»Bitte, sprechen Sie nicht davon.«
Lotte Wunsch näherte sich der Gruppe.
»Ah, da ist ja unsere große Bildhauerin! Gnädiges Fräulein, man erzählt
sich Wunderdinge von einem furchtbaren Scheusal, welches Sie jetzt
unter den Händen haben. Bitte, verraten Sie uns Ihr neuestes Werk.«
»Fällt mir gar nicht ein. Ich liebe es nicht, von meinen Arbeiten
zu sprechen, ehe sie vollendet sind. Weiß ich doch nicht, ob ich
sie vollenden werde. Ob nicht Umstände oder Geschehnisse oder auch
Unvermögen mich hindern, mein Werk zu Ende zu führen.«
»Aber etwas ganz scheußlich Fratzenhaftes soll es doch sein,« beharrte
ein schlanker, grünbleich aussehender Jüngling.
»Ich möchte nur wissen, wo in aller Welt Sie zu einem solchen
Scheusal die Modelle hernehmen. Denn ein Modell kann wohl nicht alle
Scheußlichkeiten in sich vereinen.«
»Da mögen Sie wohl recht haben! Und was das Hernehmen betrifft, so
finden sich diese Modelle unter uns, ich brauche wirklich nicht viel zu
suchen.«
Der grünbleiche Jüngling riß die müden, schwarz umrandeten Augen auf
und stammelte erschreckt: »Scheusäler unter uns? Wie müssen Ihnen die
Menschen erscheinen! Ich beneide Sie nicht um Ihr Sehen, gnädiges
Fräulein.«
»Ich sehe eben durch die Maske hindurch. Doch lassen wir das!« und sich
zu Gerda wendend: »Sie sind erregt, Fräulein von Wangenheim. Bedürfen
Sie der Ruhe? Kommen Sie, ruhen Sie ein wenig, ehe Sie singen werden.
Ich kenne den Zustand des ersten öffentlichen Auftretens, wenn auch auf
andere Art.«
Dankbar sah Gerda auf sie, legte ihren Arm auf den ihren und ließ sich
hinausbegleiten.
Lotte führte sie in das kleine Empfangszimmer der Hausfrau, das einsam
und verlassen war, brachte ihr das Notenheft und sagte:
»So, nun schauen Sie in Ihre Noten und denken Sie an nichts anderes als
an Ihre Musik. In einer halben Stunde komme ich und hole Sie.«
Als sie die Tür zum großen Empfangszimmer erreicht hatte, trat ihr
Gehring und Ebba Holm entgegen.
»Endlich finden wir Sie, Lotte. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich
schon zu Inge hinübergeflüchtet wäre, wenn Herr Gehring sich nicht
meiner angenommen hätte. All die fremden Menschen um mich herum
verursachen mir wahrhaftig Schrecken. Wie kann man nur an derartigen
Veranstaltungen Vergnügen finden. Das ist mir ganz unbegreiflich.«
»Meine liebe Frau Ebba, Sie gehen von einem ganz falschen Gesichtspunkt
aus, wenn Sie meinen, die Leutchen kommen nur zum Vergnügen zusammen.
Diese Veranstaltungen sind Zweck-Vergnügungen, jeder dieser Gäste kommt
mit einer bestimmten Absicht oder zu einem bestimmten Zweck hierher.«
»Erlauben Sie mal, Fräulein Wunsch, Sie sagten: Jeder!« unterbrach
Gehring.
»Natürlich, ein paar Ausnahmen sind wohl darunter,« lachte sie ihm mit
aufleuchtendem Blick entgegen. »Ich für mein Teil bin auch nicht ohne
Absicht hier. Sie wissen, wir wollen Fräulein von Wangenheim einführen
und für ihr Konzert vorarbeiten. Sie sehen, ein guter Zweck.«
»Das kann ich so unbedingt nicht glauben.«
»Ist es nicht immer gut, zu helfen?«
»Nein. Man kann einem Menschen oft mehr Gutes tun, wenn man ihm nicht
hilft.«
Lotte sah nachdenklich vor sich hin. »Sie mögen recht haben, Gehring.
Doch hier hoffe ich gut zu tun, wenn ich helfe die Wege ebnen.«
»Wer ist der Herr, den meine Schwägerin eben so liebenswürdig begrüßt,
Lotte? Ein interessanter Kopf. Schauen Sie die grauen Haare und die
lebhaft blitzenden jugendlichen Augen.«
»Da haben Sie gleich einen Magnet, der so manche Sterne, große und
kleine, hierhergezogen hat. Ihr Zweck ist es, sich ihm in den Weg zu
stellen, von ihm beachtet zu werden und, wenn irgend möglich, eine
kleine Attacke auf sein noch immer jugendliches Herz zu vollführen. Es
ist einer unserer ersten Theaterkritiker.«
»Und die Wirkung?«
Lotte lachte. »Je nachdem. Aber was die Kritiken anbelangt, so bleibt
die beabsichtigte Wirkung allerdings aus. Er läßt sich in seinem Urteil
nicht durch girrende Blicke beeinflussen. Und dort, jener schlanke
Mann, mit den nervösen Gesichtszügen, den graumelierten Haaren, ist ein
Musikkritiker. Es ist gut, daß er gekommen ist, vielleicht schneidet
Fräulein von Wangenheim gut ab und er wird aufmerksam auf sie.«
»Und die Dame, die mit ihm gekommen ist? Sie scheint mir weniger schön
als auffallend graziös in ihren Bewegungen.«
»Das ist eine unserer modernen Tänzerinnen. Ein wunderbar schmiegsamer
Körper. Die müssen Sie einmal tanzen sehen, Frau Ebba.«
»Und nun schauen Sie dorthin, gnädige Frau,« wandte sich Gehring an
Ebba, »so stempelt man sich zur Tragödin, wenn man noch keine ist. Wie
gefällt Ihnen dieses Gesicht?«
»Widerlich! Mein Gott, wie kann man so aussehen. Verlebt, welk und
müde! Und mir scheint, alles gekünstelt, maskenhaft.«
»Für wie alt halten Sie die Person?«
»Es will mir scheinen, als sei sie jung -- sie sieht aber aus wie eine
Frau von vierzig, fünfzig Jahren.«
»Sie ist achtzehn Jahre alt! Eine Theaterschülerin, die eben die
Reinhardtschule durchgemacht hat und sich durch ihr Aussehen
interessant machen will. Was ihr ja auch tatsächlich gelingt. Durch ihr
bleich gepudertes Gesicht, durch ihr künstlich gemachtes, verlebtes
Aussehen fällt sie überall auf. Wenn man sich auch voll Abscheu von
ihr wendet, das ist ihr gleichgültig, sie wird bekannt dadurch, ihre
Absicht ist erreicht. Sie sehen, auf welche Art man berühmt werden
kann!«
»Und hat sie ein Engagement gefunden?«
»Nein, bisher nicht. Das ist ihr auch nicht die Hauptsache. Sie will
nur als Schauspielerin _gelten_ und will sich interessant machen.«
Ebba schüttelte den Kopf. »Wo hat meine Schwägerin nur all die Menschen
her?«
»Wer hier in der Gesellschaft lebt, ein großes Haus macht, zu dem kommt
alles ins Haus geflogen,« sagte Lotte.
»Ja, alles, gnädige Frau. Gesichtet wird nicht. Wenn nur die Außenseite
gut gefirnißt und blank poliert ist, ins Innere hinein, da schaut man
nicht. Was wollen Sie auch? Es ist doch nur die Interessensphäre,
die diese Menschen zusammenbringt. Ganz unabhängig von Sympathie und
Antipathie,« sagte Gehring.
Ebba seufzte. »Ich glaube, ich werde an dieser Art zu leben nie
Gefallen finden.«
»Das sollen Sie auch nicht, Frau Ebba,« fuhr Lotte erregt auf. »Sie
wurzeln so ganz in einem andern Erdreich, und ich meine, Sie haben
so gut Wurzel gefaßt, daß es niemand, weder Menschen noch Schicksal,
gelingen wird, Sie zu entwurzeln.«
»Begnügen Sie sich mit der Rolle des Zuschauers und bleiben Sie
abseits, gnädige Frau.«
»Abseits von jenen, die, nur dem eigenen Ich huldigend, rücksichtslose
Interessenmenschen werden, Ebba.«
»Aber Ebba, dazu bist du doch nicht hergekommen, um dich hier in eine
Ecke zu verkriechen mit deinen getreuen Zwei, du sollst Menschen kennen
lernen.« Und Thea Westphal trat zu den drei Plaudernden.
»Ich habe eine Scheu vor all den fremden Menschen, Thea.«
»Unsinn, das gibt sich, glaube mir, du kannst interessante Menschen
kennen lernen, wichtige Beziehungen anknüpfen. Auf meinen Festen
hat so manche Künstlerin ihren Direktor gefunden, hat so mancher
Schriftsteller Interesse für seine Arbeiten erregt.«
»Haben sich so viele Fäden von Herz zu Herz gesponnen, Frau Westphal.«
»Auch dies ist der Fall, Fräulein Wunsch, ohne die Liebe kein Leben!
Aber nun kommen Sie, meine Herrschaften, mischen Sie sich unter die
Gesellschaft, dich, Ebba, muß ich mit unserer Präsidentin bekannt
machen, ich habe ihr von dir und deinen Ansichten erzählt. Sie
brennt darauf, dich kennen zu lernen. Sie wird natürlich versuchen,
dich einzufangen. Du bist ja wie geschaffen, für das Familienleben
Propaganda zu machen.«
Sie nahm Ebba unter den Arm und drängte mit ihr durch die Menge.
Lotte und Gehring waren stehengeblieben.
»Das wirbelt nun so durchs Leben.«
»Was wollen Sie, Gehring? Die Begierde nach Gold und Genuß, welche
diese Menschen beherrscht, hat sie in einen Taumel versetzt, der Sitte,
Moral und Pflichtgefühl untergräbt. Wer einmal in diesen Strudel
geraten ist, dem wird es schwer, sich daraus zu befreien.«
»Und Sie, Fräulein Wunsch, Sie waren und sind zum Teil ja noch mitten
drin in diesem Wirbeltanz. Ist es Ihnen schwer geworden, sich daraus zu
befreien?«
»Ich bin abseits geblieben. Ich habe zu früh gelernt, durch die
Menschen hindurchzuschauen. Und dann hatte ich auch meine Kunst. Wer es
mit der Kunst ernst meint, der hat viel zu arbeiten.«
»Sie sind ein ernster Mensch.«
»Ich stecke nun mal in einer Haut, aus der ich nicht heraus kann und
auch gar nicht heraus will. Mir graut, wenn ich daran denke, ich könnte
so geworden sein wie Thea Westphal.«
»Und eine Frau wie Sie konnte das Glück nicht finden?«
Sie wurden während ihres Gesprächs durch neu hereintretende Gäste
seitwärts gedrängt und standen jetzt in einer Fensternische sich
gegenüber. Gehring sah fragend auf Lotte.