihr
beherrschen lassen. Daß sie zügellos ohne Besinnen sich ihr hingeben.
Und daß die Liebe schmutzig, häßlich und gemein wird.«
»Aber, mein gnädiges Fräulein,« Reitzenstein sagt es erregt, »wie
können Sie so sprechen? So sprechen, als von allen Menschen. Diese
Vorwürfe können Sie doch nur einer kleinen Minderheit machen!«
Gerda lächelt ironisch. »Sie glauben?« Sie macht eine kleine
Handbewegung und deutet in die Runde. »Bitte, schauen Sie um sich, und
sehen Sie den Menschen in die Augen.«
Und da waren Augen, hungrige, bettelnde Augen, die flehten um Liebe.
Und andere, flackernd und heiß, die forderten Lust. Und gierige, die
fraßen sich fest und wühlten und wühlten durch Mark und Bein und
machten das Blut aufpeitschen, daß die Sinne schrien nach Befriedigung.
Und noch andere, lüstern und scheu, die sprachen von heimlichen Sünden,
von Tollheit und Rausch. Und Arme umschlangen sich. Lippenpaare lagen
aufeinander und tauschten Kuß um Kuß.
Dann sahen die beiden Männer auf die Augen, die kühl und klar, herrisch
sie anblickten.
»Sterne sind nicht von dieser Welt. Kehre an deinen Himmel zurück,
Königin.«
»Oh, nein, ich werde bleiben. Bleiben in dieser Welt. Gehöre ich auch
nicht zu ihr, so will ich doch leben in ihr. Doch nun an die Arbeit.
Kommen Sie, Herr von Reitzenstein, jetzt tanzen wir. Und du, Mönch,
geh’ und predige Entsagung!« -- --
* * *
Es war zwei Tage nach dem Künstlerfest. Ebba saß in der Kaminecke
und erwartete ihre Freunde. Ein wenig würden sie wohl noch auf sich
warten lassen. Zeit für sie, ihren Gedanken nachzuhängen. Die Scheite
im offenen Kaminfeuer knisterten und verbreiteten eine wohlige Wärme.
Ebba dachte an Thea Westphal. Ob Inge ›das ballspielende Kind‹ gesehen
hatte? Und Lukas! Wo war Lukas gewesen? Kümmerte er sich denn gar nicht
um seine Frau? Hatte er sich auch mit seiner Frau auseinandergelebt, so
war doch Inge da, ihr gegenüber hatte er Pflichten. Sie konnte ihm den
Vorwurf der Schwäche und Charakterlosigkeit dieser Frau gegenüber nicht
ersparen. Und doch hatte sie ein grenzenloses Mitleid für ihn.
Leise öffnete sich die Tür, und der, an den sie eben so lebhaft
gedacht, stand vor ihr.
»Lukas, du?«
Er sah blaß und übernächtigt aus. In seinen Augen lag ein scheues,
flackerndes Zucken. Schwer ließ er sich in den Sessel fallen. Er sah
sich um. Hier war es still und milde. Ja, hier war seine Zuflucht.
Eine sanfte Helle lag über dem zierlich gedeckten Teetisch, während
der andere Teil des Zimmers in Halbdämmer lag. Die Bilder, die ruhigen
Möbel! Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau,
die nur von Vergnügungen und Eitelkeiten wußte.
Es schien, als fröre ihn.
»Lukas, was hast du! Du frierst?«
»Ich friere innerlich, Ebba.«
Sie schenkte ihm Tee ein und beobachtete ihn. Er schien verstört, sein
Aussehen beunruhigte sie.
»Was ist geschehen?«
Er lächelte mühsam und wehrte ab.
»Mir ist nicht ganz wohl. Die Aufregungen -- Geldsachen --«
»Lukas, du kannst so nicht weiterleben, du gehst ja zu Grunde.«
Da sank der Mann zusammen und stöhnte qualvoll: »Hilf mir, Ebba, ich
bin am Ende!«
»Ich helfe dir, Lukas, aber sprich offen mit mir, was dich bedrückt.«
Er sprach stoßweise. »Meine aufreibendste Arbeit ist, in nächtlichen
Stunden ausgleichende Rechnungen aufzustellen, Gelder aufzunehmen --
Ordnung zu schaffen. -- Thea -- weißt du -- jeder Begriff von Zahlen
fehlt ihr -- das Geld muß herbeigeschafft werden -- es ist nicht immer
leicht -- weißt du -- und das letzte Mal -- ich konnte nicht aus
eigenen Mitteln decken -- war nach anderer Seite zu stark engagiert --
glaube mir, ich habe entsetzlich gelitten -- habe eine ganze Woche die
Hand am Revolver gehabt -- -- --«
Ebba war, leichenblaß, aufgefahren.
»Bleib ruhig. Es ist noch mal vorübergegangen. Und nie wieder --
das verspreche ich dir -- sie muß vernünftig sein -- wir müssen uns
einschränken -- es ist immer noch genug, um anständig zu leben --
aber sie -- Thea -- sie kann das Leben nicht so genießen, wie sie es
wünscht --«
»Wir sind nicht zum Genießen auf der Welt, das hättest du deiner
Frau längst beibringen sollen. Daran geht ihr modernen Menschen ja
zu Grunde. An der Gier nach Geld und Genuß. Du und Thea, ihr habt in
dieser eurer Gier eure Pflichten versäumt. Zweck des Daseins ist:
Pflichterfüllung. Meinst du nicht, du hättest mehr für deine Frau und
dein Kind getan, wenn du ihre Seelen und ihren Charakter gebildet
hättest, statt sie mit kaltem Gold zu versehen?«
Schuldbewußt senkte er das Haupt. »Ich bin schwach gewesen, ich weiß
es. Meine Inge! Ja, sie wird nicht erzogen. Und ich -- ich kann mich
nicht um sie kümmern -- ich habe keine Zeit -- ja, wenn man Zeit
hätte --«
»Du wirst jetzt Zeit haben, Lukas. Du wirst dich zurückziehen, und ihr
werdet von den Zinsen deines Kapitals leben können.«
»Ebba, -- nachdem ich den -- den Fehlbetrag gedeckt -- besitze ich kein
Vermögen mehr.«
»Ist alles gedeckt, Lukas? Sprichst du auch offen zu mir? Du weißt, ich
helfe dir.«
»Alles.«
»Dann mußt du natürlich bleiben, aber du mußt deine anderen Tätigkeiten
einschränken. Du darfst deine Nerven nicht ruinieren, du mußt dich
deiner Tochter erhalten.«
»Aber Thea?«
»Du mußt mit ihr sprechen. Sie muß vernünftig werden.«
Er seufzte. »Du weißt nicht, wie oft ich sie schon gebeten habe,
weniger Geldausgaben zu machen, nur auf kurze Zeit. Hätte sie es getan,
wir wären nicht so weit gekommen. Sie kann es nicht, Ebba, sie kann
nicht.«
»Sie muß. Sprich offen mit ihr, beschönige nichts. Du wirst sie an
deiner Seite finden, Lukas, vielleicht findet ihr euch dadurch wieder
zusammen. Sie wird einsehen, daß ein großes Teil der Schuld auf ihrer
Seite ruht. Und das wird sie vernünftig machen.«
»Du siehst sehr rosig, Ebba. Ich glaube nicht an Theas Einsicht.«
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Lukas war gegangen. Lotte Wunsch und Gehring saßen jetzt Ebba
gegenüber. Man sprach von dem Künstlerfest.
»Ja, meine Gnädige, da haben sie das Resultat. Der Kultus des
lieben ›Ich‹, die Predigten vom Rechte der Sinnlichkeit, hat viel
Lebensverwirrung gezeitigt.«
Ebbas feines Gesicht verzog sich schmerzlich. »Mir scheint, als tanze
man hier auf einem Vulkan, als müsse der Krater sich öffnen und
Verderben speien. Als müßten rotglühende Flammen hervorschießen und
alles mit sich reißen in Nacht und Grauen.«
Gehring sah sinnend vor sich nieder und erwiderte: »Wir leben in einer
Zeit verächtlicher Gleichgültigkeit der Menschen untereinander. Die
Menschen müssen wieder lernen, einander entgegenkommen, müssen aus der
Oberflächlichkeit unseres heutigen Gesellschaftslebens zurückkehren zu
einfachen Sitten.«
»Mir scheint, das hieße neue Menschen schaffen.«
»Die Menschen müssen erwachen. Sie müssen den Abgrund sehen, dem sie
entgegensteuern. Große Ereignisse müssen sie aufrütteln.«
»Ja, die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, von der nur
ein großes Naturereignis sie ablenken kann,« sagte Lotte.
»Ich denke nicht an ein Naturereignis. Nein, Schmerz und Leid, Elend
und Grauen, kann nur der Mensch dem Menschen bereiten. Die Menschheit
muß zur Tiefe des Gemüts gelangen, das kann sie nur durch Wunden, die
der Mensch dem Menschen schlägt.«
Ebba schauerte zusammen. »Ein Wüten von Mensch zu Mensch? Auf eine so
niedere Stufe wollen Sie die Menschheit stellen? Uns, die zivilisierte
Welt?«
»Zivilisation ist etwas Anerzogenes. Sie kann hinweggespült werden. Ein
Teil Bestie steckt in jedem Menschen.«
»Man könnte wirklich vor sich selbst schaudern, wenn man Sie beide
hört.«
Lotte lachte. »Die Bestie wird nur gefährlich, wenn sie gereizt wird.
Lassen wir sie in Frieden ruhen und sprechen wir von anderen Dingen.
Wie geht es Inge, Ihrem Schützling?«
»Ich habe viel Freude an ihr. Das Mädel hat Herz und Gemüt, und ich
hoffe, daß sie auf dem jetzigen Wege bleiben und vorwärtsschreiten
wird.«
»Hüten Sie sie nur vor dem Einfluß der -- -- anderen jungen Mädchen,
Ebba.«
»Ich glaube, jetzt ist nichts mehr zu fürchten.«
»Solange sie in Liebe und Verehrung an Ihnen hängt, sicher nicht. Ach,
wenn die Mütter doch bedenken wollten, welche erzieherische Wirkung ein
gutes Vorbild bei der jungen Generation hat.«
Gehring sah nachdenklich auf die beiden Frauen.
Mutter!
Lotte seine Frau und Mutter seiner Kinder! Sie, die Künstlerin --
Mutter! Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß sie einen Beruf hatte,
einen Beruf, den sie liebte, der sie ausfüllte. Wem würde sie gehören?
Ihm oder ihrer Kunst. Ging nicht eines auf Kosten des anderen?
Er suchte ihre Augen. Und in den Augen lag ihre Seele. Eine Woge von
Liebe und Verlangen schoß ihm entgegen, daß ihm war, als müsse er in
dieser Flut sanft versinken. -- --
Eine große Stille lag über dem Raum.
Sie saßen schweigend beisammen und hingen ihren Gedanken nach.
Und in diese Stille plötzlich ein lauter, scharfer Ton.
Thea Westphal stand in der Tür.
Ebba war aufgefahren. Hatte sie denn die Macht, Menschen, an die sie
intensiv dachte, herbeizuziehen?
»Störe ich?«
»Nicht im mindesten, komm, nimm Platz.«
»Gott, wie gemütlich. Eigentlich möchte ich mich gar nicht setzen, denn
es sieht aus, als bliebe man in dieser Gemütlichkeit hier kleben, und
dazu habe ich ganz und gar keine Zeit.«
»Das kann ich mir denken, Thea. Aber soviel Zeit, eine Tasse Tee zu
trinken, wirst du wohl haben.«
»Ach, Fräulein Wunsch, wie entzückend haben Sie neulich auf dem
Künstlerfest ausgesehen, rot ist Ihre Farbe, Sie sollten sie mehr
bevorzugen, habe ich nicht recht, Herr Gehring? Übrigens, Ebba, wie
hast du dich amüsiert? War es nicht herrlich? Auf so einem Fest
kann man sich doch richtig austoben. Ach, ich liebe diese Berliner
Karnevalfeste.«
»Haben Sie, gnädige Frau, einmal in Süddeutschland einen Karneval
mitgemacht?« fragte Gehring.
»Leider nein. Da soll es ja noch toller und ungezwungener hergehen.«
»Scheint Ihnen das so lockend?«
»Ich möchte mich amüsieren bis zur Bewußtlosigkeit.«
»Und wenn du dann erwachst, Thea?«
»Dann habe ich eben mein Leben genossen. Sieh mich nicht so strafend
an, Ebba. Ein paar Jahre Rausch muß ich noch haben. Sagen Sie, Fräulein
Wunsch, habe ich nicht recht? Wenn wir Frauen wissen, daß unsere
Schönheit im Schwinden begriffen, greifen wir gierig nach der Schale
des Lebens und schlürfen doppeltes Maß.«
»Ich kann da nicht mitsprechen, denn ich habe vergessen, auf meine
Schönheit zu achten.«
»Da haben Sie sich selbst das größte Unrecht getan, Fräulein Wunsch.
Und ich kann Ihnen nur dringend raten, machen Sie dieses Unrecht gut,
und holen Sie nach, was Sie versäumt haben.«