»Haben Sie nie einen Mann geliebt, Lotte?«
»Nie.« Herb kam es von ihren Lippen. Dann kam ein sanftes Rot auf ihre
Wangen. Mit aufleuchtendem Blick preßte sie die Hand aufs Herz und
sagte leise und innig: »Jetzt habe ich den Mut gefunden.«
»Frauen wie Sie können beglücken und finden ihr Glück darin.«
Das Fünkchen war entfacht und leckte empor, züngelte und flammte,
knisterte und glühte und wurde Flamme, rotglühende lodernde Flamme.
Und wieder senkten sich die Augen ineinander und hielten sich fest und
sprachen von Liebe und Glück.
Immer deutlicher sprachen die Augen.
»Wie jung du noch bist!« flüsterten die Lippen des Mannes.
Da lösten sich ihre Blicke von den seinen, und ein Zittern erfaßte den
Körper des Weibes. Eine Scheu, eine grenzenlose Angst stieg in ihr
auf. Nicht sehen jetzt, Herr Gott, gib eine Binde mir über die Augen!
Nicht sehen bei diesem die weißglühende Flamme der Begierde. Und sie
schloß die Augen. Da fühlte sie zwei Lippen auf ihrer Stirn, sanft
wie ein Hauch. Scheu, fast ehrfurchtsvoll streifte sie sein Mund. Und
sie wußte, diese Liebe war nicht von jener Art. Da öffnete sie die
Augen, sah auf den Mann und umhüllte ihn mit grenzenloser, hingebender
Liebe. -- --
Die Klänge eines Chopinschen Walzers klangen zu ihnen hinüber. Lotte
fuhr empor. Gerda von Wangenheim! Sie sollte nach dem Pianisten singen.
Sie mußte sie holen.
»Ich hole Fräulein von Wangenheim,« flüsterte sie Gehring zu.
Er schaute ihr nach. War es möglich? Konnte die Liebe den Menschen
so verwandeln, oder war er wirklich nur gedankenlos an Lotte Wunsch
vorübergegangen? Sie, die Kluge, die Gedankenvolle hatte nie vermocht,
ihm einen Anreiz zur Liebe zu geben. Und auch sie selbst. Nie
hatte sie ihm etwas anderes als Freundschaft entgegengebracht. Am
Weihnachtsabend hatte er entdeckt, daß sie ihn liebte. Sie, die Kühle,
der nüchterne Verstandesmensch brachte ihm Liebe entgegen. Was hatte
sie zusammengebracht und ihre Liebe auflodern lassen? Liebte er sie
denn? Oder war nur ihr Altern, verbunden mit der jugendlichen Frische
ihres Gemütes und der erwachenden Liebe, ein pikanter Anreiz für
ihn? Er wehrte den Gedanken von sich. Nein, das war keine Frau, die
man liebte und dann beiseite schob. Kein Spiel, keine Leidenschaft.
Wenn man sie begehrte, so liebte man sie auch. Rein und wahrhaftig
als liebenswertes Weib, als Gattin und Mutter. Ja, aus diesem Holz
wurden die Mütter geschnitzt. Dies war keine Frau, die man mit den
Sinnen begehrte, dieser Frau brachte man das Herz, brachte man Achtung
entgegen. --
»Kommen Sie, sie wird jetzt singen. Ich möchte sie sehen und hören, was
man über sie spricht.« Ein wenig blaß und erregt stand sie vor ihm. --
Das Lied war zu Ende. Rauschender Beifall erklang, umprasselte die sich
dankend Verneigende.
»Herrliches Geschöpf!« »Ein entzückendes Weib.« »Donnerwetter, das
ist eine Erscheinung!« »Wie fanden Sie den Gesang?« »Gesang? Weiß ich
nicht, habe nur auf die Erscheinung gesehen.« »Still doch, sie singt
noch einmal.«
Und Gerda sang, und wieder umfing sie begeistertes Händeklatschen. Die
Herren umringten sie und überschütteten sie mit Schmeicheleien. Ruhig
und kühl stand sie inmitten der Schar. Ruhig und kühl von außen, aber
mit dem Rot der Erregung auf den Wangen und mit einer wallenden Glut im
Herzen. Also doch. Sie war eine Gottbegnadete, sie war eine Künstlerin.
Ihr Gesang hatte gewirkt. Mein Gott, war das ein Gefühl, umbrandet von
Beifallsrauschen, Worte der Anerkennung und Blicke der Bewunderung zu
hören und zu sehen.
Thea Westphal stürzte auf sie zu und drückte ihr die Hände. Sie war
überglücklich, sie ›entdeckt‹ zu haben. »Ich bitte Sie, meine Herren,
vergessen Sie nicht, in meinem Hause hat diese gottbegnadete Künstlerin
das erstemal gesungen. Und nun kommen Sie, Fräulein von Wangenheim, ich
werde Sie mit unserm gefürchteten Musikkritiker bekannt machen.«
Der Kritiker sah lächelnd auf Gerda. »Gnädiges Fräulein, Sie haben viel
Beifall gehabt. Wenn ich Ihnen raten darf, so vergessen Sie aber über
dem Beifall nicht, noch recht fleißig zu studieren.«
Ein kalter Strahl war auf sie herniedergefahren, sang sie für einen
oder sang sie für die Menge? Die Menge hatte ihr zugejubelt. Einer
hatte ihr gesagt: Du bist noch am Anfang deines Könnens. Einer gegen
viele. Aber dieser eine wog die hundert auf, denn er war der Kenner,
und was er sagte, galt. Er hatte es nur zu ihr gesagt. Sagte er es
laut, so sagten die hundert wie er.
»Gnädiges Fräulein, einfach gottvoll haben Sie gesungen. Ich bin noch
ganz hin. Mein Gott, diese Stimme! Sie werden bald zu den ganz Großen
gezählt werden.« Und Herr von Reitzenstein legte die Hand aufs Herz und
sah Gerda bewundernd an.